Nr. IZ9 SweUes Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberheffen)
Mittwoch, Zf. Juli Mü
Heilkräuterernte in Hessen-Nassau 1939.
Kreis Wetterau an der Spitze.
- Die „Deutsche Apothekerzeitung" und „Der Deutsche Erzieher" (Ausaabe Gau Hessen-Nassau) bringen m ihren letzten Ausgaben aus der Feder des Gausachbearbeiters der Reichsarbeitsgemeinschaft für Heilpflanzenkunde und Heilpflanzenbeschaffung (RfH.), Apotheker R i p p e r g e r (Frankfurt a. M.-Höchst) einen sehr aufschlußreichen Jahresbericht der Gauabteilung Hessen-Nassau der RfH. über die Heilkräuterernte in Hessen-Nassau 1939.
Danach ist das Ergebnis der Heilkräutersammelaktion im Vorjahre außerordentlich beachtenswert gewesen, beträgt es doch das Fünffache des Jahres 1 9 3 8. Obwohl die Reichsstatistik noch nickt vorliegt, kann heute schon gesagt werden, daß unser Gau dank des unermüdlichen Einsatzes seines Gausachbearbeiters mit an der Spitze der Gaue Großdeutschlands marschiert. Insgesamt sind im Jahre 1939 von 26 Kreisen des Gaues 19 866,041 kg getrockneter Heil- und Teekräuter, 32 211,880 kg (= 644 Zentner!) Hagebutten und 12 193,130 kg sonstiges Frischgut gesammelt worden.
Fast 20 000 R2U. kamen dafür an die Satnm- lereinheilen zur Auszahlung.
Nur durch den freudigen Einsatz der Erzieher und der Schuljugend — die weitaus größten Mengen des wertvollen Sammelgutes wurden durch die Sammeltätigkeit der Schulen aufgebracht — konnte das Ergebnis der Heilkräutere'rnte in Hessen-Nassau so erheblich gesteigert werden. Aus der Reihe der in allen Kreisen rührig tätigen Kreissachbearbeiter hebt der Bericht die folgenden mit besonderer Anerkennung hervor: Studienrat Dr. Schumann- Bensheim (Kreis Bergstraße), Lehrer Oßwald- Bad-Nauheim (Kreis Wetterau), Lehrer Böver- s e n -Eckelshausen (Kreis Biedenkopf), Studienrat Bayer- Bingen (Kreis Bingen). Diese haben neben einem hervorragenden Sammelergebnis vor allem die Aufgabe gemeistert, ordentlich arbeitende Bezirkssammelstellen einzurichten und die Sammeltätigkeit planmäßig im Sinne der gegebenen Richt
linien zu steuern. Auf Grund eines persönlichen Berichts des Gausachbearbeiters hat sich Gauleiter und Reichsstatthalter Sprenger bereit erklärt, die zehn hervorragend st en Schulen besonders auszuzeichnen. Eine weitere Anzahl erfolgreicher Schulen und Kreissachbearbeiter erhalten durch die Gauabteilung eine Urkunde als äußeres Zeichen der Anerkennung für ihre unermüdliche Mitarbeit.
Der Bericht gibt einen Ueberblick über das Jahresergebnis nach Arten und Kreisen.
An der Spitze der kreise stehl der kreis Delterau mit 1966,030kg getrockneter heil- und Teekräuter und 6304,600 kg (= 126 Zentner) frischer Hagebutten (im Wert von insgesamt 2820 R2U.) Damit hat die Wetterau einen wesentlichen Anteil am Gesamtergebnis des Gaues.
Ganz ausgezeichnet ist auch das Ergebnis des Kreises Bergstraße mit 1707,275 kg getrockneter Heilpflanzen, 239 kg frischer Hagebutten und großen Mengen sonstigen Frischgutes im Gesamtwert von 1576,14 RM. Der Kreis Biedenkopf hat 807,839 kg <m Trockengut und 1234 kg frische Hagebutten aufgebracht (Wert: 935,60 RM.). Im übrigen nennen wir noch die Ergebnisse der oberhessischen Kreise.
Büdingen-Schotten: 607,610 kg Trockengut, 3768 kg Hagebutten (Wert: 1237,80 RM.).
Alsfeld-Lauterbach: 429,920 kg Trockengut, 2533 kg Hagebutten (Wert: 835,09 RM.).
Wichtige Einzelergebnisse der Schulen werden erst nach der durch den Gauleiter erfolgenden Auszeichnung genannt.
In diesem Jahre stehen auf besonderen Wunsch des Gauleiters außer den Schulen auch Jungvolk, Jungmädel, NS.-Frauenschaft und NS.-Reichskrie- gerbund im Einsatz. Die Ernte 1940 ist in vollem Gang und verspricht nach den ersten Meldungen schon jetzt ein Ergebnis, das das von 1939 um ein Mehrfaches übertreffen wird.
Aus der Stadt Gießen.
Gin Mädel Hilst ...
Offen gesagt: die Mutter war nicht begeistert gewesen, als Friedel ihren Wunsch geäußert hatte. „Warum denn unbedingt zur Erntehilfe? Du bist doch ein junges Mädchen und verstehst nichts von solchen Dingen. Außerdem kannst du es in deinen Ferien viel besser haben." Aber Friedel blieb bei ihrer Ansicht. „Unsere Verwandten werden sich be-- stimmt freuen. Und von meinen Ferien behalte ich ja noch genügend Zeit für mich, wenn ich drei Wochen aufs Land fahre, nicht wahr, Vater?" Die angerufene väterliche Autorität äußerte sich positiv. „Laß sie nur, das Mädel geht ja nicht unter die Wilden. Sie will sich eben nützlich betätigen und sieht diese Tätigkeit als notwendige Aufgabe an."
So ging Friedels Wunsch in Erfüllung. Die Ferien an der Handelsschule hatten kaum begonnen, da bestieg sie auch schon den. Zug, der sie zu ihren Verwandten brachte. Einiges Herzklopfen hatte sie allerdings doch, als sie schließlich die Bahnstation verließ, von wo das Anwesen der Verwandten in einem einstündigen Fußmarsch zu erreichen war. Als Kind war sie häufiger hier gewesen, aber das war immerhin schon einige Jahre her. Stand dort am Ausgang übrigens nicht Wilhelm, ihr gleichaltriger Vetter, der jetzt schon auf dem Hofe arbeitete? Richtig, er winkte vergnügt, und bald gingen sie zusammen die Landstraße entlang, die am Walde vorbei zum Gehöft führte.
Bei den Verwandten wurde sie freudig aufgenommen. „Fleißige Hände sind uns immer willkommen", sagte Onkel Jochem, „wenn du willst, kannst du Mutter zur Hand gehen. Sie weiß sowieso nie, wo sie zuerst an fangen soll." Damit hatte Friedel ihre Anweisung, und es stellte sich bald heraus, daß sie ordentlich zupacken mußte, wenn alles in ordentlicher Weise erledigt werden sollte. Da war das gesamte Essen zu besorgen, da mußte gescheuert und gefegt werden, da war ans Vieh zu denken, bann wieder mußte das Essen aufs Feld getragen werden. Die Arbeit riß vom Morgen bis zum Abend nicht ab. In den ersten Tagen spürte Friedel schmerzhaft ihre Glieder, wenn sie morgens aus dem Bett schlüpfte, aber nach kurzer Zeit hatte sie den Muskelkater überwunden. Das Bewußtsein, ein für die Allgemeinheit nützliches Werk zu tun, feuerte sie an und gab ihr Begeisterung für alle Dinge, die aus ihrer selbst gestellten Aufgabe erwuchsen. Am Ende der ersten Woche schrieb sie einen ausführlichen Brief.
Es war Sonntag, als der Brief zu Hause ankam. Die Eltern saßen gerade am Frühstückstisch. „Na, das hätte ich eigentlich nicht erwartet, daß die Arbeit dem Mädel so viel Qreube macht", sagte die Mutter, „ich hielt die ganze Sache mehr für eine romantische Idee." Der Vater lächelte: „Womit du dich wieder mal geirrt hast. Man soll die jungen Mädels nur gehen lassen. Es ist ein guter Schuß Wagemut und Verantwortungsfreudigkeit in ihnen. Sie wissen jedenfalls, wie sie das Leben anzupacken haben." H. W. Sch.
Dornotize«.
Tageskalender für Mittwoch.
Gloria-Palast, Seltersweg: „Bal pard". — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Der rettende Engel".
Notizen für den 1. August.
Sonnenaufgang 5.19 Uhr, Sonnenuntergang 20.53 Uhr. — Mondaufgang 2.48 Uhr, Mondunteraana 18.44 Uhr.
Urlaubsreise und Lustschuhgemeinschast
Volksgenossen, denkt vor Antritt einer Urlaubsreise daran, daß die Luftschutzgemeinschaft bei etwaigen Luftangriffen auch Euer Hab und Gut während Eurer Abwesenheit schützen muß. Unterstützt die Daheimgebliebenen dadurch, daß Ihr Eimer mit Löschwasser zur Brandbekämpfung bereitstellt. Teilt dem LS.-Wart Sinn und Dauer Eurer Reise sowie die Urlaubsanschrift mit, damit dieser in der Lage ist. Euch bei etwaigen Schäden schnellstens zu benachrichtigen. Es empfiehlt sich auch, dem LS.-Wart die Wohnungs- oder Hausschlüssel auszuhändigen, damit er bei Wohnungsbränden die sofortige Brandbekämpfung sicherstellen kann. Diejenigen Volks- ?enossen, die als Selbstschutzkräfte herangezogen sind, orgen für Vertretung.
Auszeichnungen für treue Beamte.
Wie die Justizpressestelle Darmstadt mitteilt, ist einer Reihe von Beamten der Justizbehörden des Oberlandesgerichtsbezirks Darmstadt als Anerkennung für langjährige treue Dienste das Treudienst- Ehrenzeichen durch den Führer verliehen worden. Das Ehrenzeichen wurde im Auftrag des Oberlandesgerichtspräsidenten und des Generalstaatsanwalts den ausgezeichneten Beamten durch die zuständigen Dehördenleiter in feierlicher Form überreicht.
Das goldene Treudienst-Ehrenzeichen für 40jäh- rige treue Dienstzeit erhielten: Amtsgerichtsrat Wilhelm B r ü ck e l und Justizoberassistent Emil Boller, beide in Gießen (wir berichteten bereits kurz darüber); ferner Justizinspektor Karl H e u tz e n- röder in Grünberg, die Justizsekretäre Otto Gutfahr in Gießen, Gottfried Seibert in Homberg und Oberassistent Wilhelm Magnus in Großen- Linden.
Das silberne Treudienst-Ehrenzeichen für eine 25jährige treue Dienstzeit erhielten: Amtsgerichts- rat Dr. Anton Re utter in Alsfeld, Justizsekretär Friedrich Hof in Gießen, die Justizassistenten Otto Komps und Karl B u ß in Gießen, Justizassistent Karl V i a n d in Grünberg, Kanzlist Wilhelm H a - bermehl in Griedel, Hauptwachtmeister Wilhelm Bopp in Rockenberg, ferner die Oberwachtmeister Josef Endlein, Anton Witzen berg er und Philipp Bo h land, sämtlich in Rockenberg, sowie Oberwachtmeister Wilhelm Balser II. in Rödgen.
Schöne Bilder aus Oberheffen
im neuen kdF.-Monatsprogramm August.
In schönem Gewände, in feiner und künstlerischer Ausstattung, ist das Monatsprogramm der NS.- Gemeinschaft „Kraft durch Freude" (Gau Hessen- Nassau) erschienen und fordert einige Aufmerksamkeit heraus. Die Titelseite der 16feitigen reichbebilderten Schrift zeigt eines unserer deutschen Schnell
boote auf großer Fahrt und erinnert an die große Gegenwart. Im Heft selbst finden wir dann zunächst schöne Erinnerungen an Auslandsreisen mit KdF. Viele Bilder geben anschauliches Zeugnis dafür ab, wie „Kraft durch Freude" dem deutschen Menschen die Welt erschließt. Ein weiterer Beitrag schildert die Gutenberg-Festwoche 1940; dekorative Bilder regen zur Beteiligung an edler Gymnastik an. Schließlich aber werden uns in diesem Heft die Seiten interessieren, in denen unsere engere Heimat geschildert ist. Wir sehen Bilder von Kloster Arnsberg, von Münzenberg, Bad Salzhausen, Bad-Nauheim, Büdingen, Dortelweil und Butzbach. Das begleitende Wort macht auf die Schönheiten der Wetterau aufmerksam. Zwei weitere Seiten sind dann der Dolkstumsarbeit gewidmet, so wie sie von Georg Heß und seiner Volkstumsgruppe aus dem Hüttenberg gepflegt wird. Hübsche Bilder erzählen von der Freude, die diese Gruppe bei vielen ihrer Gastspiele den Verwundeten in den Lazaretten bereitet hat. Bilder von Limburg, Erbach im Odenwald, Büdingen, Frankfurt a. M., Höchst und Trebur beschließen das sehenswerte Heft.
Gommerreise in die Heimat.
NSG. Es gibt Leute, die es unbegreiflich finden, daß man von einer kurzen Wanderung oft so froh und erfrischt heimkehrt; sie haben die ftxe Idee, nur weit weg fei die Landschaft schön und die Stadt interessant. In diesem Sommer wollen wir uns die engere Heimat ansehen, — und zwar so gründlich, wie es bisher nur die fremden Gäste taten, die über aberhundert Kilometer angereift kamen. Wir haben Krieg, und haben andere Sachen im Kopf als große Reise und abgelegene Länder! Unser Urlaub sei diesmal der eigenen Heimat zugedacht; wer die Bergstraße kennt, weiß damit noch lange nichts vom Odenwald und wer das Lahntal schon durchzogen hat, kann nicht mitreden, wenn der Vogelsberg als Reiseziel vor Augen steht. Welch ungeahnte Möglichkeiten gibt es für den Urlaub im eigenen Gau — die meisten werden staunen und zugeben, daß
sie es nicht halb so schön erwartet hätten, wie es in Wirklichkeit war!
5. Haussammlung für das Deutsche Note Kreuz.
Dank der Heimat an die Front.
Nun stehen wir wieder in einer Woche, an deren Schluß wir durch ein Opfer beweisen werden, daß die deutsche Heimat für ihre Soldaten zu opfern bereit ist. Wieviele Beispiele empfindlichster persönlicher Opfer sind in den vergangenen Monaten gebracht worden! Der Arbeiter, der Bauer, das 2lfe ter, die Jugend, sie standen mit ihren Gaben ofti mals vorbildlich vor der Gemeinschaft ihres Blockes, ihrer Ortsgruppe. Oder ist das nichts, wenn ein alter Rentner auf seine Zusatzrente verzichtet und sie dem Kriegshilfswerk gibt? Wenn ein Arbeiter das Geld für all seine Ueberstunden zur Verfügung stellt! Wenn der einfache Bauernbursche, das Mädchen bei einem Bauern 10 bzw. 15 RM. dem über^ raschten Amtswalter in die Liste eintragen! Wenn ein altes Mütterchen ein Sparbuch mit 87 RM. bringt, das sie dem einzigen Sohn schenken wollte, der nun in Flandern begraben liegt! — Endlos ift die Reihe« wenn wir genauer auf die Opfernden schauen. Sie alle wollen unseren Soldaten die Liebe und Dankbarkeit zeigen, mit der sie sich ihnen verbunden fühlen, darüber hinaus aber ihre unverbrüchliche Treue beweisen, Führer und Volk gegent über.
Das Lob der Heimat aus dem Munde des Führers hat uns alle stolz gemacht. Wir werden unsere Einsatzbereitschaft im Schicksalskampf der Nation erneut beweisen bei der 5. Haussammlung für das Deutsche Rote Kreuz am 3. und 4. August durch ein spürbares Opfer als Dank der Heimat an die Front.
Kartoffelkäfer-Suchdienst der HI. fällt aus.
Der für heute (Mittwoch) bzw. morgen (Donnerstag) nachmittag vorgesehene Kartoffelkäfer-Suchdienst fällt aus. Die Hitler-Jugend (Jungmädel und Pimpfe) tritt am nächsten Mittwoch, 7. August, 14 Uhr, auf dem Brandplatz an. Der Kartoffelkäfer- Suchdienst soll in Zukunft regelmäßig am Mittwoch ftattfinben.
VS-GmelnsiW M Kraft önröj Strane
2Hif KdF. durch die Vetterau.
Das neue KdF.-Moncttsheft bringt Bilder aus der schönen Wetterau. Kauft es bei den bekannten KdF.-Dienststellen. 34430
Lustschuhgräben für Kleingärtner.
NSG. Zahlreiche Kleingärten umgeben wie ein blühender und grünender Gürtel die Stadt. Die Zeit der Ernte ist gekommen. Die Stachelbeeren sind reif, rot leuchten die Tomaten aus saftigem Blättergrün und die ersten Frühkartoffeln werden ausgemacht. Jetzt kommen auch die Tage, da Tauseicke den Feierabend in ihrem Kleingarten derbringen und in dem Wirken und Schaffen auf eigenem Grund und Boden Ausgleich und Entspannung
Sepso-Tinklvr gehör! in Ihre Kaus-Apotheke Warum? Weil Sie immer ein zuverlässiges' und rasch wirkendes Desinfektionsmittel zur Hand haben muffen. Denn kleine Verletzungen, wie! sie durch Schnitte, Stiche, Riffe, Bisse und der--! gleichen verursacht werden, kommen ja im tag-, lichen Leben so oft vor! Und alle, auch-kleines offene Wunden sind der Gefahr der Jnfektiom durch Bakterien ausgesetzt. Deshalb soll man, auch geringfügig erscheinende Verletzungen nichv unbeachtet lassen, sondern sie rechtzeitig mitj Sepso - Tinktur desinfizieren. Sepso - Tinktur^ die in allen Apotheken und Drogerien in! Flaschen zu sünfunöfünszig Pfennigen und iw handlichen Tupsröhrchen zu neununövierziw Pfennigen erhältlich ist, wirkt genau so desinfi^ zierend wie Jod-Tinktur und ruft keine uner-t wünschten Nebenerscheinungen hervor. Sie hat weiterhin die angenehme Eigenschaft, keine, Flecken in der Wäsche zu hinterlassen. Auch kanw sie von der Haut leicht abgewaschen werden.
Die schöne Melusine
Vornan bon Hans dichter
14. Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)
„Was soll denn das für eine Figur werden, Heinz?" fragte Greta, die fühlt, daß er gerade diese Frage von ihr erwartet.
„Die schöne Melusine."
„Brauchen Sie da nicht ein Modell?"
„Ach was, Modell, ich sehe es ganz deutlich vor mir. Ich weiß genau, wie sie werden soll, Gesicht, Haare, alles — und der Uebergang des Menschenkörpers in den Fisch leib. Ich — geben Sie mal einen Batzen Ton her —"
Die Frau sieht ihm, ohne ein Wort zu sagen, zu, wie er den Ton formt. Er hat eine Art, aus dem zuerst unförmigen Kloß zu formen und herauszuholen, die sie, so oft sie es auch gesehen hat, immer wieder bewundert. Greta Kranick ist selbst Künstlerin, und sie kennt ihre Grenzen. Die Grenzen dieses vorwärts stürmenden jungen Menschen, der an jede Sache unbekümmert, aber auch mit einem ungeheuren Temperament herangeht, kennt sie noch nicht. Sie denkt nicht oft darüber nach, wie viele Jahre sie nun schon künstlerische Mitarbeiterin Paul Deetjens ist. Als sie hierher kam, war sie eine junge Kunstgewerblerin mit unklaren Zielen, aber mit einem großen Wollen. Sie hat alles in diesem Werk mitgemacht, eine Hochkonjunktur, deren ungesunde (9 ru obläge man erst später erkannte. Diese Hochkonjunktur hatte ihr künstlerisch viel geben können. Die kunstgewerblichen Geschäfte schossen wie Pilze aus der Erde, um dann ebenso rasch zu verschwinden. In dem bann folgenden Katzenjammer stellte Paul Deetjen — er war damals schon sehr früh Witwer geworden — die Fabrik mit eiserner Energie auf Gebrauchsgegenstände um, die heute noch ihre Stärke sind. Greta Kranick weiß genau, daß das Wiederaufleben der „Abteilung Kunst", so nennt Paul Deetjen ihre und feines Sohnes Arbeit, für den Alten nur ein Mittel zum Zweck bedeutet. Er will den Sohn an fein Werk gewöhnen, er will den Sohn einfangen. Und er tut- das mit aller der Zähigkeit,, der er fähig ift, und
mit allen Mitteln. Heinz mag die Fabrik nicht und liebt das Atelier, Paul weiß eins: Das Atelier gibt der Fabrik den Namen und den künstlerischen Ruf. Die Fabrik ist der Nährboden. Er hofft, daß er den Sohn über das Atelier zur Fabrik zurückführen wird.
Heinz formt und formt. Aus dem Ton wächst ein weiblicher Kopf heraus. Es wachsen Gesichtszüge, die noch roh und ungeschliffen sind, aber nicht zufällig. Es ist, als forme der Künstler nach einem Bilde, das ihm vorschwebt, als forme er nach einem unsichtbaren Modell.
„Kennen Sie bas, Kranich?" fragt Heinz. „Es ist da, zum Greifen deutlich ist es da, aber es schwebt noch in der Luft, und man kann es nicht herunterzwingen."
„Das kennt jeder Künstler, Heinz", sagt die Frau ruhig.
„Ich will es aber zwingen, ich muß es zwingen."
Gerade dieses jungenhafte Trotzige an ihm liebt sie. Sie liebt es so, wie eine Mutter es an ihrem Sohn lieben würde. Greta Kranick hat alles, was in ihr war, immer an ihre Kunst verschwendet, und sie ist mit den Jahren ein in sich gefestigter Mensch geworden. Ein Mensch, mit dem sich auch Paul Deetjen, der Vater, wenn auch Welten sie voneinander trennen, gern unterhält.
„Wie heißt die Frau und was hat sie Ihnen getan", fragt sie.
Heinz sieht sie verblüfft an. „Welche Frau?"
„Die Ihnen mit der Wesensart der Melusine vorschwebt, Heinz."
„Ach, die —" sagt er, und er sagt es beinahe wegwerfend. „Die hat doch nicht mehr als die Anregung gegeben, die ist ganz unwesentlich, Kranich. Eine Großstädterin, die mit dem Zeltleben kokettiert und natürlich zuerst einmal haushoch herein- gefallen ist. Können Sie sich vorstellen, daß ein Mensch auf der Runeninsel übernachtet und trogbem im Schloß Lüchow wohnt? Gerade auf Lüchow?"
„Das ist also der Fischschwanz dieser Melusine?" „Wir brauchen uns gar nicht mehr über sie zu unterhalten", schneidet Heinz das Gespräch ab. „Sie ist unwesentlich. Wesentlich ist die Figur, das heißt die Figur, wie ich sie mir denke."
Die Frau lächelt. „Aber sie hat doch einen Namen? Oder hat sie den auch verschwiegen?"
„Lieber Gott, wenn Sie es wissen wollen, Kranich, sie heißt Tilde, aber bas ist ganz unwesentlich."
„Reden wir also von den wesentlichen Dingen", sagt Greta Kranick. „Trotzdem, Tilde ist ein netter Vorname — für eine Melusine."
14.
Tilde ärgert sich eine Weile. Es verdirbt einem den ganzen Vormittag, wenn Dinge nicht so laufen, wie sie laufen sollen. Schließlich,' sie hat sich den Mann nicht ausgesucht, er mar nun einmal da, und mit Tatsachen muß man sich abfinden. Das trifft natürlich ebenso auf alte wie auf neue Tatsachen zu, und letzte Tatsache ist, daß er wieder fort ist.
Tilde sieht ihm nicht lange nach, dazu ärgert sie sich noch immer viel zu sehr. Aber sie beginnt nun wirklich, die Insel zu durchstöbern. Seinen Zeltplatz hat er gut aufgeräumt, muß man ihm lassen.
Halten wir uns nicht auf, sondern gehen wir auf Entdeckungsreisen, sagt Tilde zu sich selber. Den Userweg um die Insel hat sie schon im Training zurückgelegt, aber bas Innere wartet noch auf die Entdeckung. Dieses Innere besteht aus einer Anhöhe, die von Schluchten zerrissen und die mit wunderschönen alten Bäumen — zumeist sind es Buchen — bestanden ist. Ein Pfad, der sogar den Eindruck macht, als sei er wirklich früher einmal angelegt und nicht zufällig getreten worden, führt steil in die Höhe und scheint sich im Dickicht zu verlieren. Tilde findet, daß es eine merkwürdige Sache ist, so allein auf einer Insel zu sein. Sie wird den Gedanken an Schlangen und anderes Getier nicht los, schilt sich aber selber sofort einen erbärmlichen Feigling und klettert mutig nach oben.
Eine Gegend sieht bei Nacht anders aus als am Tage. Die Sonne leuchtet jetzt durch bas Grün, malt Lichter und Schatten, helle Kleckse und dunkle Tupfen auf den Waldboden und holt hier und da in einem glitzernden Tautropfen, der an einem Aesklein hängt, bunte Diamanten und Edelsteine heraus. Der Spuk der Nacht ist verflogen. Aber es ist etwas anderes da: Menschen, die mit der Natur allein gelassen worden sind, werden hellsichtiger und hellhöriger. Das Mädchen Tilde erkennt, daß jede Stunde ein anderes Gesicht hat. Am Morgen, als dieser unausstehliche Mensch noch da mar, schien der Tag unter dem Zeichen einer recht guten Kameradschaft beginnen au wollen. Diese Kamerad
schaft hat ein einziges Wort von ihr zerstört. Wie! war es doch? Sie waren doch ganz vergnügt mit* einander, bis bas Wort Lüchow siel.
Warum ihn nun gerade Schloß Lüchow so im Aufregung gebracht hatte?
Tilde, die noch gar nicht so sicher war, ob siö überhaupt hinüberfahren wollte, beschließt, es nurt erst recht zu tun. Man läßt sich nicht von einem wildfremden Menschen kommandieren. Man ist felbt ständig und weiß, was man will.
Nun gerade.
Aber noch nicht jetzt. Wenn man oben auf der Höhe steht, hat man hübsche Durchblicke. Ganz im Westen, wo der Hügel sanft ab fällt, sieht man üben das Wasser hinweg die Waldmühle liegen, ein breit tes, behäbiges Fachwerkhaus. Der alte Brümmer, bestimmt aber Fikchen sind schon aus den Federn, denn aus dem Schornstein kräuselt leichter Rauch. Man meint, den Holzgeruch dieses Feuers bis fyiert her riechen zu können. Ist das auch Einbildung, so ist eins Tatsache: Man sieht neben dem sauberen Wohnhaus die Ruine der alten Mühle, ein immer mehr zerfallendes Gebäude, das in feiner Zerf allem heit schon wieder malerisch wirkt. Die Muhle mit dem Bach, dessen Wasser immer noch über das gert brache ne Mühlrad strömt, scheint Tillie besser in die Landschaft zu passen als das Schloß, das zwar auf der anderen Seite durch den Wald verborgen ist, dessen Gegenwart man aber ahnt und — Tilde kann nicht umhin, aber es ist so — mißbilligt.
Das aufdringliche Schloß wird zum zweiten Male in die Rumpelkammer des Gedächtnisses verbannt, und Tilde freut sich an Gussow. Dörfer haben et* was Ewiges. Sie find da, heute wie vor hundert Jahren oder zweihundert. Städte wechseln ihr Gesicht rasch, Dörfer langsam. Tilde sieht ein anderes Gussow, ein Dorf, nur auf schmalem Knüppel dämm oder mit dem Boot erreichbar, durch Sumpf und Wasser besser geschützt, als durch die Waffen seiner Bewohner. An dieser großen Einsamkeit sind die Schrecken des Dreißigjährigen Krieges und der Franzosenzeit spurlos vorbeigegangen. Der Aelteste! des Dorfes ist einmal Herr über alle Menschen, dis im Dorfe wohnten, gewesen, und so mögen die alten Sagen entstanden fein. Vielleicht hat er sich auf dieser Insel zur Ruhe bestatten fa[[en, . _ (Fortsetzung folgt,) /


