Nr. 190 Zweites Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
Dienstag, 12. August 1941
Aus der Stadl Gießen.
An der Schranke ...
Täglich donnern die Züge über dos stählerne Band der Schienen. Mal ist es ein Güterzug, der m langer Reche Kohlenwagen mit sich führt, dann braust ein O-Zug vorbei, und häufig kommt in ge° machlicherem Tempo ein Personenzug, aus dem fröhliche Kinder winken. Immer aber steht der Schrankenwärter in korrekter Haltung vor seinem Häuschen: mit gespannter Aufmerksamkeit läßt er den Zug an sich vorübergleiten und greift erst dann zu den Hebeln der Schranke, wenn sich bereits die Lokomotive in der Ferne verliert. Es ist ein Bild der Ordnung und Sicherheit, das sich an jedem Tage mehr als ein dutzendmal zeigt: den Ernst und die Ruhe der Landschaft widerspiegelnd, die für wenige Augenblicke erfüllt wird von 'der dröhnenden Melodie vorwärtsjagender Maschinenkräfte.
Die Schranke liegt im Bannkreis der Stadt, in
Verdunkelungszett
12. August von 20.55 bis 5.54 Uhr.
der das nimmermüde Leben feine lebhafte Sprache spricht. Und doch ist es ein anderer Ton als jener, der dort über den Schienen schwingt, wo die Melodie der Ferne für kurze Zeit aufrauscht. Im Lärm der Stadt triumphiert der Rhythmus alltäglicher Arbeit, während dem Lied der Schienen der Zaluber der Romantik innewohnt. Der Fußgänger, der das Schauspiel aus der Nähe erlebt, gerät eben, so wie der Kraftfahrer, der seinen Wagen vor der Schranke zum Stehen bringt, für ein Weilchen in den Bann dieses Vorgangs, und der anfängliche Mißmut über den unfreiwilligen Aufenthalt verwandelt sich in nachdenkliches Sinnen. Da stampfen die stählernen Kolosse gewaltig vorüber, in denen sich die Reisenden gegenübersitzen, deren Weg von feinem Landstrich zum anderen führt, wo das Schicksal sie mit Heiterkeit oder Bitternis erwartet. Telegraphenstangen gleiten vorbei, Felder und Wälder; saus dem Rattern und Pfeifen der Maschine aber Erklingt immer wieder verführerisch der Lockruf der Ferne.
Groß ist die Zahl der Schranken in dem weitverzweigten Schienennetz der Deutschen Reichsbahn. Es gibt solche, gegen die der Verkehrslärm der Städte brandet, es gibt andere, die in dörflicher Einsamkeit liegen. Auch an stillen Feldwegen und in Waldbezirken sieht man die sauber rot und weiß gestrichenen Schlagbalken. In vielen Fällen hat der Schrankenwärter aus seiner nächsten Umgebung ein Schmuckstück gärtnerischer Anlagen zu machen verstanden, das die Pracht ber Blumen in allen Far- hcn zeigt. Der Reisende, der einen Blick aus dem Fenster des Zuges wirft, ist dann wohl überrascht non der Schönheit des Fleckchens und wünscht sich einen kurzen Aufenthalt an jener Stelle. Doch sein Zug donnert weiter über die blitzenden Schienen, immer wieder an Schranken vorüber, die dem Verkehr Halt gebieten, die aber zugleich einen Blick pewähren auf das bunte Abenteuer, das jeder vor- beifahrende Eisenbahnzug verkörpert. H. W. Sch.
Dornotizen.
Tageskalender für Dienstag.
Stadttheäter: 19.30 Uhr „Der Etappenhase" (Gastspiel Ludwig Linkmann). — Gloria-Palast, Seltersweg: „Friedemann Bach". — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Musketier Meier III".
Gießener Vochenmarktpreise.
* Gießen, 12. Aug. Aus dem heutigen Wochen- warkt kosteten: Markenbutter, Vt kg 1,80 RM., Matte 30 Rpf., Käse, das Stück 8 bis 9, Kartoffeln, M kg 8 Wirsing, grün, 8 bis 15, Weißkraut 6 bis 8, Rotkraut 12 bis 20, gelbe Rüben 9 bis 20, rote Rüben 6 bis 10, Römischkohl 8 bis 10, Bohnen, prün, 18 bis 25, Mischgemüse 5 bis 7, Tomaten 30 bis 40, Rhabarber 12 bis 15, Salatgurken 25 bis 30, Salat, das Stück 8 bis 10, Einmachqurken 1 Yi bis 5, Oberkohlrabi 8 bis 15, Rettich 10 Rpf.
Der Himmel lächelt.
Von Karl Heinrich Waggerl.
Wir ruhen im hohen Gras, das Mädchen und ich. ks liegt eine wunderbare Stille über dem Feld, die Stille des reifen Tages, aber dennoch hundertfältig tonend. Der Himmel ist eine klingende Schale, mein Llut rauscht, und mein Atem bewegt die Halme vor mir, dünne Stiele mit nickenden Blüten. Ich betrachte genau diesen handbreiten Fleck Boden vor meinen Augen, und zuletzt ist auch er eine große Nett, weitläufig und mühselig und schwer zu begreifen. Ich sehe, eine Fliege aus dem Moos kneten, es ist ein ganz winziges Tier, langsam klettert es an einem Blatt hinauf, bis es den Sonnenschein erreicht. Und nun sitzt es da im warmen Licht, es breitet zitternde Fühler aus und Flügel, die in allen Farben schillern wie öliges Glas. Diese Stunde ist der Gipfel feines Daseins, gestern kam es zur Veit, morgen lebt es vielleicht nicht mehr, so kurz währt sein Leben. Aber es ist trotzdem eine vollkommene Fliege, mit Herz und Nieren sozusagen. Ameisen schleppen ungeheure Lasten kreuz und quer durch das Dickicht, sie rennen und verständigen sich in atemloser Eile,, und dann nehmen sie ihre Beute wieder unverdrossen auf, eine Spinnenhaut, ein Säferbein ober eine bestimmte Nadel unter hundert näheren. Im gleichen Augenblick geschieht em Mord, em haariger Wurm wird ermordet, und anderswo hängen zwei langbeinige Mücken, regungslos im glücklichen Schlaf der Liebe.
Schließlich bin ich ja wohl selbst ein Wurm, ein winziges Wesen, das um fein Leben rennt; die -hielt ift nicht kleiner für mich, der Himmel nicht niedrige^ |c wie ich daliege. Ich kann mir gut denken, daß ich irgendwo zwischen den Halmen stunde im endlosen Gestrüpp grüne Kräuter über mir, die wehenden Mattfahnen der Gräser, und hoch oben, schon m einer anderen Welt, ihre schweren glanzenoen
Blüten gibt es, Margueriten, Flockenblumen, das Räbchen meint, sie trügen breite Federhute über ihren bärtigen Gesichtern. Unb blaue Glocken, - die haut ihrer Kelche ist so bünn baß bie Sonne blirchscheint, unb habet stürzen sich bte Hummeln einfach kopfüber hinein, ohne alle Vorsicht mit ihrem Bärenungestüm. Sie kommen auch zu mir, i«h habe mein eigenes Ohr wie eine Blute feitet, unb dabei halte ich listig den Atem an unb bi mühe mich sehr, ganz still zu sein, ganz zur Wiese
Oer Arzt ist nur für die Kranken da!
Kein „Mädchen für alles".
Auch her Arzt ist nur ein Mensch. Besonders währenb des Krieges hat er aus den befonberen Umständen heraus meist boppelte und dreifache berufliche Bürben zu tragen. Trotzdem erfüllt er stets gern unb hilfsbereit feine Pflicht. Indessen ist es nötig, daß auch bie Volksgenossen für feine Arbeitslast und seine erhöhte Verantwortung mehr als bisher Verständnis aufbringen.
Fn einem Krieg gibt es unter der kämpfenden Truppe naturgemäß immer Verwundete und Kranke. Nicht nur aus menschlichen Gründen, sondern auch aus her Erwägung heraus, diese Volksgenossen möglichst schnell wieder zum Einsatz zu bringen, ist in diesen Fällen sofortige und wirksame Hilfe erforderlich. Das Kostbarste in diesem Krieg ift das Menschenleben, unb deshalb muß gerettet werden, was zu retten ist. Hierzu benötigt bie kämpfende Truppe Aerzte, unb zwar viele und' tüchtige. So sind denn feit Kriegsbeginn viele Aerzte mit hinausgezogen, und mancher hat in Ausübung feiner Pflicht den Heldentod erlitten.
Die in her Heimat verbliebenen Aerzte müssen die Praxis ihrer zum Wehrdienst einberufenen Kameraden mitoersehen. Hast du dir, lieber Volksgenosse, auch schon einmal überlegt, daß diese Aerzte hierdurch äußerst stark in Anspruch genommen sind? Weiht du, baß her Arzt von morgens sieben, acht Nhr bis abends acht, neun, zehn Uhr unterwegs ist, und dann auch noch — ohne Fliegeralarm — das zweifelhafte Vergnügen haben kann, in der Nacht zwei-, dreimal aus dem Bett geholt zu werden? Auch der Arzt ist nur ein Mensch, dessen Leistungsfähigkeit Grenzen gesetzt sind. Seine Arbeitskraft ist für bie Volksgemeinschaft derart wertvoll, daß alles unternommen werden muß, um sie zu erhalten. Der A r z t i st nur für hie Kranken h a ! Aber nur für die tatsächlichen, nicht aber für bie „einge- bilbeten" Kranken! Volksgenosse, belästige beinen Arzt nicht mit Bagatellen!
Wegen eines Schnupfens laufe nicht gleich zu ihm! Bilde dir nicht ein, daß du unbedingt „Nervenstärkungsmittel", „Schmerzlinderungsmittel", „Schlafmittel" ober dergleichen benötigst! Ober wenn man an die Volksgenossen denkt, die sich tatsächlich einbilden, sie müßten bei der heutigen Lebensmittelzuteilung verhungern und nun den Arzt einspannen wollen, damit sie noch zusätzlich Lebensrnittel ergattern können. Sie machen sich alle möglichen Leiden, Schmerzen unb Gebrechen zurecht, um Vollmilch, Eier, Butter usw. zu erhalten. Sei dir doch darüber im klaren, lieber Volksgenosse, daß der Arzt an ganz bestimmte Vorschriften für die Beantragung von Lebensrnitteln gebunden ist. Wenn ein kranker Volksgenosse zu
sätzlich Lebensrnittel benötigt, dann beantragt der Arzt diese ganz von selbst und braucht nicht daran „erinnert" zu werden. Es ist schon bald nicht mehr aufzuzählen, für welche Zwecke von dem Arzt „Atteste" gefordert werden, welche Notwendigkeiten her Arzt „bescheinigen" soll. Deshalb verlange diese Atteste nur, wenn sie zur Bearbeitung deiner Anträge oder Anliegen auch tatsächlich erforderlich sind.
Der Arzt ist kein Mädchen für alles! Deshalb merke dir folgende Grundsätze:
1. Nimm den Arzt nur in Anspruch, wenn du dich tatsächlich so krank fühlst, baß du beine gewohnte Beschäftigung nicht ausüben kannst.
2. Halte bich genauestens an bie Svrechstunben- Zeiten, beim her Arzt kann nur bei systematischer Einteilung seiner Zeit bas von ihm geforderte Maß an Arbeit schaffen.
3. Suche nach Möglichkeit den Ar.ft in seiner Sprechstunbe auf. Die Hausbesuche finb nur für bie schweren Fälle, unb außerdem hat der Arzt beute auch nicht mehr so viel Betriebsstoff zur Verfügung.
4. Die Bestellung her Hausbesuche muß — von bringenden Notfällen abgesehen — bis spätestens vormittags 9 Uhr erfolgen, bamit her Arzt sich seine Fahrten einteilen kann.
5. Denke baran, daß auch der Arzt bringend der Nachtruhe bebarf, unb rufe ihn nachts nur, wenn ein wirklich fchwerwiegenber Fall oorliegt.
6. Besonders überlastet finb bie Fachärzte. Deshalb gehe zuerst zu beinern Hausarzt. Er kann sest- stellen, ob er dein Leiben behanbeln kann ober bich an einen Facharzt überweisen muß.
7. Rufe in Notfällen immer nur einen Arzt!
8. Denke baran, baß heute her Arzt besonders den schaffenden Menschen in wehrwichtigen Betrieben betreuen muß, damit seine Arbeitskraft uneingeschränkt erhalten bleibt. Diese Volksgenossen können sich nicht stundenlang in ein Wartezimmer fetzen.
9. Meckere nicht über deinen Arzt, wenn du im Wartezimmer warten mußt, ober wenn er nach beiner Ansicht bich nicht genau angehört hat, ober wenn er bich nach beinern Anruf nicht sofort aufsucht. Denke baran, baß bu nicht her einzige Kranke bist!
10. Wer einen Arzt ohne genügenden Grund — besonders nachts — zu sich ruft, wer einem Arzt in der Sprechstunde durch Bagatellsachen die Zeit wegnirnrnt, handelt unverantwortlich und vergeht sich an der Volksgemeinschaft.
Volksgenossen, übt auch in dieser Hinsicht Disziplin! Durch Einhaltung dieser Grundsätze helft ihr mit, daß bie ärztliche Versorgung her Kranken auch im Kriege gesichert bleibt.
Wie wer de ich Offizier bei der Lustwaffe ?
Deutscher Junge, willst hu Offizier bei her Luftwaffe werben, bann gibt es für dich zwei Wege:
1. Das Reifezeugnis (Abitur, Matura) bzw. dessen Zuerkennung für Schüler her 8. Klasse und bie Doll- enbung bes 17. Lebensjahres ist für die unmittelbare Einstellung als Offiziersbewerber Voraussetzung. Einstellung 1941: am 1. November. Melde- termin bis spätestens 1. 9. Einstellung 1942: Für alle Offizierslaufbahnen her Luftwaffe (Flieger-, Flak-, Luftnachrichten- und Jngenieurosfizierslauf- bahnen des Flugwesens) im Frühling bzw. im Herbst. Bekanntgabe des Einstellungstermins erfolgt rechtzeitig in der Tagespreffe. Wünsche für eine bestimmte Waffengattung werden berücksichtigt. Bewerbungsgesuche kannst bu zu jeher Zeit bis zwei Monate vor Einstellungstermin an bie Annahmestelle für Offiziersbewerber her Luftwaffe richten, die deinem Wohnsitz am nächsten liegt: Annahmestelle 1: Berlin-Charlottenburg, Uhlanbstraße 191; Annahmestelle 2: Hannover, Escherstraße 12. Auskunft über alle Fragen sowie ein Merkblatt erhältst bu bei allen Wehrersatzdienststellen.
gehörig. Aber ich bufte nicht verlockenb genug, plötzlich entschwinbet das brummenbe Ding mit einem mächtigen Schwung im Blauen.
Darüber vergeht eine lange Zeit. Ich sollte vielleicht nicht hier liegen unb mein Dasein leichtsinnig oergeuben. Jetzt müßte ich etwas Großes anfangen, ein schwieriges Werk, bas meinen Tob überbauert. Aber was ist nun eigentlich wichtig in her Welt Was könnte man tun, um einen Platz unter ben Gestirnen zu erobern: Ein Mensch baut Pyramihen, ein anberer sitzt fein Leben lang in her Einöhe für bas Heil feiner Seele, unb her Himmel lächelt über beiben. Ja, her Himmel kann lächeln, er trägt bas Geheimnis in feinem Schoß.
Der Notaussah.
Eine Schülergeschichte von Franz Lüdtke.
Das auszuhalten war unmöglich! Die Minuten behnten sich zu Stunben, bie Stunben zu Tagen unb Ewigkeiten. Wer hätte geahnt, baß Tage fo enblos sein könnten! Im bie letzten braußen, vor bem Schloß, Unter ben Linben, am Branbenburger Tor — bie waren im Flug bahingesaust, aber nun — es war eine Qual!
An allen Bahnübergängen sah man Militärzüge rollen. Tücherschwenken, Lieder! Unb bann bie Kameraden aus ben anberen Klassen! Die waren schon eingereiht, übten, schossen, trugen ^elbgrau — unb sie, bie Primaner von 1914, mußten bie Notprüfung ablegen, währenb in her Ferne, an Ostpreußens Grenzen unb vor Lüttich, bie Geschütze bonnerten.
Gestern war hintereinander Mathematik, Latein, Französisch geschrieben worben. Heute kam Deutsch heran, und bann war münbliche Prüfung. Fritz Sandmann sah mißmutig nach her Uhr. In fünf Minuten, stellte er fest. Wozu nur die Plage? War's nicht wichtiger hinauszueilen, war nicht jeher Tag bebeutungsvoll? Unb hier sollte man sitzen unb wie gestern über greuliche mathematische Formeln, so jetzt vielleicht über bie „Iphigenie" ober bie „Braut von Messina" schreiben? Ja, bie „Braut", bas wäre noch gegangen, sie enthielt herrliche Worte, bie in diesen Stunben ihren Sinn erhielten! „Aber her Krieg hat auch seine Ehre!" Da wollte er schon fertig werben! Doch wer wußte, was noch kommen würbe?
Auch bie Freunbe teilten feine Besorgnisse, aber die meisten bachten im Augenblick nur wenig an M das. „Wo melbe[t bu dich?" — „Bist bu schon
2. Auch ohne Reifezeugnis kannst bu, beutscher Junge, Offizier werben, wenn hu bei mehrmonatiger Bewährung als Solbat burch Charakter unb Leistung hervorstichst und dir burch beine militärischen Vorgesetzten bie Eignung zum Offizier zugesprochen wirb. "In biesem Falle richte bein Gesuch um Einstellung als Freiwilliger an beine Wehr- ersatzbienftstette!
Zugehörigkeit zur Flieger-HI. ober zum NSFK. verpflichtet erst recht zu freiwilliger Meldung.
Verdunkelungseinrichtungen nachsehen!
In biefen Tagen bes Spätsommers, wo die Nächte wieher länger werben, wirb bas Verbunke- lungsproblem wieher mehr unb mehr an die Volksgenossen herantreten. Der Abend kommt jeben Tag früher ins Zimmer, unb ba müssen wir auch wieher mehr an unsere Verbunkelungseinrichtungen denken. Gar mancher Riß wird sich bei genauerer Untersuchung feststellen lassen, und auch sonst wird vieles nicht mehr ganz in Drbnung fein. Auch her kleinste Lichtschein, her durch die Ritzen bringt, kann
genommen?" — „Als Freiwilliger ober Fahnenjunker?" — „Garbe ober —?" So ging es hinüber unb herüber.
Da tat sich bie Tür auf. Der Deutschlehrer trat ein. Beinahe heiter blickte er, als er bie zwanzig Augenpaare an seinen Lippen hängen sah, ba jetzt schließlich hoch die Frage wichtig würbe: „Braut" ober „Iphigenie"?
„Ich will Sie nicht warten lassen! Schreiben Sie kurz unb knapp! Das Thema lautet: Was bewegt mich in btefer Stunbe?"
Ein Aufatmen — Gott fei Dank! Unb nur eine Stunbe brauchten sie zu schreiben, unb gleich ins Reine, frisch vom Herzen los!
Fritz Danckmann überlegte, währenb bie anbern bie Feber nur so über bas Papier gleiten ließen. Er merkte bas kaum. Sinnenb saß er ba. Er wollte über bas, was er empfanb, klar werben. Er begriff, baß er sich barüber eigentlich noch feine Rechenschaft gegeben hatte bei all bem ungestümen Drang, nur hinauszukommen, nur braußen zu fein bei ben Taufenben unbekannter Solbaten, bei bem Ringen um bas, was Deutschland) hieß.
Er sann. Da hatte er Jahre um Jahre gelebt, als Kinb, als Knabe, nun als Jüngling. Jetzt hatte sich ein Garten vor ihm auftun sollen, bas Bunte, Vielgestaltete, das entbeckt fein wollte, bas Leben, bie Freiheit, Stubentenlust ... Da schlug mit ehernen Tönen bie Weltenuhr unb rief zu ben Waffen, für bas plötzlich bebrohte, von sinnloser Feinbschaft umstellte unb gehetzte Vaterlanb.
Ja, er will bie Seinen schützen, bie Eltern, bie jungen Geschwister — alle, bie hierbleiben müssen, Vaterhaus, Stabt, Walb, bie Felber, bas schöne, weite öanb — für alle unb alles quillt eine heiße, nie zuvor gekannte Liebe in feinem Herzen auf. Sich hingeben, sich opfern! Nur etwas erreichen, Dollenben wirken — für bas unsagbar Heilige: bie Heimat. Er staunt: wie wirb sein kleines, bescheibe- bes Dasein mit einemmal so groß, bebeutungsvoll — burch bie Aufgabe. O, er wirb sie nicht lassen, diese Ausgabe, er wirb sie halten, sie erfüllen, er ist bankbar, baß Gott sie ihm gab ...
Er schreibt nicht, er sinnt. Ihm ist es, als trüge er bas beutsche Lanb, als hätte er allein es zu schützen, als hinge von seinem Kampf Sieg unb Herrlichkeit ab. Unwillkürlich strafst sich sein Körper, seine Augen leuchten, sein Gesicht glüht ...
Da hört er, erwachenb, Worte — wie aus einer anberen, längst vergessenen Welt: „Bitte, geben Sie bie Aussätze abl"
unter Umständen zum Verräter werden. So entsteht mit ben kürzer roerbenben Tagen für uns eine große Verpflichtung ber Allgemeinheit gegenüber, bamit bann, wenn bie langen Verbunkelungszeiten angebrochen finb, alles in bester Drbnung ist. Jetzt haben wir noch genügfnb Zeit, bie Verbunkelungs- einrichtunaen in Ruhe zu überprüfen unb auch bie behelfsmäßigen Vorrichtungen bes letzten Winters, bie hin unb wieher noch anzutreffen sinh, burch sachgemäße Verbunkelungseinrichtungen zu vervollkommnen. Wir sparen uns baburch viel Mühe und Aerger.
Unterlaßt jede überflüssige Reise!
Die Leitung bes heutschen Frembenverkehrs for« bert alle Volksgenossen bringenb auf, jede überflüssige Reise zu unterlassen. Die Frembenverkehrs- orte in vielen heutschen Gauen finb so stark besetzt, haß ErHolungsuchenhe zur Zeit entroeber gar nicht ober nur in sehr beschränktem Umfange ausgenommen werben können. Wer feinen Erholungsurlaub aus beruflichen ober familiären Grünben während ber Hauptreisezeit nehmen muß, möge vor Beginn her Reise beim zustänbigen Verkehrsamt ober Lau- besfrembenverkehrsverbanb ober im Reisebüro anfragen, ob er am Reiseziel Unterkunft finben wird.
Richt vergessen: Epinnffoffsammlung!
In Kästen, Schränken, Säcken, Truhen Viel Lumpen, Flicken, Reste ruhen. Den Motten ein gefunb'nes Fressen Sinb sie im Haushalt längst vergessen. Der Hänbler rückte ein zur Wehr Unb holte sie schon längst nich^ mehr. Doch Hausfrau'n, Mäbchen, Junggesellen. Sie eilen zu hon Sammelstellen. Urfunhen gibt's für Liebestaten, Den Nutzen haben bie Solbaten, Für bie viel gute, neue Sachen Die Spinner unb bie Weber machen.
Geldüberweisungen
an Wehrmachtsangehörige.
An Wehrmachtsangehörige im Deutschen Reich, im Protektorat Böhmen und Mähren sowie in den. Niederlanden können Geldbeträge in jeder Höhe und auf jede Weise (burch Postanweisung, Zahlkarte, Bankscheck usw.) überwiesen werben. Nach allen sonstigen Gebieten, in denen sich Teile der deutschen Wehrmacht befinden, sind Geldüberweisungen, sofern sie nicht grundsätzlich verboten sind, nur durch Feldpostanweisunq statthaft. Jede andere Uebevweisungsart, insbesondere durch Beilegen des Geldes in Feldpostbriefe oder in Feldpostpäckchen, ist verboten unb wirb als Devisenvergehen bestraf t. Mittels Fel dpo st Überweisung bür» fen monatlich insgesamt gesanbt werden nach: bem Generalgouvernement, Belgien und Frankreich Beträge bis zur Hohe eines Monatswehrsoldes, höchstens jedoch 100 RM., nach Dänemark Beträge bis zur Höhe eines Drittels bes Monatswehrsolbes.
Nach allen nicht aufgeführten Ländern (Norwegen, Italien, Ungarn, Rumänien, Bulgarien, Slowakei, Griechenland, Kroatien, Serbien usw.) ist jede Ueberweisung von Geldbeträgen verboten. Ich das Aufenthaltsland eines Wehrmachtsangehörigen nicht bekannt, hat jede Ueberweisung von Geld zu unterbleiben. Die Ueberfenbung von Geldbeträgen an Wehrmachtsangehörige wird überwacht: soweit Gelder unter Nichtachtung dieser Vorschriften eingezahlt werben, gehen sie an benAbsenber zurück.
Ein kranker Zahn kann den ganzen Körper vergiften. Grund genug, um es nicht dazu kommen zu kaffen.
Chlorodont
we'St d6.n Weg zur .richtigen Zahnpflege ?
Ihm stockt einen Augenblick ber Atem. Keine Zeile steht auf seinem Blatt — nur bie Ueberfchrift. „Was bewegt mich in dieser Stunbe?
„Danckmann, Ihre Arbeit!"
Da faßt er sich. „Sofort, Herr Doktor!"
Unb bann schreibt er — bann jagt seine Feder...
„Mich bewegt ein einziger heißer Wunsch: für mein geliebtes Volk zu kämpfen, damit es frei bleibt unb groß, damit es — Deutschland bleibt!"
Er loscht ab unb reicht bas Blatt seinem Lehrer. Der sieht ihn fragenb an — aber Sandmanns Augen leuchten so voll Glanz, baß er nichts sagt.
Später ist münbliche Prüfung. Aber mertroürbig, bie Stunben erscheinen ihm nicht mehr lang, immer wieher gleitet er in bie Stimmung zurück, bie er vor kurzem hurchlebt.
Schließlich wirb das Ergebnis verkünbet: Alle haben bie Prüfung bestauben — alle finb für reif erklärt, hinauszugehen — für Deutfchlanb. Ein leiser Jubel, ein Hänbebrücken unb Glückwünschen, unb bann ins Unbekannte ... Namenlose ... ins Schicksal ...
Als Fritz Sandmann seinem Deutschlehrer bis Hanb reicht, zum Abschieb, drückt dieser sie kräftig unb sagt:
„Lieber Freunb, auch Ihr Aufsatz ift ausreichend gewesen. Eigentlich kann man ihn sogar gut nennen. Denn wirklich, Sie haben alles ausgebrüdt, was in Ihrem Herzen klingt, nur kürzer, knapper als Ihre Kameraben, aber — vielleicht einbringlicher. Leben Sie wohl — unb seien Sie bebanft für das Leuchten, bas ich heute in Ihren Augen sah!"
Das waren die Kriegsprimaner. Das war bis Jugend, die mit dem Deutschlandlied auf den Lippen bet ßangeinard stürmte.
ßangemard — lange hat man gefragt: Warum? War es nicht ein nutzloses Opfer? Verloren wir ben Krieg nicht trotz ßangemard?1
Wir verloren ben Krieg — aber wir gewannen bie Zukunft. Aus bem Sturm unserer Kriegsprimaner unb Studenten bei ßangemard würbe ber Mythus eines Volkes, das unsterblich ist. Das Blut, bas bei ßangemard stoß, würbe Saat, und die Saar würbe Ernte, ßange schlummerte hie Saat, bann aber wuchs sie unb reifte unb gab herrliche Frucht. Ihr feib nicht tot, ihr Kriegsprimaner von 1914, auch wenn her Acker euer Blut trank. Ihr feib ein Teil ber Ewigkeit unseres Volkes, unb wenn bis jungen Solbaten heute stürmen, wo es auch fei, bann weiß es jeher: auch ihr „marschiert im GeiA in unfern Reihen mit..."


