Ausgabe 
16.11.1940
 
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Nr. 27 2 Zweiter Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen)

I6./17. November 1940

Das Gerücht.

,Zch glaube nur noch, was ich mit eigenen Augen gesehen habe!" sagte einer unserer Freunde am Tisch, um ein recht lebhaftes und teilweise sogar (erregtes Gespräch über törichte Gerüchtemacherei wirkungsvoll abzuschließen. Aber einer unter uns hatte gegen diesen lobenswerten Entschluß doch noch einen Einwand: ,Hch fürchte, mein Lieber, daß Ihr Gesichtskreis und Ihr Erlebnisbereich dann sehr klein und kümmerlich werden wird! Denn Ihr eigenes Auge reicht doch wohl nicht so weit, um Das Weltgeschehen zu erfassen?!"Nun ja", enkte der andere ein.Natürlich die großen Ereig­nisse ..."

Erlauben Sie, daß ich Ihnen eine kleine Bege­benheit schildere mischte ich mich in die Un­terhaltung.Ich war noch jung im Zeitunasbe- ruf ... Im Abendblatt war eine Meldung erschie­nen, die eigentlich eine ,Unrneldung' war: Mas ist n B. los?', und ich hatte den Hauptschriftleiter keck darauf hingewiesen, daß eine Zeitung die Pflicht habe, Fragen zu beantworten, aber nicht sine Reihe von Gerüchten mit einem Fragezeichen ju versehen. ,Dann fahren Sie doch hin und sehen 5ie selbst nach?', antwortete er mir halb scherzhaft, □alb zurechtweisend. Ich fuhr tatsächlich hin und onnte den Nachweis erbringen, daß alle wild um- lerflatternden Gerüchte, die Beunruhigung verur- «acht hatten, eben nichts als Gerüchte waren. Un- i*re Zeitung aber konnte sie widerlegen und dadurch Beruhigung und Aufklärung verbreiten."

Es muß herrlich sein, so wirken zu können!", meinte einer in der Runde und musterte mich mit Heimlichem Neid.

Das ist es auch! Seit fünfundzwanzig Jahren bin ich nun in meinem Beruf und immer noch verliebt in ihm wie am ersten Tag, bin besessen von meiner Aufgabe. Ich habe als einer der ersten einen lieber» landflug gemacht und bin tausend Meter tief ins Bergwerk eingefahren, ich habe stundenlang auf der dahinrasenden V-Zugmaschine gestanden, war neugieriger Gast bei einem Meteorologen hoch in den Wolken, ich habe polnische Jnsurgentenkugeln pfeifen hören und mich ein dutzendmal durch die französische »Grenzsperre' ins Ruhrgebiet geschmug­gelt; ich habe der Kriminalpolizei helfen dürfen und den Berliner Rundfunk mit aus der Taufe gehoben, und ich habe ein dickes Bündel von Briefen zu Hause, die sind mein schönster Besitz: Briefe von Lesern meiner Aufsätze und Berichte, die mir danken für Trost in Deutschlands schwerster Zeit, für den Glauben an eine bessere Zukunft, den ich in ihnen geweckt, für manche Anregung, manchen guten Rat ... Jetzt feiere ich »Silberhochzeit' mit meinem Beruf, und ich hoffe, auch noch die goldene Hochzeit zu feiern, ebenso begeistert noch, genau so besessen!... Ich kann nur wünschen, daß viele junge Menschen, Männer und Frauen, diesen Beruf kennenlernen möchten, denn wenn sie ihn erst kennen in seiner fast abenteuerlichen Vielfältigkeit, wenn sie erst ein­mal die Freude an der Verantwortung gekostet haben, dann werden sie ihn genau so lieb gewinnen wie jeder, der für die Zeitung arbeitet, sei es nun wie ich, als Schriftleiter, oder sei es, daß sie die Verantwortung für den Anzeigenteil tragen, daß sie für den Vertrieb zu sorgen, daß sie den technischen Betrieb in Schwung zu halten oder als Derlagsleiter dem gesamten Werke geistig und wirtschaftlich die Richtung zu weisen haben."

Beim Internationalen Komitee vom Noten Kreuz in Genf.

Don DRK-Feldführer Willy Heudtlaß, Leiter der Hauptabteilung presse im DRK-

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Nur wenige Städte können sich rühmen, auch >dnn für alle Welt ein Begriff zu sein, wenn sie iid)t die Hauptstadt eines Landes sind oder ein bedeutendes Kultur- oder Wirtschaftszentrum bar« Kellen. Zu diesen gehört auch das im Schatten des Montblanc gelegene Genf. Nun verdient Genf ,icht etwa deshalb rühmlich hervorgehoben zu wer­den, weil es in einer Zeit der scheinbaren Blüte der

(Nachdruck verboten.)

$9. Fortsetzung.

30 M

ater

3a, Arne, und das Unsinnige war, daß es mir in Grunde gleichgültig schien, wer du bist. Ja, ich fühlte deine Liebe durch deine Abwehr und Grob- jsit hindurch."

Komm, wir wollen durch den Garten gehen, der Biegen hat aufgehört."

Arne Ohlsen schloß die Tür zu.Ich habe diesen B aum, seit Lisa das Haus verließ, heute zum ersten- tnb letztenmal betreten. Er wird umgestaltet wer­ten, wie mein Leben sich von heute ab umgestalten t ird."

Sie gingen die große Freitreppe hinab zum Park, (iin feiner Nebel war aus dem Wasser aufgestiegen, mb bie alten Bäume schienen in einem smaragdenen Keich zu stehen. Von den Blättern fielen hin und t jeder schwere Tropfen, und um die elektrischen La- tirnen wob die. Feuchtigkeit eine regenbogenfarbene Sura. Die Schatten der Ulmen wölbten sich tief über l*n sattgrünen Rasen. Arne Ohlsen zog Zeinen Ring l°rvor. Er funkelte im Licht.

Willst du ihn tragen?" fragte der Mann.

Vera nickte.

Ich gebe dir diesen Ring, weil er für mich eine listliche Erinnerung ist. Die Erinnerung daran, daß Ij glaubtest, ich hätte ihn gestohlen, und daß du ttotzdem bei mir geblieben bist. Wie kleingläubig, Biera, war meine Liebe im Vergleich zu der deinigen.

werde ewig dein Schuldner sein."

Um Gottes willen. Liebster, sprich nicht von schuld. Schau, ich dachte imtper, die Begriffe von C ut und Böse ändern sich von Jahrhundert zu Jahr­hundert und von Land zu Land. Deine'Ahnen, die kHrenwerten Herren Raubritter, die uns in der Halle bim Teetrinken zusahen, haben die Kaufleute bis cjfs Hemd ausgeplündert, wenn sie die große Heer­sraße von Upsala herabzogen. Und sie waren ge­ehrte und mächtige Herren."

Schweig still, beschäme mich nicht noch mehr und Lfj uns zu ihnen hineingehen."

Bist du glücklich, Arne?"

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: alb vor bem mit großem Aufwand errichteten Dölkerbund"palast, dessen einzige Hüter heute inige Wächter sind, die dem Einlaß begehrenden Spaziergänger den Zutritt zu den Anlagen ver­mehren. Aber was macht's? Neugierde würde die- |?m heute nun verwaist dastehenden Gebäude schon iUDiel Ehre antun, zumal dann, wenn man bedenkt, t> gar nicht so weit davon, unten am Ufer des Benfer Sees, ein anderes, beinahe unscheinbares l»aus inmitten eines gepflegten Gartens steht, und iias, obwohl es gar nicht bewohnt ist, dennoch viel mehr Interesse und Traditton für sich beanspruchen tmn: Die Villa M o y n i e r. Hier wohnte zu -inen Lebzeiten Gustave Moynier, der bedeu- t-nbfte Mitarbeiter und Freund des Gründers des flöten Kreuzes, Henry D u n a n t. Beider Lebens­werk hat sich als dauerhaft, weil wertvoll für die Menschheit, erwiesen. Dein anspruchslosen Bau von 1 gamals entspricht die Selbstlosigkeit, in der wie da­mals auch heute wieder Menschen ihrer frei ge­wählten Aufgabe nachgehen, dem Rot-Kreuz-Ge- loanFen zu dienen.

Wie stehen im Stadtinnem vor einem großen Aebäude, über dessen Toreingang weithin sichtbar las Rote Kreuz auf weißem Grund leuchtet und darunter in großen Lettern zu lesen ist: jCComite International de la Croix Rouge, Agence Centrale des Prisonniers de Guerre (Jnternatio- I s Komitee vom Roten Kreuz, Zentralstelle | r Kriegsgefangen e). Hier also ist die

r letzte Treffpunkt der Vertreter untergehender Wel- I «n war, sondern deshalb, weil nach dem Ende der Genfer Liga ein anderes und viel älteres . 3erf alls dieser Stadt nur um so heller in das

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3000Kilometer Liebe

Roman von Olly Boehekm

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Lriegsdunkel unserer Tage strahlt: Das Rote Kreuz. Geht man den Quai Wilson, erst am Ufer Morgen I und dann der Steigung folgend, entlang, steht man

Stätte, an der aus aller Welt die Fäden von Mil­lionen von Menschenschicksalen zusammenlaufen und wieder ausstrahlen. Es ist das Schicksal von Millio­nen von Menschen, die, einem höheren Befehl fol­gend, zum Kampf für ihr Vaterland ausgezogen sind und nun im Verlauf der Kämpfe entweder gefangen oder verwundet in Gefangenschaft geraten sind, ober außerhalb ber Heimat als Zivilisten inter­niert wurden. In mehr als fünf Millionen Kartei­karten sind Kriegsgefangene, Zivilinter­nierte und Flüchtlinge namentlich aufgeführt und alphabetisch geordnet. Hier schlägt fühlbar bas Herz von Millionen Kämpfern ber Front unb ihrer Heimat, die Europa, Afrika, Amerika oder Asien heißen kann.

Aber nicht weniger schlägt hier dem Besucher, wenn er die große Halle betritt, auch der Puls der Arbeit all derer entgegen, die sich in uneigen­nützigem Wirken Tag für Tag mühen, die Leiden der Opfer des Krieges, der Gefangenen und Ver­wundeten, zu mildern. Von zur Zeit hier etwa 2200 tätigen Menschen haben sich über 1700 ehren­amtlich in den Dienst der Sache gestellt. Man kann an dieser Zahl nicht ohne weiteres vorüber­gehen, denn sie beweist auch hier, wie in allen Län­dern der Welt, daß der Rote-Kreuz-Gedanke nur in selbstloser Weise aus dem gemeinschaftlichen Willen, helfen zu wollen, vertreten werden kann.

In einem langdauernden Rundgang gewinnt man viele Einblicke in die praktische Arbeit. Besonders verdient die organisatorische Leistung Be­wunderung, wenn man folgende Zahlen betrachtet: Seit Eröffnung der Zentralstelle für Kriegsgefangene am 14. September 1939 hat diese bis zum 15. Okto­ber 1940 etwa 2 818 0 0 0 Postsachen behan­delt und dies in f aft allen Sprachen unseres Kontinents bis zu denen des fernen Asiens! Die Zentralstelle hat den nationalen Auskunftsstellen der kriegführenden Länder bisher etwa 80 000 Photokopien der von den amtlichen Stellen der Kriegführenden zugesandten Listen über die Gefangenen oder in der Gefangenschaft Gestor­benen zugestellt. Die Zahl der von der Zentralstelle bisher seit Kriegsbeginn erteilten telegraphi­schen Auskünfte beträgt über 38 000. Die Zahl

Ich bin vollkommen glücklich, Vera, wenn du bei mir bleibst."

Ich bleibe bei dir, solange mich Gott am Leben läßt."

Und dein Beruf?"

Sagte ich dir nicht, Arne, daß ich dieses Lebens unendlich müde bin?"

Komm, Liebste! Wir trinken eine Flasche Wein in der Halle."

Der Diener hatte das Kaminfeuer entzündet. Der schwere Rotwein funkelte in den geschliffenen Gläsern.

Ist es nicht fast wie am ersten Abend, als wir in der Hütte am Kamin saßen und der Regen über den Siljan rauschte?" sagte Arne.

Ja, und meine nassen Sachen über dem Herd zum Trocknen hingen?"

Wann liebtest du mich zuerst?"

Als ich dich sah."

Ich liebte dich schon viel früher, denn ich habe mich mein ganzes Leben lang nach dir gesehnt, ohne dich zu kennen." Sie drehte nachdenklich den funkeln­den Ring.Und die Wunde ist geheilt?"

Für immer!"

Sie schwiegen und sahen in das tanzende Feuer.

Wir hoben eine Flamme in unserem Dasein ge­liebt, die allen Rauch der Vergangenheit durch ihre Reinheit verzehrt", sagte der Mann nach einer Weile. Leise knisterten die Holzkloben.

Schau", sagte Vera und deutete auf die Ahnen­bilder,sie haben ein anderes Gesicht bekommen. Der alte Ratsherr, über dessen Wallensteinbärtchen der Feuerschein tanzt, zuckt mit den Mundwinkeln, als wollte er sagen:Ihr großen Kinder! Ihr denkt, euer Schicksal sei einmalig und besonders schwer ober besonders interessant. Auch wir haben geliebt, gelitten, erworben und verloren, bis wir endlich starben. Dieses alte Haus ist voll von Tränen, aber auch voll von Lachen. Eins löst das andere ab."

Der Adler ist wieder in feinen Käfig zurückge- flogen", meinte Vera nach einer Pause unb strich leise über Arnes feine energische Hanb, die auf ber Sesfellehne lag.

Ja, er ist heimgeflogen", sagte Arne, ben sanf­ten Druck ihrer Hanb erroibernb,aber seit bu ba bist, gibt es fein Gewitter mehr, ^das ihn vom Himmel trennt"

Siegener Gäste bei einem Kampfgeschwader.

Unser Bilb zeigt ben Gießener Oberbürgermeister Ritter (links) unb ben Rektor der Lubwigs-Universität Professor Dr. H. W. Kranz (rechts) beim Besuch eines Karnpfgeschwabers, dessen Heimathafen bei Gießen liegt (PK.-Sturm-Scherl.)

der Erhebungen über Internierte ober nicht internierte Zivilpersonen übersteigt bie 100 000.

lieber all biesem Zahlenspiel steht jeboch das Schicksal ber Millionen Menschen, bas hier in ben tausenben Karteikästen unb Korrespon- benzmappen enthalten ist. Was lag ba wohl näher, als in ber deutschen Abteilung einmal einem Einzel- schicksal nachzugehen, um zu prüfen, w i e bas Rote Kreuz hier helfenb eingreift, burch ben Krieg zerrissene Verbinbungen wiederher- stellt unb ben um bas Schicksal ber in Feindeslanb befindlichen Söhne ober Brüder bangenben Ange­hörigen Trost unb Gewißheit gibt So lesen wir aus einem Vorgang folgendes:

Nach langem vergeblichen Warten entschließt sich endlich eine besorgte Mutter, an bas Deutsche Rote Kreuz zu schreiben. Der Anfrage fügt sie Namens- unb sonstige Personenangaben sowie Zeit unb Ort ber letzten Nachricht ihres Sohnes vor Kriegsaus­bruch bei. Das Deutsche Rote Kreuz erbittet bie Ver­mittlung bes Internationalen Komitees in Gens. Sofort setzt bie Zentralstelle ihren Apparat in Be­wegung. Ein Telegramm an ben englischen Korre- sponbenten wirb beantwortet mit ber Mitteilung, baß ber Angefragte vor längerer Zeit in ein Ge­fangenenlager nach Kanada übergeführt wor­ben ist. Nun wirb an den Korrespondenten nach Montreal gefabelt mit bem Ersuchen, entsprechend Nachforschungen anzustellen. Schon nach wenigen Wochen kommt von dort ein Kabel, in dem es u. a. heißt:Angefragter .befindet sich in bester Gesundheit in dem Gefangenenlager von ..., dem er als Lagerführer vorsteht." Nur wenige Stunden später besitzt das Deutsche Rote Kreuz und bann bie besorgte Mutter in Deutschlanb ebenfalls bie tele­graphische Auskunft unb kann nun mit ihrem Sohn bie birefte Verbindung aufnehmen.

Nicht immer gelingt natürlich wie in biesem Fall die Aufklärung innerhalb weniger Wochen, und auch nicht immer kann ber Bescheib ein so tröstlicher sein, aber schlimmer selbst als bie Nachricht von bem Tobe eines Menschen ist boch bie quälenbe Unge­wißheit über bas Schicksal eines fieben Angehörigen. Immerhin macht man sich eine Vorstellung von bem tausend- und millionenfachen Glück, bas allein durch diese eine Tätigkeit des Roten Kreuzes in Genf in alle Welt ausstrahlt unb Leib unb Tränen burch meist frohe Gewißheit ablöst.

Einen ber stärksten persönlichen Einbrücke ver­mittelte anläßlich eines offiziellen Empfanges beim Präsibenten bes Internationalen Komitees vom RotemKreuz, Professor Max Huber, bieser selbst, als ob er in seiner Person ben Geist unb bie reine Trabition bes Roten Kreuzes zusammenfasse unb verkörpere. In grunbfätzlichen Ausführungen stellte er bie hohe Idee bes Rötkreuzgedankens, zu gleich aber auch den Willen zur Realität heraus, nämlich bie Kraft, ethische Grunbsätze auch

zu verwirklichen. Allein aus dieser Haltung folgt, wie Präsident Huber erklärte, daß in der Stärke der Rotkreuzgesellschaften des Gewicht des Internationalen Komitees liege. Immer wieder be­tonte Präsident Huber die enge Zusammen­arbeit und Ueberein ft immun g mit dem Deutschen Roten Kreuz, insbesondere auch während des Krieges. Sie kam in den Besuchen des Geschäftsführenden Präsidenten des Deutschen Ro­ten Kreuzes, ^-Brigadeführer Dr. G r a w i tz , und des Chef des Amtes Auslandsdienst, DRK.-General- Hauptführer Hartmann, zum Ausdruck, der sich ben nicht immer leichten Arbeitsbesprechungen in Genf zur Verfügung stellte.

Aus allen in Genf gewonnenen Eindrücken war ersichtlich, wie burch bie enge Verbindung des Inter­nationalen Komitees vom Roten Kreuz mit ben nationalen Rotkreuzgesellschaften unb besonders auch mit bem Deutschen Roten Kreuz eine ganze We l t aerobe in unseren Tagen voll Dankbarkeit auf eine Freunb unb Feind in gleich selbstloser Weise bienende Einrichtung blickt.

Die staatliche Gportaufsicht.

Zur Neuregelung ber staatlichen Sportaufsicht unb öffentlichen Sportpflege bemerkt Oberregie­rungsrat Ritter von Lex, baß die Sportauf­sicht nur bie allgemeine grundsätzliche Leitung um­saßt. Einzelfragen bleiben Angelegenheit ber sport­lichen Selbstverwaltung. Der Sportaufsichtsbeamte soll sich stets vor Augen halten, daß der deutsche Sport unb seine Förderung am besten auf bem Boden freubiger Freiwilligkeit gebeihen. Sein Eingreifen soll auf notwendige Fälle beschränkt bleiben. Innerhalb bieser Schranke umfaßt bie Sportaufsicht bie Ausrichtung des Sports auf bas Ziel der körperlichen Ertüchtigung des gesamten Volkes. Es soll bei jeder ©Portaufsichtsbehörde der Mittelstufe eine Sportstättenprüfstelle geschaffen werden. Die Sportaufsicht hat bei ber Prüfung ber Voraussetzungen für bie Verleihung bes Reichssportabzeichens unb bes Reichsjugend- sportabzeichens mitzuwirken. Diese beiben Ehren­zeichen, bie jetzt Reichsauszeichnungen für Leibes­übungen finb, sollen bazu anreizen, eine hochge­steigerte körperliche Allgemeinbildung bis ins Alter zu bewahren. Wie groß biefe Aufgabe ist, ergibt sich daraus, baß 1938 weit über 100 000 Reichs­sportabzeichen unb 36 000 Reichsjugenbsportabzei- chen verliehen worben sind.

19. Kapitel.

Das Tivoli-Theater war ausverkauft. Allerdings hatte ber Direktor mit einem kleinen Trick gearbeitet. Er hatte erst ganz zuletzt ben Hingenben Namen Vera Verries, bem eine wochenlange Reklame vor- angegangen war, mit bem unbekannten Namen Anita ©Hefen überklebt.

Vera Verries ärgerte sich barüber. Sie wußte nur zu gut, wie die Stimmung bes Publikums eine Leistung steigern ober abschwächen konnte. Das Ge­fühl, mit ber Anita ©Hefen empfangen würbe, konnte nur schlecht verhehlte Enttäuschung sein. Sie hat es nicht leicht, die Kleine, buchte Vera Verries unb ging in bie Garberobe, um ber jungen Kol­legin beim Schminken behilflich zu fein. Anita zit­terte wie ein gefangenes Vögelchen.

Sie werben mich auspfeifen", sagte sie verstört; passen Sie auf, bas Publikum ist enttäuscht, weil es erst in letzter Minute erfahren hat, baß Sie nicht tanzen." .

Vera strich ihr über das wirre Haar: ,Kind, um so stärker wird deine Leistung sein müssen, um das Publikum mitzureißen. Ich gebe zu, daß du es schwerer hast, als wenn du von vornherein einen Tanzabend unter deinem Namen geben würdest. Aber wenn du die Leute trotzdem mitreißt, dann hast bu auch einen großen Sieg errungen." Unb mit mütterlicher Zartheit fügte sie hinzu:Glaube mir, ich würbe ben Tanzabenb abblasen lassen, wenn ich nicht hunbertprozentig von beinern Erfolg überzeugt wäre."

Peter Renz kam bereingefauft

Feines Publikum, Anni! Herr Ohlsen sagt, die erste Presse ist drin. Darunter ein Kritiker, dessen Ausspruch über Tod und Leben entscheidet. Gefällst bu ihm, bist bu gemacht."

Um Gottes willen, und wenn er mich verreißt?"

Wie kann er etwas verreißen, von dem er be­geistert fein muß?"

Du bist sehr sicher, Peter!"

Von beinern Können war ich immer überzeugt, Anita, ebenso wie von deinem verflixten Minder­wertigkeitskomplex, du sensitiver Fisch!"

Erlaube mal!"

Na, ich meine natürlich dein Sternbild: weich, nachgiebig, beeinflußbar, zaghaft, schüchtern, setzt sich schwer durch, findet schwer den Eigenton. Ja, ----Xu wirb nicht hättest! "

Vera Verries lachte:Und Sie, was sind Sie für ein Sternbild?" "

Ich bin ein Widder", rief Peter Renz, Kämp­fer und Pionier von starkem Tätigkeitsdrang, selbstbewußt, stolz, mutig, treu, energisch, durch Hin- dernisse zu doppelter Kraftentfaltung getrieben, (siehe Onkel Franz). Kann organisieren, führen .."

Wenn du jetzt nicht still bist, fliegst du mitsamt deiner Kraftentfaltung raus", sagte Anni nervös.

Das wäre ganz verkehrt", erklärte Peter Renz, wenn ich dich nicht aufputsche, verfällst du in deine stumme, fischige Resignation."

Seit wann beschäftigst du dich mit Astrologie?" fragte Anni, während sie hellen Teint für die ägyp, tische Maske auflegte.

Seit ich unglücklich verliebt bin. Seit mein Fisch mir ausgerückt ist. Uebrigens steht im Horoskop der Fische" er zog einen Taschenkalender heraus und blätterte darinHerzensangelegenheiten: dazu leicht ausgenutzt, viele Liebesenttguschungen. Feinde und Verleumder stören das Liebesglück."

Nun hören Sie aber auf zu unten und stecken Sie Ihr Buch ein", rief Dera. Peter Renz gehorchte. Das erste Klingelzeichen schrillte.

.Kann ich noch etwas für dich tun, Anita?" fragte Peter Renz.

,^Ja rausgehen!"

Gemacht!" Er trat auf Anita zu, spukte sie kräf­tig an, schrie ,Hals und Beinbruch" und verschwand.

Das ist der prächtigste Junge, ben ich in meinem Leben getroffen habe", sagte Vera Verries.Er bringt tatsächlich bie unmöglichsten Dinge fertig. Wenn ich benke, baß er gewissermaßen Arne und mich enbgültig zusammengebracht hat ..."

Ach, Sie wären auch ohne Peter Renz mit Herrn Ohlsen zusammengekommen", sagte Anita. Wenn man füreinanber bestimmt ist soll ich noch mehr blau auf die Augenliber legen?"

Etwas, Kind, unb lange Querstriche, daß die Mandelform herauskommt. Hast du heute noch trainiert?"

Ein paar Lockerungsübungen."

"Du hast noch zwanzig Minuten Zeit. Ich finde, es macht nervös, wenn man zu früh fertig ist. Mit den Minuten vor dem Aufttitt weiß man so wenig anzufangen wie mit der Zeit vor Abgang des Zuges auf dem Bahnsteig. Beide dehnen sich bis zur Endlosigkeit. Also beeile dich nicht."

Fortsetzung folgt.)