Nr. 192 Zweiter Blatt________________Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhefftn)_______Donnerstag, 15. August 1940
Aus der Stadt Giehen.
Kleines Augusi-Litderbuch.
Eine üppige und bunte Fülle aus des Sommers geheimnisvoller Fruchtbarkeit breitet der Gadentisch des Ernting vor uns aus. Gärten und Felder strotzen von saftigem Reichtum.
Usber.all stehen die Baumleitern, auf denen fleißige Pflücker und Pflückerinnen die Zweige erleichtern und die geflochtenen Körbe mit Mirabellen und Pflaumen, mit Frühzwetschen, Birnen und Aepfeln füllen, die aus dem sonneverbrannten Laub leuchten. Höfe, Hausflure und Keller duften nach den Säften des reifen Obstes.
In den Tomatenspalieren hängen wie riesige Trauben neben- und übereinander prall und handgroß die prächtigen Paradiesäpfel, und an den Gurken- und Kürbisranken, die sich wie mit stählernen Spiralen überall festklammern und kraftvoll halten, schwellen die grünen und goldgelben Früchte wie armdicke Schlangen, manche gekrümmt wie Füllhörner und rund wie Straußeneier oder Fußbälle. Alles ist mächtig an diesen Pflanzen und von tropischen Ausmaßen. In diesem Sinne gleicht ihnen die Sonnenblume, deren Schaft mannshoch emporschießt und zur Dicke eines Armes anwächst, aus dem an dünneren Stengeln die tellergroßen Blüten nach allen Seiten wie Sonnenräder sich entfalten.
An Hohlwegen und Waldhängen färbt der Holunder das zierliche Traggestänge seiner Dolden rötlich und aus den weißen Sonnenschirmchen der Blüten werden die wie aus schwarzen Perlen gestickten Fruchtschirmchen, von Vögeln ebenso gesucht wie von emsigen Beerenpflückerinnen, die aus ihnen wohlschmeckenden Holundersaft und Holunder- marmelaüe bereiten. Gin ähnlich kräftiges Aroma besitzen die kirschendicken schwarzblauen Früchte des stacyelichten Brombeerdickichts, das seinen Wildwuchs zwischen Nesseln und über altes Gemäuer entfaltet oder als schützender Zaun Gartenstücke umfriedigt.
lieber den Stoppeläckern geigen, solange die Sonne scheint, die verliebten Heuschreckenmännchen chre Liebesweisen, während die Grillen ihre Serenaden in den nächtigen Sternenhimmel schrillen. Dagegen ist es im Wald stiller geworden. Manche Sänger sind schon abgezogen, andere bereiten den großen Fernflug vor. Man hört jeden Schritt ans dem knackenden Gezweig, das dürr in den Wegen liegt Es riecht nach Moos und Pilzen, und zuweilen begegnet einem ein Sammler mit einem gefüllten Korb dottergelber Pfifferlinge. P. B.
Dornotizen.
Tageskalender für Donnerskag.
NS.-Gemeinschaft „Kraft durch Freude": 20 Uhr in der Aula der Universität Eröffnung der „Musikschule für Jugend und Volk". — Gloria-Palast, Ses- tersroeg: „Herz ohne Heimat". — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Die guten Sieben".
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Im Monat August bieten wir siebentägigen
Ferienaufenthalt
jeweils von Samstag zu Samstag im Kreis Büdingen. 3631V
Teilnehmerpreis 22 RM. (ohne Fahrt)
Nächster Aufenthalt in der Zeit vom 17. bis 24. 8.1940. Anmeldungen sofort erbeten in unserer Verkaufsstelle, Seltersweg 60.
BOM. — Werkgruppe 2a/116
Heute, Donnerstag, 15.8., tritt die Gruppe um 20 Uhr an der Gummifabrik, Leihgesterner Weg 35, zur Heilkräutersammlung an. Mitzubringen sind Tasche oder Korb und Schere.
Allgemeines Tanzverbot.
Wie von zuständiger Stelle mitgeteilt wird, sind öffentliche Tanzluslbarkeiten bis auf weiteres verboten. Dieses Verbot tritt schon mit dem heutigen Tage in Kraft.
Ausruf.
An sämtliche Betriebsführer und Betriebsobmänner von Gießen.
vetr.: Reichs st raßenfammlung am 17. und 18. 8. für das Deutsche Rote Kreuz.
Die 2. Reichsstrahensammlung für das Deutsche Rote Kreuz wird am 17. und 18.8. durch die Deutsche Arbeitsfront, den Reichskriegerbund und das Deutsche Rote Kreuz durchgeführt.
Die Betriebsobmänner sind dafür verantwortlich, daß sämtliche nachstehend aufgeführten Amtswalter der Deutschen Arbeitsfront
DAF.-Walter und -Warte, Betriebsführer, Betriebsobmänner, Vertrauensmänner, Werkscharmänner,
2. Reichsstrahensammlung auf und richtet einen Appell an den Opfersinn der Heimat.
Die deutsche Nation weiß, daß der letzte unh entscheidungsschwerste Schlag dieses Krieges mit jedem Tag näherrückt. Sie weiß aber auch, daß die Front gegen England gerüstet und das deutsche Schwert geschliffen ist, schärfer als je zuvor. Das Vertrauen des Volkes in seine Wehrmacht ist grenzenlos.
Das dankerfüllte Echo auf diese tapfere und zum Letzten entschlossene Haltung unserer Truppen muß die Opferfreude der Heimat sein. Das deutsche Volk hat in diesem Krieg einen Geist bekundet, wie er prächtiger und herrlicher nicht denkbar ist. Es hat gearbeitet und mehr als seine Pflicht getan, es hat Opfer gebracht und Entbehrungen
auf sich genommen und damit bewiesen, daß es den Ernst der Zeit begriffen hat.
Und jetzt, wo unsere Wehrmacht auf ihren weiteren Einsatz wartet, müssen auch wir, die wir daheim sind, noch einmal alle Kraft anstrengen und das Höchste aus uns herausholen. Noch stets war das Ergebnis einer Sammlung, zu der die deutsche Nation'im Krieg aufgerufen wurde, höher gegenüber der früheren. Immer von neuem hat die Heimat gezeigt, daß sie noch mehr als vordem zu opfern imstande ist. Und so muß es auch bei der kommenden Sammlung am Samstag und Sonntag fein: Das Ergebnis muß alle bisherigen Sammlungen weit übertreffen. Dann ist unser Opfer nicht nur ein Zeichen des Dankes für die Treue und den Einsatz unserer Soldaten, nicht nur eine Hilfe für die kranken und verwundeten Krieger, sondern auch ein Beitrag für den Endsieg, der errungen wird, wenn kämpfende Front und opfernde Front Hand in Hand Zusammenarbeiten.
M langjährige treue Dienste ausgezeichnet.
am kommenden F r e i t a g, 1 6. d. 21L, um 1 9 Uhr auf der zuständigen Dienststelle der RSV. zum Büchsen- und Abzeichenempfang anwesend sind.
Gießen-Witte, Seltersweg 38, Giehen-Rord, Walltorstrahe 38, Gießen-Ost, Kaiserallee 34, Giehen-Süd, Crednerstrahe 24.
Wir bitten auch bei dieser Reichsstrahensammlung um Ihren vollen Einsatz.
heil Hitler!
3. V.: gez. Schmidt, Kreisobmann.
*
Für den Kreis Wetterau stehen insgesamt 100 000 Abzeichen zum Verkauf zur Verfügung. Davon werden für die Stadt Gießen 37 000 Stück zum Absatz bereitgehalten. Die Deutsche Arbeitsfront läßt die
August iv» Sonnabend »w«
Sammlung von den im vorstehenden Aufruf bezeichneten Amtswaltern durchführen. Der Kreis- führet Gießen des NS.-Reichskriegerbundes hat an alle Kameradschaften der alten Soldaten in Stadt und Kreis Gießen den Befehl erlassen, am Samstag und Sonntag alle verfügbaren Kameraden für die Sammlung einzusetzen. Das Deutsche Rote Kreuz stellt ebenfalls in Stadt und Kreis Gießen alle uniformierten männlichen und weiblichen Einheiten des DRK. in den Dienst der Sammlung. Von besonderen Veranstaltungen wird in Gießen abgesehen.
Unser Beitrag zum Siea.
In diesen Tagen, wo unsere Gedanken zu jeder Stund" bei unseren Soldaten weilen, deren Karnpf- bei.eitschaft und Einsatzfreudigkeit, deren Opfer und Pflichterfüllung wir gerade jetzt wieder Tag für Tag mit stolzer Dankbarkeit bewundern, ruft das Kriegshilfswerk für das Deutsche Rote Kreuz zur
Am gestrigen Mittwochnachmittag ehrte Oberbürgermeister Ritter in einer schlichten Feier im Sitzungssaale des Stadthauses Bergstraße eine Anzahl Männer, die sich als Gefolgschaftsmitglieder der Stadt Gießen durch langjährige treue Arbeit im Dienste der Gießener Bevölkerung ausgezeichnet haben. Diesen Männern, deren Namen wir am vorgestrigen Dienstag bereits mitteilten, überreichte der Oberbürgermeister das ihnen vom Führer verliehene Goldene Treudienst-Ehrenzeichen für 40- jährige bzw. das Silberne Treudienst-Ehrenzeichen für 25jährige treue Dienstzeit.
Oberbürgermeister Ritter
der mit seinem gegenwärtigen Stellvertreter, Beigeordneten Nicolaus, erschienen war, richtete an die verdienten Veteranen der Arbeit eine kurze Ansprache, in der er ihren treuen und tatfrohen Einsatz für das Wohl der Gießener Bevölkerung in warmen Worten würdigte. Er betonte, daß zur rechten Ausfüllung des Arbeitspostens die Liebe zur Sache und die Freude am Schaffen, die Treue zur Arbeit aehören. Das Wort des verewigten Generalfeldmarschalls von Hindenburg: „Die Treue ist das Mark der Ehre" habe als Leitstern auch über dem Schaffen dieser Männer gestanden, die nunmehr für ihr treues Wirken im Beruf und damit im Dienste für Volk und Vaterland in wohlverdienter Weise ausgezeichnet würden.
Nur bann, wenn eine Gemeinschaft in Treue und guter Kameradschaft zusammenstehe, könne das Höchste erreicht werden. Die verschworene Gemeinschaft des Füyrers, die durch ihren jahrelangen Einsatz das nationalsozialistische Reich erkämpfte, habe diese Treue bekundet und damit den Grundstein gelegt zu der Größe unseres Volkes, die sich gerade in der Gegenwart besonders eindrucksvoll zeige. Diese Treue entspreche dem deutschen Charakter, denn durch die Treue des deutschen Menschen sei immer während aller Jahrhunderte in hingebender
Pflichterfüllung für das deutsche Volk zugleich auch für Europa Gutes geschaffen worden.
Der Führer habe als äußeres Zeichen der dankbaren Ehrung treuer deutscher Menschen für ihre Arbeit zum Wohle des Volkes das Treudienst-Ehrenzeichen gestiftet, mit dessen Verleihung die treue Pflichterfüllung die verdiente öffentliche Würdigung erfahre. Die Treue und der vorbildliche Geist des Dienens, die den deutschen Menschen auszeichnen und unser Volk unbesiegbar machen, sei in den heute ausgezeichneten Arbeitsjubilaren in vorbildlicher Weise lebendig. Es sei ihm daher eine besondere Freude, diesen Männern im Namen und Auftrag des Führers Dank zu sagen für ihre treuen Dienste, ihnen die ehrende Auszeichnung überreichen und sie zu dieser verdienten Würdigung beglückwünschen zu können. Er sei gewiß, daß diese Männer ihren bisher durch treue Pflichterfüllung im Dienste der Volksgemeinschaft gekennzeichneten Weg weiter gehen und dadurch Vorbild für alle Volksgenossen sein und auch ihr künftiges Leben mit dem hohen Inhalt des Arbeits-Ethos ausfüllen würden.
Hierauf heftete Oberbürgermeister Ritter jedem einzelnen der Arbeitsjubilare das Treudienst-Ehrenzeichen an den Rock und sprach ihnen seine herzlichen Glückwünsche aus. Beigeordneter Nicolaus überreichte den Ausgezeichnet die entsprechende Urkunde und übermittelte ihnen seine herzlichen Wünsche.
Am Schlüsse der schlichten Feier wünschte der Oberbürgermeister den Jubilaren, daß es ihnen vergönnt sein möchte, noch lange in dem großen und mächtigen, in der Welt hochangesehenen und von unserem Führer zum Glück emporgeführten Deutschland in Gesundheit und Frische für die Stadt Gießen wirken zu können, in einem gesicherten Frieden, den unser Führer und unsere Wehrmacht nicht nur für Großdeutschland, sondern für ganz Europa fieber» stellen werden.
Mit dem Gruß der Liebe und Treue zum Führer schloß die eindrucksvolle Feier.
©er „Giern der Weisen" wieder sichtbar.
Ein seltenes Himmelsschauspiel heute zu sehen. — Alle 260 Jahre einmal.
Zur Zeit der Geburt Christi wurde durch einen angeblich neuen Stern die damalige Welt in Aufregung versetzt und hat die „Weisen des Morgenlandes", die niemand anders waren als berühmte Astronomen, zu ihrem Weg von Babylon, der Hochburg alles astronomischen Wissens in alter Zeil, nach Bethlehem veranlaßt. Das ganze Mittelalter hindurch hat dieser Stern die Astronomen der Welt beschäftigt. Heute ist sein Geheimnis enthüllt, und die Astronomie weiß, daß es nicht ein Stern, sondern eine ganz bestimmte Sternkonstellation ist, die alle 260 Jahre wiederkehrt.
Der bekannte Spezialist Professor Dr. Hennig (Düsseldorf) führte darüber im letzten „Bericht der Senckenbergischen Naturforschenden Gesellschaft" aus, daß niemals daran gezweifelt worden ist, daß jener „Stern der Weisen" tatsächlich damals am
Himmel geleuchtet hat. Wir wissen heute, daß dieser Stern kein Wunder und auch kein Mythos, kein Komet und auch kein „neuer Stern" war, sondern eine überaus eindrucksvolle Planetenkonstellation, die sich im Jahre 7 vor unserer Zeitrechnung im Sternbild der Fische abgespielt hat und die sich in diesem Jahre im benachbarten Sternbild des Widders abermals ab spielen wird. Es handelt sich um
3 Rezept zum Braunwerden:
Allmählich an die Sonne gewöhnen und langsam bräunen. Mit Nivea-Creme! Wer aber unbedingt länger in der Sonne bleiben und schneller braun werden will, braucht Nivea-Ultro-Ol mit dem verstärkten Lichtschutz.
Die schöne Meiusme
Roman bon Hans RÄter
27. Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)
Als der Zug den Damm über den Steinberger See passiert, hebt sie noch einmal die Hand, und je näher sie an Berlin kommt, in desto weitere Ferne rückt der Endsee mit seiner Runeninsel, rückt Hal- lersdorfer Teerofen mit der schönen Melusine, und alles verschwimmt ineinander und vermengt sich. Aus Wahrheit und Träumerei wird jenes unwirkliche Bild, das wir Erinnerung nennen und das unwirklich und doch im höchsten Grade wirklich ist.
Eben, weil alles in einem ist: wir selber und unser Erlebnis.
Berlin ist Wirklichkeit und Gegenwart zugleich. Als Tilde vor dem Bahnhof auf Der Straße steht, ist es, als sei sie nie fortgewesen. Mehr noch: diese Stadt nimmt einen mit all ihren Äußerlichkeiten, mit den Schaufenstern, dem Straßenlärm, den arüngelbroten Lampen und mit der Luft, die zuerst beengt und die zugleich doch vertraut ist, gefangen.
Man kann auch hier ein Boot haben, in Wannsee zum Beispiel, in Pichelsdorf, draußen in Grün- au. Man kann dort paddeln und paddeln, so viel man will, aber aus dem Dunstkreis Berlins kommt man nicht heraus. Sommernachmittage und Wochenende sind keine Ferien. Und Ferien, das empfindet Tilde in diesem Augenblick, auch nicht so frei, wie man sie sich so gern erträumt. Denn es gibt eine Brücke, die in weitem Bogen vom Ferienan- fang zum Ferienende führt und beide miteinander verbindet.
Wenn Tilde jetzt in das Reisebüro gehen unb ihren Platz einnehmen würde, wäre .alles wie früher: Man nimmt den Schutzdeckel von her Schreibmaschine, fährt mit Tuch und Drahtbürste über die Buchstaben und Tasten, legt Briefbogen, Durchschlagpapier und Kohlepapier zurecht und fitzt erwartungsvoll mit Stenogrammblock und Bleistift da. „Geehrter Herr", dann ist es so weit.
Ist noch nicht so weit. In zwei Wochen wird Tilde wieder nach Berlin kommen. Irgendwoher. Dann muß sie den alten Platz wieder einnehmen
und abwarten, bis der Kündigungstermin herangerückt ist. Erst dann sind Hellwig & Holzmann an der Reihe.
Vorläufig gibt es bei Hellwig & Holzmann nur eine Gastrolle.
Pumps liegt in feiner Ecke und wedelt, als sie hereinkommt. Der große Chan springt auf, und Hellwig — Wilhelm Hellwig sitzt hinter seinem Schreibtisch und raucht eine dicke Zigarre.
Er ist aber recht merkwürdig heute, ganz anders, als ihn Tilde von seinem Besuch in Lüchow in Erinnerung gehabt hat. Er gibt Holzmann einen Wink. Der brabbelt etwas, das Tilde nicht verstehen kann, und ist draußen, kaum, daß es zu einer richtigen Begrüßung gekommen ist.
„Wollen Sie denn heute nicht mitfahren, großer Chan?" fragt Tilde noch, aber sie bekommt keine Antwort.
Dafür schiebt ihr Wilhelm Hellwig den Sessel hin, der für prominente Leute angeschafft worden ist, zupft noch einmal an feinem Schlips, legt die Zigarre beiseite und steht auf.
„Ich möchte mit Ihnen reden, Fräulein Tilde."
„Deshalb bin ich ja hier, ich wollte Ihnen noch einmal die Route —"
,Zch wollte nicht über die Fahrt reden, sondern —" Donnerwetter, es ist doch nicht einfach, vorhin hat er alles mit Holzmann durchgesprochen, und jetzt, Auge in Auge... „Mit dem Sommernachtstraum wäre ja nun alles in Ordnung", fetzt er wieder an, „und wir sind Ihnen sehr dankbar, daß Sie uns den hübschen Namen genannt haben."
„Aber es macht mir doch auch Spaß, Herr Hellwig", meint Tilde und weiß nicht, woraus er hinaus will.
„Ja, und heute, das ist nun unsere erste Fahrt, und es ist überhaupt für unsere Firma ein ganz besonderer Tag. Sehen Sie, als Holzmann bei mir eingetreten war, da habe ich mich sehr gefreut, wirklich, das können Sie mir glauben. Aber es ist eben doch nur ein Anfang."
„Ich kann mir denken, daß Sie die Firma weiter ausbauen wollen, Herr Hellwig", wirft Tilde wieder ein. „Sie wollen doch noch mehr Wagen einstellen."
Hellwig atmet erleichtert aus. „Natürlich wollen wir das. Sehen Sie, und nun haben wir solch einen hübschen Namen gefunden, und wenn wir wieder
einmal einen Wagen kaufen — würden Sie uns dann auch helfen?"
„Das will ich gern tun, Herr Hellwig."
„Und, ja — ich bin ein einfacher Gastwirtssohn, und ich hab' nicht viel gelernt. Aber mein Fach versteh' ich, und aus dem Geschäft wird was, darauf können, Sie sich verlassen. Ich habe mich auch schon nach einem hübschen kleinen Zweisitzer umgesehen, denn mit dem alten Kasten, den kann ich Ihnen doch nicht zumuten. Meinen Sie, daß Sie mit mir in 'nem Zweisitzer — ? —"
Tilde sitzt betroffen da und hält den Kopf gesenkt. „Aber Herr Hellwig —"
Er ist neben sie getreten. „Reden ist nicht meine Sache, Fräulein Tilde, aber wenn Sie meine Frau werden wollen."
„Lassen Sie mir Zeit, Hellwig", bittet Tilde. „Wissen Sie, es kommt schon ein bißchen unerwartet für mich. Ich kann doch nicht —"
„Und wann wollen Sie mir Bescheid geben?" drängt er. „Eine Wohnung habe ich nämlich auch schon in Aussicht. Balkon, Südseite, Neubauwohnung, oder meinen Sie, wir sollten lieber in einer Siedlung —"
„Morgen", bittet Tilde. „Oder übermorgen. Und eins müssen Sie mir versprechen: Heute auf der Fahrt wollen wir kein Wort davon reden."
Das verspricht ihr Hellwig, obgleich es ihm nicht leicht fällt.
25.
Hinter der Utriner Schleuse liegt der brave „Theodor", und sanfter Rauch kräuselt aus seinem nicht mehr ganz neuen Schornstein. Neben dem rn spiegelndem Lack blitzenden Sommernachtstraum, der bis dicht an die Brücke herangefahren ist, sieht er wirklich ein bißchen schädig aus.
An dieser Brücke erlebt Tilde eine Ueberraschung. Fritz und Lotte Mewes stehen da und erklären nut strahlenden Gesichtern, sie hätten das Kind Schurcks bei Vatern in Obhut gegeben und sich ihrerseits entschlossen, die Fahrt mitzumachen.
„Wenigstens mit dem .Theodor' bis Waldmühle", sagt Lotte.
Es handelt sich nicht nur um bie beiden Leutchen Auch „Lotteken" ist da, ist der Einfachheit halber nicht auseinandergenommen worden, sondern liegt
an der Reling des großen Bruders. Seine Besitzer haben allerlei Not, daß die Sommernachtsträumler nicht mit den Stiefeln in die empfindliche Gummihaut treten.
„Weißt du", strahlt Lotte. „Ein Kind ist ja ganz schön, aber mal ohne Kind ist auch schön. Also hab' ich dem Ähurcks einen Kuß auf feine süße Nase gegeben und Fritzchen davon überzeugt, daß auch Ehepaare ein Recht auf Wochenende haben."
„Wollt ihr zelten?" fragt Tilde.
„Wollen wir nicht, Fritzchen und ich wollen richtig verreist spielen. Eigentlich wollten wir schon immer einmal an den Königsfee, aber Fritzchen findet, daß unser Wäglein zu viel Benzin brauchen würde. Und Oel erst recht. Deshalb sind wir ja bei Vatern eingefallen. Na, und jetzt fahren wir nach dem Königsfee-Ersatz. Es ist alles geregelt, Fräulein Reisemarschall, Fikchen Brümmer hat uns ihr letztes Zimmer eingeräumt, und morgen früh verschwinden wir lautlos samt „Lotteken . llebri- gens steht dir deine neue Würde blendend."
Tilde macht eine Handbewegung, die alles bedeuten kann. Sie hat nicht gedacht, daß Menschen so viel fragen können. Soweit es den „Sommernachtstraum" betrifft, hilft ihr ja der Fahrer, aber nun soll sie von jeder Ortschaft wissen, was dort geschehen ist. Eine sucht den alten Zielen auf einem Der Schlösser, der andere den Ritter Kalbutz, von dem Tilde nur die dunkle Ahnung hat, daß etwas mit seinem Begräbnis in Ordnung gewesen ist. Der will unbedingt mit dem Kopf nach Osten schlafen, und der erzählt, in Häusern, die auf einer Wasserader stünden, tue er die ganze Nacht kein Auge zu. Weil die Waldmühhe an und nicht über einem Bach liegt, glaubt Tilde ihn beruhigen zu können.
Man kommt nicht ungestraft vom Urlaub zurück. Das Büro hat von Tildes Anwesenheit erfahren, und der Leiter klagt seine Nöte. Das geschieht telephonisch und zu einer Zeit, als der „Sommernachtstraum" schon fahrfertig draußen steht.
„Sie können doch unterbrechen, Fräulein Rohloff, wir sitzen in der dicksten Arbeit, und es fehlt an Ecken und Enden."
Einen Augenblick denkt Tilde wirklich daran, ihren Urlaub zu unterbrechen. Sie braucht ihre Entscheidung noch nicht zu fällen.
(Fortsetzung folgt)


