Aus der Stadt Gießen.
Lieder und Bräuche beim Erntefest.
In den deutschen Volksliedern spiegeln sich Denken und Erleben unseres Volkes am innigsten wider. Diese Lieder handeln aber nicht nur vom Frühling oder vom bunten Herbst. 2Iud) in der Erntezeit und beim Erntefest entstanden kleine Volkslieder, besonders in den Gebirgsgegenden. Schon beim Dengeln der Sensen wird gesungen:
Wann i pfeif und fing, beng, beng, bing, bing, bing, beng, geht's nöt halb so streng!
(Steiermark.)
Auch viele bayerische Schnadahüpferl gehören hierher. Text und Ton entstehen hier gleichzeitig, und es ist schwer, sie schnell aufzuzeichnen. Sie kann man eben nur singen.
In Schwaben wurde ein Erntelied gesungen, dessen erste Strophe so lautet:
Lustig ins Felde, nicht müßig gestanden!
Es ist nun die prächtige Ernte vorhanden! Alles soll laufen, was regen sich kann!
Bindet die Garben und traget recht an!
Und in Norddeutschland singen die Knechte beim Wetzen der Sensen:
Striek un wett un strikt un wett, un kiek mal na de Sünn! Wie wölln den Burn bat Geld afnehm'n, de Dag is bald to Enn!
In der Gegend von Hannover ließ man oft ein Stück des Getreideackers ungeschnitten, und beim Erntefest wurde es umtanzt, darauf gemeinsam ab- geschnitten und in einem Zug, Musik voran, ein- gebracht. Dabei wurde gesungen: „Wir kommen jetzt vom Hafermäh'n ..."
Zu einer Melodie werden oft die verschiedensten Terte gefunaen. Daß diese Erntelieder auch echte Volkslieder sind, geht auch daraus hervor, daß sie wandern. Man hört sie im Süden Deutschlands, bann wieder im Norden ober im Osten. Eins ber bekanntesten Volkslieber ist bas solgenbe: „Ich härt' ein Sichlein rauschen ..."
All biese Lieber entsvrinqen ber Dankbarkeit, die jeh»r Bauer beim Erntefest empfindet.
Zu den vielen Bräuchen während der Ernte und beim Fest gebärt auch die letzte Rogaengarbe, die früher in vielen Gegenden Deutschlands auf dem Acker stehenblieb Sie war Wotan geweiht. Im S'baumburgischen nannte man die letzte Garbe ,.Maulrogaen", und die (Schnitter riefen dreiyial „Waul" (Wetten). Im alten Mecklenburg riefen die Schnitter: „Wode. hale dinern Rosse nu Voder (Futter)!" Daß Wotans Gemahlin, Freya, in verschiedenen Namen auftritt ist bekannt. Wir finden sie als Karnmntter Roaaenweib und Kommubme.
So haben sich alte germanische Sitten und Gebräuche bis in unsere Zeit erhalten. Unbewußt pfleate sie das Landvolk, und von Geschlecht zu Geschlecht wurden sie weitergetragen. H.
Tageskalender für Samstag.
Gloria-Palast, Seltersweg: „Annelie". — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Krach im Vorderhaus". — Artilleristenkameradschaft: 20.30 Uhr Kamerad- schaftsappell im „Hessischen Hof". — Herbstmarkt (Schaumesse) auf dem Oswaldsgarten.
Tageskalender für Sonntag.
Stadtthsater: 15.15 bis 17.15 Uhr „Ich bin fein Casanova": 19 bis 22 Uhr „Liebe in der Lerchengasse". — Gloria-Palast, Seltersweg: „Annelie".— Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Krach im Vorderhaus". — Obst- und Gartenbauverein Gießen: 15.30 Uhr Versammlung im „Burghof". — Herbstmarkt (Schaumesse) auf dem Oswaldsgarten.
Theater der Universitätsstadt Gießen.
Morgen, Sonntag, findet die Erstaufführung ber Operette „Liebe in ber Lerchengasse" statt, zu ber Hermann Hermecke bas Textbuch, Arno Vetterling die Melodien schrieb. In den Hauptrollen: Renate Freihen, Käte Jaenicke, Valeska Lange, Hans Bergmann, Kurt Bosny, Leopold Fischer, Hugo Hellmers- Hallwegh und Franz Payer. Die musikalische Leitung hat Gerhard Hergert, die Spielleitung Franz Payer, Bühnenbilder Karl Läsfler.
Wenn Augen versagen Magnus-Brillen tragen!
Bauernarbeii im Dienste der Volksgemeinschaft.
Eindrücke und Beobachtungen in einem Bauernhof.
Am morgigen Erntedanktag tritt die Arbeit unserer Bauern und Landwirte wieder einmal ganz besonders in den Vordergrund des öffentlichen Interesses. Im Hinblick darauf haben wir während eines ganzen Tages der Arbeit in einem Bauernhof in Lau g- Göns beigewohnt. Unser Besuch galt dem Betrieb des Landwirts Wilhelm Keßler, der als Kartoffelsaatgutvermehrer, Schweine- und Pferdezüchter weit über sein Dorf hinaus bekannt ist. Bei diesem Einblick in die bäuerliche Arbeit, wie auch bei früheren Besuchen in anderen Dörfern konnten wir eindrucksvolle Beobachtungen über das Wirken unseres Bauerntums im Dienste der Volksgemeinschaft machen.
In diesen Herbsttagen herrscht auf dem Lande Hochbetrieb. Die Arbeit läuft fast pausenlos vom frühen Morgen bis in die Nacht hinein. Es gilt, die wichtigen Erntegüter für unsere Volksernährung zu bergen und zum Verbrauch bereitzustellen. Aber nicht nur in diesen Wochen der Ernte, sondern auch zu anderen Jahreszeiten gibt es im Bauernhof Arbeit in Hülle und Fülle.
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Frühmorgens zwischen 5 und 6 Uhr — im Sommer oft noch früher —, wenn sich die meisten Stadtbewohner noch einmal auf die andere Seite umdrehen, ist im Bauernhöfe die Zeit des Aufsteigens gekommen. Die ersten Arbeiten gelten der Versorgung des Viehes. Da müssen die Pferde gefüttert und geputzt werden, im Kuhstall ist Futter aufzustecken und zu melken, in den Schweineställen machen sich die hungrigen Borstentiere ungestüm bemerkbar, nebenher sind die Ställe zu säubern und ist frische Einstreu zu geben. Auf dem Hofe sind die Wagen und Arbeitsgeräte zunächst mindestens für den Vormittag bereitzustellen. Dann erst können der Bauer und seine Angehörigen an das Kaffeetrinken denken. Nun kommen auch schon die Helfer, soweit sie nicht im Bauernhause selbst wohnen, zur Arbeit auf den Hof. Dann zieht der Bauersmann mit seiner Frau, seinen erwachsenen Kindern und den Hilfskräften hinaus ins Feld, wo sie in schwerer Arbeit auf den Aeckern die Nahrung für Mensch und Tier, für Dorf und Stadt gewinnen, die uns allen das tägliche Brot ist. Nur kurz ist die Mittagspause, die aber auch dazu dienen muß, das Vieh zu versorgen und die Arbeitsgeräte für den Nachmittag bereitzumachen. Wiederum geht's dann hinaus ins Feld, wo die Arbeit bis in den Abend hinein alle Kräfte in Anspruch nimmt. Wenn mit dem sinkenden Abend Mensch und Tier auf den Hof zurückkehren, ist aber noch lange kein Feierabend. Nun gilt wieder die erste Sorge des Bauern und seiner Helfer der Versorgung des Viehes, während die Hausfrau im Haus und auf dem Hofe noch so viel zu tun hat, daß auch sie kaum einmal zum Verschnaufen kommt. Meist erst spät am Abend kommt die Bauernfamilie dazu, sich zum Nachtessen um den Tisch zu versammeln. Und dann sind alle von der schweren Arbeit des Tages so ermüdet, daß nur noch kurze Zeit für einen Blick in die Zeitung verbleibt, worauf dann endlich die wohlverdiente Ruhe folgt. So reiht sich Werktag an Werktag.
Der Sonntag bringt nicht minder große Arbeitspflichten, auch wenn sie den Bauer und feine Helfer nicht hinausführen auf den Acker, sondern in Haus und Hof zu erfüllen sind. Da ist wiederum, wie an jedem Tag, das Vieh zu versorgen und außerdem noch vieles zu tun, was an Wochentagen nicht gemacht werden kann. Der Bauer hat vor allem auch (eine mannigfaltigen schriftlichen Arbeiten zu erledigen, die für einen ordnungsgemäßen Betrieb unerläßlich sind. Die Bauersfrau muß neben der Tagesarbeit noch solche hausfraulichen Angelegenheiten besorgen, die unter dem Zwang der Arbeitsfülle wochentags zurückgestellt werden mußten.
Diesen normalen Alltagsbetrieb fanden wir bei unterem Besuch auf dem Bauernhof in Lang-Gäns zu Anfang dieser Woche durch die herbstliche Erntearbeit noch erheblich gesteigert vor. Im Dorfe — und ebenso ist es in allen anderen Dörfern zur Zeit der Ernte — herrschte fast sonntägliche Stille, denn alle Einwohner, die nur irgendwie zur Feldarbeit fähig sind, waren schon von den frühen Morgen
stunden ab draußen auf den Aeckern. Wir zogen, während die Angehörigen unseres Bauern mit den Helfern auf den Kartoffeläckern arbeiteten, mit unserem Gastgeber zunächst hinaus zum Grasschnitt, um das schnittreife Grünfutter heirnzufchaffen. Uederall im Feld herrschte der Hochbetrieb der Erntearbeit. Selbst der über 70 Jahre alte Großvater stand dabei noch wacker seinen Mann: bei der Kartoffelernte war er ebenso rege mit dabei wie beim Pflücken des Obstes auf der hohen Baumleiter. Vom Futterschneiden gingen wir mit zu den Kartoffeläckern, und auch hier wieder erlebten wir so emsiges und anstrengendes Arbeiten beim Ausmachen der beliebten Knollen, wie es sich wohl viele in der Stadt kaum vorstellen zu können. Alt und jung, vom Großvater bis zum Schulkind, gönnten sich kaum einmal eine Minute des Aufrichtens von ber mühevollen Arbeit des Kartoffelauflesens. Vorher aber muß der Bauer selbst, vielfach auch — wenn der Bauer zur Zeit unter den Waffen steht — der Großvater ober ein hilfsbereiter Nachbar mit Pferben ober Kühen unb KartoffSlrober die langen Furchen von einem Enbe bes Ackers bis zum anderen aufreißen, um die Kartoffeln ans Tageslicht zu schaffen. Und er muß, wenn die Ausleser ihre Arbeit vollendet haben, mit ber Egge hinter bem Pferb ober ber Kuh den Acker erneut in Arbeit nehmen, um bie noch in ber Erbe steckenben Knollen hervorzuholen, bamit auch sie geborgen werben können. Wie anstrengend bas Auf unb Ab bes Marsches über den Acker ist, konnten wir als „Mitmarschierer" selbst verspüren. Sobald der Segen des Ackers in den Säcken geborgen war, folgte das Ausladen der schweren Lasten auf den Wagen. Hochbeladen mit Säcken rollte schließlich der Wagen heimwärts zum Hof. Von dort ging es dann sofort mit dem Gespann und einem anderen Wagen wieder hinaus, um nochmals wertvolles Futter von der Wiese heimzuschaffen. Mittlerweile war es gegen Abend geworden, die Zeit, da in der Stadt die Feierabendruhe Einkehr hält. Aber hier draußen im Dorfe dachte kein Mensch in dieser Stunde an Feierabend. Noch einmal ging's hinaus auf den Kartoffelacker zur Erntearbeit. Viele andere Fuhrwerke zogen ebenfalls wieder hinaus. Rundum im Feld herrschte noch immer regstes Schaffen. Erft als die Dämmerung fast schon zur Nacht geworden war, kehrten die Fuhrwerke und die unermüdlichen Männer, Frauen und Kinder, ins Dorf zurück. Allenthalben in den Häfen herrschte jetzt weiterhin der eherne Rhythmus der Arbeit. Nun war abzuladen und der Kartoffelsegen in die Keller zu bringen. Das Vieh mußte wieder versorgt werden. Die Fuhrwerke und Geräte waren für den nächsten
Tag bereitzumachen. Die alte Großmutter, bie tagsüber zu Hause in ber Hauswirtschaft ebenso unermüdlich geschafft hatte, erhielt jetzt eine Ent- laftung burch bie Hausfrau, benn Arbeit war un Haushalt" noch in Hülle unb Fülle vorhanben. So hatten alle auf bem Bauernhof noch viel zu hurm einer Stunbe, in ber man in ber Stabt bereits ans Schlafengehen benkt. Wieber war ein arbeitsreicher und burch bie glückliche Ernte boch froher Werktag zu Enbe.
Die Körperkraft bes Bauern war den Tag über ber Ernte gewidmet. Seine Gedanken richteten sich aber bereits auf die noch bevorstehende Dickwurz- ernte, darüber hinaus auch schon auf die Planungen für die künftige Aussaat. Da wurden bereits die neuen Bestellpläne erwogen und hin und her überlegt, wie für die verschiedenen Aecker die Aussaaten am besten anzuordnen wären, um auch im
Verdunkelungszeit
4. Oktober von 18.52 bis 7.25 Uhr.
5. Oktober von 18.50 bis 7.27 Uhr.
nächsten Jahre den höchstmöglichen Ernteertrag für die Volksernährung aus dem Boden herauszuholen. Diese Planungen für die kommende Bestellung, sowie die Vorbereitung des Saatgutes nehmen an den kommenden Sonntagen und in den ein wenig ruhigeren Tagen unmittelbar nach der Ernte den Bauer und feine Angehörigen besonders in Anspruch, wobei auch ber Großvater unb die Groß- mutter, beide von der Last der jahrelangen schweren Arbeit gebeugt, noch mancherlei anstrengende und wertvolle Mitarbeit im Hofe unb in ben Ställen, wie auch auf dem Acker leisten. Denn die richtige unb gute Aussaat ist eine der wesentlichsten Dorbe- bingungen für ben Erfolg alles bäuerlichen Mühens. Unb wie oft müssen ber Bauer unb bie Bäuerin auch die wohlverbieyte Nachtruhe opfern, wenn im Rindvieh- und besonders im Schweinestall Nachwuchs zur Welt kommt und dabei den Muttertieren, aber auch den Kälbern bzw. Ferkelchen Hilfe unb Pflege zu leisten sind.
So sind die Tage, Wochen unb Monate der Bauernarbeit ausgefüllt mit nie abreißender schwerer unb verantwortungsvoller Arbeit. Die Früchte dieses Schaffens genießen auch die Volksgenossen in der Stadt mit. Und dafür wollen wir unseren Bauern und Landwirten am Erntedanktag unsere dankbare Anerkennung barbringen. B.
Theater der Universitätsstadt Gießen.
Hermann Heinz Ortner: »Veit Stoß".
Ortners historische Bilderchronik aus dem Leben des großen Nürnberger Plasttkers Veit Stoß sucht hinter dem Kostümstück das Künstlerdrama. Das Künstlerthema in seiner vielfältigen Problematik, zu allen Zeiten aktuell, hat immer wieder — auch im notwendig begrenzten Raume des Dramas — zur Auseinandersetzung gereizt. Die in unvergänglichen Werken zu Nürnberg, Bamberg unb Krakau beglaubigte Persönlichkeit Stoßens wirb hier, unbeschabet ihrer Jnbividualität, als ein Prototyp bes künstlerischen Menschen eingeführt. Auch an feinem Fall soll jene berühmt geworbene Formel von der Disproportion^ zum Leben, jene Spannung also zwischen der schöpferischen und der übrigen Welt aufgewiesen werben. (Man benke an Tasso, an Riemenschneiber, an Kleist, an Büchner, um einige der markantesten Beispiele zu nennen.)
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Zwar läßt sich das Geheimnis der künstlerischen Intuition, bas Mysterium des Schaffensprozesses mit den Mitteln des Dramas nur andeuten, wie es hier in einer visionären Szene einmal geschieht; auch die ausstrahlende Wirkungsgewalt einer künstlerischen Leistung kann, solange nur davon geredet wird, allenfalls erahnt werden. Wohl aber kann aufgewiesen werden, wie sich die nüchterne Wirklichkeit oder „das Leben" zwischen den Künstler
und seine Schöpfung drängt. Ortner hat In den elf Bildern seines Stückes so vielerlei zur Verdeutlichung des Problems zusammengetragen, daß es nicht immer ganz leicht ist, der inneren Linienführung zu folgen. Das Vergehen, um dessen milr n Stoß in Nürnberg gebrondmarkt wurde, spielt, nicht näher bezeichnet, hinein; die großen Gegensätze des Jahrhunderts (Luther und Rom), die minderen Spannungen innerhalb der Stadt zwischen weltlicher Obrigkeit und Geistlichkeit; der Genera- tionenstteit im Patrizierhause Tücher; das Gerede des Volkes und der Konkurrenzneid von Stoßens Mitbewerbern um den großen Altar-Austraa. Einer von ihnen ist ein meineidiger Betrüger, der andere der Vater von Stoßens Modell Veronika, der Geliebten des jungen Tücher, die, in einen Aweikampf zwischen dem Vater und dem Liebhaber yineinstürzend, erstochen wird; fast droht die fol-
Reese-Gesellschaft, Hameln
Ne öttiSjtUfoongWtr
Roman von Horst Alernath
35. Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)
Vor dem Tor hielt Dr. Lechners grauer Wagen, unb der Doktor, immer geschäftig unb in Eile, kam mit ber braunen Bügeltasche in ber Hanb ben Weg herauf. Er betreute bie Hellwangkinber seif ihrer Geburt. Er schätzte Hellwangs Bücher unb hatte oben im Arbeitszimmer manche Stunbe verplaudert. Vielleicht hätte aus dieser Bekanntschaft im Laufe der Jahre ein freundschaftliches Verhältnis entstehen können, wenn der Doktor mehr Zeit für sein Privatleben gehabt hätte. Aber seine Praxis fraß ihn auf. Dazu kam eine schwere Kriegsverletzung am rechten Kniegelenk, ein schmerzhaftes ße ben, bessen Hartnäckigkeit fast alljährlich Operationen erforberte unb ihn oft genug vor bie böse Aussicht einer Amputation bes Unterschenkels stellte.
Hellwang empfing ben Doktor und führte ihn ins Kinderzimmer; er machte ihn mit Trix bekannt, bie ihm ihren Platz auf dem Bettrand einräumte. Der Doktor fetzte sich zu Britta. „Freu dich nicht zu früh", sagte er und tätschelte ihre Hand; „ob du in die Schule gehen mußt oder nicht, das sage ich erst nach ber Untersuchung. Und wenn du ben Munb nicht so groß aufmachst, baß ich bir bis in den Magen hineinsehn kann, schreib ich dich gesund, da kannst du haben, was du willst!"
Britta lächelte matt. Dieser Witz war ihr nicht mehr ganz neu. „Ich geh' aber gern in die Schul'", grinste sie.
„Solchen Kindern verschreibe ich dann eine Spinatkur!" sagte ber Doktor schlagfertig.
„Ich sperr' ben Mund schon auf!" versicherte Britta eiligst. Sie war sehr blaß, ihr Puls ging klein unb unregelmäßig, das Fieber stand auf 38,9, der Hals war stark belegt und die Schluckbeschwerden noch aräßer geworden.
Der Doktor drehte sich zu Hellwang um: „Ich halte es für Diphtherie. Die Diagnose ist im An- fangsstadium immer schwierig, aber bei einer Angina wäre die Temperatur hoher und der Puls fr nf tiger."
Hellwang nickte stumm; es sah aus, als beuge er sich dem Urteilsspruch em es Gerichtshofes. Doktor Lechner erhob sich und öffnete feine Tasche: ,Zch werde ben beiden anderen Kindern ebenfalls Serum geben, aber ich muß Sie darauf aufmerksam machen, daß es einen absolut sicheren Schutz nicht'gibt. Unb ba sich im Hause eine strenge Isolierung nicht burchführen läßt, würde ich schon raten, Britta in eine Klinik zu geben."
Hellwang sah nervös zu Britta hinüber, er erwartete einen neuen Tränenstrom und neue Beschwörungen, sie nicht fortzugeben; aber Britta blieb ruhig, obwohl sie Doktor Lechners Vorschlag verstanden haben mußte. Trix warf ihm und dem Doktor einen warnenden Blick zu. „Oh, Britta ist ein tapferes Mädel", sagte sie herzlich; „als ich ihr erklärt habe, daß Diphtherie für solch kleine Kinder wie für Söhnchen sehr ansteckend ist und auch sehr gefährlich werden kann, hat sie nichts mehr dagegen einzuwenden gehabt, daß sie in einer Klinik gesund wird."
Der Doktor verstand sofort. „Gefährlich?!" ries er, „direkt lebensgefährlich ist bre Geschichte für solch kleine Buben!" Er wandte sich empört an Trix, als mache er ihr Vorwürfe, Britta gänzlich falsch eingeschätzt zu haben: „Sie glaubten doch nicht etwa, baß Britta eine von diesen feigen Heulliesen ist, bie gleich ein Morbsgetäse machen, wenn sie nur hären, baß sie für ein paar Wochen zur Erholung in ein Krankenhaus gesteckt werden sollen? Erlauben Sie mal, mein verehrtes gnädiges Fräulein, aber wenn Sie auch zehnmal die Tante von Britta sind, da kenne ich Britta doch bester als Sie!"
„Gewiß Herr Doktor", murmelte Trix demütig und zerknirscht, „aber es gibt auch andere Kinder ..."
,Leider, leider!" Der Doktor köpfte eine Ampulle und zog das Serum vorsichtig in die Spritze. ,I)a gibt es doch wahrhaftig Kinder, sogar Buben, man sollte es nicht für möglich halten, die sich vor so einer Spritze fürchten!"
„Jetzt erzählen Sie aber bestimmt Geschichten, Herr Doktor!" rief Trix ungläubig. „Das spürt man boch nicht mehr als einen Mückenstich!"
Der Doktor schlug die Steppdecke zurück und betupfte Brittas Bein mit Alkohol. Brttta lag ganz
still und rührte sich nicht, nur ihre Augenlider zitterten ein wenig. Der Doktor setzte sich wieder auf den Bettrand. Sem Hand schnellte mit einem kurzen Ruck vor...
„Na, hat das weh getan?" fragte er, als er die Spritze zurückzog.
Britta schluckte ein wenig: „I dank schön,- wann die Muck'n so stechen taten’.
„Ach so, freilich!" rief der Doktor, „ich hab ganz vergessen zu sagen, daß ich selbstverständlich die afrikanischen Mücken gemeint hab'; weißt, Mords- trümmer Muck'n san dos, denn was glaubst wohl, was bie für Stechrüssel haben müssen, um den Nilpferden durch die Haut hinburchzubohren!"
Bevor er ins Badezimmer ging, um sich zu waschen, bat er Trix, Lydia und Söhnchen nacheinander ins Eßzimmer zu führen, damit er ihnen dort die Schutzinjekttonen machen könne. Söhnchen ertrug die Prozedur standhaft, vielleicht, weil alles so rasch ging, daß es schon vorbei war, ehe er überhaupt merkte, was mit ihm geschah. Ein um so größeres Theater führte Lydia auf. Sie brüllte entsetzlich und wand sich wie ein Aal, wenn der Doktor die Spritze ansetzen wollte. Auch Trixens gutes Zureden half nichts. Schließlich blieb Hellwang nichts anderes übrig, als mit feiner Tochter für einige Minuten im Nebenzimmer zu verschwinden. Als sie zurückkamen, war bie Widerspenstige gezähmt, unb ber Doktor konnte fein Werk vollenden, ohne in Gefahr zu geraten, die Kanüle abzubrechen.
„Dos hast nötig gehabt!" sagte er schweratmend zu Lydia, als er die Spritze ins Etui zurücklegte. Lydia maß ihn mit einem Blick tödlichen Hasses und verschwand. Der Doktor wischte sich bie Stirn: „O weh, jetzt bin ich ab gemeldet , stellte er gebrochen fest, „ba roirb's unter einem Pfund Himbeer- gutti nicht abgehen, baß ich wieder in Gnaden ausgenommen werde, fürcht' ich ..."
Trix verließ die beiden Herren und ging ins Kinderzimmer zurück. Der Doktor läutete das Ha- naufche Kinderspital an und belegte für Britta einen Platz. Dann bestellte er den Krankenwagen.
„Ich überlasse es Ihnen", sagte er, als er zu Hellwang zurückkehrte, „Brttta zu begleiten oder durch Ihre Schwägerin begleiten zu lassen. Ich fahre auf jeden Fall mit und werde Britta gut unterbringen."
„Danke, Doktor!" Hellwang bot Dr. Lechner Zigaretten an und reichte ihm Feuer. „WahrscheiMch wird meine Schwägerin Britta begleiten wollen. Und ich überlasse es ihr gern. Sie ist in diesen Dingen geschickter als ich, unb wahrscheinlich auch ruhiger..."
„Sie dürfen unbesorgt fein, Hellwang; eine Diphtherie darf man natürlich nicht auf die leichte Achsel nehmen, aber bei Brittas kräftigem Allgemeinzu- stand braucht man nicht zu schwarz zu sehen. Unb außerdem hat sie das Serum so frühzeitig bekommen, daß sie bei der glänzenden Pflege im Hanau- scheu Spital die Geschichte gut und ohne Folgen Überstehen wirb. Im allgemeinen verlaufen alle mir in letzter Zeit bekanntgewordenen Fälle gutartig."
,/Ein Glück nur, daß meine Schwägerin hier ist! Ich hätte die Sache womöglich verschleppt! Aber wer denkt auch gleich an das Schlimmste?"
„Bleibt Ihre Schwägerin längere Zeit hier?"
„Ich fürchte leider, daß sie uns bald oerlaffen wird. Sie hat sich um eine Stellung beim Virchow Krankenhaus beworben. Die Sache entscheidet sich in diesen Tagen."
„Ist sie Schwester?" fragte Dr. Lechner interessiert. z,
„Nein, Röntgenassistentin. Sie hat vor kurzem ihr Examen gemacht. Zwei oder drei Jahre lang arbeitete sie als Laborantin in einem chemischen Institut. Aber die Arbeit war ihr zu einförmig MÜ> büromäßig."
„Röntgenassistentin", nickte der Doktor. „Respekt!" Er zerdrückte den Zigarettenrest im Aschenbecher: „Und wie geht es Ihnen, mein Lieber? Sind Sie bei einer neuen Arbeit? Sie haben es mir hoffentlich nicht verübelt, baß ich Ihnen damals nach bem Erscheinen von „Lorbeer für fremde Fahnen" nur ein paar Zeilen schrieb; ich lag mit dem verdamm- ten Bein mal wieder fest und sah sehr schwarz in bie Zukunft. Das Buch war einer der wemgen Lichtblicke in jenen Tagen. Nehmen Sie es als ehrliches Kompliment: auf Ihre Bücher freu ich mich immer wie ein Bub aufs Christfest. Also, woran arbeiten Sie jetzt? Wie wirb das nächste Werk heißen?"
(Fortsetzung folgt.)


