Nr. 266 Drittes Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
Y./IO. November i94O
ZOMKilometer Siete
Roman von Olly Boeheirn
2?. Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)
„3a! Sie werden sich vielleicht wundern, daß ich dos alles Ihnen erzählen will, der Sie soviel jünger |hi) als ich. Aber das ist es ja gerade! Sie mit Ihrer herrlich schnoddrigen Art nehmen alles leichter als ein älterer Mensch. Wenn ich Sie so vor mir 1 le'ic, glaube ich, ich werde bald wieder lachen kän- i nm. Wissen Sie", Ohlsen reckte sich und atmete ein- mil tief auf, „es ist ganz gleichgültig, ob ich Sie kenne oder nicht. Sie sind ein Mensch und ein Mann dazu, dos genügt. Einmal kommt wohl bei jedem der I; Augenblick, wo er ein Erlebnis, an dem er trägt, nicht länger bei sich behalten kann. Stellen Sie |i(f) einen Mann vor, der getäuscht und verbittert ist, der den Glauben verloren hat, daß es anständige, meine, seelisch saubere Frauen gibt. Er läßt — urverantwortlicherweise, wie Sie behaupten — seine Sfcbrit im Stich. Die Maschine läuft von allein Dtiter, denkt er sich, und wenn sie stehen bleibt, ist ts ihm auch egal. Er kann die Stadt nicht mehr ; leien, sein Haus ekelt ihn an. In jedem Winkel Und bittere Erinnerungen, die Tapeten hängen voll tilgen, und aus den Spiegeln glänzt falsches Lachen. 5n den Kissen wispern noch verlogene Zärtlichkeiten, kr steht plötzlich vor der Erkenntnis, daß er mit leiier Frau alles verloren hat. Er hat seine Freunde lot* den Kopf gestoßen, und überall begegnet er Ihrdenfrohem Lächeln — wie er sich einbildet — ldir gleichgültigem Mitleid, was beinah noch schlimmer ist. Er flieht. Mietet sich eine Hütte, in der Sie fen, nimmt den Wald zum Freund und den See M Kameraden. Da plötzlich kommt eine Nymphe ! Land geschwemmt. Ein Weibchen aus der gro- fen Welt. Der Mann wehrt sich mit allen Sinnen, fcter Eva ist stärker. Sie verführt ihren Adam, denn iic Schlange ist immer wachsam unter dem Laub, km machte die kleine Hütte zum Paradies. Oh, sie ticr schmalgliedrig und fein. Sie hatte eine weh- ! mitige, müde Zärtlichkeit, die mich berauschte. Sie
liebte mich, als ob sie morgen sterben müßte. Sie liebte, ohne an die Zukunft zu denken."
„Und dann —"
„Entdeckte ich eines Tages, daß auch sie mich belog. Statt nur das fein zu wollen, was sie war, eine vollendete Frau, schmückte sie sich mit fremden Federn, gab sich in töricht weiblicher Eitelkeit für eine berühmte Tänzerin aus, die zufällig — wie ihr Pech wollte — in Göteborg einen Tanzabend gab, während sie selbst hier bei mir war."
Peter Renz genügte das Wort Göteborg, um wie von der Tarantel gestochen aufzuspringen. „Vera Verries?" fragte er.
„Sie kennen die Tänzerin?"
„Ich kenne beides"
Arne Ohlsen packte Peter am Arm: „Bitte, machen Sie keine Scherze! Mir ist es verteufelt ernst!"
Peter Renz hatte etwas zu tief ins Glas geschaut. Die Hütte begann sich um ihn zu drehen, und mit ihr dieser Puddingpulverfabrikant, den er sich als einen gesetzten Herrn mit Speckschwarte vorgestellt hatte, während dieser Ohlsen dem Helden in einem amerikanischen Abenteuerfilm glich und außerdem anscheinend ein unverbesserlicher Romantiker war.
„Ach so — Sie haben einen Schwips, mein Junge. Kommen Sie, reden Sie keinen Unsinn, legen Sie sich zu Bett."
„Sie wollten mir das Ende noch erzählen."
„Das ist kurz, mein Lieber! Sie fuhr ab. Ich hoffte stündlich, sie würde zurückkehren. Aber sie kam nicht. Von dem Augenblick an war der Wald nicht mehr mein Freund und die Kameradschaft des Sees war vorbei. Die Einsamkeit begann mich verrückt zu machen."
„Das entschuldigt vieles", sagte Peter Renz mit kleinen Augen, „ich kann Ihnen die Geschichte von Vera Verries heute nicht mehr erzählen — denn ich habe wirklich —"
„Schon gut, mein Junge. Rein ins Bett! Und morgen —"
„Morgen fahren wir natürlich nach Stockholm", brabbelte Peter Renz, schon halb im Einschlafen. Arne Ohlsen deckte ihn kameradschaftlich zu „Nach Stockholm?" meinte er, und in einem plötzlichen Entschluß, der alle bisherigen Bedenken und Hemmungen beiseite schob: „Gemacht, mein Junge!"
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sind die Beträge angegeben, die
der
linken Seite
Jahresstromabnahme und Stromkosten für Wohnungsgrößen von 1 bis 10 Zimmern
Berechnet nach dem 43-Rpf.-Tarif
Berechnet nach Haushalt-Tarif
140
130
43-Rpf.-Tarif
120
)ie Mengen Milch, die auf diese Art gewonnen herben, sind ganz erheblich. So lieferte, um nur
110
100
kWh
10 Zimmer u. K.
9 Zimmer u. K.
8 Zimmer u. K»
7 Zimmer u. K.
6 Zimmer u. K.
5 Zimmer u. IC
4 Zimmer u. K.
3 Zimmer u. K.
2 Zimmer u. IC
1 Zimmer und
Küche
Nüssen naturgemäß vorher ärztlich genau unter- LKf)t werden, ob sie in jeder Hinsicht gesund sind.
Ende Mai veröffentlichte die Leitung des Elektrizitätswerks eine Bekanntmachung über neue Strompreise für Haushaltungen im alten Gießener Stadtbezirk. Darin wurde den Stornabnehmern der Haushalttarif neben dem Normaltarif zur wahlweisen Annahme an die Hand gegeben. Es hat sich inzwischen gezeigt, daß viele Stromabnehmer noch immer im Unklaren darüber sind, welcher Tarif für sie der günstigste und darum annehmbarere ist. Die Leitung des Elektrizitätswerkes hat nunmehr eine Berechnungsgrundlage geschaffen, die es jedem Stromabnehmer im alten Gießener Stadtgebiet ermöglicht, die für feine Entscheidung, ob Normaltarif oder Haushalttarif, maßgebliche Kostenberechnung selbst anzustellen.
Das vom Elektrizitätswerk angefertigte Schaubild stellt diese Berechnungsgrundlage dar. Wir sehen am Fuße des Bildes feldermäßig die nach Kilowattstunden aufgeteilte Jahresabnahme vermerkt. Auf
0 10 20 30 40 50 60 70 80 90 100 110 120 130 140 15(5 160 170 180 190 200 210 220 230 240 250 260 270 280
-----► Jahresabnahme
eingeleitet und durchgeführt wird, unterrichtet jede Hebamme oder Fürsorge- bzw. Gemeindeschwester, am zweckmäßigsten aber die Universitäts-Kinderklinik bei direkter Nachfrage ober telefonischem Anruf. Außerbem findet sich in allen Säuglings- und Mütterberatungsstellen, auf dem Gesundheitsamt, in den Arbeitsstätten der NSV., in den Sprechzimmern der Aerzte ein Aufruf, der in der heutigen Ausgabe des „Gießener Anzeigers" veröffentlicht wird und auf den besonders hingewiesen sei.
tin Beispiel unter sehr vielen zu nennen, eine frrau mit 3 Kindern in ihren 3 Stillperioden zu-
RM.
150
Die große Bedeutung dieser Aktion, die sich wie das Blutspenderwesen auch zu einer automatisch laufenden Einrichtung ausgestalten soll und muß, liegt auf der Hand. Es geht für unsere Frauen und Mütter nicht nur um die Erfassung einer großen nationalen und bevölkerungspolitischen Aufgabe, nicht nur um den Ausdruck eines wahren Gemeinschaftswillens, sondern um die Erfüllung einer sittlichen Pflicht, wie sie schöner und erhabener kaum gedacht werden kann. Welche Mutter wird sich dieser Erkenntnis verschließen? Es ist schon kein Zufall, wenn wir erst in unserer heutigen Zeit in Deutschland in der Lage sind, einer solchen Erkenntnis zwingender Notwendigkeit nun auch gleich d i e Tat folgen zu lassen. Wir werden in Gießen und Umgebung nicht hinter allen anderen Städten Deutschlands zurückstehen.
So ergeht der Aufruf an alle Mütter, die hierzu in der Lage sind, mitzuhelfen und ihre überschüssige Milch zur 23 e r fügung zu stellen. lieber die näheren Einzelheiten, wie dies
Billigere Elektrizität für Haushaltabnehmer
Normaltarif oder Haushalttarif?
Es ist eine wohl auch jedem Laien bekannte Tatsache, daß die beste Ernährung für den Säugling die Milch der eigenen Mutter ist. Aber auch die in sehr vielen Fällen überschüssig vorhandene Frauenmilch (sog. Arnrnenrnilch) leistet fast die gleichen guten Dienste, besonders wenn sie so sauber gewonnen wird, daß sie in rohem Zustand verfüttert werden kann. Ist man aus irgendwelchen, z. B. Transportoder Aufbewahrungsgründen genötigt, sie zu pasteurisieren ober zu sterilisieren, so wirb dadurch die Güte der so behandelten Frauenmilch bereits beeinträchtigt, wenn sie auch immer noch trotz dieser Vorbehandlung Vorteile gegenüber einer Ernährung mit Kuhmilch bietet. Gewiß haben Forschung und Erfahrung der letzten Jahre die künstliche Ernährung mit Kuhmilch und Beikost so ausgebaut, daß ein anlagemäßig gesunder Säugling bei richtiger Durchführung der künstlichen Ernährung ohne Schaden zu erleiden damit aufgezogen werden kann. Trotz exakter Befolgung aller einschlägigen Vorschriften wird aber immer die natürliche Ernährung mit Muttermilch oder Frauenmilch — von allen anderen Gesichtspunkten einmal ganz abgesehen — in ihrer Güte, Zweckmäßigkeit und in ihrer Wirkung auf die gesamte Widerstandskraft des Kindes niemals durch ein noch so fein aus- kgeklügeltes Schema künstlicher Ernährung erreicht ader gar übertroffen werden können. In ganz besonderem Maße gilt dies für die Ernährung f ran« Per Säuglinge. Hier liegen die Dinge auch heute ,nod), ungeachtet aller Fortschritte in der Ernährungslehre, so, daß viele kranke Säuglinge nur gerettet werden können, wenn zu ihrer Ernährungs- trehandlung Frauenmilch, und zwar in erster Linie rohe Frauenmilch zur Verfügung steht. Das gilt auch für die so wichtige Aufzucht von Frühgebur- len. Zu diesem Zwecke standen früher jeder Kinderklinik meist mehrere Ammen zur Verfügung, ^yeute ist dies leider nicht mehr der Fall. Der Am- nenmangel, dessen Gründe im übrigen durchaus ücht unerfreulicher Natur sind ober sein müssen, st heute in Deutschland eine allgemeine Erscheinung, unter ber in allererster Linie die Kinder- llinifen ganz außerorbentlich leiden. Die Frage ber Zrauenmilchnot unb bie Wege Mr Beseitigung die- 65 verhängnisvollen Zustandes waren auch auf !er Kinderkundlichen Woche in Wien eines ber wich- ligften Themen.
Schon seit einigen Jahren ist man deshalb in Deutschland an verschiedenen Stellen zur Errich- ung von Frauenmilch-Sammel st eilen bergegangen. In diesen Frauenmilchsammelstellen tefern bie Mütter, die neben ber Ernährung ihres igenen Kindes noch überschüssige Milch haben, diese Mich ab. Dort wirb sie auf Reinheit, Pantschung .sw. genau untersucht, sterilisiert unb z. T. auf □eite Entfernungen hin versanbt. Die Mütter, die n dieser Weise überschüssige Milch liefern können,
immen 1623 Liter überschüssige Milch an die rrauenmilchsammelstelle Erfurt ab. 7 Frauen lie- i?rter. in 32 Stillperioben 6357 Liter Milch. Diese Wahlen geben eine Vorstellung bavon, welche un- teuren Werte an vielen Stellen Deutschland für infere Volksgesundheit heute noch verloren gehen inb für bie Rettung schwerkranker Kinder nicht msgenutzt werden. Es liegt ebenso klar auf der ) and, daß die Hebung dieses Schatzes und damit ie Rettung vieler Kinder nur und aus» hließlich eine Sache des Gemeinschastswil- en s und des Verantwortungsgefühls sind. Es ist i dieser Beziehung eine Statistik sehr aufschluß- ttich, bie, nach Berufen der Männer geordnet zeigt, . welche Frauen in einer Frauenmilchsammelstelle Mteldeutschlands die meiste Milch, vielfach sogar lentgeltlich, lieferten: Beamte und Militär, stu- erte Berufe, selbständige Handwerker, kaufmän- rsche Angestellte, Handwerker, gelernte Arbeiter, in Deutschland sind heute schon zahlreiche Frauen- inlchsammelstellen eingerichtet. Sie genügen jedoch ir den tatsächlichen Bedarf noch lange nicht, und
als Iahresgrundgebühr und Stromkosten für den verbrauchten Strom zu zahlen sind. Auf der rechten Seite sind die verschiedenen Wvhnungsgrvßen verzeichnet, wobei festzuhalten ist, daß als Raum im Sinne dieser Berechnung auch die Küche mitgezählt wird. Die von links unten nach rechts oben schräg verlaufende Strichlinie stellt die Berechnung nach dem Normaltarif, d. h. bie Berechnung von 43 Rpf. je Kilowattstunde, bar. Die gestrichelten Linien ermöglichen die Feststellung der jährlichen Stromabnahmekosten auf ber Grundlage bes Haushalttarifs.
Praktisch wirb der Stromverbraucher bei der Vornahme feiner Berechnung wie folgt verfahren: Zunächst wird bie Zählerkarte oorgenommen, auf der allmonatlich ber Stromverbrauch eingetragen wirb. An Hanb bieser Karte zählt man ben Stromverbrauch der verflossenen zwölf aufeinanderfolgenden Monate zusammen. Hat man dergestalt den letzten Jahresverbrauch an Strom ermittelt, so nimmt man
vor allen Dingen sind sie genötigt, einen größeren Umkreis zu versorgen und deshalb aus Depot- und Transportgründen die Milch zu sterilisieren. Um dies $u vermeiden sind sehr viele Kinderkliniken dazu übergegangen, zunächst nur für ihren eigenen Bedarf, d. h. für die ihnen anoertrauten Säuglinge, Frauenmilch zu sammeln, und zwar so, daß sie möglichst sofort und roh verfüttert werden kann. Nur auf diese Weise wird - ihre beste und sicherste Wirkung garantiert.
Auch die Universitäts-Kinderklinik in Gießen ist dazu übergegangen, einen derartigen Sammelbetrieb einzurichten, um ihrem immer höher werdenden Bedarf an Frauenmilch gerecht werden zu können. Durch aufklärende Vorträge, Filmvorführungen usw. sind im Verein mit dem Staatlichen Gesundheitsamt alle Hebammen, Fürsorgeschwestern, Organe ber Arbeitsgemeinschaft „Mutter und Kind" der NSV., die Leiterinnen ber Frauenschaft unb des Frauenwerkes darüber unterrichtet und zur Mitarbeit aufgerufen worden.
diese Verbrauchszahl als Ausgangspunkt ber Berechnung.
Ein Beispiel: Verbrauch in ben verflossenen zwölf Monaten 180 Kilowattstunden. Von ber Zahl 180 am Fuße bes Schaubildes geht man auf der senkrechten Linie nach oben, bis man an den Schnittpunkt der schräg durchgeführten Linie a des 43- Rpf.-Tarifs kommt. Von diesem Schnittpunkt folgt man mit dem Finger, einem Bleistift oder Lineal genau waagrecht nach links zu der Kostenskala des jährlichen Stromverbrauchs. Im vorliegende Falle wird man zu dem Ergebnis kommen, daß die Kosten des jährlichen Stromverbrauchs nach dem Normal- (43-Rpf.-) Tarif berechnet, sich auf etwa 82 RM. belaufen. Nunmehr taucht die Frage auf, ob man
| "nicht hineinhacken mit der Auf« tragbürstel Man verbraucht da« X durch weniger und hat länger an
Erdal. Ist Erdal in Blechdosen m°l nicht da, so nimmt man das gleichgute Erdal in der Nach« tullpockung und setzt diese in die leereErdal-Blechdose ein.Einfach und sauberl Und immer Freude, ^ibewahrle Erdal
AauenmilchsammeWlle an der LlmversitÄs-KnderklimkGießen
Von profeflor Or. med. Keller, Leiter der Universitäts-Kinderklinik Gießen.
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15. Kapitel.
Irn Grand Hotel, bas auf dem schönsten Boulevard Stockholms lag, stand Anita am Fenster unb schaute verloren auf bas Wasser; Segelschiffe glitten dahin, Motorboote durchfurchten den silbernen Spiegel; von irgendwoher klang leise Musik.
„Na, Kleine, Sie träumten wohl von Ihrem Seeoffizier?" fragte Vera Verries, die in einem seidenen Hausanzug auf ber Couch lag unb Zeitungen las. „Nun fiebern Sie nach einem Anruf, was? Ja, bas kenne ich." Sie lachte leise. „Das Telephon hat der Teufel erfunden!"
Statt aller Antwort seufzte Anita tief.
„Aber, Kind", rief die Tänzerin, „warum rufen Sie ihn nicht an?" Anita wandte sich um: „Das ist ja das Pech", sagte sie; „ich habe mein kleines Notizbuch mit der Telephonnummer in einer Seitentasche von Onkel Franz steckenlassen, und Peter jagt mit dem Wagen seinem Gläubiger, dem Pudding- pu.lversabrikanten, nach."
„Können Sie Peter nicht erreichen?"
„Leider nein. Dieser spleenige Ohlsen sitzt in einer Hütte am Siljansee, ohne Telephon, und angelt den ganzen Tag, sagt sein Buchhalter. Scheint wirklich ein wenig übergeschnappt zu sein."
Vera Verries fuhr in die Hohe, die Zeitungen flogen zu Boden.
„Wissen Sie, wie er mit Vornamen heißt?" fragte sie atemlos.
Anita dachte einen Augenblick nach. „Warten Sie mal — ja — Arne, glaube ich, ganz richtig, Arne Ohlsen!"
„Nicht möglich!" Die sanfte, stille Vera Verries schrie es fast.
„Wissen Sie noch mehr von ihm?"
Anita sah sie verblüfft an. „Nur, was Peter mir erzählt hat. Sein Einsamkeitstick soll einer enttäuschten Liebe entspringen. Seine Frau ist mit einem anderen durchgegangen, und seither soll er ein Weiberfeind fein."
Das Telephon surrte. „Ein Herr ist in der Halle und möchte Fräulein Verries sprechen, er will seinen Namen nicht nennen."
„Mein Gott, wer von uns beiden ist nun gemeint?" rief Vera erregt. „Kind, Sie haben mir
wirklich allerhand eingebrockt mit Ihrem verrückten Einfall, unter meinem Namen zu tanzen!"
„Der Besuch ist sicher für Sie", sagte Anita mit einem leisen Bedauern in ber Stimme.
„Na, wir werben ja sehen. Jedenfalls bitte ich Sie, ben Herrn zu empfangen; benn ich bin noch nicht ungezogen. Ich mache mich noch etwas zurecht unb erwarte ihn nebenan im Salon, sagen wir in zehn Minuten."
Ein Besuch, ber seinen Namen nicht nennen wollte, das konnte Arne fein. Er mußte es sein. Gewiß kam er, um alles aufzuklären. Es war doch unmöglich, baß eine Liebe an einem Mißverständnis scheitern sollte. Zum tausendsten Male überdachte sie bie Situation; sie hätte nicht Hals über Kopf wegfahren foUen. Aber es war nun einmal geschehen. Mit zit- ternben Händen legte sie etwas Rot auf, puderte sich, bürstete ihr schwarzes Haar, wählte den cremefarbenen Morgenrock und das leise Parfüm ber Parmaveilchen. Dann ging sie in den kleinen Salon, steckte sich eine weiße Rose an unb blickte auf die Uhr. Die zehn Minuten waren längst vorbei. Eine Viertelstunde, zwanzig Minuten. Sie ging ans Telephon. Ihre Hänbe begangen zu zittern. Sie fühlte eine jähe Schwäche in den Knien, hängte ben Hörer roieber ein. Da surrte ber Apparat. Anitas strah- lenbe Stimme klang aus bem Trichter.
„3a, Kleine, was sagen Sie? Der Besuch ist für Sie? Na, ich gratuliere! Natürlich lassen Sie sich Stockholm zeigen, ich wünsche Ihnen recht viel Vergnügen!"
Sie hängte den Hörer ein, ihre Gedanken überstürzen sich. Er war nicht gekommen! Sie hatte ihn zu sehr gekränkt. Der Mann, den sie für einen zweifelhaften Abenteurer gehalten hatte, für einen Entgleisten, ben sie retten unb in übertriebenem Idealismus auf ben rechten Weg zurückbringen wollte, war ja ein ganz normaler Mitmensch. Nein — es war nicht auszudenken! Sie rannte im Zimmer auf und ab wie eine Löwin rm Käfig. Sie mußte die Wahrheit wissen! Sie mußte zu ihm. Aber der Tanzabend! Dieser dumme Tanzabend! Plötzlich leuchtete ihr Gesicht auf. Sie nahm den Hörer ab: „Mein Wagen soll vorfahren", sagte sie entschlossen, „und zwar möglichst rasch!"
(Fortsetzung folgt)


