Nr. 197 Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)Mittwoch, 21. August 1940
Aus her Stadt Gießen.
Heimwärts!
Die 2Iuguftfonne meint es nach einigen kühlen Tagen wieder einmal gut und scheint mit hochsommerlicher Wärme vom nachmittäglichen Himmelszelt.
Auf dem Bahnsteig des Gießener Bahnhofs herrscht fröhliches Gewimmel: Männer und Frauen, junge und alte, Kinder und Greise. Was hat das zu bedeuten? Es sind Heimkehrer, Saarländer, die nun wieder in die Heimat zurückfahren. Alles sammelt sich, mit viel Gepäck, auf dem Bahnsteig, viele Freunde sind mitgekommen, und lautes und fröhliches Reden und Lachen fliegt über die in der Sonne schimmernden Gleise.
Inzwischen regen sich fleißige Hände: in dem hübschen Aufenthaltsraum der NSV. werden mit liebevoller Sorgfalt Brote zurechtgemacht, es wird Kaffee gekocht — nicht zu knapp! — und Säuglingsmilch vorbereitet. Dann werden die Brote fein säuberlich auf Tablette geschichtet. Ein Tisch wird auf den Bahnsteig getragen, wobei natürlich die immer vorrätigen Soldaten den Frauen im weißen Kittel eifrig helfen. Dann werden Tassen aufgestellt, in jeder Größe und Form. Die Aufschriften sind besonders nett, und es macht ihnen viel Spaß, einem älteren Herrn eine Tasse mit der Aufschrift „Dem lieben Kinde" zu geben, während ein junger Mann eine Tasse bekommt, auf der mit Schnörkelschrift „Dem Silberbräutigam" zu lesen ist. Weniger passend ist um diese Jahreszeit eine Tasse mit der Aufschrift „Fröhliche Weihnachten"!
Also diese Tassen werden aufgestellt und unermüdlich gefüllt. Ach, es ist die reinste Sisyphusarbeit, denn — gerade gefüllt, werden sie wieder ausgetrunken, wobei unsere Feldgrauen, diese immer durstigen Seelen, auch ihren Mann stellen.
Das Getriebe auf dem Bahnsteig wird immer stärker. Dann wird ein leerer Zug auf das Gleis geschoben: er ist fein geschmückt mit grünen Büschen und bunten Sträußen, und lustige Kreideaufschriften zeigen an, daß es wirklich der Zug der Heimkehrer ist.
Nun wird eingestiegen, unter Lachen und Schwätzen, jedes Fenster wird von den Zurückbleibenden umlagert, und die letzten guten Wünsche werden aus- aetauscht. Hier wird noch einmal ein Kind zum Abschiednehmen aus dem Fenster gereicht, dort noch etwas ausgeschrieben. Wohl noch nie ist so fröhlichen Herzens Lebewohl gesagt und sind so vergnügt Abschiedsküsse gegeben worden, wie diesmal, wo es nach so langer Zeit wieder in die Heimat geht!
Jetzt werden die belegten Brote von den Helferinnen der NSV. ausgeteilt, Kaffee wird angeboten und auch noch in großen Kannen in den Zug verfrachtet. Es ist ein emsiges Hin- und Herrennen. Wie froh ist man dabei! Wer vor einem Jahre die nun Heimkehrenden hier hat ankommen sehen, der kann sich nun von ganzem Herzen mit ihnen freuen über ihre Heimfahrt.
Und nun heißt es: Einsteigen! Türen schließen! Ein letztes Rufen und Winken, dann fährt der Zug langsam aus der Halle: Heimwärts! E. L. St.
Tageskalender für Mittwoch.
Deutsche Arbeitsfront, Berufserziehungswerk, Uebungsstätte Gießen, in Zusammenarbeit mit der Abteilung Volkswirtschaft-Hauswirtschaft des Deutschen Frauenwerks: 16 bis 18 und 20 bis 22 Uhr in der Lehrküche des Deutschen Frauenwerks Unterweisung „Entsaftungsverfahren und Marmeladekochen". — Gloria-Palast, Seltersweg: „Die drei Codonas". — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Lum- paci Vagabundus".
Stadttheater Gießen.
Am Mittwoch, 28. August, gibt der berühmte Schwarzmeer-Kosakenchor ein einmaliges Konzert im Stadttheater. Der Ehor bringt in seinem Programm russische Musik, und zwar geistliche und weltliche Lieder. Melodien, die uns bereits bekannt und vertraut sind, werden zum Vortrag gebracht, wie z. B. „Eintönig klingt das Glöckchen", „Die zwölf Räuber", „Lied der Wolgaschlepper" u. a. Das alles wird gesungen mit herrlichen Stimmen in der typisch russischen Art des Chorgesanges, die eine magische Wirkung auszulösen imstande ist, und die manche verwandte Saite in uns anschlägt.
Ortszeit für den 22. August.
Sonnenaufgang: 6.20 Uhr; Sonnenuntergang: 20.35 Uhr. Monduntergang: 10.51 Uhr; Mondauf- gang: 22.09 Uhr. ______________________
Neue Mttgliever ves Gtadttheaters
Hans Bernd Müller:
Hans Bernd Müller, jugendlicher Liebhaber und Naturbursche.
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In Magdeburg wurde ich geboren. Hier erhielt ich auch meine ersten theatralischen Eindrücke: Wie stolz war ich, als ich zum ersten Male als Statist in Schillers „Räuber am dortigen Stadttheater einen Blick hinter die phantastische KulissenweU tun durfte. Nach dem Abitur ging ich nach Berlin und studierte Germanistik, Kunstgeschichte und Theaterwissenschaft. Bei den Professoren Dr. Carl Hagemann und Dr. Hans Niedecken-Gebhardt nahm ich an praktischen Regieübungen teil. Meine schauspielerische Ausbildung erhielt ich bei Frau Elfriede John. — Und nun wird es endlich ernst: Mein erstes Engagement führt mich ins schöne Hessenland nach Gießen, und alles, was mir meine verehrten Lehrer in mühseliger, aufopfernder Arbeit beigebracht haben, soll sich bewähren. Hoffenllich mache ich ihnen keine Schande.
Heinz Müller:
Operettenfänger schöne Erfolge. Mein angeborener Humor aber ließ mir keine Ruhe, so daß ich mich entschloß, nachdem ich meine schlanke Tenorlinie verloren hatte, vollständig in das komische Fach überzugehen. Jetzt bin ich glücklich, daß ich in den schweren Zeiten des Kampfes in Sudetenland Frohsinn und Laune habe übermitteln können. Mein letztes Engagement war langjährig am Stadttheater des Welt-Kurortes Karlsbad. Nun hat mich das Schicksal hierher in die schöne Stadt Gießen geführt, wo ich dem Publikum mit meinen Leistungen viele heitere Stunden bereiten will.
Waltraut Goettke:
Wenn ich mich heute als neues Mitglied am Stadttheater Gießen vorstelle, so ist es für mich der Anbeginn eines selbstgewählten, heißgeliebten Be-
Waltraut G o e t t k e, jugendliche Liebhaberin.
rufes. In Babelsberg-Ufastadt beheimatet, studierte ich an der Deutschen Filmakademie, Lehrgruppe Darstellung. Im Winter 1939/40 übertrug mir Staatsschauspieler Wolfgang Liebeneiner eine kleine Rolle in seinem Film „Die gute Sieben", durch den
ich manchem nun nicht mehr ganz unbekannt sein werde. Es ist mir ein Ansporn und eine große Freude, in Gießen meine Bühnenlaufbahn zu beginnen, da das Gießener Publikum als anspruchsvoll, aber auch begeisterungsfähig bekannt ist.
Hannelore Hinkel:
Hannelore Hinkel, jugendliche Salondame.
Ich wurde in Berlin geboren. Schon als Kind besuchte ich dort eine Russische Ballettschule, da ich ursprünglich Tänzerin werden wollte. Bald aber entdeckte man meine schauspielerische Begabung, und so wurde ich nach bestandener Leistungsprüfung Schülerin der Staatlichen Schauspielschule Berlin. Meine Lehrer waren hier vor allem Gustaf Gründgens, Walter Franck, Lothar Müthel uno Maria Koppenhöfer. Während meiner Ausbildungszeit trat ich verschiedentlich in kleineren Rollen an beiden Schauspielbühnen der Staatstheater auf. U. a. spielte ich die Ingrid in „Peer Gynt" und die Miß Garden in Bahrs ,Konzert". Nach Abschluß meines Studiums kam ich als Naiv-Muntere an das Grenzlandtheater Elbing. Mein Rollenfach erweiterte sich bald um das der jugendlichen Salondame. Für mein zweites Berufsjahr bin ich jetzt nack Gießen verpflichtet, wo ich auch zum erstenmal größere klassische Rollen spielen werde. Ich freue mich sehr auf die vielen verschiedenartigen Aufgaben, die mich hier erwarten.
Heinz Müller, Komiker.
Ich sollte Maschinenbau-Ingenieur werden, hatte sogar bereits meine Praxis Staatsgewerbeschule in Brünn absolviert. Da kam ich eines Tages in Berührung mit dem ^lustigen Künstlervölkchen, was mich kurzentschlossenÄ>ewog, htzr heiteren Kunst zu dienen. Trotz Protest^meiner Vaters, dem ich damit alle Pläne über den Musen geworfen hatte, ging ich zu einem Gesangslehrer, der feststellte, daß ich über ein schönes Sttmmaterial verfüge. Ich studierte mehrere Jahre die Jffert-Gesangschule für Tenor, wobei ich in einer privaten Theaterschule auch dramatischen Unterricht nahm. Mein Traum war die Oper, und so erntete ich nach meiner Studienzeit an verschiedenen großen Buhnen der Ostmark und des Sudetengaues als Opernbuffo, später als
Flachsanbau und Flachsernte in Wieseck.
SÄ. im Ernteeinsatz.
Im Stadtteil Gießen- Wieseck sind der Flachsanbau und die Flachsernte als Gemeinschaftsarbeit durchgeführt worden. Auf einem von der Stadt zur Verfügung gestellten Ackergelände wird von allen beteiligten Landwirten des Stadtteiles Gießen-Wiefeck die Aussaat und Bewirtschaftung des Flachses in Gemeinschaftsarbeit vorgenommen, ebenso die Düngung. Hierdurch wird erreicht, daß die Aussaat, Bewirtschaftung und Düngung in gleichmäßiger Form vor sich geht, so daß auch der (Ertrag ein gleichmäßig hoher wird. Dies ist gerade beim Flachsbau sehr wichtig.
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Am vergangenen Sonn-
Pi. 1/116 (Wieseck) bei der Flachsernte. — (Aufn.: Geilfus, SA.)
der Flachs vom Ackerboden getrennt ist, Bevolkeruna und Gliederungen der Partei bis zur vollständigen Trocknung liegen und Dienst der Allgemeinheit und helfen so auch
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wird dann den Fabriken zur Weiterverarbeitung
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zugeführt. Der für den Flachs erzielte Reinerttag wird der NSV. oder dem Deutschen Roten Kreuz restlos zur Verfügung gestellt.
Mit dieser Gemeinschaftsarbeit stellen sich wieder Bevölkerung und Gliederungen der Partei in den
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tag waren nun SA., v
PL., HI. und BDM. zur Flachsernte eingesetzt.
Nachdem der Flachs vom Ackerboden getrennt ist,
„Die drei Codonas."
Ein Tobis-Film Arthur Maria Rabenalts.
Die drei Codonas, die „fliegenden Menschen", waren die berühmten Mexikaner, die mit ihrer Sensation am Trapez, dem dreifachen Saltomortale, noch vor wenigen Jahren ein Stern erster Ordnung am Himmel des Varietes waren. Ungewöhnlich wie ihre Leistung war ihr Schicksal. Aus kleinsten Anfängen hatten sie sich emporgearbeitet, immer das eine Ziel vor Augen, das ihnen der Pflegevater gesteckt hatte. Was er mit mathematischer Exaktheit errechnet hatte, aber nie hatte verwirklichen können, das hatten sie in zähem Training vollbracht und hatten dann mit ihrer Kunst in einem Sieges- zua ohnegleichen Abend für Abend auf den berühmtesten Varietöbühnen der Welt Tausende begeistert. Der geniale Alfredo war die Seele dieser artistischen Arbeitsgemeinschaft. Er fand auch sein menschliches Glück in der Ehe mit Lilian Leitzel, der Königin am Vertikalseil, aber beide blieben ihrer Kunst treu. Im Februar 1931 machte der Todessturz Lilian Leitzels im Valencia-Variete in Kopenhagen diesem Glück jäh ein Ende. Noch einmal schien den Codonas ein Strahl der Hoffnung, als Alfredo seine Partnerin Vera Bruce heiratete. Aber sein Stern hatte ihn verlassen, eine schwere Verletzung bei der Arbett machte ihm im Sommer 1933 jede weitere Arbeit am Trapez unmöglich. Er wurde mit seinem grausamen Geschick nicht fertig und versank. Sein Bruder Lalo versuchte noch einmal die berühmte Nummer zu retten, vergebens, dem tüchtigen Arttsten fehlte die geniale Begabung Alfredos, mit dessen Ausscheiden das Einmalige der drei Codonas für immer dahin war.
Diese Geschichte der drei Codonas hat Arthur Maria Rabenalt in seinem Film nach der menschlichen und künstlerischen Seite hin ausgebaut. Er tat es mit dem sicheren Instinkt für das unwägbare Fluidum der Welt des Varietes, m oer sehr viel weniger Romantik herrscht, als vielmehr harte Arbeit und kühler Geschäftssinn, in der freilich nur die fanatische Besessenheit des echten Artisten es zu wirklich überragenden Leistungen bringt und in der auch er vom seltsamen Zauber des glanzenden Flitters, der strahlenden Scheinwerfer, des gasenden Beifalls nicht losgelassen wird. Das wertz
Rabenalts Regie mit vielen treffend hingesetzten Akzenten ungemein packend deutlich zu machen. Er entwickelt das persönliche Schicksal der Codonas aus einer Rückschau, die in einer dichten Folge von Bildern liebevoll ausgemalten Zeit- und LokalkolorUs geradezu eine Kulturgeschichte des Varietes etwa der letzten vier Jahrzehnte gibt, vom bescheidenen Wanderzirkus im heimatlichen Texas, nach dessen Zusammenbruch der Vater Codona über den dreifachen Saüomortale zu grübeln beginnt, über die Schaubude auf dem Rummelplatz von Coney Island (wobei übrigens der Film mit spitzen Bemerkungen über den „Kintop" sehr lustig gleichsam sich selbst ironisiert), über den Zirkus Ringling, der, mit seiner schon ganz auf die große Ausstattungsrevue amerikanischen Geschmacks hinzielenden verschwenderischen Pracht sehr lebendig geschildert, der Schauplatz der ersten Begegnung des jungen Alfredo mit der reizenden Lilian Leitzel wird, bis zum Berliner Wintergarten der ersten Nachkriegsjahre (mit einem bekannten Originalcouplet Otto Reutters als (Einlage). Hier finden sich beide, hier erfährt aber auch Alfredos Schicksal die verhängnisvolle Wendung, die ihn aus der Bahn schleudert und seine Selbstachtung als Artist so sehr vergessen läßt, daß er schließlich sich für den Reklamerummel eines geschäftstüchtigen amerikanischen Warenhauses hergibt. Hier zeigt der Film, wie die private Sphäre Der Codonas ihr Artistentum zu überschatten beginnt und es damit zum Abstieg verurteilt. Wenn einst die keimende Liebe zu Lilian Leitzel den leidenschaftlichen Alfredo zu höchsten Leistungen angespornt hat, so sind es schließlich Eifersucht und verletzte Eigenliebe, die die Katastrophe eines begnadeten Artisten heraufführen.
Ihn spielt Ren6 D e l t g e n mit einer großartigen, ursprünglichen Leidenschaft, echtes Artistenblut, ganz im Banne seiner Kunst, aber durch den Tod der geliebten Frau in seinem Tiefsten gebrochen. Der ganz in seinem Schatten stehende Bruder ist Ernst von Klip st ein, ttotz äußerlicher Gelassenheit ein Mann von starkem künstlerischem Gewissen, eine schwierige Rolle, die in allen Nuancen voll ausgeschöpft wurde. Eine reizvolle Erscheinung war die Lilian Leitzel Annelies Reinholds. Lena Norman gab der Dera Bruce etwas Herb-Sachliches. Jyfef Sieber hatte als der Vater Codona den mitreißenden Glauben an seine Sache. Harald
Paulsen war ein sympathisch warm empfindender Manager, Karl K a h l m a n n und Leopold von Ledebour sah man als zwei höchst originelle Zirkusdirektoren aus Dollarika. Die ausgezeichnete Photographie F. Behn-Grunds hatte aus der bunten Welt des Varietes mit sicherem Blick für Wirkung packende Szenen für den Film herausgeholt. Peter Kreuders Musik war ganz dem Milieu entsprechend auf Effekt eingestellt.
Dr. Fr. W. Lange.
Goethe in seinem Gartenhause
lieber mutig sieht's nicht aus, Hohes Dach und niedres Haus; Allen, die daselbst verkehrt, ward ein guter Mut beschert. Schlanker Bäume grüner Flor, Selbstgepflanzter, wuchs empor; Geistig ging zugleich alldort Schaffen, Hegen, Wachsen fort Diese Verse schrieb Goeche im Alter von seinem Gartenhaus im Schloßpark, das ihm über sechs glückliche Jahre seines Lebens als Wohnstatt diente und das nun das Ziel eines ruchlosen Bombenangriffs englischer Flieger geworden ist. Kein Besucher Weimars versäumt es, das kleine Gartenhaus im Schloßpark aufzusuchen, und es überkommt ihn Rührung, wenn er die vier schlichten Stuben durchwandert, in denen das Genie so lange hauste, und er betritt mit Ehrfurcht den Park, in dem Goethe selbst gewirkt und Bäume gepflanzt hat, und pilgert zu dem Gartenplatz mit dem Steintisch und der Tafel mit der klassischen Inschrift und den beiden schönen Gartenbänken.
Goethe war im November 1775 in Weimar eingetroffen, und schon im April 1776 schenkte ihm der Herzog das Gartenhaus, in dem er entscheidende Jahre zubringen sollte, in denen er der Erde dieses Gartens vieles zu danken hat, was in ihm erwuchs. Die Thüringische Erde erscheint chm freilich nicht fruchtbar und reich, er nennt den Frühling zu karg, den Winter zu streng, aber er lernt doch unermüdlich, was der Gärtner wissen muß, wenn er Erfolg haben will. Er bestellt sich auf der Leipziger Messe „Reinharts Gartenschatz", und obwohl sein Tag aus gefüllt ist mit Geschälten, widmet er sich dem Anbau und Aufbau, der Pflege und Wartung
des großen Gartens, der das kleine Haus umgibt, mit Eifer. Wenn er gräbt, düngt, schaufelt, pflanzt von früh bis abends, dann nennt das Tagebuch diese Zeit „immer die schönsten Tage". Er hält sich durchaus an das Nützliche, er hat Bienenstände, pfropft junge Obstbäume, schreibt „mit beschmierten Baumwachsfingern Liebesbriefe" an Charlotte von Stein, in denen er berichtet, daß er die Raupen zu spät vertilgte, „und ich ging immer vorbei — ein Poet und ein Liebhaber sind schlechte Wirte". Pflanzen und Zeichnen sind seine Lieblingsgeschäfte, berichtet Wieland noch nach drei Jahren von ihm. Sein Garten- und Hauswesen weitet sich ihm zum Symbol des Staatswesens, und er bewundert in diesen Jahren niemand mehr als einen Landwirt; denn der „träumt nicht im allgemeinen wie unsereiner ehemals um bildende Kunst. Wenn er handeln soll, greift er grab das an, was jetzt nötig ist. Ja schön ist der Feldbau, weil alles so rein antwortet, wenn ich was dumm oder was gut mache."
Als Goethe, der in den Nächten zuweilen auf dem Altan geschlafen hat, um den Pflanzen näher zu fein, sich 1782 entschloß, in die Stadt zu ziehen, erfüllt ihn Trauer, und er schreibt beim Abschied von seinem Gartenhaus: „Jede Rose sagt zu mir: und du willst uns weggeben? In dem Augenblicke fühtte ich, daß ich diese Wohnung des Friedens nicht entbehren könnte. Ich strich um mein verlassenes Häuschen wie Melusine um das ihrige, wohin sie nicht zurückkehren sollte, und dachte an die Vergangenheit, von der ich nichts verstehe, und an die Zukunft, von der ich nichts weiß. Wie viel hab' ich verloren!" So schwer trennte sich Goethe von den Bäumen, die er sechs Jahre vorher gepflanzt hattL
Später hat er noch einige wenige Male ein paaf Sommerwochen im alten Garten gewohnt, geschrieben, gesammelt, und einmal auch die sttllen Verse geschrieben, in denen er an den Schloßbrand erinnert:
„Dieser alte Weidenbaum
Steht und wächst als wie im Traum, Sah des Fürstendaches Gluten, Sieht der Jlme leises Fluten "
Vier Wochen vor feinem Ende fuhr an einem milden Tage Ende Februar der zweiundachtzigjährige Goethe noch ein letztes Mal in den Garten und blieb dort ein paar Stunden allein. C.K-


