der staunenswert waren die Beispiele seines hand- werkskünstlerischen Schaffens, die er uns zeigte. Daraus fei hier nur hervorgehoben, daß die Neuanfertigung mancher Perücke eine Arbeitsleistung von zwei bis drei vollen Tagen erfordert und dabei mit feinstem Gerät diffizilste Arbeit geleistet werden muß. Hierauf nahm Obergewandmeister Willi E n d- r i ch uns in seinen weitreichenden Arbeitsbezirk auf. Ihm unterstehen die großen Vorräte an Kostümen, Uniformen, Kleidern, Wäsche, Lederzeug, Ausrüstungsstücken, Waffen, Lampen und Leuchtern aller Art, kurzum alle die Dinge, die man in einem Bühnenbild an Menschen, Möbeln und Zimmerausstattungen sieht. Eine schier überwältigende und geradezu phantastische Fülle von Material, das den Besucher dieser Räume aus dem Staunen nicht herauskommen läßt. An dieser Stelle in eine Schilderung von Einzelheiten dieser gewaltigen Ausstattungsoorräte eintreten zu wollen, würde ins Uferlose führen, da man beim besten Willen nicht gut das eine oder das andere hervorheben und andere ebenso wichtige Dinge unberücksichtigt lassen kann. Es mag genügen, wenn hier die Feststellung getroffen wird, daß in diesen großen Dorratsräumen auch nicht das geringste fehlt, was zu irgendeiner Ausstattung von Künstlern und Künstlerinnen für ihre Rollen bei irgendeiner Aufführung erforderlich ist, ganz gleich, ob es sich dabei um eine männliche oder eine weibliche Rolle aus längst vergangenen Zeiten, irgendeiner bedeutsamen Epoche, oder eines Geschehens in unserer Zeit handelt. Es ist hier „einfach alles dran!" Schließlich besuchten wir noch den von Meister Löffler besonders betreuten Moler- saal, in oem die Kunst mit Pinsel und Farbe, die auf der Bühne das Auge der Besucher entzückt, täglich neue Triumphe feiert. Auch hier läuft wieder alle Arbeit auf „hoher Tour".
Zum Schluß im Kellergeschoß noch ein Blick in die Rüstkammer mit ihren vielseitigen Waffenbeständen aus allen Zeiten und aus allen Ländern bis in unsere Gegenwart hinein, dann noch ein kurzer Gang durch die Lampenkammer, in der eine Fülle von Lampen, Leuchtern und anderen Beleuchtungsgegenständen aller Epochen und Arten versammelt ist, um zur gegebenen Stunde auf der Bühne in das Bühnenbild eingesetzt zu werden. Damit war unser Rundgang und Blick hinter die Kulissen des Stadttheaters beendet.
Mit diesem leistungskräftigen, vielseitigen technischen Apparat und dem reich ausgestatteten Fundus wird unser Gießener Stadttheater auch in der neuen Spielzeit wieder Bühnenbilder herausbringen können, die das Entzücken der Theaterbesucher bilden und ein würdiger Rahmen der darstellerischen Leistungen sein werden. Die Gießener Bevölkerung kann mit Genugtuung verzeichnen, daß ihr Stadttheater in so wertvoller Weise ausgestattet ist und damit im Dienste der Kunst für die Volksgemeinschaft eine technische Waffe führen kann, die an Wirksamkeit nichts zu wünschen übrig lassen wird. B.
Tageskalender für Mittwoch.
Gloria-Palast, Seltersweg: „Herz ohne Heimat". — Lichtspielhaus, Bahnhofttraße: „Mädchenjahre einer Königin".
HHeiueinM M Kraft öutdi We
Im Monat August bieten wir siebentägigen
Ferienaufenthalt
jewells von Samstag 514 Samstag im Kreis Büdingen. 3631D
Teilnehmerpreis 22 RM. (ohne Fahrt).
Nächster Aufenchalt in der Zeit vom 17. bis 24.8.1940. Anmeldungen sofort erbeten in unserer Verkaufsstelle, Seltersweg 60.
Gießener Schlachtviehmarkt.
Auf dem gestrigen Gießener Schlachtviehmarkt (Schlachtvieh-Verteilungsmarkt) in der Viehverstei- gerunashalle Rhein-Main kosteten: Ochsen 41 bis 50,5, Bullen 39,5 bis 49,5, Kühe 12 bis 46,5, Färsen 33 bis 48, Kälber 28 bis 57 Rpf. je % kg Lebendgewicht, Ziegen, das Stück 20 bis 22 RM. Für Schweine wurden je kg Lebendgewicht folgende Preise bezahlt: Klasse a (150 kg und mehr) 1,16, bl (135 bis 149,5 kg) 1,16, b2 (120 bis 134,5 kg) 1,16, c (90 bis 119,5 kg) 1,14, d (80 bis 89,5 kg) 1,08, e—f (unter 80 kg) 1,04, gl (fette Specksauen) 1,16, i (Altschneider) 1,16, g2 (andere Sauen) 1,08, h (Eber) 1,08 RM. Marktverlauf: Alles zugeteilt.
Die schöne Melusine
Roman Son Hans Richter
26. Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)
,Mer ist mein eigentlicher Arbeitsplatz", sagt Heinz.
Agnes übersieht die unscheinbare Mitarbeiterin und nickt ihr nur furi zu. Um so genauer suchen ihre Augen das ganze Atelier ab und haften an der verdeckten Figur.
„Eine größere Arbeit, die ich zur Seite geschoben habe."
„Kann man sie nicht ansehen?"
„Bitte." Die Tücher werden abgenommen, und der Torso der Melusine erscheint. Es ist wirklich nur erst ein Torso, aber man kann schon die Umrisse einer weiblichen Figur und eines Fischschwanzes erkennen.
„Eine Sphinx", sagt Agnes, weil sie in der vorigen Woche einen ägyptischen Kulturfilm gesehen hat.
„Nein, eine Melusine."
Die Augen fragen.
„Eine Frau aus der Sage. Sie lernt einen Ritter kennen, hilft ihm zu großem Ansehen und zu Reichtum, aber sie stellt die Bedingung, daß sie an jedem Samstag tun und lassen kann, was sie will."
„Warum tut sie bas?"
„Weil sie einmal in der Woche kein Mensch, sondern ein Fischweib sein muß, das ist ihre Bestimmung."
Agnes lacht. „Der Mann wird chr das nicht geglaubt haben."
„Deshalb hat sie auch nicht bei ihm bleiben können."
Agnes findet, daß von dieser Melusine, die ja auch noch nicht einmal fertig ist, genug geredet worden ist. Sie setzt sich auf einen Schemel und kokettiert mit den Beinen.
,Haben Sie eine Zigarette?"
„Bitte."
Und in den Rauch hinein: „Warum gibt man sich eigentlich mit diesem alten Sagenkram soviel ab? Einmal rst es eine Kriemhilde, eine Medea,
Schaffende sammeln, Schaffende geben!
Die 2. Reichsstraßensammlung für das Deutsche Rote Kreuz wird am 17. und 18. August durchge- sührt. Es sammeln an diesen Tagen die Deutsche Arbeitsfront, der Reichskriegerbund und das Deutsche Rote Kreuz. Die Deutsche Arbeitsfront setzt im Gau Hessen-Nassau ihre Walter und Warte als Sammler ein. Die Betriebsobmänner, Werkscharen und Werkfrauengruppen sammeln vor den Betrieben. In den Straßen werden wir Handwerker in ihrer Berufstracht als Sammler sehen.
Auf den großen Plätzen im Rhein-Main-Gebiet spielen Kapellen der Betriebe. Das Sportamt der NS.-Gemeinschaft „Kraft durch Freude" setzt seine Sportgruppen ein; Boxer, Rollschuhläufer, Gym-
nasttkgruppen treten auf, Wettspielgruppen stellen sich in den Dienst der Sammlung für das Kriegs- hilfswerk. Das Amt „Feierabend" der NS.-Ge- meinschaft ,Kraft durch Freude" leistet seinen Bei- traa zu den Sammeltagen durch Einsatz seiner Vokkstumsgruppen, die singen und spielen.
Unter dem Motto: „Schaffende sammeln, Schaffende geben!" tritt die Deutsche Arbeitsfront gemeinsam mit den beiden anderen Organisationen an und richtet an alle Werktätigen den Appell, für unsere Soldaten nach besten Kräften zu spenden und zu opfern. Die Reichsstraßensammlung wird im Gau Hessen-Nassau wieder ein voller Erfolg werden.
Das Theater des Gießeners.
Don Dramaturg G. Meuter.
Morgen erscheint das vor Tagen angekündigte Werbeheft des Stadttheaters Gießen. Mit größtem Interesse wird man es durchlesen und feftjtellen, daß das Gießener, d. h. „unser" Theater für die Winterspielzeit 1940/41 künstlerische Ereignisse von ganz besonderer Bedeutung verspricht. In der Erkenntnis, daß gegenwärtig nur das Auserlesenste geboten werden darf, hat die Intendanz einen Spielplan zusammengestellt, in dem kostbarstes Gut aus dem Schatz unserer klassischen und modernen Dichtung sich mit wahrhaften Meisterwerken der gediegensten Unterhaltungsliteratur glücklich verbindet. Das erweiterte musikalische Programm bringt beliebteste Werke früherer oder lebender Meister in großzügigster Aufmachung. Daneben sind viele interessante Morgenfeiern vorgesehen, zwei Ballet- abende und zwei Kindermärchen.
Das Theater will und muß in diesen Tagen mitverantwortlich sein für die Entwicklung der politischen Ereignisse. Nur wenn es sich bewußt ist, daß alle seine Arbeit einzig dazu dient, das deutsche Volk in seiner seelischen Abwehrstellung weiter zu festigen, erfüllt es seine ihm von der Natton gesetzte Ausgabe. Es darf in seinen Bemühungen nicht hinter der gläubigen Intensität zurückstehen, mit der unsere Soldaten im Kampf um die Selbstbehauptung unseres völkischen Daseins stehen. Indem die Bühne danach strebt, Leistungen von mitreißender Einzigartigkeit zu bieten, bewirkt sie ein Anwachsen jener Kraft, auf der die innere Front beruht.
Die Bevölkerung wird durch das Werbeheft ein-
aeladen, teilzunehmen an den festlichen Abenden der kommenden Spielzeit, die für alle eine unvergleichliche Entspannung von den Anforderungen des Tages bedeuten werden. Durch das Miterleben der schönsten dramatischen und musikalischen Werke aus allen Zeiten unseres Volkes oder der ihm befreundeten Länder wird jeder neue Kraft und Lebensfreude empfangen. Indem man genießend die Der» sckiedensten Welten vor sich erstehen läßt, wird man gleichzeitig belehrt und erhoben.
Diese einzigartigen Aufgaben aber kann das Theater nur erfüllen, wenn alle es durch ihren ständigen Besuch unterstützen. Wie sich selbst, dient jeder mit diesem Besuch dem ganzen deutschen Volke. Denn die Bühne vermag ihre seelenstärkende Kraft nur auszuströmen, wenn bereitwillig Empfangende in genügender Zahl diese Kraft auf sich einwirken lassen.
Zögere also niemand, sich für die nächste Spielzeit eine Miete zu erwerben, die für jede Woche einen festen Platz bei einer Ermäßigung bis zu fünfzig Prozent gegenüber den Tagespreisen sichert. Von feiten der Intendanz ist alles besorgt, auch hinsichtlich des Luftschutzes, um jedermann die Vorstellungen zu einem ungetrübten Genuß zu machen. Jeder Gießener sollte Besitzer einer Platzmiete sein oder, wenn er nicht die Zeit findet, wöchentlich einmal ins Theater zu gehen, sollte er sich wenigstens als Wahlmieter eintragen lassen. Denn schließlich ist das Gießener Theater „sein" Theater, für dessen Bestand und Arbeit er mitverantwortlich ist!
Aus der engeren Heimat.
Geheimrat Boeckmann f.
In Darmstadt, wo er im Ruhestand lebte, ist der langjährige frühere Kreisdirektor des ehemaligen Kreises Schotten, Geh. Regierungsrat Ernst Boeck- mann, im Alter von 77 Jahren gestorben. Geheimrat Boeckmann war ein Mann, der bei der Bevölkerung des Vogelsbergs in allen Bevölkerungsschichten viele Freunde und Verehrer hatte und der sich mit den Menschen seines Vogelsbergkreises stets eng verbunden fühlte.
In Alsfeld am 4. August 1863 geboren, besuchte Ernst Boeckmann bis Ostern 1878 die Realschule seiner Vaterstadt, dann das Gymnasium in Fulda. Nach dem Maturum im August 1882 bezog er die Universität Gießen zum Studium der Rechtswissenschaft, das ihn später noch zu den Universitäten Leipzig und Straßburg im Elsaß führte. Nach bestandener Hochschulprüfung im November 1885 wurde er zunächst am Amtsgericht Zwingenberg bis zum Dezember 1886 verwandt, dann kam er an das Landgericht in Darmstadt, wo er bis zum Juni 1887 wirkte. Hierauf war er bis zum Juni 1888 bei einem Rechtsanwalt tätig, anschließend wurde er bis zum Dezember 1888 bei dem Kreisamt in Darmstadt beschäftigt. Im April 1889 bestand er die Staatsprüfung. Dann fand er seine erste Verwendung im Staatsdienst beim Kreisamt in Alzey bis zum Dezember 1892. Von Alzey wurde er an das Kreisamt in Worms versetzt, wo er bis zum 31. Juli 1894 tätig war. Anschließend wirkte er als Amtmann an der Landesoersicherungsanstalt Hessen bis zum 30. September 1897. Nun kam er an das Kreisamt in Gießen, wo er vom 1. Oktober 1897 bis Ende November 1901 als Kreisamtmann arbeitete.
Von Gießen wurde er als Kreisrat nach Büdingen versetzt, wo ihm im November 1913 in Anerkennung seiner Verdienste der Titel Geheimer Regierungsrat verliehen wurde. Auf seinen Antrag wurde er am 1. Oktober 1920 nach Schotten versetzt, wo er Kreisdirektor wurde. Dort wirkte.er bis zu seinem Ueber- tritt in den Ruhestand Ende 1928 als Kreisdirektor an der Spitze des Vogelsberg-Kreises. Neben seinem Amt war er ehrenamtlich noch von 1901 bis 1920 als Vorsitzender des Landwirtschaftlichen Bezirksvereins Büdingen, ferner von 1901 bis 1920 des Kreis-Obst- und Gartenbauvereins Büdingen, von 1921 ab als Vorsitzender des Lamdwirtschaftlichen Bezirksvereins Schotten, sowie des Kreis-Obst- und Gartenbauoereins Schotten tätig.
Sowohl als Mensch, wie als Beamter konnte sich Geheimrat Boeckmann überall größter Wertschätzung erfreuen. Seine ausgezeichneten Charaktereigenschaften und sein allezeit freundliches, verbindliches Wesen im Umgang mit jedermann machten ihn zu einem wahrhaft volkstümlichen Menschen. Im Vogelsberg, darüber hinaus aber bei allen, die ihn kannten, wird Geheimrat Boeckmann ein ehrendes Andenken bewahrt werden.
Bürgermeisterversammlung des Kreises Alsfeld.
§ Alsfeld, 12. August. Unter dem Vorsitz von Landrat Dr. Sch n h a l s fand eine Arbeitstagung der Bürgermeister des Krei - f e s Alsfeld statt.
Vor Eintritt in die Tagesordnung gedachte Landrat Dr. Schönhals der großen Erfolge unserer
ein Sieafried oder ein Lohengrin. Kann man sich das nicht einfacher machen?"
Zum ersten Male mischt sich jetzt Greta Krayick in die Unterhaltung ein. „Der Künstler will ja keine Einzelschicksale formen, sondern er will seiner Gestast eine tiefere Bedeutung geben. Melusine hat, wie jeder von uns, ein Schicksal, und über dieses Schicksal kommt sie nicht hinweg. Deshalb braucht sie das Vertrauen ihres Mannes. Als sie es verliert, muß sie ihn verlassen. Ein echtes Kunstwerk soll nicht nur durch seine Linien erfreuen. Es soll auch zum Nachdenken anregen."
Heinz Deetjen holt nun auch, was er vorher hätte tun sollen, die Vorstellung der beiden Damen nach. Greta Kranick aber meint, genug gesagt zu haben, und geht an ihre Arbeit zurück, unv Agnes Sprenger wieder ist diese Frau unheimlich. Deshalb sucht sie nach einem Abgang.
„Ich werde jetzt wirklich erwartet, Herr Deetjen."
Draußen nimmt das Gespräch eine andere Wendung. Agnes will wissen, ob ihr neuer Bekannter, den sie schon ganz für sich in Anspruch nimmt, heute abend nach Lüchow kommt, und warum er gestern nicht gekommen wäre.
„Sie können doch gut mit uns fahren", sagt sie.
Er lacht. „Und wie komme ich zurück?"
„Muß das denn fein?" kokettiert sie. Als sie aber hört, daß er, wenn überhaupt, das Motorrad nehmen will, ist sie Feuer und Flamme und belegt für sich den Soziussitz.
Heinz zögert. Gestern ist er Tilde ausgewichen. Eigentlich dumm. Heute wird er ihr nicht aus- weichen, nein, heute wird er ihr zeigen, daß er, wenn er nur will, an jedem Finger eine Frau haben kann.
Die gnädige Frau soll sich ärgern.
„Also fahren wir nach Lüchow", sagt er.
Schade nur, daß am Abend der Vogel, der geärgert werden soll, ausgeflogen ist. Auch gut, denkt Heinz. Fragen mag er nicht mehr.
24.
An eben diesem Abend steht Tilde vor der „königlich privilegierten Apotheke" in Utrin und fragt nach ihrer Freundin Lotte Mewes. In der Apotheke steht nur der Provisor. Der Apotheker und sein Schwiegersohn sind auf einen Dämmerschoppen im Märki
schen Hof verschwunden. Frau Mewes sitzt hinten im Garten.
Mit dieser Auskunft begibt sich Tilde nun auch ihrerseits in den Garten und findet Lotte, die sich gerade von dem Schlaf ihres Stammhalters über» deugt
„Man muß aufpassen, damit keine Mücken hinter die Gardinen kommen", flüstert sie und schiebt den Kinderwagen beiseite. „Siehst du, in dem hab' ich auch einmal gelegen", fährt sie dann fort. „Vater hat ihn wieder ausgegraben und neu machen lassen, damit wir, wenn wir einmal auf Besuch kommen, nicht alles mitbringen müssen. So sind die Leute in Utrin, die haben Platz, und Ruhe haben sie auch. Wenn ich mal erst Großmutter bin —"
„Du hast ja noch Zeit", tröstet Tilde, die kaum zugehört hat. „Also, dein ,Lottchen' hab' ich dir zu- rückgebracht, es liegt unten bei Gottlieb Kurzing."
„So eilig roar’s ja nun auch wieder nicht", meint Lotte. „Morgen oder übermorgen. Nicht wahr, den ganzen Tag kann ich von dem Jungen ja doch nicht weg, und Fritz allein mag nicht fahren."
„Ich brauch's auch nicht mehr", sagt Tilde kurz.
Jetzt erst wird Lotte hellhörig. „Was ist denn los, Tilde?"
„Ich fahre nach Berlin."
„Hast du gestern schon gesagt, aber du kommst doch wieder?^ Sie hat die Freundin in die Laube in der äußersten Ecke des Gartens gezogen, in der sie schon als Mädels immer miteinander gehockt haben. Es sind schon manche Sorgen in dieser Laube besprochen worden.
Tilde zerpflückt ein Blatt, das sie gedankenlos abgerupft hat, in winzig kleine Stücke. „Weiß ich nicht, Lotte", sagt sie. „Vielleicht £omme ich auch nicht wieder."
In solchen Fällen haben Fragen keinen Zweck und pflegen auch die Klarheit nicht zu fördern. Lotte und Tilde sind lange genug miteinander befreundet, um auch einmal eine Weile schweigen zu können. Das tun sie jetzt gründlich.
Erst nach längerer Zeit fällt wieder eine Frage. „Kann ich. hier bei euch in Utrin schlafen?"
„Kannst du. Die alte Apotheke ist groß genug. Ist was mit Tante Malwine?"
„Nein, es ist nur, weil ich morgen schon den Frühzug nehmen will. Vater oerträgt keine Unruhe, und von Steinbergen muß man erst über den.
Wehrmacht, die sich feit der letzten Bürgermeister« tagung ereignet haben, in Worten höchster An* erfennung. Die großen Erfolge sollen für die Hei- matfront ein weiterer Ansporn zu höchstem Emsatz sein. Der Landrat gab alsdann verschiedene dienstliche Mitteilungen über einzelne Derwaltungsge« biete, die gegenwärtig im Vordergrund des kommunal-politischen Lebens stehen, insbesondere auch über die Brennholzverteilung.
Regierungsinspektor Schwing behandelte als ersten Punkt der Tagesordnung das Thema „Die Vereinheitlichung des Bezugscheinwesens für Lebens- mittel". Er erläuterte die hauptsächlichsten Bestimmungen der Neuregelung unter besonderer Hervorhebung der Abweichungen gegenüber den seitherigen Vorschriften. An das Referat schloß sich eine rege Aussprache.
Regierungsinspektor Kneifel sprach über die Erfassung der weiblichen Jugend für den Reichsarbeitsdienst und erläuterte auf Grund der vorhandenen Formulare, die für die Bürgermeister hauptsächlich zu beachtenden Gesichtspunkte bei der Auf-
Ste ezkalteK wöckcwtlUk
eine Dose der nahrhaften und bekömmlichen
NESTLE KINDERNAHRUNG
für Kinder bis zum Alter von 1’/» Jahren gegen Berechtigungsschein, den das Ernöhrungsamf bzw. die Kartenstelle ausstellt,
Broschüre „Ratschläge eines Arztes* kostenlos und unverbindlich durch die
DEUTSCHE AKTIENGESELLSCHAFT *
FÜR NESTLE ERZEUGNISSE /
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stellung der Pflichtstammrollen. Danach werden zunächst alle ledigen weiblichem Personen des Jahrgangs 1922 erfaßt.
Regierungsbaurat Df) au s gab einen Ueberdlick über den Stand der Kohlenversorgung für den kommenden Winter. Lehrer Dollinger berichtete für das Wirtschaftsamt des Landkreises Alsfeld über das Ergebnis der bei einer Anzahl von Wirtschaftsamtsnebenstellen im Kreis Alsfeld vorgenommenen Revision, die durchweg zufriedenstellend ausgefallen ist. Der Referent gab noch verschiedene wichtige Hinweise für die Ausstellung von Bescheinigungen auf dem Gebiete der Bezugscheinwirtschaft und der Lebensmittelversorgung.
Landrat Dr. Schönhals schloß die Tagung mit Worten voller Anerkennung für die außerordentlich schwierige und umfangreiche Tätigkeit unserer ehrenamtlichen Bürgermeister auf dem Gebiet der Kriegswirtschaft, die für diese eine immer größere Arbeitsbelastung mit sich bringe. Um so mehr fei chr arbettsfreudiger Einsatz anzuerkennen. Die Tagung wurde dann in der üblichen Weise geschlossen.
Landkreis Gießen.
8. Lang-Göns, 14. August. Sattlermeister Anton Karl B e p p l e r, Breitgasse, Bann am 16. August seinen 8 3. Geburtstag bei Verhältnis- mäßig guter geistiger und körperlicher Frische feiern. Wir beglückwünschen den Jubilar herzlich.
Fleischdiebstähle im Marburger Schlachthof.
LPD. Marburg. In der letzten Zeit sind im hiesigen SchlachthofgrößereFleischdieb- stähle vorgekommen. Die polizeilichen Ermittlungen führten zur Feststellung von vier Personen als Täter, von denen zwei festgenommen und dem Richter vorgeführt worden sind. Das gestohlene Fleisch wurde an Gaststätten verkauft.
Frankfurter Schlachtviehmarkt.
Frankfurt a. M., 14. Aug. (Vorbericht.) Es kosteten: Kälber 25 bis 59, Hämmel 30 bis 49, Schafe 12 bis 44, Schweine 53 bis 59 RM. Marktverlauf: Zugeteilt.
See fahren. Ich störe euch auch gar nicht. Ich stehe auf, trinke meine Tasse Kaffee am Bahnhof und verschwinde."
„Was willst du eigentlich in Berlin?"
„Mit dem Auto nach Utrin fahren."
Jetzt wird es der guten Lotte doch zu bunt „Liebe Tilde", setzt sie an. „So heiß roar’s heute doch gar nicht —"
„Du hast mich gestern ja mit Hellwig gesehen, und du weißt, daß ich zu Hellwig & Holzmann gehe. Ich führe morgen einen ganzen Pulk Menschen nach Utrin, setze sie hier auf Apels „Theodor" und fahre dann mit ihnen weiter nach der Wald- mühle. Für alle diese guten Leute und dafür, daß sie sich bis Sonntagabend besser amüsiert haben, als sie es sich vorher gedacht hatten, bin ich verantwortlich. Wenn du willst, kannst du von Utrin aus mitkommen."
„Ich denke nicht daran. Du könntest ja auch in Utrin einsteigen."
,Kann ich nicht. Ich habe nämlich so etwas wie eine Verantwortung. Aber eines sage ich hier, in der Waldmühle und am Endsee ist morgen allerlei los."
„Und wenn das vorbei ist, Tilde, dein Urlaub ist doch noch nicht zu Ende?"
„Vielleicht fahre ich dann in den Harz — oder ich lege mich bei Vatern und bei Tante Malwine drüben in Steinbergen in den Garten. Ich weiß wirklich noch nicht, was ich tun soll."
Als die Männer aus dem Märkischen Hof zuruck- kommen, erfahren sie nur, Tilde sei da, sie habe sich jedoch, da sie sehr müde gewesen sei, schon zurückgezogen. Und morgen früh —.
Tilde hat nur das fieine Köfferchen in der Hand, in dem man gerade das Notwendigste unterbringen kann, als sie durch das schlafende Utrin zum Bahnhof schlendert. In Wirklichkeit ist ja erst der kleinste Teil ihres Urlaubs vorbei, und doch Bann sie gegen eine gewisse Urlaubsendstimmung beim besten Willen nicht anfämpfen.
Denn eins weiß sie gewiß: so, wie es gewesen ist, wird es nicht wieder.
Wenn man solch innere Bilanz macht und alles durchdenkt, fängt die Zeit an, sich zu dehnen. Es ist noch keine Woche her, daß sie Utrin mit dem „Lotteken" verlassen hat. Aber diese Woche hat es gut mit ihr gemeint. (Fortsetzung folgt)


