Ausgabe 
26.4.1940
 
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Frankreichs Wirtschaft in M

Auch das liberale Frankreich mußte zu der ihm verhaßten staatlichen Wirtschaftslenkung übergehen. Der langen Kette amtlicher Verfügungen folgte soeben ein französischer Regierungserlaß, der die Ausfuhr Frankreichs und seiner Kolonien unter Aufsicht stellt. Damit ist die Frage aufgeworfen: wie steht es überhaupt mit Frankreichs Außenhandel und insbesondere mit seiner wirtschaftlichen Unab­hängigkeit vom Ausland?

In der Einfuhr Frankreichs nahmen im Jahre 1938 die Rohstoffe 60 v. H, die Fertigwaren 15 v. S). und die Nahrungs- und Genußmittel 25 v. H. ein. Der verhältnismäßig geringe Hundertsatz der Ein­fuhr von Nahrungs - und Genußmitteln ist eine Folge der natürlichen Fruchtbarkeit des fran­zösischen Bodens. In Frankreich sind daher heute noch 26 v. 5). der Bevölkerung in der Landwirtschaft tätig, gegenüber 30 o. H. in Deutschland und nur 7 v. H. (!) in England. Erstaunlich ist dabei, daß das Weinland Frankreich, das 1938 rund 61 Mill. Hekto­liter Wein erzeugte, noch 16 Mill. Hektoliter Wein aus seinen Kolonien einführte; ein Zeichen dafür, wie sehr der Wein das tägliche Getränk der Fran­zosen ist. Auch Spirituosen und Rum wurden noch eingeführt. Dazu kam eine Einfuhr von Getreide, Reis, Mais sowie von Fleisch, Obst und Kaffee.

Sehr viel ernster steht es, wie schon der Hundert­satz beweist, um Frankreichs Versorgung mit R oh- stoffen. Zwar besitzt Frankreich reiche Vorräte an Eisenerz und ist über den Inlandsbedarf hinaus der bedeutendste Eisenexporteur der Welt. Alle anderen Erze aber, mit Ausnahme von Bauxit, mangeln Frankreich fast völlig. So muß Frankreich u.a. für seine rege Industrie Kupfer aus Belgien, Chlle und USA., Zinn aus Brttisch- Malaya und den Niederlanden e i n f ü h r e n , zu­mal die französischen Kolonien Bleierze und Blei, sonst aber gar keine Erze liefern. Einen großen Posten im französischen Einfuhrhandel nehmen die Mineralöle ein. So wurden 1938 aus dem Irak 3,1 Millionen Tonnen, aus USA. 2,3 Millio­nen Tonnen und aus Südamerika 1,6 Millionen Tonnen Rohöl eingeführt. Auch hinter der franzö­sischen Kohlenversorgung steht ein großes Fragezeichen. Frankreich besitzt kaum Braunkohlen und förderte selbst im Jahre 1938 nur 50 Millio­nen Tonnen, so daß es noch 23 Millionen Tonnen Kohlen und Koks aus dem Auslande beziehen mußte, und war vornehmlich aus England und Deutschland. Am bedenklichsten sind aber die For­derungen, die die französische Textilindustrie an die Einfuhr stellt. Frankreich führte 1938 für 6,5 Milliarden Franks Textilrohstoffe, vorzüglich lich Wolle und Baumwolle ein, so daß die Textil­rohstoffe ein Viertel der gesamten Rohstoffeinfuhr ausmachen. Auch Oelfrüchte und Oelsaaten werden zum Teil aus Uebersee, aus Argentinien, eingeführt. Und da Frankreich nur zu 20 v. H. mit Wald bedeckt ist, bedarf es einer starken H o l z - ein fuhr aus den nordischen Ländern.

Frankreich ist mithin bezüglich der von chm als Industrieland dringend gebrauchten Rohstoffe sehr stark vom Auslande abhängig. Die fran­zösischen Kolonien, die 75 v. H. der benötigten Nah­rungs. und Genußmittel decken, können die Nach­frage nach Industrie-Rohstoffen nur zu 10 v. H. befriedigen. Die 15 v. H. der Einfuhr, die auf Fer­tigwaren entfallen, setzen sich aus Maschinenliefe- rungen und aus der Lieferung chemischer Erzeug­nisse zusammen. In beiden Fällen ist Frankreich von England und Deutschland abhängig.

Schon diese kurze Uebersicht beweist, wie groß die Wirtschaftsnot Frankreichs jetzt im Kriege ge­worden fein muß, sie nimmt naturgemäß ständig zu, zumal der französische Handel nach Uebersee bereits im Frieden stark pasfiv war. Zwar ist Frankreich einer Blockade weniger stark ausgesetzt als England, da die Zufahrtswege günstiger gele­gen sind; sehr viel Kopfschmerzen bereitet aber die Bezahlung der Einfuhren, wofern sie nicht überhaupt wie aus Deutschland und neuerdings aus Norwegen (Holzeinfuhr) völlig ausfallen. Noch hot Frankreich Auslandsguthaben. Sie beginnen aber dahinzuschmelzen, weshalb auch Frankreich sehr zu seinem Verdruß zur Devisenbewirtschaftung und zum Verrechnungssystem übergehen mußte. Da aber auch die Auslandsguthaben Frankreichs keines­wegs unerschöpflich sind, so droht auch in Frank­reich das Gespenst des wirtschaftlichen Niedergangs.

Ständig treffen neue Kampfwagen in Norwegen ein.

Die Versorgung unserer in Norwegen stehenden Truppen mit jeglichem Kriegsmaterial und Nachschub vollzieht sich reibungslos. Unser Bild zeigt deutsche Panzerkampfwagen kurz nach der Ausschiffung im Hafen von Oslo. (PK.-Scherl-Bilderdienst-M.)

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Flug nach Oslo.

Don Hauptmann Freiherr von Siegler.

P. K. Kopenhagen, die Hauptstadt Dänemarks bleibt unter uns zurück. Unsere Maschine zieht über das Strandbad der Kopenhagener, Klampen- b o r g und über das Schloß Hamlets, H e l s i n g ö r hinweg längs der schwedischen Küste, die wir am Horizont leuchten sehen, gegen Norden, gegen Oslo. Auf halbem Wege sehen wir die Dunstschicht über Göteborg. Nach einer halben Stunde tritt von links, von Westen her, Land an uns heran. Wir nähern uns dem Eingang des Christiania- Fjords, der sich in einer Länge von 50 Kilo­meter nach Norden in das Land hinein erstreckt und an dessen Nordende die Hauptstadt Oslo liegt. Die schwedische Küste bleibt hinter uns. Auf halber Länge ist der Fjord nur wenige hundert Meter breit, an einer Stelle ist er durch eine In­sel in zwei schmale Rinnen geteilt. Auf der Insel liegt die norwegische Hauptbefestigung Oskars- borg. Hier haben Luftwaffe und Kriegsmarine zusammengewirkt, um den feindlichen Widerstand zu brechen. Die wehende Hakenkreuzfahne und zwei einsame Posten mit aufgepflanztem Bajonett zeigen den Erfolg.

Weiter geht es nach Norden, wo sich der Fjord wieder verbreitert zum Hafen von Oslo. Im Westen der Stadt, auf einer Halbinsel liegt der Flugplatz F o r e b u. Wir landen auf dem kleinen Platz und benutzen zur Fahrt in die Stadt eins der Taxi, die in die Dienste der deutschen Wehr­macht genommen wurden. Sie pendeln im allge­meinen zwischen dem Flugplatz und der 8 Kilo­meter entfernten Stadt hin und her. Die Taxa­meteruhr zeigt keinen Preis. Das Benzin ist bereits deutschen Ursprungs. Der Fahrer wird aus der Feldküche mit verpflegt. Willig *unb dankbar wird der deutsche Schutz anerkannt.

Im Vergleich zu Kopenhagen ist Oslo landschaft­lich unvergleichlich schöner gelegen, doch ist die Stadt selbst mit der dänischen Hauptstadt nicht zu veraleichen. Sie zählt nur ein Drittel der Ein­wohner, etwas über 300 000 und hat außer dem Schloß nur wenige bemerkenswerte Bauten. Das Leben ist völlig unverändert, wie wir es aus Frie­denszeiten kennen. Die besonders schönen Straßen­bahnwagen und Autobusse verkehren, nur die Bahn nach dem weltberühmten Schiplatz Holmenkollen ist eingestellt. Die norwegische Polizei, unterstützt durch Hilfspolizisten mit einer blauen Armbinde und der Aufschrift POLIT, versehen ihren Dienst ohne Waffe.

An Soldaten sieht man deutsche und norwegische. Die Verdunkelung der Stadt wurde durchgeführt.

war jedoch nicht so gut vorbereitet, wie in Kopen­hagen. Geht man zu Fuß in deutscher Uniform durch die Straßen, ist es nicht anders als in Deutschland. Die Geschäfte sind ärmer als in Däne­mark, das Übliche internationale Hafenbild herrscht in Oslo viel stärker vor als in Kopenhagen. Die Gerüchte, die der geflüchtete Storthing-Präsident (Reichstagspräsident) H a m b r o in Stockholm über die englischen Erfolge gegen Norwegen in die Welt sendet, branaen auch nach Oslo. Sie konnten hier kaum gute Aufnahme finden, da die Osloer mit eigenen Augen und Ohren das Nichtvorhandensein einer englischen Flotte vor der Stadt feststellen konnten. Sonderbar berührte es uns, als wir in der deutschen Rundfunksendung vom 14. April mit­tags hörten, daß man feststellen müsse, daß in Oslo alles ruhig sei. Wenn man selbst dort war, kann man sich gar nicht erklären, wozu man dies im Rundfunk erst erklären muß, so s e l b st v er­st ä n d l i ch erscheint es einem.

Geschlossene deutsche Heeresabteilungen ziehen immer wieder durch die Stadt, um im Norden den unsinnigen Widerstand einzelner norwegischer Trup­pen zu brechen dder gegen Osten, Westen und Süden die Befriedigung weiter auszudehnen. Die Bevölkerung verhält sich völlig gleichgültig, doch müßte man lügen, wenn man behaupten wollte, daß sie den Eindruck der Feindseligkeit macht. Der private Kraftwagenverkehr, die Warmwasserversor­gung war auch hier bereits dank der britischen Freundschaft eingeschränkt, Kolonialwaren waren ebenso wie in Kopenhagen nur mehr gegen Mar­ken erhältlich.

Während der ersten drei Tage Besetzung durch die deutschen Truppen zeigten sich drei oder vier englische Flugzeuge in einsamer Höhe über bdr Stabt, wobei bas größte, bas viermotorige Sunder- lanb-Flugboot von zwei beutschen Messerschmitt- Maschinen angenommen unb in Sichtweite ber Ein­wohner abgeschossen wurde. Die deutschen Jäger machten zunächst je einen Angriff, der die Riesenmaschine halb lahm schlug, bann tauchte biese in eine Wolke, kam roieber heraus unb ber britte beutsche Angriff traf es mit ber konzentrierten. Feuerkraft bes beutschen Jägers berart, baß bas Boot buchstäblich in ber Mitte auseinanberbrach. Die Bevölkerung von Oslo hat biese Lehre zur Kenntnis genommen. Die Ueberlegenhett ber beut­schen Luftwaffe währenb ber Besetzung ber Stabt, bie burch keinen Englänber verhinbert würbe, ist während der folgenden Tage so deutlich demon­striert waren, daß jedes Kind seine Schlüsse ziehen,

Warum Bevölkerungspolitik auch im Kriege?

NSG. Die Frage ist heute, ob durch den Krieg und seine veränderten Verhältnisse eine bewußte Bevölkerungspolitik noch angebracht fei, oder ob man diese Frage nicht besserfür später" zurück­stellen solle. Grundsätzlich ist hierzu zu sagen, daß ein Krieg, der um die Erhaltung des Volkes nach außen geführt wird, sinnlos wäre, wenn nicht gleichzeitig der Bestand des Volkes überhaupt, d.h. feine Erhaltung und Vermehrung im In­nern, gesichert würde!

Wir wissen, daß die höheren Geburtenziffern in den letzten Jahren noch nicht ausreichend waren, um unsere Volkszahl von 80 Millionen für die Zukunft sicherzustellen. Ein Nachlassen der Geburtenhäufigkeit würde also nur dazu führen, die jetzt noch nicht ganz ausgefüllten Lücken von neuem zu vergrößern und uns dadurch von der auf- steigenden Linie wieder zurückzureißen. Können wir uns das leisten und liegt überhaupt Veranlassung zu einer solchen Entwicklung vor? Diese Frage ist in jeder Hinsicht zu verneinen!

Der Weltkrieg hatte gewaltige Opfer von un­serem Volke gefordert. Aber er fiel in eine Zeit hinein, in der die Geburtenzahl noch fast dop­pelt so hoch war wie in der Zeit vor 1933. Sc» wurden die Verluste wenigstens zahlenmäßig, wie­der ausgeglichen. Aber dann kam die Wandlung: mit dem Jahre 1915 fetzte ein gewaltiger Rückgang der Geburtenhäufigkeit ein, und diese Entwicklung hielt mit geringen Schwankungen bis 1933 an. In diesen knappen 20 Jahren wurden nun rund fünf­zehn Millionen Kinder weniger geboren, als nach der früheren Geburtenzahl zu erwarten ge­wesen wären. Es ist aber eine bekannte Erfahrungs­sache: Verluste, die durch den Tod von Menschen entstehen, werden beachtet, Verluste,,die durch ge­ringere Kinderzahlen entstehen, beachtet man nicht! Und doch muß ein Volk, das politisch, also auch be­völkerungspolitisch denken und handeln will, seine Gesamtlage stets so sehen, wie sie tatsächlich ist, und nicht, wie sie einseitig erscheint, wenn dabei wich­tige Gesichtspunkte außer acht gelassen werden.

Wie ist die Lage nun heute? Wir hoffen und glauben, daß ähnlich starke Verluste in diesem Krieg nicht wieder eintreten werden. Aber sollen' wir un­sere Verluste nun dadurch vergrößern, daß wir den Nachwuchs, wenn auch nur vorübergehend, ein­schränken, wo doch die Mindestzahl zur Erhaltung unseres Volkes selbst in den letzten günstigen Jay- ren noch nicht erreicht werden konnte? Nein! Der Bereitschaft des Mannes, sein Leben für die All­gemeinheit zu opfern, muß eine gleiche Bereitschaft der Frau zur Seite stehen, auch unter erschwerten Verhälftiissen neues Leben erstehen zu lassen! Denn eins hat die Geschichte der Völker gelehrt: Ein Volk kann einen Krieg mit den Waffen gewin­nen, ihn dabei aber gleichzeitig biplogisch verlieren, ebenso wie es Beispiele gibt, wo Völker den Krieg mit den Waffen verloren, durch ihr starkes Wachstum aber die Voraussetzung schu­fen, um sich später gegen ihre Unterdrücker von neuem zu erheben. Das Ziel eines großen, zukunsts­bewußten Volkes wie des deutschen muß aber sein,

mußte. Welcher Gegensatz zwischen diesen traurigen Besuchen der Briten in größten Höhen unb den anbrausenden deutschen Geschwadern! Der Um­schwung in der öffentlichen Meinung kann für Deutschland nur erfreulich sein.

Der dänische Lebensmittelexpott.

Kopenhagen, 25. April. (Europapreß.) Der Bericht des dänischen Landwirtschaftsrates über die deutsch-dänischen Wirtschaftsverhandlungen hat in Kreisen der dänischen Landwirtschaft und der däni­schen Exporteure Befriedigung ausgelöst. Eine Er­weiterung des dänischen Exports an Lebensrnitteln, wie sie in Dänemark vor allen Seiten angeftrebt wird, darf als bevorstehend angesehen werden. Der Landwirtschaftsrat teilt mit, daß mit der deutschen Handelsdelegation Verabredung getroffen worden ist, die in den dänischen Kühlhäusern auf- gestapelten Vorräte nach Deutschland aus­zuführen. Die Bezahlung dieser Waren wird durch Clearing erfolgen. Die vereinbarten Preise müssen als günstig angesprochen werden. Weiterhin ist den Exporteuren die Möglichkeit gegeben, die gesamte Menge ihres Ausfuhrkontingents für das ganze Quartal auf einmal zum Versand zu bringen.

Buschwindröschen.

Von Hans JRiefrou.

So geht es nicht weiter", sagte Herr Enke, Pro­fessor am Basler Gymnasium, als er in der Deutsch- ftunbe die Aufsätze zurückgab.Ich habe Ihnen das Thema ,Der Gartenbau' gestellt. Aber Sie haben aus dem Garten ein .Gärtchen' gemacht, aus feinen Blumen ,Blümchen', und aus den Bäumen .Bäum­chen'. Was fällt Ihnen denn nur ein? Wie kom­men ausgerechnet Unterprimaner dazu, die Dinge des Lebens durch die Silbe ,chen' zu verniedlichen? Warum müssen es Radieschen fein, die Sie säen und nicht Radiese? Warum sagen Sie Buschwind­röschen statt Buschwindrose?" '

Herwondt, der Primus, meldete sich.Es heißt aber nun einmal so", sagte er,man spricht doch von Radieschen--"

Nein", rief Herr Enke,das ist eine dumme Angewohnheit. Die deutsche Sprache wird, das bitte ich mir aus, schlicht und einfach gesprochen. Unter erwachsenen Menschen sagt man nicht Hühnchen, sondern Kücken, nicht Blümchen, sondern kleine Blumen, nicht Hündchen, sondern junge ober win­zige ober zwergenhafte Hunbe. Die beutsche Sprache kennt im Grunbe überhaupt keine Verkleinerungs­silbe. Und damit Sie es lernen, schreiben Sie jetzt in zehn Minuten einen Schnellaufsatz. Thema etwa: .Kleines Erlebnis im Garten'. Aber ohne jedes ,chen' und ,lein', verstanden?"

Die Schüler hatten verstanden. Sie saßen da und knabberten an den Federhaltern. Nur Herwondt, ber Primus, war über fein Heft gebeugt unb schrieb, baß es nur so eine Art hatte. Nach acht Mnuten schon war er fertig unb übergab Herrn Enke bas Heft. Der nahm es, schlug es auf und las:

Seltsames Erlebnis im Garten. Mein Groß­vater saß in ber Laube unb erzählte ben kleinen Müden Mären von Grimm. Lies aber hörte nicht zu. Sie zog in Gebanken ihr Leib aus und warf es auf bie zahmen Kanine. Die sprangen auf ben Stall: ber kippte um, unb nunmehr liefen bie Meerschweine unb die Fretts weg. Eine Rotkehle flog auf unb flüchtete, ihren Glühwurm im Stich lassend, in bas Veil-Beet unb bann weiter in bie Maiglocken. Die Rotkehle fühlte sich offenbar ver­folgt, benn sie war ein Weib. Mein Großvater aber war ärgerlich geworden. ,Zhr Mäden", sagte er.

und nahm einen Schluck (Erbener Treppe,ich rebe mir meinen Zapfen heiser; aber ihr kennt bie Mären von Schneewttt unb Dornrös wohl schon?" Jawohl", sagte Lies, ber Nesthaken,ich gucke lieber zu, wie bie Eichhörner da oben die dicken Weidenkatzen auf die verwelkten Stiefmütter wer­fen."

Herr Enke klappte das Heft zu.Es ist genug", rief er unb schlug, zornrot im Gesicht, laut unb heftig mit ber Faust auf bas Katheber.Sie brau­chen nicht mehr weiter zu schreiben. Wir fahren in ber Tafso-Lektüre fort. Wo waren mir stehen ge­blieben?"

Wieber erhob sich Herwondt, der Primus.Auf Seite 23", sagte er, ,Leile zwölf:

Durch Heftigkeit ersetzt ber Irrende

Was ihm an Wahrheit und Kräften fehlt."

Hüh, in Gottsnamen!

Von Peter Dörfler.

Die Zeit der Feldbestellung war endlich wieder gekommen. Unser Tal dampfte leise unter ber Früh- sonne, der Wind wehte kühl von den westlichen Waldhöhen herab, aber wo er aufgehalten war, strahlte bie Würze gebrochener Schollen in wohliger Wärme vom Boden auf. An solchen Tagen leuchtet die ferne Alpenkette wie ein Festtag auf unser dunkles Bauernland nieder, sie ist naher als sonst und wie eine breite Treppe zum lichten Himmels­gewölbe aufgerichtet.

n wanderte dahin, dieses lichtblaue Geschmeide ugen, und war versucht, alles zu vergessen all die Sorgen und Bedrückung so sehr atmete das weite Tal Schönheit und Friede. Hier und da zog ein Pflug über die fette Erde, hier und da schritt ein Bursche hinter einer Egge, und die schlan­ken roten Kirchtürme am Höhenrain schauten den säend hin und wieder schreitenden Frauen wie Schutzgeister zu.

Da auf einmal hörte ich eine hohe heisere Stimme, eine müde, ausgetrocknete Stimme, näher und näher kommen: ,Huh, in Gottsnamen!" Unb immer wieder in Pausen:Hüh, in Gottsnamen!"

Mich begannen Schauder zu überrieseln. Denn ich hatte alsbald den Ackersmann, der sein Zwiege- fpann, den Ochsen und das Roß, so antrieb, er­kannt. Es war der alte Widdembauer. Vor drei Jahren hatte er sein Höflein übergeben, ausge- schunden und steif in allen Knochen, krumm von einem schweren Unfall im Walde. Und nun steht ber Sohn am Westwall und der Austrägler mußte wieder ins Geschirr, den besten Mann in der Wirt­schaft machen wie bie'alte Mähre das beste Zugtier.

,Hüh, in Gottsnamen!" Man muß schon schwäbisch ins Herz hinein verstehen, nicht nur Klang und Laut, um zu spüren, was alles in biefem Sätzlein liegt.

Bevor der alte Widdembauer sich beugte, um es so zu sagen, wie es jetzt klang, hat er getrotzt unb gehabert, ist vom Zom in Klage unb von ber Klage in ben Zorn verfallen und hat auch von ben vielen kräftigen Schimpfwörtern seines Vorrats Gebrauch gemacht. Nein, er möge nun einmal nicht mehr, er könne nicht mehr! Der Teufel solle die ganze Welt holen, sie gehöre ohnehin sein!

Ehrenwort.

Peters Vater ist Staatsanwalt. Eines Tages es ist Frühling, unb bie Kinder haben den Garten aufgeräumt muß er zu einer außerdienstlichen Vernehmung schreiten.Peter", fragt er unb läßt bih Zeitung sinken,fyaft du bie Konservendosen in ben Nachbargarten geworfen?"

Peter schüttelt ben Kopf.

Ich frage noch einmal", hebt der Vater bie Stimme,hast du bie Dosen in den Garten ge­worfen?"

Peter runzelt bie Stirn.Nein", sagt er,ich habe es nicht getan. Ehrenwort!"

Der Vater horcht auf. Ehrenwort? Nun, bann ist es gut. Niemals würbe sein Sohn unb wenn er auch erst elf Jahre alt ist es wagen, das Ehren­wort zu mißbrauchen.

Aber bie Vernehmung ist noch nicht zu Enbe. Weißt bu vielleicht", fährt ber Vater fort,wer bie Dosen in ben Garten geworfen hat?"

Peter überlegt einen Augenblick.Ig", nickt er bann,aber ich hab' mein Ehrenwort gegeben, es nicht zu verraten."

Der Vater nickt bedächtig.Sehr gut", sagt er unb lächelt, wie nur ein Staatsanwalt lächeln kann, ein Ehrenwort barf man nicht brechen. Ich nehme an, baß bu es Detlev gegeben hast?"

Nein", schüttelt Peter den Kopf,Karl-Heinz!"

R.

Aber wie er so sein Recht, sich tüchtig auszu- giften, genossen hatte, ringsum auf ben Höfen das Ackergerät zugerichtet wurde unb der Kemptener Kalender die Aussaat gebot, da vergaß er sein Reißen unb seine Steifheit unb Krümme, unb in Gottsnamen, ergab er sich in das Auf erlegte unb hinkte gen Acker. Unb wie er's einmal auf sich ge­nommen hatte, da kam es wie eine Weihe über ihn. Ein Friede unb eine tiefe Befriedigung mitten im Aufbieten ber letzten Kraft erfüllte ihn. Es ist so bestimmt, von oben gesetzt, unb eine Lumperei wäre es, bie Seinigen unb bies Felb unb Gottes Auftrag im Stiche zu lassen.

Ich blieb stehen. Ja, so klang es: Heiser, mübe, aus trockener Kehle, aber tapfer unb zäh, zufrieden und sogar ein wenig stolz, weil er noch einmal aus dem alten Eisen geholt worden war.

Vom nahen Dorfe her kreiste eine Schar Tauben. Wem; bie Sonne ihre Flügel von unten traf, glänzten sie wie Silber. Hinter dem Pflug in ber Furche schritten wichtig wie kleine Knechte die Stare und schnappten bie" bösen Engerlinge weg. Die Alpen gaben all deyi Nahen und Niedlichen Wucht unb Größe. Ich /aber mußte jetzt nur auf ben weißhaarigen hinkenben Greis am Pfluge schauen. Bon ben anderen Ackersleuten her kam kein Ruf Mehr. Es schien, als stünden sie alle in feinem Bann unb als hätten sie sich seine Parole zu eigen gemacht:Hüh, in Gottsnamen!"

Ich kenne bie Geschichte meines Tales weit hin­auf bis in die graue Vorzeit. Ich weiß, daß es oft unb oft nicht nur so gewesen ist, daß die Söhne fernhin an bie Grenzen zu Wehr und Kampf ziehen mußten, sondern daß einer ber drei Retter ober gleich die drei furchtbaren Retter Pest, Hunger unb Krieg zusammen burch das Tal zogen, vor ihnen blühendes Land, hinter ihnen alles geknickt, zer­treten unb eine Wüstenei. Aber nie hat ber Bauer fein Tal verlassen, immer wieder holte er ben Pflug hervor unb ,Hüh, in Gottsnamen!" In dieser Kraft hat er das verderbte Land aufs neue zum Blühen gebracht.

Eine Lerche stieg zum Himmel auf, so als fei sie vom PfluD des alten Widdembauer aufgeflogen und von ihm ausgesandt worden. Sie fang ein glück­seliges Lied, hoch und kaum noch sichtbar Lockte sie nicht ben siebenfarbenen Bogen, daß er fein er­habenes Zeichen spanne über den alten Bauern unb seine fromme Tapferkeit?