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Um die Meisterschaft im Handball.
Die so erfolgreich gestartete Runde der Bereichs, klasse (b. i. der neue Name für die Handballgau- klaise) hat einen weiteren Schlag erlitten. Nachdem bereits Münchholzhausen und Hörnsheim die Segel streichen mußten, ist nunmehr auch der Mto. Gießen gefolgt. Durch das Ausscheiden des Mto. Gießen mußte das Programm der Runden der Bereichsklasse weiter reduziert werden. Dornholzhausen war ohne Spiel. — Aus der anderen Seite aber trat insofern eine Belebung ein, als überall, und zwar ihm Rahmen des Tages der Wehrmacht, Freundschaftsspiele gegen die Soldaten ausgetragen wurden.
Die beiden noch verbliebenen Pflichtspiele zeitigten folgende Ergebnisse:
Tv. Holzheim — Tv. Lützellinden 12:4 (4:3)
Dv. Katzenfurt — Tv. Garbenheim 14:9 (10:2).
Lützellinden war diesmal zu schwach, um gegen die verstärkt antretenden Gäste mit Erfolg antreten zu können. Während die erste Halbzeit ausgeglichen war, wendete sich das Blatt mehr und mehr. Holzheim lief zu einer Hochform auf und gewann wie es wollte. Anerkennenswert war der Eifer, mit der die junge Mannschaft der Gäste den Kampf durchstand.
Unerwartet kommt die Niederlage, die Garbenheim einstecken mußte. Sie wird allerdings verständlich, wenn man weiß, daß auch diesmal wieder nur eine zweite Garnitur zur Verfügung stand.
Tv. Hörnsheim — Wehrmacht 7:11.
Die Hörnsheimer traten nach einer langen Pause ebenfalls wieder einmal an die Öffentlichkeit und erzielten sofort einen recht schönen Erfolg. Die Soldaten, die in stärkster Besetzung antraten, gaben einen vorzüglichen Gegner ab. Das Treffen nahm einen ausgezeichneten Verlauf und war über alle Erwartung gut besucht.
Kriegs-Winterhilfekegeln beim ÄfD.-ReichSbahn.
Dieser Tage fand auf der Kegelbahn des DfB.-R. ein Kegeln zu Gunsten des Kriegs-Winterhilfswerks statt, an dem sich der Polizeisportverein, der Post- sportverein und der VfB.-R. beteiligten. Den Sieger stellte der Polizeisportverein mit 363 Holz,
Zweiter wurde der DfB.-R. mit 351 Holz und Dritter der Postsportverein mit 324 Holz. Im Einzelkegeln wurden die folgenden Teilnehmer mit Diplomen ausgezeichnet: Schmidt, Post-Spv. (96 Holz), Raab, Polizei-Spv. (95), Dauth, Polizei- Spv. (92), Pauly, VfB.-R. (92), Kramer, Polizei- Spo. (89), Rau, Polizei-Spv. (87). Aus Stiftungen der Vereine sowie der Sportgemeinschaft Kerber standen außerdem 8 Preise zur Verfügung. Als Endergebnis war die Einnahme von 43,50 RM. zu verzeichnen, die dem Kriegs-Winterhilfswerk überwiesen werden konnte.
Fußball der Gauliga Hessen.
Das erste Schlußspiel um die hessische Fußballmeisterschaft führt am Ostermontag den Titelverteidiger SC. 03 Kassel mit dem Altmeister Hanau 93 zusammen. Hanau 93 ist zuletzt wieder recht gut in Fahrt gekommen und stützt sich vor allem auf eine starke Abwehr, während der Sturm nicht immer allen Anforderungen gerecht wird. Kassel hat nicht nur eine glänzende Hintermannschaft, sondern auch einen schußfreudigen Sturm und das sollte den Ausschlag in diesem Treffen geben. — Zwei rückständige Punktspiele in der Nordgruppe bestreiten SpV. Kassel — Kurhessen Kassel und Hessen Hersfeld — BC. Sport Kassel am ersten Festtag.
Spielvereinigung 4900 Gießen.
Am Karfreitag fährt die 1. Jugend der Spielver- einigung 1900 nach Heuchelheim, um dort ein Spiel um die Bannmeisterschaft auszutragen. Die Gastgeber hatten erst am Vorsonntag gegen die Elf des ViB. hoch gewonnen. Heuchelheim erscheint auf eigenem Platz sehr gefährlich. Die Blauweißen werden alles daran setzen müssen, wenn sie gut abschneiden wollen. Man erwartet einen spannenden Kampf.
5:2-Ringersteg in Genua.
Nach dem verlorenen Länderkampf stellte sich die deutsche Ringer-Nationalstaffel in Genua einer Auswahl von Ligurien zum Kampf. Die Deutschen waren ihren Gastgebern diesmal klar überlegen und siegten mit 5:2 Punkten
Aus -er Stadt Gießen.
Das Schneeglöckchen.
Es ist der Erstling unter den Blumen des Jahres. Wie eine Schneeflocke trägt jeder Stengel eine weiße Blüte. Es hatte keine Zeit, mehrere zu formen oder gar so zierliche, wie sie das Maiglöckchen hat, dessen Vorläufer man es nennt. Es ist in Wind und Schnee, zitternd und frierend, groß geworden, eine richtige Schneeblume, wie ein arabisches Märchen auch zu erzählen weiß, wonach sich der aus dem Paradies vertriebenen Eva auf ihrer Wanderung durch eine weite Schneelandschaft ein Engel zugesellt und ihr aus dem Schnee eine Blume geformt habe mit den Worten: „Alles Vergangene kehrt wieder!"
Das Schneeglöckchen gibt uns die erste frohe Botschaft, daß dem wirklich so ist. Der Wind kann frostig wehen, grauschwarzes Gewölk zusammen- fegen und sogar Schneegestöber bringen, als wäre es November, das Schneeglöckchen läutet schlicht und getrost, lautlos zwar und nur dem gläubigen Herzen vernehmlich: Der Lenz ist auf dem Wege, dessen sollt ihr gewiß und froh sein!
Und wer begegnete ihm nicht mit Entzücken und Zärtlichkeit! Die meisten Frühlingsblumen, denen schon etwas vom Strahlengold der Sonne in die Blüte geträuft ist, mögen schöner sein, und die sommerlichen Rosen und Nelken wie Herzen, die von der Liebe wissen, brennend glühen: das zu den lilienartigen Gewächsen zählende Schneeglöckchen hat in feiner reinen Weiße etwas von kindlicher Unschuld und Unberührtheit. Und bann gleicht es, so alleinstehend, höchstens mit ein paar seinesgleichen beisammen, wirklich einem Kinde in weiter Einsamkeit, das sich gar nicht bewußt wird, wie sehr es sich verirrt hat und darum so unbekümmert dreinschaut und Wind wie Sonne sorglos hinnimmt. Es kennt die Gefahren der Nachtfröste nicht, weiß nicht, daß schon der nächste Tag sein Tod sein kann. Es stirbt wie kleine Kinder im frühesten Lebensmorgen.
Um dieser Tapferkeit, willen, mit der es sein zartes Leben in der vordersten Linie des Vortrupps wider den Winter einsetzt, lieben mir das Schneeglöckchen am meisten. Weil es den Tod nicht fürchtet, der ihm nahe und gewiß ist.
Bismarck erzählt aus seinen Petersburger Ge- sandtschaftstagen, daß die russische Kaiserin Katharina II. eine begeisterte Liebhaberin des Schnee- glöckchens gewesen sei. Sie habe eines Tages eine besonders große Blume auf einem Rasenplatz an der Newa entdeckt und zu ihrem Schutze einen Posten dort aufstellen lassen. Noch nach Jahren, als der Grund der Bewachung gar nicht mehr bestand und niemand wußte warum, bezog ein Posten regelmäßig seinen Platz. Bis schließlich Kaiser Alexander II. nach langen Nachforschungen den eigenartigen Fall klären konnte.
Wir stellen keinen Posten vor unser Gartenbeet, aber wir hüte^ dennoch das Blümchen. Weil es an der Pforte zum Paradies des Frühlings steht und die frohe Botschaft lautet: „Alles Vergangene kehrt wieder!" P. B.
Tageskalender für Donnerstag.
Gloria-Palast, Seltersweg: „Die fremde Frau". — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Leidenschaft".
Tageskalender für Freitag:
Gloria-Palast, Seltersweg: „Die fremde Frau". — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Leidenschaft".
54 000 Reichsmark.
Nach dem vorläufig festgestellten Gesamtergebnis brachte der „Tag der Wehrmacht" im Gebiet des Kreises Wetterau der NSDAP, den stattlichen Betrag von insgesamt rund 54 000 RM. für das Kriegs-Winterhilfswerk 1939/40. Das Ergebnis ist ein eindringlicher Beweis der unerschütterlichen Verbundenheit von Bevölkerung und Wehrmacht.
Gießener Wochenmarktpreise.
* G i e ß e n, 21. März. Auf dem heutigen Wochenmarkt kosteten: Markenbutter, Vi kg 1,80 RM., Matte 25 Rpf., Käse, das Stück 6 bis 8 Rpf., Kartoffeln, 50 kg 3,70 bis 3,90 RM., Wirsing, gelb, kg 15 Rpf., Weißkraut 12, Rotkraut 15, gelbe Rüben 12 bis 15, rote Rüben 10 bis 15, Unterkohlrabi 8, Zwiebeln 12 bis 13, Meerrettich 40 bis 60, Schwarzwurzeln 35, Aepfel 15 bis 35, Birnen 25, Lauch, das Stück 5 bis 20, Sellerie 10 bis 20, Rettich 10 bis 20 Rpf. )
Ostermontag nicht fleischlos.
Das Reichsernährungsministerium gibt bekannt: Der diesjährige Ostermontag kommt als fleischfreier Tag in Fortfall, fo daß in den Gaststätten und Beherbergungsbetrieben an diesem Tage gegen Abgabe von Fleischmarken fleischhaltige Gerichte verabfolgt werden dürfen.
Achtung, Wanderer und Ausflügler!
Die Pflanzenschutzoerordnung verbiete die unbefugte Entnahme (ohne Erlaubnis des Eigentümers) von Schmuckreisig. Das Abreißen von Palmkätzchen aller Art ist hiernach verboten und wird als Diebstahl geahndet. Nehmt unfern Bienen durch Entwenden von Palmkätzchen nicht ihre erste Nahrung! Seidelbast ist völlig geschützt und darf überhaupt nicht gepflückt werden. Große Schneeglöckchen und Himmelschlüssel (Primel) sind teilweise geschützt. Die unterirdischen Teile dürfen nicht von ihrem Standort entfernt werden. Ein kleiner Handstrauß ist gestattet, doch ist es besser, überhaupt nichts zu pflücken! Das Abbrennen der Bodendecke von Wiesen, Feldrainen, an Hängen und Hecken ist ab 15. März verboten. Schützt die brütenden Vögel! Das Rauchen und Feuerwachen im Walde ist strengstens verboten. Abstand eines Feuers vom Wald mindestens 100 Meter! Nehmt Rücksicht auf das Wild und auf eure Nebenmenschen! Rastplätze sauber halten, Abfälle nicht wegwerfen, sondern mitnehmen, oder sie so beseitigen, daß man sie nicht mehr sieht (verstecken ober vergraben). Denkt an die, die nach euch kommen.
Kein Lämmermord zu Ostern!
NSG. Ein schöner Osterbraten hat zweifellos vieles für sich. Und wer zu diesem Zwecke nur in den Stall zu gehen und ein Ziegenlamm zu schlachten braucht, der ist fein heraus — meint er —
meinen die anderen auch! Oder ist jemand anderer Meinung? Vielleicht ist eine kleine Ueberlegung am Platz ... Der Reichsbauernführer hat am 6. März die deutsche Landwirtschaft zur Milcherzeugungsschlacht aufgerufen. Auch die Ziegen helfen uns, die Fettlücke zu schließen. Im Kriege verdient die Ziegenhaltung ganz besonderes Interesse, weil es gerade mit dieser „Milchkuh des Heinen Mannes" möglich ist, so manche kleinere Futtermenge, die sonst nicht verwertet würde, für die menschliche Ernährung nutzbar zu machen. Alle auf dem Lande wohnenden Arbeiter und Beamten, die irgend Platz für die Einstellung einer Milchziege haben, sollten sich setzt wieder entschließen, wie im Weltkriege ihre Versorgung mit Milch und Butter durch eigene Ziegenhaltung zu verbessern. Dies ist natürlich nur möglich, wenn alle zuchttauglichen Ziegenlämmer aufgezogen und nicht gegessen werden. Es ist wirklich wichtiger, Milchziegen heranzuziehen, als den sonst gewöhnten Osterbraten auf dem Tisch zu haben. Meinen Sie nicht auch?
Oie Einkaufstasche erspart das Einwickeln.
In allen Läden mahnen uns kleine weiße Schilder, Verpackungsmaterial zu sparen. Für die einsichtsvolle Hausfrau ist das eine Selbstverständlich- feit Der Kaufmann tut ebenfalls das Seine, um diesen Grundsatz einzuhalten. Sein Bemühen, Verpackung zu sparen, hat jedoch dort eine Grenze, wo er es dem Kunden beim besten Willen nicht zumuten kann, die gekaufte Ware ohne Verpackung nach Hause zu tragen. Kauft der Kunde beispiels- weise sechs verschieden.» Gegenstände, so muß er sie ihm notgedrungen schon einpacken, es sei denn, daß der Kunde eine Tasche ober ein Netz bei sich hat. Die Tasche oder das Netz spart also Verpackungsmaterial.
Backwerk zu Ostern.
Festtage ohne Backwerk und ohne etwas Süße, sind für uns und unsere Kinder keine rechten Fest, tage. Darum muß die Hausfrau einmal überlegen, wie sie mit den vorhandenen Mitteln etwas Gutes Herstellen kann. Das einfachste Gericht ober Back- werk schmeckt noch einmal so gut, wenn der äußere Rahmen schön festlich anmutet. Einige FruhlingZ. blümchen auf bem Ostertisch, ansprechenber selbst- gebastelter Festschmuck, bazu schönes Geschirr, ver. Mitteln frohe Stimmung. Osterbrot und Oster- brezeln, Eier aus selbstgemachtem Kartoffelmarzi. pan dürfen nicht fehlen.
O st e r b r e z e l n : 500 Gramm Mehl, 30 Gramm Hefe, knapp V« Liter entrahmte Frischmilch, eine Prise Salz, 50 Gramm Zucker, 30 Gramm Fett, etwas abgeriebene Zitronenschale, 100 Gramm Rosinen, etwas Zucker zum Bestreuen. Aus den Zutaten stellt man einen festen Hefeteig her, formt daraus eine Rolle und legt dieselbe als Brezel auf ein Blech. Nach dem Aufgehen wird die Brezel mit Wasser bestrichen -und mit grobem Zucker bestreut, dann bei guter Hitze gebacken.
Osterkränzchen ober kleine Brezeln formt man aus demselben Teig.
Osterhase: Aus 500 Gramm Mehl, V< Liter entrahmte Frischmilch, 40 Gramm Fett, 2 Messerspitzen Salz, Saft und Schale einer halben Zitrone, 80 bis 100 Gramm Zucker, 30 Gramm Hefe bereitet man einen Hefeteig, formt auf gefettetem Blech einen Hasen, steckt ihm als Augen Rosinen, als Schnurrbart Mandel- ober Nußstiftchen ein.
Osterbrot: Aus oben angegebenen Zutaten, denen man noch 100 Gramm Rosinen und 100
Der weg gnm fcfllj- sttickstisch, das Mittagessen vdee Abendbrot wirb zum Ereignis, wenn ein mit Maizena zubereiteter Brei, ein Pudding, eine Suppe oder eine der vieler» Maizena • Dbg • und Süssspeisen zu erwarten ist. Vie Maizena- Speisen find jedeemal die freudige Aberra» fchung des «indes. Sie find nicht nur so schmackhaft, sondern vor allem nahrhaft, leicht verdaulich und bekömmlich
Siebe Mutter, Vos fett über 70 fahren bewährt» Kindernährmittel Maizena für die Klasche, für den vr.ei, für den Pudding ist In ollen Kolonialwaren. Geschäften gegen die Kreuzabschnitte der Reichs» vrotkarte erhältlich. Rezepte liegen sedem Paket bei
MAIZENA
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Gramm gemahlene Nüsse zufügt, bereitet man einen Hefeteig, läßt ihn gut aufgehen, knetet nochmals gut durch. */< des Teiges läßt man zurück, aus dem übrigen formt man ein Brot. Aus dem zurückbehal- tenen Brot formt man zwei Rollen, die kreuzweise über das Brot gelegt werden, mit Wasser bestrichen und bei guter Hitze gebacken.
Kartoffelmarzipan: 500 Gramm gekochte, geriebene Kartoffeln, 375 Gramm Zucker, 4 Eßlöffel Wasser, einige Tropfen Bittermandelöl. Zucker und Wasser zu Sirup kochen, die Kartoffeln ^azugeben und die Masse so lange rühren, bis sie sich vom Topfe löst. Dann gibt man die Geschmackszutaten dazu und formt Ostereier. Wer etwas Kakaopuloer hat, kann die Eier darin umwälzen.
Gedeckte Hefeobsttorte: 300 Gramm Mehl, 30 Gramm Fett oder Oel, 60 Gramm Zucker, 20 Gramm Hefe, eine kleine Tasse lauwarme Milch und Salz verarbeitet man zu einem recht weichen Hefeteig, den man aufgehen läßt. Dann drückt man die Hälfte in eine Springform, gibt Vt bis s/< Liter eingemachte Zwetschen oder Kirschen (gut ab getropft) darüber und als Abschluß die zweite Hälfte Teig zu einer Platte ausgerollt. Man läßt nochmals gehen, bestreicht mit Milch, backt ziemlich schnell und bestreut mit Puderzucker. Man kann den Kuchen auch mit rohen geraspelten Aepseln, die man mit Rumessenz, Zucker und Zitronenschale mischte, füllen.
Goldene Wolfe über Kcnatc.
Roman von (jorR Blcrnath.
14. Fortsetzung. (Nachdruck verboten!)
„Ich möchte mir Ihre Arbeiten gern ansehen, Fräulein Naumann!" bat er.
Sie stand in dem warmen Gold licht des Ateliers vor ihm, und plötzlich entdeckte er einen rosigen Schimmer in ihrem Gesicht. Es war, als hätte sich ein einziger Tropfen ihres roten Blutes rasch unter der Haut ihrer Wangen verteilt. Und mit einem fast hellseherischen Scharfblick erkannte er, daß Not und Mangel hier häufigere Gäste waren als Kunstliebhaber mit Kaufabsichten und daß er mit seinem Wunsch, ihre Arbeiten zu sehen, das zarte Flämnr- chen einer ungläubigen Hoffnung angezündet hatte.
Sie ging quer durch das Atelier zur gegenüber» liegenden Wand hin, wo Parker, der ihr langsamer folgte, die Türen eines eingebauten Schrankes entdeckte.
„Ah, dort verbergen Sie Ihre Geheimnisse?" lächelte er. „Ich habe mich schon lange vergeblich umgeschaut ..."
„Seit gestern", antwortete sie. „So lange haben sie das Atelier bevölkert. Aber man verliert das Urteil, wenn man sich allzuviel mit sich selbst--
oder vielmehr", verbesserte sie rasch, „mit den eigenen Arbeiten beschäftigt." Es klang wie ein Zitat.
Achtung! dachte Parker mit üb erschürftem Gehör. Hier spricht ein anderer! Und er witterte den Gegen- spieler.
Indessen hatte Renate Naumann den Schrank geöffnet, und Parker stieß ein überraschtes und ent» zücktes „Ah!" aus. *
In den tiefen Fächern, die wohl für die Aufnahme von Wäsche bestimmt waren, saßen mit baumelnden Beinen grimmige Soldaten, den Arm um dralle Bauernmädchen geschlungen; goldbetreßte Generale brüteten ernsthaft und wichtig neue Schlachtenpläne aus; Räuber lugten mit wilden Gesichtern aus der Dunkelheit hervor; städtische Kaufherren klingelten mit goldenen Uhrketten; ein dürrer Tanzmeister zwirbelte seinen schwarzgefärbten Schnurrbart, und zierlich behaupte Damen he* trachteten diese böse Welt verwundert und ein wenig entsetzt durchs Stielglas.
Parker: brauchte, feilte Freude zu heucheln, und
dieser Augenblick, den er fast ein wenig gefürchtet hatte, fand ihn durchleuchtet und erwärmt wie ein Kind während der Geburtstagsbescherung. „Kinderpuppen?" rief er geradezu entsetzt. „Wie kommen Sie bloß darauf? Nein, das sind ja entzückende kleine Kunstwerke! Sie an Kinder verschenken, die ihnen womöglich die Haare au stammen und ihnen die Beine abreißen ... llm’s Himmels willen!"
In seiner Begeisterung merkte er nicht, daß die Schöpferin dieser kleinen Welt mit seinen Ansichten nicht ganz übereinzustimmen schien; aber sie zeigte auch keine offene Enttäuschung und lächelte sogar leise, wie ein Gott lächeln mag, der in seiner Weisheit mit der Schöpfung von Austern und Zitronen ganz gewiß andere Absichten verband, als dafür das Lob wohlhabender Feinschmecker einzuheimsen.
„Oh, ich werde Sie gründlich plündern!" rief er und begann auch schon, Männlein und Weib lein in bunter Reihe in seinen linken Arm zu legen. „Wozu soll ich mich lange quälen? Und wem soll man nun den Vorzug geben? Ich mache es mir leicht: Ich nehme von jedem Modell eins! Vorausgesetzt natürlich, daß ich darf ..."
Sie konnte nur nicken; in ihrer Haltung und im Ausdruck ihrer Augen war etwas, als sei sie die Zuschauerin eines unbegreiflichen Wunders, und es lag falt eine Furcht darin, als könne im nächsten Augenolick das laute Rasseln einer Weckeruhr erbarmungslos Traum und Wirklichkeit zerschneiden.
Parker lud seine bunte Fracht auf dem Tisch ab. Er gruppierte die Paare und drehte sich dabei halb zu Renate um. „Sie haben mir eine große lieber- raschung und Freude bereitet!" sagte er zart und rasch, als berühre er einen Punkt, über den er möglichst schnell hinwegzukommen wünschte. „Darf ich Sie jetzt bitten, mir die Summe zu nennen, die ich Ihnen schuldig bin?"
„Die Geschäfte, für die ich zuweilen arbeite, geben mir für das Einzelstück sechs Mark", sagte sie unbefangen, „verkauft werden sie für zehn Mark. Ich schlage Ihnen acht Mark als Mittelwert vor — falls Sie tatsächlich die Absicht haben--"
„Nein!" unterbrach er sie fast empört. „Ich bin nicht zu Ihnen gekommen, um Geschenke anzunehmen, sondern als Käufer! Und wenn die Geschäfte Ihnen für diese wundervollen Stücke solch einen Schandpreis zahlen, bann verpflichtet mich das noch lange nicht, diese — nun, verdammt, wie heißt es doch gleich? — Drückebergerei rnitzumachenl"
„Preisdrückerei", verbesserte sie, von neuem belustigt, und fügte, während ihr Lächeln erlosch, hin- zu: „Ader Sie täuschen sich wirklich über den Wert meiner Arbeiten — und die Geschäfte können mich einfach nicht höher entschädigen, weil schon zehn Mark ein Preis für ein Spielzeug sind, den kaum femanb anlegt ... Bringen Sie mich also, bitte, nicht in Verlegenheit, Mister Parker!" Sie strich eine Locke zurück, die ihr in die Stirn gefallen war, und sah ihn mit einem rätselhaften Spitz bubend lick an. „Die Versuchung, Sie ein bißchen zu beschwindeln, war ohnehin groß genug!"
Parker machte eine merkwürdige Bewegung: Er senkte den Kopf so rasch, als schütze er seine Augen vor einem aufzuckenden Lichtstrahl; seine Fingerspitzen rieben die Daum en ballen, und über seine Kaumuskeln lief ein flüchtiges Zittern. Renate fürchtete schon, ihn durch ihre Offenheit verletzt zu haben.
„Sie beschämen mich...", sagte er etwas undeutlich, und ohne sie anzusehen. Für einen Augenblick gruben sich seine blitzenden Zähne in die Oberlippe, dann warf er den Kopf mit einem heftigen, fast trotzigen Ruck wieder empor. „Also gut! Es bleibt mir nichts anderes übrig, als Ihren Preis anzunehmen ..."
Zwölf, dreizehn, vierzehn Puppen —! Zehnmal acht macht achtzig — viermal acht gleich zweiund- dreißig; zweiunddreihig und achtzig macht — — Lieber Gott, es ist ja unvorstellbar!
Parker trat einen kleinen Schritt näher zu ihr hin; er hob die Hände mit einer beschwörenden Ge- bärbe: „Aber wenn Sie mich schon zwingen, Ihre Arbeiten so völlig unangemessen zu entgelten, bann gestatten Sie mir wenigstens noch eine Ditte ..."
Sie sah ihn unsicher fragenb an.
„Heute — oder wenn es Ihnen am besten paßt — mein Gast zu sein. Bitte, schlagen Sie mir diesen Wunsch nicht ab! Geben Sie mir eine Möglichkeit, Ihnen zu danken ..."
♦
Der Doktor hatte bis in die späte Nacht hinein an dem zerbrochenen Gebiß eines Patienten ge- arbeitet. Unterdessen saß Kasimir mit angezogenen Beinen auf dem Tisch; aber er schien schläfrig zu sein, und selbst die Scherze, die der Doktor mit dem Gebiß vorführte, konnten ihn nicht ermuntern- er blinzelte nicht einmal, wenn die Porzellanzähne nach seiner Nase schnappten oder schaurig an seinen Ohren klapperten.
Der Doktor stand auf und reckte sich, um den Blutumlauf wieder in Gang zu bringen. Er nahm einen Aschbecher, der bis zum Rande mit Zlgaret- I tenstummeln angefüllt war, vom Tisch, um ihn im I Ofen auszuleeren. Das Fenster war weit geöffnet, I aber die Nachtluft war so still und schwül, daß von I einer Entlüftung des Zimmers kaum etwas zu I spüren war; der Rauch hing in dicken Schwaden I unter der Lampe.
„Wir rauchen zuviel, Kasimir!" sagte der Doktor I und hüstelte rauh. „Wir hatten uns doch fest vor- I genommen, die verdammten Giftnudeln auf zehn I Stück am Tage herunterzudrücken — und jetzt sind I es wieder fast dreißig geworden!"
Er bückte sich hinter den Schrank und holte eine I Milchflasche hervor, aber es mar leider nicht mehr I ein Tropfen drin.
„Wasser tut's schließlich auch!" brummte der I Zahnarzt. Er drehte sich nach Kasimir um; es war I ihm, als hätte der edle Räuber soeben leise ge« I kichert .... „Du natürlich nur Bier!" grollte er. I „Aber mit dem Luderleben wird jetzt Schluß ge« I macht! Wasser ist sehr gesund!" Er ging zum | Waschbecken, drehte den Hahn auf, wusch sich die I Hände und schlürfte schließlich das rinnende Naß I gleich von der Leitung weg. „Nur: Es schmeckt I eben nach Wasser ..." Er trocknete sich die Hände I und beugte sich zum Fenster hinaus.
Jenseits der Lindenreihen rasselte eine Trambahn vorüber. Die Straße unter ihm war fast feer. Die Dichter hinter den meisten Fenstern erloschen. Der Mond hing im letzten Viertel, dünn, wie eine abgewetzte Sichel, über den Dächern am fast schwarzen Nachthimmel.
Der Doktor öffnete auch noch das zweite Fenster und befestigte an beiden die eisernen Sperrhaken in deck* Oesen.
Das lange Sitzen hatte ihn steif gemacht. Und er traute dem Wetter nicht: Die Luft drückte, und der Mondwechsel konnte den Umschlag bringen. Diel« leicht war das heute schon die letzte Nacht, die man noch zu einem kleinen Straßenbummel ausnutzen konnte? Und außerdem war er nicht abgeneigt, sich auch noch irgendwo ein Halbes zu genehmigen ...
Er überquerte den Stachus, schlenderte durch die Anlagen am Wittelsbacher Platz und bezwang vor einer Gaststätte mannhaft feine Regung, sich das versprochene Helle schon jetzt zu gönnen.
(Fortsetzung folgtj


