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vieh zurück, besten Fleisch nach oben gebracht würbe. Andere abergläubische Seelen stehen den Erzählun­gen vom Skorpion skeptisch gegenüber, halten aber an einem Mord durch die Magotaffen fest, die wvld in der Martinsyöhle Hausen.

Wie die Willis's Guards, so sind die öde und ab- seit» auf dem hohen Europa-Plateau gelegenen W i n d m i l l - ch i l l - W a ch e un-d der von düsterem Baum- und Strauchwerk umgebene Poften am Ragged Staff, wo die Engländer 1704 lande­ten, bei den Soldaten fehr unbeliebt. Geradezu ver­rufen ist die Wache am Sand pits - Maga­zine, in dem große Mumtionsoorräte aufgestapelt find. Der zwischen dem Poften und dem Wachthause oblegene Kirchhof gibt den Tommies immer Ge­legenheit zu allerlei Schauergeschichten. Um eine Nacht in Gibraltar verbringen zu können, muß man sich im Wachthäuschen legimitieren und um einen Aufenthaltsschein bitten. Passanten, die nach Mit­ternacht in den Straßen angetroffen werden, müs­sen den die Stadt durchziehenden Patrouillen folgen und bis zum Morgen in der Wache verweilen. Am Dag« vor meiner Abr«is« herrschte in aller Herr-

kommen di« Soldatenfrauen in Scharen angtzzogen, um für billiges Geld die beste Ware für ihre Män­ner zu erhandeln. Erscheinen dann später die Offi­zier 5.0 amen mit ihren Mädchen auf der Bildfläche, so müssen sie mit den Marktresten fürliebnehmen.

Dor dem Southport Gate befindet sich der Trafal­gar-Kirchhof. In den mit verblaßten Inschriften verfehenen Gräbern schlummern die Opfer der gro­ßen Seeschlacht vom 21. Oktober 1805, in der auch Nelson sein Leben einbüßte. Einen eigentümlichen Kontrast bilden die düsteren Zypressen auf dem Trafalgar-Friedhof zu der unter ihnen üppig ge­deihenden Blumenpracht. Ein Florareichtum, der in dem benachbarten kleinen Paradiesgarten ein Blüten- und Pflanzenecho findet.

Ich erwähnte bereits die Martinshöhle, in der die Magotaffen Hausen. Schöner ist die schon den Rö­mern bekannt gewesene Michaelshöhle mit ihrer im­posanten und aeräumiAen Halle, deren Dach durch zahlreiche Stataktitensäulen getragen wird im Fackelschein wie der Zauberpälast eines Berggeistes.

oottsfrühe eine grenzenlose Aufregung. Die Fe- stungstorschlüssel waren verschwunden. Die Offiziere standen sozusagen Kopf. Schließlich traf ein Soldat ein und überbrachte das Schlüsselbund, das er auf der Straße in der Nähe des Cafernates Barracks gefunden hatte ...

Die Stadt selbst baut sich terrassenförmig auf. Trotz ihrer Kleinheit und Enge herrscht in ihr ein reges Leben und Treiben. Schon ein Gang durch die Hauptstraße, die Waterport, offenbart, daß man ich an einemWeltentor" befindet, denn in der engen und an Läden aller Art reichen Straße drängen ich in Friedenszeiten Araber, Neger, Hindus, Ostasiaten und so weiter im bunten Gewimmel. Die Haupt­bevölkerung setzt sich aus Spaniern und Mschlingen zusammen, wie auch das ganze Leben einen aus­gesprochen spanischen Charakter trägt. Originell wirkten die zahlreichen Vogelbauer vor den Fen­stern der Kasernen, die in Quartiere für verheiratete uiiÄ unverheiratete Soldaten eingeteilt sind.

Auf dem Markt am Hafentor spielen sich jeden Morgen lebhafte Szenen ab. Schon in aller Frühe

3m Mchttingsstrom mitten in der fliehenden Armee.

(Schluß.)

Punkt 12 Uhr mittags geschah ein Wunder: Zu beiden Seiten im Feld begann die Menschenmasse zu tanzen, zu fingen und zu johlen. Frauen dreh- ten sich, den Rock hochhaltend, auf einem Bein tm Kreise herum. Männer schleuderten die Mützen hoch. Die Soldaten verließen Wagen und Geschütze, war­fen sich auf den Rasen und streckten beide Deine und Hände von fick. Diele umarmten sich oder gaben sich aus Freude schallende Backpfeifen.

Meine Frau fällt mir um den Hals und schreit: Der Krieg ist zu Ende!" Sie hatte hinausge­horcht. Die Nachricht ging von Mund zu Mund: Der Waffenstillstand ist unterzeichnet.

Ich halt«, setze mich auf das Trittbrett meines Wagens und rauche eine Zigarette. Ich kann es nicht glauben, nicht fassen. Alles ist traumhaft, son­derbar ... sogar mein Wagen. Ich erkenne ihn nicht mehr. Karosserie und Kotflügel haben ganz andere Formen als bei der Abfahrt.

Dor mir nn Straßengraben lagen sechs Poilus. Sie hatten zusammen drei Gewehre, zwei Paar Schuhe und verbrannte Briefe, Hemden, Strümpfe und sonstige Wertsachen. Sie erzählten mir, die letzte Wache an der Eisenbahnbrücke von Orleans gewesen zu sein. Sie hatten den Befehl, die Brücke im letzten Augenblick zu sprengen. Die Zündschnur hatten sie aufgerollt, gesprengt haben sie die Brücke nicht.Wozu auch", bemerkte einer der sechs,wir waren ganz allein, der Offizier war schon längst weg. Da dachten wir, wir lassen die Brücke ganz, so braucht sie nicht erst neu gebaut zu werden."

Mittwoch, den 19. Juni. Heute abend erlebte ich in der kleinen Schenke des Weilers eine Szene, die ich nie vergessen werde. Ein öfterer Herr es kann ein pensionierter Bankbeamter oder so etwas ähn­liches gewesen sein, erklärte einigen Soldaten, das di« Radikal-Sozialistiscke Partei, der er seit Leb­zeiten angehöre, stets für die Militärkredite gestimmt habe, und meinte, die Armee dürfte auf das, was sie geleistet hat, nicht stolz fein. Ein Soldat stand auf. Er war sonnenverbrannt. Ich glaubte, er wosllte den älteren Herrn einfach nieder stechen. Er trat auf ihn zu und sagte ruhig:Lieber Mann. Sie tun mir und allen meinen Kameraden unrecht. Es hat uns nicht an Mut gefehlt. Ich stand drei Tage fang bei Amiens den Deutschen gegenüber. Ich hatte ein französisches Gewehr mit der Jahreszeit 1871 und amerikanische Munition, die nicht hineinpaßte. Dieser da war Maschinengewehrschütze. Er soll Ihnen mal sagen, seit wieviel Wochen das Rohr kaputt war. Wissen Sie, seit wann wir keinen Offi­zier und Beine Feldküche mehr gesehen haben? Nein. Aber weil Sie so gelehrt sind, können Sie uns vielbeicht sagen, wofür wir den Affen machten. Wenn ihr uns Material in die Hand gebt, fangen wir morgen wieder an; aber nicht gegen die Deut­schen, sondern gegen die Engländer, diese ..(Hier folgte der Nome eines Haustieres, das man mit Vorliebe zur Wurstbereitung verwendet). Der Sol­dat setzt« sich wieder. Er wischte eine Träne aus dem Auge.

Auf dem Wege zur Scheune war ich Zeug« eines heiteren Zwischenfalls. Am unteren Ende eines Kartoffelackers stellten einige Soldaten zwei 7,5- Zentimeter-Geschütze auf. Ein paar Bauern eilten auf di« Gruppe zu. Ich folgte. Zwischen dem best-

gekleideten Bauern und dem Sergeanten der Artil­leristen spielte sich nun folgendes Zwiegespräch ab:

Ich bin der Bürgermeister des Ortes. Zum Henker, was macht ihr hier?"

Wir stellen zwei Geschütze auf. Es ist Krieg."

Das weiß ich. Wer hat euch erlaubt, hier, neben meiner Ortschaft, Geschütze aufzustellen?

Es ist ein Befehl unseres Leutnants."

Wo ist dieser Leutnant. Her mit dem Leutnant." Der kommt vielleicht erst moraen wieder." Wenn ich recht verstehe, stellt ihr diese Kanonen auf, um auf die Deutschen zu schießen."

Jedenfalls nicht auf Brennmücken."

Als Büraerrneister dieser Gemeinde gebe ich euch den Befehl, dies« Kanon« auf der Stelle hier wegzuschaffen. Von hier aus auf die Deutschen schie­ßen? Hat ein Mensch noch Worte? Wahrscheinlich, damit di« dann zurücksckießen und wir alle leben­dig begraben werden. Nein, Jungens, das gibt es nicht. Ueberhaupt ist es höchste Zeit, daß der Hitler kommt und Ordnung schafft. Je schneller, je besser.. Ich geh von hier schnurstracks auf die Mairie und hänge eine weihe Fahne aufs Dach. Also, Jungens, keine Dummheiten und packt mir das Oumpenzeug zusammen."

Mrr Sergeant kratzte sich schelmisch hinter einem Ohr und meinte:Nur keine Aufregung. Wir haben keine Munition, und bis uns der Munitionswagen hier findet ..."

Ist mir egal", schrie der Bürgermeister,bie Ge­schirre hier weg oder wir fahren die Kanonen in eine Jauche grub«!"

Nach diesen entscheidenden Worten ließen die Soldaten die Geschütze stehen und gingen mit dem Bürgermeister und den Bauern in die Schenke.

*

Donnerstagabend, den 20. Juni. Heute mor­gen gegen 10 Uhr sah ich an einem Froschteich in der Nähe der Straße nach Bourges und unterhielt mich mit zwei Waschfrauen. Währenddessen kamen von Bourges her die ersten deutschen Truppen und zogen in Vierzon ein. Uns hatten sie im Vorbei- ahren freundlich guten Tag zugewinkt. Kurz nach­dem die deutschen Truppen in der Stadt waren, chossen meilenweit im Umkreis französische Solda­ten wie Pilze aus der Erde. Sie kamen aus Heu­schobern hervorgekrochen, aus Diehställen, Kellern, Hinterhöfen, aus der Dorfkneipe, hinter dem Wald hervor. Zuerst waren es hundert, dann tausend, dann konnte man sie nickt mehr zählen. Wer noch ein Gewehr hatte, zerschlug es am Straßengraben. Die Soldaten warfen Patronentaschen, Seitenge­wehre, Tornister, Koppel, kurz alles, was der Sol­dat zum Kriegführen nützlich gebrauchen kann, über die Gartenzäune ünd in den Froschteich. Nach kurzer Zeit spielten alle Kinder mit Gasmasken. Sehr höf­lich fragten die Soldaten die vorbeifahrenden deut­schen Radler nach dem nächsten Weg zum Sammel­lager. Diese gaben freundlich Antwort, oft eine Zi­garette dazu. Allein schon wegen der Zigarette waren die Zivilisten ganz traurig, nicht auch in die Gefangenschaft gehen zu dürfen. Als sich gegen Mittag die Nachricht verbreitete, daß in den Gesan- genen-Sammelstellen zuerst mal eine gute, warme Suppe verteilt werde, kainen immer noch mehr französische Soldaten aus ihren Verstecken hervor. Gegen Nachmittag waren schon mehrere Bauern­

Höfe, groß« Weideplätze und eine zweistöckige Schule mit Gefangenen überfüllt, und das alles bei Dier- zon, 100 Kilometer südlich der Loire, im Jahre 1940.

*

Paris, Sonntag, den 23. Juni. Gestern, Sams­tag, abends 8 Uhr, bin ich glücklich in Paris gelan­det. Die 200 Kilometer DierzonOrleansParis habe ich in 8 Stunden zurückgelegt. Ueberall stren­ger Ordnungsdienst. An jeder Straßenkreuzung ein Soldat mit einem weiß-roten Winkel.

Arn Freitagmorgen gegen 7 Uhr begab ich mich in Vierzon zur Ortskommandantur. Man prüfte meine Papiere. Franzose. Jrn April krankheitshalber vorn Militärdienst entlassen. Alles in Ordnung. Ich bekam 10 Pakete Zigaretten. Wenn mich ein Mensch in diesem Augenblick photographiert hätte...! Die Offiziere fragten mich, ob ich nicht freiwillig Dol­metscher-Dienste leisten wolle. Ich stand nun am offenen Fenster des Erdgeschosses. Vor mir auf der Straße die stets anwachsende Menschenmenge. Hin­ter mir im Zimmer 3 Offiziere. Mein« Aufgabe war, alle aus der Menge kommenden Anfragen und Anliegen den Offizieren zu übersetzen und dann ihre Antworten vom Fenster herab den Leu­ten zuzurufen. Das war sehr praktisch, denn viele hatten das gleiche Anliegen.

Die erste Mitteilung, die ich den Flüchtlingen zu machen hatte, war folgende:Wenn in Der Menge eine schwanger« Frau ist, soll sie nicht auf der Straße warten. Sie wird unverzüglich im Zimmer nebenan empfangen." Das hatte eine derart mensch­lich-rührende Wirkung, daß sich die Nervosität der Leute im Nu beruhigte. Dann kam diese Antwort auf hundert gleichlautende Fragen:9eber Flücht­ling darf fo rasch als nur möglich nach Hause. Es genügt, auf dem Bürgermeisteramt eine gedruckte Vorlage auszufüllen, und diesen Paffierschein hier abstempeln zu lassen." Ein Schwarm Menschen löste sich los und eilte zum Bürgermeisteramt. Eine große Anzahl Flüchtlinge hatte unterwegs das Fahrrad verloren, als altes Eisen liegen lassen, ober an fliehende Soldaten abtreten müssen. Jeder dieser radlosen Radler erhielt kostenlos ein Fahrrad. Er mußte nur nachweisen, daß er 100 Kilometer oder mehr zurückzulegen hatte. Das war ein Hallo. Ich teilte noch viele Dinge mit: Brot gibt «s heut« noch vor 12 Uhr. Für die Milch der Kinder wird ab mprgen gesorgt sein. Wer einigermaßen unter ge» bracht ist, soll nicht überstürzt abreisen, damit nicht all« am gleichen Tag zurückkehren und di« Kata­strophe, die jeder miterlebt hat, vermieden wird. Und anderes.

Unterdessen kam der Menschenschwarm verdreifacht vom Bürgermeisteramt zurück. Man könne noch keine Scheine zur Verfügung stellen. Es dauert noch drei, vier Tage, bis die gedruckt sind. Die Offiziere unterhielten sich leise. Ein Offizier übergab mir einen beschriebenen Zettel unb bat mich, den Text der Menge bekannt zu geben. Auf dem Zettel stand: Jeder Flüchtling kann ab sofort in seine Heimat zurück. Er braucht keinen Passagierschein."

Diese Worte wirkten, als ob ich einen Sack voll Goldstücke vom Fenster herab ausgeschüttet hätte.

Gegen Abend war ich heiser wie ein" Krähe und schwitzte wie ein Bär. Die Herren dankten mir und fragten, ob ich vielleicht auch irgend einen Wunsch

Oer erste (Sieg überVersaittes.

Im Jahre 1920, in einer Zeit, da Deutschland in tiefiter Ohnmacht am Boden lag, leuchteten wie Fanale einer neuen, besseren Zukunft bie Volks- ab Stimmungen in den Grenzgebieten auf. Das Versailler Diktat hatte eine Reihe von Abstimmungen vorgesehen, weil man Glaubte, das sonst vergesseneSelbstbestimmur^srecht der Völ­ker" gegen das deutsche Volk anwenden zu können. Aber man hatte sich getäuscht. Der Ruf der Heimat wurde allenthalben gehört. Die breite Grundlage der Abstimmungen, die auch die Frauen und die Jugendlichen sowie die auswärts wohnenden Stimm­berechtigten heranzog, hatte zur Folge, daß die Ab- stimmungen sich in großen Volksbewegungen aus­wirkten. Mitten im Niederbruck des Staates er­wachte ein neues Gefühl der Verantwortung für Heimat und Volk.

In Ost- und Westpreußen waren H «i m a t ver­bände erstanden, die es sich zur Ausgabe gemacht hatten, jeden Abstimmungsberechtigten,. mochte er auch noch so entfernt von Der Heimat feinen Wohn­sitz haben, zu erfassen. Zum erstenmal wieder arbei­teten alle Schichten der Bevölkerung zusammen, das Eizdeutsche Schicksal rief zahllose Männer und uen zu ehrenamtlicher, hingebungsvoller Arbeit, e gewaltige Propaganda durch das ganze Reich hin rüttelte Die Abstimmungsberqchtigten auf. Die Äi Versuche der Polen, die deutsche Beoölke- rch Gewaltakte einzuschüchtern, blieben ver­geblich. Es nützt« auch nichts, daß di« Polen un­mittelbar vor Der Abstimmung in Ostpreußen die Fahrt durch den Korridor störten, so daß die Reisen über See geleitet werden mußten. Wie im Triumph, in geschmückten Schiffen und Sonderzügen, unter dem lebhaftesten Anteil der Bevölkerung, reiften die Abstimmungsberechtigten der Heimat zu, wo sie mit Jubel empfangen wurden.

Und wie waren die Ergebnisse? Bei der Absttm- mung am 11. Juli 1920 im ostpreußischen Abstimmunasaebiet (Regierungsbezirk Allen- stein) entfielen trotz der polnischen Prügelbanden

Wenn Äugen versagen Magnus-Brillen tragen!

97,8 v. H. der abgegebenen Stimmen auf Deutsch­land. Nur drei kleine Dörfchen im Kreise Osterode mit 786 Einwohnern wurden dem polnischen Staat Angeschlagen. Westpreußen war durch das Dik­tat von Versailles in vier Teile zerschnitten worden, von denen nur für das Gebiet rechts der Weichsel ein« Abstimmung festgesetzt worden war. Auch dort wurden 92,8 v. H. Der Stimmen für Deutschland ab­gegeben. Widerrechtlich wurden fünf Dörfer beseht, bie den einzigen Zugang Ostpreußens zur Weichsel bildeten. Wäre in ganz Westpreußen abgestimmt worden, so hätte sich eine noch größere deutsche Mehrheit ergeben, wie aus dem Ausfall ter Wahlen zur deutschen Nationalversammlung im Jahre 1919 hervorging.

Wichtig waren diese beiden Abstimmungen auch deshalb, weil sie deutlich zeigten, daß sich auch das Mischvolk der Masuren in überwältigender Mehr­heit für Deutschland entschied, obgleich es sich daheim eines slawischen Dialekts bedient. Fast zwei Jahr­zehnte später sind die deutschen Brüder, die damals unter polnische Herrschaft kamen, für ihre Treue belohnt worden: Der Führer holte sie heim ins Reich. Gewaltige Ausgaben sind im Osten neu erwachsen, deren Durchführung sich in den kommenden Jahren und Jahrzehnten unser« Staats­führung besonders angelegen sein lassen wird.

hätte. Schüchtern und ohne den geringsten Hoff­nungsschimmer sagte ich:Ja, wenn ich Benzin hätte, würde ich gerne morgen nach Paris führen." Auf der Stell« erhielt ich einen Gutschein über 50 Liter. Am Samstag in der Frühe brachen wir auf. Wenn die deutsche Regierung dies« Not lindert, und dies« acht Millionen Flüchtlinge nach Hause befördert, werden viele, viele Mütter und Kinder abends in stillem Gebete danken.

Sprechstunden der Redaktion.

11.30 bis 12.30 Uhr. 16 bis 17 Uhr. Samstagnach- mittags geschlossen.

Die schöne Melusine Roman bon Hans Nichteo

1.

Die Verkehrsampel leuchtet rot und bleibt rot. Ein Milchwagen zottelt vorbei und auf den Sitzen hinten hocken zwei Jungen und grinsen -dem Pulk von Menschen, der an der Straßenkreuzung auf grün oder mindestens auf gelb wartet, ins Gefickt. Ein Radfahrer schießt so dickt an der Bordschwelle vorbei, daß man fast gestreift wird. Hoppla, da ist der Sprengwagen gefahren, beinahe wäre der Mann hinaeschllddert ist aber nickt. Beinah hin- schliddern und hinschliddern ist «in Unterschied, ge­rade so wie den gewohnten Morgenzug beinah krie­gen oder nicht kriegen. f

Tilde Rohloff hat ihn heute nicht gekriegt, beinah, ja wenn sie nicht auf der Treppe zum Bahn­steig gestolpert wäre wenn nicht der Mann mst dem Koffer gerade an der Sperre feine Fahrkarte hätte suchen müssen ausgerechnet an der Sperre unb natürlich gerade, als der Strom von der an­deren Seite her den Ausgang versperrte. Und dabei hatte er nicht einmal begriffen, warum das junge Ding im Regenmantel mit der winzigen Kappe auf dem Schopf ihn fo böse angesehen hatte.

Kommt Doch gleich wieder einer, Frollein."

Das ist die Ruhe, mit der man überall leben kann, nur Nicht in Berlin. Mit der man so um die Vierzig herum eine Glatze kriegt, sich gleich hinter­her einen Bauch zulegt und gegen Abend seinen Spazierhang um den Stadtwall macht, um sich den notwendigen Appetit zu holen.

Tilde muß an das Gespräch denken, das sich an- geschlossen hatte. Eile oder nicht Eile, behäbige Ruhe ober nervös« Hetzerei. Dauert brei Minuten, dieses Gespräch, bann fährt ein neuer Zua ein, Tü­ren rollen auf, Menschen strömen. Feine Leute fah­ren blau, kostet mehr, aber schont die Sachen. Gelb ist billiger, dafür hat man aber bald irgendwo glänzende Stellen an den Kleidern. Tilde kann das nicht haben. Tilde fährt blau. Monatskarte.

Gelb: Vorwitzige setzen schon den einen Fuß auf den Fahrdamm. Kann aber eine Reichsmark ko­sten, wenn «s gerade mal so ist. Also

Geht heute schon alles in einem hin. Kann fein, daß man Verdruß hat, wenn der Büroleiter schon da ist, kann auch ganz anders fein.

Am weißen Strich fahren jegt die Autos neben­einander auf, Reifen von ganz Ausgekochten quiet­schen, Maschinen lärmen, dazwischen ein vornehmer Sechssitzer von der Art, die schnell ist unb es nie eilig hat. Eigentlich eine tolle Luft hier am Pots­damer Platz, Feuchtigkeit von Sprengwagen, Ben- ain, Del. Gibt zusammen das, was man Schmier­seife nennt. Und Dabei soll es Gegenden geben, wo die liebe Sonne in eine Tannenschonung brennt und wo es nach Kiefernnadeln riecht, weite See­flächen, bie so glitzern, baß man die Augen schließen muß.

So etwa zwischen Steinbergen und Utrin, wo man über den Steinberger See fahren muß. Man nimmt Vaters Kahn, roriggt sachgemäß quer über den See, poltert bei Gottlieb Kurzing gegen bie Fischkästen, hüpft heraus, legt die Kette fest und kann nach dem Kaff Steinbergen einmal Stadtluft atmen. Was man in Utrin eben Stadtluft nennt.

Die Blumenfrauen am Leipziger Platz haben schon alles aufgebaut. Rosen Veilchen dazwisä-en, und anderes buntes Zeug, aber die Rosen beherr­schen das Feld, und ihr Duft verdrängt sogar den Benzingeruch, wenn man sich nur ordentlich rechts hält. Rosen blühen jetzt auch im Garten in Stein­bergen, Hochstämme unb Buschrosen. Davon versteht Tante Malwine ebenso viel wie von Schweinemast, Plockwurst unb Fettdarm. Vater tut fo; aber Vater versteht das nicht. Vater angelt. Wenn man alt ge­nug fit, sein bißchen Pension hat und seine Ruhe, kann man den ganzen Tag angeln.

Merkwürdig, wie lebendig Steinbergen heute früh wird, nur weil es nach Rosen duftet. Tilde kauft drei, läßt sich Spargelkraut dazu binden und beschließt, bie Blumen auf den Schreibtisch zu stel­len unb zwischenGeehrter Herr!" unbBezugneh- menb auf ... gelegentlich einmal einen Gedanken- ausflug nach Steinbergen zu machen. Gestern abend hat es geregnet, da war Steinberge n weit fort. Heute scheint die Sonne, da fit es plötzlich da.

Tilde Rohloff durchforscht ihr Inneres und findet sich urlaubsreif. Zuerst einmal ein paar Tage sich bei Tante Malwine herausfuttern und Vatern bei der Angelei zusehen, aber nicht zu lange, dazu ist man schon zu selbständig. Tilde Rohloff geht einer

Lieblingsbeschäftigung nach, die sie schon als Schul- mädel gehabt hat: sie fängt an, sich eine Geschichte zu erzählen. Der Weg wird dabei kürzer. Außer­dem sind Gedanken viel weniger behindert, als es Sekretärinnen in Reisebüros sind, deren Urlaubs« zeit noch längst nicht heran ist.

Zuerst stellt man sich vor, wie es ist, wenn man als Kundin ins Reisebüro kommt. Kovf in den Nacken und möglichst gleichmütig ausfehen. Die Leutchen auf der anderen Seite und die Prospekte sind ja nur dazu da, um einem bie Auswahl zu erleichtern.

Drei Wochen immerzu auf Dem Sportdeck liegen, aber ich bitte Sie, liebes Fräulein, das ist doch viel zu langwellig. Sie haben keine Kabinen mehr auf dem A.-Deck, aber nein, bann kommt bas über­haupt nicht in Frage. Können Sie mir sonst nichts Vorschlägen? Oberbayern viel zu überfüllt. In Tirol war ich im vergangenen Jahre, ich kann doch nicht schon wieder Hochtouren machen. Nordsee...

Tilde Rohloff kennt diese Gespräche, denn sie sind von früh bis abends ihr tägliches Brot. Nur die Reiseziels wechseln. Wintersport Italien Ju­goslawien Norwegen Wochenende in Kopen­hagen. Alle auf ihrer Seite Des Ladentisches wissen genau, wann dieMilwaukee" Genua anläuft oben Venedig verläßt, aber bie wenigsten von ihnen kommen jemals hin. Die Leutchen auf der anderen Seite, die beraten werden und Die heute noch nichts wissen, die sehen das alles eines schönen Tages wirklich.

Warum laufen Sie eigentlich so, Fräulein Til-. de?" schreckt eine Stimme sie aus ihren Phanta­sien auf.Man kommt ja gar nicht (mit."

Ach, Holzmännchen", Tilde erkennt den Kollegen, der zwei Tische von ihr entfernt sitzt unb der die Gesellschaftsreisen bearbeitet.Sie haben es wohl gar nicht eilig?"

Ist ja doch nichts los", brummt Mathias Holz- mann.

Dieser Mathias Holzmann ist ein Mensch, den Tilde zuerst nicht verstanden hat. Jetzt mag sie ihn von all denen, mit Denen sie zusammen arbeitet, am liebsten. Er ist nicht jung und nicht alt. Weil Tilde die Personalpapiere bearbeitet, weiß sie, daß er vierzig Jahr« alt ist, also siebzehn älter als sie unb unverheiratet. Er hat draußen in Tempelhos

eine kleine Wohnung und einen Dackel, mit dem er abends im Park und sonntags im Grünewald spazierengeht. Ob er besondere Liebhabereien hat, weiß sie nicht. Mathias Holzmann ist immer nett und freundlich, wenn man in den Katakomben, dem Frühstücksraum, zusammensitzt, kann er sogar ganz unterhaltend sein, aber durchsichtig ist er nicht.

Hübsche Rosen", sagt er.Verehrer?"

9s nid)", lacht Tilde.Ehrlich erstanden."

Wenn ich Ihnen weiter vorn begegnet wäre, hätte ich sie Ihnen geschenkt", sagt Holzmann. Es klingt, als spräche der Vertreter eines Beerdigungs­instituts den trauernben Hinterbliebenen fein Bei­leid aus.Wenn Sie sie von mir hätten haben wol­len, meine ich."

Tilde sieht ihn verwundert an.Was ist denn mit Ihnen los, großer Chan?"

Ist auch solch Bockmist", sagt der.Das mit dem großen Chan. Eine Beschäftigung muß der Mensch doch haben." Er trägt seinen Spitznamen, von dem er nicht loskommt, seit er einmal ein Buch über den Dschingis Chan gelesen hat und davon erzählt hat.Ich will Ihnen nur sagen, die Blitzreiter von dem Dschingis Chan sind rascher vorwärts gekom­men als manche Reisegesellschaft heute."

Weiß ich." Tilde kennt die Geschichte unb hat keine Lust, sie wieder zu hören.Aber warum hätten Sie mir heute Rosen schenken wollen?"

Hab' ich ja gar nicht gewollt."

Sie sagten es doch eben."

Ich habe es nicht gewollt, aber ich hätte es tun können. Sehen Sie, bas ist ebenso, als ob einer Schlafwagen bezahlen könnte unb nimmt doch Liegewagen."

Sie haben wohl heut« bie schottische Tour, Holz­männchen?"

Der stellt die Gegenfrage:Haben Sie schon einmal geerbt?"

Sie etwa?"

Es gibt verschieden« Arten, wie man zu Geld kommen kann", philosophiert Holzmann vor sich hin. Einer kauft ein Los in der Preußischen unb kommt raus. Das ist Dusel. Einer hat Aktien, Die steigen, das ist Glückssache. Und einem stirbt eine alte Tante, die er kaum gekannt hat, und bie hat dann «in Sparkassenbuch gehabt und ein Bank­konto." * Fortsetzung folgt