LlGA. gegen Finnland.
Erpresserische Ankündigungen als Sowjethilfe.
senkungsziffer wir- immer katastrophaler, je weiter die Zeit fortschreitet.
Und nun ist ein neuer schwerer Schlag zu verzeichnen. Kriegsmarine und Luftwaffe versenk- ten im Atlantik wiederum 53 000 BRT. sowie einen Zerstörer. Drei weitere Schiffe und em Zerstörer wurden durch Torpedotreffer schwer beschädigt. Deutsche Kampfflugzeuge versenkten ferner ostwärts Aberdeen drei Handelsschiffe mit 20 000 BRT. und beschädigten bei den Shetland-Inseln einen Frachter schwer. Also an einem einzigen Tag hat England durch unsere Kriegsmarine und Luftwaffe erneut 73 000 BRT. verloren! Aus dieser Erfolgs Meldung fei noch ein Satz hervorgehoben: „Weitere drei Schiffe und ein Zerstörer wurden durch Torpedo- trefser schwer beschädigt." Die deutsche Zählmethode der Feindverluste ist streng. Angerechnet werden den U-Bootkommandanten als „versenkt" nur jene Schiffe, deren unmittelbares Untergehen beobachtet werden konnte; jene Schiffe, bei denen nur ein Torpedotreffer beobachtet wurde, gelten als „tor* pediert" oder „schwer beschädigt". Die Engländer haben (teilweise mit nordamerikanffcher Hilfe) die Bewachung ihrer Handelsschiffe wesentlich verstärkt. Das hemmt die Beobachtung. Es kann unter Umständen für den U-Bootkommandanten wichtiger sein, sein Boot und seine Mannschaft heil nach Hause zu bringen, als festzustellen, ob dem Torpedotreffer auch das unmittelbare Versinken gefolgt fft.
Wo sind die Hoffnungen Churchills geblieben, der Druck auf Englands Nervenzentrum durch die Atlantik-Schlacht werde nachlassen? E- S.
Das Ritterkreuz.
Berlin, 4. Nov. (DNB.) Der Führer und Oberste Befehlshaber der Wehrmacht verlieh auf Vorschlag des Oberbefehlshabers des Heeres, Gene- ralfeldmarschall von Brauchitsch, das Ritterkreuz des Eisernen Kreuzes an Generalleutnant Moser, Kommandeur einer Infanteriedivision; Generalleutnant Bieler, Kommandeur einer In- fanteriedivision; Generalmajor Thoma, Kommandeur eines Infanterieregiments; Leutnant Feß- mann, Führer eines Spähtrupps in einer Panzer- Aufklärungsabteilung.
Feodosia.
Die am 3. November von den Deuffchen besetzte Hafenstadt Feodosia, die im 13. Jahrhundert von Italienern gegründet wurde, liegt an der Süd- ostecke der Halbinsel Krim am Anfang der Halb- insel von Kertsch, die im Süden durch das Schwarte Meer, im Norden durch den großen Salzsee Siwasch und das Asowsche Meer begrenz wird.
Die Einnahme von Feodosia bedeutet also die Abriegelung der Kertscher Halbinsel. Außerdem haben die Bolschewisten mit Feodosia den Haupthandelshafen der Krim verloren, der sich dadurch auszeichnet, daß er das ganze Jahr über eisfrei bleibt. Gegen das Schwarze Meer schützt ihn das Kap Ilja. Das 7,5 Meter tiefe Hafenbecken hat einen Umfang von 26 Hektar Es ist durch Molen und breite Piers gesichert Zwölf Kais mit IVe Kilometer Länge und elf Anlegestellen fallen jetzt für die Einschiffung der zurückflutenden Bolschewisten aus.
In Friedenszeiten wurde hier das aus dem reichen Hinterlande zusammenströmende Getreide verschifft, auch im Tabakhandel spielte Feodosia eine Rolle, im Winter kam dann noch die Verladung von Anthrazit und Kohle hinzu, da in dieser Zeit der Hafen des bereits früher von den Deutschen besetzten Mariupol ausfällt. 1934 handelte es sich ohne das Oel um einen Umschlag von rund 650 000 Ton- nen. Etwas abseits liegt noch eine offene Reede zum Verladen von Petroleum. Auch als Industrieort hat Feodosia eine Bedeutung.
Den Fremden besticht vor allem das bunte Völkergemisch, das sich in der Stadt angesammelt hat. Großrussen und Ukrainer als Einwanderer in den letzten 150 Jahren, Griechen und Armenier als Kaufleute wie überall am Schwarzen Meer, dazu noch eine beträchtliche Anzahl von Juden haben die tatarische Stammbevölkerung durchsetzt und eingeengt Da Feodosia an den Nordostabbängen des Tet-Oba inmitten von Wein- und Obstgärten liegt, hat es auch dem Auge etwas zu bieten. Heute be- sitzt die Stadt gegen 30 000 Einwohner.
Weitere Industriegebiete genommen.
Berlin, 4. Nov. (DNB) Deutsche und italienische Truppen'haben im S ü d a b s ch n i t t der Ostfront in erfogreichem Vordringen weitere Teile des s o w j e t i s chen Industriegebietes in Be- f i tz genommen.
Helsinki, 4. Nov. (DNB.) Staatssekretär Hüll yat am Montag, wie aus einem Bericht der l18^.-Agentur Associated Preß hervorgeht, eine Erklärung über das Verhältnis der Vereinigten Staaten zu Finnland abgegeben, die eine im internationalen Verkehr bisher ohne Beispiel dastehende Einmischung in die Angelegenheiten des finnischen Volkes zugunsten der Bolschewisten dar- stellt. Die Erklärung Hulls gipfelte in der Warnung, daß Finnland seine militärischen Operationen gegen die Sowjetunion prompt einstellen müsse, wenn es wünsche, sich die Freundschaft der Vereinigten Staaten zu erhalten (!).
Zu dieser erpresserischen Drohung gegenüber Finnland nimmt die finnische Zeitung „Ajan Suunta" in ihrem Leitartikel am Dienstag unter der Ueberschrift „Eine Kriegserklärung wird vorbereitet" scharf Stellung. Finnland müsse seine Lebensrechte ebenso wie 1939/40 gegen die Sowjetunion verteidigen, und dieser Verteidigungskampf ohne politische Bedingungen dauere noch fort und sei teilweise in das Gebiet getragen, das dem Feind zum Angriff diente. Die Forderung an Finnland, sich aus jenen Gebieten zurückzuziehen, sei so ungeheuerlich, und würde die finnischen Grenzen in ge- sahrdroyender Weise entblößen, daß die nationalen Interessen dies ein für allemal nicht zulasten dürften. Man könne von einem Volk nicht freiwillig die Zustimmung zu seiner eigenen Vernichtung verlangen. Seit der Antwort, die England auf seine Note am 6. Oktober von der finnischen Negierung erhalten habe, habe sich nichts ereignet, was den dabei vertretenen finnischen Standpunkt ändern könnte. Falls England auf die Vorstellungen seines Verbündeten Finnland den Krieg erklärt, so müsse es wissen, daß diese Maßnahme im Verhalten Finnlands zu seinem östlichen Angreifer nichts ändere. England würde sich nur eines An-
(DNB.) .... 4. Nov. (PK.) An die Nacht vor Great Yarmouth werden die englischen Seeleute denken. Wir hatten ihnen gestern, als ihnen im Schutz eines langen Schlagschattens der Kreideküste die Tarnung gelungen war, ein „Come-Back" geschworen. Nun war es soweit, und es gab für die Briten kein Entrinnen mehr. Von 15 Schiffen hat unsere Gruppe in dieser Nacht fünf total vernichtet und zwei weitere wurden so schwer beschädigt, daß sie zumindest für lange Zeit ins Trockendock gehen müssen. So wurde ein englischer Geleitzug zur Hälfte dezimiert, und man wird die Heuer für die Matro- sen abermals erhöhen müssen.
Bei dem ausgezeichneten Angriffswetter war es klar, daß unsere Maschinen in dieser Nacht zweimal starten würden. Wie sehr aber auch dem Feind das Mondlicht zugute kam, das mußten zwei Maschinen erfahren, die über See von englischen Nachtjägern gestellt wurden. Wir erlebten bange Minuten, als sie uns durch Funkspruch mitteilten, „werden angegriffen". Dann Ruhe. Eine ganze Zeit lang nichts. Ein neuer Funkspruch: „Angriff beendet. — Kehren zurück." Die beiden Besatzungen sind nun mit ihrer stark beschossenen Maschine wieder unter uns, und ist möchte nicht zu jener englischen Schiffsbesatzung gehören, die das nächste Mal von diesen Männern angegriffen wird.
Der Gefechtsbericht dieses Morgens ist umfangreicher als sonst. Unser Kommandeur konnte erst vor wenigen Tagen die stolze Erfolgsmeldung abgaben, daß feine Gruppe in fünf Monaten über eine halbe Million BRT. englischen Schiffsraumes vernichtet hatte. In dieser Meldung lagen Tage und Nächte über dem Atlanti k verborgen, und in dieser Meldung wurden die Geleitzugsstra- ßen westlich und östlich von England für uns erkennbar ... Mit dem gegenwärtigen Erfolg blicken wir nun gemeinsam auf eine vernichtete Tonnage von 544 000 BRT. zurück. „Verluste: Keine" — steht als Schluß des Gefechtsberichts. Nur wir allein können wissen, wie sehr das unseren Erfolg noch erhöht.
Unsere Erfolge rechtfertigen die Opfer. Aber je-
griffs schuldig machen, der ebenso unprovoziert sei wie der der Sowjetunion. Wenn man in London dagegen die Hoffnung hege, man würde sich in Finnland zu dem englischen Anareifer anders stellen als zu dem bolschewistischen, so könne man mit gutem Grund bereits sagen, daß dies ein schwerer Irrtum sei. Das finnische Volk habe immer gegen den Angreifer gekämpft und werde es auch jetzt tun. „Außerdem", fo betont das Blatt, „brauchen wir diesmal nicht allein zu kämpfen wie im Winterkrieg, und ein neuer Angriff würde dazu angetandein, die Bande gegenseitiger Freundschaft und HiMeistung zwischen Deutschen und Finnen, die nachdem bolschewistischen Angriff entstanden sind, nur noch zu festigen.
(Sine Unterredung mit Staatspräsident Nyti.
Helsinki, 5. Nov. (DNB. Funkspruch.) Der fin- Nische Staatspräsident Ryti wies in einem Interview, das er einem Korrespondenten der „North American Newspaper Alliance" gewährte, darauf hin, daß die Finnen unter eigenem Kommando an einer 460 Meilen langen Front kämpfen. Den Oberbefehl über die (Befamtoperationen habe Generalfeldmarschall Mannerheim inne. Finnand fei an der historischen und politischen Ordnung seines Landes interessiert. Der finnische Vormarsch werde von den finnischen Defensiv-und Sicher- heitsinteressen bestimmt. Im Hinblick auf Me Beziehungen zu den Vereinigten Staaten erklärte der Staatspräsident, die USA. müßten sich dessen bewußt sein, daß die Sowjets Finnland mehrfach angegriffen hätten, und daß Finnland sich so gut wie möglich zu verteidigen suche.
desmal, wenn mir an diesem oder jenem Abstell- platz unserer Maschinen vorüberfahren, wo neue Besatzungen mit neuen Flugzeugen einsatzklar sind, jedesmal werden vor uns die Männer lebendig, die nicht mehr in unseren Reihen sind. Sie schienen uns mit diesem oder jenem Platz, wie beispielsweise einem Hangar, fest verwachsen. Sie waren einfach eins damit, und es ist deshalb manches Mal noch unfaßbar für uns, daß da plötz- lich eine ganz andere Besatzung, die neu zu uns kam, an der Maschine steht. Davon zu reden haben wir ein Recht, denn es muß immer wieder daran erinnert werden, daß der Erfolg auch Opfer fordert. Gerade in dieser Schlacht um den Atlantik, die sich der Heimat selten anders vorstellt, als durch den OKW.-Bericht.
Es fft bekannt, daß Herr Churchill in der Schiffsrechnung für Britannien seine eigene Mathematik verwertet. Es fei ihm nun hier un- fer Gefechtsbericht auszugsweise vorgelegt. Es ist die einfache Sprache des deutschen Kampffliegers. Herr Churchill hat sie in zwei Kriegsjahren boherr- fchen gelernt, und sie erscheint ihm kostbar genug, um sie ganz allein für sich zu behalten.
Hier spricht die Stimme von Narvik und Dünkirchen, Herr Premierminister von Groß- brita-nnien, hier spricht die Sttmme vom Mittel- m e e r und von der Barentsee, hier, Mister Churchill, klingen mit den Herbststürmen vom Atlantik die Explosionen Ihrer untergehenden Schiffe an Ihr Ohr! W ahr hei t gegen Lüge — Bomben gegen Illusionen!
Unser Gefechtsbericht lautet:
1. Angriff auf 7000-Tonner. Handelsschiff. Nach Bombenwurf starke, Helle Explosion, die Schiff und Kanzel der Ju<88 hell erleuchtete. Später dunkle, anhaltende Flamme. Nach ein bis zwei Minuten nur dicke Rauchwolke. Vom Dampfer nichts mehr zu sehen. Dampfer vernichtet!
2. Angriff auf 3000-Tonner. Nach Bombenwurf Besatzung des Schiffes sofort in die eigenen Rettungsboote. Mit Beschädigung ist zu rechnen.
3. Angriff auf 10 000-Tanker. Volltreffer mitt- fchiffs. Eine geringe und eine sehr starke Explosion.
Anschließend starkes, stehendes, Helles, stichflammenartiges Feuer, weit leuchtend. Tanker oernichtet
4. Angriff auf 6000-Tonner. Handelsschiff. Sckiss durch mehrere Volltreffer zerrissen und in kürzester Zeit gesunken. Schiff vernichtet.
5. Angriff auf 8000-Tonner. Handelsschiff. Erne Bombe zu kurz. Drei Bomben Volltreffer. Starke Explosion, in der Schiffsteile herumflogen, stehender Brand auf Achterschiff. Während Beobachtungszeit von 30 Minuten gleichmäßig anhaltender Brand. Schiff vernichtet.
Eine in der Atlantikschlacht eingesetzte deutsche Kampfgruppe nimmt sich durch ihren Kriegsberichter die Zeit, Ihnen, Herr Churchill, diese Rechnung zu präsentieren.
„Das Kriegspoieniial der Sowjets so gut wie erschöpft." TürkischerGeneralüberdiemilitärischeLage
Istanbul, 5. Nov. (DNB. Funkspruch.) Die großen Verluste an Menschen, Material und Landesteilen der Sowjets werden von General S a d i s im „Tasviri" Efkiar" hervorgehoben. Die Sowjets haben, wie der General feststellt, Gebiete doppelt so groß wie ganz Frankreich, mehr als ein Drittel ihrer Bevölkerung und die Mehrzahl ihrer großen Industriezentren an die Deutschen verloren. Da die Mehrzahl der Bevölkerung in den heute noch sowjetischen Gebieten Nichtrussen ist, sei, so schließt der General, das Kriegspotential der Sowjets so gut w i e erschöpft, zumal es sich bisher erwiesen habe, daß die amerikanische Hilfe nicht genüge, um den Widerstand der Sowjets aufrechtzuerhalten.
Auch G e l i t stellt in derselben Zeitung fest, daß der Vormarsch der Deutschen ohne Aufenthalt weitergehe. Man habe, so schließt der Verfasser, eine Eroberung der Krim durch die Deutschen für unmöglich gehalten. Die Tatsache habe jedoch bewiesen, daß der Widerstand der Sowjets auch in diesem Punkt zusammengebrochen sei.
Aus Moskau
Helsinki, 5. Nov. (Europapreß.) Die Moskauer „Prawda" veröffentlicht einen Aufruf an die Bevölkerung, Tankhindernisse zu bauen. Die Ueberelegenheit der deutschen Armee, so wird in dem Aufruf gesagt, bestehe hauptsächlich in der Ueberlegenheit der deutschen Panzerwaffe. Aufgabe der sowjetischen Bevölkerung sei es daher, dieser wirksamen Waffe der Deutschen möglichst große Hindernisse zu bereiten.
Koivisto-Znseln von den Finnen genommen.
Berlin, 5. Nov. (DNB.) Finnische Truppen Haden die Koivisto-Jnseln vor der Südwestküste der karelischen Landenge in einem kühn durchgeführten Unternehmen besetzt. Diese Inseln haben bis zum Moskauer Frieden von 1940 zu Finnland gehört, mußten dann aber an die Sowjetunion abgetreten werden. Die Inseln waren bereits zur finnischen Zeit stark befestigt. Die Sowjets hatten nach der Besetzung der Inseln die Befestigungsanlagen weiter ausgebaut. Die sowjetische Ostseeflotte fand in den Gewässern zwischen den einzelnen Inseln gute Ankerplätze und benutzte das Gebiet daher als eine Art Hilfshasen für Kronstadt. Die Eroberung dieser Inselgruppe durch finnische Stoßtrupps bedeutet eine weitere Verengung des Einschließungsringes um Leningrad.
Entnebelung an der Themse.
Berlin, 4.November. (DNB.) Während die Briten gewöhnlich die Bedeutung der deutschen Siege verkleinern, werden jetzt angesichts der Bedrohung Rostows und der Häsen auf der Halbinsel Krim Unkenrufe laut.
Ein Londoner Rundfunkkommentator erklärt, man müste sich bereits jetzt die Frage vorlegen, welche Bedeutung dieser Geländegewinn für die Deuffchen haben würde. Er beantwortet sie damit, daß der Irak, Iran und Syrien bedroht und sämtliche Gebiete zwischen Sewastopol und Singapore mit betroffen feien. Noch weiter läßt der Herausgeber des „Christian Science Monitor" seine Phantasie schweifen: „Die Einnahme von Rostow und die vollständige Eroberung der Krim würden Hitler ohne Zweifel die Schlüssel zum Kaukasus in die Hand geben und ihm im Süden das Tor nach Afrika, im Osten das nach Indien und Asien öffnen."
Das ist schon zuviel des Guten, aber es zeigt 'doch, wie den Briten klar geworden ist, daß die
Ein Blitzsieg vor Great tzarmouth.
Kampfgruppe versenkte in vier Stunden 31000 BNT.
Von Kriegsberichter Rudolf Hartmann.
Heimkehr am Morgen.
Von Theodor Heinz Köhler.
Der Soldat, der mir gegenübersaß, stand auf, ließ das Fenster herab und sah hinaus. „Nächste Sta- tion mußt du aussteigen!" sagte er zu mir.
Ich nickte. Wir hatten uns unterwegs fennengelernt und einander erzählt, woher wir tarnen und was das Ziel unserer Reise war.
Der Zug fuhr weiter, und der Soldat setzte sich wieder in die Ecke. Die anderen im Abteil schliefen alle. Ich lehnte meinen Kopf an die hölzerne Wand und sah zum Fenster hinaus.
Es begann zu dämmern. Das Land, das zuvor hügelig gewesen war, war nun sehr flach. Die Häu- fer hatten Strohdächer. Aus roten Backsteinen mären sie erbaut, und kleine weiße Drücken führten über die schwarzen Gräben zu ihnen hinüber.
Ich hatte noch Zeit bis zur Ankunft des Zuges, aber es gelang mir nicht, ein wenig zu ruhen. Das Fenster stand offen, und ein Luftzug strich über mich hin. Ach, er war mir fo vertraut! Er schmeckte nach See und Tang und Torf.
Ich lächelte in das Dämmern hinein, hörte das eisenharte Rollen der Räder auf den Schienen unter mir, und ich konnte kaum noch sitzen, solche Unruhe kam über mich.
In der Ferne wurde die Stadt sichtbar. Ich stellte mich ans Fenster und sah sie größer werden und näher kommen. Dann lief der Zug in die schwarze Bahnhofshalle ein.
Der Soldat mir gegenüber sagte: „Na, du bist ja zu benähen: schon zuhause!"
„Noch nicht ganz!" erwiderte ich und stieg aus.
Ich blickte mich nicht noch einmal um; ich lief rasch die Treppe hinab zu dem Tunnel, der unter den Bahnsteigen hinwegführte. Ich hatte es sehr eilig, aber es war noch sehr früh am Morgen, und die Kleinbahn, die mich nach Haufe bringen sollte, das letzte, kleine Stück einer langen Reise, fuhr erst später. Ich trat aus dem Bahnhof.
Schlaftrunken standen die großen Hotels gegenüber. Ein Milchwagen rollte einsam vorbei. Kein Windstoß rührte ay den Kastanien.
Ich atmete tief. Die Lust war ftisch und rein, und fo sauber waren die Straßen. Ich ging in sie hin
ein. Es war noch still in ihnen, und meine Schritte hallten laut wider.
Ein paar Arbeiter, Aktentaschen unter die Arme geklemmt, kamen mir entgegen: zwei junge Mädchen liefen wortlos hinterdrein. Ich sah mit einem leisen Verwundern in chre Gesichter, an denen noch der Schlaf haftete.
Aber ich war munter, obwohl ich die Nacht hindurch tein Auge zugetan hatte. Ich ging am grauen Dom vorüber, in eine schmale Gasse hinein. Eng aneinander gedrängt standen darin die alten Fachwerkhäuser. Sie waren fo niedrig, und an den kleinen Fenstern hingen Blumenkästen. Unter dem schmiedeeisernen Schild eines Gasthofes schritt ich dahin, kam am Ende der Gasse auf den kleinen Platz, der im nebelgrauen Morgenschatten der Kirche lag. Ich kannte ihn gut, und ich ging über fern holpriges Pflaster bis an das Geländer.
Es war noch nachtkall, als ich meine Hände darauf legte. Ich beugte mich hinab. Steil fiel die Mauer ab. Unten, an dem kleinen steinernen Kai, lag schwarz ein langer Frachtkahn, und dahinter sah ich den Strom in feiner ganzen Breite.
Es war noch sttll auf dem Wasser, und auch die hohen, alten Packhäuser säumten traumtief und stumm das jenseitige Ufer.
Lange stand ich so am Geländer Mischen Kirche und Lagerschuppen einer Tcibatfirma, sah hinab, gewahrte den Rauch, der blau aus dem winzigen Schornstein des Frachtkahnes aufstieg und hörte Stimmen. Eine Frau kam an Deck, blickte zu mir herauf. Dann schlug es von dem Kirchturm, und ich wandte mich ab und ging davon.
Ich suchte eine Telefonzelle, zögerte noch ein wenig, ehe ich das Fernamt wählte. Das Fräulein sagte: „Bitte, sprechen", und mein Herz klopfte sehr. Die (Stimme, die sich meldete, klang mir fremd, und ich lauschte in den Hörer hinein und sah, daß meine Hände zitterten. ,Hch bin da" sagte ich nur, mehr nicht; ich konnte es nicht. O, wie war mir der Ton- fall der Worte, die an mein Ohr drangen, nun vertraut! „Ich komme mit dem Frühzug", rief ich, „uftb in zwei Stunden bin ich bei dir."
Ich eilte wieder zum Bahnhof, aber es war noch ZU früh. Ich ging auf und nieder am Bahnsteig, und dann endlich trug mich die Kleinbahn aus der Stadt fort.
Still saß ich am Fenster und sah hinaus. Die letzten Stadthäuser blieben zurück, ner Himmel »eite te sich über der Niederung, und ich erkannte den Fluß. Ich sah fein schimmerndes Band in den Wie- sen und in der Ferne die Pappeln am Fährhaus, Ich saß, und meine Hände wischten an dem Fenster, obwohl längst kein Hauch mehr meinen Blick trübte. Der Rücken des Hügels stieg sanft aus der Ebene. Weiß leuchtete die Kirche zwischen den Föhren hervor.
Der Zug glitt über die Brücke, rollte an der Windmühle vorüber, dann stieß er einen langgezogenen Pfiff aus.
Ich stand auf und nahm meinen Tornister aus dem Gepäcknetz. Ich mußte noch ein wenig warten, ehe der Zug hielt.
Mein alter Freund.
Von Fr. W. Schluckebier.
So oft ich einen Brief ins Heimatdorf schreibe, und so oft ich selber dort bin, gilt meine Sorge einem alten Freund, dem Schuster-Heinrich. Aus den Achtzig, die fein ungebeugter Rücken trug, sind neunzig geworden, und jetzt geht er schon auf die Hundert los, und der Alte, der ehemalige Meininger 32er, lebt immer noch soldatisch munter. Seit er in der Kriegerkameradschaft die Mütze mit her Goldborte und den blauen Tuchanzug mit dem Hoheitszeichen erhielt, meint man, er sei noch ge- roher, aufrechter geworden. Zu feinem weißen Bart, her Zierde des Alters, stehen im troffen Gegensatz feine Augen, die jung geblieben sind. ,Zch hab zu viele schöne Weibsleut angeguckt", sagte er mir einmal, als ich ihn hanach fragte.
Die Augen sind heute noch so gut, daß er jüngst mitschoß und mit fünf Schüssen — es stand in den Heimatzeitungen — 23 Ringe erzielte. Das bringt mancher Jüngere nicht hin! Dabei war er noch nicht einmal stolz auf diese Leistung. „Es hätt' besser sein herfe!" erklärte er entschuldigend, „ich hab zwei- mal gewackelt. Wenn der Unneroffizier Schmitt noch lebe tät, könnt' er roihher .Schwoinehund!' briöer
Ja, leider lebt her Unteroffizier Schmitt nicht mehr, denn er ist an feinem, im Jahre Siebzig erworbenen Leiden schon vor der Jahrhundertwende
verstorben. Dafür aber lebt der Schuster-Heinrich noch tüchtig und weiß unserer großen Zeit zu geben, was ihr gebührt. Er hat Weißenburg und Wörth mitgemacht, war bei Sedan dabei und ist mit in Paris eingezogen. Der General Vogel von Falcken- stein hat ihn persönlich gelobt bei einer Schlacht, ich glaube, es war bei Orleans, und das alles ist schon vor 70, ja 71 Jahren gewesen! Und wenn ich mir vorstelle, daß ein siebzigjähriger Mensch weiße Haare hat und schon ausruhen darf von feiner Hände Arbeit und seines Lebens Mühe, um wieviel mehr muß ich da meinen alten Freund bemun- hem, der im 96. Jahre steht. „So alt wird fein Schlappe!" sagt er lächelnd und zieht an der Zi- garre, hie ich unter Todesdrohungen von einem befreundeten Kaufmann für ihn erpreßte, „es kommt daher, weil ich immer de Kopp owe behalte hab. Alles Annere könnt mer geftohle Meinte wie em Deiwel fei Großmutter."
Das ist eine Lebensanschauung, aus der man lernen kann. Zwei Sohne unseres Alten sind im Kriege geblieben, der eine am Kanonenberg in der Champagne, her andere in her Tankschlacht bei Cambrai in den Novembertagen 1917. Heute stehen wieder, um deren Söhne und Enkelsöhne vor dem Feinde, eine stete Fortsetzung alter deutscher Soldatenüber. üeferung. Das ist es, was man im Auslande nicht verstehen kann, diese ständige Soldatenfolge in den deutschen Sippen, das Niemals-Abreißen jener überlieferten Haltung, die vom Ahn und Urahn auf den Enkel überkommen ist und ihren sinnfälligsten Aus» druck in den Worten findet: „Gehorsam, Treue, Tapferkeit!" Diese verbriefte alte Soldatenlosung, die im heutigen Schicksalskampf des deutschen Volkes eine glänzende Wiedergeburt erfahren, und tagtäglich von den Enkeln und Urenkeln der ©trätet von 1870/71 in wortloser Selbstverständiichkeit in die Tat umgesetzt wird, fft und bleibt das deutsche Heldenlied.
Dieses Heldenlied klingt auch nochmals auf, wenn in einigen Wochen mein alter Freund feinen 96. Geburtstag feiert, denn dann werden sie ihm, gleich- wenn es draußen auch eine Kälte fein wird, daß die Ob ft bäume im „Wingert" vor Frost schreien, jenen alten Soldotensang spielen, her immer wieder aufs neue bas greife Soldatenherz jung hat werden lassen im Lauf der Jahrzehnte: „Sei Sedan auf den Höhen!*«


