Ausgabe 
10.11.1940
 
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worden. Im Gegenteil, als Verwundete sind sie erst recht wieder Parteigenosien, fanatischer wie zuvor!

Und diesen Sechzehn sind nun viele Hun­derte gefolgt, hier und außerhalb der Grenzen des Reiches. Es war jahrelang, fast ein Jahrzehnt lang ein einziger Weg von Märtyrern, am stärksten vielleicht in der Ostmark und im Su­detenland am stärksten, weil der Kampf dort am aussichtslosesten zu sein schien. Wie konnten diese kleinen Leute den Lauf der Geschichte ahnen, wie er sich nun wirklich vollzog? Wie konnten sie das Wun­der voraussehen, daß sie 1% oder 2 Jahrzehnte spater ein großes Reich glorreich heimholen würde? Sie haben trotzdem gekämpft, gläubigen Herzens, ohne im einzelnen genau zu wissen, daß es zu ihren Lebzeiten noch so kommen wird.

Das alles aber hat von diesem 8. und 9. Novem­ber 1923 seinen Ausgang genommen. Und deshalb feiern wir die Erinnerung an diese Männer tn besonderer Ergriffenheit heute mehr noch als damals, denn sie haben zugleich auch die Schmach des Zusammenbruchs vom Jahre 1918/19 im Her­zen getragen. In ihnen hat diese Schmach gefressen und gewühlt. Wie oft sind wir beisammen gesessen, immer von dem einen Gedanken durchglüht:Das muß in unserer Geschichte wieder repariert werden.

das kann nicht so dauern und kann nicht so blei­ben! Das würde das deutsche Volk für alle Zeiten mit Schande belasten! Das werden wir beseitigen aus unserer Geschichte! Das werden wir wieder wegwaschen! Wir werden wieder aufrichten ein Deutschland der Macht und der Kraft und der Herr­lichkeit. Deutschland muß wieder a-uferstehen, so oder io!"

und in diesem Geist haben wir damals ge­kämpft. 3n diesem Geist sind sie gefallen. 3n diesem Geist wurde dann der Kampf erst recht weitergeführt, und in diesem Geist stehen wir hier nun heute vor der anderen Welt und wer­den das durchsetzen, wofür auch sie einst gefal­len sind! Sie glauben Deutschland zu vernich­ten. Sie werden sich irren! Aus dem Kampf' wird erst recht Deutschland erstehen!

Mit stürmischer Begeisterung und in tiefer Er­griffenheit sind die alten Parteigenossen den Schluß­worten des Führers gefolgt. Nun bricht ein beispiel­loser Beifallssturm los. Immer wieder erneuern sich die Ovationen, bis endlich in den Liedern der Nation der allgemeine Jubel in ein Bekenntnis äußerster Kampfentschlossenheit Trusklingt.

Das Ritterkreuz für gefallene Helden.

Generalleutnant Ritter von Speck (rechts) und Kommodyre Sonic (links). (Scherl-Bilderdienst- sOKW.-j M.). J

Narvik trotz ungeheurer feindlicher Ueberlegenhett und schwierigster Bedingungen zum Siege geführt hat. Kommodore Vonle und seine Zerstörer werden allezeit der deutschen Kriegsmarine als Beispiele opfervollen Einsatzes bis zum Siege vor Augen stehen.

Berlin, 9. Nov. (DNB.) Der Führer und Oberste Befehlshaber der Wehrmacht hat zwei Of­fizieren, die au eulscheidender Stelle im Kampf für Deutschlands Ehre und Freiheit gefallen sind, noch nach dem Tode das Ritterkreuz des Eiferneu Kreuzes verliehen, Generalleutnant Ritter von Speck und Kommodore B o n t e.

Beide Offiziere haben ihre Namen durch Taten in das Buch der deutschen Geschichte eingetragen. Generalleutnant Ritter von Speck führte in den Kämpfen vom 5. bis 8. 6. a m E h e m i u des Dames und um den Aisne-llebergang fein Armee­korps in schweren Kämpfen zu größten Erfolgen. »Durch feinen mitreißenden persönlichen Schwung gelang es den deutschen Truppen, gleichzeitig mit dem fliehenden Feind über die Aisne zu gehen und Brückenköpfe südlich des Flusses zu bilden. Unter .ßchwerem feindlichen Feuer führte er die beiden Di­visionen seines Armeekorps selbst in vorderster Linie zum Angriff. Am 15. 3uni starb er den Heldentod, ein Kommandierender General, der als Beispiel höchster soldatischer Tapferkeit in der Geschichte des deutschen Heeres für alle Zeiten fortleben wird.

Kommodore B onte war Führer der deut­schen Zerstörer, dic-angesichts der weit über­legenen britischen Flotte den kühnen Vorstoß nach Narvik wagten und siegreich durchführten. 3n den schweren Kämpfen um Narvik starb er den Helden­tod und gab feinen Einheiten das große Beispiel für jenen heroischen Einsatz, der die Kämpfe um

Korvettenkapitän Erdmenger mit dem Ritterkreuz ausgezeichnet.

Berlin, 9. Nov. (DNB.) Der Führer und Oberste Befehlshaber der Wehrmacht verlieh auf Vorschlag des Oberbefehlshabers der Kriegsmarine, Großadmiral Dr. h. c. Raeder, das Ritterkreuz des Eisernen Kreuzes an Korvettenkapitän Er d m e n - g e r, dem Kommandanten des Führerzerstörers des Kommodore B o n t e. Bei dem Einsatz der Zerstörer gegen Na-rvik war es seinem hervorragenden navigatovischen und seemännischen Können zu dan­ken, daß die Zerstörer trotz schwierigster Verhältnisse Den Hafen von Narvik rechtzeitig erreichten und da­mit den englischen Streitkräften, die der schwieriges Navigation nicht gewachsen waren, zuoorkamen. Nach dem Verlust seines Zerstörers wurde er als Bataillons, und Kompanieführer während der Kämpfe um Narvik eingesetzt. General der Gebirgs- truppen Dietl schreibt die rasche Umstellung der Zer­störerbesatzungen auf den Gebirgsdienst in erster Linie seiner Tatkraft und Umsicht zu. Er hat mit seinen Matrosenabteilunqen sowohl beim Marsch im winterlichen arktischen Gebirge, als auch beim Ge­fecht unter schwierigsten Verhältnissen Ausgezeich­netes geleistet.

Die Volkswandenmg -er Deutschen.

Don General Professor Dr Haushofer, Dorsihender der Äundesleitung des DDA.

Das Außendeutschtum ist ebensosehr Sache des Herzens und des Gefühls wie des politischen und wirtschafllichen Verstandes. Das Befassen mit außendeutschen Fragen heißt, unser Volk zur Be­schäftigung mit Politik erziehen, das heißt in die­sem Falle, zur Weltpolitik und zum Verstehen und Begreifen der Maßnahmen, die andere Völker für oder gegen unser Volkstum treffen."

Mehr denn je gelten diese, 1925 vom Mitarbeiter des Führers, Obergruppenführer Brückner, in einer Versammlung des Volksbundes gesprochenen, richtungweisenden Sätze heute. Deutschland ist durch die geniale Führung Adolf Hitlers aus der mittel­europäischen Enge und Begrenztheit.feiner Ent­wicklungsmöglichkeiten zur Weltmachtstellung auf- gestiegen und hat mit der sieghaften Entscheidung dieses von England und seinen materiellen und geistiaen Trabanten vom Zaun gebrochenen Krieges die Aufgabe übernommen, durch eine sinnvolle, der Größe, den Kräften, Fähigkeiten und historischen Leistungen der Völker entsprechenden Neuordnung im europäischen Raum die Voraussetzungen für eine bessere Zukunft zu schaffen.

Nichts beweist die Größe der völkischen Aufgaben unserer Zeit eindringlicher, als die Tatsache, daß der Führer aleichzeitio und neben die größte Ent­scheidung unserer Geschichte mit den Waffen den Auftrag zur Neuordnung unseres Volkes aus der weltweiten Zerstreuung zur Zusammenfas­sung, zur Festigung und Sicherung des deutschen Volkstums für alle Zeiten im neuen Dolksreich der Deutschen gestellt hat. Damit hat der große Aufbruch begonnen, die Volks- wanderung der Deutsch e^r, die zum Un­terschied von der Völkerwanderung am Beginn un­serer Geschichte vom Führer und seinem Volke ge- wollt ist und zum Segen und Sicherung auf Jahr­tausende gelenkt wird.

Gerade aus dieser volklichen Zielsetzung der sich abzeichenden Endentscheidungen kommt der 61. Jahrestagung des größten deutschen Volks­tumsverbandes, des DDA., die vom 24. bis 27. Ok­tober in München abgehalten wurde, eine besondere Bedeutung zu. Dieser deutsche Volkstumsverband so wie er freute in der Erneuerung durch den Nationalsozialismus und als Diener der großen volkspolitischen Neuordnung des Führers zur Ar­beit und Ausrichtung seines Mitarbeiterkorps in München angetreten ist wurde seiner Zeit aus der Grenz- und Dolksnot im Heimatland des Füh­rers von aufrechten Männern im Gegensatz zu allem gegründet, was damals Gewalt besaß im Habs- burgerftaat Gerade weil er nicht auf staatlichem Denken aufgebaut wurde, verfiel er nicht,' als das Zweite Reich zerfiel, sondern wurde erst recht stark und konnte sich verjüngen im größeren, nicht mehr auf staatlichem, sondern volklichem Denken fußenden Deutschland Adolf Hitlers.

Aus dieser volkspolitischen Äerankerung, in der Kunst des Sichzurechtfindens mit fremden Völkern und des Durchsetzens gegen diese, überall dort, wo deutsches Blut in fremdvölkiscker Umwelt um seine Behauptung rang, ist in meyr als sechzigjähriger Arb^t ein Schatz von Erfahrung und freiwilliger Opferbereitschaft von Millionen geschaffen worden. In diesem Geiste des volklichen Denkens sind ganze Geschlechterfolgen erzogen worden, deren Erfah­rungsgut dem Großdeutschen Reich für feine ge­waltigen Aufgaben der volklichen Neuordnung zur Verfügung steht.

Als die Baltendeutschen, die Wolhynien- und Ga­liziendeutschen, die Deutschen aus dem Buchenland, Bessarabien und der Dobrudscha und die Menschen aus der Heimat Andreas Hofers den Ruf und Auf­trag des Führers zur Mitgestaltung am Volksreich der Deutschen erhielten, da konnten aus dieser jahr­zehntelangen Erziehungsarbeit des Volkstumsver­bandes Hunderte und aber Hunderte von Menschen zur Verfügung gestellt werden, die bis zum letzten Hof und bis zur entferntesten Grenze des deutschen Siedlungsbodens wußten, wo die Volksgenossen zu finden waren, wie es um ihre lebende Habe und ihre Fahrnis stand, und die in langer Arbeit nicht nur die Lebensbedingungen und die Kampsvergan- aenheit der Siedler kannten, sondern durch ifrre Hilfestellung auch das Vertrauen dieser deutschen Menschen erworben hatten. Durch die Ausweitung des Reiches auf viele dieser volklichen Kampfräume konzmt der Arbeit nun zugute, daß in diese Er­

fahrungen eingeschossen auch die Kenntnis von der frerndvölkischen Umwelt ist, mit der sich die Volksdeutschen in jahrhundertelanger Be­rührung auseinandergesetzt hatten.

Es ist und bleibt eine in alle Zukunft gestellte Ausgabe unseres Volkes, als Volt in der Mitte Europas wie.auch immer sich seine Grenzen, sein Kulturbereich, seine Macht und seine Wirtschaft nach dem jetzt Durchlebten gestalten wer­den die Gesetze dieses volklichen Neben­einanderlebens im europäischen Raum lebendig zu erhalten, sorgsam zu überwachen und zu behüten. Gleichzeitig, was an Außendeutschtum in weiter Zukunft noch fein wird, bleibt die Aus­wertung der Erfahrung des Volkstumsverbandes, die Kenntnis der Raume, Menschen und ihrer Be­dingtheiten jenseits der überwundenen Versailler Grenzen eine der vornehmsten Aufgaben des Volks­tumsverbandes für die Zukunft. Genau so wie die

NSV. der vom Führer gewollte und immerwäh­rende Appell an die Massen des deutschen Volkes in sozialer Hinsicht sein soll, muß auf der volk­lichen Ebene auch in einem durch die stärksten Machtmittel gesicherten Reich das Wissen um d i e volklichen Dinge und Gesetz-e stets lebendig gehalten werden.

Nicht umsonst hat in dem oben erwähnten 'Vor­trag der Adjutant des Führers aus einem Rück­blick auf das Auf und Ab der deutschen Geschichte festgestellt:lief erschütternd ist es zu sehen, wie das deutsche Volk nach gewaltigen Anläufen, nach glorreichen Höhepunkten immer wieder tiefe Nie­derbrüche erleiden mußte. Wie kein anderer ist der Deutsche zum Geistesschaffen, zur Wirtschaft be­fähigt. Froh ordnet er feine Arbeit und feine Kräfte ein und unter. Was ihm aber fehlte, ist der Gesamtrhythmus, der die Zahl Bluts­verwandter durch geschichtliches Geschehen und Er­leben zusammengehöriger Menschen erst zum Volke macht."

Das Wissen um diesen Gesamtrhythmus war auch in all den vergangenen Jahren die Verpflichtung, die Verbindung und den Austausch der geistigen Güter mit jenen germanischen Volkstümern zu pfle­gen, die durch eine sinnwidrige Entwicklung in einen Gegensatz zum deutschen Volk gedrängt wor­den sind. Aus den Tausenden von Fäden dieser Beziehungen sind heute wertvolle Ansatzpunkte über­all dort, wo Deutsche und Germanen zu gegenseiti­ger Verständigung und zur Zusammenarbeit im Dienst einer höheren germanischen Idee zusammen- getreten sind.

Aus der Enge binnenstaatlichen Denkens ist unser Volk durch die Gewalttgkeit des Führerauftrags in die weltweite neue Ordnungs- und Aufbau­idee hineingestellt worden. In diese neuen großen Maßstäbe die breiten Massen des deutschen Volkes hineinzustellen' sie zu diesen zu erziehen, aus dem Schatz der bisher in jahrzehntelanger Arbeit ge­sammelten Erfahrungen immer wieder neu die Ge­setze des volklichen Lebens und des Verhaltens zu den andern abguftimmen, zu kontrollieren und zu verfeinern das ist die Aufgabe, die unserer Ge­neration gestellt ist und die wir lebendig allen späteren Geschlechtern weiterzugeben haben.

Kleine politische Nachrichten.

Hawai hat sich für die Umwandlung in einen USA-Staat entschieden. Eine Volksabstimmung ergab 40000 gegen 20000 Stimmen bei insgesamt 80000 Wahlberechtigten.

*

.Neville Chamberlains Gesundheitszustand hat sich in den letzten Tagen erheblich verschlechtert. Chamberlain steht im Alter von 71 Jahren.

Der Besuch.

X>on Olaf Hinz.

Morgens, wenn die ersten gelben Sonnenstrahlen durch die Fenster in das große Krankenzimmer safteten, schob Christian seinen Kopf zur Seite, um zu sehen, wie die dichten Aeste der Bäume im Park von dem warmen Licht berührt wurden. Die Wipfel nickten leise, und er glaubte, das heimliche Rascheln >»er Blätter zu hören. Das war wie das sanfte Platschen des Wassers, wenn es ans Ufer spülte, ;u Hause, in dem kleinen Dorf, das wett oben in Ostpreußen lag. Das Häuschen, in dem seine Mut- icr war, stand dicht an einem Fluß. Er hatte oft während des Mittags da im Gras gelegen und auf tas Wasser gesehen, das langsam vorbeifloß. Er Zehnte sich sehr nach jenem Platz.

Noch vor ein paar Wochen, als er mit seiner Batterie in Frankreich war, bei den Kameraden, da mar es nicht so schlimm gewesen mit dem Denken lind Sinnen, da hatte jede Stunde ihre große ent- cheidende Aufgabe gehabt. Aber nun lag er mit iinem Beinschuß im Lazarett, im Süden Deutsch- lands, weit von dem sttllen Dorf. Jetzt gab es kein Marschieren, keinen Kampf, kein Dorrücken durch : iremde Orte jetzt gab es nur Warten, warten unb stille fein.

Das war schwer.

Briefe bekam er auch. Die Mutter war sehr alt, iinb bas Schreiben war ihren Fingern so fremd.

Vor ein paar Tagen hatte er ihr eine Karte ge­schickt, ihr geschrieben, daß er in guter Hut sei.

Allmählich wachten auch die beiden Kameraden Ulf, mit denen er fein Zimmer teilte. Der eine war Biel älter als Christian, aber er war immer ver- gnügt, trotz feiner Vauchwunde. Viel sprechen durfte er nicht, aber feine Augen leuchteten immer blank in den Tag. Schlimmer war es mit dem jungen Blon- ! den, der neben Christian lag. Der sprach selten ein Irises Wort, er schaute vor sich hin, und manchmal hufzte er heimlich. Aber er klagte nie, obgleich er : slarke Schmerzen haben mußte, denn sein Arm war zerschmettert.

Dann war ein Tag, da führte die junge Kranken­schwester eine alte Frau ins Zjmmer. Es war am : Nachmittag, und Christian schlief.

Die alte Frau war sehr klein. Mit behutsamen winzigen Schritten ging sie an Christians Bett. Als die Schwester den Schläfer wecken wollte, wehrte die Alte ab. Sie ließ sich leise auf einen Stuhl nie­der, der dicht am Bett stand. Dann faltete sie die Hände über dem Schoß und sah auf das schlafende, ruhige Gesicht.

Lange saß sie so.

Die beiden anderen Verwundeten sahen stumm auf die kleine weißhaarige Frau.

Eine Stunde mochte so vergangen sein, da wachte Christian auf. Er sah die Gestalt an seinem Lager und erkannte das Gesicht seiner Mutter. Er konnte nicht sprechen, er vermochte das alles kaum zu be­greifen. Aber die Mutter hatte sich über ihn ge­neigt, und die alten, harten Hände hatten seine Wangen gestreichelt. Da mußte Christian meinen, aber er schämte sich nicht.

Die Mutter hielt seine Hände.

Mutter", sagte er endlich,so weit bist du ge­fahren?" Lächelnd nickte sie. Es fei schön gewesen, zu ihm zu reisen, meinte sie. Dabei war sie feit mehr als dreißig Jahren nicht mehr in der Eisen­bahn gefahren.

Sie erzählte von dem Dorf, von dem kleinen Haus, von dem Garten, der nun viel zu groß für sie sei, und sie zog aus ihrem altmodischen Täschchen etwas hervor, das in weißes, dünnes Papier ge­wickelt war. Christian öffnete das Papier. Es war eine bald verwelkte Blüte.

Von deinem großen Strauch, Junge."

Sie sprach viel und war so munter, wie Christian sie gar nicht kannte. Und immer hielt sie seine Hände gefaßt. Noch nie hatte Christian so viel Liebe und Güte in einem Gesicht gesehen.

Und die anderen waren ganz ruhig, sie lauschten den Worten der alten Frau, als vernähmen sie von ihrem Zuhause.

Als der Abend schon seine Schatten in das Zim- mer legte, stand die Frau auf, beugte sich noch einmal über das Gesicht Christians. Dann ging die Mutter aus der Krankenstube. Die Blicke der Zu­rückgebliebenen gingen mit ihr mit, bis die Tür geschlossen war.

Es war lange still.

Dann sagte der Blonde neben Christian, und feine Augen waren froh wie nie:Meine Mutter wartet auf" mich und ich freue mich so." Er lächelte glück- lich.

Christian hatte ein Gefühl in feinem Herzen, als hätte er eine Gnade empfangen, unverdient und unverhofft.

Die kleine Blüte hatte er 'm ein Wasserglas ge­tan. Da stand sie neben ihm und sah ihn an.

Ein Mann.

Bon Felix JRiemtoffen.

Von Berus war er in Friedenszetten irgendwo ein kleiner Schreiber. Er war nie mutig gewesen, er hatte im Gegenteil stets eine Art von Schauder verspürt bei dem Gedanken, daß es Menschen gab, die große Dinge vollftihrten. Beispielsweise wäre es ihm nie eingefallen, freiwillig an einer For­schungsreise^ in die Arktis teilzunehmen oder frei­willig ins Innere von Brasilien vorzudringen. Er hatte Bücher darüber gelesen und Bilder im Film gesehen, aber stets hatte er deutlich das Gefühl ge­habt, so etwas fei nicht für ihn gedacht. Für ihn, das war fein täglicher kleiner Dienst mit der Angst vor dem Bürochef. Vor den Leuten stand er lieber zurück. Streit liebte er gar nicht.

Dann war der Krieg gekommen, und er war ein- gezogen worden. Die Frau mit den beiden Kindern laß zu Haufe. Im Westen, im Bunker, hatte er ge» dacht, näher heran käme der Krieg an ihn nicht, und er war im Stillen froh darum gewesen. Er hörte von Polen, von Norwegen und dachte, wie gut es sei, daß er hier im Westen weit davon entfernt war. Derartige Taten traute er sich nicht zu.

Plötzlich kamen Befehle, es kam der Abmarsch, und plötzlich hing ihm der Krieg direkt über dem Kops. Er mußte marschieren, daß die armen Füße und der lahme Buckel weh taten. Er sah mit Grau­sen und Erstaunen, welche ungeheure Maschinerie Deutschland in Bewegung setzte. Er sah Fahrzeuge gefährlichster Art, er sah die Flieger in Ketten über sich, dann hörte er das Krachen der Einschläge und iah die langen Züge Verwundeter, die rückwärts geschafft wurden. Es wurde immer gefährlicher um ihn her^ Ein Gefühl stand in ihm auf, wie damals als Junge, als er ins Wasser gestiegen war, und das Wasser ging ihm bis an die Brust. Es war ein banger, bedrückender Moment gewesen, aber nach­her war es nur Wasser, und mit dem Wasser wurde er fertig.

Aehnlich fo empfand er es, als er mit feiner Kom­

panie in Belgien nach vorn mußte, in einen kleinen Wald hinein mit einem Wässerchen und einem Brückchen. In feiner Nähe befand sich der Leut­nant. Plötzlich dunstete es stark von drüben herüber, böse Schüsse, die übel trafen. Hinter ihnen stieg mit einem unsäglichen Krachen und Wüten die Erde himmelhoch empor, es war, als berste die Hölle auf.

Das ist heiter", dachte er,zurück kann hier keiner, und nach vorn wird es noch schlimmer fein."

Er sah mehrere Kameraden fallen. Einmal strich ein feindliches Flugzeug dicht über dem Erdboden hin und mähte mit dem Maschinengewehr voraus.

Das ist ganz verflucht", dachte er.

Gehen Sie nach links hinüber", schrie ihm der Leutnant zu.

Links war ein kleiner Erdbuckel. Mit noch drei Mann lag er dort. Er sah dann ein wenig mehr von dem Gefecht. Drüben schossen sie, Soldaten, aber in fremder Uniform.

So", dachte er,das ist der Feind?"

Dann sagte er sich, daß er diese Leute drüben nicht dulden durste. Er schoß hinüber. Drüben waren sie dabei, ein Maschinengewehr in Stellung zu bringen.

Das geht nicht", dachte er,das dürfen sie nicht."

Sie waren mtt dem Gewehr nicht zu fassen. Hat­ten sie ihr Maschinengewehr erst aufgebaut, so schos­sen sie alles zusammen.

Das ist ganz unmöglich", dachte er, und dann rannte er voll riesiger Wut auf sie zu und schmiß die Handgranate mitten unter sie. Mit diesem Ma­schinengewehr würden sie keine Kunststücke mehr machen, dachte er. Er fühlte noch, wie er fiel. Nach­her lag er im Feldlazarett. Dort erfuhr er, was er angeblich war: ein besonders tapferer Soldat, einer, der ungewöhnlich viel getan hatte. Mtt vier Ver­wundungen war er davongekommen.

Wenn ich das vorher gewußt hätte"- dachte er, während er im Sonnenschein lag und scheu seinen Verband ansah,daß das schon das sei, was Mut genannt wird?"

Er wäre dann immer schon mutig gewesen.

Ich konnte doch die Brüder nicht ihr Maschinen­gewehr aufbauen lassen", sagte er zu dem Major, der ihn besuchte und ihm bei dieser Gelegenheit sagte, daß er zum Eisernen Kreuz votgeschlagen sei und zur Beförderung außerdem.Das ging doch nicht, Herr Majore und da bin ich dazwischenge-! fprungeit'*