V. 280 Zweiter Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)
Dienstag. 26. November 1940
Aus der Stadt Giehen.
Erwachende Stadt.
Zu jeder Tageszeit trägt die Stadt ein eigenes gesicht. Die klare Helligkeit am Mittag, die selbst ten nüchtersten Häuserzeilen zu einem freundlichen Aussehen verhilft, wechselt mit der leichten Dämm- pgkeit der Nachmittagsstunden. Aus dem winterlich dunklen Morgen wird vielleicht ein verheißungs-
; roller Vormittag, und wenn der Abend seine ßchleier webt, dann dauert es wieder nicht lange, tis die tiefe Nacht kommt. Es ist ein immerwähren- ter Wechsel in dem ständigen Spiel zwischen Licht inb Schatten, das seine besondere Prägung noch erhält durch den Wandel der Jahreszeiten. Im ßrühling hat beispielsweise die Straße ein ganz mderes Aussehen als im Winter, und in den fom- perlichen Mittagsstunden präsentiert sich die Park- cnlaae keineswegs so, wie etwa zu derselben Zeit in Herbst.
Von einprägsamer Eigenart ist in diesen dunklen Lochen die Morgenfrühe, wenn die Stadt erwacht, keußerlich wird dieses Erwachen zunächst gar nicht schwor. Man muß schon als Frühaustteher unter» vegs sein, um die Zeichen zu spüren, die von dem ton Viertelstunde zu Viertelstunde reger iderben» l?n Leben der Stadt zeugen. In den winterlichen Zöchen der Vorkriegszeit war dieser Vorgang ähn- ch, jedoch begleitete eine Fülle- von Licht die Reg- -mkeit der Morgenfrühe, während jetzt die Sun« lheit wie ein schützender Mantel darüberliegt, den fst ganz allmählich die Dämmerung aufzuheben lermag.
f Wenn zur zeitigen Stunde die Haustüre hinter jem zur Arbeitsstätte eilenden Volksgenossen ins kchloß gefallen ist, dann steht im ersten Augen- tick die Finsternis vor ihm gleich einer undurchdringlichen Wand. Aber die tägliche Hebung läßt in nicht ins Stocken geraten. Er weiß die nächsten kchritte sicher zu führen, wendet sich zur Straßen- (fe, und schon geht er auf seinem gewohnten Wege »eiter. Eine Reihe von Radfahrern kreuzt die Fahrbahn, ihre abgeblendeten Lampen tanzen wie trfenbe Lichter einen regelrechten Reigen. Dann tmmt pünktlich ber Omnibus, er nimmt sich aus tie ein fauchenber Riese, ber ebenso rasch um die mchste Kurve verschwindet, wie er vorher aufge- iucht ist. Auf den Bürgersteigen eilen Fußgänger p den Fabriken und Büros, sie steuern mit der Geschicklichkeit ber Erfahrung aneinanber vorbei, (s hätten sie sich immer im Dunklen bewegt.
Unterdessen gleiten die Straßenbahnen burch bie kkraßen, und vorn Bahnhof her vernimmt man bas In» unb Abfahren der Morgenzüge. Es sind man» rgfache Geräusche, die vom erwachenden Leben k nden, aber die Stadt verbirgt sich immer noch in |ir Dunkelheit. Die wenigen abgeblenibeten Lichter 6itonen diese Dunkelheit mehr, als sie sie erhellen. Langsam nur wird der graue Schein im Osten Hiller, aber je mehr er an Wirksamkeit gewinnt, im so lebhafter wird das Leben und Treiben in bin Straßen. Unb wenn sich die Sonne endlich mit jbgenber Kraft über den Horizont erhebt, bann j:t die Stadt sich schon längst mit voller Touren- jchl auf ihren Tagesbetrieb eingestellt, der sie bis iim Einfallen der Dunkelheit in fleißiger Arbeit Pschaftigt. H. W. Sch.
Einkellerungskartoffeln
von Zeit zu Zeit nachsehen.
Die Qualität der Kartoffel ist in hohem Maße hängig vom Witterungsverlauf während der kachstumszeit. Als Lebewesen ist die Kartoffel ftits von einer großen Anzahl von Feinden, Pil- jin unb Bakterien bedroht. Diese Schädlinge ent» ni(fein sich unter bestimmten witterungsmäßigen Voraussetzungen in einem Jahr stärker als im an« bun. Dabei ist es eine Eigenart mancher Krankhei- tm der Kartoffeln, daß sie sich erst nach einer für» giren oder längeren Lagerzeit auswirken. Es ist vshalb immer ratsam unb unter den augenblick- lihen kriegswirtschaftlichen Verhältnissen eine ver- bnbliche Sorgfaltspflicht jebes Verbrauchers, feine engekellerten Speisekartoffelbestände von Zeit zu Ifeit daraufhin zu prüfen, ob kranke ober faule »Rallen vorhanden find.
Als Hermann Claudius ein Kind war.
01
Von Aumme Rumsen
In Langenfelde, einem kleinen Darf bei Altana, öurbe Hermann Claudius am 19. Oktober 1878 jboren. In bie amtlichen Liften ist zwar ein andrer Tag eingetragen. Der Vater hatte vergessen, bie Geburt anzumelden, unb um bas Strafgeld zu ipiren, das sich um jeden versäumten Tag erhöhte, geb er den 24. Oktober als Geburtsdatum an.
Dem älterfh Hermann Claudius erscheint dies flimbilblid). Gleich mit ber Geburt beginne ber Zwiespalt feines Wesens, meinte er einmal lächelnb.
Bereits in früher Kinbheit, wie sie im „Silber- Uff" ober im „Stummel", vor allem aber in den 8mbchen von „Armantje" gefchilbert ist, erlebt er In Zwiespalt: Ein stiller, zarter Knabe wächst in H(1en Geschichten vor uns auf, ber das Freund« fiti-e unb Schöne liebt — unb sich umgeben fühlt !un einer anberen, fremben, gewalttätigen Wirk- ; Weit. Aber das find Augenblickserlebnifse, die in J Spiel unb neuen Erfahrungen roieber vergessen virden. Die Jahre der Kinbheit dünken ber (Erinnerung die glücklichsten des Lebens.
Bor allem sind es bie ersten sieben Jahre, davon tr zwei in Langenfelde verbringt, die übrigen in ; kiLelstedt, bas bamals noch ein Dorf und nicht iwch Hamburg eingemeindet war.
.Eibelstebter Paradies" nennt er die Jahre in Armantje". Sie hatten eigenes Haus und Garten. Dir Vater war ber angesehene Bahnmeister, der die toeiter unb Wärter der Bahnstrecke Altona—Pin- te>erg unter sich hatte. Es war noch die einfache, cii=, gute Zeit, in der die Wärter ein Versäum- Jfe damit wieder gutmachten, daß ihre Frauen eine Äarst oder einen kleinen Schinken unter der Stürze in die Küche der Frau Bahnmeisterin Achten. Zu Hause herrschte gutes Auskommen und stohsinn. Der Vater fühlte sich wohl in feiner Stellung. Abends nahm er den Jungen gerne - auf .leinen Schoß und erzählte Geschichten. Und ine 31-itter war jung.
3m Garten standen zwei alte Kastanienbaume, oir denen er oft mit feinem Bruder Matten ritt. Dis Mutter rief. Sie zogen die Zügel an — brrl —
Volksgenossen r heraus zur öffentlichen Versammlung!
Rach 15 Monaten Krieg um die Zukunft des deutschen Volkes finden im ganzen Reich Kundgebungen der Partei statt, in denen namhafte Redner unter dem Thema
„2Nik unseren Jahnen i st der Sieg!“ alle die Fragen eingehend behandeln, mit denen sich heute jeder Deutsche auseinandersehen mutz.
Ls sprechen:
am Mittwoch, 2 7. November um 20 Uhr, in:
Buhbach: SA.-Brigabeführer pg. Schwarz, Gietzen Gambach: Kreisleiter pg. Haus, Wetzlar
Holzheim: pg. Werner Rordmann, Wetzlar Grüningen: Kreisleiter pg. Backhaus, Gießer Griedel: pg. Hans Richter, Offenbach a. M.
Rockenberg: Kreisleiter pg. Jordan, Offenbach a. M. Steinfurth: pg. Adolf Schnellrieder, Frankfurt a. M. Oberhörgern: pg. Wilhelm Lyring, Frankfurt a. M. Trais-Münzenberg: pg. Schäfer, Heusenstamm Münzenberg: pg. Vieth, Bürgermeister, Friedberg
(Hessen)
Riederweisel: pg. Moritz Göbel, Frankfurt a. M.
Ostheim: pg. Eberhard von der Osten, Frankfurt a. M.
Obermörlen: Gauobmann pg. Willy Becker, Frankfurt a. M.
Zeder deutsche Mann und jede deutsche Frau wird erwartet!
Darum, hinein in die Versammlungen!
heil Hitler! Der Kreisleiter.
Bei den Gran-Ehaco-Indianern.
Ein interessanter Vortragsabend im Gießener Vortragsring.
Die große Gemeinschaft des Gießener Dortrags- rings — Volksbildungsftätte Gießen, Goethe-Bunb, Kulturelle Vereinigung (früher Kaufmännischer Verein) unb Gesellschaft für Erb- unb Völkerkunde — hatte am gestrigen Montag abenb in ber vollbesetzten Großen Aula ber Universität Gelegenheit, im Geiste eine interessante Reise zu ben Indianern bes Gran-Chaco in Südamerika zu machen. Reiseleiter war ber Direktor ber Zoologischen Sammlung bes Bayerischen Staates in München, Universitätsprofessor Dr. H a n s Kr i e g, der mehrfach beutsche Forschungsexpebitionen durch diesen Teil Südamerikas unternommen hat. Es hanbelt sich babei um ein Lanb, das etwa 770 OOO qkm groß unb von nur 350 000 Einwohnern bewohnt ist unb das zwischen Bolivien, Paraguay unb dem nörblichen Argentinien liegt.
Der Vortragenbe, Professor Dr. Krieg, vermittelte seinen mit' großer Spannung lauschenben Hörern ein aufschlußreiches Bilb von Lanb unb Leuten. Der Gran-Chaco („Großer Jagdarunb") mitten in Sübamerika ist eine völlig sternlose Tiefebene, deren Boben aus feinkörnigem Sanb, Ton unb lößartigen Schichten besteht. Das ganze Zentralgebiet bieser großen Tiefebene ist fast flußlos; die von ben Anden herabströmenden Flüsse kommen, mit ganz wenigen Ausnahmen, nicht burch bie Tiefebene hinburch, sondern versickern bort ober verlieren sich in Sümpfen, bis auf einige ganz wenige Wasserläufe, bie vielleicht stoch bis zum Parana hindurchkommen. Es ist für ben Reisenden, ber über ben Atlantik kommt unb in Buenos Aires lanbet, noch eine lange Flußfahrt erforderlich, bis er von Buenos Aires über Asuncion bis an ben Beginn des Gran-Chaco gelangt; 1200 bis 1300 Kilometer lang geht die Reise ben Paraguay und bann ben Parana hinauf, bann erst kann sich ber Reisenbe nach Westen in bie Tiefebene des Gran- Chaco hinein wenden.
Nach bieser kurzen Schilberung bes ßanbes machte ber Vortragenbe mit ben Bewohnern und ihren Lebensgewohnheiten bekannt. Es handelt sich um eine ganze Reihe von Jndianerstämmen, die keinen Ackerbau kennen, sondern nur von der Jagd leben, für bie allerbings in dem unendlich weiten Raume viele Möglichkeiten gegeben sinb. Dennoch ist für biefe Menschen ber Kampf ums Dasein sehr hart, und ihre Lebenshaltung steht auf sehr niedriger Stufe. Nach Nomadenart verweilen sie auf dem jeweiligen Lagerplatz, bis dessen Umgebung für bie Existenzmöglichkeit nichts mehr zu bieten vermag, bann ziehen sie weiter in ein anderes Gebiet, und so wandern sie ständig im Lande umher. Diese Jn- b-ianerftämme haben auch nichts von ber Romantik an sich, bie ihnen in ben meisten Jugendschriften an gedichtet wurde, sie sind bescheidene Menschen, bie rassisch Dorroiegenb ben Mongolen typ zeigen unb
in Sprache unb Gebräuchen sich so vielfältig unterscheiden, baß die verschiebenen Stämme nicht auf einen Nenner zu bringen sinb. Der Forschungsreifende kann bie Stämme vor allem an der Unter» schieblichkeit ihres Hüttenbaues erkennen, bie sprachliche Verständigung mit ihnen ist viel schwieriger ober ganz unmöglich, da es — wie ber Vortragende selbst feststellte — etwa 80 verschiedene indianische Idiome gibt. Die Stämme sind kriegerisch und schlagen sich vor allem um die Wasserstellen. In ihrer Lebensform steht der Gedanke der Gemeinschaft der Sippe vor ber Rücksichtnahme auf bas einzelne Jnbivibuum; daraus erklärt sich auch bie für diese Menschen ganz selbstverständliche Tötung alter Leute, bie zur Fortsetzung ber Wanderung körperlich nicht mehr in der Lage sind; aus den harten Lebensbebingungen ist es auch erklärlich, daß sich viele Stämme dadurch eine Beschränkung ber Nachkommenschaft auferlegen, daß jebe Familie nur bis zu vier Kindern großzieht und alle darüber hinaus geborenen Kinder kurzerhand tötet. Den Skalp (bie abgezogene Kopfhaut) als Zeichen bes Sieges über einen Gegner kann man bei biefen Stämmen noch bemerken, er wirb von ihnen auch als Trinkgefäß benutzt.
Anschließend erzählte ber Vortragende zahlreiche Einzelheiten aus dem Alltagsleben dieser Menschen. Er sprach dabei u. a. über ihre kulturellen Gewohnheiten, über bie Kennzeichen von Besitz unb ähnlichen Dingen, über ihre unoerbilbete Natürlichkeit unb über bie schwerwiegenden Fehler einer völlig falsch aufgefaßten Missionsarbeit, bie sich nur zum Schaben dieser Naturkinder auswirkt. In diesem Zusammenhang machte er deutlich, welche Gefahren der eingeborenen Bevölkerung von der Berührung mit der Außenwelt, vor allem mit dem weißen Manne und feinen Ledensaewohnheiten drohen, wenn dabei die hemmungslose Einstellung obwaltet, die man in den Städten und bei der weißen Bevölkerung Südamerikas vorfindet. Er führte hierfür mancherlei treffende Beispiele an, bie überzeugend waren. Weiter zeigte er als eines der wichtigsten Kulturgüter dieser Menschen die Vorliebe zum Hund, ber allerdings in schweren Notzeiten auch keine große Rolle mehr spielt, wenn auch bie Indianerin gar nichts babei findet, in einer solchen Zeit einen kleinen Hund zusammen mit ihrem Kinde an der eigenen Brust zu nähren. Die „Hygiene" ober wie man bie (meist gar nicht vorhandene) Körperpflege bei diesen Menschen nennen will, wurde gleichfalls anhand einiger drastischer Beispiele gekennzeichnet. Schließlich machte der Vortragende noch mit den Leb ensgewohnheiten und der Lebenshaltung der wenigen weißen Bewohner dieses Landes bekannt, bei denen es sich um aus Rußland ober anderen Ländern zugewanderte Menno- niten Handels Viele gute Lichtbilder unb ein interessanter Schmalfilm gaben ben fesselnden Schilbe
unb liefen zum Fenster, wo bie Mutter bas Honigbrot hinaushielt. „Als ich viel später lesen gelernt hatte unb von ben Engeln las, hatten sie immer meiner Mutter Gesicht von damals, als sie uns aus bem Fenster das Honigbrot reichte unb lächelte." („Armantje".)
Wenn bie Eisenbahn vor bem Garten vorbeifuhr, standen die beiden vor ber Tür stramm, einen Stab fest an die Seite gepreßt, militärisch grüßend, wie sie es Bahnwärter Slöh abgeguckt hatten, und der Lokomotivführer, der die Jungen bald kannte, winkte ober ließ bicken, weißen Dampf aus ber Maschine prusten.
Da war ber alte Pferbestall, in bem das Rangier- pferb für die Güterwagen, ber alte, braune „Voß", stand, auf besten Rücken ihn Bahnwärter Slöh mitunter hob. Da war bie runbe Scheibe im Giebel, unter ber die Tauben saßen. Unb ba war bas schräge Kartoffelland am Bahnbamm, wo er unb Nachbars Guschi mit Hellen Gurken Mutter und Kinb spielten. Da war ber Soot, durch besten wettergrauen Bretterverschlag er bas graue Wasser sehen konnte, aber er mieb ihn, weil bie Mutter sagte, eine große, graue Kröte hocke unten brin.
Unb ber Bollweg war da, wo es spukte, und die Mühle, deren Flügel gespensterhaft durch bie Dämmerung huschten, währenb ber Müller, schlohweiß, mit quätenber Stimme aus ber Tür trat.
Unb mitunter kam Onkel Ebu auf Besuch, ein Bruber des Vaters, ber in Melborf Rektor einer kleinen Mäbchenschule war. Er war so leise, baß es immer, wenn er sich mit dem Vater unterhielt, war, „als ob der Vater schalt und Onkel Eduard um Verzeihung bat" („Das Silberschiff"). Der Onkel lehrte die Kinder Seifenkugeln blasen unb führte sie zu ben Kiesbergen, wo sie Höhlen unb Burgen bauten, unb zu ber Glashütte bahinter, beren Mauern und Schornstein schwarz unb schief standen unb in der schwarze Gestalten und zischend fauchende Feuer sprangen. Sie wateten wohl auch einmal im Mühlenbach oder plumpsten Steine hinein, und bie Luft war hoch unb weit unb rein, eine Lust, wie es bem heute Zurückblickenben scheinen will — „in ber auf irgenbeine geheime Art Engel umherflogen unb mit ben Wolken spielten" („Armantje").
Das hat dann auf einmal ein Enbe. Mit ber Schule begann es. „O gofbene Kinberzeit, ehe bie Schule ihre Fänge danach ausstreckt!" schreibt er in
„Armantje". Seine Mutter hatte ihm für den ersten Schulgang eine schone blaue Jacke mit blanken Knöpfen und hohe, geknöpfte Stiefel angezogen. Die yungen aus bem Dorfe kamen in hölzernen Pantoffeln. Sie sahen in ihm nicht einen ber ihren, mochten auch vor feiner Körperkraft nicht ben nötigen Respekt haben. Sie verspotteten ihn und verfolgten ihn mit Steinen auf bem Nachhauseweg. Scheu und Zorn waren so groß, baß er sich, nachdem es so eine Woche weitergegangen, nicht mehr bewegen ließ, noch mit einem Schritt bie Schule zu betreten. Seine Mutter schickte ihn dann zu ihrer Schwester, bie in Altona ben Kindergarten ber Mutter übernommen unb ausgebaut hatte. Jeben Morgen fuhr er mit ber Bahn hin unb nachmittags zurück. Aber bald sollte er ganz in die Stadt übersiedeln. Die Bahn wurde preußisch. Der Vater wurde, da er kein Examen gemacht hatte unb auch schon 60 Jahre alt war, pensioniert. Aber von ber Pension konnte die Familie nicht leben. Die brei Kinber aus der ersten Ehe waren zwar groß genug, um sich selbst zu ernähren. Aber Hermann war erst sieben Jahre alt, Matten noch kleiner, unb vier weitere Geschwister folgten, von benen zwei roieber starben.
Der Vater zog nach Eimsbüttel. Etageroohnung. Don ber Etagewohnung in bie „Terrassenwohnung": eine lichtlose Wohnung in einer engen, abschließen- ben Häusergasse, bie seitwärts von ber Straße nach hinten führte: kein Baum, nur Steine. Schon damals, vor 50 Jahren, waren bie Häuser alt. Heute stehen sie noch unoeränbert, nur baß eine anbere Generation sie bewohnt unb andere Kinber im Dunkel ber Mauern spielen.
Das Schicksal, vom Land auf bas Großstabt- pflaster „verpflanzt" zu sein, wirb das entschei- benbe Erlebnis feiner Kindheit und feines Lebens. Sehnsucht erfüllt ihn und sein ganzes Werk nach liebevoller Geborgenheit, wie sie bie Frühlingswiese, ber Walb, bie Sonne, Blumen, Bäume, Tiere unb einfache, unoerbilbete, herzliche Menschen geben, wie sie mit einem Wort bie Natur gibt; unb Sehnsucht nach ber Freiheit des Wachsens, so wie ber Daum aus bem Schoß ber mütterlichen Erbe in die Helle bes Himmels steigt. Sehnsucht also nach vollem, erfülltem Wachstum unb Sehnsucht nach ber Stille, in ber Gott zu den Menschen spricht.
rungen des Vortragenden eine sehr reizvolle Bereicherung.
Die Zuhörer dankten Professor Krieg für seinen sehr aufschlußreichen Bericht mit wohlverdientem lebhaften Beifall. B-
Dornotizen.
Tageskalenber für Dienstag,
Stadttheater: 19 bis 21.30 Uhr „100 000 000 Dollars". — Gloria-Palast (Seltersweg): „Eine Nacht im Mai". — Lichtspiechgus (Bahnhosttraße): „Die lustigen Vagabunden". — Konzertgemeinscbaft blinder Künstler „Südwestbeutschland": 19.30 Uhr in der Neuen Aula ber Universität Konzert. — Oberhessischer Kunstverein: 17 bis 18 Uhr Ausstellung W. Jmkamp im Foyer bes Stadttheaters.
Stadttheater Gießen.
Am heutigen Dienstag wirb zum ersten Male bie Komödie „100 000 000 Dollar" von Heinz Coubier aufgeführt. Nach seinem großen Erfolg mit „Aimee", bas bereits weit über 1000 Aufführungen erlebt hat unb von bem immer neue Annahmen berichtet werben, scheint Coubier die Erfolgsserie mit „100000000 Dollars" weiterzuführen. Die Uraufführung im Bremer Schauspielhaus hat eine begeisterte Aufnahme bei Presse und Publikum gefunben, so daß eine große Anzahl von Theatern bie neue Komöbie Coubiers in ben Spielplan eingesetzt hat. Die Spielleitung hat Hans Albert Schewe. Das Bühnenbilb stammt von Karl Löffler. Es wirken mit: Anneliese Garbe, Hannelore Hinkel; Walter Erler, Joachim Ernst, Gert Geiger, Raoul Laporte, Hans Bernd Müller, Hans Albert Schewe. 11. Dienstag-Miete.
Gietzener Wochenmarktpreise.
* Gießen, 26. Nov. Auf bem heutigen Wochenmarkt kosteten: Markenbutter, % kg 1,80 RM.» Matte 30 Rpf., Käse, bas Stück 6 bis 10, auslän« bische Eier 11 bis 12 Kartoffeln, Vi kg 4, 5 kg 40, Wirsing, % kg 7, Weißkraut 5, Rotkraut 8, gelbe Rüben 7, rote Rüben 6, Spinat 15, Unterkohlrabi 5, Rosenkohl 15 bis 18, Zwiebeln 12, Kürbis 7, Felb- salat C/io) 7 bis 8, Aepfel, % kg 15 bis 30, Birnen 15 bis 30, Blumenkohl, bas Stück JO bis 40, Salat 8 bis 10, Enbivien 5 bis 10, Oberkohlrabi 5 bis 8, Lauch 3 bis 5, Sellerie 5 bis 30, Rettich 5 bis 20.
** Kriegsauszeichnung. Der Gefreite Willi Rübsamen aus Gießen, Licher Straße 35, wurde für Tapferkeit vor dem Feinde mit bem Eisernen Kreuz II. Klasse ausgezeichnet.
** Vortrag do r Verwundeten. Das Oberkommando der Wehrmacht veranstaltete durch die NSG. „Kraft durch Freude" einen Vvrtrags- nachmittag in einem hiesigen Lazarett. Dabei sprach vor den Verwundeten als Redner des Tages Otto Wille über das Thema „Kampf und Siedlungsproblem im deutschen Ostraum". In seinen fesselnden Darlegungen gab er den mit Interesse lauschenden Hörern einen umfassenden Ueberblick über dieses Thema und die damit im Zusammenhang stehenden Fragen. Der Vortrag, dem auch ein Vertreter ber NSKOV. beiwohnte, würbe mit lebhaftem Beifall belohnt.
** Weihnacht spa kete schon jetzt zur Post geben! Die Deutsche Reichspost hat in diesem Jahre die schwierige Aufgabe, bie Flut von Paketen und Felbpostpäckchen über größere Strecken als bisher rechtzeitig zum Fest zuzustellen. Gib hoher bie Weihnachtsfenbungen schon jetzt auf. Nach dem 15. Dezember aufgegebene Pakete unb Päck- cken werden nicht mehr rechtzeitig ankommen. Wer
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CREME
Pflegt
Lichtspielhaus:
„Die lustigen Vagabunden."
Ein junger Maler unb ein junger Schauspieler erbieten sich auf Grund einer Wette, vierzehn Tage lang als Vagabunden durch bie Fränkische Schweiz zu tippeln. In ber Fränkischen Schweiz tippeln aber um dieselbe Zeit schon zwei andere verdächtige Gestalten über die Landstraße und durch bie Dörfer; sie sehen ben beiben Künstlern ziemlicy ähnlich, ber einzige Unterschieb ist, baß sie echt sinb, richtige Tippelbrüber, bie letzten einer mittlerweile ausge- ftorbenen Gilbe. Auf der Verwechslung bieser beiden Pciare beruht der Film, zu dem Kurt E. W a I- ter nach einer Idee von Franz Rauch das Drehbuch schrieb. Das ergibt ein paar ganz drollige Situationen, aber man hat doch ben Eindruck, als ob die Verfasser die Ergiebigkeit, Komik, Spannungskraft unb bie filmischen Qualitäten ihres Stoffes ein wenig überschätzt hätten. Nebst etlichen heiteren Episoden sind die sommerlichen Landschaftsbilder aus Franken das Hübscheste an dem von Jürgen v. Alten inszenierten Film. Rudi G o d - bie n , Johannes Heesters, Rudolf Platte unb Ricbolf Carl bilben das ungleiche rxierblättrige Kleeblatt; Mady Rahl, Carola Höhn unb Carsta Löck sinb ihre Partnerinnen. — (Cine-Allianz.)
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Im Vorprogramm sieht man bie neue Wochenschau; ber Besuch Molotows in Berlin; deutsche Solbatengräber in aller Welt; beutsche Rüstungs- arb eiter beim Führer; Kinderlanbverschickung; Brückenpioniere, Küstenartillerie, Bomber gegen England —: bas sinb diesmal die roichtigsten Themen. Hans Thyriot.
Bühnenlatein.
Es gibt nicht nur Jägerlatein, es gibt auch Theaterlatein. Ein großer „Bühnenlateiner" war der Schauspieler Eduard Genast, der uns so wertvolle Erinnerungen aus der klassischen Zeit der Weimarer Bühne hinterlassen bat. Als alter Mann erzählte er gern von seinen Heldentaten und seinen Erfolgen, und da sagte er etwa: „Das alte Tl-eater in Leip,zig faßt bekanntlich so an die 900 Personen, und wenn es so voll ist, daß kein Apfel zur Erde fallen kann, dann gehen fast 1100 Personen hinein. Wenn ich spiette, waren stets 1300 Personen brin."


