Aus Der engeren Heimat
praktische Heimatkunde.
Lpd. Friedberg, 29.Juli. Der Friedberger Geschichtsverein und die Wetterauer Museums gesell- schäft, die sich in den letzten Jahren in besonderem Matze um die heimatkundliche Arbeit verdient gemacht haben und deren Ausspracheabende Hörer aus dem gesamten ob erh es fisch en Raum versam- mett sehen, legen nunmehr ihre Deranstaltungs- r folge für das zweite Halbjahr 1940 vor. Zunächst ist am 18. August ein Dagesausflug nach Frankfurt a. M. vorgesehen, in dessen Verlauf man den Sehenswürdigkeiten der Altstadt einen Besuch ab- statten wird. Am 6. September spricht im Rahmen eines Vortragsabends Kreisschulrat Köth über „Die Wetterau im FarbenbiD" und am 4. Oktober wird gelegentlich eines Ausspracheabends Obermedizinalrat Dr. Rebel „Alte Familiensilhouetten aus dem Besitz der Familie Rebel" erläutern. Ein weiterer Ausspracheabend bringt am 1. November einen Dorttag von Dr. W. Bel^ über „Wertgeheimnisse mittelalterlicher Bauhütten , gezeigt an Bauten unserer Heimat". Die Reihe der Veranstaltungen wird beschlossen am 6. DezerÄer mit einem Vorttag von Prof. Dr. Ehr. Waas. Dieser bekannte Wetterauer Heimatforscher spricht über das Thema
„Hessen-Nassauer Landgänger, ein trübes Kapitel aus der deutschen Kleinstaaterei".
Landkreis Gießen.
= Steinbach, 30. Juli. Am morgigen Mittwoch, 31. Juli, feiert der Landwirt Philipp Melchior Haas in bester Gesundheit seinen 70. Geburtstag. Herr Haas, dessen Schwiegersohn seit Kriegsausbruch im Felde steht, kann noch die ganze Land- wirtschaft besorgen. (Unseren Glückwunsch zum Ge- burtstag!)
Arbeitsscheuer Einsiedler festgenommen
LPD. Betzdorf, 29. Juli. Unweit des als Schisportgelände bekannten Stegkopfes kam die Polizei dieser Tage einem verdächtigen Mann auf die Spur, der sich schon seit 1938 von jeder Arbeit gedrückt hatte und in den Wäldern hau st e. In einem verborgenen Dickicht hatte er sich eine Waldhütte aus Ginster unp Reisig errichtet, in der er die aanze Zeit hindurch hauste. Der seltsame Wald- oewohner, dem neben Arbeitsscheu auch noch andere Eigenschaften zugesprochen werden, die das Licht der Oeffentlichkeit nicht vertragen, wurde in Haft genommen.
Lehrgang im Korbballspiel für Turnerinnen.
Der Bereichsfachwart für Sommerspiele, Dr. Pfeffer (Gießen), führte am Sonntagvormittag in Heuchelheim einen Lehrgang im Korbballspiel für Turnerinnen durch, zu dem 35 Spielerinnen aus Friedberg, Hanau, Heuchelheim, Krofdorf, Wetz- laf und Wieseck erschienen waren. Die praktische Arbeit begann mit Vorübungen, Zuspiel im Kreis und zu Paaren im Lauf, ohne und mit Prellen. In Parteispielen und besonders am Korbraum wurden das Zuspiel und die Stellung zum Gegner geübt. Die anschließenden Uebungsspiele zeigen, daß in den anwesenden Vereinen bereits gut vorgearbeitet wurde. Es wäre sehr zu wünschen, daß dieses schöne Spiel für Turnerinnen in allen Turn- und Sportgemeinschaften gepflegt wird. Im Bezirk Gießen wird in nächster Zeit eine große Spielrunde im Korbball durchgeführt. Dr. Pfeffer ist bereit, allen Gemeinschaften, die Korbball einführen wollen, mit Rat und Tat zu helfen.
Spiele um die Vereichsmeisterschaft.
Der Nachmittag brachte das Ausscheidungsspiel um die Teilnahme am Endspiel
um die Bereichsmeisterschaft. Diesem Hauptspiel, das den Sieger für den Sportgau Hessen-Nassau ermitteln sollte, ging als Lehrspiel ein Freundschaftsspiel Wieseck — Heuchelheim voraus, in dem die am Vormittag erworbenen- Kenntnisse bereits praktisch verwertet werden konnten. Nach gleichwertig guten Leistungen trennten sich die beiden Mannschaften mit 2:4 für Heuchelheim.
Dann traten Turngemeinde Hanau und Turnverein Wetzlar zum Entscheidungsspiel an. Während man zunächst Hanau als der wettkampferfahreneren Mannschaft die besten Aussichten einräumen mußte, lieferte Wetzlar ein vollkommen gleichwertiges Spiel und ging bis zur Pause mit 1:0 in Führung. Hanau konnte in der zweiten Halbzeit ausgleichen, so daß das Spiel 1:1 unentschieden stand und verlängert werden mußte. Auch jetzt ging Wetzlar wieder in Führung, und Hanau konnte nach Seitenwechsel durch einen 4-Meter-Wurf abermals ausgleichen und gewann dann in der zweiten Verlängerung knapp mit 3:2. *
Der Sieger, Turngemeinde Hanau, spielt am nächsten Sonntag in Heuchelheim um die Bereichsmeisterschaft gegen CT. Kassel. Turnverein Wetzlar wird vorher gegen die Mannschaft des Turnvereins Heuchelheim ein Freundschaftsspiel austragen. H.
Kugelstoßen (5 Kilo): 1. Sack, 6/116 (Tv. Heuchelh.), 12,98 Meter; 2. Kreiling, 6/116 (To. Heuchelh.), 12,49; 3. Gante, 3/116 (SV. 1900), 12,20.
Diskus : 1. Sack, 6/116 (Tv. Heuchelh.), 30,30 Meter; 2. Kreiling, 6/116 (To. Heuchelh.), 28,90; 3. Semper, M.-HI. 1/116 (SV. 1900), 27,80 Meter.
Speer: 1. Engel, 15/116 (SD. 1900), 50,05 Me
ter; 2 Demper, M.-HI. 1/116 (SD. 1900) 29,90 Mtt.
Keulenweitwurf: 1. Cttgel, 15/116 (SD. 1900), 70,10 m; 2. Sack, 6/116 (Tv. Heuchelheim), 53,00; 3. Demper, M.-HI. 1/116 (SV. 1900), 52,50.
4 X 100-Meter-Staffel: 1. Gießen I, 47,2 Sekunden; 2. Gießen 11, 50,4 Sek.; 3. Heuchelheim, 50,6 Sekunden. —1—
Ergebnisse her sonntäglichen Handballkämpfe.
Während die Spiele der Ausgleichsrunde ihren Slanmäßigen Verlauf nehmen, gab es durch das üsfcheiden des Tv. Dornholchausen abermals einen Ausfall. Die Entscheidung liegt nunmehr zwischen Hochelheim und Garbenheim, die sich an einem der nächsten Sonntage gegenüberstehen werden.
Im übrigen gab es folgende Ergebnisse:
To. Lang-Göns — To. Dutenhofen 10:8 (6:6)
Tuspo. W.-Niedergirmes — Tv. Hörnsheim (kampflos für Hörnsheim)
Tv. Lützellinden — Tv. Holzheim 12:8 (6:4)
Tv. Oberkleen — Tv. Lang-Göns II 2:8 (2:4)
Tv. Klein-Linden — To. Großen-Linden 10:8 (7:1) Tv Krofdorf — Tv.Atzbach 11:5 (5:5)
Tv. Krofdorf Jgd — Tv. Atzbach Jgd. 7:6 (4:3)
Tv. Launsbach — Tv. Heuchelheim 1:8 (0:6) Spgde. Großen-Buseck — Tv. Beuern 3:5 (1:3).
Zu einem harten Kampf kam es in Lang-Göns. Beide Mannschaften setzten sich resllos ein. Lang- Gönp konnte einen knappen, nicht ganz unverdienten Sieg sicherstellen.
Niedergirmes war durch eine andere Veranstaltung gehindert, rechtzeitig anzutreten. So kamen die Gäste zu zwei billigen,Punkten.
Holzheim konnte in Lützellinden gut gefallen. Seine junge Mannschaft legte ein schönes Spiel vor und wurde nicht ganz verdient geschlagen. Lützellinden, das verstärkt antrat, ließ viel von seinen sonstigen Leistungen vermissen.
Oberkleen enttäuschte, diesmal stark. Dafür aber boten die Gäste eine vorzügliche Leistung und siegten wie sie wollten.
Daß die Krofdorfer Mannschaft mehr und mehr im Kommen ist, beweist der eindeutige Erfolg über die gewiß nicht schlechten Atzbacher mehr als zur Genüge. Nach einer vollkommen ausgeglichenen ersten Halbzeit wurde Atzbach zusehends in die Verteidigung gedrängt und mußte sich hoch geschlagen bekennen.
Eine ansprechende Leistung zeigte Launsbach auch diesmal wieder. Trotzdem nämlich Heuchelheim recht spielstark ist, gelang es ein achtbares Ergebnis zu erzielen.
In Großen-Buseck gab es Meinungsverschiedenheiten mit dem Schiedsrichter. Dadurch aber ging viel nützliche Zeit verloren, so daß der Sieg dann
zum Schluß an die eifrigen Gäste abgetreten werden mußte.
Stadtelf Gießen - Wehrmacht Wetzlar.
Arn morgigen Mittwochabend trifft die Stadtmannschaft Gießen in einem Freundschaftsspiel auf eine Mannschaft der Wehrmacht. Den Gästen geht ein guter Ruf voraus, denn es gelang ihnen, die gewiß starke Stadtelf von Wetzlar hoch zu schlagen. Die beiden Wetzlarer Vereine Sportverein und Sportfreunde wurden ebenfalls von ihnen besiegt. In der Elf spielt u. a. auch der bekannte Spieler M ö b s, der jahrelang in der Eintracht Frankfurt mitwirkte. Die Gießener, die am Sonntag eine knappe Niederlage einstecken mußten, haben daher ihre Mannschaft durch einige „Neuerwerbungen" erheblich verstärkt; man hofft dadurch besonders die Stürmerreihe zu beleben. Wenn auch an einen Sieg nicht zu denken ist, so steht doch ein spannendes Spiel in Aussicht.
Fußball in Gießen-Klein-Linden.
Klein-Linden Igd. — Staufenberg Igd. 5:0 (3:0).
Die Gastgeber zeigten sich den Gästen stark überlegen. Durch einen zum Tor verwandelten Eckball konnte Klein-Linden schon wenige Minuten nach Anstoß in Fichrung gehen. Die Verteidigung der Gäste konnte dem Drängen des Klein-Lirwener Sturmes keine genügende Abwehr entgegenstellen und mußte immer wieder erleben, daß der Ball im Netz landete. Auch die zweite Halbzett stand ganz im Zeichen der Ueberlegenhett von Klein-LirUren, so daß dem Gegner selbst das Ehrentor versagt blieb.
Klein-Linden — Großen-Linden 10:8 (7:1).
Beide Mannschaften trafen sich in Klein-Linden zum Freundschaftsspiel. Klein-Linden war in der ersten Halbzeit stark überlegen, so daß sich das Spiel fast nur ttn Raum der Gäste abwickelte, und konnte bis zur Halbzeit ein schönes Spiel zeigen. Rach der Pause aber war es für Klein-Linden schlecht bestellt. Die Spieler hatten sich völlig aus- gegeben. Nun konnte Großen-Linden sein altes Können wieder unter Beweis stellen, zeigte ein schönes Zusammenspiel und holte Tor um Tor auf.
Leichtathletikkamps Gießen - Heuchelheim.
Es war beabsichtigt, am vergangenen Sonntag auf dem Sportplatz des 23fB.°R. in Gießen einen HJ.-Mannschaftskampf zwischen den Standorten Gießen und Heuchelheim zur Durchführung zu bringen. Infolge einiger besonderer Umstände (Teilnahme an anderen Veranstaltungen) fehlten aber in allen Mannschaften einige der besten Leistungssportler, so daß zur erfolgreichen Abwicklung des Mannschaftskampfes wenia Aussicht vorhanden war. Mtt Rücksicht darauf, entschloß man sich, von der Mannschaftswertung Abstand zu nehmen und als Ersatz dafür, einige Cinzelwettkämpfe auszutragen. Diese Wettkämpfe wickelten sich dann reibungslos ab und brachten zum Teil sehr gute Ergebnisse. Besonders günstig auf die Leistungen unserer jugendlichen Leistungssportler hat sich ihre Teilnahme an den wöchentlichen Trainingsabenden der Arbeitsgemeinschaft der Gießener Leichtathleten ausgewirkt, die vom Fachamt Leichtathletik durchgeführt werden. Die gute Zusammenarbeit zwischen der Hitler-Jugend und oem NSRL. wird auch für die kommende Zeit die Gewähr für die Weiterentwicklung der Leichtathletik Meben. Im Standort Heuchelheim sorgt für die leichtathletische Betreuung der Jugend der ftühere Langstteckler Hans N e i d e l, ebenfalls in engster Zusammenarbeit mit dem dortigen Turnverein.
Don den erzielten Ergebnissen darf der Speerwurf des Jg. Kurt Engel (Spielvereinigung 1900) mit
50,05 Meter besonders hervorgehoben werden. Seine Leistung im Keulenweitwurf mit 70,10 Meter ist gleichfalls recht gut.
Nach dieser gut gelungenen Veranstaltung, die den Beweis erbrachte, daß es leistungsmäßig in der Leichtathletik der Jugend aufwärts geht, werden nunmehr in nächster Zett die HJ.-Mannschasts- kämpfe zur Durchführung gebracht.
Die Ergebnisse.
1 0 0 M e t e r: 1. Dietrich, M.-HI. 1/116 (VfB.- Reichsb.), 12,4 Sek.; 2. Demper, M.-HI. 1/116 (SV. 1900), 12,6; 3. Rinn, M.-HI. 1/116 (Tv. Heuchelheim), und Krieger, M.-HI. 1/116 (Tv. Heuchelheim), 13,0 Sekunden.
400 Mieter : 1. Jox, M.-HI. 1/116 (SV. 1900), 55,8 Sek.; 2. Gehl, Flieg. 1/116 (SV. 1900), 58,3; 3. Wieder, M.-HI. 1/116 (SB. 1900), 61,0 Sekunden.
1000 Meter: 1. Heck, SRD. 1/116 (SV. 1900), 2:47,6 Minuten; 2. Kreiling, 6/116 (Tv. Heuchelh.), 2:48,3; 3. Cawein, M.-HI. 1/116 (DsB.-R.), 2:58,0.
Weitsprung: 1. Engel, 15/116 (SV. 1900), 5,83 Meter; 2. Dietrich, M.-HI. 1/116 (VfB.-R.), 5,69; 3. Schonebohm, DJ. (SV. 1900), 5,60 Meter.
Hochsprung: 1. Schonebohm, DJ. (SV. 1900), 1,55 Meter; 2. Dietrich, M.-HI. 1/116 (DfB.-R.), 1,55; 3. Gante, Mot. 3/116 (SV. 1900), 1,50 Meter.
Dreisprung: 1. Dietrich, M.-HI. 1/116 (VfB.- Reichsb.), 11,80 Meter; 2. Engel, 15/116 (SV. 1900), 11,62; 3. Krieger, 6/116 (Tv. Heuchelh.), 11,30 Mtt.
Wirtschaft.
* Bausparkasse GdF. Wüstenrot in Ludwigsburg. Nach dem Jahresbericht dieser Bausparkasse waren die privaten Bausparkassen'an der Finanzierung der 1939 errichteten 200 000 Wohnungen dit der Zuteilung von 130 (i. V. 100 Mill. RM. Dertragssumme beteiligt. Die GdF. erzielte 1939 die bisher größte Jahreszuteilung einer einzelnen Bausparkasse allein, es wurden für 4859 (2242) Bausparverträge 51,76 (24,03) Mill. RM. zu geteilt, davon werden 1249 $ ertrage über 14,68 Mill. RM. vorläufig fortgesetzt. Im neuen Jahr hielt die Steigerung der Zuteilungssumme an. Die Gesamtzuteilungen erreichten Ende des Berichtsjahres 326,11 (283,59) Mill. RM. für 26 238 (21 403) Bausparverträge. Der Krieg beeinflußte die Abschlußtätigkeit wenig, im Berichtsjahr wurden 3432 (4614) Verträge mit 47,308 (55,43) Mill. RM. 23er- traassumme abgeschlossen, im 1. Halbjahr 1940 erreichten die Neuabschlüsse schon 30,94 Mill. RM. Ende 1939 bestanden nur noch 4857 (8893) anwartschaftsberechtigte Verträge mit 57,2 (98,49) Mill. RM. Summe, ihre Zahl ist inzwischen weiter stark gesunken. Die durchschnittliche Vertragssumme stieg auf 12 600 (12 400, bei Neuabschlüssen auf 13 800 (12 000) RM. 97 v. H. aller gewährten Darlehen betrugen nicht mehr als 15 000 RM. Die Rückstände an Zinsen und Tilgungen machten 1,96 (1,55) v. H. der Gesamtpflichtleistungen aus. In der Bilanz entfallen 64 (76,4) v. H. der Bilanzsumme von 58,05 (74,66) Mill. RM. allein auf Darlehen, anderseits
82,55 (83,63) v. H. der Bilanzsumme auf Sparguthaben. — Der Gewinn von 0,11 (0,29) Mill. RM. wird wieder den Rücklagen zugewiesen.
Äor einer reichen Kartoffelernte.
LPD. Gebhardshain, 29.Juli. In dem als Kartoffelland bekannten Gebiet des rheinischen Westerwaldes und des angrenzenden Nassau stehen in diesem Jahr die Kartoffelfelder in seltener Ueppig- keit. Seit Jahren wiesen die Felder keine so prachtvollen Stauden auf, und die ersten Bodenkonttollen
Beschädigtes und zerrissenes Verdunkelungsmaterial kann seinen Zweck nicht mehr erfüllen. Wer nicht rechtzeitig für Ersah sorgt, gefährdet Besitz und Leben seiner Mitmenschen!
haben ergeben, daß der Besatz mit Knollen über alles Erwarten reich ist. Die somit zu erwartende gute Ernte ist nicht zuletzt auf die neuzeitliche Bodenbewirtschaftung zurückzuführen, sowie auf die Erkenntnis, daß frisches Saatgut in erster Linie reiche (Erträge garantiert. Während in früheren Jahren im Westerwald hauptsächlich Industrie- kartosfeln gepflanzt wurden, bevorzugt man jetzt die krebsfesteren Sorten wie Ackersegen, Ostbote, Flawa und Nordost, die trotz des Höhenklimas hier sehr gut gedeihen. . ,
Die schöne Melusine
Roman bon Hans Richter
13. Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)
„Zwei Autostunden von Berlin oder drei. Kommt natürlich auf den Wagen an. Mein Bekannter sagt, wir richten Pendelverkehr mit Berlin ein. Weißt du was, Agnes? Natürlich weiß ich was. Wenn der Alte im Reisebüro nicht so grob gewesen wäre, hätte ich ihm das Geschäft zugeschanzt, so natürlich —"
„Sie wollen also einen Ueberlandwagen mieten, Fräulein Sprenger?"
„Will ich. Sie sollen doch solch einen fabelhaften neuen Typ haben. Den habe ich meinem Bekannten natürlich sofort empfohlen. Für Ueberlandwagen nur Hellwig & Holzmann, habe ich gesagt."
„Sehr nett, aber der neue Wagen ist schon disponiert", läßt Hellwig kühl fallen.
„Dann müssen Sie eben umdisponieren, Herr Hellwig, Sie können mir doch nicht Ihre alten Schunkelkästen andrehen wollen."
„Alte Wagen haben wir überhaupt nicht, aber ich will mit meinem Teilhaber reden. Sie bekommen einen guten Wagen. Wann geht's denn los?"
„Donnerstag oder Freitag."
„Und wohin haben Sie mir auch noch nicht ge- fagt"
„Nach Schloß Lüchow. Wir haben Lüchow für zehn Tage belegt. Wollen mal sehen, was wir für einen Betrieb da machen. Tonwagen, Friseur, Garderobiere, Kurbelleute. Ganz groß." Agnes Sprenger ist nun einmal, wie sie ist. Sie kann das Kokettieren nicht lassen. Außerdem hat sie diesen outen Bären immer für einen ganz netten Kerl ge- halten. „Kommen Sie mit, Hellwig, Sie haben so was doch auch noch nicht gesehen.
„Ich bin tioer Wochenende besetzt."
„Macht nichts, dann kommen Sie nach. Also, nicht wahr, Angebot an Kolossalfilm, heute noch. Schicken Sie es durch Boten. Morgen wird alles schriftlich bestätigt."
Als sie draußen ist, atmet Wilhelm Hellwig erleichtert auf. Einerseits gar keine schlechte Idee,
mal Mit der kleinen Krabbe nach diesem — wie hieß es doch? — Lüchow, Schloß Lüchow, richttg, zu fahren. Aber andererseits. Er wird am Sonntagmittag mit Tilde Rohloff zusammen eine Reise ins Blaue antreten. Richt nach Lüchow und nach diesem vermanschten Ostpreußen, ganz woanders hin. Man macht doch kettle Fahrten in Gegenden, die wie Ostpreußen aussehen.
Und daran, daß die Filmleute den Sommernachtstraum kriegen, ist überhaupt nicht zu denken.
Sttaßenbummler, beige mit braun, ist auch sehr hübsch.
13.
Greta Kran ick, in den Deetjenwerken selten anders als Kranich genannt, steht im Atelier an ihrem Arbeitstisch und wirst teils besorgte, teils nuß- billigende Blicke auf den Platz neben sich, der immer noch frei ist. Dabei ist es schon zehn Uhr.
Sie hat alles, was notwendig ist, um sich herum aufgebaut. Einen Berg Tonmasse, Messer, Formen, und arbeitet an einer Keramik, die, wenn sie fertig ist, einmal eine Grabplatte werden soll. Vorläufig ist nur die Platte aus rotem Ton da, doch weich, noch ohne jede Inschrift, aber ein paar Linien und Aussparungen zeigen die Stellen bereits an, auf denen später zu lesen sein wird, daß Berta Josefine Pfeiffer, geborene Raucheisen, im biblischen Alter von neunundsiebzig Jahren verstorben ist. Greta Kranick hat diese Josefine Pfeiffer nicht gekannt. Ihre Stärke ist besonders dar Erfinden und Schneiden schöner Schriften. Aber sie nimmt sich dieser Arbeit, wie überhaupt jeder, die sie tut, mit einer fast mütterlichen Sorgfalt an. Im Augenblick bildet sie einen Palmenwedel, der über einem liegenden Kreuz angebracht werden soll, und fährt mit geschickten Fingern über die einzelnen Blattspitzen.
Greta Kranick ist schwer zu schätzen. Sie ist nicht groß, ein wenig rundlich, und das madonnenhaft gebettelte Haar wird von einigen grauen Strähnen durchzogen. Man möchte ihr Atter aber eher nach dem jungen Gesicht und nach den leuchtenden Augen als nach diesem Grau einschätzen — und wahrscheinlich tut man recht daran.
Jetzt eben wird die Tür aufaerissen, und Heinz Deetjen stürmt herein, streift seinen weißen Arbeitskittel über und läßt sich auf einen Schemel fallen.
„Sie sind wieder einmal sehr spät daran, Heinz", sagt Greta Kranick.
Der wehrt ungeduldig ab. „Keine Moralpauken, Kranich. Die wird Vater schon hatten, wenn es so weit ist. War er übrigens schon hier?"
„Herr Deetjen war vor etwa einer halben Stunde hier."
„Na und?"
„Ich habe gesagt, Sie wären wahrscheinlich im Betrieb, vielleicht in der Farbkammer oder oben bei den lRischern."
„Und das hat er geglaubt?"
„Es schien nicht so."
Heinz Deetjen fährt auf und steht in seiner ganzen Länge vor der kleinen Frau. „Ich will Ihnen sagen, wo ich gewesen bin: ich habe im Walde gelegen und habe mir die Sonne auf die Nase scheinen lassen."
„Sie brauchen das Ihrem Vater nicht gerade mit derselben Deutlichkeit zu erzählen, Heinz, Sie wissen doch, wie er darüber denkt."
„Natürlich weiß ich das. Ich soll Bürostunden einhalten, ich soll Muster entwerfen. Wissen Sie, womit Ofen drei eben gerade gefüllt wird? Mit schwarzen, grünen und roten Katzen, Pudeln, Elefanten und anderen Scheusälern. Ein ganzer Ofen voll. Und das brennt dann seine sechzehn oder acht- e Stunden, und wenn sie herauskommen, leuchten
Viecher sogar noch."
Greta Kranicks Finger hantteren an dem Kreuz, das nicht ganz so ausgefallen ist, wie sie es sich wünscht. „Sie wissen doch, daß wir in erster Linie Gebrauchsware Herstellen, Tassen, Teller, Schüsseln, Töpfe."
„Sie brauchen es mir nicht aufzuzählen, Kranich. Wissen Hie eigentlich, wo all die Scheusäler hingehen?"
Die kleine Frau lächelt. „Eigentlich sollten Sie als Sohn des Hauses mich das nicht fragen müssen."
„Ich frage Sie aber, weil ich von dem Buchkram nichts verstehe."
„Ueberallhin, Heinz, ins Inland und ins Ausland. Die Ware wird verlangt, und Ihr 23ater ist Kaufmann und wird einen sicheren Markt, den er mit eigener Kraft erobert hat, nicht anderen über- lassen."
„Aber dazu braucht er mich doch nicht."
Greta Kranick bleibt geduldig wie immer. „Herr
Deetjen rechnet damit, daß Sie eines Tages die Leitung des ganzen Werkes übernehmen werden, Heinz, nicht nur die der künstlerischen Abteilung, sondern aller Abteilungen. Herr Deetjen rechnet damit, daß die Fabrik auf ihrer Höhe bleibt, nicht nur um Ihretwillen. Er denkt auch an Ihre beiden Schwestern."
„Sie hätten Pastor werden sollen, Kranich. Sie können wundervoll predigen. 2Iber ich bin auch nicht von gestern. Sehen Sie, neulich war ich in Berlin im Märkischen Museum. Waren Sie schon einmal im Märkischen Museum?"
„Doch", sagt Greta Kranick. „Ich gehe sehr gern in Museen, ich liebe aste Städtebilder und alte Dinge. Ich finde mich leichter in ihnen zurecht als in den neuen. Aber das ist wohl eine durchaus persönliche Einstellung."
„Deshalb sitzen Sie auch immer noch hier in den Deetjenwerken im alten Hallersdorser Teerofen, wo nichts als Wald und Wasser in der Gegend ist. Dabei hätten Sie längst einen besseren Posten in München haben können."
„Ich liebe aber Wald und Wasser, und ich liebe die Arbeit hier. Aber Sie wollten vom Märkischen Museum sprechen?"
„Da sind alte Keramiken, die hier einmal her- gestellt worden sind. So vor hundertfünfzig Jahren. Das war auch einmal Gebrauchsware, aber es h>ar viel künstlerischer als das, was wir heute machen."
„Es war ja auch Handarbeit."
„Naja, unsere Arbeit ist auch Handarbeit. Aber ich wollte Ihnen erzählen, warum ich im Walde gelegen habe. Wir brauchen doch etwas für die große Ausstellung, etwas, das die Abteilung Kunst angeht, nicht die Katzen und Eulen. 253rr müssen ein Aushängeschild haben. Haben Sie sich einmal die alten babylonischen Topfscherben angesehen, die blauen, wissen Sie?"
„Natürlich."
„2Barum bekommen wir die Glasur nicht heraus, diese von innen heraus leuchtende Glasur, die die Urfarbe unverändert erhält? Ich will eine Figur machen, und für die will ich eine ganz neue Glasur haben. Etwas, wo der Laie einfach sagt, daß es schön ist, und wo der Fachmann nicht weiß, wie man es gemacht hat."
(Fortsetzung folgt)


