Ur. 228 Zweites Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen) Donnerstag, 2b. September MO
Schütz, dann über den Horst-Wesfel-Woll zum Sei- terstor, von dort über den Hindenburgwall zum Stadttheater, weiter über Ludwigsplatz und Kaifer- allee zum Flughafen, eine andere Linie wird von der Verdun-Kaserne über Ludwigsplatz und Ludwig- straße zum Klinikviertel führen- schließlich ist noch eine weitere Linie von Klein-Linden bis zur Stadt- mitte in Aussicht genommen.
Den Bemühungen des Oberbürgermeisters ist es gelungen, 300 Kriegsgefangene zur Arbeit in Gießen zu erhalten. Davon soll ein Teil für wirtschaftliche und gewerbliche Betriebe verwendet werden, während die übrigen mit städtischen Erdarbeiten, die bisher zurückgestellt werden mußten, beschäftigt werden sollen; u. a. handelt es sich hier um die Kanalisation von Wieseck, Arbeiten an der Umgehungsstraße und für die Baureifmachung des Geländes an der geplanten großen Sportanlage in den Wiesen hinter dem Gericht, Straßenbauarbeiten usw. Die Gefangenen sollen in den Gebäuden des früheren Arbeitsdienstlagers am Philosophenwald geschlossen untergebracht werden. B.
Universitätsstadt Gießen.
In der gestrigen Sitzung der Ratsherren gab Oberbürgermeister Ritter eine Anregung, die so wertvoll ist, daß sie von allen in Betracht kommenden Kreisen der Gießener Bevölkerung in die Tat umgesetzt werden sollte. Der Oberbürgermeister empfahl nämlich, als gutes Mittel einer ständigen und weit in die Breite wirkenden Werbung für unsere Universität auf Briefköpfen, Briefumschlägen, Geschäfts- drucksachen usw. immer die Aufschrift (bzw. Aufdruck) „Universitätsstadt Gießen" anzubringen. Dadurch werde, so betonte er mit Recht, 'immer wieder auf unsere Universität hingewiesen und für diese eine gute Werbung entfaltet. Wie notwendig eine solche Förderung unserer Hochschule ist, machte der Oberbürgermeister an einem Beispiel klar, bei dem es sich um eine Persönlichkeit handelte, von der man ohne weiteres hätte annehmen müssen, daß sie von der Existenz der Universität Ließen wissen müßte, und die geradezu überrascht war, als sie im Verlaufe eines Gesprächs von der Universität Gießen hörte. Es ist also wirklich sehr angebracht, wenn alle Gießener Volksgenossen in ihrem Brief- und Geschäftsverkehr stets die Bezeichnung „U n i v e r s i t ä t s st a d t Gießen" anwenden. Es dürfte sich auch empfehlen, daß künftighin bei
Oeffentliche Sitzung der Gießener Ratsherren.
Oberbürgermeister Ritter hatte die Ratsherren der Stadt Gießen am gestrigen Mittwochnachmittag zu einer öffentlichen Beratung in den Sitzungssaal des Stadthauses Bergstraße, eingeladen. Auf der Tagesordnung standen Vorlagen, die für unsere Stadt von erheblicher Bedeutung sind. Ein Teil der Ratsherren war im feldgrauen. Soldatenrock erschienen, während einige weitere Ratsherren nicht zugegen sein konnten, da sie zur Zeit bei der Wehrmacht im Felde stehen. Diesen Ratsherren, wie überhaupt den Männern im Ehrenkleid des deutschen Soldaten galt der besondere Gruß des Oberbürgermeisters zu Beginn der Sitzung. Danach wurde sofort in die umfangreiche Arbeit eingetreten, die annähernd drei Stunden in Anspruch -pahm, bis der gesamte Stofs der öffentlichen Sitzung und der anschließenden nichtöffentlichen Beratung erschöpft war.
Vetriebssahung für die Sladlwerke.
Zu Beginn der öffentlichen Sitzung nehmen die Ratsherren zunächst Kenntnis von dem Entwurf einer Betriebssatzung für die Stadtwerke der Stadt Gießen und einer entsprechenden Dienstanweisung für die Werkleitung der Stadtwerke. Diese Satzung entspricht einer gesetzlichen Anordnung in der Deutschen Gemeindeordnung und ist in.Verbindung mit der Eigenbetriebsoerordnung vom 21. November 1938 auf einer Mustersatzung, die vom Gesetzgeber festgestellt wurde, aufgebaut worden. Nach Beratung mit den Ratsherrin erfolgt die Beschlußfassung des Oberbürgermeisters über die Inkraftsetzung der Satzung und der Dienstanweisung.
In den Bereich der Betriebssatzung gehören die Betriebe der Stadt Gießen, nämlich das Elektrizitätswerk, das Gaswerk, das Wasserwerk, die Nahverkehrseinrichtungen (Straßenbahn und Omnibusse), das Biohumwerk, die Badeanstalten und die Kläranlage; die beiden letztgenannten Betriebe werden jetzt mit in die Stadtwerke einbezogen. Die Stadtwerke werden ferner mit der Ueberwachung der städtischen Fernsprecheinrichtungen, der maschinellen, elektrischen und wärmetechnischen Anlagen sämtlicher städtischen Anstalten beauftragt. Die Betriebssatzung und die Dienstanweisung für die Werkleistung enthalten umfassende Bestimmungen über die Aufgaben der Betriebe, die Leitung und Vertretung, die vom Oberbürgermeister zu seiner eigenen Entscheidung vorbehaltenen Angelegenheiten, ferner über den Wirtschaftsplan, Personalangelegenheiten, Beiräte, Wirtschaftsjahr usw.
Rechnungen der ehemaligen Gemeinden Wieseck und Klein-Linden.
Zur Feststellung liegen den Ratsherren vor: die Rechnung der ehemaligen Gemeinde Wieseck für das Rj. 1938 mit 361 125,13 RM. in Einnahme und 298 653,79 RM. in Ausgabe, also mit einem Ueberschuß von 62 471,34 RM.; die Rechnung des Wasserwerks der ehemaligen Gemeinde Wieseck für das Rj. 1938 mit 33 197,92 RM. in Einnahme und 27 522,89 RM. in Ausgabe, also mit einem Ueberschuß von 5 675,03 RM.; die Rechnung der ehemaligen Gemeinde Klein-Linden für das Rj. 1938 mit 192 302,76 RM. Einnahmen und 163 094,52 RM. Ausgaben, also 29 208,24 RM. Ueberschuß im ordentlichen Haushalt und 79 697,07 RM. Ein- n-abmen und Ausgaben im außerordentlichen Haushalt. Die Ratsherren nehmen von den ^Rechnungen Kenntnis, die nunmehr der Prüfung durch die Ober- rechnungskammW: unterliegen.
Neue Slrahenfluchllinie im Hitlerwall zwischen Gartenstraße und INoltkestrahe.
Nach erläuternden Darlegungen des Stadtbaudirektors Gravert und nach Beratung mit den Ratsherren stellt der Oberbürgermeister folgenden Beschluß fest: zur Verbreiterung des Hitlerwalles zwischen der Gartenstraße und der Moltkestraße wird die bestehende Straßenfluchtlinie aufgehoben und gemäß dem Plane des Stadtbauamts vom 25. Juli 1940 neu festgesetzt.
Nach den Erläuterungen von Stadtbaudirektor Gravert handelt es sich bei der Neuordnung im Hitlerwall zwischen Gartenstraße und Moltkestraße um eine Fortsetzung der Umgestaltungsarbeiten, wie sie gegenwärtig am Hindenburgwall zwischen der Bleichstyaße und der Gartenstraße im Gange sind
8
..auch ihm hilft Nivea
die Haut wirksam zu schützen. Mit Z Nivea gepflegte fft Haut bleibt glatt M und geschmeidig. '
Schiffenberg 24 bzw. 12 RM.
Verschiedenes.
Im Verlaufe der Beratungen macht Oberbürgermeister Ritter die Mitteilung, daß die Inbetriebnahme der Obuslinien voraussichtlich noch bis Ende dieses Jahres erfolgen wird. Es sind zunächst vorgesehen: eine Linie' vom Bahnhof bis zum Hotel
geführt, später soll diese Straßenbreite auch bis zum Walltor durchgeführt werden, nach Möglichkeit soll dieses Profil dann auch in der unteren Marburger Straße beibehalten bleiben. Am Hindenburgwall, wo vor den Häusern keine Vorgärten waren, mußte zur Straßenverbreiterung von der doppelten Baumreihe die der Fahrbahn nächstgelegene Reihe entfernt werden, um die Fahrbahn ausreichend verbreitern zu können. Am Hitlerwall zwischen Gartenstraße rmd Moltkestraße wird ein so tiefer Eingriff in die Anlagen nicht nötig sein, da hier Vorgartengelände vor den Häusern zur Verfügung steht. Anderseits würde am Hitlerwall ein solcher Einschnitt in die Anlagen sich auch wesentlich ungünstiger bemerkbar machen, weil die Anlagen am Hitlerwall nur etwa die halbe Tiefe haben, wie die des Hindenburgwalles. Seitens der Anlieger am Hitlerwall find gegen die in dem neuen Straßenfluchtplan vorgesehenen Veränderungen keine schwerwiegenden Einsprüche erhoben worden. Die Wünsche gehen nur dahin, daß von dem Vorgartengelände möglichst viel erhalten bleiben soll. Bei der Neugestaltung wird es möglich sein, vor den Häusern Dorgartengelände bis zu 4 Meter bestehen zu lassen. Die Gestaltung dieses Straßenteils wird bestimmend sein für das weitere Bild des Hitlerwalls bis zum Walltor. Zum ersten Male will die Stadt hier eine einheitliche Gestaltung der Vorgärten durchführen, mit der im nächsten Frühjahr begonnen werden soll. Mit den Hauseigentümern soll eine Verständigung erzielt werden, nach der die Vorgartengestaltung nach den Plänen des Stadtbauamtes durchgeführt wird. Die Herrichtung und laufende Unterhaltung der Vorgärten würde in der Weise geregelt werden, daß von den Hausbesitzern dafür jährlich ein gewisser Betrag als Abgeltung zu zahlen wäre, die Vorgärten aber nicht etwa öffentliche Gärten würden, sondern Eigentum der Hausbesitzer bleiben und einen schönen einheitlichen Abschluß der Häuser an der Straßenfront bilden werden. Vor den Häusern wird man dann Grünflächen mit niedrigem Mauerabschluß in übereinstimmender Ausgestaltung sehen. Den jetzigen Baumbestand will man nach Möglichkeit zu erhalten versuchen, allerdings muß das gegenwärtige Buschwerk in den Gärten der Neugestaltung zum Opfer fallen. Dieses neugestaltete einheitliche Straßenbild soll dann als ein Muster für andere Straßen gelten.
Gebührenordnung für die Friedhöfe in Wieseck und Klein-Linden.
das gleiche wie im Hindenburgwall, weil beide Straßenteile zu der Reichsstraße 3 aehören, d. h. die Fahrbahn wird auf 9 Meter veroreitert und zunächst bis zur Moltkestraße in dieser Breite weiter
und dort voraussichtlich bis Ende nächsten Monats i dem Voranschlag einverstanden und stimmen auch fertiggestellt werden. Das Profil der Straße bleibt den vorgeschlagenen Steuerausschlagsätzen zu. Daweil beide nach werden erhoben Grundsteuer: in der Stadt Gießen für land- und forstwirtschaftliche Betriebe 280 d. H., für Grundstücke 135 o. H. der Steuermeßbeträge, Gießen-Wi?seck 280 v. H. bzw. 108 v. H., Klein-Linden 220 bzw. 108 o. H., Schiffenberg 280 bzw. 135 d. H. der Steuermeßbeträge; Gewerbesteuer: in Gießen und Wieseck 280 v. H. der Steuermeßbeträge vom Gewerbekapital bzw. vom Gewerbeertrag, Zweigstellensteuer 360 v. H., Klein- Linden 265 v. H. vom Eewerbekapital und vom Gewerbeertrag, Zweigstellensteuer 340 v. H. der Steuermeßbeträge, Schiffenberg 280 v. H. vom Gewerbekapital und vom Gewerbeertrag; Bürgersteuer: in Gießen mit den eingemeindeten Vororten 600 o. H. des Reichssatzes; Hundesteuer in Gießen 36 RM., wenn der Beginn des Hundebesitzes in die Zeit vor dem 1. Oktober fällt, 18 RM. für die Zeit vom 1. Oktober ab, in Wieseck, Klein-Linden und
Zu der Friedhofs- und Gebührenordnung für die Friedhöfe in den Stadtteilen Wieseck und Klein- Linden wird eine Gebührenordnung erlassen, die für die Beerdigungen auf diesen Friedhöfen eine feste Gebührengrundlage schafft.
Polizeiverordnung zur Friedhofs- und Gebührenordnung der S ladt Gießen.
Der Friedhofs- und Gebührenordnung der Stadt Gießen oom 8. April 1940 fehlen die erforderlichen Strafbestimmungen, um den Anordnungen in der Friedhofs- und Begräbnisordnung das notwendige Schwergewicht zu geben. Diese Lücke wird durch eine Polizeioerordnung ausgefüllt. Nach Beratung mit den Ratsherren stimmt der Oberbürgermeister dem Entwurf dieser Polizeioerordnung zu. Gleichzeitig werden die Richtlinien über die Gestaltung von Grabstätten, Grabeinfassungen und Grabdenkmälern, sowie die Bestimmungen über die gärtnerische Unterhaltung von Gräbern durch die Stadt Gießen genehmigt.
Der Haushaltsplan für 1940.
In der anschließenden nichtöffentlichen Beratung legt der Oberbürgermeister den Ratsherren den städtischen Haushaltsplan für das Rechnungsjahr 1940 vor. Dieser schließt im ordentlichen Haushalt mit einer Ausgabe von 10 875161,09 RM., im außerordentlichen Haushalt mit einer Ausgabe von 1343 466,67 RM. ab. Die Ratsherren erklären sich, nachdem der Oberbürgermeister den Haushaltsplan in feinen wichtigsten Positionen erläutert hak, mit
Aus der Stadt Gießen.
Heller Morgen.
Am Morgen entdeckt man plötzlich einen klar- blauen Himmel. Noch hüllt sich der Horizont in zarten Dunst, aber es kann keinen Zweifel geben: der Tag wird schön! Schade, daß es nicht Sonntag ist, aber immerhin, auch der Alltag wird durchglänzt von den strahlenden Zeichen der Schönheit. Man denkt daran, daß sich der scheidende Sommer offenbar alle Mühe geben will, uns mit seinem Ausklang zu versöhnen.
Er hat es allerdings auch nötig. Wir würden auch gar nichts dagegen einzuwenden haben, wenn er bis zum Schluß seiner Wirksamkeit nur noch schöne Tage brächte. Die Schaffnerin der Straßenbahn macht ein fröhliches Gesicht. Ihr verursacht offenkundig der prachtvolle junge Tag auch eitel Freude, was wiederum zur Folge hat, daß die Fahrgäste allesamt ebenfalls vergnügte Gesichter zur Schau tragen.
Was doch ein vielversprechender Spätsommertag alles zuwege bringen kann. Das junge Mädchen, das mir in der Straßenbahn gegenübersitzt und sonst an jedem Morgen eifrig einen Roman lieft, hat das Buch geschlossen auf dem Schoß liegen und schaut interessiert durch die Scheiben auf die Straße, wo die Sonne bereits ihr glitzerndes Spiel treibt. Bald schießen die Strahlenbündel durch das schon in Hellen Farben aufleuchtende Laub eines Baumes, dann blitzen sie in den hohen Fenstern eines vorb'eigleitenden Hauses, und schließlich erglänzen sie in dem bunten Farbenzauber eines Blumenbeetes am Wegrand. Es ist ein reizvolles Spiel, auf jeden Fall viel reizvoller als der Roman, der nicht davonlaufen wird.
Die Fahrt dauert nicht lange, aber sie bewirkt, daß die frohgemute Stimmung, mit der man bereits eingestiegen ist, eine bemerkenswerte Steigerung erfährt. Es ist überaus schön, einen strahlenden Tag zu erleben, vor allem, wenn dieses Erlebnis unverhofft kommt. Als die Straßenbahn dort hält, wo man aussteigen muß, um nach wenigen Schritten die Arbeitsstätte zu erreichen, hat man eine Kraftreseroe an guter Stimmung gesammelt, gegen die die Tücken des Alltags nicht aufkommen werden, auch wenn sie besonders energisch zu Felde ziehen. H. W. Sch.
Vornotizen.
Tageskalender für Donnerstag.
Gloria-Palast, Seltersweg: „Königswalzer". — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Der ewige Quell".
Ortszeit für den 27. September.
Sonnenaufgang 7.20 Uhr, Sonnenuntergang 19.12 Uhr. — Mondaufgang 1.54 Uhr, Monduntergang 16.47 Uhr.
Ende der Sommerzeit
am 6. Oktober vormittags 3 Uhr.
Die mit Verordnung vorn 23. Januar 1940 ein- geführte Sommerzeit, für die die öffentlichen Uhren um eine Stunde oorgestellt worden waren, endet mit dem in der Verordnung angegebenen Termin, dem Sonntag, 6. Oktober 1940, vormittags 3 Uhr. Zu diesem Zeitpunkt werden die öffentlichen Uhren um eine Stünde, d. h. von 3 auf 2 Uhr zurückge- ftellt. Von der am 6. Oktober mithin doppelt erscheinenden Stunde von 2 bis 3 Uhr vormittags wird die erste Stunde als 2A, 2A 1 Minute usw. bis 2A 59 Minuten, die zweite als 2B, 2B 1 Minute usw. bis 2B 59 Minuten bezeichnet. Die Sommerzeit hat sich als sehr vorteilhaft in mehrfacher Hinsicht erwiesen. Vor allem ermöglicht sie die Verlängerung der Freizeit bei Tageslicht um eine Stunde, was für die Schaffenden auch in gesundheitlicher Beziehung von besonderem Wert ist. Dazu kommen noch erhebliche Kohleneinsparungen für Den Weniger-Verbrauch an Licht. Die Sommerzeit wird deshalb, wie an zuständiger Stelle erklärt wird, auch 1941 in Deutschland wieder eingeführt werden. Sie wird dann sogar schon etwas früher beginnen, nämlich voraussichtlich am Sonntag, 16. März, vormittags 2 Uhr, wo die öffentlichen Uhren um eine Stunde, also auf 3 Uhr, vorgestellt werden.
Klaus fsoyt ein nBiiBsUbcn 3Q
Roman von Helene Kalisch
Copyright 1939 by Prometheus -Verlag Dr. Eichacker, Gröbenzell bei München
32. Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)
Ach, mein Klaus, ich habe Dich zu sehr liebgehabt, und das ist meine Schuld, und darum muß ich sterben. Denn es ist mir nicht vergönnt, einen Menschen zu lieben und mit ihm glücklich zu sein.'
Ich war heute bei Deiner Frau und habe sie gebeten, Dich freizugeben. Dieser Weg fiel mir nicht leicht, aber ich glaubte, ich müßte es tun, denn es ging ja um unser beider Glück und Leben. Aber sie tut es nicht. Und wie sie lachte und mir das sagte, da erkannte ich erst, was ich verlangte. Sie ist sehr schön, und daß Du sie liebtest und ihretwegen einen Menschen umbringen wolltest, verstehe ich jetzt. Sie läßt nicht von Dir, und sie hat das größte Recht, darum muß ich zurücktreten. Ich weiß nun, daß ich zu gering für Dich bin und Dich nicht an mein armseliges Leben fesseln darf, wo nichts ist als Arbeit und Sorgen. Es war ein großer Irrtum von mir, zu glauben, ich sei es, die Dir bei Deinem Dorwärtskommen hilft. Heute weiß ich, daß es anders ist, und ich will Dir kein Hindernis und kerne Last fein, wo mir doch nicht vergönnt ist, es gut zu haben Ich gehe darum, und Gott wird'mir vergeben, wenn ich unrecht tat. Ich bin fo verstört von dem Jammer und weiß nicht mehr aus noch ein. Es ist besser, wenn das kleine Leben nicht erst erwacht in einer Welt, die so hart ist und ihren Geschöpfen nichts Gutes gönnt. Du weißt, wie alles kam, mein Klaus, und daß ich nicht anders konnte, als Dich liebhaben. Und ich war doch sehr glücklich die kurze Zeit mit Dir. Nie glaubte ich, so ein Glück fühlen zu können. Ich danke Dir für Deine Liebe. Lebe wohl und sei nicht lange traurig. Grüße auch die guten Pahls von mir und denke manchmal an Deine Marta." . . . .
Vater Pahl geht brummend und seufzend m der kleinen Küche auf und ab. Seine Frau trocknet sich immer wieder mit dem Schürzenzipfel Die Augen.
„Nee, bet die Marta so jänzlich den Kopp verlieren konnte", murmelte sie. Dann wendet sie sich zu Klaus und redet sich allmählich in Eifer, wobei es nicht ohne Vorwürfe für*ihn abgeht. „Wat seid chr beede denrv bloß vor Menschen, bet ihr euch so vom Leben unterkriejen laßt!" sagt sie, zornig seine Schulter schüttelnb. „Wo ihr boch beebe feene Taugenichtse seid fleißig un orntlich! ... Unb habt ihr nich alle beebe jewußt, bet wir ooch noch ba sinb, euch ferne beistehn, wie wa können?"
„Hör uff mit bem Jemecker, Mutter!" mischt sich jetzt Pahl ein, schiebt bie gutmütig scheltende Frau beiseite und stellt sich vor Klaus auf. „Wat mirfte nu machen?"
Klaus hob sein graues, verschattetes Gesicht. „Nach dem Krankenhaus zu Martha gehen. Und dann ... zu der anderen ... die Sache in Ordnung bringen."
„Na, denn man los! Dazu wird's ja ooch allmählich Zeit."
Er tritt ein paar Schritte von Klaus weg, dreht sich noch einmal nach ihm um und setzt in drohendem Ton hinzu: „Aber nich wieder uff so 'ne Weise, det se dir hinterher een Jahrzehnt Erholungsaufenthalt hinter eiserne Jitter jeben, und die Marta sitzt denn da!"
Langsam steht Klaus auf. Die lähmende Wirkung des Furchtbaren, das ihn getroffen hatte, schwindet allmählich. Er kann wieder denken, nur ist es mühsam und tut weh.--Seine Augen bekommen einen harten Glanz.
Er geht nach dem Krankenhaus. Dort wird ihm gesagt, es sei jetzt keine Besuchszeit; aber er läßt sich nicht abweisen. Schließlich führt ihn eine Pflegerin zu Marta. „Es besteyt die Gefahr einer Lungenentzündung. Sonst könnte ja Fräulein Ellrich schon morgen wieder entlassen werden", sagt die Schwester.
Dann steht Klaus neben dem Bett, hält die Mütze in der Hand und blickt auf Marta herab, die mit geschlossenen Augen baliegt. Daß er roieber hier fortgehen soll ... Ihm ist, als könnte er es nie. Er beugt sich über ihr Gesicht, in bem ein frember Zug ist. Fleckige Röte ist barin, unb ihr Atem geht kurz unb hastig. „Marta!" ruft er leise. „Marta! ..."
Langsam öffnen sich ihre Augen, sehen mit leerem, verständnislosem Blick in sein Gesicht. „Marta, ich bin bei dir", raunt er.
„Du bist ... auch hier, Klaus? Bist bu ... benn auch ... tot?" Kaum vernehmlich flüstert sie es.
Ein ungeheurer brängenber Schmerz will ihm bie Brust zersprengen. „Marta ... Gräme bich nicht ... Alles wirb gut!" stoßt er, von lautlosem Schluchzen geschüttelt, hervor.
Die Wärterin winkt ihm. „Etwas Fieber", sagt sie leise.
Vom Eingang bes Krankensaales blickt Klaus noch einmal zu Marta hin unb sieht ben Schimmer eines Lächelns in ihrem Gesicht. Er winkt ihr noch einen Gruß zu.
16. Kapitel.
Auch Klaus Tjaben sucht bas Haus auf, in bem Dietmuthe Röhl wohnt. Im zweiten Stock zeigt ein Metallfchilb an einer Wohnungstür ben bekannten Namen ber Opernsängerin; barüber ein schmales weißes Kärtchen ben ber Springer — ber Elsässerin, bie einst als Tochter eines Großkaufmanns über Dietmuthe ftanb. Als junges Mäbchen hatte biefe — ehe ihre stimmliche unb darstellerische Begabung entbedt würbe unb sie ben Gönner fand — eine bescheidene Stellung im Geschäftshaus des alten Springer inne» gehabt. Kläre Springers Vater hatte schwere geschäftliche Verluste. Lange Krankheit und ein teures Internat für die Tochter hatten den Rest seines Vermögens aufgezehrt. Dietmuthe wurde die Herrin ber Kläre Springer — wenigstens nach außen hin. In ber kurzen Zeit feines Zusammenlebens mit Dietmuthe glaubte Klaus jeboch eine gewisse innere Abhängigkeit ber verwöhnten unb umschwärmten Künstlerin von ihrer Untergebenen wahrzunehmen. Es schien zuweilen, als fürchte. Dietmuthe bie Springer.
Solche Gebauten unb Erinnerungen tauchen flüchtig in Klaus auf, als er vor ber Wohnungstür feiner früheren Frau steht unb zu läuten zögert. Was er will, weiß er. Wie es sagen, wirb ber Augenblick ergeben, in bem er Dietmuthe gegenübersteht. Er denkt an jenen Abend im Spätherbst, als er sich bem Untergänge nahe glaubte, unb er, geschwächt von Hunger unb Kälte, einer irren, schweifenden Sehnsucht nach einem Letzten, Abschließenben nachgab, bas ihn sie suchen hieß, bie ihn ins Elend gebracht hatte, unb die er trotzdem nicht haßte.
Das gehörte noch mit zu dem Vergangenen, und er wußte an jenem Abend noch nicht, wie nahe er schon bem Neuen, bem Beginn ber großen Wanblung war. Unb in dieser Wandlung hatte er gemeint, das
Vergangene gehe ihn nichts mehr an. Es war ein folgenschwerer Irrtum gewesen, ber über ihn, ben bas Leben schon hart genug angefaßt hat, um ein Haar bas Allerhärtefte und Grausamste gebracht hätte. Diesen eigenen Irrtum will er sich vorhalten, um sich nicht von Zorn und Verachtung in eine verderbliche Richtung reißen zu lassen.
Er hebt die Hand nach dem Klinaelknopf. Wirb man ihn überhaupt einlassen? ... Könnte er boch einfach biefe Tür offnen ... Seine Finger tasten über bas dunkelgebeizte Holz, brücken leicht ba» gegen — ba gibt bie Tür nach. Sie war nicht richtig ins Schloß geschnappt.
Er steht noch einen Augenblick, tritt bann in ben Vorraum. Eine Ampel verbreitet gebämpftes Licht. ,Er hört Stimmen, geht zögernb ein paar Schritte unb sieht eine Tür halb offen stehen, kann in ein nur schwach erhelltes Zimmert blicken. In biefes Zimmer tritt er ein. Eine Stehlampe brennt in der Fensternische, und dort, fast verdeckt von dem seitlich herabhängenden Vorhang, steht ein Mann, der eine Pistole in der Hand hält. Die Mündung richtet sich auf Klaus —, der aber sieht ben Mann nicht. Er geht zum Nebenzimmer hin, von wo her er Sprechen hört. Er erkennt jetzt bie Stimme ber Frau unb öffnet bie Tür...
♦
Hans Bergholz sitzt Dietmuthe schräg gegenüber unb hört sich reben. Er hat nicht ben Eindruck, als höre sie ihm zu, unb fragt sich — wie vorhin, als sie ihn anrief — welcher Laune er bie unerwartete Gunst bes Alleinseins mit ihr zu banken hat.
Fern ist sie ihm geblieben, trotz allem, was zwischen ihnen war. Er hat barunter gelitten, aber ... es ist vorbei. Das fühlt er deutlicher jetzt, in biefer Stunbe, bie ein Geschenk ist, mit bem er nichts anzufangen weiß.
Dietmuthe lehnt in einem Sessel, hat einen feibenen Schal um bie Schultern geschlungen, beffen lange Fransen sie spielenb burch bie Finger gleiten läßt; um ihre Lippen spielt ein leicht gelangweiltes, etwas melancholisches Lächeln. Nach einer minutenlangen Gesprächspause, bie sie gar nicht wahrzunehmen scheint, fragt Bergholz: „Weshalb haben Sie mich heute gerufen, Dietmuthe? Sie sinb boch mit Ihren Gebauten nicht hier, burchaus nicht bei meiner Person, sondern sehr fern/'
(Fortsetzung folgt)


