Nr. 196 Zweiter Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
Dienstag, 29. August 1940
Aus der Stadt Gießen.
Holz her!
sägen helfen?" umkreist mich die zehn- To f^ll ästendem, aber arbeitswilligem
»Aber selbstverständlich!", und schon Hilst sie ben Sagbock in Stellung bringen. Bei stillem Zusehen angesammelte Bereitschaft, es ihrer etwas älteren Schwester Jngeborg gleichzutun, war zu tatfrohem Ausbruch herangereist; fühlen sich doch beide in ihren Ferientagen auf dem Lande nicht zuletzt auch als „Landhilfe
„Aber nicht gleich so'n dicke!" schlägt Sigrid trotz, alledem beim Auflegen des Rundholzes vor. Erwartungsvoll legt sie ihre Hand um den bargebotenen Bügel, stützt die linke auf die rauhe Rinde, und als der erste Klotz fällt, sieht man die Leistungsfreude auf ihrem Gesicht leuchten. Roch kann sie das Säge- blatt nicht immer ganz senkrecht durchhalten, noch glaubt sie, mit Drücken und Reißen die Arbeit zu beschleunigen, aber nach einigen Lehrschnitten hat sie sich in das feine Muskelspiel einer solchen Ge. meinschaftsarbeit eingefühlt.
Inzwischen ist auch der Stamm eines im ver. gangenen Winter erfrorenen Pfirsichbäumchens uw ter die Säge gekommen. „Wie riecht denn bas? Ganz anders wie die Eichenknüppel!" ruft sie in den schrillen Sägelärm. Und das Näschen genießerisch an die Schnittfläche gedrückt, entdeckt sie zu- aleich die breiten, farbigen Ringe: „Guck' einmal hier! Wie schön gezeichnet!" und fährt mit dem Finger liebevoll die einzelnen Kreise nach. Dazu hebt sie einen Eichenklotz auf: „Ach, hier sind ja auch so Kreise, viel mehr, aber lang nicht so breit und bunt! Warum ist denn das so?" will sie wissen. „Was sind denn das für schwarze Blumen auf der Eichenrinde?" spielt sie mit dem Finger an dem schwammigen, schmierigen Zeug herum. Wir unterhalten uns von Pilzen und Jahresringen. Beim Abnehmen der Klötze spürt sie Wärme auf den Schnittflächen, und „die Säge ist ja auch warm! Warum denn?" Reibung, erkläre ich chr, unb nach weiterem Ritsche — Ratsche meint sie vergnüglich: „Wir machen Streichmusik!" Damit bie spitzen, scharfen Zähne beim Ansägen uns nicht auf die Hände herausspringen, drücke ich den Zeigefinger der linken Hand auf den Rücken des Sägeblattes. Stillschweigend macht sie es nach unb triumphiert: ,,2etzt weiß ich's, bas kitzelt so schön!" Aus kinb- licher Sinnenfreude, unverbrauchtem Staunen und der ewigen Menschheitsfrage „Warum?" nährt sich uns ein Frage- und Antwortfpiel, bei dem die Arbeit leicht und munter hinfließt.
Mitten im ersten Schnitt eines dicken Knüppels, der ja unvermeidlich auch einmal an die Reihe kommen muß, wird sie ungeduldig: „Das ist ein langweiliger Kerl! Der hört ja gar nicht auf!" Da hilft es auch wenig, daß, wie ich ihr in Aussicht stelle, solche Muskelarbeit sich beim Turnunterricht lohnen wird. Doch darf ich noch die Kraft ihres Bizeps mitprüfen. Aufmunternd wirkt indessen ein Nach- bar im Vorbeigehen mit der freundlich anerkennen- den Ansprache: „Wann 'r fertig seid, fomyit ’r eriwwer bei mich!"
Aber für heute ist es doch genug. Jngeborg lost ab. Sie hat das Holz auch schon im Walde aufsuchen und später hoch zu Wagen heimholen helfen.
Bei ihrer Abreise sehen beide noch einmal nach dem Holzplatz hinüber, betrachten die vielen Klotze mit zufriedenen Blicken, und Sigrid erklärt ttolz: „Ohne uns wärst du doch noch nicht soweit!" — „Allerdings! Aber ihr in der Stadt habt's doch viel besser, ihr bekommt's klein ins Haus gebracht!" „Hier ist's doch schöner!" versichert sie mit überzeugender Austichtigkeit.
Und mit unserem üblichen Arbeitsruf: „Holz her!" verpflichten sie sich schon für die kommenden Herbst- ferien. R. B.
Tageskalender für Dienstag.
Gloria-Palaft, Seltersweg: „Die 3 Codonas". — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Lumpaci Vagabun- dus".
> Ortszeit für den 21. August.
Sonnenaufgang 6.28 Uhr, Sonnenuntergang 20.37 Uhr. — Monduntergang 9.48 Uhr, Mondaufgang 121.46 Uhr. Mond in Erdferne.
Kommst du am Sonntag mit, Paul ? 5
ELASTOCORN
Mit Hühneraugen wandern9 Das geht wohl schlecht. Doch Kurl weiß da Rat: Elastocorn mil dem Filzring draufleger>, dann merkst du kaum noch etwa» beim Gehen, und in ein paar Togen ist dein Hühnerauge weg.
Neue Mitglieder des Stadttheaters
Isabella Theresia Richter
Frohe Stunden durch KdF
als bis
Hella H e n z k y, Mütterspielerin unb komische Alte, getan. Ms Belohnung für „gute Noten" gab es Theaterbesuch, bas wog bann alle Mühen auf! Zwei Jahre Tätigkeit im Lehramt konnten meine „Bühnensehnsucht" nicht verkleinern. Es half alles nichts, ich mußte zum Theater! Meine gesangliche unb barstellerische Ausbilbung in München zählt zu ben schönsten Erinnerungen. Endlich war's so weit! Die „komischen Allen" haben mir's immer
Ernst Heck, Theatersekretär, Leiter bes künstlerischen Büros.
Isabella Theresia Richter, jugenbliche Sängerin, ist geborene Münchnerin. Nach anfänglichen Schwierigkellen mit bem Elternhaus hat sie es doch durch» gefetzt, baß sie neben ihrer kaufmännischen Tätigkeit von selbstverdientem Gelbe Gesang und Schauspielkunst studieren konnte. Ihre fleißige Studienarbell hat bann auch bie Eltern davon überzeugt, daß hinter einer vermeintlichen Jungmädchenschwärmerei ein ernster Wille zur Kunst stand. Sie haben bann verständnisvoll die weitere künstlerische Ausbilbung ihrer Tochter gefördert. Jetzt freut sich Frl. Richter auf ihr erstes Engagement in Gießen.
tfrnft Heck:
In ber Spielzeit 1928/29 wurde ich von Dr. Prasch als Schauspieleleve von seinem Vorgänger, Hofrat Steingötter, übernommen, unb war von da ab
besonders angetan, doch spiel' ich alles gerne, sowohl ernste wie heitere Rollen; ber Dienst an ber Kunst macht jede Rolle wertvoll. So hab ich's in allen Engagements erlebt, und ich freue mich nun auf meine künstlerische Tätigkeit in der schönen Universitätsstadt Gießen.
Hansjoachim Büttner.
ftänbig bis April 1933 als Schauspieler unb Inspizient, sowie als Sekretär verpflichtet. Jrn Sommer 1932 war ich im Kleinen Haus bes Hessischen Lanbestheaters unb ab 1. Mai 1933, bei ber Berufung bes Intendanten Dr. Prasch zum Generalintendanten bes Hessischen Landestheaters, als Schauspieler unb Sekretär bes künstlerischen Büros in Darmstadt verpflichtet. In biefer Eigenschaft war rch unter Generalintendant Everth bis zum 7. Juli 1940 in Darmstadt tätig unb folgte bann einem Rufe bes Intendanten Klein in meine Heimatstabt Gießen, wo ich mir bie ersten Sporen verdiente, Theater- unb Jntendanzsekretär unb übernahm
gezeichnete künstlerische Kräfte mitwirkten, bie wir zum Teil von früheren Veranstaltungen in Gießen oder vom Rundfunk her kennen. Als Ansager unb köstlicher, humorvoller Erzähler bereitete Georg Mi* feinem sonnigen Humor ftänbig
fid) steigernde Freude, bie ihren Ausdruck in starken
Olga Tschechowa in Gießen.
Die NS.-Gemeinschaft „Kraft durch Freude" bereitete am gestrigen Montag im Gloria-Palast im Rahmen einer helleren Deranstallung wieder einmal eine besondere Ueberraschung: sie brachte die bekannte Filmdarstellerin, Staatsschauspielerin Olga Tschechowa nach Gießen. Dieser Besuch war für die Theater- unb Filmfreunbe von Gießen unb Umgegend Grund genug, in so gewaltigem Ausmaß den Kartenverkauf aufzusuchen, daß der vorgesehenen Abendvorstelluna noch eine Veranstaltung am Nachmittag vorausgeschickt werden mußte, um allen Gelegenheit zu geben, Olga Tschechowa persönlich im Rampenlicht der Gloria-Bühne zu sehen. Unb beide Veranstaltungen brachten ein bis zum letzten Plätzchen besetztes Haus.
Den Rahmen für den Besuch ber Tschechowa bil- dete ein heiteres Dortragsprogramm, bei bem aus-
Hansjoachim Büttner, Obersprelleiter bes Schauspiels unb Eharakterspieler.
Hansjoachim Büttner entstammt einer fübbeut- fchen Künstlerfamilie. Sein Vater ist Opernsänger gewesen, unb schon sein Urgroßvater hat auf den Brettern gestanden. Er selbst hat sich zunächst dem Stubium gewibmet, ehe er in Schwerin im Landes- theater ben Sprung auf die Bretter machte. Neben seiner schauspielerischen Tätigkeit hat er sein Stu- di um nicht aufgegeben unb nach Schwerin noch in Bonn Engagement genommen, um an der Universität zugleich das Studium fortsetzen zu können. Aber da es schließlich im deutschen Theater genug Studierte gibt und immer ein Bedarf an besonders leistungsfähigen Darstellern bestehen wird, hat Hansjoachim Büttner nach sechs Semestern sein Studium doch nicht vollendet. Sein Weg als Schauspieler führte über Köln, Wien, Darmstadt, Königsberg. Auf Königsberg folgte Bremen, und dann kam Berlin. Am Staatstheater in Berlin verpflichtet zu fein, ist wohl Sehnsucht ber meisten deutschen Schauspieler. Sechs Jahre hat Büttner dem Ensemble des Staatstheaters angehört, um sich in Danzig in die Außenfront bes deutschen Kunstschaffens zu stellen. Bei ben Festspielen in Marienburg hat er gemeinsam mit Heinrich George Regie geführt unb auch als Darsteller mitgewirkt. Nach Danzig kam roieber Berlin, diesmal am Schillertheater unb beim Film. Nun kommt Hansjoachim Büttner als neuer Oberspielleiter nach Gießen, wo er außerbem auch als Schauspieler — Charakterspieler — tätig sein wird.
Leitung des künsllerischen Büros. Hier habe ich mit- zuwirken bei der Aufstellung bes Spielplanes, bei allen mit der Durchführung des Spielplanes zusammenhängenden Arbeiten, wie Probeneinteilung, Rollen- und Umbesetzungen, Verpflichtungen von Gästen, 'beim Verkehr mit den Mitgliedern des Theaters und beim Verkehr mit dem Publikum ufw. Seit 1930 arbeitete ich aktiv in der Kreisleitung Gießen mit, dann war ich bis Oktober 1931 als Kreisgefchäftsführer in Gießen tätig. Don hier wurde ich als stellvertretender Kreisleiter nach Schotten berufen. In dieser Zeit gehörte ich aucy als SA.-Mann dem Sturm 54 der Standarte Ober- Hessen an. In Darmstadt arbeitete ich als Kreispresse- und Kulturwart der NSBO., ferner mar ich Obmann der Fachschaft Bühne und zuletzt Geschäftsführer der Reichstheaterkammer Fachschaft Bühne.
Hella Henzky
Wen das Theater einmal in Bann schlägt, ben läßt es nicht mehr frei!'1 Schon bas erstgefchaute Kindertheater — ich war damals gerabe Abc-Schütze — spukte monatelang in meinem Kopf, und bie Lehrerin hatte keine reine Freude an mir zerstreuten Schülerin. Aber dann muhte ich selbst ins Leh- rerinnen-Seminar, um mich für ben Lehrberuf vorzubereiten. Das habe ich bann auch mit viel gutem Willen unb einigen Stoßseufzern bis zum Gelingen
ÄalurwiffenfchastlicheRundschau
Warum sind die Sritzwassertiere so klein?
Das Meer ist die Urheimat aller Lebewelt, unb in ihm sind sämtliche tierischen Baupläne vorhan- öben; soweit Tiere im Süßwasser und in ber Luft leben, bedürfen sie besonderer Anpassungsmahnah- Men, und es ist auffallend, wieviel kleiner bie QBaffertiere werden, wenn sie bas Salzwasfer ver- .affen hoben, lieber die Gründe dieser Verkleinerung berichtete kürzlich Professor Dr. R. Hesse r>or der Berliner Akademie der Wissenschaften. Danach besteht die Hauptgefahr für die in Süß- oder Brackwasser gelangten Meerestiere darin, daß sie nusgesüßt werden, daß also das ständig in sie ein» »ringende Süßwasser die lebensnotwendigen Salze löst. Deshalb müssen die Tiere der salzärmeren Dewässer ständig das eindringende Süßwasser wieder herauspumpen, wozu hauptsächlich die Einrichtung der Nieren dient. So hat z. B. der Karpfen ine etwa fünfmal ausgedehntere Niere als ein gleich schwerer Plattfisch, und manchen Meeres- neren, wie den bekannten Seepferdchen, fehlt bie Tliere völlig. Das dauernde Fortschaffen bes ein« ringenden Wassers entgegen bem Salzgefälle verengt dauernden Energieaufwand, und dieser kann ur durch die Verbrennung von Nahrungsstoffen icroonnen werden. Aus diesem zusätzlichen Bedarf :in Nahrungsmitteln erklärt es sich, daß für die übrigen Lebensbedürfnisse weniger als bei den Salz« Dassertieren zur Verfügung steht und daß daher iüe Tiere mit abnehmendem Salzgehalt des Wassers ! einer werden. So wird z. B. der Stichling im Kattegat bis 11 cm lang, im Ostseebecken noch 8 cm iDii> im Süßwasser nur noch 5 bis 6 cm. So müssen i:e Süßwassertiere den Aufenthalt im salzarmen Vohnwasser durch dauernden Energieaufwand er» laufen; dafür tauschen sie den Vorteil eines weniger t cht bevölkerten Lebensraumes und eines lieber» fauffes an pflanzlicher Nahrung ein.
Niesenfernrohr von 450 Tonnen Gewicht.
Die klare Luft unb geringe Bewölkung Nord- cmerifas erlaubte ben dortigen Astronomen, Spiral- rsbel zu beobachten, bie soweit von uns entfernt [mb, daß das Licht von dort zu uns einige 100 000 ^ahre unterwegs ist, obwohl es jede Sekunde 3 tO 000 Kilometer zurücklegt. Die mit den stärksten ^rrnrohren erkennbaren Nebel bilden jeder für sich
ein Weltsystem wie alle Sterne innerhalb der Milchstraße. Durch diese Erfolge ermutigt, hat man den Bau eines neuen Riesenfernrohrs beschlossen, dessen Hauptbestandteil ein Hohlspiegel von 5 Meter Durchmesser ist; erst der zweite Guß gelang, und es wurden dabei 18 000 kg Glas verbraucht. Die Hauptschwierigkeit des jahrelangen Schleifens bestand darin, den Schliff auf V»o ooo mm genau aus» Huführen, damit scharfe Bilder entstehen; mit einem Aufwand von 18 000 Karborund wurden 4500 kg Glas weggeschliffen, und zum Polieren werden stündlich 23 kg Polierrot verbraucht. Die Länge des Ferntubus wird 20 m betragen, das Rohr trägt an feinem oberen Ende einen Kasten für ben Beobachter, dessen Gewicht gegenüber ben 11200 kg bes Rohres nichts bedeutet. Die Bewegung des Fernrohres muß völlig stoßfrei erfolgen, wenn es den Sternen nachgeführt wird; mit seinen beiden Achsen und Lagern wiegt es 450 000 kg und schwimmt auf Del, so daß ein Motor von nur % PS genügt, es zu bewegen. Die Kuppel von 900 000 kg Gewicht wird auf 32 geschmiedeten Rollen laufen unb durch Gummitreibräber angetrieben werden. Der auf viele Jahre berechnete Bau bes Riesenfernrohres wird von drei Komitees geleitet, in denen Astronomen und Ingenieure zufammen- arbeiten. Nach feiner Fertigstellung wird bas Fernrohr etwa doppelt soweit reichen wie bas bisher größte Fernrohr bes Mt. Wilson-Observatoriums.
Fellindustrie des Ciszeitmenschen.
Neuere Ausgrabungen in ben Höhlenwohnungen ber Eiszeit lassen, wie Professor Obermaier (Freiburg) in „Forschungen und Fortschritte" berichtet, nicht mehr baran zweifeln, daß schon die Eiszeitmenschen vor etwa 18 000 Jahren eine hochentwickelte Gerberei-Industrie besaßen. So sand man in Höhlen am Säntis, Selun und an ben Grauen Hörnern große Stapel von Bärenschäbeln unb Langknochen, die Mark und Him lieferten, wie es zum Einreiben der Felle bei der Herstellung von weichem Dauerleder gebraucht wird. Ebenfalls fand man Hüftbeinschaber mit starker Abnutzung der Hüftgelenkpfannen, und neue Kontrollversuche zeigten, daß solche Knochen ein ideales Werkzeug als Enthaarer, Fettsammler und Fellhobel barstellen. Die trockene, batterienarme Luft ber hochgelegenen Höhlen eignet sich für die Fettgerberei ganz besonders gut. Eskimos und Indianer gewinnen noch heute so chr weiches Dauerleder, und in ben Kulturvölkern ist man von ber Verwendung des
Hirnes nur wegen besten Kosten abgekommen. Zahlreiche Steinzeichnungen der Eiszeitmenschen lassen erkennen, baß diese schon Pelzmäntel, Leberhosen, Lederröcke und wahrscheinlich auch Lederschuhe getragen haben. Dr. E. W.
Lumpacivagabundus.
Der Wiener Schauspieler und Stückeschreiber Johann Nestroy ist bei ben Literarhistorikern nicht gerabe gut angeschrieben, aber trotz dieser schlechten Note haben von seinen mehr als achtzig Bühnenwerken, zumeist nach französischen Vorlagen eilfertig hingehauene Fabrikware zur Befriebigung bes auch damals schon ungeheuren Bedarfs des Wiener Vor- ftadttheaters, doch immerhin zwei nun schon länger als ein Jahrhunbert sich unentwegt im Spielplan ber deutschen Bühnen behauptet. Und dessen können nicht viele seiner zeitgenössiichen Konkurrenten sich rühmen. Nestroys Zauberposse „Der böse Geist Lumpacivagabundus" hat etwas von dem liebenswürdig-heiteren Grundton des Wiener Naturells, das seine Lebensweisheit statt mit schulmeisterlich erhobenem Zeigefinger lieber durch eine gutmütig spottende Komik an den Mann bringt Geza von 23 o Inari) hat diesen Ton in seinem Film sehr hübsch getroffen. Die Geschichte von den drei Hand- werksburschen, die der 6öfe Geist Lumpacioaga- bunbus auf ben Weg des Leichtsinns lockt, wird mit behaglichem Humor ausgesponnen und dabei Szenen von echtem Märchencharakter erreicht. Die Schicksale ber brei, benen bas Große Los bie Mittel gibt, ihren Neigungen nachzugehen, sind so verschieben wie ihre Charaktere. Dem braven Schreiner, ber in seiner Liebe zur Meisterstochter Halt unb Ziel hat, schlagt der unerwartete Reichtum zum Guten aus. Sogar der eitle und leichtfertige Schneider, ben in Paris ein Hochstaplerpaar um sein Gelb erleichtert, findet unverdient noch Anschluß an ein bescheiden bürgerliches Glück. Der Schuster freilich, ein Sterngucker unb Philosoph, wie viele seiner Zunft, bleibt seinem Ideal der Landstraße treu, ein ewiger Dippelbruder, den keine Sorge aus dem Gleis bringt. Hans H o l t als der Schreiner, fantig und bieder, Aeinz Rühmann, mit seinen listig zwinkernden Aeuglein über dem Zwickelbart unverfroren daraus los scharmuzierend, wo ein Weiberrock in feine Nähe kommt, ein rechter Don Juan im Schneidergewand, und Paul Hörbiger, ber Schuster, auch er ein wckerer Zeisig und doch ein Lebenskunstler eigener
Art von einer aus bem Hemen kommenden Froh- lichkeit, der man nicht böse sein kann, bas ist das luftige Dreigespann der Vagabunden. Hilde Krahl ist em sauberes Meistertöchterlein, Alice Brandt eme verführerisch schöne Pariserin. (Bavaria-Film.)
»
Vorher sah man lustiges Affenleben im Berliner 3°o in einem sehr anschaulich gedrehten Film und die Wochenschau, die neben fesselnden Aufnahmen vom Kampf unserer Kriegsmarine und Luftwaffe wieder einmal besonders eindringlich dartat, wie Im Schutz des deutschen Schwertes die Heimat ihrer friedlichen Arbeit nachgehen darf und diese bei aller Differenziertheit in gleicher Hingabe als ihren Beitrag zum Erringen des Sieges betrachtet.
Dr. Fr. W. Lange.
Die Meisterstätten für Tanz im neuen Heim.
Bei einer Führung durch die neuen Uebungs- statten der „Deutschen Tanzbühne" und der „Meister- statten für Tanz" in Berlin-Dahlem schilderte der Gründer und Leiter dieser Einrichtungen, Professor Dr. Hanns Niedecken-Gebhard, die Arbeit und das Wollen der Deutschen Tanzbühne, bie am 10. Oktober in ber Berliner Volksbühne (Theater am Horst-Westel-Platz) zum erstenmal vor bie Öffentlichkeit treten wirb. Das Ziel, bas ihm vor- schwebt, ist bie Schaffung eines Tanzensembles, in welchem — ähnlich wie beim Schauspiel unb bei ber Oper — jebes Rollenfach mit bem geeigneten Künstler besetzt ist, unb zwar mit einem Künstler von For- mat, ber aber fein Star sein will. Das neue Heim, in welchem bie Deutschs Tanzbühne sich ein halbes 2ahr lang in straffer Arbeit auf ihre große Auf- gäbe vorbereitet hat, ist ihr vom Präsibenten ber Reichstheaterkammer, Reichskultursenator Lubwig Korner, zur Verfügung gestellt worben. Der Haus- Herr selbst gab bei ber Besichtigung Aufschluß über weitere Ausbaupläne. Den Abschluß bildete eine Vor- führung von Tänzen burch einige Mitglieber ber Deutschen Tanzbühne. Rosalia Chlabek, Almut Doroma, Dore Hoyer, Karl Bergeet, Lubwig Egenlauf Georg Groke unb Robert Mayer zeigten Tänze aus ihren Soloprogrammen unb gaben schon bamit Proben ihrer starken Jnbivibualität, bie auf ihr Rollenfach hinwiefen.


