Nr. M Zweiter Blatt________________Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen)__________Mttwoch, 14- August 194(1
Aus der Stadt Gießen.
Schlechtes Wetter in der Natur.
In diesen Sommertagen gilt der erste Blick am Morgen dem Himmel und dem Barometer, spielt doch die „Wetterlage" jetzt nicht nur im Leben des einzelnen, sondern auch im Weltgeschehen eine große Rolle. Aber neben diesen beiden Wetterpropheten des Privatmannes gibt es noch andere Anzeichen für die Gunst oder Ungunst des Wettergottes, und sie sind zuverlässiger als die Himmelsbläue, die bald von dunklen Regenwolken überdeckt sein kann, oder die graue Wolkendecke, die oft in wenigen Stunden von der strahlenden Sonne verscheucht wird, oder auch als das Barometer, das plötzlich einen unerwarteten Sturz tut. Wer das Leben in der Natur zu beobachten versteht, der kann sich die Auskünfte jener beiden Propheten leicht in zuverlässiger Weise ergänzen. So macht sich überall in der Tier- und Pflanzenwelt ein nahender Regen schon lange bemerkbar.
Zunächst betrachten wir das Benehmen der Vögel in Der Luft und auf der Erde. Im Hühnerhof weicht die idyllische Ruhe einem aufgeregten Durcheinander, die Hühner laufen umher und wälzen sich im Staub, die Enten sind nicht minder lebhaft und tauchen im Tümpel unter, die Pfauen lassen immer wieder ihren harten gellenden Ruf erschallen, die Tauber vergessen die Tageszeit und scheinen unschlüssig, ob sie nicht gleich ihren Taubenschlag aufsuchen sollen. Die Schwalben geben ihren kreisenden Hochflug auf und schießen dicht über die Erde hin, um die Insekten zu verfolgen, die sich aus der freien Luft auf den Boden gerettet haben. Der Buchfink kündet mit heiseren Rufen den Regen an. In einem Winkel des Hofes kratzt sich die Katze hinter dem Ohr und reibt sich mit ihrer Pfote das Fell, wie wenn sie einen unsichtbaren Fleck wegwischen wollte. Die Bienen bleiben im Stock oder kehren schwärmend zu ihm zurück, sie verlieren sogar ihre Friedferttg- keit und stechen einen ahnungslosen Spaziergänger, wenn sie einen Sturm voraussehen. Die Spinnen, die so eifrig an ihren Netzen gewoben, halten in der Arbeit inne und hängen müde und stumpf an ihren Fäden.
Auf dem Erdboden fehlt es ebenfalls nicht an Vorboten des schlechten Wetters. Die Würmer dehnen und strecken sich, die Kröten kommen aus ihren Löchern und erscheinen zahlreich auf dem Felde. Am Wasser sttmmen die Frösche ihren stärksten Ehor an und rufen mit ihrem Koaks-Krekekekes den erwünschten Regen gleichsam vom Himmel herunter. Selbst in der Wasserwelt wird man schon vorher gewahr, daß sich ein Umschwung vollzieht, die Fische springen aus dem Wasser hervor und erregen auf dem vorher so ruhigen Wasserspiegel eine Menge konzentrischer Kreise, die sich immer weiter ausbreiten, bevor sie vergehen. Ein besonders seines Gefühl für Gewitter hat der Schlammbeißer, der schon vierundzwanzig Stunden vor Ausbruch des Unwetters sich sehr unruhig gebärdet, vom schlammigen Grund emporkommt, ängstlich unter beständigem Luftschnappen hin und her schwimmt und so mit Fug und Recht seinen Namen „Wetterfisch" verdient. Die Laubfrösche, diese Barometer der Natur, verlassen das Wasser, zeigen sich, klettern aus dem Gefäß heraus, in das man sie gesteckt hat ...
Und auch die Pflanzen geben ihre Vorzeichen. Der Klee, der bei schönem Wetter gebückt dasteht, richtet seine Stengel empor, wenn es regnen soll, der Schwarzkümmel richtet sich empor, wenn kalte Witterung bevorsteht, er sinkt zusammen, wenn es warm werden wird. Richten sich die Blätter des Sauerklees auf, dann gibt es Sturm, schließen sich die der Narzisse, steht ein Unwetter bevor. Die Blüten der Winde und des Sauerampfers schließen sich, während die des Lattich sich öffnen: bald wird Regen fallen. So gibt es zahlreiche Anzeichen in der Natur, die uns das Wetter von heute und morgen verkünden.
Deutsches Krauenwerk.
Gießen-Nlitle.
Zellenabende: Zellen 7, 8, 9 am Mittwoch, 14. 8., im „Löwen", Neuenweg, um 20% Uhr. — Zellen 10, 11, 12 am Donnerstag, 15. 8., im U. C. um 20% Uhr.
Unbekannte Arbeit im Gießener Gtaditheater.
Ein reich ausgestatteter Fundus als wertvolle Grundlage.
Im Gießener Stadttheater herrscht wieder Hochbetrieb. Alle Kräfte sind eifrig am Werk, die neue Spielzeit vorzubereiten. Da werden Stücke gelesen, die Rollen gelernt, Sprechproben gemacht, gelungen und musiziert, einzeln und im Chor, immer und immer wieder, bis die künstlerische Arbeit, von Stufe zu Stufe aufwärts führend, schließlich das von den verantwortlichen Spielleitern und als höchste Instanz von dem Intendanten geforderte Leistungsergebnis erzielt hat. Daneben sind die technischen Hilfskräfte, die jahraus und jahrein unsichtbar für die Theaterbe- ucher und nicht umrauscht von dem Beifall des
Der Maskenbildner bei der Perückenarbeit.
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Publikums tätig sind, nicht minder eifrig am Werk. Hinter den Kulissen erfüllen sie ebenso tat- froh und pflichtbewußt wie die Künstlerschaft ihre Aufgaben. Mit Recht kann daher betont werden, daß der Beifall der Theaterbesucher bei den Aufführungen zu einem großen Teile auch ihnen, den unsichtbaren und unhörbaren Helfern und Helferinnen gilt.
Wir hatten am gestrigen Dienstag Gelegenheit, uns bei den Vorbereitungsarbeiten für die neue Spielzeit hinter den Kulissen unseres Stadttheaters umzuseh-rn. Im Vordergründe der Arbeit stehen natürlich die zunächst auf den Spielplan gesetzten Aufführungen: die Operette „Paganini" von Lehar, die zum Schluß der Lustspiel-Werbewoche in Gießen aufgeführt wird, das Lustspiel „Der Triumph des Tobias", das Schauspiel „Iohannisfeuer" und als erste Verdis Oper „Die Macht des Schicksals". Der Laie kann sich kaum eine Vorstellung machen von dem außerordentlich weiten Ausmaß der Vorbereitungen, die für eine Aufführung schon wochenlang vorher einsetzen müssen. Mit dem Lesen des Manuskripts und seiner Annahme ist der erste Schritt getan. Dann müssen die Rollen besetzt und festgelegt werden, mit dem Bühnenbildner ist die Gestaltung des Bühnenbildes zu besprechen, die Bühnenmotive sind zu markieren, bei größeren Aufführungen sogar durch Modelle vorher festzulegen, Kostümfragen sind zu besprechen und Kostüme und Bühnenbild in Farbe und Ausstattung sowie in historisch treuer Gestaltung aufeinander abzustimmen, im Bühnenbild muß die Sicherstellung des Stimmungsgehalts des Stückes gewährleistet werden, mit dem Maskenbildner sind die nicht minder wichtigen Fragen der Perücken- und Maskenbildung zu besprechen, ebenso wichtig sind die Beratungen
mit dem Gewandmeister über die vielfältigen Kostümfragen und eventuelle Neuanschaffungen oder Aenderungen von Kostümen, alle Fragen der Beleuchtungstechnik und Lichteffekte sind gleichfalls ein Kapitel der Vorbereitungsarbeit, dem große Bedeutung beizumessen ist: kurzum: es ist eine Unsumme von Beratungs- und Besprechungsarbeit mit vielen großen und kleinen Dingen, die gewissermaßen Der Vortrupp Der künstlerischen Arbeit ist. Aus diesen Besprechungen kristallisieren sich dann die teils Handarbeitlichen, teils handwerkskünstlerischen Aufgaben heraus, die in den technischen Werkstätten zu erfüllen sind. Hier müssen — und in Gießen ist das erfreulicherweise der Fall — ganze Könner, ja Meister ihres Faches am Werke fein, um jederzeit den vielfältigen Erfordernissen gerecht werden zu können. Dazu gehört auch ein mit reichem Material ausgestatteter Fundus, bei dem es niemals eine Niete, d. h. irgendein Fehlen von Ausstattungsgegenständen geben Darf. Der Fundus unseres Stadttheaters wird diesem Erfordernis gerecht, trotzdem wird in anerkennenswerter Weise von bet Intendanz und der Stadtverwaltung fortlaufend Darauf gesehen, Daß ständig Erneuerungen unD Ergänzungen angeschafft roerDen, um Den FunDus im Hinblick auf Das ver- pflichtenDe hohe künstlerische 91 i De.au unseres StaDt- theaters stets auf Der Höhe zu halten.
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Unserem Blick hinter die Kulissen erschloß sich, nach dem Besuch in der Dramaturgie, auf einem Rundgang unter Führung des Dramaturgen Dr. Schnei oer-Facius der ganze technische Apparat unseres Stadttheaters. Zunächst wandelten wir in dem vom Bühnenbildner Karl Löffler mit Liebe und Sorgfalt betreuten Kulissenhaus an Der Iohannesstraße herum. In Dem großen Speicherraum sahen wir eine Fülle von Kulissenmaterial aller Art in sorgsamer Uebersicht aufgestapelt. UnD Dabei ist in Diesem Bau nur ein Teil des Kulissenmaterials untergebracht, währenD in dem großen Bühnenhaus Des StaDttheaters weitere umfangreiche Materialien aller Art für Den Kulissenbau aufbewahrt find. Ein übersichtliches System Der Stapelarbeit ermöglicht es. Die für Die verfchieDenen Aufführungen gebrauchten Stücke in kürzester Zeit zur Verwendung bereitzustellen. Alle Mitarbeiter in diesem Zweig des Theaterbetriebs sind durch jahrelange Tätigkeit genau im Bilde, so daß es keinerlei Umstände gibt, wenn der Auftrag zur Bereitstellung des Kulissenmaterials für die verschiedenen Zwecke kommt. In dem Kulissenhaus an der Jo- hannesstraße befindet sich übrigens auch noch eine kürzlich neubeschaffte (zweite) Probenbühne, mit deren Benutzung Die EinstuDierung einzelner Szenen wesentlich gefördert wird. Ferner ist hier die Materialbibliothek des Stadttheaters mit rund 3000 Stücken kompletten Aufführungs -- Materials untergebracht.
Im Bühnenhaus des Stadttheater - Gebäudes konnten wir uns zunächst in dem eigenen Schreinerei-Betrieb umschauen. Hier werden alle Holzarbeiten für den Kulissenbau, aber auch Modellarbeiten für den Bühnenaufbau in kunstfertiger Arbeit nach den Anforderungen der jeweiligen Stücke hergestellt. Bei unserem Besuch sahen wir z. B. mancherlei Stücke fertiggestellt ober im Entstehen begriffen, die in Kürze den Besuchern der Operette „Paganini" auf der Bühne begegnen werden. Meister Löffler
Im Malersaal werden Spruchbänder hergestellt.
kann hier seine Gedanken und Entwürfe durch die geschickte Handwerkerkunst des Schreiners beliebig Gestalt gewinnen lassen. Durch eine Fenster- und Türenkammer, in der etliche Dutzend Fenster und Türen aller Art, nebenbei auch noch manches andere Material aufbewahrt sind, kamen wir in den weiten Kulissenraum mit seinen vielen großen Aufbauten für die Gestaltung der verschiedensten Bühnenbilder. Das in großer. Zahl hier bereitgestellte Material findet fast an jedem Spielabend ausgiebig Verwendung, weshalb es unmittelbar bei dem eigentlichen Vühnenraum mit seiner Drehbühne untergebracht ist.
Dann stiegen wir hinauf in das zweite Obergeschoß des' Bühnenhauses, wo sich die Arbeitsräume des Maskenbildners und des Gewandmeisters befinden. Der Perücken- und Maskenbildner Emil Kraft konnte uns Dort mit Feinheiten feiner Handwerkskunst überraschen, Die Dem Fachmann zwar geläufig sinD, bei Dem Laien aber Doch BewunDe- rung Hervorrufen müssen. Was wir Dort an Perücken aller Art in stänDiger Vorratshaltung zu sehen bekamen, übertraf alle unsere Erwartungen: nicht mim»
Eifrige Arbeit roirb in ber Schneiberei bes Gewanbmeisters geleistet.
(Aufnahmen [3J: Dr. Schneiber-Facius.)_______________
W
üluqen steht geschützt in einem steinernen Schilder-I oben türmen sich zerschriindele B-r-chäupier empor.! geheure Stille ist hier heroben und ungeheure Er.
fiaus. Dann sucht der Weg an einer altersgrauen Schneeslecke in den Salten ihrer uralten Stern-1 starrung. Nur in den ziehenden Wolken über den
Kapelle norbei zu niedrigen schindelgedeckten chäu- gesichter. Fast zu rasch für unser Schauen ist die Braten und EisMpseln ist lautlose Bewegung
fern. Kinder scharen sich um uns und lachen uns Pasihöhe mit dem behäbigen Wirtshaus erreicht. Plötzlich aber gewahren w r doch emeleise Re-
Hoch
unverfälschten Tiroler Dorf: Rinnen.
Auf steilem Bergpsab steigen wir noch über das Dorf hinan und schauen in die Runde. Welche Fülle von Kuppen und Bergspitzen ringsum: schroff zackige Felsgipfel und sanft gerundete „Grasmugel", begrünte St eil hänge und zerklüftete Wände mit Schneeflecken darin, — „Sommerschnee"! Wie berührt der Anblick dieser weißen Flecken unser Herz! Eine Weile Bergsommer, bann werben sie roieber wachsen. Ja, schon morgen kann bort oben über ben Latschen alles weiß sein.
Latschen hineingefressen.
Genußvoll beschwingt ist am frühen Morgen das mühelose Hinabrollen ins Inntal. Eine von Pappeln gesäumte, altertümlich schmale Straße geleitet uns weiter nach Innsbruck. Es ist wirklich Die Herzstadt des Landes, eine einmalige, unvergleichliche Alpenstadt, genügend bekannt und gepriesen.
Schon im Begriff, Tirol innabwärts zu verlassen, nimmt uns noch einmal ein Seitental gefangen: bas Zillertal. Wir sind schon verwöhnt: bis Mayrhofen fühlen wir uns nicht sonderlich erschüttert. Aber dann geht's wieder gewaltig bergan, und keine geringe Strecke! Das Hochtal wird immer enger, immer wilder, immer weltverlorener. Alte, malerische Holzhäuser kleben an den Hängen. Eine riesige Geröllhalde kommt bis an Die Sttaße heran. Gleich darauf endet die Sttaße in einem Dörfchen aus wenigen Häusern, und auch das Hochtal ist zu Ende. Wir sind in einem äußersten Winkel Tirols. Doch der kleine Ort ist bekannt: er hat eine inarme Quelle, mit Schwimmbad auch im Freien, Darin man schon im Februar, inmitten von Schnee und Eis herumplätschern kann: Thermalbad Hm- tertux.
Wir sind zu Gast in einem geräumigen, blitzsauberen Haus. Fast alles darin ist aus blankem Holz, Dutt des Holzes ist überall. Vom Balkon aus schauen wir über die Gletscher hin. Die Sonne daraus gleißt und blendet. Gletscherweiß und Himmelsleuchten verschmelzen ineinander.
Beim Aufstieg zur Höhe erleben wir das Mo- numentalbilb eines Wasserfalles, der inmitten eines weiten Halbrundes kahler Wände schäumend herabstürzt, — einzige brausende Bewegung in einer Szenerie von erhabener Starrheit. Weiter oben stapfen wir im Schnee.
Eine Weile sitzen wir auf einem blanken Felsblock und schauen über die Firne und Täler. Un
fern. Kinder scharen sich um uns und lachen uns an mit treuherzig offenem Blick. Wir sind in einem
benennt...
Liebe zu den Bergen! — Uns wird bet dieser Begegnung ein wenig schwer ums Herz.
Karten zur Zeitgeschichte.
Die neuen Karten des JRO-Verlages Carl Krem- ling, München 2, Karlstraße 53, Jro-Spezialkarts Nordwesteuropa, Maßstab 1:1400 000, Größe 88X: 118 cm, Preis 1,50 RM. und Iro-Spezialkarte England, Maßstab 1:1 400 000, Größe 59 X 88 cm, Preis 1 RM. zeigen in einem äußerst günstigen Maßstab England mit den wichtigsten befestigten Häfen. Besonders bemerkenswert ist, daß ift diesen Karten neben den Eisenbahnlinien auch Die Straßen enthalten sind. Die Jro-Spezialkarte NorDmest- europa stellt Die Entfernungen Der Britischen Inseln von Deutschland, den Niederlanden, Belgien und Frankreich dar. Wegen ihrer reichen Beschriftung sind beide Karten zur Verfolgung des Endkampfes mit England hervorragend geeignet. Auf der Jro- Karte M i 11 e l m e e r, Maßstab 1:5 000 000, Größe 59 X 88 cm, Preis 1 RM., lassen sich die Ereignisse im Mittelmeer besonders gut verfolgen. Die reiche Beschriftung dieser Karte ist vielfarbig gedruckt. Die befestigten Häsen sind durch rote Dreiecke gekennzeichnet und sehr übersichtlich sind die Entfernungen von Den wichtigsten Punkten im Mittelmeer angegeben. Eine wertvolle Ergänzung dieser Jro-Karte stellt die Nebenkarte Afrika dar, die Die Lage Der Deutschen unD italienischen Kolonien zeigt.
Das Abendbrot vereinigt uns mit einer Bauernfamilie am runden Tisch. Wir erleben das besondere Anheimelnde einer Bergbauernstube. Ofen und Herrgottswinkel bestimmen den Raum. Aber der Herrgott ist nicht der Gekreuzigte; es ist ein segnender gütiger Gottvater, eine kunstvolle Schnitzarbeit, von Den Ahnen ererbt.
Wir lernen einen alten Tiroler kennen, mit weißem Bart unD Augen von jenem Blau wie das des Himmels über den Bergen. Er spricht mit tiefem Baß, langsam und melodisch. Sein Lachen ist voll Herzlichkeit. Trotz unserem guten Mannesalter nennt er uns einfach „Buam" und redet uns mit „Du" an; wir empfinden das von ihm als Auszeichnung.
Frisch und leicht ist unser Erwachen am Morgen. In milder Sommerwärme steigen wir hinauf zwischen duftenden Latschen, empor zum kühlen Firnwind und über steinige öde Halden zum Gipfel des Thaneller. Ganz frei ist nun der Blick auf die mächtige Heiterwand, die «Das Rotlechtal abschtießt, in strenger Reinheit aufragend, steile glatte Geröllfelder zu ihren Füßen. Vom windumwehten Gipfelkreuz aus schauen wir südwärts hinüber bis zu den Gletschern des Oetz- und Stubaitales. Auf der anderen Seite des Bergs, tief unten an abstürzende Wände geschmiegt, glänzen Zwei schmale Seen: Plansee und Heiterwanger See.
Alles in unserem Gebirgswinkel verfuhrt zum Bleiben; auch Die Menschen. Doch da ist noch die Lockung des Fernpasses!
Mühelos ist unsere Abfahrt wieder hinaus das Tal bis Lermoos. Doch Dann windet sich die Sttaße - — ' -■ r -v —3 Seen
gung zwischen Den halbverschneiten Latschen. Ein biegsamer Zweig hat seine Schneelast abgeworfen und sich aufgerichtet. Dann und wann wieDerholt sich Da und Dort Dies leise Ereignis. UnD unser Schauen unD Lauschen auf Dem Bergjoch ist unsere schönste unD erfüllteste StunDe in Tirol.
Mit Der Bahn fahren wir Durch Das Alpenvor- lanD roieDer hinaus ins Flache. Auf Der Landstraße neben Den Schienen fahren uns zwei junge Bur- scheu entgegen, auf schwerbepackten RäDern. Sie müssen kräftig bergan treten, unD sie halten ein gutes Tempo. Ihr Blick ist gebannt vorausgerichtet. Sie sehen vor sich Den Wall Der Alpen, unD sie sind ganz erfaßt von Diesem EinDruck. Der eine hebt Den Arm unD Deutet süDwärts, inDes sein MunD etwas
Mit dem Fahrrad durch Tirol.
Don Joseph Baur.
Der Urlaubsschein meines Kameraden galt bis Garmisch. Nun stehen wir — mit schwerbepackten Fahrrädern — auf dem Marktplatz und fragen ein luftiges, helläugiges Liserl, wo so ein ganz entlegener, stiller Gevirgswinkel wäre. „Ja mei'", lachte sie, „da müaßt's hinein nach Tirol!"
Vierzehn herrliche freie Tage liegen vor uns. Frohgemut folgen mir dem Wegweiser „Fernpaß— Innsbruck". Waldbewachsene, wetterzerzauste Steilhange engen allmählich die Straße ein. Hinter Griesen, da merken mir plötzlich: jetzt sind wir nicht mehr in Bayern. Eine Tafel am Straßenrand lädt zum „Jausen" ein. „Tabak-Trafik" verkündet ein Schildchen an einem Haus. Und selbstherrliche Kühe wandeln unbeirrbar gelassen mitten auf der Fahr-
Sanftes Hinabrollen auf glatter Straße erleben wir fast wie Flug. Im Hinaufwandern zur Miemin- ger Höhe ergibt sich ein Nahblick auf einen Berg mit wuchtigem, dreigeteiltem Gipfelaufbau, kahl und zerzackt, mächtige Lawinenrinnen in den steilen Flanken: der Wanneck. Weitverzweigte Geröllausläufer haben sich in das wollige Dunkelgrün der
bahn.
Dann öffnet sich der Blick in die Runde zwischen Lermoos und EhrwalD, und rasch mäßigen wir unsere vorwärtsdrängende Ungeduld. Wir steigen ab und schauen. Das also ist Tirol! Die Zugspitze zeigt sich hier von ihrer großartigsten Seite. Kühn ragt die Sonnenspitze, Das „Matterhorn" Der Miemin- ger Kette, in Den Himmel; man möchte sie auch abenDs sehen, vom letzten Sonnenlicht beglänzt. Ueber Lermoos steht in steinerner Majestät Die ®artner= roanD. Nach Südwesten hin wuchten breitrückige Berge, wie schlafende Urwesen, mit viel grüner Grashaut über mächtigen Steinskeletten. Dahinter müssen die versprochenen stillen Gebirgswinkel sein.
Den Fernpaß behalten mir uns vor. Wir fahren die begrünten Berge entlang und Dann hinein in «in Seitental. Hinein? Hinauf! Jäh führt Der steinige Weg bergan. Wir steigen ab unD manDern; der schwere Rucksack ist auf Dem RaD, Das wir nebenher schieben, kaum zu spüren. Immer eindrucksvoller werden Die Bergbilder. Die Straße mündet in eine Hochmulde von grünen Matten. Darein gebettet liegt ein Dorf mit großer Kirche und noch größerem Berghotel: Berwang. Hinter diesem Dorf versperrt ein hölzernes „Gattertürl Den nun wieder ebenen Weg. Mit Schwung wird es aufgestoßen und rasch wird weitergefahren, Denn alle Diese Tür! sinD selbstschließenD.
geschnitzter heiliger Sebastian mit sanften blauen 1 liegen in waidüunlle 23ergmul6en gebettet.


