Deutschlands Adler am Mittelmeer.
In dem Wehrmachtsbericht vom 25. Oktober 1940 wurde gemeldet, daß zum erstenmal italienische Kampfverbände von ihrer Absprungbasis im besetzten Gebiet in Frankreich gegen England gestartet waren. Die italienischen Fliegerver« bände, die damals auf den Wunsch Italiens im Westen eingesetzt wurden, weil Italien auch dort an dem direkten Kampf gegen England teilzunehmen wünschte, sind dann wiederholt in ehrender Weise in den Berichten des Oberkommandos der Wehrmacht genannt worden.
Jetzt sind also Abteilungen der deutschen Luftstreitkräfte ihrerseits an den italienischen Frontabschnitt im Mittelmeer verlegt worden. Die italienische Presse hat sie herzlich begrüßt und em besonderer Tagesbefehl des Generalstabschefs der italienischen Luftwaffe, des Generals Pricolo, heißt die Kameraden aus Deutschland willkommen. Aus diesem Tagesbefehl geht zugleich hervor, daß die nach der italienischen Front verlegten deutschen Fliegerstreitkräfte dort in den Seekrieg ebenso eingreifen werden wie in den Luftkrieg.
Der Vorgang dokumentiert aufs neue die auf dem politischen und militärischen Bündnis beruhende deutsch-italienische Waffenbrüderschaft. Darüber hinaus ist der Vorgang insofern von besonderer Bedeutung, als der gemeinsame Gegner, England, nun auch im Mittelmeer auf die so gefürchtete deutsche Luftwaffe, treffen wird. Nachdem schon die italienische Luftwaffe eine ganze Anzahl englischer Kriegsschiffe versenkt bzw. durch Bomben oder Torpedos schwer beschädigt hat, wird der Engländer jetzt die Zusammenarbeit der beiden Luftwaffen auch im Mittelmeer in sehr peinlicher Weise zu spüren bekommen, zumal ja diese Zusammenarbeit sich im spanischen Kriege und dann jetzt am Kanal bereits bewährt hat.
konnte binnen 24 Stunden die ihr befohlenen Landungsoperationen beenden und alle wesentlichen Flugplätze Norwegens in ihre Hand bringen. Fallschirm-, Luftlande- und Fliegertruppe waren im Besitz der entscheidenden Basen für die restlose Beherrschung des Luftraumes. Die Flakartillerie übernahm den Schutz von der Erde aus, die Luftnach- richtenlruppe stellte alle für die Führung notwendigen Verbindungen her. Bei den darauf folgenden Operationen zu Lande und bei der Sicherung der Küste nach See zu sorgte die Luftwaffe dafür, daß der Feind nicht in der Lage war, die deutschen Operationen zu stören. Auch hier wieder griff sie in den Erdkampf ein und bestimmte wesentlich das Zeitmaß der Operationen dergestalt, daß aus dem Hineinstoßen in den eben begonnenen norwegischen Aufmarsch ein schneller und voller Siea wurde. Sie erwies sich als ausschlaggebend für das Gelingen der gesamten Operationen, trua die Hauptlast des Kampfes gegen die der deutschen Kriegsmarine zahlenmäßig weit überlegene feindliche Flotte und brachte der bis zum 10. Juni vereinsamt und ohne jede Hilfe zu Lande oder zur See kämpfenden Gruppe Narvik Nachschub, Verstärkungen und Entlastung. Sie bewies, daß eine feindliche Flotte innerhalb eines sich weit erstreckenden Wirkungsbereiches auf die Dauer gegen eine überlegene Luftwaffe nicht zu operieren in der Lage ist. Zeitweilig auftauchenüe feindliche Seestreitkräfte wurden so hart und schwer angegriffen, daß sie nach ernstesten Verlusten verschwinden mußten, feindliche Landungsoperationen und Rückzugsbewegungen unter Zufügung blutiger Verluste gelähmt. Auch in Norwegen griff die Luftwafte wirksam in die Erdkämpfe ein. Sehr schnell mußte der Feind erken- nun und zugeben, daß seine strategischen Absichten zum Scheitern verurteilt waren, weil im Gegensatz zur feindlichen die deutsche Luftwaffe flog „wann, wie und wo sie wollte".
Allein unsere Luftwaffe vernichtete in diesem Kampfe 87 Feindflugzeuge (die auf Flugzeugträgern befindlichen nicht mit eingerechnet), 28 Kriegs- und Hilfskriegsschiffe mit ungefähr 90 000 Tonnen Schiffsraum sowie 71 Handelsschiffe mit 280 000 Bruttoregistertonnen und beschädigte durch Bombentreffer außerdem 80 Kriegs- und Hilfskriegsschiffe und 39 Handelsschiffe des Feindes. Durch den Feldzug in Norwegen wurde die britische Blockadefront zerbrochen und die deutsche Gegenblockade ermöglicht. Deutschland gewann die strategisch wichtige Flankenftellung gegenüber der Ostkufte der britischen Inseln.
Mit Beginn der großen Offensive im Westen (10. bis 13. Mai 1940) und des dann folgenden zweiten Angriffs (3. Juni) wurde die feindliche Luftwaffe durch schwerste Angriffe gelähmt und im Verlaufe der weiteren Kämpfe immer schneller und stärker ausgcschaltet, der gesamte Führun-^organis- mus des Gegners lahmgelegt und der Vormarsch bes eigenen Heeres gesichert.
Maßgeblichen Anteil hatte die deutsche Luftwafte an der Niederringung des feindlichen Widerstandes beim deutschen Durchstoß durch die feindlichen Be- festigungssysteme, wobei sie ihre neuen und den Gegner völlig überraschenden Kampfmittel einsetzte. Es sei nur an den Einsatz von Fallschirmtruppen mit Beginn des Angriffs auf die FeftunaHol- land und bei der Niederkämpftma des Forts Eben-Emael erinnert. Bei Sedan hielten Kampf-, Stumkampf- und Zerstörewerbände — bei gleichzeitiger Abwehr feindlicher Gegenangriffe aut Lust —. eingebundene Truppen des Gegners nieder und ermöglichten so den Durchstoß durch die für uneinnehmbar geltende verlängerte Maginotlinie. Gleicher Einsatz ermöglichte den Durchbruch durch die Maginotlinie südlich von Saarbrücken und am Oberrhein. Ueberall griff die Luftwaffe zur Unterstützung der Schnellen Truppen, also der Panzer- und motorisierten Verbände, in den Erdkampf ein, versorgte diese außerdem durch ihre Transporteinheiten notfalls mit Brennstoff, Munition und Lebensmitteln und zertrümmerte durch ihre harten Angriffe die Widerstandskraft des zurückflutenden Feindes. Dünkirchen wurde nach Warschau und Rotterdam em loderndes Fanal für das, was der Feind auch weiterhin zu erwarten hat. Der gewal- ttge Erfolg des Westfeldzuges, die Ausschaltung der englischen Stteitkräfte vom Festlandskriegsschau- platz, die Niederwerfung Frankreichs und die Gewinnung der strategischen Basis bis zur spanischen Grenze für alle drei Wehrmachtteile Deutschlands wurde durch den beispiellosen Einsatz der deuftchen
Luftwafte ermöglicht. Alle Tapferkeit und Stoßkraft des Heeres konnte sich in dem von ihr beherrschten und abaeschirmten Raum entfalten. In ununterbrochenen Angriffen unterstützte sie mit der zermürbenden Wirkung ihrer Bomben und durch den Einsatz der Flakartillerie oftmals auch im Erdkampf das Heer in seinem schweren Kampf. Die Jagdverbände unterbanden jeden feindlichen Versuch einer entsprechenden Gegenwehr. In der Zeit vom 10. Mai bis 3. Juni wurden 1841 Feind f lug- zeuge, davon 1142 im Luftkampf und 699 durch Flak abgeschofsen, mindestens 1600 am Boden vernichtet. Durch Bombentreffer beschädigt und teilweise vernichtet wurden 10 feindliche Kreuzer, 24 Zerstörer, 3 Torpedoboote, 22 sonstige Kriegsschiffe sowie 117 Handels- und Transportschiffe.
In der Zeit vom 4. Juni bis zur Beendigung des Feldzuges in Frankreich wurden weitere 383 Feindflugzeuge in Luftkämpfen und 155 durch Flakartillerie abgeschofsen sowie 239 am Boden zerstört, dazu 26 Sperrballone und 1 Fesselballon. Auch der feindlichen Kriegs- und Handelsflotte wurden schwerste Verluste beigebracht.
Nachdem Deutschlands Luftwaffe nunmehr über die strategische Ausgangsstellung vom Nordkap bis Mr spanischen Küste verfügte, konnte sie nicht nur das Reichsgebiet und die besetzten Gebiete mit ihrer Produkttonskraft vor jeder ernstlichen Störung
durch den Feind schützen, sondern Mgleich den Kampf gegen die Lebensnerven der britischen Rüstung unter den günstigsten Bedingungen auf- nehmen. Als der Führer nach langem Zuwarten den Befehl zur Durchführung von Vergeltungsangriffen gegen England erteilte, begannen Anfang August die deutschen Einsätze gegen England und seit dem 7. September auch gegen London. Von nun an trug unsere Luftwaffe mit den leichten lieber- und Unterwasser-Seestreitkräften der Kriegsmarine die, Hauptlast des Kampfes gegen England. Ununterbrochen fallen seitdem die furchtbaren Schläge der deuftchen Luftwaffe a u f öie belagerte Festuna Großbritannien. Nachdem man dort auch aus dem norwegischen Feldzug und dem Krieg in Holland, Belgien und Frankreich nichts gelernt hat, beginnt ein neues Warschau oder Dünkirchen von unvorstellbarem Ausmaße sichtbar vor den Augen der ganzen Welt Wirklichkeit zu werden.
Während die Kraft der deutschen Luftwaffe mit jedem Tage wächst, schreitet die Zertrümmerung des Gegners unaufhaltsam und immer rascher und stärker fort. Der Kamps gegen England ist damit schon heute so gut wie entschieden. Den Zeitpunkt deh Niederbruchs Englands kann das deutsche Volk in Ruhe und im Vertrauen auf den Führer und seine Wehrmacht abwarten.
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eder Butter noch Kanonen. f
Von unserer Berliner Schriftleitung.
M hat sich dock die Lage geändert! „Wir müssen", schreibt jetzt das Londoner Massenblatt, die „Daily Mail", den Leibriemen enger schnallen, wenn wir durchhalten wollen" und führt dann aus: „Wir sind jetzt vor die Wahl gestellt: Kanonen oder Butter. Das Volk, das die wahre Lage erkannt hat, wird Kanonen wählen." Womit zugegeben wird, daß sich der gegen Deutschland gerichtete Aushungerungskrieg jetzt gegen die englische Insel gerichtet hat und das, was die Briten den Deutschen zufügen wollten, jetzt von ihnen selbst sehr schmerzlich empfunden wird. Sie formen versichert fein: alle Leiden, die sie der deutschen Weltkriegsgeneration von 1914/18 zu fügten und der Hunger, der in den deutschen Eingeweiden wühlte, hunderttausende von deuftchen Frauen, Kindern und Greisen frühzeitig ins Grab brachte, fallen mit Wucht jetzt auf England zurück. Gerade die „Daily Mail" hetzte während der Auftechterhaltung der Hungerblockade gegen Deutschland, die amerikanischen Quäker dürften den deutschen „Hunnenkindem" keine Milch geben. Ein toter Hunne sei besser als ein lebender Noch im Jhare 1920, zwei Jahre nach dem Waffenstillstand, hat dieses Blatt der englischen humanity die gleiche Fackel des Fanattsmus aufrecht erhalten. Und jetzt ...?
Wir lassen Tatsachen sprechen: Die „New Port Herald Tribüne" meldet aus London, die Ankündigung des Ernährungsministers W o o l t o n über die Herabsetzung der Rationen sei eigentlich nichts als ein Bluff, denn tatsächlich seien selbst diese kümmerlichen Rattonen nicht zu erhalten. Offiziell würden Transporftchwierigkeiten vorgeschoben, ober die Vorräte reichten in Wirklichkeit einfach nicht aus und viele Londoner Fleischereien seien infolge Fleischmangels bereits geschlossen. Die Londoner Korrespondentin der Stockholmer Zeitung „Alle- handa^ teilt in diesem Zusammenhang am Samstag nut, daß man im Norden Londons durchweg die neuen, verringeren Fleischrationen bekommen fönne. Anders sei es jedoch in den anderen Stadtteilen. Im Süden Londons z. B. fönne man höchstens Fleisch für einen Schilling in der Woche erhalten. Das gleiche treffe für die Provinz au. Man finde Stellen, an denen man überhaupt fein Fleisch kaufen könne. Hier und dort bekämen die Geschäfte nur Fleischkonserven, die entsprechend den Rationierungsbestimmungen abgegeben würden. „England erfährt immer deutlicher, daß das Geschäft nicht wie üblich vor sich geht", erklärt die Schwedin. („Business not as usual.") — Der Londoner Korrespondent des „ABC", Luis Calvo, stellt fest, daß sich ab Montag die Rind- und Schweinefleischrationen und sogar die bisher reichlicher abgegebenen inneren Organe auf b i e Hälfte der bisherigen Portionen reduzieren werden. „Man hat dafür aber", so fährt der Korre
spondent fort, „für dieses Jahr eine Erhöhung der Benzinzuteilung versprochen, allerdings unter der Bedingung, daß jeder Autofahrer in erhöhtem Maße dazu beiträgt, die Verkehrsschwierigkeiten überwinden zu helfen und freie Plätze in seinem Wagen jedem Passanten zur Verfügung stellt, der ihn darum ersucht. Die Umgebung von London ist nämlich voll von Leuten, uniformierten- und nicht- uniformierten, die Kraftfahrer anhalten und um einen Platz bitten, weil es sonst absolut unmöglich ist, von der Stelle zu kommen.
Man versteht also, weshalb Lord Wootton mahnen konnte, man solle sich Konserven hinlegen für den Fall, daß einzelne Teile Englands einige Wochen nicht beliefert werden konnten, nur, daß der Lord übersah: daß die Arbeiterfrauen überhaupt nicht die Möglichkeit haben, solche Konserven zu bezahlen, weil der Schleichhandel den ärmeren Schichten alles vor der Nase wegschnappt. Die Vertröstungen Woottons, man werde mehr Kartoffeln anbauen, können den Hunger dieser Monate nicht bannen. Die Folgen des deuftchen Handelskrieges sind die gleichen, die die englische Hunaerblockade 1914/18 über die Mittelmächte brachte. Aber diese bittere englische Erkenntnis wird Dem englischen Volke vergeblich dadurch versüßt, daß dieses Hetzblatt schreibt, es würde jetzt Kanonen der Butter vorziehen. Jahrelang hatte man im Bewußtsein des Besitzes gehetzt, die Deutschen zogen Kanonen der Butter vor und hatte unter gemeiner Fälschung des Sachverhalts diese Formulierung gefunden, um seinen billigen Spott daran zu hängen. In Wirklichkeit hatte Reichsmarschall Goring am 6. Dezember 1935 in Hamburg gesagt: „Die Frage ist, ob wir für unsere Devisen Erze kaufen sollen oder andere Dinge. Entweder kaufen wir Butter und verzichten aus die Freiheit oder aber: wir erstreben die Freiheit und verzichten dann auf die Butter. Wir haben uns für das erstere entschieden." Der Sinn dieser Worte war klar. Wir haben unter der sorglichen Vorratswirtschaft unseres Hermann Gorings auf etwas Auslandsbutter verzichtet und dafür Erze und andere notwendigere Sachen einge- führt, und jetzt haben wir nicht nur Kanonen und U-Boote, die England das Leben so sauer machen und ihm die Butter und das Fleisch und tausend andere Lebensmittel versenken und abschneiden, sondern das deutsche Volk hat auch fetzt, mitten im Kriege, eine höhere Butter- und Fleischratton als das englische, und vor allem erhält es sie, während das englische Volk vergeblich Schlange steht.
Es hat weder Fleisch noch Butter, und auch keine Kanonen, denn daß England nur halb g e • rüstet sei, ist eine immer wieder vorgebrachte bittere Klage. So haben sich zahlreiche in sozialistischen Lagern stehende Politiker kritisch mit der Leistungsfähigkeit der englischen Kriegsindustrie ausetnan«
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dergesetzt und dabei wohl eine Steigerung des Pro- duktionsvolumens anerkannt, jedoch erklärt, daß in gewissen Teilen der Industrie nach wie vor Desorganisationen und personelle Unfähigkeiten w i e ein Hemmschuh auf die Produktion wirkten. Einen besonders heftigen Angriff führte das Organ der sozialistischen Arbeiterpartei, der „Daily Herald". Das Blatt behauptet, in kriegswichtigen Industriezweigen befänden sich nach wie vor Arbeiter, die nur zur Hälfte eingespannt seien. Verschiedenen Ministerien wird vorgeworfen, daß sie ihre Aufträge in völliger.Unkenntnis der Sachlage tätigten und feine Rücksicht auf Arbeitskraft, Materialvorräte und Liefertermin nähmen. Eine „drastische Reinigungsaktion innerhalb der höheren Dienststellen" erscheint dem „Daily Herald" als einzig mögliche Abhilfe. Während ein Ministerium zur Erlangung brauchbarer Maschinen und Maschinenteile aus dem Lande alles herausnehme, dulde ein anderes, daß ganze Schiffsfrachten von Maschinen wochenlang in den Häfen herumlägen. Das Derkehrsministerium fei nicht in der Lage, die Verkehrsmöglichkeiten den Kriegserfordernissen anzupassen. Die Regierung habe zwar die Kontrolle über die privaten Eisenbahngesellschaften übernommen, jedoch herrsche in der City, ein „schmunzelndes Wohlbehagen" darüber, daß die Regierung ihre Verkehrspolitik den Interessen der Aktionäre an- passe.
In Anbetracht dieser Mißstände fordert das Blatt eine neue Regierungsumbildung. Da jedoch der führende Arbeiterparteiler Arthur Green- w o o d verantwortlich für die „Koordinierung der industriellen Kriegsanstrengungen" ist und dessen Ausoootung aus dem Kabinett mehr als ein persönlicher Prestigeverlust sein müßte, vielmehr als ein Schlag gegen das Ansehen der Partei, das bereits durch das Versagen ihres Parteichefs A t t 1 e e schwer gelitten hat, empfunden werden müßte, glaubt das Blatt selbst nicht ernstlich an eine solche Regierungsumbildung. — Uns kann es gleichgülttg sein, wie die Labourpartei sich mit dem Versagen ihrer Emissäre in der Plutokraten-Reqierung Chur- chills abfindet, wir nehmen dies ständige Suchen nach neuen Männern nur als Zeichen wachsender Unsicherheit, eine Folge der unaufhörlich auf England niederprasselnden deutschen Bombenangriffe, die England nicht zur Besinnung kommen lassen.
Gießener Gtadttheater.
Giacomo Pueeini: „Madame Butterfly".
Neben dem Naturalismus in „La Bohöme", dem nervenaufpeiftchenden Realismus in „Toska" wurde die Kraft des Milieus in „Madame Butterfly" für die Geltung Puccinis entscheidend. Es hat nicht an Stimmen gefehlt, die gerade das farbige Kolorit des Fernen Ostens im Lichte der allerdings stark empfindsamen Musik nicht als vollwertig anerkennen wollten, ja ein bekannter Musikhistoriker wagt es, in überheblicher Art, von „Madame Butterfly als „amerikanisch-japanischem Gefühlskitsch" zu sprechen. Gcjunder musikalischer Sinn hat aber dennoch fein Urteil dem Werk gegenüber behauptet: bas bezeugen die häufigen Wiedergaben im Rundfunk und Kon- zertsaal.
Zwei äußerlt entgegengesetzte Welten prallen mit der Lebensauffassung ihrer Vertreter in der Oper gegeneinander. Auf der einen Seite nüchternes, zweckgerichtetes Amerikanertum, auf der andern eine im Wunjchvoll-Traumhaften lebende naive Frauenseele eines fernentrückten, daher aber für den phantasievoll eingestellten Beschauer um so reizvolleren Landes.
Nicht wie in „Toska" eine Handlung von einer gewissen Sensationskraft, hier schwingt sich bas Empfinben von Mensch zu Mensch, unb in der ethischen Auswirkung ber Lebensgrundsätze rollt sich das Schicksal eines Menschen vor uns ab. Wir erleben die Charakterentwicklung eines an sich primitiven, aber in seinem Innern unverfälschten menschlichen Wesens, das sich durch die Verkettung widriger Umstände zu heldischem Maß erhebt, unb weil seine Ehre befleckt würbe, muß bas bamit wertlos geworbene Leben geopfert werben.
Die Geisha Cho-Cho-San, Butterfly genannt, beansprucht für sich das Recht ber abenbländischen Wett, sie betrachtet ihre Verbindung mit Linkerton nicht nur als Scheinehe, sondern als einen rechtmäßigen Bund mit allen sich daraus ergebenden Verpflichtungen. Sie verkennt dabei ihre nach Stamrnesbrauch rechtlose Stellung als Geisha. Daß sie dem amerikanischen Leutnant Linkerton durch die Liebe nähergekommen ist, bestärkt sie in der Täuschung, sich als ihm ebenbürtig zu betrachten. Sie muß an der Doppelbedeutung dieser Auftastung zerbrechen.
Die sich in idyllmähiger Brette ausspannende Handlung läßt die Fäden der dramatischen Konse
quenz sich zum tragischen Höhepunkt des Schlusses verdichten. Man muß es den Gestaltern des Textbuches besonders anerkennen, daß es ihnen gelingt, die Vertreterin der Titelpartie fast ständig auf ber Bühne zu zeigen, ohne dadurch aufdringlich zu wirken. Zum andern aber haben sie gerade die uns märchenhaft erscheinende Welt des Ostens mit der ihr eigenen Poesie gezeichnet und so den Musiker zur (Entfaltung höchster Schaffenskräfte angeregt.
Wir wissen, daß Puccini in ber Genesungszeit nach einem schweren Autounfall sich durch die Arbeit an diesem Werk innerlich aufrichtete und die Schmerzen betäubte. Puccini, der, wie er einmal bekennt/ „bie kleinen Dinge liebte", und, wie wir es an ber Gestalt ber Mimi aus „Bohöme" erlebten, tiefsten Anteil nahm an bem Schicksal bedrängter Frauen, hat gerabe in ber „Butterfly" Tone von tieffter, ja liebevoller Innigkeit zum Klingen gebracht, und durch die Brücke bes Mitleids wurden bie stärksten Gefühlsimpulse wach. Er entfaltet eine Reichhaltigkeit bes Ausdrucks und gibt den einzelnen Personen ihre Sonderwerte, wie er jede Szene von dem ihr zukommenben originellen Blickpunkt einfängt. Die beiden im Gegensatz stehenden Weltanschauungen werben ebenso gegensätzlich cha- rakterisiert wie auch bie einzelne Person je nach ihrer Gemütslage durch die Musik treffend gezeichnet wird.
Die ostasiatische Sphäre läßt Puccini durch bie Mittel des Musikalischen anschaulich werden. Alte- rierte Harmonien ober auf, ber Ganztonleiter beruhende melodische Wendungen erweisen sich hier als stimmungbindend. Dazu hat Puccini originale japanische Melodien seinem melodischen Gut eingeschmolzen. Die Partitur erweist überall ein liebevolles Eingehen bei einer äußerst differenzierten Ausdrucksweise bis zur feinsten Sublimieriheit bes Klanglichen. Manches, was man früher stellenweise als Abhängigkeit vom Impressionismus ansah, wird man heute als Vertiefung von Puccinis Ausdrucks- weise werten müssen.
Die Aufführung unter ber Spielleitung von Max Schwarze, Staatstheater Wiesbaben, a. G, bewies überzeugend, zu welchen Leiftungen unsere Buhne fähig ist, wenn bie leitende Hand die Einzelkräfte auf ein Ziel hin absttmmt und zu dienenden Helfern und Schaffenden werden läßt. So gelang es, einen Eindruck zu gewinnen, der über das Opernhast-Theatralische vorstieß in die Sphäre mensch- sicher Wahrheit. Der enge Kontakt zwischen Spiel und Musik war bis zum letzten hin erreicht und gerade die Wendepunkt» der Handlung im Iwetten
und letzten Akt bezeugten bas mit ihrem dramatischen Stocken unb dem allmählichen Wiedergewinnen der-Wirklichkeit. Die gegensätzlichen Welten wurden in ihrer Eigenart gekennzeichnet, und jede der Einzelszenen im ersten Akt war in ihrer Wichtigkeit ausgerunbet und in ihrer Bedeutung betont.
Der sich nach jedem Akt schließende Vorhang mit feinen javanischen Symbolen gab schon äußerlich dem Geschehen die Einheitlichkeit. Die Blütenpracht des ersten Bildes verschmolz engjtens mit bem blühenden Melos der Musik; Karl Löffler (Bühnenbild) hatte sich auch diesmal mit sorgsamer Durchbildung der Einzelheiten um bas Gelingen des Ganzen bemüht. Dem Wechsel der Situation folgend, verknüpfte sich die Lichtführung mit den klanglichen Vorgängen (Remigius Konen).
Das Band zwischen Orchester und Bühne war, zumal in den dramatischen Situationen, stark ge- sestigt und die Einheitlichkeit bes Gesamtacschehens so sicher gestellt. Otto S ö 11 n e r ließ bie Lyrik bes ersten Aktes strahlend aufblühen und folgte auch sonst den feinnervig-empfinbungsvollen musikalischen Entwicklungen und führte die Kräfte zu klanglichen Auftteigerungen. Das bildhaft erschaute Vorspiel zum dritten Akt wurde für bas Orchester eine Sonderleistung. (Es muß auch diesmal betont werben, daß das Eingehen auf das Leistungsvermögen ber menschlichen Stimme nicht nur auf Einzelfälle beschränkt bleiben darf, sondern bie durchgehende Regel fein muß.
Gabriele Possinke, bisher hier nur in der Operette hervorgetreten, erwies sich in der Titelrolle als eine Gestalterin, die nicht nur eine Summe von Einzelzügen abzubilben vermag, sondern lebensvoll unb lebensnah menschlich packen und überzeugen kann. Die innere Entwicklung, gekennzeichnet vom Geisha-Dasein bis zum Lebensopfer um ber Ehre willen, war in allen Stadien anschaulich geprägt unb mit inneren Gefühlswerten gefüllt. Naiv, innig, anmutig; als in ber Liebe erwachendes Weib; mit warmer aufopferungsfreubiger Mütterlichkeit; das gab ihrer Darstellung innere Glaubhaftigkeit. An ihrem Sttmmklang mochte man selbst diese Abwandlung in der Modulation unb ber Art ber Stimmgabe erkennen, mit einem schwebenden Piano in den (Erinnerungswerten bes zweiten Aktes unb flanglicher (Entfaltung in ber Wiedersehensarie.
Ilse Winhold ließ in ihrer Verkörperung ber Suzuki gerade bas Menschliche fühlend sich verdeutlichen und durch den Klang ber Stimme bestätigen. AK Linkerion war Christoph vv» be
sonderem Gewicht mit dem innerlichen Erleben seines Partes mit starken Kontrasten zwischen bem ersten und letzten Akt. Hier ber verlangende Liebhaber, dort gequält von verzweifelter Reue. Groß war er in ber Entfaltung seiner gesanglichen Fähig- Feiten; ausgeglichen in allen Lagen und Stärke- graben spannte er bie Kantilene roeitatmig mit strahlendem Klangbogen. Im Verein mit seiner Partnerin konnten ihn selbst Versehen bes Inspizienten (1. Akt) nicht, beeinträchtigen.
Ihm zur Seite als väterlicher Berater stand Gustav Bley als Konsul Sharpleß, als Träger feiner schwierigen Mission mit jeher Geste und jebem Ton von seiner inneren Anteilnahme unb ber Vergeistigung seines Partes zeugenb. Der Intriganten- natur bes Goro gab Kurt Bosny eindringliche Verkörperung; ber Onkel Bonze (Bernhard Schmitz) wirkte mit dämonischer Kraft seines Fluches.
Jeder Träger der vielen Einzelgestatten wie auch der Anteil bes Chores war auf bas Ganze hin organisch ausgerichtet und hatte teil an ber starken Auswirkung der Ausführung, bie bie Hörer bis zuletzt bannte, bann aber zu vollem bankenden Beifall bewegte. Dr. Hermann Hering.
Das japanische Hähnchen.
Eines Tages fuhr Tolstoj mit feinem Freund auf der Moskauer Pferdebahn. Der 68jährige Dich- ter nahm seinen Fahrschein unb fragte feinen 'Begleiter, ob er daraus ein japanisches Hähnchen machen könne. Aus die verneinende Antwort bat er den Freund, zuzusehen. Er faltete das Billett so zusammen, daß daraus ein zierliches Hähnchen wurde, das, wenn man es am Schwänze zog possierlich mit den Flügeln schlua Der Dichter'batte sichtlich feine Freude daran Doch mitten in dem Spiel kam ber Kontrollbeamte unb verlangte die Fahrscheine. Da hielt ihm Tolstoj lächelnd das Hähnchen hin unb zog es am Schwänze, unb bas Hähnchen schlug mit ben Flügeln. Der Beamte ner- zog keine Miene, sondern nahm mit dem ernsten Gesicht eines Mannes, ber keine Zeit mit Kindereien zu verlieren hat, bas Hähnchen, faltete es auseinander, sah die Numnter nach unb riß den Fahrschein mitten durch.
Vielsagend sah Tolstoj seinen Freund an und sprach betrübt: „So sind manche Menschen. Dieser Mann ist ohne jedes Zartgefühl.-


