Aus der Stadt Gießen.
Vertrauen.
Von Anton Holzner.
Wenn man eine große Fabrikanlage oder ein mächtiges technisches Meisterwerk bewundert, dann staunt man immer wieder darüber, mit welcher Feinheit die einzelnen Räder und Glieder aufeinander abgestimmt sind, und ineinander übergreifen.
Unendlich feiner als die komplizierteste Maschine ist der Organismus der menschlichen Gemeinschaft. Auch hier muß ein Glied das andere ergänzen, auch hier müssen alle Glieder Zusammenspiel en und ineinandergreisen.
!Die Voraussetzung und der Garant für ein geordnetes und fruchtbares Zusammenarbeiten der einzelnen Kräfte jeder menschlichen Gemeinschaft ist das Vertrauen.
Der Ausgangspunkt allen menschlichen Vertrauens ist das Selbstvertrauen. Menschen, die kein Vertrauen zu sich selber haben, die persönlich unsicher und haltlos sind, werden stets auch ihren Mitmenschen mit Argwohn und Mißtrauen begegnen. Aus dem Glauben heraus, daß Gott den Menschen in dieses Leben gestellt hat, damit jeder an seinem Platz das Schöpfungswerk des Allmächtigen erfülle, gestalte und vollende, muß der Mensch einen ungeheuren inneren Halt, ein gewaltiges Selbstvertrauen, eine ganz große Selbstsicherheit besitzen. Dieses Selbstbewußtsein, das besonders dem nordischen Menschen im Mute liegt, gibt die Kraft zu den kühnsten Taten, den Mut zu den schwersten Opfern, die Zähigkeit für die schwierigsten Aufgaben und die Aufgeschlossenheit xur Bejahung alles Großen und Schönen in diesem Leben. Dieses Vertrauen auf die Kräfte des Blutes, des Geistes und der Seele kommt in der inneren Haltung und in den Daten zum Ausdruck und spiegelt sich im klaren, selbstsicheren Blick des Auges und in den Bewegungen und der Haltung des Leibes wider.
Wer kein Selbstvertrauen.besitzt, wird sich selbst immer wieder zur Qual werden, in jeder Gemeinschaft aber, vor allem in Stunden der Gefahr und der Entscheidung, eine Last und ein Hemmschuh sein. Orientalische Selbsterniedrigung, sklavische Unterwürfigkeit und nervöse Minderwertigkeitskomplexe müssen als Hauptfeinde des gesunden Selbstbewußt- seins entschieden und zäh bekämpft werden.
Rur wer Selbstbewußtsein besitzt, kann auch ein natürliches Vertrauen auf den Mitmenschen haben. Wer Selbstvertrauen besitzt, muß aber auch ein gesundes Vertrauen zum Mitmenschen haben, wenn nicht sein Selbstvertrauen zu dummer Ueberheblich- keit ausarten soll.
Das Vertrauen gegenüber den Mitmenschen richtet sich in erster Linie gegen die Angehörigen der eigenen Sippe, gegen die Kameraden der gleichen Arbeits-, Ideen- und Derufsgemeinschaft und gegen die Volks- und Rassegenossen. Das Vertrauen zu ihnen entspringt denselben natürlichen, biologischen Gesetzen, wie das gesunde Selbstvertrauen.
Vertrauen ist innerhalb jeder natürlichen Gemeinschaft nicht eine Gabe, die man von oben herab gnädig schenkt, sondern eine selbstverständliche Pflicht, die man jedem Glied dieser Gemeinschaft s ch u l d i g ist. Es gibt Menschen, die märten immer erst bis sich Vertrauen bewährt hat, die behandeln das Vertrauen wie ein Geschäft, die sind so lange mit Mißtrauen erfüllt, bis sie selbst Mißtrauen geerntet haben. Diese Menschen untergraben jede Gemeinschaft. Mit ihrem ständigen Mißtrauen zerstören sie im Laufe der Zeit jedes menschliche Vertrauen. Sie tragen selbst die Schuld daran, wenn ihr ursprünglich unberechtigtes Mißtrauen allmählich berechtigt wird und sie selbst schließlich an Stelle des natürlichen Vertrauens nur noch Argwohn und Mißtrauen ernten. So reich und herrlich aber das Vertrauen jede Gemeinschaft und jeden Einzelmen- schen befruchtet, so ätzend, zersetzend und zerstörend wirken Argwohn und Mißtrauen. Sie können das blühendste Leben ersticken, die innigsten Bande zer- -reißen, die schönsten Freuden vergiften und alle Erfolge vereiteln.
Jedes Vertrauen muß Proben bestehen können, es muß sich auch bei Enttäuschungen bewähren. Es gibt Menschen, die werden mißtrauische Feinde der Gemeinschaft, wenn sie einmal eine große Enttäuschung erlebt haben, wenn ein Mensch einmal ihr Vertrauen nicht erfüllt oder gar häßlich mißbraucht hat. Der natürliche deutsche Mensch weiß, daß es unter Menschen immer auch Schattenseiten, Fehler, Schlechtigkeit und Minderwertigkeit geben wird. Durch diese menschliche Tragik kann und darf aber
fein aus den Gesetzen des Blutes und Lebens fließendes natürliches Vertrauen keine Erschütterung erfahren. Es mag in manchen Stunden der Enttäuschung schwer sein, sich das Vertrauen unvermindert zu erhalten. Der Sieg des Vertrauens wird aber immer ein Sieg des deutschen Blutes sein.
In jeder Gemeinschaft haben Führung und Gefolgschaft dasselbe Recht und dieselbe Pflicht zum gegenseitigen Vertrauen. Beide sind verpflichtet, dieses Vertrauen stets voll innerer Bereitschaft zu schenken, selbst mit dem Vertrauen zu beginnen und nicht erst vom anderen Vertrauen zu fordern.
Vertrauen ist nicht nur eine der heiligsten Verpflichtungen, es ist gleichzeitig auch eines der schönsten Geschenke der Gemeinschaft. Es gehört zu den glücklichsten Stunden im Menschenleben, wenn sich in einer großen Gefahr oder bei einer harten Probe echtes Vertrauen bewährt hat. Es ist eine der besten Auszeichnungen für einen Menschen, wenn man ihm restloses Vertrauen zuspricht und schenkt. Vertrauen gehört zu den Grundvoraussetzungen natürlicher, menschlicher Haltung. Vertrauen ist ganz besonders eine Zierde des deutschen Wesens.
Vornotizen.
Tageskalender für Samskag. •
HJ.-Veranstaltungs-Ring: 19 Uhr im Stadttheater „Käthchen von Heilbronn". — Gloria-Palast, Seltersweg: „Links der Isar, rechts der Spree". —
Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Zwischen Leben und Tod". — Gießener Konzert-Ring: 20 Uhr in der Universitätsaula, Klavierabend von Professor Wilhelm Backhaus. — Verein ehemaliger 116er: 20 Uhr im „Pfälzer Hof" Kameradschaftsappell.
Tageskalender für Sonntag.
Stadttheater: 15.15 bis 17.30 Uhr: „Goldregen"; 19 bis 22 Uhr: „Paganini". — Gloria-Palast, Sel- tersweg: 11 Uhr: Wochenschau-Sondervorstellung; „Links der Isar, rechts der Spree". — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Zwischen Leben und Tod".
Stadtlhealer Gießen.
Am Sonntagnachmittag wird die Lustspiel-Operette „Goldregen", die kürzlich mit großem Erfolg hier uraufgeführt worden ist, wiederholt. Spielleitung: Harry Grüneke, musikalische Leitung Arthur Apelt. Außer Miete! — Am Sonntagabend wird der große Operettenerfolg „Paganini" wiederholt. Die Lehar-Operette, die seither in Gießen immer ausverkaufte Häuser zu verzeichnen hatte, steht unter der musikalischen Leitung von Otto Söllner. Die Spielleitung hat Harry Grüneke. Tanzleitung: Irmgard Trömel. Chöre: Arthur Apelt. Bühnenbild :Karl Löffler. Außer Miete!
Montag, 21. Oktober, geschlossene Vorstellung für die Reichsbahn: „Paganini , 19 bis 22 Uhr. — Dienstag, 22. Oktober: „Die Macht des Schicksals",
Oper von Verdi, 19 bis 22 Uhr. 6. Dienstag-Mtere. — Mittwoch, 22. Oft., Neuinszenierung: „Das Käthchen von Heilbronn", Schauspiel von Kleist, Spielleitung: Hansjoachim Büttner. 19.30 bis 22 Uhr. 6. Mittwoch-Miete. — Freitag, 25. Oktober, Erstaufführung: „Dr. med. Hiob Prätorius", Komödie von Goetz, Spielleitung: Hans Geißler, 19.30 bis 22 Uhr. 6. Freitag-Miete. — Samstag, 26. Oktober: „Das Käthchen von Heilbronn". Geschlossene KdF.- Vorstellung. Sechzehner-Ring. 19.30 bis 22 Uhr. 3. Vorstellung. — Sonntag, 27. Oktober: 2. Morgen- veranstaltung: Lanzelot und Sanderein. Altflämisches Schauspiel. Spielleitung: Hansjoachim Büttner. 11.30 bis 12.30 Uhr. Außer Miete. 19 bis 22 Uhr: „Aennchen von Tharau", Operette von Strecker. Außer Miete.
Gießener Vorkragsring.
Goeche-Bund, „Reichswerk Buch und Volk" (früher Kaufmännischer Verein), Volksbildungsstätte Gießen und Gesellschaft für Erd- und Völkerkunde werden im Rahmen des Gießener Vortragsringes ihren ersten gemeinsamen Vortragsabend am Montag, 21. Oktober, in der Neuen Aula der Universität mit einem Lichtbildervortrag des Schriftstellers Dr. Paul Rohrbach über bas Thema „Mit Auto, Bahn und Flugzeug durch Afrika von Nord nach Süd" beginnen.
Fahrbereitschaften im Dienste der Heimat.
Eine Unterredung mit dem Fahrbereitschastsleiter für Stadt und Kreis Gießen.
Die Inanspruchnahme vieler Lastkrast- fahrzeuge durch die Wehrmacht seit Ausbruch des Krieges machte für die Lebensmittelzufuhr und die Heransthaffung aller kriegswirtschaftlichen Güter in der Heimat eine besondere Organisation der zu Hause verfügbaren Lastfahrzeuge und Pferdefuhrwerke erforderlich. Zu diesem Zwecke wurden durch Erlaß des Reichsverkehrsministeriums überall im Reich Fahrbereitschaften ins Leben gerufen, die den Einsatz der Lastkraftwagen und Pferdefuhrwerke in der Heimat für die Versorgungswirtschaft zu regeln haben. Eine derartige Organisatton besteht auch in Gießen für die Stadt und den Landkreis Gießen unter der Oberleitung des Landrats Dr. Lotz, lieber die Aufgaben und die bisherige Arbeit der Fahrbereitschaft Gießen haben wir uns mit deren Leiter, Spedtteur Hans Plank, unterhalten. Das Ergebnis der Unterredung enthalten die nachstehenden Zeilen.
Die Fahrbereitschaften haben die Aufgabe, die für die heimische Wirtschaft zur Verfügung stehenden Lastkraftwagen und Pferdefuhrwerke 'planvoll unter dem Gesichtswinkel des Gesamtinteresses der Bevölkerung einzusetzen. Die Leiter der Fahrbereitschaften haben bei der Befriedigung des Güternahverkehrs — bis zu 50 Kilometer — dafür zu sorgen, daß der Bedarf der Wehrmacht in der Heimat stets pünktlich und ausreichend herangeschafft wird, die Lebensmittelversorgung der Bevölkerung auf dem Gebiete des Transports reibungslos erfolgt, die kriegswirtschaftlich wichtigen Güter, namentlich auch für die Verforgungsbetriebe — wie z. B. Gas- unt> Elektrizitätswerke, Schlachthöfe usw. — stets pünktlich an- bzw. abtransportiert werden und den Erfordernissen der übrigen industriellen und gewerblichen Wirtschaft auf dem Gebiete des Fuhrwesens nach bester Möglichkeit ge&ent wird. Dazu gehört vor -allem die Sicherstellung der Transportmittel für die rechtzeitige Ent-- und Beladung der Güterwagen, der Transport von Kohlen, kriegswirtschaftlichen Produkten und Lebensmitteln von Bahnhöfen und Berteilungsstellen bzw. von den Städten hinaus zu den Orten in den ländlichen Gegenden.
Für die Transportleistung gilt eine stufenweise Einteilung. Neben dem Bedarf der Wehrmacht in der Heimat sind in erster Linie leichtverderbliche Lebensrnittel, wie Milch, Gemüse, Fleisch zu befördern. Dann steht als nächste dringliche Aufgabe die rechtzeitige An- und Abfuhr von Gütern zu und von den Güterbahnhöfen zur Erledigung, um in diesem Sektor des Wirtschaftslebens nach bester Möglichkeit Verkehrsstockungen zu verhüten. Hierauf folgen die Transporte von Gütern für die wehr- wirtschaftlich wichtigen und für die Versorgungsbe
triebe (Kohlen für die Gas- und Elektrizitätswerke), weiterhin von Gütern für Bauzwecke des Reiches und für andere staatswichtige Aufgaben, schließlich die Transporte für. die übrigen Wirtschaftszweige. Selbstverständlich wird im ^Fahrbereitschaftsdienst nicht rein schematisch nach dieser Rangfolge gearbeitet, sondern man ist allezeit bemüht, sämtliche Transporte mit größter Beschleunigung durchzuführen, damit die Heranschaffung der Güter überall flott und reibungslos verläuft. Die Fuhren für die Wehrmacht und die Lebensmitteltransporte haben aber stets den Vorrang.
Der Fahrbereitschaftsleiter Gießen hat seine Ausgabe derart in Angriff genommen, daß er überall da, wo — wie z. B. bei Baufirmen und Versorgungsbetrieben — alte vertragliche Vereinbarungen auf Fuhrleistungen bestehen, möglichst nicht eingegriffen hat, soweit die Erfordernisse der Gesamtheit es zuließen. Die hierfür bereitstehenden Fahrzeuge müssen erforderlichenfalls aber auch für andere Fuhrleistungen mit tätig fein. Für den Gütertransport in Stadt und Landkreis Gießen find Fahrzeuge aller Größen vom umgebauten Personenkraftwagen bis zum 4-Tonnen-Lastkraftwagen eingesetzt, die je nach den Erfordernissen verwandt werden. Der Gütertransport nach und von der Reichsbahn ist die Hauptaufgabe dieser Fahrzeuge, damit die Güterwagen der Eisenbahn stets möglichst rasch be= und entladen werden. Ein weiterer wichtiger Arbeitszweig dient der Beförderung von Lebensrnitteln und sonstigen Bedarfsgütern für die Wirtschaft nach und von den Orten im Kreise Gießen, die nicht an Bahnstrecken gelegen sind. Diese Aufgabe stellt an die Fahrbereitschaften täglich große Anforderungen, da natürlich auch plötzlich auftretenber Stoßverkehr bei Massenandrang von Gütern mit bewältigt werden muß. Welche Transportleistungen für die Stadt und den Landkreis Gießen von den im Dienste der Gießener Fahrbereitschaften stehenden Lastkraftwagen zu vollbringen sind, ist schon daraus ersichtlich, daß im Tagesdurchschnitt rund 400 bis 500 Tonnen Güter befördert werden.
Der Zweck der Fahrbereitschaften macht es erforderlich, bi4 zur Verfügung stehenden Lastkraftwagen und Pferdefuhrwerke nicht nur in straffer Weise für die Aufgaben einzusetzen, sondern auch mit dem Brennstoff und- den übrigen Betriebsmitteln in haushälterischer Weise zu verfahren. Deshalb erhalten die Fahrzeugführer an jedem Morgen, oder auch schon am Abend vorher, ihre Fahrtaufgaben für den jeweiligen Arbeitstag zugewiesen, damit unnötige Fahrten und Zeitverlust vermieden werden. Gefälligkeitsfahrten sind naturgemäß ausgeschlossen, vielmehr haben für alle Fahrten nur streng wirtschaftliche Erfordernisse zu gelten. Der Betriebsstoff für die Lastkraftwagen wird nach Maßgabe der Transportleistungen und der von den einzelnen.Wagen gefahrenen Kilometer von dem Leiter der Fahrbereitschaften zugewiesen.
Die Pferdefuhrwerke werden unter den gleichen wirtschaftlichen Gesichtspunkten wie die Kraftfahrzeuge eingesetzt. Vorzugsweise findet der ,Phaser- motor" auf dem Lande für die Zwecke der Holzabfuhr Verwendung. Auch hier hat der Leiter der Fahrbereitschaften vertragliche Abmachungen von früher her in weitgehender Weise bestehen lassen, daneben müssen aber auch die Besitzer der Pferds- fuhrwerke für andere Fuhrleistungen jederzeit bereitstehen, da sie hierzu auf Grund des Reichs-
leistungsgesetzes verpflichtet sind. Die Abrechnung für die Fuhrleistungen erfolgt direkt zwischen dem Fuhrunternehmer und dem Auftraggeber; die Fahrbereitschaftsleitung hat damit nichts zu tun. Für den Lastkraftwagen-Transport sind hierbei die vom Reichsverkehrsministerium festgesetzten Höchstpreise für den Güternahverkehr maßgebend.
Der Lastkraftwagen-Fernverkehr mußte unter den kriegswirtschaftlichen Gesichtspunkten eine erhebliche Einschränkung erfahren. Diese kommt darin zum Ausdruck, daß jede Lastkraftwagenfahrt über 50 km Luftlinie hinaus der vorherigen Genehmigung durch den für unseren Bezirk zuständigen Oberpräsidenten in Kassel bzw. durch den örtlichen Fahrbereitschaftsleiter in Gießen unterliegt Die Notwendigkeit einer solchen Fernfahrt wird vorher genau geprüft Die Fahrt wird nur dann genehmigt, wenn der Güter« transport gar nicht mit der Eisenbahn erfolgen kann. Nur in besonderen Ausnahmefällen — z. B. in Anbetracht der Eigenart des Transportgutes ober bei außergewöhnlicher Dringlichkeit — wird der Lastkraftwagentransport über 50 km hinaus genehmigt.
Die Fahrbereitschaften stehen jetzt ein Jahr im Dienste der Volksgesamtheit. Es kann festgestellt werden, daß ihr bisheriges Wirken zur Versorgung der engeren Heimat mit Lebensmitteltransporten und wichtigen Bedarfsgütern zufriedenstellend verlaufen ist und diese kriegswirtschaftliche Einrichtung die Erwartungen erfüllt hat, die bei ihrer Schaffung gehegt wurden. B.
Bec Optiker am Sahnhof |
3000Kilometer £ie£>e
Roman von Olly Boeheim
5. Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)
Die kleine Stadt fang und klang und leuchtete mit tausend bunten Augen auf das Meer hinaus. Weit draußen zogen schimmernde Schiffe funkelnd und fern in die Weite. Anni und Erik Schmitterlös gingen die breite Promenade entlang, dem Ende des Straubes zu, wo es still und einsam wurde. Der milde Wind wehte abgerissenes Mädchenlachen herüber, den Klang einer Ziehharmonika und den Jubel der tanzenden Jugend. Erik Schrnitterläf streckte sich in den weißen Sand, lieber dem Meer standen kühl und klar unzählige Sterne.
"Ich liebe dich", sagte er daun, und ein leises Zittern überlief seinen Körper, „ad), bitte, frage nicht, ob ich das vielen Mädchen am ersten Abend gesagt habe. Du 'würdest mir die Antwort nicht glauben."
»Ich glaube dir", sagte Anni leise. Sie hatte sich neben ihn gesetzt und ließ den feinen Sand durch ihre Finger rinnen, lieber dem Meer tanzten Lichtraketen in den Himmel, durchschnitten sausend die Luft und fielen als bunte Leuchtkugeln in das Wasser.
Sie hatte die Augen geschlossen und lehnte ihren Kops leicht zurück.
„Alle Sterne fallen auf uns herab", sagte Anni bebend, „alle Sterne."
Er neigte sich über ihr junges Gesicht mit dem vollen, weichen Mund, der zuerst zögernd, dann immer williger seine Küsse erwiderte.
Das Meer sang sein urewiges Lied, indes die Lieder der jungen Menschen allmählich müde wurden. Die laute Fröhlichkeit ebbte ab, während der Mond mit breitem Lächeln über dem glasklaren Himmel schwamm. Aus lautem Jubel war Flüstern geworden, aus hellem Lachen gedämpftes Kichern. Verträumte Paare gingen eng aneinandergeschmiegt den Strand entlang, dessen blasser Schimmer schon die Morgendämmerung ahnen ließ. Das Fest ging Zu Ende; die Lichteraugen strahlten noch in unverändertem Glanz; aber die Augen der Menschen waren müde geworden. Viel heimliche Liebe mar 1
aufgebläht in dieser zauberischen Frühlingsnacht. Viel Glück war über junge Menschenherzen hereingebrochen; viele junge Lippen erschauerten unter dem ersten Kuß. Wie würde es enden? Mit Abschiednehmen und Winken von fahrenden Schiffen? Mit Tränen oder mit einem kleinen Goldreif? Dunkel und unergründlich wie das Schicksal lag das ewige Meer vor ihrer jungen Liebe.
Erik Schrnitterläf wollte feinen Traum festhalten. „Du, ich fahre demnächst nach Stockholm, ich habe drei Wochen Urlaub. Du mußt mich anrufen. Ich werde dir. die Schären zeigen, Schloß Gripsholm und das Skokloster, ja, Anni?"
„Ja."
„Es ist doch mehr als diese Frühlingsnacht.. Der Tag wird das nicht verwehen wie einen Traum, sag!"
„Nein, Erik — ich liebe dich —"
„Das hast du noch keinem gesagt?"
„Noch keinem!"
Ein dumpfes Tuten riß die beiden aus ihrer Verzauberung: die Fähre! Sie beschleunigten ihre Schritte.
Peter Renz wartete mit allen Zeichen des Entsetzens am Zollamt und schwang Annis Koffer.
„Alles all right bis auf dich, Mädchen!"
Noch ein hastiger Kuß im blauen Mondschatten hinter den Warenballen.
„Leb wohl!"
„Denk an mich!"
„Immer!"
„Immer —"
Onkel Franz stand grotesk-hochbeinig zwischen zwei Luxuslimousinen vom neuesten Typ. Langsam setzte die Fähre sich in Bewegung. Anni schaute zurück. Allmählich schob sich das graue Wasser zwischen Schiff und die Stadt. Am Hafen stand die hohe, schlanke Gestalt Schmitterlöfs, und sein Tuch flatterte wie ein weißer Vogel im Zwielicht. Anni riß ihren Schal -ab und winkte. Sie neigte sich über die Reling, als könnte sie es damit verhindern, daß das graue Band des Wassers sich zusehends verbreiterte. Immer kleiner wurden die vielen Lichter, immer schemenhafter und ferner die schmale Gestalt am Hafen. Das weiße Tuch war nur noch ein flatternder Falter, der langsam im Dunkel ver- taumelte. Anni wandte ihr Gesicht Peter zu, der aus purer Verlegenheit mitgewinkt hatte. Er fal
tete sein Taschentuch zusammen und wischte Anni die Tränen ab.
„Hunger?" fragte er mit etwas belegter Stimme. Anni schüttelte schluchzend den Kopf.
„Durst?"
Anni verneinte wieder.
„Also müde!"
Anni nickte.
„Bleiben wir auf Deck?"
„Gern."
Peter hatte schon zwei Liegestühle mit Decken vorbereitet. Er packte Anni ein und legte sich stocksteif in den Nachbarstuhl. Die Sterne erstürben im fahlen Grau. Peter steckte sich eine Zigarette an. Er hatte vor, Anni tüchttg die Leviten zu lesen, und knobelte an einem saftigen Anfang. Aber er fand keinen. Er blinzelte zu Anni hinüber; sie lag, das schone blasse Gesicht noch naß von Tränen, den weichen Mund halb geöffnet — und schlief. Peter schüttelte den Kops.
„Kleine Schwester", sagte er bekümmert und breitete seufzend seine Decke über ihren Stuhl. Dann ging er in den SpeiserAUM und ließ sich einen doppelten Kognak geben.
4. Kapitel.
Vera Verries stand in ihrem weißen 'Segelanzug am Bootssteg und sah prüfend in den Himmel, lieber dem blauen Siljansee schwamm eine schwarze Wolke wie ein träger Tintenfisch. Der Hoteldiener aus Leksand, der, um der deutschen Dame sprachlich behilflich zu sein, mit zu dem Bootsverleiher gegangen war, folgte mit zweiflerischer Gebärde ihrem Blick.
„Es wird Sturm geben, Madame", sagte er mit seinem schwedischen Akzent, „und der Siljan ist gefährlich. Ich würde nicht segeln allein!"
Vera Verries zog die feinen Brauen nervös zusammen: „Danke schön. Aber ich werde es trotzdem riskieren bei dem herrlichen Sonnenschein. Sollte es wirklich stürmisch werden, lege ich irgendwo an und warte, bis das Wetter sich verzogen hat.
„Wie Madame wünschen!" Der junge Mensch wandte sich zum Gehen, während der Bootsverleiher das kleine Segelboot vom Land abstteß. Der Wind griff mit verspielten Händen in das schmale Segel und trieb es in rauschender Fahrt in den
See hinein. Der Kirchturm von Lekfand wurde rasch kleiner. Die weißen Kreuze des Friedhofes, die bis zum Wasser hinabreichten, die ernsten Tan. nen, die wie ein Finger Gottes in den lichten Himmel hinaufdeuteten, verschwommen im Dunst. Die blaue Ferne nahm Vera Verries auf. Der Wind hatte etwas nachgelassen. Leise klatschten die kurzen Wellen an den Bootsrand.
Die Tänzerin Vera Verries streckte ihre schönen Beine unter dem Segel aus, ließ das Boot treiben und geriet ins Träumen. Jetzt, losgelöst von allem, was sie beschwert hatte, selbst vom festen Land, erschien es ihr, als könne niemals mehr ein Manager sie mit Telegrammen und Gastspielverträgen aus ihrer Ruhe stören. Sie schloß die Augen, zog die Kappe tief über die Stirn und gab sich wohlig der Frühlingssonne hin. Jetzt fühlte sie erst, wie müde sie mar. Arme, viel beneidete und bewunderte Vera Verries! Ihr ganzes Leben war bisher nichts anderes gewesen als ein rastloses Dahingetrieben, werden. Ein Hasten von Hotel zu Hotel, vom Bahnhof zum Auto. Training, Anspannung, Erfolg, kurzes Ausruhen, schon mit dem nächsten Vertrag in der Tasche, schon mit den Gedanken halb im Flugzeug, im Auto, Schiff oder Eisenbahn. Das waren ihre besten Jahre gewesen. Was hatten sie ihr gegeben? Ruhm? Vera mußte lächeln. Wie hatte Grischa gesagt, als er sie verließ?
„Ruhm ist nur der Inbegriff aller Mißverständnisse, die sich um einen Namen sammeln, und er verblaßt schnell." Vera Verries hatte sich damals für den Ruhm entschieden, statt für ein geruhsames Leben an der Seite eines Mannes, den sie zu He- den geglaubt. Zu einer wirklichen großen Berühmtheit hatte sie es jedoch ttotz aller Willensanspannung nicht gebracht, aber immerhin hatte sie sich einen guten bekannten Namen erkämpft. Vera Ver- ries war zu klug, um nicht zu wissen, daß sie ihren Höhepunkt bereits überschritten hatte. Wenn sie nun mit ihrem Boot wie ein lichter Falter über den himmelblauen Siljansee glitt und das Fazit ihres Lebens zog, so blieben viel Müdigkeit, ein leeres Herz und eine Villa am Wannsee übrig. Sie dachte an ihre Schwester Maria, die ni'e mit ihrem Haushaltungsgeld reichte, und sie stets mit den Worten empfing: „Oh, du Glückliche!" Wann war Vera Verries wirklich glücklich gewesen? War Erfolg Glück? (Fortsetzung folgt.)


