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Er. 188 zweites Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für VberWen)

I0./1I. August 194»

Aus der Stadi Gießen.

Die Volksmusik.

Zu den wichtigsten Mitteln der deutschen Kultur­arbeit gehört die Musik. Ihre Ausübung ermöglicht die Pflege und Verfeinerung der Sinne und Organe des Körpers, die Schärfung des Verstandes, die Bil­dung der Seele und die Festigung des Willens und Charakters. So vervollkommnet die Musik jeden ein­zelnen Menschen, darüber hinaus aber auch die Ge­sellschaft, die Familie, die Gemeinde, das ganze Volk! Durch nichts kann die Musik ersetzt werden, und darum,muß erst recht im Kriege jeder in un- serm Volke, in Stadt und Land, reich und arm, durch und für die Musik gewonnen und erzogen werden, wenn mir bleiben wollen dasVolk der Denker und Dichter", das Volk der Arbeiter und gelben.

Gerade unsere Zeit erkennt die Notwendigkeit der musikalischen Volkspflege im besonderen an. Sie weiß, daß mir nur dann von einer wahrhaften Kul­tur sprechen können, rnenn kein einziger von der heilsamen Kraft der Musikpflege ausgeschlossen bleibt. Und so wurde immer lauter, immer drängender der Ruf nach einer Volksmusik. Musik dem Volke! Aber nicht als Almosen, sondern als Recht! Leider ver­binden manche mit dem BegriffVolksmusik" den der Minderwertigkeit, wie das jo schlagend die Un­terscheidung der Musikinstrumente inKultur- und Volksinstrumente" beweist. Demgegenüber muß be­tont werden, daß Volksmusik, wie alle Bildungs- orbeit am Volke, höchste Kulturarbeit ist, ja, daß ohne das Hineinstellen des ganzen Volkes in den Mittelpunkt und ohne die eigene Mitwirkung aller Volksgenossen von Kultur nicht gesprochen werden kann. Volksmusik ist Kulturarbeit; sie hat sogar den großen Vorzug, daß sie alle Menschen zur musika­lischen Betätigung heranzieht. So hat jede im Hause eines Arbeiters gespielte Blockflöte, jede Harmonika, nach der man tanzt und singt, einen weit höheren Kulturwert als ein nur in vornehmen Konzerten ge­spielter Flügel oder als eine herrliche, aber meist stumme Orgel. Davon geht kein Deut ab! Aber die Instrumente stehen sich nicht so gegenüber, wie viele glauben mögen; von der Zither aus, von der Har­monika und vom Volkstanz aus hat mancher den Weg gefunden zum Orchester, zum Flügel, zum Chor. Seid gelobt, ihr Flöten und Lauten, ihr bringt Sang und Klang und Bewegung, Freude und Kraft in die weiten Kreise unseres Volkes hinein! Seid bedankt, ihr Musikanten, Sänger und Lehrer, alle, die ihr mit dem Volke musiziert, ihm Freude und Licht bringt in den Alltag, die ihr seine körperlichen und seelischen Kräfte weckt, damit es lebensbejahend und arbeitsfroh bleibt, fein Leben verschönt und es eins bleibt in Gesinnung und Tat.

Das ist die Kulturaufgabe der Volksmusik: Mit- helfen an der Gesittung, Gesundung und.Höher­entwicklung aller im Volk. Und wer lehrt uns das Einssein von Volks- und Kulturmusik besser als unsere ganz Großen im Reich der Musik, die tief im Volke wurzelten und zugleich in höchste Höhe wuchsen, die neben ihren großen Werken unzählige kleine Schätze dem Volke gaben? Wir rufen nach Volksmusik, nach Künstlern und Lehrern und Men­schenfreunden, denen die Kultur das Höchste und die Musik als ein Mittel dazu erscheint.Ehrt eure Meister'" aber achtet alle die, welche in ihrem Kreise singen und spielen, Musik empfinden und er­leben und Stein und Steinchen zusammenfügen zu dem Wunderbau: Deutsche Kultur!

Gießener Dochenmarktpreise.

* Gießen, 10. Aug. Auf dem heutigen Wochen­markt kosteten: Markenbutter, % kg 1,80 RM., Matte 30 Rpf., Käse, das Stück 6 bis 10, ausländische Eier 11%, Kartoffeln, % kg 7 Rpf., 5 kg 68 Rpf., Wirsing, % kg 8, Weißkraut 6, Rotkraut 12 bis 13, gelbe Rüben 10, rote Rüben 6 bis 10, Spinat 18, Römischkohl 10, Bohnen, grün, 16 bis 28, gelb, 22 bis 30, Erbsen 25 bis 35, Tomaten 25, Zwiebeln 14, Rhabarber 10, Pilze 50, Frühäpfel 30 bis 40, Fall­äpfel 10, Birnen 30 bis 60, Preiselbeeren 22, Jo­hannisbeeren 25, Pflaumen 20 bis 28, Zwetschen 30 bis 35, Mirabellen 30 bis 35, Renekloden 35, Blumenkohl, das Stück 10 bis 60, Salat 5 bis 10, Salatgurken 10 bis 40, Einmachgurken 1% bis 4, Endivien 10 bis 15, Oberkohlrabi 5 bis 15, Lauch 17, Sellerie 20 bis 40, Rettich 10 bis 20, Radieschen, das Bund 10 Rpf.

Wanderungen in der Heimat.

Eine Waldschneise lockt zum Spaziergang. (Aufn.: Hofmann.)

Stimmungsvoller Blick vom Waldrand zum Dorf.

Es liegt im deutschen Wesen begründet, daß wir uns hinaussehnen in die weite Welt. Fremde Län­der, fremde Städte und fremde Menschen möchten wir sehen, möchten schauen und eraründen. Aber warum denn in die Ferne schweifen?

Wenn wir wandern oder eine Reise machen, dann sollten wir unsere Heimat im tiefsten Sinne des Worteserwandern". Wer kennt unsere Hei­mat in allen Ecken und Winkeln? Wohl niemand. Wir müssen abseits von der großen Heerstraße wandern, müssen nach verborgenen Schönheiten suchen. Wir werden überrascht sein, denn immer wieder finden mir Plätzchen, die so schön und ein­ladend sind, daß mir staunend stillestehen.

Dieses Ermandem der deutschen Heimat bringt volle Erholuna und restlose Zufriedenheit. Die Ju­gend hat das schon lange gefühlt. Sie zieht singend und mandernd durch die deutschen Gaue, sie ver­schmäht auch die kleinsten Dörfchen nicht. Sie findet in Wald und Heide gar schöne Fleckchen, die jie in, ihr Herz schließt.

Erst rnenn mir abseits von der Landstraße hinein­gehen in die Dörfer und auf die Höfe, lernen mir zu der Heimat auch den deutschen Menschen bei seiner Arbeit, bei Leid und Freud kennen, dann erst verstehen mir deutsche Art und deutsches Brauch­tum. Solche Wanderungen, ganz ohne Ziel und Plan, bereichern und stärken zugleich. Wir fühlen immer mehr, daß mir eine große Volksgemeinschaft bilden, in der jeder an seinem Platz zu stehen hat. Wir verstehen dann manche Eigenarten und manche Merkrnürdigkeiten, rnenn mir sie an Ort und Stelle studieren können.

Mit ganz anderen Augen betrachten mir dann unsere Umwelt. Die Wochen des Urlaubs öffnen manchem die Augen. Wir gerninnen neue Maßstäbe, unsere Ummelt zu schauen, und neue Wertungen merden uns vermittelt. Unser Blick weitet sich, wir verstehen und begreifen Zusammenhänge, die uns vielleicht bis dahin fremd waren. Deutsche Ver- aangenheit steigt empor und läßt uns immer mehr fühlen, wie eng wir mit unserer Heimat verwur­zelt sind ...

*

Unser Wald birgt so viele Schönheiten, daß wir immer wieder überrascht werden. Kommen wir aus der gleißenden Sonne, noch umhüllt von der heißen Luft, umfängt uns im Wald sofort ange­nehme Kühle. Den harten Feldweg vertauschen wir mit einem weichen Nadelteppich. Wir atmen in tiefen Zügen die frische, harzige Waldluft. Mit diesem köstlichen Gegensatz zwischen Sonnenhitze und Waldesschatten werden wir sofort in eine andere Welt versetzt. Langsam schlängelt sich der Weg bergan. Die Tannen bleiben zurück, Buchen rau­schen rechts und links, und wir schauen in einen Hochwald, in dem die Sonne helle Kreise malt. Das Laub raschelt unter unseren Füßen.

Und dann sind wir oben. Der Hochwald wird abgelöst von Gebüsch und Gesträuch. Haselnüsse, Hainbuchen, junge Eichen und Kiefern in bunter

Abwechslung. Am Rande des Grabens, auf dem weichen Moospolster, lagern wir uns. Ganz links können wir durch den schmalen Waldweg hinaus auf das weite Feld sehen. Keine fünf Minuten brauchen wir, um draußen den fleißigen Schnittern und Schnitterinnen zuzuschauen.

Nun schlagen wir uns auf einem Jägerpfab durch den Niederwald und schrecken auch nicht zurück, wenn uns einmal ein Zweig ins Gesicht fährt; denn etwas weiter unten kennen wir einen Fuchsbau. Vielleicht haben wir Glück und sehen Meister Reineke. Aber heute scheint er sich im Innern seiner Burg aufzuhalten. Einige Meter von dem Eingang quillt klares Wasser aus der Erde. Eine einfache Tonröhre faßt die kleine Quelle, und bequem kön­nen wir daraus trinken. Das labt und erquickt!

Die Sonne ist inzwischen höher gestiegen, und wir könnten mit einigen Schritten wieder durch den Hain hinaus in das freie Feld gelangen. Noch find aber nicht alle Reize entdeckt, die uns der kleine Wald bietet. Ein Pflanzgarten am Wege lockt zu­nächst zu kurzer Schau. Wir freuen uns an den kleinen Zwergbäumchen, die ordentlich in Reih und Glied stehen, blicken, da die Tür unverschlossen ist, in die Waldhütte, die auch von freh Jägern als Nachtlager benutzt wird, machen einen Sprung über einen tiefen Graben und kommen dann in eine Schlucht, die zur Regenzeit von einem Bächlein durchflossen wird, jetzt aber vollständig ausgetrock­net ist. Ein Treppchen aus Stangenholz führt hinab. Schlanke Eschen umgürten die Wasserrinne. Unser

Fuß sinkt ein, überall raschelt es. Frösche leben hier, wir haben sie in ihrer Ruhe gestört. Auch eine Ringelnatter kreuzt unfern Weg, der jetzt wieder durch ein Gebüsch führt, hin zu einem Steinbruch. Er liegt verlassen und einsam. Schon viele Jahre sind es her, daß hier Steine gebrochen wurden. Nun aber haben alle möglichen Pflanzen die Felsen über­wuchert, sogar einige der giftigen Tollkirschen stehen da mit ihrem tiefdunklen Laub.

Und dann sind wir am Waldrand. Noch liegt unser Weg im Schatten der Bäume, er wird aber

Wenn Augen versagen Magnus-Brillen tragen!

nachmittags überflutet und durchglüht von dek Sonne. Hier holten wir einst die erstenErbbeerem An den Wald schließt sich eine breite, von drei Sei­ten eingeschlossene Wiese an. Gerade die Waldwiesen bezaubern uns immer wieder. Gegen Abend, wenn die Sonne nur noch die Baumwipfel bescheint, sitzt es sich hier wunderschön. Dann kommen die Rehe, um ungestört zu grasen, die Hasen hoppeln gemüt­lich durch das niedrige Gras, ganz in der Ferne hören wir einen Eistnbahnzug rauschen

Solche Wälder und Wäldchen gibt es in unserer Heimat überall. Wir brauchen tatsächlich nicht

Schulkinder sammeln Heilkräuter.

Die Kinder in den Schulen unserer Stadt haben sich in den ver­gangenen Wochen mit großem Eifer der Samm­lung von Heilkräutern gewidmet und gehen nach wie vor mit unvermin­dertem Eifer daran, diese Sammlung fortzuführen. Selbstverständlich darf da­bei der Schulunterricht nicht versäumt werden, vielmehr geschieht das Sammeln in der Frei­zeit. Unser Bild zeigt das erste Ergebnis, das wie wir bereits kurz berichteten dieser Tage zur Bahn gebracht wurde. Im Bilde rechts der Be­auftragte für die Heil­kräutersammlung an den Gießener Schulen, Lehrer I m m e l. (Ausnahme: Neuner, Gießener Anz.)

Die schöne Meiusine

Roman bon Hans Richter.

23. Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)

21.

Ist schon der plötzliche Kriegspfad über die Ru­neninsel etwas, das der harmlose Hellwig nicht ver­stehen kann, so wird ihm im Laufe der nächsten Stunden Tildes Gemütsverfassung immer unklarer. Sie besteht darauf, daß sie dieses Mal rudern und daß er steuern soll, und legt sich mit einer fast an Wut grenzenden Kraft in die Riemen, kommt atem­los an der Waldmühle an und bricht erst hier das verbissene Schweigen, in dem sie die ganze Zeit ver­harrt hat.

Wollen Sie heute einmal ganz besonders nett zu mir sein, Herr Hellwig", sagt sie, als sie wieder nebeneinander im Wagen sitzen.

Und er:Das bin ich doch sonst auch, Fräulein Silbe."

Sie wird ungeduldig.Ja, aber heute sa­gen Sie einmal, für das Auto ist doch Steinbergen nicht weit? <5teinbergen/ liegt gegenüber von Utrin. Wir können die Stadt ^links liegen lassen und bei der Schleuse über die Brücke fahren."

Ich denke, wir wollen in Lüchow bleiben?"

Wollen wir auch. Aber sehen Sie einmal, Hell­witz, Lüchow ist doch nun einmal ein Protzenstall, und wenn ich in dem Fähnchen, das ich jetzt an­habe, dort hereinschneie, ziehen die Filmleute einen Flunsch." Sie legt ihm die Hand auf den Arm, sieht ihn bittend an und wickelt ihn nunmehr windelweich um den Finger.

Wenn es Ihnen Freude macht, Fräulein Tilde."

Sie sind wirklich ein netter Mensch", haucht sie und findet, daß die Emesti im Film den Satz auch nicht besser hätte bringen können. Gleichzeitig schilt sie sich innerlich ein Biest, weil sie den guten braven Hellwig so zum willenlosen Werkzeug macht. Aber es ist nun einmal so, man hat nicht umsonst Modell für die Melusine gesessen. Wenn du eine Melusine aus mir machen willst, sollst du sie auch Haden, denkt Tilde.

Weil unnötige Redereien vermieden werden sol­

len, wird Wilhelm Hellwig gebeten, im Wagen zu warten. Er tut das geduldig, während eine gewisse Melusine zuerst einmal alle Schränke durchkramt, aussucht, wieder verwirft und zuletzt ein blaues Teekleid in die engere Wahl stellt, das angenehmer­weise mit nach Steinbergen genommen worden ist. Als Tilde es einpackte, hat sie an Möglichkeiten in Utrin gedacht. Für Lüchow paßt es noch besser.

Tante Malwine sieht dem Gehabe ihrer Nichte ratlos zu und mißbilligt es.Zu meiner Zeit", setzt sie an, wird aber bei den Schultern gefaßt und hinausgeschoben. Was sie noch zu bemerken hat, mag sie ihrem Schwager anvertrauen.

Blau ist die Melusinfarbe, und heute wird Me­lusine gespielt. Tilde läuft im Unterkleid in Vaters .Arbeitszimmer und unterrichtet sich über die Dame Melusine. Für so etwas ist und bleibt das Kon­versationslexikon die beste Quelle: Melrose, Mel­sungen Meltau Memel nein, das ist schon zu weit. Hier Melusine, auch Fischweibchen, eine schöne Meer fee, nach der Sage die Gattin Raimon- dins, die Stammutter der Lusignan. Einst über­raschte sie ihr Gemahl in Fischgestalt, und sie ver­schwand mit lautem Wehklagen. Sieh mal an, die Dame wollte also nicht, daß der Herr Graf hinter ihr Geheimnis käme. Sehr lehrreich und sehr pas­send! Männer brauchen nicht alles zu wissen. Hätte er ihr nicht nachgeschnüffelt, vielleicht wäre die Ehe bis zum Ende glücklich gewesen. Aber da steht noch mehr: So oft seitdem dem Königreich oder ihren Nachkommen, den Grafen von Lusignan, Unglück bevorstand, wurde sie drei Tage vorher auf dem Turm des Schlosses in Trauer gesehen. Na, damit kann man nicht mehr allzu viel anfangen, und außerdem, bis zum Fischschwanz ist Herr Deetjen- Raimondin noch nicht einmal gekommen. Er ist wütend geworden, weil nicht alles nach seiner Nase gegangen ist, und jetzt scharwenzelt er mit der Sprenger herum, die es ihm sündhaft leicht gemacht hat, und trägt Filmschauspielerinnen aus dem Boot ans Land.

Ha ha, das mit dem lauten Wehklagen stimmt auch nicht. Da haben Sie sich getäuscht, mein lieber Herr Deetjen. Im Gegenteil, wir gedenken uns heute abend prächtig zu amüsieren. Wir werden uns verwöhnen lassen, und wir sind überhaupt keine Melusine, sondern Tilde Rohloff, stehen mit beiden

Beinen in der Gegenwart und bauen uns jetzt eine hübsche neue Stellung.

Wenn man es genau besieht, ist Wilhelm Hellwig nicht einmal so übel. Er wird sein, was eine Frau aus ihm machen wird.

Vorerst ist allerdings nicht viel zu machen, Hell­wig sitzt im Auto und hat nur-einen Anzug bei sich. Mag er. Als Tilde herauskommt, sagt erAh", und sie liest befriedigt in seinen Augen, daß sie ihm gefällt.

Wir müssen noch rasch nach Utrin hinüber, Herr Hellwig", bittet sie.Ich habe noch eine Kleinigkeit zu besorgen."

In Utrin hält vor der Apotheke ein Wagen, und aus diesem Wagen strömt die Familie Mewes, aus Lotte, Fritz und dem Schnunks bestehend. Lotte läßt Wagen und Familie im Stich und begrüßt Tilde.

Du, wir haben Urlaub gekriegt und sind bei Va­tern eingefallen." Und Wilhelm Hellwig musternd: Wer ist' denn bas?"

Das ist mein zukünftiger Chef."

Und mit dem ziehst du so hier in Utrin herum?"

Wir haben hier zu tun."

Na, einen Arbeitskittel hast du ja gerade nicht an. Siehst übrigens blendend aus, Tilde, ich denke, du wolltest paddeln?"

Tu ich ja, aber heute abend sind wir in Lüchow."

Wir machen in Familie, kann Vater verlangen. Sag mal, wenn du dasLotteken" nicht mehr brauchst?"

Das Boot liegt in Lüchow, ich bringe es dir morgen abend. Uebermorgen und Sonntag bin ich sowieso nicht hier."

Kannst es ja später gern wieder haben."

Aber sie hat das Gefühl, daß die Ferien von nun ab anders verlaufen werden.Ich brauche es nicht mehr", sagt sie.

Als sie in Lüchow ankommen, liegt das Haus noch im Dornröschenschlaf. Der Besitzer ist viel fteundlicher, als er neulich war, Hellwig hat schon recht gehabt: die neue Firma erfreut sich einer ge­wissen Beliebtheit. Trotzdem das Haus nun wirklich ziemlich besetzt ist, bekommt Tilde ein hübsches Zimmer mit fließendem Wasser und hat sogar Aus­sicht auf den See. .Lotteken" wird von starken Männerfäusten in den Bootsschuppen getragen. Das Gepäck kommt aufs Zimmer. Da liegt nun das Zelt

und das Kochgeschirr und hat ausgedient. Die Ru­neninsel ist entzaubert.

Ein bißchen wehmütig denkt Tilde an den hüb­schen Platz und an die große Einsamkeit, steht am Fenster und sucht mit dem Glas, das ihr der Be­sitzer geliehen hat, die Wasserfläche äb.

Als das weiße Motorboot auf dem Mückenfließ austaucht, geht sie hinunter und legt sich mit Hell­wig, der glücklich ist, weil sie sich heute so viel um ihn bekümmert, in Liegestühle.

Agnes Sprenger übersieht die Lage natürlich so­fort. Eigentlich war sie ja noch nicht sicher gewesen, ob sie sich für Bobby ober für Hellwig erwärmen sollte. Aber Bobby ist ein Eisklotz und hat sie ent­täuscht. Also beschließt sie, ihn auf den neuen Mann eifersüchtig zu machen.

Es war fabelhaft, Hellwig. Sie haben wirklich etwas versäumt", sagt sie und spielt Garbo.

Hellwig bekommt einen Wink und schweigt sich über die Fahrt nach der Insel aus. Agnes Sprenger wirft einen raschen Blick auf ihn und Tilde Rohloff und wundert sich. Sieh mal an, denkt sie, stille Wasser sind tief, und als sie weiterspricht, ist bas eigentlich mehr für ben Mann als für die Frau bestimmt.

Ist 'boch was anberes, als so immer im Büro sitzen", sagt sie.Sehen Sie, hier lernt man eben Menschen kennen. Also wir sind mitten in der Auf­nahme, ba kommt ein Mann an, ich bin zuerst furchtbar erschrocken"

Sie erschrecken boch sonst nicht so leicht vor Män­nern, Agnes", kann sich Tilde nicht verkneifen.

Na ja, zuerst, er war doch im Badeanzug. Aber nachher war er furchtbar nett. Er ist Fabrikbesitzer hier in der Gegend, fabelhafter Betrieb, wir machen dort morgen Aufnahmen." Wieder streift ein Sei­tenblick Hellwig.

Dann haben Sie ja nicht viel mit ihm zu tun, Fräulein Sprenger", Tilde kann es nicht hindern, daß sie sich über die Art der anderen ärgert.

Wieso nicht?" tut sie harmlos.Gerade. Ich habe ihm ben ganzen Film erklärt. Wißen Sie, Fräulein Rohloff, so in leitender Stellung in einem Großbe­trieb auf bem Laube ich habe mir gleich gebucht, solch einem Menschen, der boch nicht viel in bie Stabt kommt, fehlt eben eine elegante Frau "

Und die möchten Sie gern barstellen, Sprenger, wie?" (Fortsetzung folgt.)