Einzelbild herunterladen

denen man die Munition und die Verstärkungen heranführte, lohnen sich jetzt. Die K-Stellen der Är- tillerie neben uns im Graben bauen schon ab. Die Funktrupps schultern ihre Funkgeräte. Vierspännig gezogen rollep Geschütze aus dem Wald lautlos über den weichen Wiesengrund, die ersten Batterien machen Stellungswechsel nach vorn.

Im Osten rattern jetzt MG.s, und Gewehrschüsse patschen. Es ist für uns eine erregende Musik. D i e gewaltige Schlacht in der Mitte der Ostfront ist im Gange. Die kommenden Tage werden große entscheidende Tage sein.

Wjasma.

Das Städtchen Wjasma ist zu einem unerwarte­ten Ruhm durch die Nachricht gekommen, daß dort mehrere Armeen der Heeresgruppe Timoschenko , bestausgebildete und bestausgerüstete Armeen in einer Vernichtungsschlacht von den siegreichen deutschen Truppen eingekesselt worden sind. Wjas­ma zählte vor dem Weltkrieg fast 30 000 Einwoh­ner, während die Volkszählung vom Jahre 1926 nur 21 000 Einwohner verzeichnete. Statistische An­gaben über die weitere Entwicklung der Stadt feh­len. Etwas anderes ist aber wichtig. Die Stadt liegt an dem Flüßchen Wjasma, das zum Ober­lauf des D n j e p r abfließt. Keine 30 Kilometer östlich von Wjasma beginnt das Flußnetz der Oka, zu der auch die Moskwa gehört und die bei Nischni Nowgorod in die Wolga mündet. Wjasma liegt also fast unmittelbar an einer sehr wichtigen Wasserscheide. Seine Höhe über dem Meeresspiegel beträgt 230 Meter. Es ist auch ein nicht unwich­tiger Schnittpunkt von Bahnen. Die große Bahn MoskauSmolenskMinsk wird hier gekreuzt von einer Verbindungslinie, die bei Lichoslawl an der Hauptbahn LeningradMoskau beginnt und über Wjasma nach Kaluga und Tula führt. Wjasma liegt 176,3 Eisenbahn kilometer östlich von Smolensk und 229,4 Eisenbahnkilometer westlich von Moskau. Moskau als Prestigegewinn ist nicht unser Ziel. Uns geht es um die Vernichtung der feindlichen Substanz.

. >> t.

Mit solchen Gräben und Tankfallen, wie sie hier in einer Länge von nahezu 7 Kilometer und einer Tiefe von etwa 4 Meter erbaut worden sind, hofften die Bolschewisten, den Vormarsch der deutschen Trup­pen in diesem Gebiet unmöglich zu machen. Heute ist dieses Kampfgelände längst in unserem Besitz, denn unsere Panzer fanden inzwischen andere Wege, um ihren Vormarsch fortzusetzen.

(PK.-Aufnahme: Kriegsberichter Kudicke. sSch.j M.)

Katzenjammer an der Londoner Börse.

Genf, 8. Okt. (DNB.) Die Londoner Börse verkehrte am Mittwoch in ausgesprochen lustloser Haltung. Hierbei kam vor allem die ge­drückte Stimmung angesichts der letzten Er­eignisse zum Ausdruck, so daß auf der Käuferseite kaum Unternehmungslust zu beobachten war.

Das Ritterkreuz.

Berlin, 8. Okt. (DNB.) Der Führer und Oberste Befehlshaber der Wehrmacht verlieh auf Vorschlag des Oberbefehlshabers des Heeres, Gene­ralfeldmarschall v. B r a u ch i t s ch, das Ritterkreuz des Eisernen Kreuzes an: Generalleutnant von Loeper, Kommandeur einer Infanteriedivision. Oberst Herr, Kommandeur einer Schützenbrigade, Oberst S ch l o e m e r, Kommandeur, eines Schützen­regiments, Oberstleutnant v. B o d d i e n , Komman­deur einer Aufklärungsabteilung, Hauptmann K o e tz , Bataillonskommandeur in einem Infan­terie-Regiment, Oberleutnant Salwey, im Stabe eines Infanterieregiments, Oberleutnant Buch­ner, Kompaniechef in einem Infanterieregiment.

3m Stukahagel.

pausenloses Trommelfeuer auf starke bolschewistische Feldstellungen. Stuka sicherte einen Brückenkopf.

Von Kriegsberichter Kurt Mißler.

DNB. ..., 8. Okt. (PK.) Der junge Herbstmorgen ist nach Wochen diesigen Wetters zum erstenmal wieder sonnenklar. Ein blaues Firmament über­spannt den weiten Ostraum, in dem die Verbände des Heeres und der Luftwaffe zur entscheidungs­vollen Schlacht gegen den Bolschewismus angetreten sind. Seit dem frühen Dämmern ist die Luft er­füllt von dem permanenten Grollen des Trom­melfeuers, das unsere Artillerie auf die Feld­stellungen der Sowjets jenseits des Flußbettes legt. Wir erleben den Auftakt eines gewaltigen militärischen Schauspiels, wie es sich uns am ersten Tag des Vernichtungskampfes gegen den Bolschewismus bot. Damals, vor über zwölf Wochen, standen wir an dem Westufer des Bug. Heute stehen wir viele hundert Kilometer weiter östlich.

In zahllosen Schwärmen tragen unsere Flug­zeuge ihre tödliche Bombenlast nach Osten, dorthin, wo auf breiter Front die deutschen Angriffsgrup­pen, Panzer und schnelle Verbände zum Vorstoß über die Stellungen der Bolschewisten bereitstehen. Die ersten Einsätze unserer Stuka- und Zerstörer­verbände gelten an diesem Morgen den Feldstellun­gen der Sowjets am Ostufer des Flusses. Tief ge­staffelt ragen aus dem Schwarzbraun dieses Lan­des zahllose Bunker, daneben die Zickzack­gräben und kilometerlangen Tankfallen, geschickt getarnte Schützenlöcher, vollgespickt mit Bolschewisten. Diese Stellungen müssen geknackt und ausgeräuchert werden. Als unsere Stukas und Zerstörer Über die Spitze der deutschen Truppen dahindonnern und im Sturzflug ihre Bomben in die feindlichen Nester hineinschleudern/ ist der Hauptwiderstand der sich zäh verteidigenden Bolsche­wisten zerbrochen. Der Gegner zieht sich auf­gelöst und kopflos aus der Befestigungslinie zurück und sucht sein H e i l i n d e r Flucht. Da setzen die deutschen Schlachtflugzeuge zu hartnäckigen und schneidigen Tiefangriffen an. Aus Bord­kanonen und Maschinengewehren spritzen die feu­rigen Garben in die zurückslutenden Massen.

Das war der Auftakt zu einem kaum vor­stellbaren Luftbombardement, das den Sowjets gerade in diesem Sektor blutige und un­ersetzliche Einbußen an Menschen und Waffen zu­fügte. Im ungestümen Nachdrängen bleiben unsere Heeresverbände dem Gegner auj den Fersen. Da, wo Widerstand aufflackert, stoßen in immer neuen Wellen die deutschen Schlachtmaschinen in den feind­lichen Raum hinein und bahnen an den Brenn­

punkten des Kampfes unserer vorrückenden Spitze den Weg.

Der Gegner hat sich über eine Brücke zurückge­zogen und beabsichtigt die Sprengung der Brücke. Schon rollen feindliche Panzer zur Sicherung heran. Glückt den Bolschewisten ihr Vor­haben, dann ist der zügige deutsche Vormarsch ge­hemmt und neue Widerstände sind dann zu über­winden. Ein Stuka hat den Vorgang dort unten beobachtet. Die Brücke muß gehalten wer­den, bis die eigene Panzerspitze heran ist.

Pfeilschnell stürzt die Maschine erdwärts. In engen Biegen umkurvt sie wie eine bissige Hornisse den Brückenkopf und jagt Garbe um Garbe gegen das bolschewistische Spreng- tornrnando. Fast 60 Minuten währt die B r ü ck e n w a ch e" unseres braven Stuka, dann rollen die deutschen Panzer heran. Der Ueb er­gänz ist frei.

In unvermindertem Tempo wälzt sich der deutsche Heerbann nach Osten. Unsere Truppen, deren unvergleichliche Leistungen höchste Achtung verdie­nen, haben es verdammt eilig. Ihr W e g i st n o ch weit. Wir aber, die Stukas und Zerstörer, beglei­ten unsere Kameraden auf diesem Weg. Bis der Sieg unser ist.

Großeinsatz unserer Kampfflieger.

Berlin, 8. Oktober. (DNB.) Starke Verbände deutscher Kampfflugzeuge unterstützten am 8. 10. mit großem Erfolg die Kämpfe des deutschen Hee­res an der Nordküste des Asowschen Mee­res. Besonders heftige Angriffe der deutschen Kampfflugzeuge galten Transport- und Han­delsschiffen der Bolschewisten. Im Seegebiet von Mariupol wurden ein Handelsschiff von 1800 und ein Frachter von 1500 BRT. durch Voll­treffer versenkt. Im Hafest von Berdjansk wur­den zwei kleinere Schisse zum Sinken gebracht, ein weiteres sowjetisches Handelsschiff von 2000 BRT. wurde schwer beschädigt. In dem Rückzugsraum der geschlagenen und ostwärts Mariupol auf Ro­stow zurückweichenden Bolschewisten griffen die deutschen Kampfflugzeuge erfolgreich sowjetische Ko­lonnen an. lieber hundert motorisierte und be­spannte Fahrzeuge wurden durch Bombenvolltreffer vernichtet. Eine große Anzahl weiterer Fahr­zeuge erlitt schwere Beschädigungen durch die deut­schen Bomben.

EnglandsHumanität."

Deutschland schlägt den Austausch von Gchwervermundeten vor, die englische Regierung vereitelt ihn.

Berlin, 9. Okt. (DNB. Funkspruch.) Auf die Initiative der deutschen Reichsregierung ist im August d. I. durch Vermittlung der Schweiz 8er englischen Regierung der Vorschlag des Austausches von schwerverwunoe- ten Kriegsgefangenen mittels Schiffstrans­ports zwischen zwei Kanalhäfen gemacht worden. Durch die Siege der deutschen Wehrmacht über England belief sich die Zahl der in deutscher Hand befindlichen und nach Feststellung einer internatio­nalen Aerztekommission für den Austausch in Be­tracht kommenden britischen Kriegsge­fangenen auf 114 3, während dem nur unge­fähr 50 deutsche Kriegsgefangene in englischer Hand gegenüberstanden.

Auf die zustimmende englische Antwort zu diesem Austauschwege hat die Reichsregierung dann am 23. September über die amerikanische Botschaft in Berlin der englischen Regierung mitteilen lassen, daß sie im Hinblick auf den großen Zahlenunter­schied der auszutauschenden englischen und deutschen Kriegsgefangenen die Erwartung aussprechen müsse, daß der für den Rücktransport der englischen "Kriegsgefangenen zur. Verwendung kommende Schiffsraum auch auf dem Wege nach dem Konti­nent voll ausgenutzt werde, d. h. also, daß für die fehlende Zahl deutscher Kriegsgefangener zumindest eine entsprechende Anzahl deutscher Zivilinternierter, und zwar entsprechend dem hierüber zwischen Deutschland und England getroffenen Abkommen vom Februar 1940, mit in die Heimat befördert werden müsse.

Auf diesen mehr als billigen Vorschlag hat am

29. September die amerikanische Botschaft eine Aeußerung der englischen Regierung über­mittelt, wonach es nicht in Frage kommen könne, den Zahlenunterschied durch Heimsendung von Zivilisten auszugleichen; jedoch sei die englische Regierung bereit, dem vorgesehenen Transport einige deutsche Frauen anzuschließen.

Angesichts dieser Stellungnahme der englischen Regierung, die der traditionellen britischen Politik gegenüber wehrlosen Zivilgefangenen entspricht wie sich erst kürzlich wieder bei der jedem Völker­recht hohnsprechenden Verschleppung bzw. Auslie­ferung an die Bolschewisten der in Iran lebenden deutschen Männer und der trotz Zusicherung freien Geleits durch die englische und sowjetrussische Re­gierung erfolgten restlosen Ausplünderung der deut­schen Frauen und Kinder gezeigt hat, hat die deutsche Regierung am 1. Oktober der amerikanischen Botschaft mit geteilt, daß durch diese ablehnende Stellungnahme der britischen Regie­rung eine neue Lage geschaffen sei, die bis zur Klärung der Angelegenheit einen vorübergehenden Aufschub des Austausches erforderlich mache.

Am 4. Oktober machte die amerikanische Botschaft in Berlin als Schutzmacht Englands nunmehr den Vorschlag, pb nicht ein englisches Lazarettschiff mit den inzwischen an Bord geschafften rund 100 deutschen Wehrmachtangehörigen nach Frankreich auslaufen und von dort eine entspre­chende Anzahl heimsendungsberechtigter britischer Kriegsgefangener zurückbringen könne. Die deutsche Regierung hat am gleichen Tage der amerikanischen Botschaft die Zustimmung zu einem derartigen

1

...

KW

' ' . . MM sRW

Von den Bolschewisten geräumte Feldstellungen. Bei Beginn der neuen gewaltigen Operationen im Osten wurden die SowjetZ/im ersten Ansturm schnell aus diesen Feldstellungen geworfen.

(PK.-Aufnahme: Kriegsberichter Eusian. sSch.j M.) begrenzten Austausch in einem Memorandum mit« geteilt und für dessen Durchführung den 7. Oktober vorgeschlagen. Die Reichsregierung hat ebenfalls so­fort eine entsprechende Anzahl britischer schwerver­wundeter Kriegsgefangener zum Abtransport in Frankreich bereitgestellt.

Trotz dieser über die amerikanische Botschaft in Berlin verabredeten Regelung blieb das Schiff aus, und statt dessen wurde durch den engli­schen Rundfunk die Annullierung des Austausches bekanntgegeben.

Soweit der Tatbestand.

Die englische Regierung hat nunmehr durch ver­schiedene Veröffentlichungen versucht, diesen Tat- bestand zu verdrehen und zu verfälschen, und u. a. die Behauptung aufgestellt, daß die Reichsregierung versucht habe, ein getroffenes Abkommen zu ver­eiteln, und daß die englische Regierung sich nicht in der Lage gesehen habe, den vereinbarten be­grenzten Austausch von etwa 100 Kriegsgefangenen vvrzunehmen, weil damit die übrigen britischen Verwundeten und Kranken jede Möglichkeit einer Rückführung nach England verloren hätten. Daß dies eine doppelte Lüge ist, geht aus dem obigen Tatbestand völlig klar hervor, denn:

1. Es wurde von Deutschland nur eine Regelung verabredet, und zwar die über den partiellen Aus­tausch von je 100 schwerverwundeten Kriegsge­fangenen. Die Durchführung dieser Vereinbarung aber wurde nicht von der deutschen Regierung, son­dern allein von der englischen Regierung vereitelt.

2. Die britische Regierung war sich völlig im klaren darüber, daß sie durch Rücksendung von Zivilgefangenen entsprechend dem deutschen Vor­schlag jederzeit ihre gesamten in Frage kommenden Schwerverwundeten hätte zurückbekommen können.

Anscheinend hat die englische Regierung dies nicht gewollt, woraus nur der Schlug gezogen werden kann, daß ihr in ihrem verblen­deten Haß offenbar mehr daran liegt, internierte deutsche Frauen und Kinder weiter in völlig un­verschuldeter Gefangenschaft zu behalten, als den englischen Anverwandten ihre eigenen schwerver­wundeten Männer zurückzugeben. Es ist daher auch begreiflich, daß die englische Regierung das Be­dürfnis empfindet, ihr flagrantes Unrecht durch unrichtige Darstellungen und lügenhafte Behaup­tungen zu verschleiern, um sich gegenüber den zwei­fellos mit Recht enttäuschten Angehörigen der Kriegsgefangenen zu rechtfertigen.

Die deutsche Regierung muß also feststellen, daß die Schuld für das bisherige Nichtzustandekommen dieses Austausches ausschließlich auf englischer Seite liegt.

Kleine politische Nachrichten.

Auf Anordnung des Führers, die der Reichsführer ff und Chef der deutschen Polizei in einem Rund­erlaß den Polizeibehörden bekanntgegeben hat, dür­fen die bei der Verkündung von Sondermeldungen verwendeten Fanfaren, die als Kennzeichen deutscher Waffensiege zu nationalen Symbolen geworden sind, nicht bei anderen Gelegenheiten gespielt werden.

Die äreiSjtllwmw®*

Vornan von Horst Hiernach

39.Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)

Hoffentlich läßt das Wetter mich noch mit dem Beet fertig werden. Was meinst du, Konrad, so­lange der Wind anhält ..."

Hellwang öffnete den Mund, als hätte er sekun­denlang vergessen, den Atem auszustoßen.So­lange der Wind anhält, kommt es gewiß nicht zum Regnen", sagte er und warf einen Blick auf seine Armbanduhr.Wir haben bis zum Essen ja noch eine volle Stunde Zeit. Ich werde sie ausnutzen und noch ein paar Seiten lesen." Er nickte ihr zu und ging über den Rasen zum Hause.

Trix stand ein paar Sekunden lang reglos da und starrte ihm nach. Die dünnen, niederhängenden Zweige des Kirschbaums streiften seine Schulter und schnellten zurück. Der Wind erlaubte sich einen Scherz und blies seine Haare von hinten auf. Es sah komisch aus und ähnelte dem drastischen Kunststück eines Clowns, den sie einmal gesehen hatte. Aber sie lächelte nicht. Ihr strömte langsam das Blut ins Gesicht und sie spürte das Aufsteigen einer sanften Wärme, die bis unter ihre Kopfhaut drang und wohltuend von ihr Besitz ergriff und sie mit einer angenehmen Schwäche füllte, als wäre ein Zcmber- bann über sie geworfen. Es war süß und er­schreckend zugleich. Ihre Gedanken huschten wie ein Nest aufgescheuchter Wiesel durcheinander. Ich bin drauf und dran, mich zu verlieben, dachte sie be­klommen. Und dann sprach die Stimme ihres ge­sunden Verstandes auf sie ein: Sei vernünftig! Schlag dir das aus dem Kopf! Nicht, weil er der Mann deiner Schwester war, aber wie willst du an Luisas Stelle treten? Luisa war eine herrliche Frau und wunderbar klug, von jener stillen- Klugheit, deren Wurzeln Erfahrung und Reise sind. Wie soll

es dir je gelingen, den Vorsprung einzuholen, den Luisa dir an Jahren voraus hatte? Du kannst nie mehr als seine Geliebte werden und das wäre Verrat an Luisa, und es macht keinen Unterschied, daß sie nicht mehr am Leben ist.

Trix griff nach dem Spaten und beugte sich über das Erdbeerbeet. Wenn doch der Brief aus Berlin käme! dachte sie, wenn er doch bald käme?--

Hellwang nahm in dem Sessel unter dem Bücher­bord in der Leseecke Platz. Eine Studie über die überseeischen Unternehmungen der Welser lag auf seinen Knien. Ein Zettel mit Notizen stak als Lese­zeichen zwischen den Seiten. Er schlug das Buch auf und begann zu lesen. Vor zwei Wochen hatte er die Arbeit wieder intensiv ausgenommen und war, ohne es selbst recht zu merken, von Tag zu Tag immer tiefer in das neue Thema eingedrungen. Der Stoff fesselte ihn und begann Ausblicke zu er­öffnen, die ihn erregten, als befände er sich auf einer abenteuerlichen Entdeckungsfahrt in neues Land. Das ursprüngliche Thema weitete sich unge­heuerlich aus. Die Geschichte des augsburgischen Patriziergeschlechtes, die es ihn anfangs zu ge­stalten gereizt hatte, rückte in den Hintergrund. Die Gestalten der Welser mit ihren kühlen schmallip­pigen Gesichtern und herrschsüchtigen Augen traten in einen größeren Rahmen ein, der ein Gemälde von tieferer Bedeutung umspannte. Mit der An­häufung des Kapitals in den Niederlassungen der Augsburger und Nürnberger Gewürzkrämer regte sich ihr Machthunger. Und wo fanden sie ein besseres Spielfeld für ihren verruchten Ehrgeiz als in der Politik? In den Mauern des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation zeigten sich die ersten Sprünge, und in seinem Gebälk nagte der Wurm. Diesefürstlichen Kaufherren" taten nichts, um den tragischen Zerfall aufzuhalten. Der Blick dafür, daß die stürzenden Trümmer des Reichsbaues auch sie selbst erschlagen würden, war ihnen nicht gegeben. Die Schwäche des Reiches war der Nährboden, auf dem sie hypertrophisch wucherten. In bet dünnen Luft

ihrer Handelskontore schoben sie mit spitzen Fingern die Figuren über das politische Schachbrett. Stürzten oder erhoben die Kaiser, verschuldeten die Ritter­schaft, nahmen Länder zum Pfände, ließen die Bauern verbluten, verheirateten gelegentlich eine Dame aus ihrem Geschlecht mit einem Königssohn, dämonische Drahtzieher einer selbstsüchtigen Haus­machtspolitik, deren unheilige Insignien Kontobuch und Zinsbegriff waren, während die heilige Krone der deutschen Kaiser auf unwürdigen Häuptern ihren Glanz verlor und der Reichsapfel aus schwa­chen Händen in den Staub rollte.

Hellwang überflog die Notizen, die er gestern ge­macht hatte. Er versuchte weiterzulesen, aber er brachte keine Sammlung auf. Und es war zwecklos, die Gedanken mit Gewalt in den Stoff hineinzu­zwingen. Sie rutschten ihm aus. Er klappte das Buch zu und trat ans Fenster. Hinter dem Netz­werk des Geästs der entlaubten Kirsche schimmerte Trixens blaues Kleid und darüber der leuchtende Fleck ihres bunten Kopftuches.

Wenn doch dieser verdammte Brief aus Berlin nicht käme!" sagte Hellwang plötzlich laut. Er fuhr sich über das Gesicht, als nehme er eine Maske ab, und was dahinter zum Vorschein kam, war die blanke Furcht, Trix könne ihn und das Haus wie­der verlassen. Warum sollte er sich nicht eingestehen, daß mit ihrer Ankunft ein guter Geist eingezogen mar? Ein Geist der Fröhlichkeit und Jugend, ein befreiendes Aufatmen, ein heiterer Glanz, der sich allen mitteilte, den Kindern, Kathi und nicht zuletzt ihm selber. Verstand er überhaupt noch, daß er vor kaum einem Monat geglaubt hatte, leergebrannt und erledigt zu fein? Eine neue Ausgabe drängte sich heran und er spürte, wie sie sich in ihm aus­breitete und beglückend von seinem Wesen Besitz ergriff und nach Vollendung verlangte.

Und daneben oder vielmehr darüber keimte et­was Neues in ihm, etwas Zartes, mehr Geahntes als Bewußtes. War es Liebe. Gewiß war es nur, daß es mit Trix zusammenhing und daß der Ge­

danke, sie könne wieder aus seinem Leben verschwin­den, einen unerträglichen Schmerz verursachen und zurücklassen würde. Er wünschte nichts sehnlicher, als daß sie bliebe, aber er fürchtete nichts mehr, als daß sie diesen seinen Wunsch erraten könne. Denn er war davon überzeugt, daß sie auf und davon­laufen würde, wenn sie seine Gedanken auch nur ahnte. Er war ein Mann von achtunddreißig Jah­ren, und wenn er sich im Spiegel betrachtete, bann fand er an den Schläfen graue Haare, und die Ver­gangenheit war an ihm nicht vorübergegangen, ohne ihre Spuren zu prägen. Trix war dreizehn Jahre jünger als er. Wie konnte er von ihr den Mut ver­langen, sich ihm anzuoertrauen?

Um Gottes willen, dachte er inbrünstig, du barfft dich nie oeY raten! Das Gespräch heute ging schon über die Grenzen der Vertraulichkeit hinaus, die du dir erlauben darfst. Und es wäre unerträglich, wenn du sie in die Verlegenheit brächtest, dich auch nur mit einem Blick zurück- und zurechtweisen zu müssen. Du hast nur eine Chance, daß dieses ver­fluchte Krankenhaus - in Berlin die Stelle anders besetzt und daß die Kinder Trix hier festhalten und nicht mehr loslassen.

Er hatte kein Glück. Der Brief war schon unter­wegs.

Als Hellwang am späten Nachmittag das Haus verließ, um durch die Greif fing er Lohe zu laufen, begegnete er Trix. Sie kam vom Bahnhof, denn sie war nach dem Essen in die Stadt gefahren, um Britta zu besuchen. Sie schloß sich ihm an. Er er­zählte ihr, daß er die Absicht gehabt hätte, die Kin­der auf seinen Spaziergang mitzunehmen, aber sie hätten sich geweigert, da Kathi beim Kuchenbacken fei, wobei ihre ,Hilfe" darin bestand, die Schüsseln auszulecken. Er grüßte nach rechts und nach links über die Zäune, wo alte Herren in vorsintflutlichen Anzügen Leimringe um die Obstbäume legten oder die Stämme kalkten.

Du kennst hier aber auch jeden Menschen!" (Fortsetzung folgt.)