Donnerstag, 2. Januar 1941
Gietzener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhefien)
Nr. 1 Zweites Blatt
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Die Lebensversicherung der Einberufenen.
Aus der Siadt Gießen.
Oer Januar.
Nach den allgemein-gültigen meteorologischen Gesetzen bringt der Januar in der Regel die niedrigsten Temperaturen. Durchblättert man aber die Statistiken, so stellt man fest, daß sich der Januar durchaus nicht so genau an diese Gesetze hält, sondern zuweilen ausgesprochen mild und regnerisch verläuft. Namentlich sind diese Fälle dann häufig eingetreten, wenn der Vorwinter schon strenge Kälte brachte. Der Januar ist der Monat, in dem die Stille und Oedheit m der Natur auch nach außen hin ihren sichtbarsten Ausdruck findet. Man kann durchweg sagen, daß die erste Monatshälfte ohne jedes Leben in der Vegetation ist. Anderseits hat der Januar im späteren Ablauf mit einer wesentlich sich steigernden Sonnenbahn und deshalb mit zunehmender Einstrahlung von Wärme zu rechnen. Die Wirkung dieser Einstrahlungswärme macht sich besonders im letzten Drittel des Monats bemerkbar. Sie ist unter Umständen in der Lage, eine Schneedecke an der Südwand eines Hauses oder in den nach Süden gerichteten Ackerfurchen aufzuschmelzen, eine Fähigkeit, die von der Sonne des Jahresbeginns noch nicht erwartet werden kann. Aus dieser Tatsache ergibt sich die Folgerung, daß Ende Januar, wenn der Winter nicht allzu streng ist, sich in der Vegetation schon wieder die ersten Lebensmerkmale zeigen. Der Januar besitzt eine Art „versteckten" Vorfrühling, der an den Süd- 1 eiten von Hausfronten bzw. in deren Gärten, an »en südlichen Waldsäumen und anderen der Sonne zugänglichen Stellen zu beobachten ist. Hier wird sich, während die übrige Vegetation noch grau in grau ist. das erste zarte Grün zeigen, das sich allerdings nur dem aufmerksamen Naturbeobachter verrät. Immerhin ist es ein beglückendes Zeichen, in den letzten Januartagen wieder das erste Grün zu finden, das allerdings so vereinzelt und so sehr von den äußeren Voraussetzungen abhängt, daß es nur „inoffiziell" vorhanden ist. Natürlich kann in Jahren, wenn der Januar besonders mild und regnerisch ist und zuweilen von warmen Sonnentagen durchsetzt wird, dieses erste Grün schon recht sichtbar werden. Vom Bauern wird aber ein derart verfrühter Frühling wenig geschätzt.
Hauswirtschaftlich ist im Januar noch mehr, als bisher auf die sorgfältige Lagerung der Vorräte zu achten. Namentlich die Kartoffeln sind so zu lagern, daß sie nicht den Einflüssen plötzlich einbrechender extremer Kälte ausgesetzt sind. In solchen Fällen kann auch im Keller die Temperatur schnell mehrere Grade unter Null sinken. Um diese Gefahren zu nerTiiiten, muß der Keller auf jeden Fall unbedingt zugfrei ist. Man deckt die Kartoffeln, sofern sich die ^rste Kältesteigerung bemerkbar macht, am besten mit einem Sack oder mit Stroh zu. allerdings nur solange, wie die Kälte extrem.ist. da im übrigen die Kartoffeln frische Luft 'vorziehen. Nimmt der Januar dagegen milde Formen an und bringt er namentlich häufige Sonnentage, so ist darauf zu achten, daß die Temperaturen in den Kartoffel- kellern nicht über 7 Grad Wärme steigen bzw. nicht zuviel Licht in den Keller fällt. In.derartigen Fällen beginnt sich bei den Kartoffeln die natürliche Keimfreude zu regen, und es kann unter Umständen ein großer Prozentsatz der Nährkraft der Kartoffeln verloren gehen. Weil die Kartoffeln aber im Winter ein Hauptnahrungsmittel sind, mit. dem im Kriege äußerst vorsichtig und planungsvoll itm= gegangen werden muh, ist die Betreuung der Vorräte höchste Pflicht.
Vornoti, en.
lageskalender für Donnerstag.
Stadttheater: 19 bis 21 Uhr „Meister-Sextett". — Gloria-Palast. Seltersweg: „Feinde". — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Alarm".
Ortszeit für den 2. Januar.
Sonnenaufgang 9.37 Uhr, Sonnenuntergang 17.21 Uhr. — Mondaufgang 11.36 Uhr, Monduntergang 23.05 Uhr.
Ortszeit für den 3. Januar.
Sonnenaufgang 9.37 Uhr. Sonnenuntergang 17.22 Uhr. — Mondaufgang 11.59 Uhr? Monduntergang 0.09 Uhr. Sonne in Erdnähe. _______________
Die Aufrechterhaltung der Lebensversicherung ist für den Einberufenen und seine Familie von besonderem Wert, weil es ün nationalsozialistischen Deutschland selbstverständlich ist. daß auch im Kriegssterbefall die volle Versicherungssumme zur Auszahlung kommt. Es bedarf wohl keiner besonderen Erwähnung, daß auch in der Kriegszeit die Beiträge regelmäßig und pünktlich gezahlt werden müssen. Um dies jedem Einberufenen zu ermöglichen. sind besondere Bestimmungen erlassen worden. Der Kern dieser Bestimmungen ist. daß die Fürsorgestellen eine gewisse Summe, den sogenannten Sicherungsbetrag, für die Lebensversicherungen der Einberufenen zahlen, der genügt, um die Lebensversicherung in voller Höhe ausrechtzuerhalten.
Wer erhält diese Beihilfe? 1. Die zum Dienst in der Wehrmacht Einberufenen und ihre Angehörigen, auch solche Einberufenen, die keine amilienunterhaltsberechtigten Angehörigen haben. 2. Zum Notdienst herangezogene Notdienstpflich- iqe sowie die Angehörigen folgender Formationen: f^-Verfügungstruppe, bewaffnete Teile der ff, Notdienst, technische Wehrwirtschaftseinheiten. Reichs- arbettsdienst, behördlicher Luftschutz, Teile des Flugmeldedienstes, freiwillige Krankenpflege für die Zwecke der Wehrmacht. 3. Die von einer behördlichen Räumung oder Freimachung Betroffenen. 4. Die infolge feindlicher Maßnahmen an der Rückkehr aus dem Ausland verhinderten Besatzungsmit- alieber der deutschen Handelsschiffe und ihre im Jnlande verbliebenen familienunterhaltsberechtigten Angehörigen.
Welche Versicherungen werden b e • rücksichtigt? Die Beihilfen werden grundsätzlich für alle Lebensversicherungen gewährt (also auch für Aussteuer-, Invaliden-, Pensionsversicherungen usw.), sofern diese vor dem 1.9.1939 beantragt wurden und hierfür Beiträge bis zur Einberufung laufend bezahlt worden sind.
Wie hoch ist der Sicherungsbeitrag und wie wird er gezahlt? Der Sicherungsbeitrag beträgt ein Viertel des monatlichen Barbeitrages, der nach dem Endbetrag (Tarifbeitrag abzüglich Gewinnanteil, zuzüglich Versicherungs
teuer und etwaige Hebegebühr) der letzten Beitragsquittung berechnet wird. In vielen Fällen wird mehr als ein Viertel des Endbetrags gewährt:
und zwar wird bei den Versicherungen mit Bar- beiträgen bis zu 5 RM. Monatsprämie der volle Betrag als Sicherungsbetraa gezahlt, bei Versicherungen über 5 RM bis 20 RM. mindestens 5 RM. Ueberfchreitet der monatliche Barbeitrag die Grenze von 240 RM.. so wird lediglich der höchste Siche- rungsbeitrag (ein Viertel von 240 RM.) — 60 RM gewährt. Für den 240 RM. überschreitenden Teil des monatlichen Darbeitrages muß die Versicherung in der bisherigen Weise fortgesetzt werden.
Was gilt über Risiko- und (Befolg- schaftsversicherungen? Für Risikoversicherungen (kurzfristige Todesfalloersicherungen) müssen auch für die Dauer des Krieges die vollen Beiträge gezahlt werden, und zwar auch dann, wenn die Fürsorgestelle nur einen Teil des Barbeitrages erstattet. Bei Gefolgschaftsoersicherungen, zu denen der Arbeitgeber einen Teil der Beiträge trägt, werden nur für den auf den Einberufenen entfallenden Teil Beihilfen gewährt.
Wasgilthinsichtlichdesübr-igenTa- rifbeitrages? Der Sicherungsbeitrag genügt zur völligen Aufrechterhaltung der Lebensversicherung während der Zeit der Einberufung. Der Unterschied zwischen Sicherungsbeitrag und Barbeitrag wird von den Versicherungsunternehmungen bis auf weiteres gestundet; er kann aber auch — wenn die Mittel es zulassen — schon jetzt mit dem Sicherungsbeitrag zusammen überwiesen werden.
Wie wird der Sicherungsbeitrag beantragt? Die Beantragung der Beihilfe bei den Fürsorgestellen erfolgt unter Vorlage • der letzten Beitragsquittung.
W e r z a h l t an die G e s e l l s ch a f t ? Äst der Antrag genehmigt, so zahlt die Fürsorgestelle monatlich den Sicherungsbeltrag an den Versicherten bzw. an dessen Frau ober einen Beauftragten. Der Empfänger hat dann die Pflicht, diesen Betrag monatlich an die Gesellschaft zu überweisen. Ein besonderer Antrag an die Gesellschaft ist nicht erforderlich; es genügt ein glaubhafter Nachweis über die Erstattung des Sicherungsbeitrages.
Sollten sich' Zweifelsfragen ergeben, so empfiehlt sich, den zuständigen Versicherungsvertreter, der mit genauen' Anweisungen versehen ist, oder die Versicherungsgesellschaft selbst zu befragen.
Generalmajor Herriem.
(Aufnahme: GA.-Archiv.)
Der Führer und Oberste Befehlshaber der Wehr« macht hat mit Wirkung vom 1. Januar 1941 den Oberst He rrlein zum Generalmajor befördert. Damit haben die großen Verdienste eines Offiziers, der sich im Kriege 1914/18, in den Jahren des deutschen Niederbruches und in der Zeit seit der Wiedererstarkung unseres Volkes und seiner Wehrmacht durch den Führer allezeit mit seiner ganzen Person für Volk und Vaterland einsetzte, eine erneute wohlverdiente Anerkennung erfahren.
Generalmajor He rrle in wurde am 27. April 1889 zu Ehrenbreitstein bei Koblenz als Sohn des Oberstleutnants Herrlein geboren, der später dem Stab des Jnf.-Rgts. 116 in Gießen angehörte und hier im März 1902 verstarb. Nach dem Besuch der Gym- nafien in Gießen und Fulda kam der jetzige Generalmajor in die Kadettenhäuser Densberg und Groß-Lichterfelde, im. Jahre 1910 trat er nach der Reifeprüfung als Fähnrich in das 3. Garde-Regiment zu Fuß ein. Am 20 März 1911 wurde er Leutnant. Im Jahre 1914 war er Regimentsadju- tant. Am 18. Juni 1915 erfolgte seine Beförderung zum Oberleutnant. 1916 wurde er 'Adjutant der 1 Garde-Reserve-Jnfanterie-Brigade. 1917 war er Kompanieführer im 1. Garde-Reserve-Regiment. Am 20. Juni 1918 wurde er Hauptmann im 3. Garde-Regiment zu Fuß. im gleichen Jahre war er Bataillonsführer. 1919 stand er in gleicher Dienststellung an der Spitze des III. Batl. 1. Garde-Regiment zu Fuß.
Nach dem Kriege 1914/18 diente er dem Vaterland in der damaligen Reichwehr. Ab 1. August 1919 war er Bataillonsführer im Reichswehr-Jnf.- Rgt. 68 in Prenzlau, ab 20. Oktober 1920 wurde er zum Reserve-Jäger-Bataillon 9 in Ratzeburg-Lauen- burg versetzt. Dann kam er in das ReichswehrHnf.- Rgt. 6, mit Standort in Ratzeburg, später in Lübeck, wo er bis 1927 in Garnison lag. Dann wurde er nach Potsdam versetzt, wo er zuerst beim Reichs- wehr-Jnf.-Rgt. 9. später als Adjutant beim damaligen Jnfanterieführer III, dem heutigen Gene» ralfeldmarschall Keitel, Dienst tat. In dieser Zeit organisierte er den bekannten „Tag von Potsdam" am 21. März 1933. Während seiner Potsdamer Dienstzeit erhielt er vom Führer als besondere Auszeichnung sein Bild mit eigenhändiger persönlicher Widmung als sichtbaren Ausdruck der Anerkennung überreicht. Im Jahre 1934 kam er als Major und Bataillonskommandtzur zum Jnf.-Rgt. 16 in Bre-
3m neuen Jahre ...
Stiller als sonst hat zum zweiten Male im Kriege ein neues Jahr der Arbeit, der Hoffnungen und Wünsche, aber auch der Zuversicht und des stolzen Mutes seinen Einzug gehalten. Große Geschäftigkeit herrschte noch bis in die Abendstunden des Silvestertages. Mehr als in früheren Jahren wurde das neue Jahr in den Familien begrüßt. Noch einmal wurden die Lichter des Weihnachtsbaums angesteckt, und wer um Mitternacht durch die stillen Straßen ging, konnte überall aus den Häusern, hinter den abgedunkelten Fenstern die fröhlichen Prost Neujahrsrufe hören. Nachdem die Weihnachtsurlauber gleich nach dem Fest wieder abgereift waren, konnte man zu Neujahr wiederum viele Soldaten im Urlaub begrüßen, und oft war die Freude besonders groß, wenn sich zwei oder drei Urlauber an einem Familientisch trafen. Da wollte das Erzählen kein . Ende nehmen.
Auf der Reichsbahn war es über Neujahr ziemlich lebhaft, denn nicht nur im Nahverkehr, sondern auch in den Fernverbindungen waren die Züge gut besetzt. Schwere Tage hatte wiederum die Reichspost. Die Briefträger und Briefträgerinnen muhten gestern noch wahre Lasten schleppen, um b»e tausende Neujahrsbriefe und Glückwünsche den Empfängern zuzustellen. Auch der Paketverkehr war am Neujahr noch überaus stark.
Die Feuerschutzpolizei, in früheren Neujahrsnächten, wenn die Frösche knallten, die Raketen zischten und die Kanonenschläge donnerten, arg geplagt, konnte geruhsam Silvester und Neujahr feiern, denn es gab nichts zu tun. Auch die Breitschaft des Roten Kreuzes und die Polizei hatten nicht mehr zu tun als an andern Tagen. ___________________
Nun wachsen die Tage wieder.
Als Ueberbleibfel früherer Neujahrsbräuche sind uns mannigfache Formen des Glückwünschens zum Beginn des neuen Jahres erhalten geblieben. Dazu gehören die verschiedenen Neujahrsgebäcke: Das rheinische Landvolk kennt noch „Neujahrskränze", der schwäbische Bauer den „Neujahrsring", der Elsässer den Neujahrsstollen, der Hesse den „Schorn" und in der deutschsprachigen Schweiz ißt man „Helswecken". Einheitlicher haben sich die Bräuche zum Dreikönigstage erhalten, wenngleich auch ihre einstige Bedeutung dahin ist. Aber auf unzähligen Höfen malt man noch an diesem Tage mit Kreide die Zeichen C. M. B. (Caspar, Melchior und Balthasar) über die Tür, in vielen anderen Höfen feiert man ausgelassen das „Bohnenfest", auf dem durch den Bohnenkuchen der Dohnenkönig ermittelt wird. Wenig später, am 22. Januar, feiern die Winzer den St.-Vinzenz-Tag. denn St. Vinzenz genießt den Ruf eines Schutzheiligen für den Weinbau.
Wenn aber auch die Anlässe aller dieser Feste um die Jahreswende herum voneinander abzuweichen scheinen, so bleibt als Ausgangspunkt doch die Tatsache bestehen, daß in diesem Zeitabschnitt das Licht südlich wieder zur Herrschaft gelangt. „Nun wachsen die Tage", fang man einst. Unter den zahlreichen Bauernregeln, die sich auf die große Wende in der Natur beziehen, findet sich eine mit Beobachtungen wie diese: „Am Weihnachtstage wächst der Tag, so weit die Mücke gehen mag; am Neujahrstage, so weit der Hahn krähen mag; am Dreikönigstag, so weit der Hirsch springen mag". Die durch den Krieg bedingte Verdunklung macht uns die Freude unserer Vorfahren über den Sieg des Lichtes besonders verständlich.__________________
Gießener Stadttheater.
Max Neal und Rudolf Frank: „Der Ahnenpatz".
Als Silvesterfeier brachte das Stadttheater an der Schwelle des neuen Jahres die Uraufführung des Schwankes „Der Ahnenpaß" von Max Neal und Fr. Rudolf Frank. Die zeitnahen Autoren, welche offenbar Bescheid wissen, wie man die von ehrwürdigen Traditionen bemooste Gattung des Schwankes ins aktuelle Fahrwasser steuern und aus dem Geiste der Gegenwart sozu- sagen verjüngen muß, nennen ihr Stück in diesem Sinne verheißungsvoll „ein heiteres Spiel um eine vordringliche Angelegenheit in drei Akten". Es ist eine abenteuerliche Geschichte, in der das Wirkliche, Mögliche und Wahrscheinliche mit stürmischer Phantasie und unbekümmerter Großzügigkeit nach alter guter Schwankweise ins vollkommene Gegenteil verkehrt wird, und in welcher der Zufall jene drama- tükgisch entwaffnende und bestürzende Rolle zu spielen bestimmt ist, wie im antiken Drama der berühmte Gott aus der Maschine.
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Es wäre, wie in der Regel bei Schwänken, ein hofsnungsormes Unternehmen, wollte der Kunstbetrachter versuchen, den verschlungenen Wegen der raffinierten Autoren beschreibend zu folgen und m etwa den Gang der Handlung zu erzählen. Man wolle sich also mit der Andeutung bescheiden, daß dieses Stück sich in einer Mädchenschule ereignet, und daß hier eine junge Lehrerin unterrichtet, welche beklagenswerterweise bislang nicht den erforderlichen Nachweis chrer arischen Abstammung hat bei- bringen können. Ihre Vergangenheit ist von exotisch-düsteren Geheimnissen umwittert, und da es sich aus allerlei Gründen als notwendig erweist, die Schleier erbarmungslos zu lüften, welche die Herkunft dieses Fräuleins bedecken, erhebt sich die beliebte und ziemlich entscheidende Frage: wer war der Vater?
Das war für die Herren Neal und Frank gewissermaßen das Stichwort: mit der Stellung dieser Frage haben sie ausgesorgt für drei beinahe abendfüllende Akte. Nun ist kein Halten mehr. Nicht
allein, daß das Damoklesschwert solcher Kardinalfrage den ganzen Abend lang über dem Haupte des bejammernswerten Schulrektors schwebt — die Autoren haben außerdem kraft ihrer üppig ins Kraut geschossenen Phantasie eine solche Fülle von Mißverständnis, Verwechslung und Rollenvertauschung über die vordringliche Angelegenheit ausgegossen, daß selbst scharfsinnige und von Silvesterstimmung noch ungetrübte Geister nicht ohne Schwierigkeiten den hieraus entstandenen Rattenkönig verwandtschaftlicher Beziehungen zu entziffern vermochten. Daß des Jubels über das so verrottete Familienleben kein Ende war, braucht kaum versichert zu werden.
Herr V o l ck hatte die Spielleitung und trug gewissenhaft dafür Sorge, daß keine der wie bengalisches Feuer und heuer verbotene Kanonenschläge wirkenden Pointen verpuffte. Herr Löffler hatte eine freundliche und geräumige Szenerie geschaffen. Unter dem furchtbaren Verdacht illegitimer Vaterschaft wanden sich schreckensbleich Herr Bosny als Rektor und Herrn V o l ck s Pedell zum hellen Ergötzen der mitleidlosen Zuschauer in allen Aengsten. Waltraut G o e 11 f e spielte mit erfrischender Jugendlichkeit das Aergernis ohne Ahnenpaß. Die Herren Erler und Lowitz tauschten ihre Persönlichkeiten mit der Vorurteilslosigkeit vollkommener Kavaliere. Hella Henzky führte als Frau Rektor ein wahres Schreckensregiment. Anneliese Garde war der ahnungslose und glückstrahlende Backfisch Jngeborg. Mit sehr sympathischer Reserviertheit spielte Herr Geißler den hamburgischen Senator Lütt. Herr Schewe als Fabrikant Keßler. Herr L a p o r t e als erpresserischer Zirkusdirektor und Hilde Kneip als wild entfesselte indische Bauch-än- zerin rundeten das Ensemble mit trefflichen Effekten.
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Weil Silvester war, wurde außerdem dem erwartungsvollen Publikum Besonderes geboten in Gestalt von Kabarett-Einlagen nach dem zweiten Akt: das Ballett produzierte sich steptanzend, Herr G r ü- n e f e machte als Ansager in aufgekratzter Silvesterstimmung und lieferte überdies etliche witzige Parodien am Flügel. Das Herrenquartett des Stadttheaters (Kohlermann. Mayr, Ritter, Zahn am Flügel: F. Dietzmann) bemühte sich dem Meister-Sextett Konkurrenz zu machen. Die Herren Bernardi und Müller erwiesen sich.
von Herrn Spelt am Flügel begleitet, als tüchtige Artisten am schwingenden Seil und am Schleuderbrett. —
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Das Haus war beinahe ausverkauft und in großartiger Stimmung. Hans Thyriot
Die Farnilirnaxt.
Don Stry zu Eulenburg.
„Ihr müßt .mehr Familienstolz aufbringen!" ermahnte der Gemeindevorsteher die Brüder Max und Michael.
Die beiden Brüder waren Holzfäller und hatten sich noch niemals Zeit genommen, um darüber nachzudenken, was Familienslolz ist.
„Paßt einmal auf!" bemühte sich der Gemeindevorsteher. „Euer Vater war doch Holzfäller, und auch euer Großvater war Holzfäller?!'
Max und Michael nickten zustimmend. „Und auch der Vater unseres Großvaters hat schon Bäume geschlagen!"
„Wißt ihr das genau?"
„Dort lehnt die Axt, mit der schon der Vater unseres Großvaters gearbeitet hatte!"
Der Gemeindevorsteher rang nach Atem:
„Und das sagt ihr so leichthin, so ohne jeden Respekt? Ihr wißt tatsächlich nicht, was es bedeutet, eine lückenlose Reihe von Ahnen zu besitzen, die dem gleichen Beruf nachging! Wißt nicht, daß ihr eine wahre Holzfällerdynastie seid und die Art vor euch als Erbstück, sozusagen als die Familienart den größten Wert darstellt, einen ungeheuren Wert besitzt und dementsprechend hoch in Ehren gehalten werden muß. Aber ich werde schon dafür sorgen, daß ihr möglichst bald einmal erkennt, woran ihr bisher blind oorbeigegangen seid!"
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Und der Gemeindevorsteher, der ein sehr tüchtiger Gemeindevorsteher war. schickte einen ausführlichen Bericht an seine vorgesetzte Behörde.
Der Erfolg blieb nicht aus. Bald erschienen die zuständigen Amtsvertreter, nahmen Protokolle auf und beglückwünschten im Namen des Staates die beiden 'Holzfällerbrüder als die Mitglieder einer ihrem Stand so viele Generationen hindurch tteu- I gebliebenen Familie. Die Zeitungen brachten lange
Artikel über Max und Michael und zeigten in großen Bildern die Familienaxt. die, wie die Brüder erzählt hatten, nun schon in dritter Geschlechterfolge jeweils vom Vater in seiner Todesstunde dem ältesten Sohne übergeben worden war.
Auch der Rundfunk kam zu Max und Michael in die Holzfällerhütte, um seinen Hörern ein Gespräch mit den Besitzern der Familienaxt zu übertragen.
Der Sprecher vor dem Mikrophon fragte Max: „Und nun sagen Sie uns, bitte, möglichst genaui Wie lange befindet sich diese Axt schon in Ihrer Familie?"
„Ungefähr wohl zweihundert Jahre."
„Und es wurde diese ganze Zeit über damit gearbeitet?" wandte sich der Sprecher nun an Michael.
Michael bestätigte es. „Tag für Tag wurde diese Axt gebraucht!"
Der Rundfunksprecher holte tief Atem:
„Verehrte Hörer! Sie konnten soeben selbst aus berufenem Munde vernehmen, wie alt diese Axt ist, wie viele Tausende von Bäumen unter ihren wuchtigen Hieben fielen; und trotzdem, meine lieben Hörer, könnten Sie hier sein wie ich, diese Axt vor sich liegen haben, Sie würden staunen, sich darüber wundern, wie gut erhalten diese Axt noch ist. wie gar nicht alt und wie wenig verbraucht sie aussieht. Das Messer blitzt und blinkt, als wäre es neu, und das kommt davon, daß die Axt auch jetzt noch fleißig benützt wird, wenngleich ich fast vermuten möchte, daß diese Axt besonders liebevoll gepflegt und wohl nach besonderen, uns unbekannten Richtlinien behandelt wird."
„Habe ich nicht recht?" fragte der RuMunk- sprecher noch einmal die beiden Holzfällerbrüder.
Max und Michael nickten zustimmend, und Max antwortete:
„Freilich muß die Axt, damit man immer mit ihr arbeiten kann, nach besonderen Richtlinien behandelt werden. So ist es zum Beispiel notwendig, das Messer der Axt alle fünf Jahre zu erneuern."
„Und alle zwei Jahre ungefähr muß die Axt einen neuen Stiel bekommen!" verriet Michael.
Und einträchtig bestätigten die beiden Brüder:
„So hat es schon der Vater unseres Großvaters gemacht, unser Großvater, unser Vater, und ja haben auch wir es bisher mit der Familienaxt gehalten: alle fünf Jahre ein neues Messer und all« zwei Jahre ein neuer Stiel!"


