ttr.243 Zweiter Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen) Montag, K Oktober W
Zahnennagel des Reichsknegersührers verliehen.
Monatsappell der Kriegerkameradschast von 1874.
Aus der Stadt Gießen.
Der letzte Zwetschenkuchen.
Tränen wollen wir ihm nicht nachweinen, aber ein bißchen leid tut es uns doch. Denn in diesem Jahre freuten wir uns doppelt über den Zwetschen- segen. Wir haben Bäume gesehen, an denen konnte man tatsächlich wochenlang pflücken, und immer wieder füllten sich die Körbe. Reich haben die alten Zwetschenbäume getragen. Bei jedem Kuchen, den wir backen ließen, dachten wir an die fleißigen Zwetschenbäume. Ob sie nächstes Jahr auch wieder so voll hängen werden?
Dor einigen Wochen stand der erste Zwetschenkuchen auf dem Tisch. Wie duftete er, als er aus dem Backhaus kam! Wieviel Zucker konnte er noch vertragen! Aber er wurde mit Freuden gegessen! Ganz frisch und warm!
Und dann gerieten die Zwetschenkuchen von Woche zu Woche besser. Wir nahmen immer weniger Teig und legten die Zwetschen immer, dicker auf. So wünschten wir ihn uns! Welche Mengen Brot und Butter sind in diesen Wochen gespart worden!
Und nun liegt das letzte Stück Zwetschenkuchen vor uns. Beinahe sechs Wochen lang haben wir den feinen Kuchen nicht „ausgehen" lassen. Wir übertrugen die Sache mit dem laufenden Band auch auf unfern Küchenzettel. Aber alles hat einmal ein Ende. Wenn man beim ersten Stück des saftigen Kuchens meint, man könnte ihn das ganze Jahr essen, so ist das nicht ganz richtig; denn man wird ihn auch einmal müde. »
Diese Müdigkeit stellt sich nun ein, denn die Zwetschen sind überreif. Sie sind schon zu süß, zu weich. Sie schmecken fade. So ein bißchen krachen muß es, wenn man in den Zwetschenkuchen beißt, sonst ist er nicht vollwertig. Recht viel Zucker muß man darauf streuen können. Die letzten Zwetschenkuchen brauchen keinen Zucker mehr. Die Fruchtsüßigkeit genügt schon. Aber gerade damit zeigt sich auch das Ende an. Wir sehnen uns nach etwas anderem.
Wie uns in Oberhessen der Zwetschenkuchen ans Herz gewachsen ist, das zeigte ein Gedicht, das dieser Tage im „Gießener Anzeiger" erschien und das uns allen so gefallen hat. Wir lasen es noch einmal durch, als der letzte Zwetschenkuchen erschien.
... „Gebt mir noch ein letztes Stück Quetschekuche!"
Die Zwetschenkuchenzeit ist vorbei. Leider! h.
Vornotizen
Tageskalender für Montag.
Oesfentlicher Abendvortrag der Universität: 20.30 Uhr im Horsaal des Kunstwissenschaftlichen Instituts, Ludwigstraße 34, Professor Dr. Vollrath über „Houston Stewart Chamberlain, der Künder des deutschen Wesens". — Gloria-Palast (Selters- weg): „Jud Süß". — Lichtspielhaus (Bahnhofstraße): „Das indische Grabmal". — Schützen-Verein Gießen: 20 Uhr Beginn des Zimmerstutzenschießens.
Sladttheater-Spielplan vom 15. bis 20. Off ober.
Dienstag, 15. Oktober: „Der Triumph des Tobias", Lustspiel von Rindom. 5. Dienstag-Miete.
Mittwoch, 16. Oktober: „Der Triumph des Tobias", Lustspiel von Rindom. 5. Mittwoch-Miete.
Donnerstag, 16. Oktober: Geschlossene Vorstellung für KdF., 16er-Ring, 2. Vorstellung: „Sieger", dramatische Ballade von Siemens.
Freitag, 18. Oktober: „Das Aennchen von Tha- rau", Operette von Strecker. 5. Freitag-Miete.
Sonntag, 20. Oktober: Nachmittags-Fremdenvorstellung „Goldregen", Lustspiel-Operette von Rößner. Außer Miete. — Abends: „Paganini", Operette von Lehar. Außer Miete.
Gießener Vorlragsring.
Die Vortragsgemeinschaft „Gießener Vortragsring", die erstmalig für diesen Vortragswinter vom Goethe-Bund, Kaufmännischen Verein, Volksbildungsstätte Gießen und Gesellschaft für Erd- und Völkerkunde begründet wusde, eröffnet am Montag, 21. Oktober, 19.30 Uhr, in der Neuen Aula der Universität ihr Dortragsprogramm. Für diese Eröffnung ist der auch in Gießen bestens bekannte Schriftsteller Dr. Paul Rohrbach zu einem Lichtbildervortrag mit dem Thema „Mit Auto, Bahn und Flugzeug durch Afrika von Nord nach Süd"
Die Kriegerkameradschast von 1874 hielt am gestrigen Sonntag im „Burghof" unter Leitung des neuen Kameradschaftsführers Lehrer Karl D ö h n einen Monatsappell ab.
Kameradschaftsführer D ö h n gedachte zunächst des Führers und begrüßte dann eine Reihe der ältesten Mitglieder, Soldaten, Kameradenfrauen und Gäste. Das Andenken der kürzlich verstorbenen Mitglieder Heinrich Zimmermann und Heinrich Luft wurde in üblicher Weise geehrt. Im Anschluß an die Ausgabe der Parolebefehle konnte der Kameradschaftsführer n-ittei'len, daß die Sammlung für die Krieger-Waisenhäuser den stattlichen Betrag von 200 RM. erbracht hat. Den Kameraden wurde für ihre Opferbereilschaft gedankt. Für Aufklärungs- Zwecke wurde das Buch „Dokumente polnischer Grausamkeit" und zur weiteren Unterstützung der Krieger-Waisenheime der Erwerb des neuen „Kyffhäuser- Kalenders" empfohlen.
Wie der Kameradschaftsführer weiterhin mitteilte, hat die Mannschaft Willi Georg, Hch. Appel, Georg Schilling und W. Kühne der Kriegerkameradschaft bei dem Kreisverbands-Wettschießen 1940 die Kriegs-Kreismeisterschaft erworben. Die Mannschaft erreichte 222 Ringe, Kamerad Willi Georg mit 57 Ringen das beste Ergebnis. Kamerad Georg erhielt eine Ehrenplakette, die Kameradschaft den Ehrenpreis des Kreiskriegerführers. Die Mannschaft hat sich in der Zwischenzeit bereits am Wettkampf um die Gaum eist erschuft beteiligt. Das Ergebnis steht noch aus.
verpflichtet worden. Die beiden Reisen in den Jahren 1938 und 1939 von Dr. Paul Rohrbach, der selbst vor dem Weltkrieg mehrere Jahre im aktiven Kolonialdienst gestanden hat, führen ihn durch das französische Nordafttta, Britisch-Nigeria, Französisch- Aequatorialafrika, den belgischen Kongo, die Südafrikanische Union, Deutsch-Ostafrika, Doutsch-Süd- west, Portugiesisch-Angola, Kamerun und Jtalienisch- Nordafrika. Der Grundgedanke seines Vortrages ist der Nachweis, daß die tropischen Gebiete Afrikas die von Natur gegebenen wi risch aftlick en Ergänzungsgebiete für die europäische Wirtschaft im allgemeinen und die deutsche im besonderen sind, daß Deutschland aus rechllichen, moralischen und wirtschaftlichen Gründen einen Anspruch auf die Rückgabe seines alten Kolonialbesitzes und darüber hinaus auf angemessene Beteiligung an der ökonomischen und zivilisatorischen Erschließung des schwarzen Erdteils hat. Es spricht zu Beginn Kreisleiter Backhaus.
Gießener konzerlrlng 1940/41.
Die Reihe der diesjährigen Solistenkonzerte beginnt mit einem Klavierabend des Altmeisters Wilhelm Backhaus. Die Zusammenstellung des Programms, das nur Werke von Lüdwig van Beethoven enthält, verdient besondere Beachtung. Das KonzsGt findet um 20 Uhr in der Neuen Aula der Universität als erstes Konzert der Gruppe B statt.
Ortszeit für den 15. Oktober.
Sonnenaufgang 7.51 Uhr, Sonnenuntergang 18.30 Uhr. — Monduntergang 6.33 Uhr, Mondaufgang 18.19 Uhr. Mond in Erdferne.
Gauausstellung
für bildende Künste 1940.
NSG. Die am 28. September durch den Gauleiter im Städelfchen Kunstinstitut zu Frankfurt am Main, Schaumainkai, eröffnete Gauausstellung für bildende Künste hat in den ersten 10 Tagen schon ein sehr gutes Besucherergebnis aufzuweisen. Heber 8000 Volksgenossen haben bereits dieser einzigartigen Leistungsschau der Malerei, der Bildhauerkunst und der freien Graphik durch ihren Besuch ihr großes Interesse entgegengebracht. Die Ausstellung ist täglich (auch Sonntags) von 10 bis 17 Uhr, bis einschließlich Sonntag, 27. Oktober, geöffnet. Zahlreiche verkaufte Werke zeugen von dem Willen weitester Kreise, den bildenden Künstlern unseres Gaues aktive Förderung zuteil werden zu lassen, was noch manche Nachahmung finden möge.
Der stellvertretende Kreisschießwart Merlau überreichte der Kameradschaft im Auftrage des Kreiskriegerführers den Ehrenpreis, eine Meisterschaftsbüchse, und knüpfte den Wunsch daran, daß die Kameradschaft sich auch weiterhin rege am Schießen beteiligen möge. Dor allem soll das Schießen um die Ehrennadeln gepflegt werden. Kein Kamerad sollte sich ausschließen, sondern wenigstens die bronzene Ehrennadel ausschiehen. Wie der Kameradschaftsführer ergänzend mitteilte, wird in nächster Zeit noch ein Preisschießen durchgeführt werden, für das Buchpreise zur Verfügung stehen.
Zur Erinnerung an die Beteiligung der Kameradschaft an dem 1. Reichskriegertag in Kassel, bei dem auch der Führer zugegen war, verlieh der Reichskriegerführer der Kriegerkameradschaft einen Fahnennagel, der als der erste an den Fahnenschaft der neuen Fahne angeheftet wurde, wobei der Kameradschaftsführer mahnende Worte an die Kameraden sprach.
Heber das Thema „Der unsichtbare Krieg" hielt dann Kamerad Landgerichtsrat Trümpert einen interessanten Vortrag, den er mit der Schilderung eines Erlebnisses mit einer Bauersfrau, die eine vorbildliche Haltung gegenüber Kriegsgefangenen an den Tag legte, einleitete? Sein Ausführungen waren eine starke Mahnung an alle Volksgenossen, zu schweigen; denn der Feind hort mit! Hierauf wurde ein Film von dem heldenmütigen Kampf der beut- schen Soldaten um Verdun während des Weltkrieges vorgeführt, zu dem Kameradschaftsführer D ö h n die Erläuterungen gab.
Die MW d Arveiksfrvilk
Achtung!
An die Mitglieder der Deutsche« Arbeitsfront!
Mit dem 31. Oktober 1940 verlieren die jetzigen DAF.-Beitragsmarken ihre Gültigkeit und werden eingezogen. Ab 1. November werden neue DAF.- Beitragsmarken eingeführt, so daß ent. vorhandene Rückstände in der Höhe des jeweiligen Bruttoein- kommens bis zum 31. Oktober mit den alten Marken nachgeklebt werden müssen. Die neuen Marken dürfen für aufgelaufene Rückstände nicht verwendet werden. 42940
Es wird ausdrücklich daraus aufmerksam gemacht, daß die bei den Baubetrieben üblichen Wochenmarken und die-Wehrmachtsmarken zu 0,60 RM. mit dem Ueberdruck 1940 ihre Gültigkeit behalten und im Umlauf bleiben.
Die Deutsche Arbeitsfront. Verwaltungsstelle 24. Delkerau.
Don der Universität Gießen.
Heb ertragen wurde dem nichtbeamteten außerordentlichen Professor Dr. Paul Köttgen in Gießen unter Ernennung zum beamteten außerordentlichen Professor der Lehrstuhl für Bodenkunde an der Universität Gießen. Professor Dr. Köttgen hat seit 1922 als Prioatdozent den Lehrauftrag für forstliche Bodenkunde an der Universität Gießen versehen, im Februar 1928 wurde er zum außerplanmäßigen außerordentlichen Professor an unserer Universität ernannt Seinem Wirken ist die Entwicklung der Bodenkunde-Wissenschaft in Gießen zu verdanken, die nunmehr zur Errichtung eines Lehrstuhls geführt hat.
Verleihung des Goldenen Treudienst- KhrenzeichenS.
Dem Postinspektor Ludwig Keller beim Postamt Gießen wurde vom Führer für vierzigjährige treue Dienstzeit das Goldene Treudienstehrenzeichen verliehen. Die Auszeichnung wurde dem verdienten Beamten am Samstag von dem Vorstand des Postamts Gießen, Postamtmann Lotz, feierlich überreicht. Postinspektor Keller ist nicht nur durch seinen Dienst, sondern auch als alter Artillerist in weiten Kreisen non Gießen und Umgegend bekannt geworden.
Unser neuer Roman.
Nachdem wir am Samstag den Roman „Klaus fängt ein neues Leben an" von Helene Kalisch beendet haben, beginnen wir in der heute erscheinenden Nummer des Gießener Anzeigers mit dem Abdruck eines neuen großen Romanwerkes, von dessen Veröffentlichung wir uns einen nicht geringeren Erfolg in allen unseren Leserkreisen in Stadt und Land versprechen dürfen. Die Autorin ist bis jetzt in unseren Spalten noch nicht zu Worte gekommen, aber sie wird sich, wie wir überzeugt sind, bald zahlreiche Freunde gewinnen. Unser neuer Roman heißt
„3000 Kilometer Liebe" von Olly Boebeim,
und hält vorn ersten bis zum letzten Kapitel, was der heitere und verheißungsvolle Titel verspricht. Wir erleben hier die amüsante und spannende Geschichte einer jungen Tänzerin, die nach einem ersten Mißerfolg auf der Bühne mit dem Auto auf Reisen geht und auf dieser Fahrt nach allerlei Umwegen und Abenteuern genau das findet, was sie zu finden gehofft und zuvor schmerzlich vermißt hat: den Triumph des rauschenden Erfolges und das Glück der Liebe.
Diese Geschichte ist so liebenswürdig und fesselnd, mit Geschick und Geschmack erzählt, daß der Leiser seine Freude daran hat und sich im Stillen von einer Fortsetzung auf die nächste freut.
Verpflichtungsfeier der Kameradschaft „Admiral Scheer".
Dieser Tage versammelte sich die Kameradschaft „Admiral Scheer" der Hochschulgruppe Gießen des NSD.-Studentenbundes zur Verpflichtung ihrer neuen Kameraden auf dem Schiffenberg. Besondere Freude machte es, zum ersten Male auch Kameraden aus den zurückgewonnenen Gebieten im Westen des Reiches in eine studentische Gemeinschaft auf- nehmen zu können.
Der Abend wurde durch ein Wort des Führers eröffnet. Dann verlas Kameradfchastswart Jung die Gesetze der deutschen Studenten. Anknüpfend hieran wies Kameradschaftsführer T r a n s ch e l in einer kurzen Ansprache auf die Tatsache hin, daß gerade eine Zeit, in der die Front jener ungezählten Soldaten es ermögliche, an der deutschen Hochschule wissenschaftliche Ausbildung zu erfahren, von jedem einzelnen in der Heimat große Opfer erfordere, die würdig denen zu sein hätten, die jeder draußen im kämpferischen Einsatz täglich der Volksgemeinschaft bringe. Deshalb sei die Arbeit im Studentenbund auch für jeden deutschen Studenten heute eine Ehrensache und Selbstverständlichkeit. Ebenso müsse jeder bereit sein, zu jeder Stunde sich mit seiner ganzen Person schonungslos für unser Volk einzusetzen. Draußen erwachse wieder die Verpflichtung, nicht nur aufzunehmen, sondern immer dem Volke alles Wissen dienstbar zu machen und es ihm weiterzugeben. „Von unserer Haltung und unserer Opferbereitschaft, von unserem völkischen Dienst und unserem Wissen wird dereinst die Beurteilung des deutschen Studententums dieser Zeit abhängen. Unser Grundsatz ist gleich dem der Urburschenschaft, die aus dem Kampferlebnis der Befreiungskriege erstand: Uns Wissen zu schaffen, das dem Volke gehört!
Nach dem Verlesen der Derpflichtungsformel wurden die neuen Kameraden, unter ihnen einige Elsässer und Luxemburger, vom Kameradschaftsführer auf den Führer und den NSDStB. verpflichtet. Der Gruß an unseren geliebten Führer beschloß den offiziellen Teil des Abends.
Anschließend biteben alle Kameraden noch e&ige Zeit gemütlich beisammen.
«
♦* Kriegsauszeichnungen. Feldwebel Heinz Schäfer aus Meßen, Marburger Sttaße 28, der bei Amiens schwer verwundet wurde, erhielt für sein tapferes Verhalten vor dem Feinde das Eiserne Kreuz II. Klasse und das Verwundetenabzeichen in Silber. — Weiter wurden für Tapferkeit folgende Angehörige eines Nachrichtenzuges ausgezeichnet: Mit dem Eisernen Kreuz II. Klasse Feldwebel Albert Starke, Feldwebel Willi R e e b und Unteroffizier Kurt Witte; mit dem Kriegsoerdienstkreuz II. Klasse mit Schwertern Feldwebel
Gießener Giadttheater.
Heinrich Strecker: „Aennchen von Tharau".
Simon Dach, 1605 in Memel geboren, Student und nachmals Lehrer in Königsberg, 1659 als kurfürstlich brandenburgischer Hauspoet an der Schwindsucht gestorben, würde heute wahrscheinlich lange vergessen sein, wenn er nicht zur Hochzeit seines Freundes Johannes Portatius mit Anna Neander, Tochter des Pfarrers zu Tharau, jenes Lied geschrieben hätte, das Herder bewundernd aus dem alten samlöndischen Platt ins Hochdeutsche übertragen hat; dieses „Anke von Tharau", noch immer lebendig und gern gesungen, ist in doppeltem Sinne charakteristisch: es ist ein Beispiel für die Poetik des Barockjahrhunderts, wo es Mode war und zum guten Ton gehörte, zum Zeitvertteib, bei Gelegenheit und auf Bestellung zu dichten; zugleich aber em Gegenbeispiel, weil es zeigt, daß auch em solches Gelegenheitsgedicht einmal allen Zauber, die Innigkeit und Fülle des Gefühls echter, volkstümlicher Liebeslyrik besitzen kann. *
Des schlichten, geschichtlichen Tatbestandes hat sich schon früh die romantische Legende bemächtigt. Auch das Singspiel von Bruno Hardt-Warden und Hans S p i r k, Gesangstexte von Hardt-Warden und Strecker, Musik von Heinrich Strecker, hat in drei Akten eine Handlung aufgebaut, in der sich Dach und Portatius als Bewerber um Anke, die ihrerseits wider Willen einem alten Geheimrat angetraut werden soll, gegenüberstehen; Liebe und Eifersucht, Personenverwechslung und hartnäckiges Mißverstehen, barocke Studentenromantik und buntes Soldaten- und Lagertreiben des Dreißigjährigen Krieges verbinden sich mit dem Thema des Dachfchen Freundschaftsliedes („Der Mensch hat nichts so eigen") in den mehr theatralisch ausmalenden als dramatisch aktiven Szenen eines Singspiels, in dem sich gefühlvolle und derbkomische Elemente mischen, in dessen Handlung und Vertonung auch andere, recht bekannte, wiewohl ziemlich abseits liegende Motive (der Herr von Rodenstein, der beliebte Volkstanz „Wenn hier een Pott mit Bohnen stecht und völlig anachronistisch, sogar Schillers .'Donner und Doria") unbekümmert eingeflochten sind. Was die Musik angeht, so bildet naturgemäß die schöne,
alte Singweise das eigentliche Leitmotiv, zu dem die obligaten, modern instrumentierten Tanzeinlagen einen wunderlichen Kontrast bilden.
Diese nicht durchaus organisch nebeneinander stehenden Elemente wurden in Herrn Grünekes Inszenierung in lebhaftem, pointenreichen Spieltempo gemischt und abgewandelt, während Herr A p e l t als Dirigent die melodische Fülle der Musik breit und klangschön ausströmen ließ und aus eine harmonische Uebereinftimmung von Orchester und Bühnenvorgang bedacht war. Nadine Galla leitete die kräftig und sauber herauskommenden Chöre, Irmgard T r ö m e l die sehr beifällig aufgenommenen Tänze; Herr Löffler hatte die räumlich und farbig gut und stimmungsvoll sich anpassende Szenerie geschaffen.
Gabriele P o s s i n k e war ein schlankes, blond- zöpfiges Aennchen, naiv, heiter, gefühlvoll, gesanglich ganz erfüllt und getragen von der innigen, warmen Melodie des volksliedmäßigen Leitmotivs. Als Simon und Johannes standen sich Herr Durst, ein edel resignierender, empfindsamer Barockpoet, und Herr Neuland, als Student und später brandenburgischer Fähnrich, auch musikalisch wirksam kontrastiert, gegenüber: das lyrisch zarte und das metallisch kriegerische Element war in der gesanglichen Linienführung der befreundeten Rivalen kennzeichnend herausgearbeitet.
Die drastisch heiteren Partien betonen, • vor allem im volkstümlichen Dialog und Tanz, Herr G r ü n e f e , der klangvoll sächselnde Königsberger Fuchs und Kürassierrekrut Schnerzlein, und die Soubrette Frl. V o g t als leichtgeschürzte, kesse Marketenderin Mariann. Frl. G o e 11 f e spielt in einer schmissigen Hosenrolle den intriganten litauischen Hetmann Sobieska. In dankbaren Chargenpartien taten sich Herr G e i g e r als gütig-strenger Kurfürst, Herr Müller als grimmiger Wachtmeister, Herr B o s n y als vertrockneter Geheimrat, Herr V o l ck als Wirt und Fräulein R i ch t e r als Zigeunerjunge hervor.
Die Premiere wurde vom zahlreichen Publikum, das verschiedene Wiederholungen herausklatschte, sehr freundlich ausgenommen. Hans Thyriot
Gullivers Abenteuer.
Von Hans JRiebou.
Er war nur ein Meter sechzig groß, unb eigentlich hieß er gar nicht Gulliver, sondern Müller ober Meier; wir wußten es selbst nicht > recht. Aber er war — wenn man feinen Erzählungen glauben durste, ein Meister eben jener gewaltigen Abenteuer, wie sie Gulliver erlebt hat, und darum nannten wir ihn so. Am Sonntag zu« Beispiel, auf dem Karne- radschastsabend, erzählte er, was er in der letzten Woche erlebt hatte, und das war nicht wenig. Er begann damit, eine Notiz aus dem Abendblatt vorzulesen:
„Dr. Stimm ist es gelungen, durch Fütterung von Kleintieren mit Hormonen ein außergewöhnliches und abnormes Wachstum der Versuchsobjekte zu erzielen. Dr. Stimm beabsichtigt, wie wir hören, seine Versuche auch auf Menschen auszudehnen. Es besteht demnach die Möglichkeit, die Abmessungen des menschlichen Körpers in geringem oder auch abnormen Maße zu vergrößern.--
„Als ich das zum erstenmal las", fuhr Grllliver fort, und steckte die Zeitung in die Tasche, „bin ich sofort zu Dr. Stimm hinausgefahren."
„Sie wünschen?" fragte der.
„Zu wachsen", sagte ich.
Der Doktor lächelte. ,Lch habe meine Präparate nur an Tieren ausprobiert —"
„(Eben drum", unterbrach ich ihn, „in mir finden Sie einen Menschen, mit dem Sie nach Belieben experimentieren können."
Dr. Stimm öffnete die Tür zum Nebenzimmer. Ein merkwürdiges Tier lief herein, eine Art Känguruh, wie es schien, nur großer und mit längeren Vorderbeinen.
„Das ist eine Ratte", sagte Stimm.
Mir rann es kalt über den Rücken.
„(Ein Krokodil", fuhr er fort, „habe ich an den Budapester Zoo verkauft, und nicht einmal Professor Jenko hat gemerkt, daß es eine Eidechse war."
Ich atmete ein wenig schwer, aber mein Entschluß blieb unerschütterlich. „Geben Sie mir von dem Präparat", rief ich, „mag daraus werden, was da will!"
Der Doktor gab mir zwei Spritzen und tun darauf noch eine. Am nächsten Tage mußte ich wiederkommen, eine Drüse wurde in der Narkose entfernt, eine andere dafür eingesetzt, wieder gab es zwei Spritzen, aber warum soll ich euch mit Einzelheiten langweilen: schon am dritten Tag begannen die Nähte meines Anzugs zu platzen, abends schlief ich auf unserm vier Meter langen Korridor, auf allen Vieren betrat ich mein Zimmer, stieß trotzdem mit dem Rücken die Türfüllung ein, am nächsten Tage fing die Polizei an, mich zu umzingeln und internierte mich in der Reitbahn. Ich aber hob das Dach ab, rollte mich in der Manege des Zirkus Curax zusammen, zerriß am Morgen das Kuppelzelt, zertrat einen Häuserblock, warf den Turm der Michaeliskirche um und fühlte bei alledem, daß ich wuchs und immer noch wuchs. Von Angst gepeinigt, stürzte ich mit ein paar Schritten durch die norddeutsche Tiefebene, watete durch die Nordsee, dann durchs Skagerrak, zwängte mich durch den Oere-Sund, stieg in Kopenhagen an Land und wollte gerade fragen, wie man am besten zum Tivoli kommt, da saust plötzlich ein Fesselballon neben mir hoch, bleibt neben meinem rechten Ohr stehen, im Korb steht ein Polizist, wirft mir einen furchtbaren Blick zu und brüllt: „Sie sind verhaftet!"
Unter diesem Blick werde ich klein und häßlich. So klein und häßlich, daß ich nach zehn Sekunden zu Hause in meiner Zwei-Meter-Normalbettstelle aufwache."
Gulliver schwieg. „Ach so!" riefen wir und taten, als ob wir alle maßlos erstaunt wären, „du hast bas alles nur geträumt?"
„Nicht alles", schüttelte Gulliver den Kops und zog zum zweitenmal die Zeitung aus der Tasche, „die Notiz im Abendblatt steht wirklich und wahrhaftig da, und gleich morgen gehe ich zu Dr. Stimm, um mich behandeln zu lassen."
„Gulliver!" lachten wir, „willst du wirklich wachsen, und wirklich den Turm der Michaeliskirche umfloßen, und wirklich —?"
Gulliver winkte mit einer Handbewegung ah. „Nicht gerade das", sagte er und trank (den wievielten?) Korn, „aber nach Kopenhagen hab' ich schon immer gern einmal gewollt."


