Karin Grunelius
Roman von Guiüo K.Vranö
21. Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)
„Vor Mittag wacht die net auf!" meinte er zu dem verschlafenen Kellner, der sich an den Tischen der kleinen Halle zu schaffen machte, gewandt. „Hast du mal was von dem Arusha gehört! I net! Könnt a jeder sagn ... I komm aus Afrika! Hat da a Schreiben von dem Konsul in Triest, als ob's koane P^rsonalpässe gab, wenn man eine solchene weite Reise macht! He? Verstehst du dös? I net!" redete sich Herr Loibl, der Portier, in das Fahrwasser undefinierbarer Vorstellungen hinein. „Aber auf- passn wer i, bös kannst mir glauben! Wanns morgen runterkommt, dös Fräulein — wie hoatzt's iatzt schnell?" Er schaute rasch auf das große Buch und stach mit dem Zeigefinger den Namen auf ... „Gru- nelius ... jo, ja dös Fräulein ..."
Wahrend er so vor sich hinbrummte, dabei hier und da einen roten Zettel auf einen Haken aufspießte oder herunternahm, schien er direkt auf diesen Namen zugesteuert zu sein. Er legte plötzlich das Kinn in seine hohle Hand und riß die altersgrauen Augen hoch.
„Du, Franzl! Bitt schon, komm mal her!" rief er in die Halle hinein. Der Kellner schleppte ein Tablett voll Gläser, entleerter Aschenbecher, Zigarettenschachteln über der linken Schulter, stellte es neben das Hotelbuch und zündete sich, in der Annahme, Herr Loibl würde ihn länger aufhalten, eine Zigarette an.
„Um was handelt es sich alsdann?" erkundigte er sich.
„Bitt schön, hör guat zu! Kennst du net an Herrn Geheimrat Grunelius? Du woaßt schon! Den schlankem Herrn mit dem weißen Spitzbart. Schaugt no ganz passabel aus für fein Alter. Kommt allerweil
zum Tarock mit dem Herrn Oberpostdirektor außer Dienst, dem Herrn Graßmeier! Den muaßt doch kennen!"
Der Franz nickte zustimmend.
„Aso, bitt schon! Dann hör guat zu! Dieser Herr Geheimrat Grunelius und dieses Fräulein Karin Grunelius — spannst du was? Du net, aber i! I hab ihn nämlich gestern beobachtet, wiar er im Tarock verlorn hat, weil er einfach mit seinem Gehirn net da war. Wiar er nachher einmal rausganga is, hat er ein Telegramm aus der Taschn zogn, wischt sich den Schweiß von der Stirn, und da hab' i mir scho denkt, daß da etwas net in Ordnung war! No und heut —, da kommt ein Fräulein Grunelius aus Afrika —, also, wann dos net zammghort, woaß i net! Am End is dos ja koan Name wie Huber oder Meier! Wia denkst du dervon?"
„Vielleicht hast recht... vielleicht a net! Woaß mers? Am bestn is, du fragst morgn bös nette Fräulein. Nachher werft du'a ja erfahrn!" erwiderte Franzl in philosophischer Entscheidung, schulterte wieder bas Tablett und verschwand in Richtung des angrenzenden Restaurants.
*
Herr Loibl behielt durchaus recht mit seiner Behauptung am Vorabend. Karin Grunelius tauchte erst gegen Mittag auf.
Er war innerlich darauf vorbereitet, konnte jedoch em Erstaunen nicht unterdrücken, als Karin gegenüber der nächtlichen Begegnung einen geradezu lungmädchenhaften Eindruck machte, lebhaft und die Treppe herunterkam, die weinroten Handschuhe, die er am Abend vorher gar nicht so beachtet hatte, in der Rechten schlenkernd und mit einer unbekümmerten Miene auf den Ausgang zusteuerte.
„Schon guten Morgen, Fräulein Grunelius!" ries rhr Lorbl so gemütlich zu, daß sie sich kaum einer weiteren Begrüßung entziehen konnte. „Jnams guat geschlafn? Wie? Wunderbar, sagns? Dos is aber recht. Ja, ja, i sag ja, die Münchner Luft is scho was anderes als in Afrika da drübn. Bitt schon..." .
Aktuelle Geographie.
Oer gewaltige Raum des Ostfeldzuges. — Aufschlußreiche Vergleichszahlen.
Wenn man sich von der gewaltigen Raumaus- dehnung des deutschen Ostseldzuges eine klare Vorstellung verschaffen will, so bleibt kein anderes Mittel, als die Gegenüberstellung der Zahlen von bekannten Räumen mit den Zahlen der von der deutschen Wehrmacht bisher im Osten besetzten Gebiete.
2)a.> Deutsche Reich hatte im Januar 1914 eine Große von 540 000 Quadratkilometern. Fast genau so groß, 535 900 Quadratkilometer,"ist die Ukraine. Das nächgroßte Gebiet stellt Weißrußland bar. Es umfaßt 235 000 Quadratkilometer unb entspricht bamit ber Große von Preußen ohne Brandenburg, 'die sich auf runb 240 000 Quadratkilometer beziffert. Das Gebiet von Smolensk mit 74 900 Quadratkilometrn kann mit Bayern verglichen werden, das rund 75 000 Quadratkilometer groß ist. Das Gebiet von Drei hat 1000 Quadratkilometer mehr als Schlesien und das Sudetenland zusammen, die gemeinsam 64 500 Quadratkilometer bedecken. Litauen und Lettland zusammengenommen
sind 127 300 Quadratkilometer groß und entsprechen damit ganz Süddeutschland, also Bayern, Baden und Württemberg zusammen, die 120 000 Quadratkilometer haben. E st l a n d kann man mit seinen 47 500 Quadratkilometern den 49 000 des Protektorats oder den 47 000 Quadratkilometern der Provinz Brandenburg gegenüberstellen. Das Gebiet der Moldau-Republik mit 32700 Quadratkilometern ist schließlich etwa so groß wie Pommern, das 31 000 Quadratkilometer umfaßt.
Angesichts dieser Zahlen wird die Große der Kampf- und Marschleistungen der deutschen Truppen besonders anschaulich, wenn man bedenkt, daß die deutsche Wehrmacht diesen Gesamtostraum, zu dem man noch den Teil des ehmaligen Polen, Teile der Provinzen Kalinin, Leningrad, Karelien mit rund 500 000 Quadratkilometern hinzuzählen muß, also insgesamt 1 660 000 Quadratk i l om e- t e r vom 22. Juni bis 31. Oktober 1941, also in 132 Tagen, erkämpft hat.
Keine Lmprovisaüon und Analogie.
Mehr als zwei Jahre Krieg hat es gebraucht, damit in der englischen Oeffentlichkeit Stimmen laut werden, die erklären: 1. Mit der Improvisation geht es nicht, und 2. wir können den Krieg nicht nach der Analogie früherer Kriege, auch nicht nach der Analogie des Weltkrieges gewinnen.
Lloyd George war während des Weltkrieges die Verkörperung des Jmprovisationsgenies. Er selbst hat diesen Tatbestand einmal klassisch formuliert: „Wir wurstelten uns durch." Unsere Soldaten an der Ostfront würden große Augen machen, wenn sie sich „durchwursteln" sollten. Die Größenverhältnisse und die Technisierung des Krieges, die wieder sehr viele zweckgebundene Voraussetzungen hat, schließen die Improvisation bei allen Massen- leistungen aus. Diesem Tatbestand muß sich nun auch England beugen. Das ist bas sichere Zeichen, das England den Krieg nicht als Sport führen kann, sondern zumMasseneinsatz gezwungen ist.
Das Gegenstück zu der sporllich-leichten Improvisation ist die Analogie, deren logische Kraft sehr einfach ist: „Weil es einmal so gewesen ist, muß es wieder so sein." Ein englischer Rundfunksprecher führte seinen Landsleuten dieser Tage eindringlich zu Gemüt, daß England nicht in Belgien ober Nord- frankreich lanben könne, um Flanbernschlachten nach Weltkriegsvorbilb zu riskieren.
Der Mensch lebt in Gegensätzen. So lebt auch ber Englänber zwischen Improvisation und Analogie, zwei Gegensätzen, die schlechthin unvereinbar sind. Er muß auf beide Gegensätze verzichten, die ihm liebe Gewohnheiten sind. Das fällt ihm schwer. Die Notwendigkeit ist mehr theoretisch erkannt als praktisch anerkannt. Und so werden wir denn im englischen Nachrichtendienst und in der Londoner Presse noch lange genau das Horen, was wir im Weltkrieg gehört haben: Nur die Welt ist anders geworden.
Hoare wenig zuversichtlich.
Lissabon, 6. November. (Europapreß.) Wie aus London gemeldet wird, haben längere Besprechungen zwischen Ministerpräsident Churchill und dem englischen Botschafter in Spanien, Sir Samuel Hoare, in den letzten Wochen stattgefunden. Gegenstand der Erörterungen war die Frage, ob die Kriegsan st rengungenEnglands die neutralen Länder Europas davon überzeugen konnten, daß Deutschland besiegbar sei. Sir Samuel Hoare soll sich nicht sehr zuversichtlich geäußert haben, vorausgesetzt, daß nicht ein radikaler Umschwung in den Kriegsanstrengungen Englands eintreten sollte. Auch die letzte Rede, die Hoare am vergangenen Sonntag an der Universität in Reading hielt, bestätigte die Auffassung.
Die „Times" veröffentlicht die anscheinend von ber Zensur zurückgehaltenen Ausführungen Churchills zwei Tage später unb gibt sie an recht unauffälliger Stelle wieder. Sir Samuel Hoare sagte, daß es Deutschland gelungen fei, ganz Europa davon zu überzeugen, baß ein Sieg Deutschlands gewiß unb eine erfolgreiche Beendigung des Krieges durch England sehr zweifelhaft sei. „Wenn mir Europa Überzeugen wollen, baß wir nicht nur unschlagbar sind, sondern auch den Krieg gewinnen können, bann müssen wir dies an sichtbaren Aktionen zeigen, und zwar nicht nur im Kampf auf See ober in der Luft, Mcht nur in der Gewährung der Hilfe an den Alliierten Sowjet- rußland ober in der Unterstützung, bie uns von Seiten ber Vereinigten Staaten zuteil wird, sondern im Kampf auf bem Sand."
Die Botschaft, die Sir Samuel Hoare als Vertreter Englands in Madrid vom europäischen Festlande zu überbringen habe, sei keinesfalls schmeichelnd, sondern stelle einen Appell an feine Landsleute dar, seihst alles zu unternehmen, um eine Wendung der Lage herbeizuführen.
schwer beschädigt wurden, sondern sogar mehrere Schlachtschiffe, so z. B. „Rodney", „Malaya", „Resolution" und „Warspite" Letzteres mußte sogar seinen Weg quer durch den Pazifik in einen nord- amerikanischen Pazifikhafen nehmen. Die Veröffentlichung dieser Liste war der britischen Admiralität sehr unangenehm. Wenn sie trotzdem erfolgte, dann vermutlich aus Gründen der Innenpolitik in USA., weil Roosevelt seinem Volk die Große der Notlage Englands vor Augen fuhren will. Vielleicht will er auch zeigen, wofür bie Milliarben ausgegeben werben, bie er bem amerikanischen Steuerzahler zur Rettung Englanbs abnimmt.
Daß Deutschland) mit feinem Sieg im Osten auch bie britische Blockade roieber burchbricht, ist bei bem engen Zusammenhang ber Ereianisse natürlich. Die schärfste Waffe Englands war früher die Blockade. Heute ist sie stumpf geworden. Das Vertrauen Englands auf diese Waffe ist durch die bisherigen Kriegsereignisse widerlegt worben. Trotzbem bleibt bas wichtigste britische Ziel, bie wirtschaftliche Fesselung unb Einkreisung Deutschlands, bestehen. Nach- bem man in Englanb bie Stärke ber beutschen Autarkie erkannt hat, bekämpft man sie ohne Unterbrechung. Die britische Wirtschaftszeitschrift „Financial News", deren Herausgeber jetzt Jnformations- minifter ist, fordert die völlige Vernichtung ber beutschen Jnbustrie unb fügt hinzu, Deutschland) müsse von seinem Handel nach Osten und Sübosten für alle Zeit abgeschnitten werben. Deutschland müffe vom Überseehandel abhängig bleiben, damit diese Lebensader ihm jederzeit durch eine Seeblockade abgeschnitten werden könne.
Wir kennen dieses britische Ziel schon seit langem. Es ist immer dasselbe. Deutschland und bie übrige Welt sollen abhängig bleiben von ber Weltwirtschaft unter englischer Führung und von ber briti- fchen Seemacht. Das Deutsche Reich weiß bie Be- beutung ber eigenen Versorgung, aber auch bie bes Ueberseehanbels zu schätzen. Es ist nicht gewillt, sich nach bem Kriege in Europa abschließen unb ersticken zu lassen. Es ist Ziel ber beutschen Politik, bie britische Seeblockabe zu brechen unb bamit bie Abhängigkeit bes europäischen Ueberseehanbels von ber britischen Seewillkür ein für allemal zu beseitigen.
Der beutsche Ueberseehanbel ber Zukunft wirb deshalb unter bem Schutz ber deutschen Kriegsmarine stehen und nicht den Angriffen anderer Seemächte preisgegeben sein. Denn auch dieser Krieg hat uns wieder die grundlegende Bedeutung einer starken Seegeltung für die Unabhängigkeit und freie Entwicklung unseres Volkes gelehrt. Ohne eigene Seemacht gibt es keine freie Schiffahrt und keinen freien Ueberseehandel. Die Flagge deckt den Handel, das ist eine alte Erfahrung, die wir beherzigen werden.
Darum gilt es, bie Erkenntnis von bem Wert ber eigenen Seemacht im deutschen Volk weiter zu wecken und wachzuhalten.
Neue Niederlage der britischen Luftwaffe.
Berlin, 6. Nov. (DNB.) Die britische Luftwaffe hat ihre Einflüge in das deutsche Küstengebiet und die besetzte Kanalzone am 5. 11. wieder mit schweren Verlusten an Maschinen und ausgebildeten Piloten bezahlen müssen. Am Tage erlagen drei Jagdflugzeuge und ein Bomber den deutschen Messerschmittjägern oder stürzten, vom Flakfeuer getroffen, brennend ab. In der Nacht fielen weitere sieben Bombenmaschinen den Abwehrwaffen deutscher Vorpostenboote und der Flakartillerie zum Opfer. Damit hat die britische Luftwaffe innerhalb von 22 Stunden elf Flugzeuge verloren.
Am 5. 11. abends griffen britische Flugzeuge wiederholt einen deutschen Geleitzug vor der niederländischen Küste an. Der Feind erlitt hierbei schwere Verluste. Ein Bombenflugzeug wurde durch ein Vorpostenboot schwer beschäoigt, so daß es die Hohe nicht halten konnte und mit dem Porpostenboot zusammenstieß. Das Wrack des Flugzeuges fiel in die See und ging unter. Das Vorpostenboot wurde von anderen Bombern erneut angegriffen und schoß hierbei eine Bristol-Blenheim ab. Zwei weitere Bombenflugzeuge wurden durch Geleitfahrzeuge abgeschossen. Nach dem Verlust von vier großen Bombern gaben die Briten ihre erfolglosen Angriffe auf das deutsche Geleit auf.
©er Groß-Musti kommt nach Verlin.
Berlin, 6. Nov. (DNB.) Wie aus Rom gemeldet wird, wird der Groß-Mufti von Jerusalem Amin al Hussein!, nachdem er sich längere Zeit in Italien aufgehalten hat, im Laufe dieser Tage in Berlin eintreffen.
Litwinow-Kiukelstein soll nach Washington gehen.
Stockholm, 6. Nov. (Europapreß.) Der ehemalige sowjetische Außenkommissar Litwinow- Finkelstein ist zum Sowjetbotschafter in W ash in g t on ernannt worden. Dies wurde am Donnerstag aus Samara mitgeteilt.
Englischer Lleberfall auf französischen Geleitzug.
Paris, 6. Nov. (DNB.) Eine Mitteilung der französischen Admiralität besagt, daß am 2. November 200 Meilen südlich von Durban ein französischer Geleitzug von fünf Frachtdampfern auf der Fahrt von Madagaskar nach Dakar, geleitet von bem Aviso „Jberville", von einem britischen Geschwader, bestehend aus vier Kreuzern und sechs Patrouillenschiffen, verfolgt und angehalten wurde. Trotz der Bereitwilligkeit ber Franzosen, nach Mabagaskar zurückzukehren, bestauben bie englischen Streitkräfte, gestützt auf ihre Ueber- legenheit barauf, den Geleitzug aufzubringen. Die fünf Dampfer hatten eine Anzahl Kolonialfranzosen an Bord, die heimkehren wollten, sowie Lebensrnittel für Französisch-Afrika und bas unbesetzte Frankreich — 9000 Tonnen Zucker, 5000 Ton
nen Kaffee, 2000 Tonnen Reis, Trockengemüse, Fleischkonserven, Tabak usw. — jeboch keine Kriegsbannware. Die französische Regierung hat gegen biesen Angriff, ber mit bem Krieg gegen Englanb in keinerlei Beziehung steht, protestiert.
petain an die französische Frei- willigenleaion.
Vichy, 6. Nov. (DNB.) Der französische Staatschef Marschall Petain richtete an Oberst fiabonne, den Kommanbanten der französischen Freiwilligenlegion gegen ben Bolschewismus, eine Botschaft, in welcher er erklärt, baß die französische Freiwilligenlegion burch ihre Teilnahme an dem Kreuzzug gegen den Bolschewismus, besten Führung Deutschland übernommen habe, dazu beitrage, bie bolschewistische Gefahr von Frankreich abzuwenben. Gemeinsam mit bem Minister für die nationale Verteidigung wünsche P6tain der Legion bei Erfüllung ihrer Aufgaben Glück.
Englischer prviestschritt in Vichy.
V i ch y, 6. Nov. (Europapreß.) Ein Protest der englischen Regierung wegen der vor einigen Tagen erfolgten Verhaftung von vierzehn englischen Staatsangehörigen ist im französischen Außenmini
sterium erfolgt. Die Engländer wurden feftgenom* men, weil bie englische Regierung immer noch fron« zösische Staatsangehörige in Syrien, darunter zwei Mitglieber bes französischen Außenministeriums, zurückhält. Es scheint sich auch zu bestätigen, daß der Besuch des nordamerikanischen Botschafters bei Marschall Pstain am Dienstag mit dem englischen Protest in Verbindung stand.
Russische Minen
in japanischen Gewässern.
Tokio, 6. Nov. (Europapreß.) Nach einer Mit* teilung des japanifchen Jnformationsamtes lief der 4522 BRT. große japanische Dampfer „K i b t Maru" am Mittwochabend vor ber Küste von Korea auf eine Treibmine unb sank innerhalb von 30 Minuten. Das Unglück ist nach allgemeiner Annahme burch eine sowjetische Mine verursacht worben.
Die japanische Regierung hat wegen bes Unglücks einen scharfen Protest an bie Sowjetregierung gerichtet. Die japanische Regierung hatte bereits am 18. September wegen ber sowjetischen Treibminen in den japanifchen Gewässern bei ber Sowjetregierung protestiert. Ein japanisches Schiff war seinerzett gesunken unb ein weiteres beschäbigt worden. Der da- malige Protest besagte, daß die aufgefundenen Treibminen sowjetischen Ursprungs gewesen seien und aus dem Hafen von Wladiwostok stammen dürsten, der im Juli vermint worden sei.
Domei meldet, das bisher 247 Ueberlebenbe des Dampfers „Kibi Maru" geborgen werden konnten. Noch immer durchstreifen neun Schiffe die Gewässer, in denen die Schiffskataftrophe sich ereignete.
Paul Lincke.
Zum 75. Geburtstage des votkstümtichen Komponisten.
Als Paul Lincke im Jahre 1897 mit feiner ersten Operette „Venus auf Erden" in Berlin bekannt wurde, war die Zeit der großen Erfolge der Wiener Operette schon um ein Jahrzehnt vorüber. Wien lebte vorn Kapital der Strauß, Suppe und Millöcker, während bie Reichshauptstabt ber mit einigen Schlagern burchsetzten Lokalposse keine größere musikalische Form im Bereich ber heiteren Muse zur Seite stellen konnte. Die Unterhaltungsbühnen, bie sich außerhalb bes Stabtkernes aufgetan hatten, heute teilweise nicht mehr existieren oder nicht eigentlich zu ben Außenbezirken gehören, theatergeschichtlich für Berlin aber immerhin beben- tungsvoll waren, pflegten bie Wiener Operette.
Da erschien im Apollo-Theater plötzlich ein junger Komponist, besten Wiege sogar in Berlin ge- ftanben hatte, unb stellte ber Wiener eine Berliner Operette gegenüber. Zum großen Vorbilb liefen beutlich erkennbar die Fäden zurück. Die Ouvertüre und die Aktschlüsse zeigten in ihrem Aufbau bie nahe Verwandtschaft. Aber diese äußeren Formen wurden von einer Musik erfüllt, die berlinisches Wesen verrät: die Walzer waren gemütvoller, die Polkas „kesser" — um ben Berliner Ausbruck zu gebrauchen — bie Couplets verrieten auch in ber musikalischen Linie unb im melodischen Wurf jene Schnoddrigkeit, bie in ber Reichshauptstadt zum sprachlichen Wortschatz und Tonfall gehört. Man braucht nur an ben Walzer aus ber „Flebermaus" unb „Scklösser, bie im Monbe liegen", zu denken: deutlich hebt sich die musikalische Wesensart beider Städte gegeneinander ab.
Jener junge Komponist und Kapellmeister, dem es gelungen war, Berliner Art in der Musik zu spiegeln, war Paul Lincke. Am 7. November 1866 war er hier geboren, in Wittenberge und Berlin zum Orchestermusiker ausgebildet worden unb bereits als Neunzehnjähriger als Kapellmeister tätig. Als Dreißigjähriger führte er sich mit ber „Venus auf Erden" als Komponist gleich erfolgreich ein, und dieser Erfolg blieb jhm auch bei seinen späteren Werken treu, die wie „FrauLun a", „Lysistrctta", „Im Reiche des Indra" oder „Na- kiris Hochzeit" und später die Metropol-Theater- Revuen „Donnerwetter — tadellos" und ,Halloh, die große Revue" alle Welt mit Tanzmusik versorgten.
Fast während seines ganzen Lebens blieb Paul Lincke feiner Vaterstadt treu. Doch auch Paris verpflichtete vorübergehend den Berliner Komponisten und Dirigenten an feine Falles Benares, ohne daß dieser Aufenthalt seinen Stil unb feine persönliche Note beeinflußt hätte.
Das sreunbliche Gesicht mit den verschmitzt leuch- tenben Augen, bie elastische Gestalt bes Dirigenten, der mit knappen klaren Zeichen feinen Willen ausdrückt, lassen in Paul Lincke keinen Fünsundsiebzig- jährigen vermuten. ^Die gleiche Frische, bie feine Musik kennzeichnet, lebt in ihm unb hat ihn jung erhalten. Lothar Band.
er kam aus seinem Gehäuse auf Karin zu. „Apropos ... Asrikä... Harns net einen Verwanbten hier in München ... Grunelius... kommt mir so bekannt vor. Entschulbigens, wenn i a bissel neu- gieri bin!"
Karin entsann sich plötzlich des peinlichen Ein- brucks, ben sie gestern Hinterlasten zu haben glaubte, und wollte schon mit einer kühnen Geste barüber hinweggehen. Andererseits hatte sie das Gefühl, baß sie durch diese Verwandtschaft vielleicht in ber Achtung bes Portiers steigen würbe. Schreckliche, abwegige Gedanken hatten ihr bas Erwachen nicht gerade sehr rosig erscheinen lassen.
Wenn vielleicht der Onkel gar nicht in München märe? Verreist? Ober vielleicht gar nicht mehr am Leben? Wenn er in geheimrätlichem Zorn sie gar nicht kennen würde?
„Ihr Herr Onkel wirb sich freun, meiner Seel. Da- is er gftanb mit bem Telegramm wo Sie eahm gschickt Ham!" dozierte Loibl, beinahe an bem Schicksal Karins interessiert. „I kenn eahm nämli sehr guat! Ein reizender älterer Herr, direkt ein bißl Achnlichkeit Harns mit ihm, wenn i Sie recht anschau!"
War sie über die Mitteilung eines Telegramms, dessen Herkunft ihr unbekannt war, erschrocken, so besänftigte sie bas Urteil bes Portiers über ihren Onkel boch insoweit, daß sie mit gefestigter Stimme darum bat, man möge ihr ben Weg beschreiben.
Loibl ging mit ihr bis an die Tür, wies auf den Bahnhofsplatz hinaus, nannte ihr die Nummer ber Trambahn, zeigte in die Richtung ber Augusten- straße und gab ihr die Haltestelle hinter der Jo- sephskirche, Ecke Adalbertstraße als Ziel an. „Bitt schon, bann kommt em Friedhof unb glei an der Barerstraße da is bös Haus. Is in Schwabing brunten, im Künstlerviertel!"
„Zwei Mark fünfzig Pfennige", sagte Karin vor sich hin, „habe ich noch in ber Tasche. Wenn der Geheimrat nicht zu Hause ist» bin ich einfach verloren!"
Vorsichtig tastete sie sich über bie Straßenbahnschienen, umging ein paar rotweiß gestrichene Gitter, lief verkehrt im Kreise herum, bis sie roieber mit bem Blick auf bas Hotel ben Abfahrtspunkt ausmaß, ben ihr ber Portier bezeichnet hatte.
Neben ihr standen ein paar seltsame Figuren mit runden Tellerhüten und silbernem Brustschmuck, seidenen Tüchern um die Schultern und schwarzen gefalteten Röcken über blendend weißbestrumpften Fesseln in derben Halbschuhen. Endlich kam die Nummer sechs, Richtung Schwabing.
Bisher fand Karin alles so amüsant, daß sie sich mit einem köstlichen Lächeln erhoben fühlte. Sie schwebte mehr über den Dingen, als daß sie sich beschwert vorkam. Dazu kam, daß die Sonne sommer- lich warm zwischen dem großen Kaufhaus und bem Bahnhof lag unb bie Wagen ber Bahnen noch blauer machte, als sie schon waren.
Ganz deutlich konnte'sie sich ihres ersten Aufent. haltes in Kapstadt entsinnen, wo sie allerdings ihre vorzüglichen englischen Sprachkenntnisse über die Fährlichkeiten der inselhaften Einsamkeiten hinaus- hoben. Deshalb vermied sie es, irgendwie in der Trambahn aufzufallen, reichte eine Mark hin und sagte „Josephskirche!"
„Vorn ober hinten?"
Sie fühlte ein Unglück nahen, sah sich hilfefuchend um, weil sie bie Frage nicht verstand, und steckte eine kleine Locke unter die Mütze zurück.
„Weils nämli fumszehn kost bis zur Kirch und a Zwanzgerl, bals drüber naus fahm und die meisten pfeilgrab bis zur Adalbertstraße mitschlängeln tätn..."
„Adalbertsttaße!" wiederholte Karin hastig, um einer weiteren Unterhaltung aus bem Wege zu gehen. Sie wartete nur noch mit Bangen, bis ber Schaffner diese Station nannte, hörte erlösend ben leiernden Ausruf: „Steigts jemand aus?" unb ver» ließ eiligst ben Wagen.
(Fortsetzung folgt)


