Nr. 210 Zweites Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen) Donnerstag, 4. September Ml
Aus dem Reiche -er Krau.
GrüneBohnenfürdenWinter.
Bohnen lassen sich in verschiedenster Art und Form haltbar machen und ergeben im Winter so auch geschmacklich verschiedene Gerichte. Das Sterilisieren, in Einkochgläsern ist einfach. Wir können alle Sorten, oft geschnippelt, gebrochen oder ganz, grüne oder Wachsbohnen dafür verwenden und sterilisieren immer 90 Minuten bei 100 Grad, am nächsten Tag noch einmal 45 Minuten. Auch zum E i n s ä u e r n , dem neuen Haltbarmachungsverfahren, eignen sich Bohnen. Hierfür benötigen wir einen Steintopf oder auch eins der neuen Keramikgefäße. Die Bohnen werden gut gewaschen, gebrochen oder geschnippelt und in einer Wanne mit der nötigen Salzmenge — auf 5 kg Bohnen 150 g Salz — vermischt. Daraufhin werden die Bohnen in den Steintopf eingestampft bzw. eingelegt und bekommen einen Zusatz von saurer Milch (auch entrahmte saure Frischmilch), um die für die Milchsäuregärung erforderlichen Bakterien dem Gemüse in genügender Menge zuzuführen. Für einen Zehnlitertopf benötigen wir % Liter saure Milch. Beim Einstampfen muß sich so viel Flüssigkeit bilden, daß diese über dem Einmachgut steht. Alsdann wird dieses mit einem sauberen Tuch abgedeckt, mit Holzbrett und Granitstein beschwert, drei bis vier Wochen an einen Ort mit zirka 10 bis 20 Grad Celsius zum Gären gestellt. Nach der Gärzeit wird der Topf mit dem Gemüse an einem kühlen Ort aufbewahrt. Sich etwa bildender Kahm ist jeweils abzunehmen. Brechbohnen oder ganze Bohnen fön« . nen wir jedoch nicht einstampfen, diese müssen wir dicht verpackt einlegen und geben dann eine Aufgußlösung darüber, die wir Jo gewinnen, daß wir eine kleine Menge Bohnen mit Wasser XA Stunde auskochen, durchseihen, ' die Gemüsebrühe erkalten lassen und mit dem Salz und der sauren Milch vermischt über die Bohnen geben. Die so eingemachten Bohnen sind sowohl als Frischkost wie auch gekocht im Eintopf zu verwenden. Der leicht säuerliche Ge- fcbmack kann durch eine kleine Zugabe von frischer Milch gemildert werden. Das Gemüse ist so äußerst gesund und als Frischkost im Winter sehr wertvoll, do alle in ihm vorhandenen Nährwerte voll erhalten bleiben.
Auch Trocknen können wir die Bohnen, indem wir sie nach dem Abziehen, Waschen und Schnippeln kurz dämpfen — 3 bis 5 Minuten —, damit sie bei der Verwendung späfer leicht aufquellen und schneller gar werden. @ut "abgetropft Jegen wir die so vorbereiteten Bohnen auf Horden und trocknen entweder auf dem Herd oder im Backofen. Während des Trocknens wechseln wir die Horden häufiger, damit der Trocknungsprozeß möglichst gleichmäßig vor sich geht. Die Bohnen sind gut, wenn sie sich biegen lassen und beim Zerschneiden kein Saft mehr austritt. Kühl und trocken aufbewahrt, am besten in luftdurchlässigen Säckchen, halten sich die getrockneten Bohnen sehr gut. Anfangs muß man aber häufiger nachsehen, ob sie auch trocken bleiben, ziehen sie evtl. Feuchtigkeit an, müssen sie noch einmal nachgetrocknet werden.
Schnippetbohnen lassen sich auch in Flaschen e i n m a ch e n. Hierfür waschen, putzen und schnippeln wir die Bohnen Und füllen sie in tadellos gereinigte Flaschen (am besten ausschwefeln). Dann gießen wir abgekochtes und wieder erkaltetes Wasser darüber, das nach 24 Stunden wieder abgegossen wird. Wir erneuern den Wasseraufguß und wiederholen diesen Vorgang noch zweimal. Nach dem letzten Wasseraufguß werden die Flaschen sofort verkorkt, mit Wachs, Flaschenlack oder Gipsbrei luftdicht verschlossen und bis zum Gebrauch kühl aufbewahrt.
Ordnung in Flaschen, Büchsen und Schachteln.
Flaschen sind heute knapp, und darin liegt der Grund, daß manche Hausfrau heute noch mehr sündigt als früher. Geht sie mit einer Bier-, Limonaden- ober Likörflasche zum Drogisten oder Apotheker, ijm sie mit Benzin, Salzsäure oder Spiri
tus füllen zu lassen, dann ist es eine Sünde, da mit diesem Gebaren die Gesundheit der Familie gefährdet wird. Eine falsche Sparsamkeit brachte schon viel Unglück in die Familien! — Säuren, Laugen usw. gehören in die dafür bestimmten Flaschen, müssen deutlich beschriftet sein und einen sicheren Platz, möglichst fern aller Genußmittel haben! Auch räume man sie sofort nach Gebrauch fort, um sie vor Kinderhänden zu bewahren. Das gleiche gilt für die Hausapotheke. Auch hier hat jedes seinen Platz zu haben. Weiße, gut beschriftete Schildchen schützen vor Verwechslungen. Gut verschlossene Flaschen und Büchsen sind Bedingung, wenn die Medikamente nicht schlecht werden sollen. Für Kinder sei die Hausapotheke unerreichbar. Da wir nun einmal beim Ordnungmachen sind, geht es
auch an den Kasten oder das Schränkchen mit den Gewürzen für die Küche, wo noch manche Tüte vorhanden ist, die man immer erst wieder öffnen muß, daran riechen, um ihren Inhalt festzustellen. Die Tüten werden gegen Kästchen, Büchsen, Dosen, emgetauscht. Festverschlossen halten Gewürze, Tees usw. ihren Geruch und Geschmack, und der Perlust durch zerrissene Papiertüten fällt weg. Man beschriftet ebenfalls übersichtlich. Dann kann Salz nicht mehr mit Zucker und Fenchelkörner mit Kümmel verwechselt werden! Jede Hausfrau hat eine besondere Vorliebe für kleine Schachteln, Kästchen, Schraubgläschen, Dosen, Glasröhrchen, die Jie im Läufe der Zeit sammelte und nun sinngemäß an- wenden kann. H. v. L.
Was sollen wir tragen?
PRAKTISCHE VORSCHLÄGE UNSERES MODEZEICHNERS
H
Phantasie oder Lüge?
Jedes Kind, das ein wenig Einbildungskraft hat, verfällt gelgentlich darauf, Dinge zu erzählen, die sich anders oder überhaupt nicht abgespielt haben. Das braucht darum noch nicht eine Lüge genannt zu werden und Anlaß zu ernsten Besorgnissen über den Charakter des kleinen Schwindlers geben. Die Lüge an sich ist ja nur eine Aeußerung des Charakters, der auf andere Fehler hinweist. Man lügt aus Feigheit oder Prahlerei, oder um anderen zu schaden Diese drei Gründe der Lüge geben allerdings Anlaß zu ernsten Bedenken. Anders aber ist es mit der Phantasie, die nur flüchtig der Lüge ähnlich sieht. Das Kind mit Phantasie erzählt nicht unwahre Dinge aus Feigheit, aus Prahlerei oder um anderen zu schaden, sondern seine Berichte sind frei von diesen Gründen und werden nur vorge- bracht, weil die Erfindungskraft des Kindes sich betätigen möchte.
Merken wir bei unserem Kinde etwas von dieser fast dichterischen Einstellung, dann lassen wir das Kind ruhig gewähren, geben ihm aber zu verstehen, daß wir wohl begreifen, wie diese Geschichten eben nur Geschichten sind. Das sollte freundlich und humorvoll vor sich gehen.
Nachbars Hänschen erzählte mir neulich eine Geschichte von einem Drachen, den er im Garten gesehen hatte: der Drache war auf die Laube geflogen und hatte mit den Flügeln gewedelt, daß es in den Bäumen rauschte 'wie von einem großen Wind. „So", meinte ich darauf, „das war ja ein mächtig großer Drache. Aber weißt du auch Hänschen, daß er von der Laube in meine Wohnung geflogen kam?" Hänschen sperrte den Mund vor Erstaunen auf und blickte ungläubig drein. „Ja, gewiß tat er das, so gewiß wie er auf der Laube saß", erzählte ich weiter. „Und dann nahm er sich die Keksbüchse, fraß sie rein aus, und flog davon." Hänschen schüttelte den Kopf. „Kaum zu glauben!" zitierte er eine Redensart seiner Mutter. Daraus sagte ich: „Es ist ganz gewiß so wahr wie deine Geschichte von dem Drachen!" Nun begriff Hänschen. Mit einem verständnisvollen, verschmitzten Lachen rannte er zur Keksbüchse und begann sie zu plündern.
Von Kamm und Dürste.
Kamm und Bürste, unerläßlich zur Haarpflege, sollten in jeder Woche einmal gewaschen werden. Dazu ist nicht einmal Seife nötig, sondern man versetzt das warme — nicht heiße — Wasser mit einem weichmachenden Mittel, Borax oder Soda, und wäscht dann den Kamm mit der Bürste. Gründliches Nachspülen nimmt die letzten Unsauberkeiten fort. Zum Trocknen legt man Kamm und Bürste nicht hin, sondern hängt sie an einen luftigen Ort. Ist das Holz der Bürste rauh geworden, so fette man es ein wenig ein und poliere mit einem weichen Lappen. Frauenhaar erfordert einen Kamm mit weiten Zinken. Stehen die Zinken bei dichtem Haar zu eng, so brechen sie leicht, und es wird zu sehr an den Haaren gezerrt. Die Bürste sollte recht harte Borsten besitzen, damit die Haare recht geschmeidig werden und die Kopfhaut durch das kräftige Bürsten gut massiert wird. Fünfzig Bürstenstriche morgens und ebenso viele abends vor dem Schlafengehen machen auf das widerspenstigste Haar einen gewissen Eindruck und geben ihm Schmiegsamkeit. Die Bürste nimmt auch Staub und Schmutz aus dem Haar. Die Bürste ist auch ein Mittel, um Haarerkrankungen rechtzeitig festzustellen. Bleiben beim einfachen Bürsten unverhältnismäßig viel Haare in der Bürste hängen, so ist etwas mit der Kopfhaut nicht in Ordnung, und ein Haarleiden bahnt sich an. Ein paar Haare gehen täglich aus, es dürfen nur nicht mehr als üblich werden
Für kühle Tage zeigen *wir heute — in neuer Form — d i e kurze Jacke, und zwar links in flotter, sportlicher Form eine n a - turfarbene Wolljacke mit Schulter- passe, schrägen Taschen und weit ein- gesetztenAermelnzu einem besonders weit- geschnittenen Rücken. Die Näht^ sind breit abge ft eppt, die Knöpfe aus Kunstharz.
Das Modell rechts aus weichem, pastell- zartem Wollstoff hat zu weiteingesetzte nRaglanärmeln einen eingelesenen Glockenschoß, schmale Aermelaufschläge untrem schmales Halsbündchen. Die Jacke wird vorn mit kleinen Stoffknöpfen geschlossen und mit einem schmalen Stoffgürte 1 zusammengehalten. H.
9ffPart ift geltet
Za, das läßt man (ich gefallen! Z
Eine gute Zahnpasta wie die Nivea für nur 40 Psg. die große Tube! Das ist preiswett und -
Mörel HMangMöei
Roman von Aiernath
9. Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)
Britta und Lydia durften Fräulein Zögling beim Einrichten ihres Zimmers helfen. Es war ein hübsches Zimmerchen mit dem Blick auf die Nachbargärten, auf die mit Fruchtholz bedeckten Obstbäume, von denen Major Habedanck gerade die Leimringe entfernte, weil die Frostspannergefahr nun gottlob vorüber war, und auf die Rosenkulturen, die Direktor Beyerlein behutsam aus der Strohumhüllung schälte, um winzige, blasse Spitzen nicht zu verletzen, die bereits aus den zurückgeschnittenen Stöcken trieben. Es war ein Zimmerchen mit hochbeinigen Biedermeiermöbeln, rosa geblümten Gardinen, drei Tulpentöpfen, auf dem breiten Fensterbrett und zwei gemütlichen, kretonnebezogenen Sesseln in der Ecke, wo der Nähtisch stand.
Die beiden braunen Koffer, mit denen Fräulein Zögling ihren Einzug gehalten hatte und auf deren Inhalt die Kinder so neugierig waren, enthielten neben soliden Wäsche- und Kleidungsstücken den wertvollen und zärtlich behandelten Erinnerungsschatz des Fräuleins. Es waren Dinge, die sie von Stellung zu Stellung begleiteten, wie einen Tenor seine Kränze und Wid- mungsschleifen von einem Engagement zum anbe» ren. An jedem Stück hing bic Geschichte von einem braven, ungemein fleißigen Kinde, das sich unter Fräulein Zöglings Obhut zu einem prächtigen Menschen entwickelt hatte. Da waren Porzellanfigürchen, Stickereien, Bilder, Bücher und Sammeltassen, vieles mit schönen Widmungen wie „Meinem lieben Fräulein Linda" ober „Zum Andenken an Bimbo": das Hauptstück aber, dem Fräulein Zögling den Ehrenplatz auf der Wäschekommode bestimmte, war ein vierteiliges silbernes Teeservice. Auf der Ser- viervlatte stand in zierlichen Buchstaben eingraoiert: „Fräulein Zögling in Dank und Anerkennung ihrer Perdienste um mein Haus. Idell-Idell."
„Das Abschiedsqeschenk des Grafen Idell-Idell", sagte Fräulein Zögling feierlich, und es war etwas wie ein Glanz um sie, der sie erhöhte.
„Waren da die Kinder auch Grafen und Gräfinnen?" fragte Britta.
„Die Knaben waren Grafen, die Töchter Komtessen", antwortete Fräulein Zögling mit einer Stimme, die hoch von der Zimmerdecke zu kommen schien.
„Auch die ganz kleinen Kinder?" forschte Britta unentwegt weiter, während Lydia «sich in dem Tablett spiegelte.
Fräulein Zögling zog die Brauen empor: „Mein Kind, Adel ist etwas, 'was man mit der Geburt mitbekommt!" *
Lydia untersuchte die Kanne, die Zuckerdose und das Sahnekännchen: „Ist dees alles auch echt, Fräulein?"
„Erstens, liebe Lydia, heißt das: Fräulein Zögling, verstanden? Ein gebildeter Mensch spricht eine Dame niemals mit .Fräulein' an, sondern sagt Fräulein und nennt den Namen dazu! Fräulein allein sagt man zu Dienstmädchen und Kellnerinnen. Und diesen wollen wir auch den Dialekt überlassen: es heißt das, und nicht dees! Und nun zu deiner Frage, mein Kind, sie ist wirklich köstlich", Fräulein Zögling lächelte mild, „ein Graf Idell-Idell schenkt keinen Tand!"
„Wir haben aber auch silberne Löffeln"/ sagte Lydia, „und da ist ein Stempel drauf, achthundert, und der Konni hat gesagt, alles Silber muß mit achthundert gestempelt sein, sonst ist es nicht echt. Und auf der Kanne ist keine Zahl nicht oben, sondern nur Buchstaben, und auf den anderen Sachen auch!"
Fräulein Zögling griff mit einer ungeduldigen Bewegung nach dem Sahnekännchen und trat damit näher ans Fenster. Als sie sich umwandte, war ihr Gesicht dunkel und ihre Stimme klang schrill: „Der Graf hat das Service aus Afrika mitgebracht — jawohl, aus Südafrika! — und dort wird alles Silber mit Buchstaben gestempelt, verstanden?! Aber nun Schluß mit der Einräumerei! Wie steht's mit euren Schulaufgaben? Daran habt ihr natürlich noch nicht gedacht!"
<-Wir haben nur ein bißchen Rechnen auf und ein paar Vokabeln", sagte Britta betroffen. Der plötzliche Stimmungsumschwung ihrer Erzieherin war ihr ein Rätsel.
„Und du, Lydia, was habt ihr auf?"
„Nix..."
Fräulein Zögling hob ungläubig das Gesicht: „So, wirklich nichts? Das finde ich aber sehr merkwürdig. Zeig mir doch einmal dein Aufgabenheft!"
„Wir haben gar kein Aufgabenheft", erklärte Lydia seelenruhig und schaute Fräulein , Zögling treu in die Augen.
„Na klar haben die Aufgabenhefte!" rief Britta empört; weniger um zu petzen, als um nicht allein über den Büchern zu hocken.
„Deinen Schulranzen, bitte!" befahl Fräulein Zögling.
Iy dem Schulranzen fand sich das Aufgabenheft, und in dem Aufgabenheft waren verzeichnet: 1 Fers von milftu nicht das ßemlein hühten, Einmaleins mit 6 for und rückwertz, und 1 Seite vom Hafen und vom Igel lesen.
„Weshalb haft du gelogen, Lydia?" fragte Fräulein Zögling vorwurfsvoll und traurig. „So etwas ist mir noch bei keinem von allen Kindern passiert, die ich je unterrichtet habe, nein, wirklich nicht!"
Lydia ließ ihre Zweifel an dieser Beteuerung deutlich erkennen. „Weil ich schon alles kann", antwortete sie schließlich auf die an sie gerichtete Frage.
„Soso, du kannst also schon alles", meinte Fräulein Zögling mit einem Hohnlächeln, „nun, das werden wir ja sofort feststellen können. Also bitte!" Sie sprach die erste Zeile des Liedes vor ... Und Lydia vollendete den Pers ohne Stocken. Das Einmaleins ging wie am Schnürchen, und es war zu erwarten, daß die Leseprobe genau so gut ausfallen würde. Lydia grinste triumphierend: „Ha, und nu?"
„Zur Strafe dafür, daß du mich zu belügen versuchtest, wirst du den ersten Vers des Liedes zweimal in Schönschrift auf die Tafel schreiben."
Britta kicherte, und Lydia ließ die Nase hängen. Fräulein Zögling schob die Kinder aus dem Zimmer, sie schloß die Tür hinter ihnen und lauschte ihnen nach, wie sie die Treppe hinuntersprangen. Minutenlang stand sie regungslos an der Tür und preßte die Stirn gegen das kühle, weißlackierte Holz. Und langsam ballten sich ihre Finger zu Fäusten. Erzieherin — Hausdame. Sie haßte ihren Beruf und haßte Kinder. Sie haßte die Unsicherheit und Abhängigkeit ihrer Stellung und den zigeunerhaften Wechsel von Haus zu Haus, von Ort zu Ort. Immer neue Gesichter, neue Menschen, neue Räume, neues Sicheinfügen. Und dazu im Herzen die nagende
Furcht vor dem Alter. Wo blieb sie nach zehn, nach zwanzig Jahren, wenn sie verbraucht und mürbe war?
Sie stieß sich von der Tür ab und irrte blind durch den kleinen Raum. Das Teeseroice flirrte metallen auf, als sie mit der Hüfte die Kommode streifte. Nicht einmal echt! Ihre Schultern zuckten. Sie biß in ihr Taschentuch. Am liebsten hätte sie das ganze Zeug gepackt und durchs Fenster geworfen. Die zierliche Gravierung verschwamm vor ihren Augen. Dieser Schuft! Von dem Kindermädchen war sie hinausgebissen worden, von diesem frechen, rothaarigen Luder, das nach billiger Seife roch ...
Sie ließ sich in einen Sessel fallen und meinte, Tränen der Wut, Tränen der Müdigkeit, Tränen der Enttäuschung.--
Unten öffnete Lydia die Tür des Kinderzimmers spaltbreit und lauschte nach oben. Als sich nichts im Hause rührte, schlüpfte sie aus dem Zimmer hinaus und in die Küche hinüber, wo Kathi den Geschirrschrank mit neuem Papier auslegte. Beim Stangl gab es so schone Spitzen- für die Stirnseiten der Bretter, mit Sprüchen im rot aufgedruckten Kreuzstichmuster: Reiner Herd Goldes wert — oder: Im Schranke weißes Linnen, im Herzen reines Sinnen, und: Alles wohlverwahrt ist rechter Hausfrau'n Art. Mit der verstorbenen Gnädigen hatte sie sich bei jedem Schrankauslegen deswegen zerkriegt. Luisa war nicht dafür gewesen, wegen des guten Geschmacks. Weiß der Himmel, was die immer mit dem guten Geschmack hatten. Ihr gefiel's? Und jetzt hätte sie den Schrank nun nach Herzenslust Nach ihrem Geschmack schmücken können, aber jetzt gefreute cs sie nimmer. Vielleicht sah die Gnädige von oben zu und dachte: Ha, sieh einmal an, so ein Frauenzimmer! Kaum ist man aus dem Haus, da tanzen auch schon die Mäuse!
Lydia spitzte in die Speisekammer. Es stand leider nichts darin, wonach sie der Gaumen kitzelte.
„Du, Kathi, hast a Gutti für mi?"
Kathi tat, als wäre sie plötzlich schwerhörig geworden. Lydia schnurrte ein Weilchen um sie herum und klopfte an, ob sie helfen dürfe.
„Naa, i werd alloa ferti!" sagte Kathi kalt und abweisend.
(Fortsetzung folgt.)


