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Gießener Nuder-Gesellschast 1872.

In diesen Tagen erreichte uns die Nachricht, daß einer unserer erfolgreichsten Ruderer Geora Hart­mann in den Kämpfen um Lüttich gefallen ist. Georg Hartmann trat als Student im Jahre 1930 der G. R. G. 1877 bei. Er ist in West- und Mittel­deutschland ein bekannter Ruderer geworden und führte den Schlagriemen in dem für die rot-weiß- roten Farben erfolgreichsten Jahr 1933. Insgesamt konnte er 49 Siege erringen. Georg Hartmann war ein bescheidener und liebenswürdiger Mensch. Oft verbrachte er seine Ferien in Gießen, um den Städteachter mitzufahren. Die G. R. G. 1877 er­kannte dies an, indem sie ihm die goldene Nadel verlieh.

In der Vereinsführertagung des Lahn-Regatta- Vereins am 14. April in Weilburg hatte sich die Gießener Ruder-Gesellschaft zur Ausrichtung einer Regatta bereiterklärt. Der Vereinsführer setzte sich mit den benachbarten und befreundeten Vereinen in Verbindung. Mit der Anftage ob Gießen mit einer Beteiligung rechnen könne, kamen leider durchweg Meldungen, daß aus Mangel einer Mannschaft die Veranstaltung nicht beschickt werden könne. Die GRG. bedauert es daher aufrichtig, daß damit im Jahre 1940 keine Regatte in Gießen stattfinden kann.

Kanu-Regatta an der Badenburg.

Bei güns 'gem Sportwetter führte der Mefecker Kanu-Club an der Badenburg auf der Strecke nach Lollar eine Kanu-Regatta durch, die sehr gut be­sucht war. Besonders hatten sich die jungen Sport­freunde eingefunden. Kreisfportführer Karl D a u - pert hielt bei der Flaggenhifsun-g die Ansprache. Darauf begannen die Sportler mit dem Klarmachen der Boote. Bei dem Wettkampf wurden sehr schöne Ergebnisse erzielt. Die Strecke wies manche erheb­liche Schwierigkeit auf, Vie jedoch von den älteren Sportlern gut überwunden wurden, während man bei den Anfängern manchen Abtrieb durch die Fluß« schnellen beobachten konnte, der aber dann doch mit größter Anstrengung wieder gemeistert wurde. Die Veranstaltung brachte dem Kanusport neue An­hänger tmb Freunde und war für den Kanu-Elub ein voller Erfolg. Nachstehend die Ergebnisse:

Zweier-Kajak-Rennen: Klasse fürWKE. über 18 Jahre: 1. Hans Ruckes / Hugo Kreiling; 2. Erwin Kreiling / Erwin Hormann; 3. Ernst Dei­

bel / Karl Sommerlad; 4. Walter Bellof / Ewald Schäfer. Klaffe für WKE. unter 18 Jahren: 1. Otto Seibert / Walter Schmidt; 2. Willi Brie­gel / Kurt Weller; 3. Karl Christ / Hans Kreiling; 4. Albrecht Schäfer / Karl Mania; 5. Heinz Wel­ler / Hans Schmidt; 6. Willi Hammel / Wilhelm Mohr.

Anfängerklasse unter 18 Jahren: 1. Erwin Bernhardt / R. Pausch; 2. Erwin Mauk/ Ernst Schmidt; 3. Otto Lindenstruth / Georg Debus; 4. Karl Staubach / Welmut Wißner.

Einer-Faltb oot für ^.-Klasse von W K C.: 1. Hugo Kreiling; 2. Willi Weller; 3. Ernst Deibel; 4. Walter Bellos; 5. Karl Sommerlad; 6. Karl Christ.

Ergebnisse der Leichtathleten.

Kugelstoßen: Männer 7,5 kg. 1. Dr. Luh, VfB.-R. Gießen, 15,37 m; 2. Koch, VfB.-R. Gie­ßen, 9,18 m. HI.- Klasse : 1. Kreiling, Tv. Heu­chelheim, 11,60 m; 2. Krieger, Tv. Heuchelheim, 11,48 m; 3. Gante, 1900, 11,25 m; 4. Ketterer, Mtv., 11,02 m.

Hochspruna HI.: 1. Kreiling, Tv. Wieseck, 1,60 m; 2. Krieger, Tv. Heuchelheim, 1,60 m; 3. Menges, Tv. Heuchelheim, 1,38 m.

100°m°Lauf: 1. Lauf: 1. Leicht, Tv. Bie­ber, 12,8 Sek.; 2. Ketterer, Mtv., 12,9; 3. Hußke, HI., 13,5 Sek. 2. Lauf: 1. Kronauer, VfB.-R., 12,5 Sek.; 2. Koch, VfB.-R., 12,9 Sek.; 3. Steller, o. V., 12,9 Sek. 3. Lauf: 1. Stratmann, 1900, 13,1 Sek.; 2. Dietrich, VfB.-R., 13,1; 3. Gante, 1900, 13,3 Sek. 4. Lauf: 1. Demper, 1900, 12,4 Sek.; 2. Krieger, Tv. Heuchelheim, 12,6; 3. Kreiling, Tv. Wieseck, 12,7.

Weitsprung: 1. Kronauer, VfB.-R., 5,70 m; 2 Krieger, Tv. Heuchelheim, 5,50 m; 3. Kreiling, Tv. Wieseck, 5,45 m.1.

Italiener im Preis derReichshauptstadt

Der führende italienische Rennstall Gestüt Dor« mello Olgiata hat für den Großen Preis der Reichs­hauptstadt am 15. September in Hoppegarten drei Nennungen abgegeben. Genannt wurden Italiens bester Dreijähriger und Gewinner des Königspreises Bellini", fernerMoroni" undde Ferraris", von denen der Erstgenannte kürzlich einen überraschenden Sieg überBellini" davontrug.

hmidezüchtern und Hundehaltern zu zeigen, wel­ches Material, insbesondere welches Zuchtmaterial innerhalb des Kreisgebiets vorhanden ist. Die Schau ließ erkennen, daß der Stand der Zucht des deut­schen Schäferhundes in Gießen und Umgebung sehr erfreulich ist und tatsächlich ausgezeichnetes Tier­material zur Verfügung steht. Auch der Stand der Ausbildung der Tiere als Schutz- und Meldehunde ist gut. Diese Ausbildung ist umso wichtiger, als man ja weiß, daß gerade der deutsche Schäferhund bei Heer und Polizei sehr wertvolle Dienste leisten kann.

Die Wertung der Tiere geschah nach verschie­denen Klassen. In der Leistungsklasse wurden Tiere über 24 Monate alt vorgeführt, in der Klasse der Junghunde wurden Tiere im Alter von 18 bis 24 Monaten gezeigt, in der Jugendklasse solche im Alter von 12 bis 18 Monaten. Selbstverständlich wurden die Tiere nach Rüden und Hündinnen ge­trennt bewertet. Der Preisrichter konnte sich sowohl über den Zuchtwert der Tiere, als auch über den Stand der Ausbildung sehr befriedigend äußern. 6 Hunde erhielten die höchste BewertungVorzüg­lich", 24 konnten mitSehr gut" bedacht werden, 9 mitGut" und nur ein Hund mußte wegen seines unsicheres Wesens die BewertungMangelhaft" hinnehmen. Aus dem ZuchtzwingerVom Busecker Schloß" in Großen-Buseck waren 11 Hunde vorge­führt, die durchweg die BewertungSehr gut" er­halten konnten. Dem Züchter Alfred Hahn wurde die Ehrenplakette des Reichsverbandes für das Hundewesen zugesprochen. Für die Hundehalter standen als Anerkennung schöne Ehrenpreise zur Verfügung. Die Landesfachschaft hatte als Ehren­preis ein Bild des Führers gestiftet.

Aus der engeren Heimat.

70 Jahre Bahnverbindung Nidda-Gießen.

LPD. N i d d a, 15. Juni. Am 29. Juni sind siebzig Jahre verflossen, daß die Bahn st recke Gie­ße nG e l n h a u s e n bis Nidda fertiggestellt war und Nidda damit Anschluß an den Schienen­strang der Main-Weser-Bahn erlangt hat. Bereits im Dezember 1869 war die Strecke GießenHungen fertig geworden, die 22 km lang war; zu dem 13 km langen Weiterbau HungenNidda wurden sechs Monate benötigt. Die Endstrecks NiddaGelnhausen mit den beiden Tunnels zwischen Ranstadt und Stochheim und Büdingen und Mittelgründau wurde erst am 30. Oktober 1870 dem Verkehr übergeben.

Urlauber im Vogelsberg ertrunken.

LPD. H e r b st e i n, 16. Juni. Drei Ferien- g ä st e aus Frankfurt a. M., Angestellte des Reichs­bahndienstes, die sich in Herbstein zur Ferienerholung aufhielten, vergnügten sich mit einem Floß auf dem nahegelegenen unteren Schalcksbachteich. Dabei kam das Floß so stark ins Schwanken, daß alle drei in das Wasser stürzten. Wäh­rend ein Mann sich durch Schwimmen retten konnte, war es den beiden anderen Urlaubern, einem jun­gen Mädchen und einem jungen Manne, nicht möglich, sich ans Ufer zu retten. Das Mädchen konnte etwa % Stunden später geborgen werden, Wiederbelebungsversuche blieben jedoch erfolglos. Die Leiche des ertrunkenen jungen Mannes konnte noch nicht aufgefunden werden.

Landkreis Gießen.

= Stein bach, 16. Juni. Das vierjährige Töchterchen Helma des Schlossers Heinrich Karl Balser I. stürzte an der Brücke über die Reichs­autobahn so unglücklich ab, daß es mit schweren Verletzungen In die Chirurgische Klinik nach Gie­ßen gebracht werden mußte.

s. Lang-Göns, 17. Juni. Unser Mitbürger Konrad Johannes Brücke!, Schmittgrabenstraße, kann am morgigen 18. Juni seinen 8 3. Geburts - t a g feiern. Der alte Herr ist noch recht rüstig und hilft in der Landwirtschaft tüchtig mit. Wir wünschen viel Glück.

Wieder ein Opfer der Lahn.

LPD. Marburg, 15. Juni. Ein des Schwim­mens nicht kundiger HjährigerJunge geriet beim Baden in der Lahn an eine tiefe Stelle und wurde von der Strömung erfaßt, die ihn unter die Wasseroberfläche zog. Der Junae wurde etwa 20 Meter abwärts der Unfallstelle gefunden. Wieder- belebungsverfuche hatten keinen Erfolg.

Hinrichtung

eines Gewohnheitsverbrechers.

LPD. Frankfurt a.M., 15.Juni. Die Justiz­pressestelle Frankfurt a. M. teilt mit: Am 15. Juni

1940 ist der am 23. Januar 1901 in Bibra (Thü­ringen) geborene Friedrich Apel hingerichtet worden, den das Sondergericht in Frankfurt a. M. als gefährlichen Gewohnheitsverbrecher und Volks- schädling zum Tode verurteilt hat. Apel, ein vielfach vorbestrafter arbeitsscheuer Mensch, hat in den letzten Monaten zahlreiche Diebstähle, teils unter Aus­nutzung der Verdunkelung, begangen und auf ver­dunkelter Straße eine Frau beraubt.

Ein Volksschädling vor dem Gonderaericht.

Lpd. Mainz, 13. Juni. Der Ludwig Wagner aus Mainz hatte sich vor dem in Mainz tagenden Sondergericht wegen Verbrechens gegen § 1 der Kriegswirtschaftsverordnung vom 4. September 1939 zu verantworten. Der Angeklagte bezog Ende ver­gangenen Jahres von einer auswärtigen Großfirma 84 Paar Herren- und Damenschuhe und Pantoffeln, darunter zurückgesetzte Ware, sog. Stapelware. Einen Teil dieser Ware verkaufte der Angeklagte

zu überhöhten Preisen, die von den Käufern auch bezahlt wurden, denn er gab die Schuhe ohne Be­zugsschein ab, obwohl die bezugsscheinfreie Abgabe verboten war. In der Verhandlung gab der Ange­klagte an, von der Bezugsscheinpflicht für Stapel­ware habe er nichts gewußt. Einem Käufer gegen­über, der auf den hohen Preis aufmerksam machte, äußerte er jedoch, diese Schuheohne" Bezugsschein müßten teurer sein, es ruhe auch Zuchthaus darauf. Diese von dem Angeklagten jetzt bestrittene Aeuße- rung wurde durch Zeugen bestätigt. Wagner hat bewußt und skrupellos sich über alle gesetzlichen Vorschriften hinweggesetzt und volksschädigend ge­handelt. Das Sondergericht verurteilte ihn zu einem Jahr Gefängnis. Die Käufer, die von Wagner bezugsscheinpflichtige Schuhe ohne Bezugsschein kauften, waren inzwischen in Geld­strafen genommen worden, die Schuhe, soweit bies möglich war, sind eingezogen.

IG.-Farbenindustrie.

Wie die IG. Farbenindustrie AG. in ihrem Jahresbericht 1939 ausführt, hat der allgemein hohe Stand der Wirtschaftstätigkeit und des zwifchen- ftyatlichen Güteraustausches im Jahre 1939 sich auf das Geschäftsergebnis günstig ausgewirkt. Die durch den Krieg erzwungenen Umstellungen mach­ten sich in der Ausfuhr bemerkbar, sie verstärkten weiter die bereits früher gekennzeichnete Verlage- rung der JG.-Ausfuhr. Der Jnlandsumsatz hat sich infolge Vergrößerung und zunehmender Aufnahme­fähigkeit des deutschen Marktes auch für die neuen Produkte kräftig erhöht. Desgleichen war die Aus­fuhr trotz der Störungen im letzten Jahresdrittel höher als im Vorjahr. Die Erfahrungen des ersten Kriegshalbjahres erlauben der IG. auf ihren Ar­beitsgebieten auch für die Zukunft einen günstigen Ausblick. Im Jnlandsumsatz sind die seit Jahren entwickelten neuen Werkstoffe steigend beteiligt, der Geschäftsumfang mit diesen und anderen neuen Fabrikationen werde 1940 weiter anwachsen.

Der Rohüberschuß stellte sich (sämtliche Zahlen in Millionen RM.) auf 786,33 (667,23), Deteili- gungserträge auf 24,65 (19,67), Zinsen und son­stige Kapitalerträge auf 2,31 (8,39), außerordentliche Erträge auf 8,71 (3,69) Millionen RM. Demgegen­über betragen Löhne und Gehälter 364,36 (341,40), gesetzliche Sozialabgaben 23,84 (21,70), Zinsen auf Teilschuldverschreibungen vom Jahr 1938 11,17 (9,97), vom Jahre 1939 1,875 (), Steuern 171,45 (125,05), Beträge zu Berufsvertretungen usw. 2,77 (2,22), Zuwendungen an Pensions- und Unter­stützungskassen 5,0 (unverändert), an gesetzliche Rück­lage 5,66 (2,37), zur freien Rücklage 7,00 () Mil­lionen RM., so daß nach 171,24 (135,72) Millionen RM. Abschreibungen auf Anlagevermögen ein Rein- aewinn von 56,071 (55,180) Millionen RM. ver­bleibt. Er reicht gerade aus zur Ausschüttung von wieder 5 v. H. Dividenden auf 2,0 Millionen RM. Vorzugsaktien und wieder 8 v. H. auf 691 (680) Millionen RM. Stammaktien sowie zur Vergütung von 691 000 (680 000) RM. an den Aufsichtsrat. Die Aufwendungen für soziale Zwecke betrugen insge- samt 94,64 (91,86) Millionen RM.

Auf dem Gebiete der Berufsausbildung sind die vorhandenen Einrichtungen 1939 vergrößert und den modernsten Anforderungen entsprechend ergänzt worden, wobei man sich nicht nur auf betriebseigene Schulungsstätten beschränkte, sondern auch Ausbil- dungsstätten förderte, die dem Chemiker-, Jngenieur- und technischen Nachwuchs dienen. Von den rund 12 500 Gefolgfchaftsmitgliedern, die sich am Reichs­berufswettkampf 1939 beteiligten, gingen 68 als Gau- und 7 als Reichssieger hervor. Auf dem Ge­biete des Wohnungs- unb Siedlungswesens steht die IG. 1939 mit 2839 mit Werkshilfe errichteten Wohnungseinheiten bei weitem an der Spitze aller bisherigen Jahre.

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Keine Spur von HM.

Boman von Lharlotie Kaufmann.

ist. Fortsetzung. (Nachdruck verboten!)

Sie spielten. Die Musik glitt durch den Raum, leise, innig. Die Frau des Tierarztes saß in der Ecke und horchte zu. Ihr Gesicht war zur Seite ge­neigt. Sie sah eine Kleinigkeit müde aus und eine Kleinigkeit glücklich. Sie besaß drei Buben, die zwischen zehn und fünfzehn alt waren und wahr­scheinlich schon in ihren Betten schliefen. Sie hatte spät geheiratet. Sie hatte graue Haare, und ihr Mann liebte sie zärtlich.

Sibylle mutzte dieses Frauenaesicht in einemfort ansehen, während sie spielte. Ich müßte sie einmal malen, die Doktorsfrau, dachte sie, aber wenn sie vor mir sitzt, wird sie diesen halb müden und halb glücklichen Ausdruck nicht mehr haben.

Die Melodie stieg an, wurde laut, drang gegen die Fenster und erstarb wieder. Sibylle spielte nicht besonders gut, und Huith schien nicht recht bei der Sache äu fein. Aber dafür gab der Pastor sein gan­zes ruhiges, durch Fleiß errungenes Können zum besten, und Dr. Philipp war, wie stets, mit ganzer Hingabe bei der Musik.

Der geneigte Kopf der lauschenden Doktorsfrau wurde schwer, das Tagewerk zeichnete sich in ihren Mundwinkeln ab.

Aber Sibylle beneidete die Frau trotzdem. Sie hatte ihren Mann und ihre Kinder, zu denen sie zärtlich sein durfte.

Sibylle sah plötzlich wieder den Fremden vor sich, der draußen auf der Straße in ihr Rad gelaufen war. Sie wollte nicht an ihn denken. Seit einer Stunde bemühte sie sich bereits, nicht mehr an ihn zu denken. Aber es ließ sich nicht ausschalten. So ungeheuerlich war diese Begegnung im Nebel, so über alle Maßen schmerzvoll und traurig.

Ununterbrochen sagte sie sich, daß sie nervös sei, und daß sie sich natürlich nur geirrt habe. Natür­lich, der Nebel, der vage Lichtschimmer aus Hülsens Haus hatten ihr etwas vorgetäuscht. Aber dann blickten 'wieder die Augen über sie hinweg, der fremde und doch vertraute Mund sprach Worte, höfliche und belanglose Worte, aber es war doch

seine Stimme gewesen. Seine Sttmme, unverkenn­bar, und seine Augen.

Es war ihr, als müßte sie die Geige wegwerfen und hinauseilen auf die nächtliche Landstraße und den Fremden suchen, auf den sie doch seit Jahren wartete, schmerzvoll und sehnsüchtig.

Jedoch sie rührte sich nicht. Nur ihre Hand ließ den Bogen spielen, ihre Augen glitten über das Notenblatt.

Er ist es nicht gewesen, nein, er ist es nicht ge­wesen. Unaufhörlich sprachen es ihre Gedanken, hämmerte es ihr Wille, während die Lippen leicht geöffnet waren und schwiegen. Wenn er es gewesen ist, dann weiß ich nicht, was weiter geschehen soll.

Die Doktorin war eingeschlafen. Als die Musik verklang, schreckte sie auf. Sie lächelte.Schön war es. Ich will gleich frischen Tee holen." Sie huschte hinaus.

3a, es war ganz fein", nickte der Pastor.Es war so schön, daß Frau Hauck sogar Tränen in den Auaen hat, nicht wahr?"

Sibylle versuchte zu lächeln. Sie war weiß, und als sie den Bogen in den Kasten legen wollte, zitterte sie.

Sie sind eben doch krank", sagte Huich ein wenig später, als sie sich verabschiedet hatten und auf der Straße standen.Sie haben sich erkältet. Sie haben Fieber."

Machen Sie sich keine Sorge. Ich werde heute nacht noch Kamillentee trinken."

Sibylle wollte aufs Rad steigen, aber Huith hielt sie zurück.Sie können heute nacht doch nicht mehr nach Hause fahren. -Es ist halb zwölf Uhr. Keine Hand ist vor den Augen zu sehen."

Der Pastor ist doch auch eben losgefahren." Ach, der Pastor, der hat es auch nicht weit." Ich bin ja bald zu Hause. Kommen Sie, lassen Sie die Lenkstange los."

Sie können nicht zurückfahren, sage ich. Es schüttelt Sie ja schon." Huith sprach hartnäckig und böse.Wollen Sie mir nicht sagen, was mit Ihnen ist?"

Was denken Sie nur, Huith?"

Sie sind so ftemd gewesen heute abend. Krank und elend und noch etwas anderes. Ganz gehetzt sehen Sie aus. Ich kann Ihnen .. vielleicht helfen."

Sie schüttelte den Kopf und zog ihre Hand zurück. Es ist nichts."

Nun dann ... lassen wir es. Aber Sie bleiben diese Nacht hier."

Wo soll ich denn bleiben?"

Sie kommen zu mir ..." Er wandte den Kopf und wurde verlegen.Das heißt, im Lehrerhaus wäre ein Zimmer frei. Aber wenn Sie Angst haben wegen der Leute, dann schlafen Sie heute nacht bei Frau Krug. Sie hat ein Stübchen leer. Ja­wohl, Sie schlafen bei der Bettina Krug. Los, kom­men Sie." Er begann das Rad davonzuschieben.

Ich will nid)t", sagte Sibylle energisch.Ich will nicht bei der Bettina schlafen. Ich will nicht, daß sie aufgeweckt wird um Mitternacht."

Ach, die Bettina."

Ich will nicht, so hören Sie doch."

Aus der fernen Dunkelheit tarnen Schritte. Eine Gestalt kam näher, grüßte, glitt an ihnen vorbei.

Sibylles Herz setzte einen Atemzug lang aus.

Wer war das eben?"

Huith sah kaum zurück.Hülsen war das. Haben Sie ihn nicht erkannt? Kommen Sie jetzt. Seien Sie nicht hartnäckig. Es ist nicht nur wegen Ihnen allein. Es ist auch um meinetwegen, daß Sie hier- zubleiben haben. Ich will nicht bis morgen in Sorge sein, ob Sie nach Hause gekommen sind oder nicht."

Da ging Sibylle gehorsam mit.

Die Bettina zeigte weder Freude noch Aeraer über den späten Besuch. Sie nickte nur gleichgültig und sagte:Jawohl, Herr Lehrer."

Sibylle folgte ihr über eine schmale Treppe un­ters Dach hinauf.

Gute Nacht, schlafen Sie gut", sagte die Bet­tina, nachdem sie eine Kerze angezündet hatte, und verschwand wieder.

Die Bettina war stets kurz und unfreundlich zu ihr. Sibylle zuckte die Schultern und setzte sich auf das kalte Bett. Durch die Türe hörte sie, wie die Bettina drunten noch ein wenig mit dem Lehrer sprach. Vermutlich überlegten sie, wo sie das Rad über Nacht unterbringen sollten. Den Geigenkasten hatte sie auch unten gelassen. Ach, es war so be­langlos.

Die Kerze flackerte und warf hastende, ängstliche Schatten gegen Wand und Vorhänge. Durch das Fenster sah die Nacht und der milchige Nebel.

Die Moorfrau braut ... altes, uraltes Kinder­

märchen. Und der Mann im Nebel vor Stunden ... vielleicht war es doch nur Hülsen gewesen.

Nein, es war nicht Hülsen gewesen, der Äauer Hülsen, gegen dessen Zaun sie stürzte. Es war Detlef. Er hatte sie nur nicht in der Dunkelheit er­kannt. Er war zurückgekommen. Vielleicht war er nun längst zu Hause am Strand und wartete auf sie in dieser finsteren Nacht, wie sie so viele Nächte auf ihn gewartet hatte.

Als sie am nächsten Morgen heimfuhr, fing es an zu schneien. An der kleinen, windzerzausten Bauernkate neben den grüngläsernen Wellen war nichts zu sehen, was darauf schließen ließ, daß ein Fremder hier gewesen war ...

Joachim hatte seinen Schreibtisch geschlosien und wollte eben gehen, als das Telephon klingelte.

,Hier Keit."

Hallo, Herr Keit. Schön, daß Sie noch da find Hier ist Mjölln." ,

Ach, Herr Doktor. Sind Sie wieder zurück? Joachim lachte.Wie geht's nach Ihrem über­raschenden Urlaub?"

Ich habe Ihnen etwas Wichttges zu sagen, Herr Keit. In der Sache. Ich habe eine fabelhafte Spur- gesunden."

In meiner Sache? So. Na, was ist es denn?

Das läßt sich nicht so einfach sagen, mein lieber Herr Keit. Haben Sie keine Zeit, noch rasch bei mir vorbeizukommen? Mein Büro liegt ja auf Ihrem Weg."

Auf meinem Weg, das ist ein bißchen viel ge­jagt. Aber wenn Sie meinen, es sei so wichtig.

Doch, das ist es. Sie kommen also. Gut, ich« warte."

Joachim streifte die Handschuhe über. Eine wich­tige Mitteilung! In Ihrer Sache!

Der Vater hatte Geburtstag heute. Es würben: abends Gäste kommen. Herren von der Werft um- andere. Er würde sich nicht lange aufhalten können- Eilig lief er die Treppe hinunter.

Es war dämmerig, und die Straßenlampen brannten bereits. Es schneite sacht und stettg. Die: Flocken vergingen auf dem Pflaster zu schwarzer Nasse-

Die Fähre schwamm eben davon, als er in öit Güldener Straße einbog. Er muhte zehn Minuten, warten, worüber er ungeduldig wurde.

(Fortsetzung folgt.)