Ausgabe 
17.8.1940
 
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Nr. (94 Zweiter Blatt

Giehener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhesien)

Augusts

Aus der Stadt Gießen.

Wind über die Stoppeln.

Ein Erntetag reihte sich in den letzten Tagen an den andern. Maschinen rasselten, und die goldenen Halme mit den schweren Aehren sanken zu Boden. Viele Helfer banden die Garben und stellten sie zu Haufen zusammen. Alles, was trocken ist, wird ein- gefahren. Die Felder leeren sich, Kornblumen und Klatschmohn leuchten nicht mehr. Der kurze Sommer will scheiden. Golden und sanft geht er zur Neige. Wo einst wogende Kornflächen sich leise im Winde bewegten, da wuchert nur noch kurzes Unkraut. Der Pflug geht wieder durch das Feld.

Die Gräser neigen sich unter der Schwere des Taues. In den Gärten leuchten die Rosen, Astern und Dahlien. Bald werden auch die Sommerfäden fliegen und uns das Nahen des Herbstes künden.

Die Schwalben halten auf den Drähten ihre ersten Versammlungen. In einigen Wochen werden sie uns verlassen. Die anderen Zugvögel werden folgen.

Und wenn wir jetzt zur Abendzeit hinauswandern in die stillen Fluren, dann fühlen wir, wie sich alles zum Abschied rüstet. Die Wälder auf den-Bergen rücken ganz nahe zu uns. Die roten Beeren der Eschen am Waldrand leuchten noch einmal auf. Die letzten Strahlen der Sonne scheinen durchs Gezweig. Dann kommt der Abend und legt seine blauen Schatten über die Landschaft.

Leise und fast unbemerkt fallen einzelne Blätter von den Bäumen. Sie haben ihre Arbeit vollendet. Sie gehen zur Ruhe. Aber ihr Platz bleibt nicht leer. Schon sehen wir die kleinen Knospen, die sich im nächsten Jahre entfalten werden. In der schützen­den Hülle schlummert das neue Grün.

Kalt schauen uns die kahlen Stoppelfelder an. Aber überall drängt schon neues Leben hervor. Niedrig wucherndes Unkraut oder auch junger Klee haben nun Luft und Licht und können sich ent­falten. Ein Bild des Lebens: Aus den gelben Stop­peln quillt frisches Grün nach. Die überströmende Kraft der jungen Pflanzen wird die alten Reste bald überwuchert haben.

Würzgeruch gemähter Schwaden, Blumen, die zu Felde laden, Wälder voller Herrlichkeit künden noch die Sommerzeit. Doch so manche Schattenstelle in der späten Tageshelle macht schon kund um diese Frist, daß der Herbst nicht fern mehr ist.

(M. Greif.) H.

Tageskalender für Samstag.

Gloria-Palast, Seltersweg:Herz ohne Heimat". Lichtspielhaus, Bahnhofstraße:Die gute Sieben".

Tageskalender für Sonntag.

Deutsche Arbeitsfront NSG.Kraft durch Freude": 10 Uhr Führung durch das Oberhessische Museum unter Leitung von Dr. Krüger. Gloria- Palast, Seltersweg:Herz ohne Heimat": 11 Uhr: Wochenschau-Sondervorstellung. Lichtspielhaus, Bahnhofstraße:Die gute Sieben".

Ortszeit für den 18. August.

Sonnenaufgang 6.13 Uhr, Sonnenuntergang 20.43 Uhr. Monduntergang 6.36 Uhr, Mondaufgang 20.39 Uhr.

Ortszeit für den 19. August.

Sonnenaufgang 6.15 Uhr, Sonnenuntergang 20.41 Uhr. Monduntergang 7.41 Uhr, Mondaufgang 21.01 Uhr.

Gießener Wochenmarktpreise.

* Gießen, 17. Aug. Auf dem heutigen Wochen­markt kosteten: Markenbutter, M kg 1,80 RM., Matte 30 Rpf., Käse, das Stück 6 bis 10, aus­ländische Eier UM, Kartoffeln, M kg 6,5, 5 kg 65, Wirsing, M kg 6 bis 7, Weißkraut 5, gelbe Rüben 7, rote Rüben 6, Spinat 20, Römischkohl 10, Bohnen (grün) 16 bis 18, (gelb) 21 bis 25, Erbsen 30, Zwiebeln 14, Tomaten 22, Rhabarber 10, Pilze 50, Frühäpfel 25 bis 35, Pflaumen 25, Zwetschen 25, Mirabellen 35, Renekloden 30, Blumenkohl, das Stück 10 Rpf. bis 1 RM., Salat 5 bis 10 Rpf., Salatgurken 10 bis 40, Einmachgurken IM bis 4, Endivien 10 bis 15, Oberkohlrabi 5 bis 10, Sellerie 30, Rettich 10 bis 15, Radieschen, das Bund 10 Rpf.

Neue Mitglieder des Gtadttheaters Gießen.

In den nachstehenden Darlegungen berich­ten neue Mitglieder unseres Stadttheaters über ihren bisherigen Werdegang.

Gerti Bogt:

Die Freude am Tanzen und Singen hat in mir schon sehr früh den Wunsch wach'werden lassen, zum Theater zu gehen. Meine Eltern waren damit einverstanden. So konnte ich mich, als vom Bres­lauer Schauspielhaus Tänzerinnen gesucht wurden,

Gerti Vogt, Operetten-Soubrette.

melden und hatte das Glück, unter vielen Bewerbe­rinnen ausgewählt zu werden. Während meines Engagements als Tänzerin habe ich so fleißig Ge­sang studiert, daß ich bald als Operetten-Soubrette nach Freiberg verpflichtet wurde. Von da kam ich über Wilhelmshaven, Dortmund, Cottbus und Halle nach Gießen. Dom Gießener Theater und feinem Publikum habe ich schon so viel Gutes gehört, daß ich mich sehr auf meine Arbeit hier freue.

Luise Prasser:

Ich bin Wienerin. Zum Theater kam ich auf sehr einfachem Wege, durch Privatunterricht, Prüfung und Bühnenvermittler. Mein Talent wurde sehr früh erkannt beim Gedichtaufsagen und Mimen sämtlicher Krankheiten, wenn ich wegen mangelnder Vorbereitung der Schule fernbleiben wollte. Ich mußte nämlich, ehe mein Vater die Einwilligung für meinen jetzigen Beruf gab, das Abitur machen. Eines Tages aber wollte ich absolut nicht mehr, ich griff zur Selbsthilfe, machte heimlich Aufnahme­prüfung in einer Schauspielschule, bestand sie auch und brannte dann zu Hause durch, um die Einwil-

Luise Prasser, Jugendliche Heldin und Sentimentale.

ligung zum Bühnenstudium zu bekommen. Dieses Abenteuer endete aber kläglich, ich wurde wieder eingefangen und mußte ohne Gnade auch die zwei letzten Schuljahre über mich ergehen lassen. Dann endlich war der Weg frei, und ich stürzte mich auf sämtliche ^Rollen, bestand nach einem Jahre die Prüfung und wurde nach Hanau engagiert. Ich habe dort viel gespielt und das Publikum ließ es sich gefallen. Hoffen wir, daß die Gießener ebenso langmütig sind.

Lisel Schröter-Beckers:

Ich habe in Köln bei Herrn Carl Niemann stu­diert. Als Anfängerin war ich von 193739 in Ulm tätig. Don da kam ich in der vergangenen Spielzeit an das Staatstheater in Bremen. Jetzt freue ich mich auf mein Engagement in Gießen und hoffe, die Herzen des Publikums zu gewinnen.

Lisel Schröter-Beckers, Koloratursängerin.

Gabriele possinke:

Gabriele Possinke, Operetten- und lyrische Sängerin.

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Eigentlich sollte ich Medizin studieren. Aber meine geheimsten Träume lagen auf einem ganz anderen Gebiet. Die Eindrücke meiner ersten Opern- und Konzertausführungen waren die Triebkraft dazu, daß ich zum Theater ging. Da mir als Kölnerin das Singen sozusagen im Blute liegt, klemmte ich mir eines Tages ohne Wissen meiner Eltern ein paar Opernauszüge unter den Arm, ging keck zum ersten Tenor der Kölner Oper undfang vor". Der Maestro war von meinem Stimmaterial so überzeugt, daß er sich gleich an meine Eltern wandte. Für mich stand das KapitelBühne" fest.

Ich studierte in Köln und Frankfurt und erhielt Engagement an das Württembergische Staats­theater Stuttgart. Von denSchwaben" führte mich mein Weg über das Lanöestheater Neustrelitz nach Gießen. Und nun freue ich mich riesig auf meine hiesige Tätigkeit, wünsche und hoffe, die Herzen des hiesigen Publikums bald erobert zu haben. __

Irmgard Trömel:

Irmgard Trömel, Leiterin der Tanzgruppe und 1. Solotänzerin.

Mit den Worten:Ich habe mich heute in der Ballett-Schule von Frau Eugenie Eduardowa an« aemeldet" überfiel ich eines Tages meinen ahnungs­losen Vater. Er lachte schalleick, denn er hielt es für einen guten Witz von mir. Durch meine Aus­dauer sieben Jahre studierte ich dort wußte ich ihn davon zu überzeugen, daß es mir doch sehr ernst war, und als ich dann meinen ersten Vertrag im russischen Ballett am Admiralspalast in Berlin zur Unterschrift vorleate, hatte ich gewonnen. Glück muß man haben! Auf der Generalprobe verstauchte sich die Solotänzerin den Fuß, und ich durste ein­springen. Dom Admiralspalast kam ich als Solo­tänzerin zum Ballett desWintergarten" in Ber­lin. In der gleichen Zeit wurde von Frau Eduar­dowa wieder ein großes Ballett zusammengestellt, das mich auf einer Tournee durch alle großen Städte Deutschlands führen sollte, was ich mit Freuden annahm. Nach zwei Jahren Reisen wurde ich dann als Ballettmeisterin an das Stadltheater in Zittau verpflichtet. Da das Theater dort wäh-

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Hört meiner Binsenweise zn!

Von Karl Heinrich Waggerl.

Das ganze Feld vor der Südseite meines Hauses müll ich in einen Garten verwandeln. Ich habe den !Plan sauber mit Pflöcken und Schnüren auf der Wiese abgesteckt, es sah hübsch aus. Man könnte fschon darin umherschlendern und sich vorstellen, wie prächtig alles werden würde. Den mittleren Grund nvill 'ich einen Schuh tiefer legen, damit sich eine «geschützte Rasenfläche ergibt, auf der man liegen «der lustwandeln kann. Zur linken Seite soll ein Gewachsenes Mäuerchen laufen, darunter ein Plat- Renpsad und ein Wassergerinne, und oberhalb wer­den die Rittersporne stehen, das bunte Volk der Stauden. Zur rechten Seite ebenso, nur daß dort Ster Weg breiter läuft, mit rotem Kies bestreut bis gu dem Platz vor dem Haus, den ich geräumig Hal- Sen und pflastern will, für den Fall, daß ich. noch Zeinmal zu Geld käme und ein wenig in die Breite Lauen könnte. \

Ich fange auch gleich an zu graben und den guten Mutterboden durch das Gitter zu werfen. Vorher chebe ich die Grasnarbe ab und schichte sie in sauber gekantete Haufen.

Allein, je weiter ich mit der Arbeit vorkomme, Defto mehr übermannt sie mich, und das schöne saubere Feld verwandelt sich allmählich in eine ttostlose Wildnis mit Gräben und Löchern und schotterhausen. Es ist eine verteufelte Sache mit dem Schotter, er quillt mir geradezu unter den Füßen hervor, in Unmengen, als sei die ganze Erde mit Sand und Steinen ausgestopft und nur obenauf ein bißchen grün.

Und nicht genug damit, manchmal geraten mir auch Findlinge in die Quere, aeroaltige Blöcke, von Urfluten hierher getragen, als die Berge noch höher und die Flüsse reißend waren. Ich könnte sie an- oohren und sprengen, aber das wäre schändlich an wiesen ehrwürdigen Zeugen der Schöpfung gehan- welt. Vielleicht kann ich sie später noch im ganzen heben und in die Mauer fügen. Dann lägen sie wieder im Licht, nach vielen hunderttausend Jah­ren und bekränzten sich fröhlich mit dem Geflecht !ier Mispel, mit Netzweide und Efeu.

Ich habe eine Vorliebe für Mauern, auch für Zäune, es liegt wohl in meiner Natur, daß es mir wohl tut, wenn sich das Innere sauber vom Aeuße- :-en scheidet. Und vor allem sintz mir Steine lieb.

Es ist schon eine Freude, sie nur zu betrachten, ihre Farbe und Zeichnung, und wie sie aus vielerlei Ur­sachen ihre Form gewannen.

Das Mauern ist eine Schule der Weisheit, des geruhigen Denkens. Jeden Stein wendet man um und um und betrachtet ihn sorgfältig, ehe man ihm mit dem Hammer Gewalt antut.

Er mag noch so sperrig sein, gewinnt man ihm nur erst die richtige Seite ab, dann fügt er sich leicht in das Ganze. Denn es liegt ja niemals an den Steinen, wenn das Werk gut oder schlecht gerät, sondern an deiner Art, mit ihnen umzugehen. Dazu ist vor allem Geduld nötig und Einsicht, und die Ruhe des Gemütes, die von der Einsicht kommt.

Etwas von allem, was mir einmal lieb wär, was mich zu irgendeiner Zeit meines Lebens tröften oder im Herzen bewegen könnte, möchte ich in meinem Garten wiederfinden. Da wäre zum Bei­spiel die flache Sandmulde, die ich aus frühesten Kindertagen noch getreu vor Augen habe, mit allen ihren Gerüchen und Geheimnissen. Sie lag hinter dem Haus, der Schmied warf die Hufspäne und den Abfall seiner Werkstatt hinein, und oft, wenn ich in meinem Kinderkittel dort saß, flog mir plötzlich etwas Wunderbares zu, ein goldener Nagel von einem Kummet, ein schön geringelter Bohrspan ober ein blankes (^be Draht. Es ist ja wahr, ich könnte wohl nicht wieder im Sande wühlen und Rinden­häuschen bauen und meine Schätze in armtiefen Höhlen vergraben. Aber ich denke mir, wenn mein Gemüt einmal arg verdüstert wäre, und ich stünde dann vor dieser Grube, spürte die Wärme wieder an den Beinen, sähe die schütteren Gräser und was dort mühsam wüchse und dennoch blühte, so wäre mir gleich wohler ums Herz. Denn es wird uns zuweilen Trost geschenkt aus einer fernen Zeit, in der die Welt noch einfach für uns war.

Ich möchte auch einen kleinen Wassertümpel am Fuß des Hügels haben. Wasser liebte ich schon immer mit heimlichem Grauen, untf besonders die kleinen Tümpel. (Sy gemütlicher Frosch müßte darin wohnen, und wenn ich mich durch das Schilf schöbe und in die Tiefe schaute, könnte ich wieder die seltsam wehenden Pflanzengespinste sehen, die Raubkäfer und die unheimlichen Larven der Was­serjungfern.

Und dann die Treppe. Aus unbehauenen Steinen gefügt, soll sie sich zwischen den Hügeln hinauf- roinben, ein Gleichnis, ein Inbegriff aller Treppen, bie mich im Leben zu manch einer Schicksolswenbe führten.

Stufen. Es gab welche, bie ich im Sturm­lauf ber Jugenb" übereilte, aber alle schritt ich be­dächtiger roieber hinab. Auf anberen floh ich im Pesthauch ber Geschosse vor bem Tob, und wieder andere brachten mich, den Genesenden, ins heitere Leben zurück. Aber mir ist, als hätte ich auch im geistigen Bereich viele Stufen zu überwinden ge­habt, wie denn überhaupt mein inneres Leben nie stetig weiterfloß, sondern sich gleichsam in Absätzen steigerte, so daß ich von Schritt zu Schritt und immer wieder meine ganze Kraft sammeln mußte, um weiterzukommen.

Und darum soll meine Treppe auch nicht kalt und unfruchtbar bleiben, ich will sie über und über mit Kräutern bepflanzen, mit Steinbrech und Thy­mian, mit Raute und Ehrenpreis, je nachdem sie Schatten oder Sonne, Enge oder Weite lieben. Und oben soll die Treppe in einen Ruheplatz mün­den. Dorthin will ich einen Ginsterbusch pflanzen, damit in jedem Frühjahr ein gelbes Feuer auf dem Gipfel brennt, und auch sonst soll an dieser Stelle alles ungestört wachsen, was an wildem Samen zufliegt.

Denn ich habe immer schon meine Freude am Betrachten des Gewöhnlichen und Unscheinbaren gehabt. Wenn fch unterwegs war und einmal rasten wollte, so fand ich selbst noch um einen nackten Meilenstein sogleich eine Gesellschaft liebenswerter und einfältiger Geschöpfe versammelt, und immer war ein ober bas andere darunter, das ich nie zuvor gesehen hatte.

Ich weiß, bie Freunbe werben kommen, werben meine Sanbgrube betrachten, ben Froschtümpel, unb bie Treppe, unb wenn ich bann verstockt bin und ihrem Kopfschütteln mit meinem Trotz begegne, werden sie sagen, sie hätten ja immer geahnt, baß es einmal so enden würde. Das könne nickt anders sein bei einem Menschen, der sich im Beschränkten genügen wolle. Habe ich jemals von etwas an­derem als von Gräsern und Käfern zu erzählen gewußt, von ben Wiesen unb Aeckern im näch­sten Umkreis ober von Taglöhnern unb kleinen Kindern? Unb ber Welt habe ich weisgemacht, was wunder daran sei, als ob die Leute noch gar nicht wüßten, daß das Gras ohne Nachdenken wächst, und ein Taglöhner eben auch seine Flausen im Kopf hat.

Laßt es gut sein, Freunde. Meine Gräser stehen freilich seit Urväterzeiten gleich auf dem Halm, sie haben inzwischen nichts dazu gelernt. Allein, denkt

ihr denn, es hätte sich das Menschenwesen so sehr verändert? Wenn einer der Vorväter wieder auf« stünde, so verstünden wir einander doch gewiß in allem, was ein Menschengemüt bewegen kann.

lieber manche Dinge wüßte ich wohl gründlicher Bescheid, aber wahrscheinlich fände sich bald, daß wir in so viel tausend Jahren nur wenig besser, wenig weiser geworden sind, geschickter vielleicht, findiger, aber nicht weiser. Die alten Rätsel sind noch alle ungelöst. Es kann auch nicht lauter große Lichter geben, seht, die großen leuchten ja weithin, aber bie kleinen wärmen. Nehmt mirs nicht übel, wenn ich keine neue Wahrheit zu verkünben habe, sondern in einem fort dasselbe sage, wie es eben von einem Menschen zu erwarten ist, ber schon lange still vor sich hinlebt. Dann unb wann schlägt sich wohl boch einer von euch auf meine Seite unb verachtet es nicht, eine Weile meiner Binsenweise zuzuhören.

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BücheUisch.

Briefwechsel zwischen Clemens Brentano unb Sophie Mereau. Nach ben Handschriften herausgegeben von Heinz Amelung, mit 8 Bildtafeln, Verlag Rütten & Loening, Pots­dam, in Ganzleinen gebunden, Preis 8,50 RM. (65) Der glück- und schmerzerfüllte Briefwechsel zwischen bem jungen*(£lemens Brentano unb seiner Geliebten Sophie Mereau ist eines der ergreifend­sten Zeugnisse der deutschen Romantik. Diese leiden­schaftlichen Liebesbriefe enthüllen bie ganze Viel­seitigkeit romantischen Gefühlslebens unb den un­erschöpflichen Reichtum romantischen Ausbrucksver- mögens. Diese Liebe kennt keine Grenzen unb kein Maß; da sie sich nach unendlicher Erfüllung sehnt, verzehrt sie sich im Endlichen, schwankt sie ewig zwischen Hingabe und Ablehnung, zwischen Zweifä und Entzücken. Die Briefe zeigen Siemens Bren­tano wie er wirklich war, ein fröhlicher und trau­riger, ein reiner und irrender, ein verzweifelter und immer hoffender Mensch, und ein hochbegabter Dickster, ben bie Sehnsucht nach Vollendung am Un» genügen mit dem Unvollendeten zerbrechen ließ. Ueber sieben Jahre reicht ber Briefwechsel, bis der Tob Sapiens ben Schlußstrich setzte unter ein ge­meinsames Leben, bas bie beiben Menschen trotz aller Not unaussprechlich glücklich gemacht und Clemens Brentano den stärksten Antrieb zu jeitwm Dichten gegeben hatte.