Seine Gesichtszüge sind nicht zu erkennen, er wendet uns den Rücken zu. Aber er redet lebhaft. Dann scheint er Unterstützung zu benötigen. Er übergibt den Hörer Botschafter Noel ... Plötzlich ist die Verbindung wieder gestört ... Wieder Unruhe. Bewegung.
Um 18 Uhr wird Gesandter Schmitt, der Vertreter des Auswärtigen Amtes, in den Wagen gebeten, wo ihm General Huntziger eine Mitteilung macht. Fünf Stunden sind seit dem Ende der Aussprache verflossen. Die Franzosen wünschen erneut eine Frist. Generaloberst Keitel setzt in einer in deutscher Sprache gehaltenen schriftlichen Mitteilung eine solche bis spätestens 19.30 Uhr. Um 18.30 Uhr wird diese Mitteilung durch den Gesandten Schmitt im Salonwagen dem General Huntziger überreicht. Vizeadmiral Leluc, der im Sessel sitzend eine Zigarette raucht, erhebt sich und ruft eilig den Dolmetscher herbei. Die Franzosen umdrängen den Uebersetzer, während der Gesandte den Wagen verläßt und dem Generalobersten den Vollzug meldet.
Am Ende einer kurzen Beratung der Franzosen in einem Nebengemach des Wagens werden die Deutschen in den Hauptraum gebeten. Generaloberst Keitel betritt ihn als Erster, ihm folgen die anderen Herren. Gleichzeitig erscheinen von rechts auch die französischen Delegationsmitglieder. Eine kurze Aussprache findet noch statt. Dann erklären sich die Franzosen bereit zu unterzeichnen.
Bevor man zur Unterzeichnung schritt, gab General H u n tz i g e r eine Erklärung ab. Er stellte zunächst fest, daß die französische Regierung beschlossen habe, den Waffenstillstandsvertrag zu unterzeichnen. Unter dem Zwang des Waffengeschicks habe Frankreich den Kampf aufgeben müssen. Es glaube das Recht zu haben, erwarten zu dürfen, daß bei der Ausführung des Vertrags ein Geist walte, der zwei großen benachbarten Völkern die Möglichkeit gebe, in Frieden zu leben und zu arbeiten. Zu Generaloberst Keitel gewandt, schloß General Huntziger, der deutsche Beauftrage werde verstehen, welche schwere Stunde jetzt ihm, General Huntziger, bevorstehe: er appelliere an das Gefühl des Soldaten, daß in der Folge die französischen Soldaten nicht den Weg zu bereuen haben möchten, den sie jetzt gingen. Nachdem
der Dolmetscher, Gesandter Schmitt, die mit deutlich spürbarer Ergriffenheit vorgetragene französische Erklärung des Generals Huntziger übersetzt hatte, erklärte Generaloberst Keitel, er bestätige die soeben übermittelte Erklärung der französischen Bereitschaft zur Vertragsunterzeichnung; zu den Worten des Generals Huntziger habe er zu antworten, daß es für einen Sieger ehrenvoll sei, den Besiegten zu ehren. Nachdem der Dolmetscher auch diese Worte übertragen hatte, wird um 18.50 Uhr der Waffenstillstandsvertrag zwischen Deuatschland und Frankreich unterzeichnet. Stehend werden die Unterschriften geleistet.Die Franzosen beginnen damit. Vize
admiral Leluc kann seine Bewegung nicht verbergen. Nach der Unterzeichnung bittet Generaloberst Keitel die anwesenden Mitglieder der deutschen und der französischen Waffenstillstandskommission, ber bet. beseitigen Gefallenen ehrend z u gedenken, die ihre Treue zum Vaterland mit dem Tode besiegelten. Eine Minute des Schweigens folgt. Dann verlassen die Franzosen den Verhandlungs- wagen, um sich n a ch Ä t a l i e n zu begeben, wo die Verhandlungen ebenfalls sofort ausgenommen werden sollen. Um 19.06 Uhr meldet Generaloberst Keitel dem Führer, daß ber Waffenstillstanbsver- trag unterzeichnet ist.
Englands wetterzukärnvfen. Anschließend ließ Churchill im Rundfunk eine Erklärung verbreiten, in ber es heißt: „Die Regierung 6. Majestät erklärt, daß sie die Regierung von Bordeaux jetzt nicht mehr als die Regierung eines unabhängigen Landes betrachten kann. Die Regierung S. Majestät nimmt den Vorschlag zur Kenntnis, ein provisorisches ronzösisches Nationalkomitee zu bilden, in dem die zum Kampf entschlossenen französischen Elemente unter Einheiten der internationalen Verpflichtungen Frankreich voll und ganz vertreten sind.
Die freche Einmischung Churchills in Entscheidungen, die ausschließlich bei Frankreich und feinen verantwortlichen Staatsmännern lagen, ist nicht ohne Antwort aus Bordeaux geblieben. Der ranzösische Ministerpräsident Marschall P 6 t a i n, den seine militärische Vergangenheit vor so unoer- chämten Anwürfen, wie sie Churchill und die dri- tische Presse jetzt gegen den ehemaligen Verbündeten chleudern, geschützt haben sollte, erklärte in einer Rundfunkansprache, daß Regierung und Volk Frank, reichs Churchills Worte mit merklicher Der- blüffung gehört hätten. Sie verständen die Angst, die sie diktiert hätten. Churchill fürchte für sein Land die gleichen Leiden, die im letzten Monat über Frankreich hereingebrochen seien. Aber ber französische Ministerpräsident sagt klipp und klar, daß Churchill sich von den Interessen seines Landes leiten lasse, nicht aber von den Interessen Frankreichs, das in dieser Stunde gegen die Beleh- rungen eines ausländischen Ministers protestieren müsse.
Und in aller Eindeutigkeit stellt bann der Mar« schall fest, daß Frankreichs Fahnen ohne Flecken geblieben seien. Die französische Armee habe sich tapfer und treu geschlagen. Die Einstellung des Kampfes, so versichere er hiermit ausdrücklich, sei in Unabhängigkeit und Würde geschehen. Und dann folgt noch eine scharfe Absage an den Aushetzungsversuch Churchills: Niemandem werde es gelingen, so erklärt Petain, die Franzosen in dem Augenblick, wo ihr Land leide, zu entzweien. Frankreich habe das Bewußtsein, die Achtung der Welt verdient zu haben und von ihr auch erwartete es erst seine Rettung. Das Vaterland zeige mehr Größe, wenn es eine Niederlage eingestehe, als wenn es ihre vergebliche Pläne und illusorische Pro- jette entgegenstelle. Damit hat Churchill von seinem ehemaligen Verbündeten, der sein tragisches Schicksal zu einem guten Teil englischer Unfähigkeit und Perfidie zu verdanken hat, die eindeutige Abfuhr erhalten, die er verdient.
Sine Botschaft petains.
Frankreich zieht die Folgen ans der verlorenen Schlacht.
Rom, 24. Juni. (DRV.) Rach einer Stefan!- Meldung aus Genf hat die Regierung von Bordeaux am Sonntagmorgen durch Radio bekanntgegeben, daß der Waffenstillstand mit Deutschland unterzeichnet wurde und daß die Verhandlungen mit Italien ausgenommen werden.
Die Bekanntmachung enthält keine Klauseln des Waffenstillstandes, verschweigt jedoch nicht, daß diese hart sind. Sie betont insbesondere, daß die Regierung Petain fern von Drohungen und irgendwelchem Druck des Gegners sich in voller Freiheit ausgesprochen hat und nur der höheren Besorgnis um die Ehre und die Interessen des Vaterlandes gehorchte. Die Botschaft unterstreicht sodann die verheerende militärische Lage, deretwegen Marschall Petain die Bedingungen des Waffenstillstandes annehmen mußte. Abschließend fordert die Botschaft alle Franzosen auf, sich um die Regierung zu scharen. „Es gilt jetzt, die Folgen und die Lehren der verlorenen Schlacht zu ziehen. Roch vordringender als die wirtschaftliche und finanzielle Gesundung ist die moralische Gesundung. Frankreich muh trotz der harten Bedingungen, die ihm auferlegt sein werden, mit unermüdlicher Arbeit wieder aufgebaut roerben.“
Marschall Petain hat in dieser Botschaft im Hinblick auf die militärischen Verantwortungen für die Annahme des Waffenstillstandes wiederholen lassen, daß die englische Hilfe sich in den günstigsten Augenblicken auf zehn Divisionen beschränkte und daß außerdem das gesamte englische Expeditionskorps am Samstag nach England zurückgeschafft wurde.
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Die in Bordeaux erscheinenden Blätter heben hervor, daß keine der von Deutschland gestellten Bedingungen für Frankreich schmachvoll sei. Frankreichs Ehre sei unversehrt. Der Einleitunasakt im Walde von Cornpiögne habe nicht nur Anklagen gegen Frankreich gebracht, sondern auch die Anerkennung der Tapferkeit des besiegten Gegners. Frankreich habe nur noch den von Marschall Petain beschrittenen Ausweg zur Verfügung gehabt.
lieber die der Veröffentlichung des Kommuniques vorangehenden Beratungen wurde amtlich aus Bordeaux berichtet^ daß der französische Mi- n i st e r r a t in der Nacht zum Samstag um 1 Uhr zu einer Sitzung unter dem Vorsitz des Präsidenten der Republik Lebrun zusammengetreten sei, um den Wortlaut der deutschen Waffenstillstandsbedingungen zu prüfen. Diese Sitzung habe bis 3 Uhr morgens gedauert. Sie sei um 6 Uhr früh wieder aufgnommen worden und habe den größten Teil des Vormittags in Anspruch genommen. Unterbrechungen der Beratungen waren notwendig, damit man mit den französischen Bevollmächtigten einen telephond schen Meinungsaustausch pflegen konnte.
Die in Bordeaux anwesenden Ab geordneten und Senatoren traten am Samstagabend, um 18 Uhr, zu einer Sondersitzung zusammen, an der etwa hundert Parlamentarier teilnahmen. Sie stimmten einer Entschließung zu, in der Marschall P 6tai n unter den obwaltenden Umständen v o l l - st es Vertrauen, der Ausdruck der Anhang- lichkett und der Dank der Nation ausgesprochen wird.
Die bei der französischen Regierung in Bordeaux akkreditierten ausländischen Diplomaten hielten unter dem Vorsitz des päsllichen Nuntius eine Konferenz ab.
Großer (Eindruck in ilSA.
Neuyork, 24.Juni. (DNB. Funkspruch.) Die Neuyorker Sonntagspresse berichtet ausführlich über das historische Ereignis im Wald von Compiögns. In den Artikeln der Augenzeugen wird vor allem das ritterliche Verhalten der deutschen Unterhändler und das Fehlen jeder von Haß diktierten Einstellung hervorgehoben. Besonderen Eindruck hat ferner die Ehrung der deutschen und französischen Gefallenen durch Generaloberst Keitel anläßlich der Unterzeichnung des Waffenstillstandsvertrages gemacht. Diese Totenehrung wertet man in USA, als bedeut
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Ein deutscher Offizier führt die französischen Unterhändler vorbei an der Gewehr bei Fuß stehenden Ehrenkompanie über den runden Platz zum Verhandlungswagen. An der Spitze erkennt man General H untzi g er. Links: Vizeadmiral Le Lu c und General der Luftwaffe B er ger et; Botschafter Noel in der Mitte der Gruppe ist halb verdeckt. — (PK.-Scherl-Bilderdienst-M.)
Oes Führers Ankunst in Compiegne.
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Die Ankunft des Führers an dem Denkmalsplatz im Walde von Compiegne zur Uebergabe der Waffenstlllstandsbedingungen an die französische Abordnung. Unser Bild zeigt den F ü h r e r beim Abschreiten der Front der Ehrenkompanie, rechts von ihm Generalfeldmarschall ©örina links von ihm Großadmiral Or. b. c. R a eb er, Generaloberst vonBrauchitschund Generaloberst Keitel.
ö' (PK.-Dörfler-Scherl-M.)
Beginnende Besinnung in Paris.
Eindrücke eines dänischen Pressevertreters.
Kopenhagen, 24. Juni. (Europapreß.) Von einer Pariser Reise ausländischer Pressevertreter drahtet der Berliner Redakteur von „National- tidende", Kronika, seinem Blatt seine Eindrücke; er stellte an den Kopf der Schilderungen das Erlebnis, den Führer im Walde von Compiegne gesehen zu haben auf dem Wege zum Treffen mit den Unterhändlern Frankreichs — in einer Stunde, ba für einen jeden der Versailler Vertrag endgültig in Fetzen gerissen wurde. Aus Paris'schreibt der Berichterstatter weiter: „In die Vorstädte beginnen die Flüchtlinge in großer Zahl zurückzukehren. Die Untergrundbahn fährt wieder. Die großen Warenhäuser sind wieder geöffnet. Von Gebäuden und Monumenten werden die Sandsackverkleidungen entfernt." Auffallend war dem Schreiber, keinerlei Anzeichen einer auflehnenden Haltung den deutschen Truppen gegenüber feststellen zu können. „Im Gegenteil", so betonte er, „es hat den Anschein, als stellten sich viele Franzosen bereits auf eine durchgreifende Revision ihrer Lebensformen und ihrer Auffassungen ein. Was vorüber ist, so wird nüchtern erklärt, muß nun für immer vorüber fein. Die politische Konkursmasse wird von den Parisern ausgenommen, und hierbei hört man sie oft mit außerordentlicher Härte die leitenden Männer verurteilen. Man kann sagen, Paris ist auf der Jagd nach den Schuldigen. Ein Schlußstrich soll unter die Vergangenheit gezogen werden. Man ruft nach einem neuen Staat. Der Krieg, der nicht hielt, was man dem französischen Volk versprochen hat, soll so schnell und gründlich wie möglich abgetan und vergessen werden."
Laval und Marquet Staatsminister im Kabinett pätain. Genf, 23. Juni. (DRV.) Der frühere Ministerpräsident Pierre Laval und der Bürgermeister von Bordeaux Marquet sind zu Staatsministern im Kabinett des Marschalls Petain ernannt worden. Marquet gehörte der parlamentarischen Gruppe der Reo-Sozialisten an. Beide kamen schon bei der Demission des Kabinetts Reynaud als neue Minister in Frage, und zwar Marquet als Minister des Innern und Laval als Justizminlster. Sie haben aber damals die Annahme der Portefeuilles abgelehnt.
General de Gaulle abgeseht.
Rom, 23.Juni. (DNB.) Nach einer amtlichen französischen Mitteilung hat die Regierung Pätain den General de G a u l l e , der von London aus im Rundfunk von London wiederholt das französische Volk zur Fortsetzung des aussichtslosen Kampfes und zum Ungehorsam gegen feine Regierung aufzu- wiegeln gesucht hatte, a b g e s e tz t. Die Absetzung schließe weitere Maßnahmen gegen diesen ehemaliges General nicht aus. Eine offizielle Erklärung bet
französischen Regierung protestiert auf das nachdrücklichste gegen bie Erklärungen von Churchill, in denen dieser zur Unterzeichnung des Waffenstillstandes Stellung nimmt. In dem französischen Protest wird betont, daß die französische
Stockholm, 23. Juni. (Europapreß.) Aus London wird gemeldet, daß dort wie noch nie zuvor in der Geschichte am Sonntag die Regierung Petain angegriffen und Frankreich selber verantwortlich gemacht werde für den Zusammenbruch der letzten. Tage. Was in den letzten Tagen nur andeutungsweise gesagt worden sei, werde heute in fast schonungsloser Weise erörtert. Dabei erkläre man, die französische Niederlage sei zurückzuführen auf die Klassenkämpfe und Standesgegensätze, die bie Schlagkraft Frankreichs gelähmt hätten. Die „Sunday Times" sagt, Gamelin uni) Dalabier, diese beiden Optimisten, die nicht gewillt gewesen seien, der Warnung von Reynaud und General de Gaulle wegen der veralteten Struktur der Armee Gehör zu schenken, trügen als Exponenten der radikalsozialen Politik eine furchtbare Verantwortung für den Gang der Ereignisse.
Regierung und das französische Volk einig gewesen seien hinsichtlich ber Entscheidungen, bie gefällt worden sind. Es hätte keine andere Lösung gegeben.
Churchill hat einen Aufruf zur „Organisierung des französischen Widerstandes" erlassen. Die britische Regierung habe „mit Erstaunen und Trauer" davon Kenntnis genommen, daß die Waffenstillstandsbedingungen von der französischen Regierung angenommen worden seien. Die englische Regierung rufe jedoch alle Franzosen auf, die außerhalb ber von den Deutschen beherrschten Gebieten lebten, sich ben englischen Streitkräften anzuschließen.
Der französische Emigrantengeneral De Gaulle behauptete im Londoner Rundfunk: Es bestehe in Frankreich keine unabhängige Regierung mehr. „Daher wird im Einvernehmen mit der britischen Regierung ein französisches Nationalkomi- t e e gebildet werden, das die Interessen des Vaterlandes und der Bürger verttitt und die von Frankreich eingegangenen Verpflichtungen übernimmt." Dieses Nationalkomitee fei entschlossen, an ber Sette
Die französische Delegation beim Betreten des Salonwagens. In der Mitte General Huntziger.
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petain weist Churchills Hetze zurück.


