Muer Schandfleck in -er britischen Geschichte.
Barbarische Behandlung der Deutschen im Iran und auf Island.
Berlin, 10. November. (DNB.) Dor der deutschen und ausländischen Presse in Berlin gaben der ehemalige deutsche Gesandte in Teheran, Ettel, und der ehemalige deutsche Generalkonsul in Reykjavik, Prof. G e r l a ch, einen Bericht über das völkerrechtswidrige und gegen die Gesetze der Menschlichkeit verstoßende Verhalten der Briten und Sowjets gegenüber diplomatischen Vertretern des Reiches und gegenüber der deutschen Kolonie in Iran ab.
Oie Greuel gegen die Deutschen in Iran.
Der erschütternde Erlebnisbericht, den Gesandter Ettel den Vertretern der Presse gab, war eine einzige Anklage gegen die ungeheuerliche Schuld der britischen Negierung an dem Schicksal anständiger und tüchtiger deutscher Männer und Frauen, deren loyales Verhalten gegenüber ihrem Gastland von der iranischen Regierung mehr als einmal ausdrücklich als vorbildlich bezeichnet worden war. „Bei allen Maßnahmen gegen die deutsche Kolonie", so stellte Gesandter Ettel ein- gangs fest, „war die britische Regierung die treibende Kraft. Dem Sowjetbotschafter Smirnof, der sich ganz den Weisungen des britischen Ge andten fügte, wurde immer dann der Vor- tritt gelassen, wenn die Durchführung gewisser Maß- nahmen dem „guten Ruf" Englands abträglich fein konnte. Hinter der iranischen Regierung standen in engster Verbundenheit der britische Plutokrat und der sowjetische B o l s ch e w i st, um immer dann die schußbereite Waffe der Repressalie und der Drohung zu erheben, wenn die Regierung in Teheran aus natürlichem Rechtsempfinden und Anstandsgefühl sich weigern wollte, Zwischenträger für Forderungen zu sein, die ebenso ehrlos wie feige waren."
Gesandter Ettel schilderte, wie die Engländer im Kampf gegen die deutsche Kolonie und mit dem Ziel, die Internierung aller Deutschen zu erreichen, ihre aus den Kolonialkriegen wohlbekannten Methoden mit einer Brutalität und Rücksichtslosigkeit ohnegleichen anwandten: von der Drohung mit dem Einmarsch sowjetischer Truppen nach Teheran und dem wiederholten Ueberfliegen des Gesandtschaftsgeländes durch sowjetische Bomber bis zu erzwungenen terroristischen Polizeimaßnahmen war den verbündeten Engländern und Sowjets kein Mittel zu feige, niederträchtig und schmutzig in dem Versuch, die Deutschen auf die Knie zu zwingen. Schließlich wurde die iranische Regierung zu einer im Leben zweier befreundeter Völker bislang noch nicht dagewesenen Aktion veranlaßt: Das Gelände der deutschen Gesandtschaft in Schimran wurde von den Truppen her Garnison Teheran mit aufgepflanztem Seitengewehr dicht umstellt. Gleichzeitig wurden Maschinengewehre kriegsmäßig getarnt in Stellung gebracht.
„Für alle Zeiten", so fuhr Gesandter Ettel fort, „wird die Tatsache, daß die britische Regierung nicht nur ihre Zustimmung gab, sondern die Veranlassung dafür war und Beihilfe dazu leistete, daß reichsdeutsche Männer den Bolschewisten ausgeliefert wurden, ein Schandfleck in der britischen Geschichte bleiben. Eine abgrundtiefe Kluft zwischen ehrloser Handlungsweise der Briten und soldatischer Haltung der deutschen Männer tat sich auf, zwischen dem niederträchtigen und erpresserischen Vorgehen der Engländer nämlich, das in der auf acht Stunden befristeten ultimativen Forderung nach Auslieferung her Wehrpflichtigen gipfelte, und her oorbilhlich männlichen nationalsozialistischen Haltung jener Männer, hie mit einem Sieg-Heil auf den Führer und den Liedern her Nation im Augenblick ihrer Internierung noch einmal ein Treuegelöbnis für Führer unh Reich ablegten.
Das spätere Schicksal von Frauen und Kindern der deutschen Kolonie ist eine weitere schreiende Anklage gegen den Bruch jenes von den Engländern feierlich gegebenen Wortes, mit dem sie das freie Geleit von 487 Frauen, Kindern und Gesandtschaftsmitgliedern garantiert hatten.
lieber mehr als 1ÖOO Kilometer weglosen Geländes führte hie Leihensfahrt der Deutschen zur 1 türkischen Grenze. Beim ersten Aufenthalt in Kar-
w i n wurde die Kolonie von der Gesandtschaft getrennt, her Fahrer hes Gesanhten von hen Bolschewisten verhaftet und verschleppt, hie Gesandtschaft selbst in hen Hof hes Polizeigefängnisses gebracht. Auf der zweiten Station in Senhjan wurden die Mitglieder der Gesandtschaft in einem leerstehenden Haus, dessen Besitzer von den Bolschewisten liquidiert worden war, 30 Stunden lang ohne Essen und Trinken festgehalten, während die Kolonie bereits J5 Stunden vorher die Weiterreise nach Täbris angetreten hatte. In Täbris, wo Gesandtschaft und Kolonie wieder Aufammentrafen, erfolgte in glühender Hitze die Unterbringung auf dem baumlosen Platz des Kasernenhofes eines Reiterregiments. Rings um den Hof waren Maschinengewehre in Stellung gebracht. Nachts beleuchteten Scheinwerfer grell den Platz. Die letzte Nacht, fünf Tage nach der Ankunft in Täbris, mußte von Frauen und Kindern auf freiem Feld zugebracht werden. Vier Kilometer vor der türkischen Grenze schließlich haben sich jene Szenen abgespielt, über die die Weltöffentlichkeit bereits unterrichtet ist. Der bulgarische und der ungarische Geschäftsträger und das Personal der deutschen Gesandtschaft wurden aeroaltfam entfernt, Frauen und Kinder systematisch in der schamlosesten Weise ausgeplündert. Wickelkindern wurden die Windeln abgenommen. Kolonie und Gesandtschaft verloren ihr gesamtes Gepäck. So sah in Wirklichkeit das von Bolschewisten und Engländern der Kolonie und her Gesandtschaft schriftlich zugesicherte freie Geleit aus."
Britische Gewalt in Island.
Sodann gab Generalkonsul G e r l a ch eine eindrucksvolle Schilderung, wie am 10. Mai 1940 die Engländer in das deutsche Konsulat in Reykjavik einhrangen. „Mein Verlangen", so berichtet er, „sofort den schwedischen Generalkonsul zur Uebergabe des Reichseigentums und des Schutzes der deutschen Interessen zu sehen, wurde ab gelehnt. Sämtliche Schlüssel mußten ab geliefert, sämtliche Türen geöffnet werden. Wir mußten uns, einschließ, lieh her Damen, in Gegenwart der Posten mit auf- gepflanztem Seitengewehr umkleiden." Zwei Handtaschen durfte jeder Deutsche eiligst packen und mit- nehmen. Jedes Stück wurde durchsucht. Dann wurden die Deutschen zum Hafen und auf den Kreuzer „Glasgow" gebracht. Generalkonsul Gerlach stellte ausdrücklich fest, „vor her Abreise gab uns der englische Generalkonsul of- ftsiell die Erklärung ab, daß wir auf dem schnellsten Wege nach Deutschland gebracht würden". Wie England auch dieses Versprechen einzulösen gedachte, beweisen eindringlich die Schilderungen des Generalkonsuls von seinem und seiner Familie Schicksal in den folgenden Monaten.
Am 12. Mai wurde Gerlach von seiner Fa
milie getrennt, am folgenden Tage im Polizeiwagen in das Gefängnis von Liverpool transportiert und hort in eine Dunkelzelle eingesperrt. Nachdem ihm sämtliche Ausweispapiere, einschließlich des Diplomatenpasses, abgenommen worden waren, wurde seine Forderung, unverzüglich den Vertreter der S ch u tz m a ch t zu sehen, mit höhnischem Lachen abgelehnt. So schmutzig wie die Gefängniszelle mit Strohsack und Decke, so schmutzig waren her Waschraum, der gleichzeitig hen Häftlingen zur Verfügung ftanh, und bas Handtuch, Rasierzeug, Kamm, Bürste, Seife und Zahnbürste wurden dem Generalkonsul verweigert. Am 15. Mai wurde Gerlach nach London, und Arnar zunächst für 14 Tage in eine Schule, die als Sntemiertenlager eingerichtet war, und danach in dem Tower übergeführt. Während der ersten Monate war es dem Vertreter des Reiches weder erlaubt, Zeitungen oder Nachrichten zu erhalten, noch Briefe zu schreiben. Auf mehrfaches nachdrückliches Verlangen wurde ihm später wenigstens gestattet, zwischen den Wällen des Ringes um den Tower herumzugehen, immer bewacht und begleitet von einem Posten mit umgehängtem Gewehr. „Die unerhörte Anspannung her Einzelhaft", so erklärte Gerlach, „führte zu meiner Erkrankung, die letzten brei Wochen meines Aufenthaltes bebe ich kaum eine Nacht im Bett zugebracht. Im Tower habe ich hie schweren Angriffe her brutschen Luftwaffe miterlebt. Bei jebem Luftalarm würbe ich von hem Posten mit aufgepslanztem Seitengewehr in einen her Wehrtürme gebracht, in hem noch anhere Männer, Frauen unb Kinber sich aufhielten. Enbe Juli bekam ich zum ersten Male einen Bries von meiner Frau. Arn 19. September wurde ich nach zweieinhalb Monaten schwerster Einzelhaft in gesunbheitlich völlig zerrüttetem Zustanbe aus die I s l e o s M a n gebracht unb am 7. Oktober enblich mit meiner Familie in Douglas vereinigt."
Generalkonsul Gerlach betonte am Schluß feiner Ausführungen, daß er gegen hen britischen Botschafter Oliphant ausgetauscht worben sei.
Im Gegensatz zu der Behandlung wie ein Strafgefangener, die ihm in seiner Eigenschaft als Diplomat zuteil geworden ist, lege her Brief des Botschafters Oliphant Zeugnis davon ab, wie die deutsche Regierung den Vertreter Englands während her Seit seiner Internierung behandelt habe. In diesem Schreiben, das Gerlach in seinem Wortlaut verlas, bringt Botschafter Oliphant die „Anerkennung her gesamten Reisegesellschaft für die bewunderungswürdige Organisation der Reise" zum Ausdruck unb schließt wörtlich: „Durch all bas, was Sie freundschaftlicherweise für uns getan haben, wird diese Reise in allgemeiner Erinnerung bleiben."
Neue Erfolge in Ost und West.
Mit der Einnahme des wichtigen Verkehrsknoten- Punktes Tichwin südöstlich des Ladoga-Sees ist bie Bahn Leningrad — Wologda — Ural von uns unterbrochen. Damit ist wieder einmal ein harter Schlag gegen den Bolschewismus geführt worden, und zwar an einer Stelle, wo «Stalin ihn wohl nicht erwartet hatte, denn alle Blicke des Geängsteten unb feiner Londoner Kumpanei richten sich auf den Süden, auf die Krim. Am Montagmorgen wußte zwar her Londoner Nachrichten- dienst zu erzählen, wir seien auf der Krim nicht weiter vorgerückt, mir hätten „keinerlei Fortschritte zu verzeichnen", aber diese Behauptung wurde sogar durch bie Sowjets Lügen gestraft, deren Heeresbericht vom Montagmorgen .zugab, die Lage auf der Krim sei „besonders kritisch".
St a l i n hat sich denn auch veranlaßt gesehen, erneut einen sehr bringenben Hilferuf an Roosevelt unb Churchill zu richten, aber auch dieser Hilferuf wird sicherlich zu den Akten gelegt werben, denn die unverhüllte Aufforderung an die Opposition gegen Churchill, erneut für eine „Westfront" einzutreten, bie Stalin in seiner Rebe vom 7. November forderte, ist in London sehr mißliebig empfunden worden. Man hatte in den Kreisen um Churchill darauf hingewiesen, eine FrontirnWe- ft en gegen Deutschland zu bilden sei Unsinn,
und bie amerikanischen Blätter sprachen sogar von Selbftmorb, aber die seit Wochen von den Bolschewisten in England betriebene Agitation hat durch Stalins Forderung einen neuen Auftrieb erhalten, und Churchill wirb genug zu tun Haben, um sich dieser Sorgen zu entledigen und hen englischen Befürwortern einer neuen Westfront neue Irr lichte- reien oorzuzaubern. Wir warten geradezu darauf, wie der Führer in seiner Rede vom 8. November ausführte, daß England uns irgendwo im Westen oder sonstwo angreift.
Vielleicht ist Stalin $u seinem neuesten Hilferuf durch die Tatsache genötigt worden, baß wir auf der Krim weitere Fortschritte gemacht hoben, Jalta, bie Perle der Schwarzmeer-Riviera, nahmen unb durch bie Enge zur Lanbzunge Kertsch gestoßen sinb. Diese Lanbzunge war pon ben Bolschewisten zäh oerteibigt worben, aber wie bei Perekop durchstießen wir schnell auch biefe Der- teibigungsanlagen, bie in 10 Kilometer Tiefe hintereinander errichtet worben waren. Unserer Infanterie ist eben nichts unbezwingbar! Die Häfen her Krim stehen unter ununterbrochenem Bombenhagel, und nur Sewastopol ist auf bieser Insel noch unbezwungen, liegt aber bereits unter beutschen Bomben.
Die Lage im Osten hat aber u n sereAngrifse
land habe noch niemals einen Landkrieg fuhren können, es habe immer durch seine Flotte bie Län- ber unterworfen, welche auf bie Verkehrslinien der See angewiesen waren. Das will besagen, daß England niemals daran denken kann, dieses von uns beherrschte Europa, bas wirtschaftlich unter einheitlicher Führung steht unb durch Zusammenarbeit sehr wohl auf Seewege verzichten kann, niederzuringen. Stalin, her militärisch und wirtschaftlich vor dem Bankerott steht, hat vergeblich die englischen Kriegs- Hetzer aufgefordert, eine Front im Westen zur Entlastung feiner Horden zu errichten. Daß Stalin diesen Notschrei an England richtete, ist bezeichnend für feine Situation, baß aber England diesem Not- schrei gerade jetzt ein Unmöglich entgegenhalten mußte, offenbart wirklich die englische Lage. Es ist England unmöglich, nach dem Verlust seiner festländischen Verbündeten eine Angriffsfront gegen uns zu gestalten. Und das ist entscheidend. Sein letzter Verbündeter, Stalin, hat seinen Plan, ganz Europa au erobern — einen Plan, ben, wie der Führer sagte, in einer Geheimsitzung des Unterhauses der whiskyselige Churchill ausplauderte — mit dem Verlust feiner Angriffsarmeen bezahlen müssen. Der Führer sagte, von solchen Verlusten erhole sich keine Armee der Welt mehr, auch nicht die volschewistische. Politisch unb strategisch gesehen, ist bereits dieser Krieg zu unseren Gunsten entschieden.
Die Versuche des Kriegstreibers Roosevelt, diesen von ihm und feinem Weltjubentum angezettelten Krieg zu verlängern, können ben beutschen Sieg nicht hindern. Roosevelt hat alle uns einst gegensätzlichen Nationen in diesen Krieg gestoßen. Diese Regierungen sind erledigt worden, bie Gebiete bieser Nationen sinb von uns besetzt. Wir haben ben Beweis dafür, baß Roosevelt und Churchill diesen Weltbrand gewollt haben. Und seht: bie Geschlagenen, die Verzweifelten, hie sinnlosen Schwätzer, als bie sie bie Not zeigt, hie Fälscher unb Fabrikanten kurzbeiniger Lügen, was wollen sie? Wir werben mit dem von ihnen gewünschten unb veranlaßten Terror Verführter fertig, wir haben her wahnwitzigen Rooseveltschen Aggression entgegengesetzt, baß wir kein amerikanisches Schiff angreifen, daß sich aber die Deutschen auf ben Weltmeeren gegen jeden Angriff wehren, und zwar so wehren, daß Roosevelt Hören und Sehen vergehen wird. Darauf kann sich dieser Kriegstreiber verlassen. Augenblicklich führen wir bie schärfsten Vernich- tungsschläge gegen Stalin, aber bie übrigen Gegner, „sie werden staunen, mit was wir eines Tages an- treten", wie der Führer sagte.
Enttäuschung in Washington.
Roosevelts Einigkeits-Bluff mißglückt.
Neuyork, 10.November. (DNB.) Die knappe Mehrheit der Senats-Abstimmung über bie Aenderung des Neutralitätsgesetzes, bei her, wie jetzt enbgültig feststeht, 50 Senatoren dafür unb 37 Senatoren gegen bie Vorlage stimmten, während sich 8 der Stimme enthielten, hat, wie As- fociateb Preß mitteilt, in Regierunqskreisen sehr enttäuscht. Roosevelt habe vorgehabt, durch eine überwältigende Stimmenmehrheit eine nationale Einigkeit vorzutäuschen unb besonders London unb Moskau zu beeindrucken.
Wie Associated Preß weiter meldet, habe vor der Abstimmung her Senator Smith gewünscht, daß diese geheim ftattfinben sollte. Dann würben, wie er erklärte, noch nicht 10 Stimmen für die 21 enbe- rung des Neutralitätsgesetzes fein.
„Verbündete" unter sich.
T o k iv, 10. November. (Europapreß.) Hiesige gut unterrichtete Kreise wollen als Hintergrund der Kon- ferenz von Rangun wachsende Gegensätze zwischen England und den Vereinigten Staaten sehen. Das wirtschaftliche Vordringen der USA. in die britischen Interessensphären Malakka und Burma beunruhige nicht nur bie örtlichen britischen Kreise, sondern auch bie Londoner Regierung. Die Kontrolle des Gummimarktes von Malakka fei bereits in bie Hände der USA. übergegangen, und die Vereinigten Staaten feien weiter bemüht, ihre Lieferungen für Tschungking über die Burmastraße zu einer wirtschaftlichen Festsetzung in Burma auszuwerten. Britische Kreise be- schwerten sich auch über die england feindliche Propaganda, bie besonders von n o r b a m e • rikanischen Missionaren unter ben Indern und Burmesen betrieben werde, wobei die britische Herrschaft als undemokratisch bezeichnet unb angegriffen werbe.
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Oie Bewährung des kleinen Klaus.
Eine Geschichte von Rudolf Witzarch.
Daß er Klaus hieß, bankte er seiner Großmutter, einer starken, strengen Frau, bie ben Namen wider Vater unb Mutter burchsetzte unb von ba ab ihre knochige Hanb über hem Leben bes Jungen hielt, so daß selbst bie Bubenjahre unter bem ungewöhnlichen Zeichen einer ernsthaften Gesittung ftanben unb bem kleinen Klaus zu Unrecht ben Ruf her Duckmäuserei einbrachten. Unb hierin ähnelte er feinem berühmteren Namensbruder aus bem Märchen, bieroeil er gleichermaßen unter bem Schatten eines Mächtigeren ftanh.
Es war nicht so, daß her kleine Klaus vor bem Leben Angst gehabt hätte. Dazu war der väterliche Bauernhof nicht angetan, wo man vom ersten stolpernden Schrittlein unter die Geflügelschar an täglich seine Persönlichkeit erneut beweisen mußte. Das war so, wenn der alte Gänserich mit gerecktem Hals schnatternd das Büblein annahm ober her uralte Schafbock tückisch aus ben Stauden gerannt kam und ben kleinen Klaus in ben Rücken stieß, haß der längelang auf die Nase fiel. Nein, an solchen Beweisen her Selbstbehauptung fehlte es dem Buben nicht, aber bie gestrenge Großmutter, deren Wort ehern galt, hielt ben Jungen sorgsam vor jebem mutwilligen Stücklein zurück unb wehrte ihm jede Arbeit mit bem nicht zu entträftenben Wort: „Dazu bist du noch zu klein!"
Daher hing ihm auch der schmückende Beiname an, unb selbst in her Schule nannten sie ihn spöttisch „her kleine Klaus", unb als er sich mit zornigen Fäusten baroiber zur Wehr setzte, verprügelten ihn bie fünf Aeltesten, so baß er hernach selbst glaubte, für alles „noch zu klein" zu fein.
Als bie Mutter starb, war bas Büble alt genug, um ben Tob zu begreifen, und sie fanden ihn draußen unter den Hollerftauden, ben Arm um bie Hün- bin geschlungen unb bie Augen starr abgewandt.
Don da an gewann bie Großmutter alle Macht über ben Jungen, unb sie war eine rechtschaffene Frau, bie sich treulich mühte, das Haus in feiner rechten Drbnung zu halten. Es fiel ihr nicht schwer, ben Bauern zu überzeugen, baß sein Bub nicht für
die schwere Bauernarbeit geschaffen, fonbern zu etwas Besserem bestimmt märe; bamit meinte sie bas Stubium, und also konnte es geschehen, baß bem kleinen Klaus sorgsam jebe Gabel unb jeder Rechen aus dem Weg geräumt wurde. Es war ungewöhnlich, und bie Nachbarn schürzten spöttisch die Lippen, weil sie ben Hochmuttraum her alten Frau darin zu erkennen meinten. Aber der kleine Klaus gewöhnte sich nachgerade daran, wie es ja häufig geschieht, daß einer den vorgezeichneten Weg trottet, ohne zu merken, wie geschickt ihn her Zqum lenkt.
Und bann kam auf einmal bas Leden unb warf bie sorgsamen Pläne her alten Frau lachenb über ben Haufen und fegte mit bet großen Hanb über bas Land, wie ein fpringenber Wirbelwinb.
Der kleine Klaus war ein schmaler, großer Bursch geworben, sechzehn Jahre alt, unb er unterschieb sich von ben übrigen Burschen bes Dorfes nur burch ben stilleren Blick unb ben krummeren Rücken. Die alte Frau hatte keinem ihr Geheimnis verraten, nicht einmal bem Pfarrer, ben es hoch am meisten angegangen wäre: her kleine Klaus sollte Priester werden. Unb just, als es so weit war, daß sie tlopfenben Herzens bem Bauern ihren Plan enthüllen wollte, fuhr her Krieg über bie Herzen unb hob sie empor.
Der Bauer ging rechtschaffen ins Felb; er hatte keine fonberlidjen Sorgen, weil er bas Haus in her guten Hut her knochigen Greisinnenfinger her alten Frau wußte. Unb auf einmal hatte sie fein Herz mehr, bem Mann ihre Zukunftspläne zu verraten. Sie beschloß, damit zu warten, unb her kleine Klaus, jählings der Schule entwachsen, ftanh mit arbeitsungewohnten Händen staunend auf bem Hof unb schaute sich bie väterliche Welt an, als sähe er sie zum erstenmal.
Es kam eine harte Zeit.
Die Männer rückten ein unb ließen ben Burschen unb Weibern bie Arbeit. Eines Tages ftanben Zwei Fremde am Hof, hie kein Wort der deutschen Sprache oerftanhen. Sie trugen braungrüne Röcke unb hatten einen schiefen Blick.
„Die schickt uns hein Vater", sagte bie Großmutter unb teilte ben ^rernben bie Arbeit zu. Sie war allweil noch bie nämliche: streng unb abweisend und unduldsam.
Die Arbeit ging weiter, unb der kleine Klaus stand mit hangenden Armen dabei. Es zuckte ihm
wohl in ben Händen, aber bann fiel ihm bas gefürchtete Wort ein, bas schon bem Büblein schlimmes Geleit aewesen war: „Dazu bist hu noch zu klein." Das Wort war nun in übertragenem Sinn an ihm hängengeblieben wie bie Kletten, mit denen ihn bie anderen auf bem Schulweg spöttisch beworfen hatten.
Und bann kam ganz natürlich unb selbstverstänb- lich bas, was kommen mußte. — Es ist — wenn ein Mensch plötzlich eine scheinbare Wanblung begeht — meist nicht so, baß er nun wirklich sein Herz unb seine Seele völlig umkrempelt, vielmehr holt er aus sich selbst nur bie Kräfte, bie ihm vorbem unbekannt gewesen sinb, unb er sieht ftaunenb, wessen er fähig ist. — Also geschah es bem kleinen Klaus, her eben habet war, aus bem Buben in ben Mann zu schlüpfen.
Es fing bamit an, baß er mit her Großmutter zur Futterwiese hinüberging. Da führte her Weg auf einem schmalen Brettersteiglein über ben Mühl- bad). Das Steiglein war ohne Schutzgelänber, unb bem kleinen Klaus schien es gar nicht lange her, baß bie kleinen Füße auf bem glitschnassen Bal- ken gestockt unb gezögert hatten, so baß sich bie Großmutter unwillig umroanbte unb nach her zuckenden Hand griff, um ben Kleinen sicher zu leiten.
Heute mar es zum erstenmal, daß der kleine Klaus unachtsam voranfchritt, unb als hie groben Tritte her alten Frau auf einmal ausblieben, sah er sie mit verkniffenem Mund zögernd unb stockend mitten auf her Bretterbrücke stehen, bie Augen halb- geschlossen unb ihre Schuhe kratzten hilflos über ben glitschigen Moosteppich des vergrünten Balkens. Sie nahm zögernd bie dargebotene Hand bes Jungen, und ihr Gesicht war zunächst wie das eines Feindes.
Dann, beim Äartoffelgraben, kam es zum zweitenmal. Die alte Frau mußte sich immer öfter auf» richten und aufsetzen, stemmte die Faust ins Kreuz unb sah in bumpfem Staunen, wie der Junge mühelos feinen jungen Rücken zur Erde bog. Sie wußte nicht, daß her kleine Klaus bie Zähne aufeinanderbiß, um bei dieser Arbeit vor ben anderen zu be- stehen, und sie hörte auch nicht, wie er am Abend in her Kammer den Rücken fluchend geradestreckte.
Es war ein hartes Jahr,
Der Winter hielt lange an, und bei der Frühjahrsbestellung brach sich der Pflug noch an ben gefrorenen Erbklumpen schartig. Unb im Herbst war es, beim Abschirren, daß der eine der Fremden plötzlich ungebärdig wurde und die Befehle her allen ijrau Überhörte. Sie befahl bem Gefangenen, die Pferde achtsam zu striegeln; der aber gab ihr einen cfjrägen Blick zurück und tat, als hätte er sie nicht gehört. Eine augenblicklange Schwäche fiel sie an, taunenb in aller plötzlichen Müdigkeit wollte sie sich aufraffen, da versagte ihre Kraft, und sie lehnte hilflos an her Stalltür.
Der kleine Klaus ging mit langen Schritten zu bem Fremben unb reoete ihn an. Nicht bellenb und grob, nein, er hatte eine ganz ruhige Stimme, aber bie Augen waren schmal, wie bie her alten Frau, unb ein Licht brannte barin, bas vorbem nicht ba- gewesen war. Da burfte sich her Fremde, griff gehorsam nach bem Striegel unb nahm bas Wort bes Jungen als Befehl.
Die Großmutter hatte es staunend mit angesehen. Unb sie hatte sich schweigenb abgeroanbt.
Aber es geschah wie von selbst, baß auf einmal die helle Stimme bes Jungen ba war, wenn es bie Arbeit galt. Sie sah zu, wie er werkte, und merkte in abarünbig tiefem Staunen, wie der Junge in feine Arbeit wuchs. Ja wahrhaftig, er zog sie an, wie ein Kleib, unb es paßte ihm; es paßte ihm so aut, baß hie alte Frau wie vor einer Sünde erschrak, als ihr her heimliche Wunsch einfiel, ben sie schon vergessen hatte.
Da neigte sie hen weißen Scheitel, und als her Bauer auf Urlaub kam unb ihr nach bem Runb- gang über bie Raine für bie gute Drbnung banken wollte, wies sie ihn rauh ab.
„Der hort", sagte sie unb beutete mit her knochigen Hand übers Feld, „her dort hält bas Ganze beisammen." Unb her Bauer sah seinen Sohn hinter ben Pferden schreiten, den Rücken ganz gerade und gestreckt, bie Schultern nach hinten gebrückt, als wäre er von Kind auf in dieser Arbeit gewachsen.
Hernach saßen sie um ben blanken Tisch, unb der Bauer griff unvermittelt nach der Hanb bes Jungen, daß her erstaunt aufsah. Aber er merkte, was her Vater meinte; es war Abbitte unb Stolz in einem. Die alte Frau begrub davor ihre vermessenen Träume; demütig neigte sie die Stirn vor der Macht des starken Blutes!


