Ausgabe 
10.1.1940
 
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Auf jedem Arbeitsplatz fein Bestes geben.

Großadmiral paeder spricht zu den Belegschaften der Kriegsmarinewersten.

Berlin, 9. Ian. (DNB.) Der Oberbefehlshaber der Kriegsmarine, Großadmiral vr. d. c. R a e d e r, besichtigte am 8. und 9. Januar die Kriegs­marinewerften Kiel und Wilhelms­haven. Bei dieser Gelegenheit ergriff er vor den versammelten Belegschaften das Wort und stellte die Arbeit des Werftarbeiters als einen besonders wichtigen Faktor der Landesverteidigung heraus. Im letzten Jahre, besonders aber feit Kriegsaus­bruch, sei Außerordentliches geleistet worden, und es erfülle ihn mit Genugtuung, daß die Gefolgschaftsmitglieder den Ernst und die har­ten Notwendigkeiten dieser Zeit verstanden hätten. Der Großadmiral fuhr fort:Dieses Verständnis ist die Voraussetzung für eine fruchtbare Arbeit auch in der Folgezeit. Jeder ist an seiner Stelle notwen­dig, auch die geringfügig erscheinende Arbeit ist wichtig und muß geleistet werden, wenn das Ge­samtwert erfolgreich arbeiten soll. Der Arbeiter, der feine Arbeit gewissenhaft und gründlich aus- führt, der dabei beweist, daß Herz und Verstand voll bei der Sache ist, die unser aller Sache ist, ist nicht weniger wert, als irgend wer sonst im großen Deutschen Reich. Wir wissen, daß wir trotz unseres Volksreichtums noch zu wenig Arbeitskräfte in Deutschland haben, um all da-, was jetzt im Kriege auch von der Heimatfront zur Sicherung des Sie­ges beschafft werden muß, zu leisten. Daher muß der einzelne mehr lei st en als im Frieden. Es muß erreicht werden, daß, wo immer es mög­lich ist, noch Leistungssteigerungen erzielt werden.

Jeder Arbeiter muß dessen eingedenk sein, daß der Seemann an der Front auch für ihn und seine Familie das Leben elnsetzt, und daß eine auch nur

geringe Nachlässigkeit in der Arbeit des Werkman­nes das U-Boot, den Zerstörer, ja selbst das große Panzerschiff vor dem Feinde gefährdet. Auf der anderen Seite muß jeder Besatzungsangehörige auf den großen Schiffen, auf Zerstörern und U-Booten oder sonstigen Fahrzeugen wissen, daß er sich auf Leben und Tod auf die Arbeit seiner Arbeitskame­raden verlassen kann. Jede Pflichtversäumnis schä­digt die eigene Wehrkraft und nützt damit dem Feind. Die uns vom Führer geschenkte Gemein­schaft des ganzen Volkes ist unsere st ä r k st e Waffe, denn sie läßt erst die unge­heuren Kräfte unseres Millionenvolkes voll wirksam werden. Das ist ein ungeheurer Vorsprung, den wir vor unseren Feinden haben. Und dieser Vorsprung sichert uns den Sieg. Wir kämpfen um unser Recht, für die Zukunft unserer Kinder und Kindeskinder, die einmal frohe' Augen haben und in einer Welt leben sollen, die jedem Volk nach seiner Leistung und seinem Können ge­recht das Seine zuteilt. Wir werden diesen Kampf bestehen, wenn wir unerschütterlich zueinander­ste he n, und uns als ein ehernes Bollwerk um unseren Führer scharen, jeder einzelne erfüllt von der Größe der ihm gestellten Aufgabe, mitwirken zu dürfen an seinem Platz bei der Erkämpfung der endgültigen Freiheit einer ganzen Nation.

Der Großadmiral gab Richtlinien für den Ar­beitseinsatz und erwähnte auch die zahlreichen Mel- düngen aus der Arbeiterschaft an die Front, über die ihm berichtet worden fei.Ich fteue mich", führte der Großadmiral aus,über diese Einstellung ganz besonders. Sie zeugt von ge­sundem und stolzem Mannesempfinden. Aber so

begreiflich und anerkennenswert dieser Versuch auch ist, kann ihm doch nicht entsprochen werden. Än jeder von Ihnen wird einsehen, daß es sinn­widrig wäre, wenn auf der einen Seite nach dem Willen des Führers die Rüstungsfacharbeiter zur Auffüllung der Rüstungsbetriebe in der Heimat aus der Front herausgezogen werden und auf der anderen Seite Rüstungsbetriebe ihre Facharbeiter an die Front entlassen. Also, so sehr ich das Drän­gen an die Front begreife, muß doch zunächst ein­mal ein jeder auf dem Platz ausharren, auf den er gestellt ist und auf dem er des­halb seinem Vaterlande am meisten nützt. Ich habe schon einmal betont, daß der Arbeiter darum nichts weniger wert ist, als jeder andere. Er muß nur in sich die Ueberzeugung tragen, daß feine Arbeit für die Landesverteidigung von ent­scheidender.Bedeutung ist, ganz gleichgül­tig, wo immer er stehen mag, und daß er aus die­sem Grunde auch im Kleinsten fein Bestes geben muß. Aus dieser Einstellung heraus wird der Ar­beiter zum verantwortungsoewußten und getreuen j Kriegskameraden. Die Heimat muh in diesem Kriege zur nie versagenden Kraftquelle der Front werden. Wenn ein jeder hierzu das Seine tut, dann kann der Enderfolg nicht ausbleiben, dann wird der Sieg uns zufallen, wie lanae der Krieg auch immer dauern mag. Unsere Kraft und unseren Mut aber wollen wir alle üben in dem unerschütterlichen Vertrauen auf den Führer, der uns den Glauben an eine freie Zukunft wieder ge- gegeben hat. Ihm folgen heißt siegen!

Kanalsystems ergangen. Diese Kanäle verbln- den die Wolga und o-amit das wichtigste russische Erdölgebiet (das von Baku) mit Leningrad. Wenn immer wieder von gegnerischer Seite behauptet wird, wichtige sowjetrussische Rohstoff gebiete lägen zu weit von der deutschen Grenze entfernt, als daß sie unter erträglichen Kosten dahin transpor­tiert werden könnten, so prägt sich in diesem Ur­teil die ganze Ahnungslosigkeit vieler Westeuropäer gegenüber dem Kern des Problems aus. Die Räte- umon hat für fast alle wichtigen Rohstoffe (z. B. Kohle, Erdöl, Eisenerz, Mangan, Kupfer) eine ganze Reihe von Fundstätten. Ergibt sich eine günstige Absatzmöglichkeit nach einem Nachbarland«, so kann die Räteunion die nächstgeleaene Fundstätte in den Dienst dieses Verkehrs stellen und dafür die cntlegeneren Fundstätten für die Deckung des eigenen Bedarfs aus nutzen. Die deutsch- russische Derkehrsvereinbarung bildet jedenfalls eine wichtige Ergänzung für die wirtschaftliche Zusam­menarbeit der beiden Länder. Cr.

Wissenschaft und Praxis im Heeressanitatswesen.

Unsere Soldaten wissen, daß sie sich auf unser Sanitätskorps verlassen können. Sie werden draußen und in der Heimat betreut in enger Zusammenarbeit aller seiner Angehörigen. Was aber vielen Volks- genoffen vielleicht noch nicht so stark zum Bewußt­sein gekommen ist, das ist der überragend wichtige Anteil der medizinischen Wissenschaft an dem Walten und Wirken unserer Sanitätsoffiziere. Die b e st e n K ö p f e der deutschen medizinischen Wissenschaft sind vom Oberkommando des Heeres in Stellen von entscheidender Bedeutung berufen, wo sie den Sanitätsoffizieren beratend zur Seite st e h e n. Denn vielseitig sind die Anforderungen, die an da-^Heeressanitätswesen gestellt werden. Als b e - ratenbe Chirurgen bereisen sie einen größeren Truppenbereich und setzen ihre großen praktischen Erfahrungen in der Operation und der Nachbehand­lung in den Lazaretten ein, operieren auch selbst, wenn Not am Mann ist. Als beratendeJnter- nisten stellen sie ihre Erfahrungen in der Er­kennung von Krankheiten zur Verfügung, besonders richten sie ihr Augenmerk auf die ersten Fälle von ansteckenden Krankheiten, um in Zusammenarbeit mit den beratenden Hygienikern eine weitere Verbreitung zu verhüten. Auch die anderen ärztlichen Fachgebiete sind in dieser das ganze Feld- und Ersatzheer betreuenden Truppe beratender Aerzte vertreten.

Zwei Tage lang haben soeben diese beratenden Aerzte in Gegenwart der Führung des Heeressani- tätswesens getagt. Man hat die wichtigen Fragen der Gesunderhaltung und der Hellung unserer Soldaten durchgesprochen und dabei besonders die Ersah- rungendesPolenfeldzugesmit berücksich- tigt. Diese kommen somit für alle Zukunft dem Wir­ken der Sanitätsoffiziere zugute. Dabei handelt es sich um einzelne medizinische Fragen, wie die Er­forschung der Ruhr ober ber Vorgänge im einzelnen bei Wunden unb Verletzungen ober bte Blutüber­tragung im Felbe, aber auch darum, wie eine schnelle und reibungslose Hilfe in allen Fällen gewährleistet werden kann.

QualiMsarbeiter aus der Londarbeitslehre.

In Uebereinftimmung mit dem Reichsnährstand befaßt sich das Amt für Berufserziehung unb Be­triebsführung der DAF. mit der Berufsausbildung des Landarbeiters. Wie in derLehrwerkstatt" dazu mitgeteilt wird, soll die Landarbeitslehre einen Qualitätsarbeiter erziehen, der sich mit der Arbeit an der Scholle eng verbunden fühlt. Die Berufs­erziehung des Landarbeiters muß nach Möglichkeit in ber Gemeinschaft einer größeren Anzahl von Jugendlichen durchgeführt werden. Das Schwer­gewicht liegt in der betrieblichen Ausbil­dung. Die weitaus größte Zahl ber Betriebe sind Klein- und Mittelbetriebe, die meist nicht mehr als einen oder zwei Lehrlinge beschäftigen können. Für die Ausbildungsarbeit wird man die Lehrlinge der Höfe eines ganzen Dorfes zu einer Lehrgruppe zufammenfaffen unb die Gefamtleitung der Aus­bildung einem Bauern übertragen. Die Lehrlinge bleiben dabei an ihren Lehrbetrieb ge­bunden. Die geminfchaftliche Zufammenfaffung, die etwa an einem Tag je Woche vorgenommen wird, dient der Ausrichtung und praktischen Ein­führung in die Landarbeit. Auch ein Austausch der Lehrlinge zwischen den einzelnen Höfen soll er­folgen. Leichter ist die Durchführung im Groß­betrieb, wo die Lehrlinge gemeinsam wohnen und im Betrieb auch geschlossen eingesetzt werben. Eine Erwachsenenerziehung soll jeden Landarbeiter er- fassen, der keine Lehre mehr durchgemacht hat, um auch ihn zu höherer Leistung zu bringen.

Aus alter Wett.

Doppelmörder hlngerichlel.

Am 9. Januar 1940 ist der 33jährige Jakob Scheibe! aus Kirchdorf (Poel) hingerichtet wor­den, der von der Strafkammer des Landgerichts Schwerin am 18. November 1939 in Wismar in Mecklenburg wegen Mordes in zwei Fäl - l e n zum Tode verurteilt worden war. Scheibe! batte in Kirchdorf auf Poe! am 6. Dezember 1937 seinen Schwager Buchholz erschlagen, um sich dessen Vermögen anzueignen. Die Leiche hat er in eine Scheune geschleppt und diese in Brand gesteckt, um so einen Unglücksfall vor­zutauschen. Am 11. Juli 1939 hat er, um sich die Brandversicherunassumme zu verschaffen, abermals in seinem Anwesen Feuer gelegt. Zuvor hatte er seinen schwer erkrankten Dien st knecht Kettel in die Scheune gebracht und dort mit ver­brennen lassen, weil er glaubte, man werde dann annehmen, daß Kettel die Scheune angesteckt habe und dabei umgekommen sei.

Sieben Jahre Zuchthaus für ehrvergessenes Frauenzimmer.

Dor dem Sondergericht für den Oberlandes­gerichtsbezirk Jena fand im Landgericht zu Weimar eine Verhandlung gegen die 19jährige Anne Hoff­mann aus Kiliansroda wegen verbotenen Umgangs mit einem polnischen Kriegs­gefangenen auf Grund der Verordnung vom 25. November 1939 statt. Die Angeklagte wurde z u sieben Jahren Zuchthaus und fünf Jahren Ehrverlust sowie zum Tragen ber Kosten verurteilt. Das Gericht sah sich auf Grund mehrerer erwiesener Fälle intimer Beziehungen der Angeklagten zu den Kriegsgefangenen und überhaupt wegen ihres ehr­losen Verhaltens gezwungen, über den Antrag des Staatsanwaltes von fünf Jahren Zuchthaus hinaus- zugehen. Die Untersuchungshaft wird angerechnet. Das Urteil ist sofort rechtskräftig geworden.

Drei Fünfzigtaufender gezogen.

In ber heutigen Dormittagszichung der bjitten Klasse der zweiten deutschen Rei cbs l otjerie fielen drei Gewinne von je 50 000 RM. /uf die Nr. 185 920. Die Nummer wird in berjraen Ab­teilung in Vierteln, in ber zweiten und vßMen Ab­teilung in Achteln gespiett.

Schneefälle und Dolfsplage in der Dobrudscha.

Infolge andauernder heftiger Schneefälle und starker Kälte während der letzten Tage sind zahl- reiche Sttahen und Wege im südlichen Tell ber Dobrudscha unpassierbar geworden. Die mei- ften Telefonverbindungen sind unterbrochen. Die Stadt Silistria ist vollkommen von ber Umwelt abgefchnitten. In den Dörfern führen die Bauern erbitterte Kämpfe mit den durch Kälte und Nahrungsmangel angriffslustig gewordenen Wolfs­rudeln.

Schweizer Uhrenfabrik durch Feuer zerstört.

Ein heftiges Schadenfeuer hat in Twann am Bieler See die bekannte Schweizer Uhrenfabrik Tavannes Watch Co. ^zu einem großen Teil zerstört. Der Sachschaden wird auf über 750 000 Schweizer Franken geschätzt. Di« Brandurfache soll mit Ausbesferungsarbeittn an der Zentralheizung im Zusammenhang stehen. Das Feuer hat zuerst einen Lagerraum, in dem wertvolle lieferfertige Uhren Sendungen lagerten, völlig vernichtet unb dann auch auf das Hauptgebäude über gegriffen, in dem sich vor allem die Fabrikationsmaschinen befanden. Während die Werks'feuerwehr, unterstützt von etwa 250 Mann der Feuerwehren aus benachbarten Ort­schaften, den Brandherd befämpfte, gelang es einem Teil ber ebenfalls alarmierten Belegschaft, aus dem brennenden Gebäude etwa 400 Mafcymen zu ber­

gen.

Ehrenmal für die deutschen Matrosen auf dem Friedhof von Ryborg.

lieber dem Grab ber deutschen Matrosen, die beim Untergang eines deutschen Vorpostenbootes südlich von Langeland umkamen und auf dem Friedhof von Nyborg beigesetzt wurden, wind ein Ehrenmal errichtet werden. Ein Steinbil'dhcruer Hansen aus Nyborg hat zuständigen reichsdeut- schen Stellen das dankeswerte Angebot gemacht, em solches Mal auf feine Kosten zu schäften.

Einführung der neuen Rektoren an den Prager Universitäten.

Die neuen Rektoren der Prager Hochschulen wur­den in ihr Amt eingeführt. Der scheuende Rektor der deutschen Karls-Universität, Professor Dr. Otto, übergab einem aus Göttingen berufenen Nachfolger, Profe sor Dr. Saure, die Insignien der Universität. Professor Dr. Saure verwies in feiner Antrittsrede auf den Zusammenbruch der Wissenschaften von gestern und betonte die Bedeu­tung ber Hochschulen im nativ nal so zialistische n Deutschland. Der neue Rektor der Deutschen Tech­nischen Hochschule in Prag, Professor Dr. Sun« tru, empfing die Insignien aus den Händen des scheidenden Rektors Dr. Braß.

Lin Gutenbergfilm wird in Mainz gedreht.

Die Vorbereitungen für die Fünfhundert- j ah rfeier ber Erfindung Gutenbergs sind in vollem Gange. Direktor R u p p e l vom Mainzer Gutenberg-Museum wird bei der Eröffnung der Gedenkfeiern zu Ehren Gutenbergs in ber Reichs- Hauptstadt sprechen. Mainz als Geburtsstätte der für bi« ganze Welt bedeutungsvollen Erfindung wird ihres großen Sohnes ebenfalls in würdiger Form gedenken. Von größter Bedeutung wird ber Guten- vergfilm, den die Ufa in Mainz drehen wird. Mit der Gestaltung des Filmes ist der Regisseur Kurt R u p l i beauftragt worden. Im Februar soll schon mit den Aufnahmen in Mainz begonnen werden. Weiter wird im Mainzer Stadttheater aus Anlaß des Gutenberg-Jahres einDrama um Johan­nes Gutenberg" zur Uraufführung kommen. Das Drama stammt von Heinrich Bitsch.

Demmlnhort" wird Kinderheim.

Das bei Wiesbaden in herrlicher Lage am Walde liegende SchriftstellerheimDem­min h o r t" konnte im Jahre 1900 der deutsche Schriftstellerverband als erstes eigenes Heim er­öffnen. Der Schriftsteller Dr. August Demmin hatte dem Verband testamentarisch seine geräumige Villa mit Garten unb 25 000 Mk. Vermögen mit der Bestimmung vermacht, ein Heim für Schrift­steller zu errichten. Viele Schriftsteller und Jour­nalisten haben seitdem hier Erholung gefunden. Vor einigen Jahren ging das Gebäude in b i e Obhut ber NSV. über, die in diesem Monat hier ein Kinderheim eröffnen wird.

Die Freilegungsarbeilen lm Frankfurler karmelilerkloster.

Nachdem es gelungen ist, die einzigartigen Wand­gemälde des berühmten, mittelalterlichen Malers Jörg Ratgeb an der Nordwand im Kreuz- gang des Karmeliterklosters in Frankfurt aufzu- hellen und diese Kostbarkeit ber Oeffentlichkeit zu

©er Äauerngaul hält durch.

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PK. Nächtens, wenn man über dunkle Straßen fährt, kann man sie sehen: irgendwo vor einer Kurve am Berg glimmt plötzlich ein Lichtzeichen, und schon ist man heran, schon tauchen aus der Nacht die in der Kälte dampfenden Leiber ber Pferde, schwer ins Geschirr gelegt, Kolonne um Kolonne, di« nach vorn fiihrt. Es ist nickt leicht auf den glatten vereisten Straßen. Manchmal rutscht ein Pferd aus, schlügt hin; dann hält die Kolonne, die Männer springen hinzu, fträngen es aus, hel­fen wieder hoch, und weiter geht der Marsch. Dann stehen sie wieder im Stall, und Ketten klirren, und sie prüften in die Krippe hinein und warten. Die Stute legt die Ohren an und schnappt spielerisch hinüber zum Nachbarn. Nun stehen sie hier schon seit vielen Wochen in dem fremden Stall, der luf­tig und ttocken ist und warm, aber doch nicht zu warm, so daß die Kälte nichts anhaben kann, wenn die Pferde plötzlich ins Freie kommen. Der Wacht­meister ist zufrieden. Damals, als die Abteilung fast über Nacht neu aufgestellt wurde, hat er manche Sorgen gehabt.

Die Pferd«, ble von heut« aus morgen zusarn- mengezvgen waren, gestern noch Einzelgänger ir­gendwo beim Bauern im heftischen Land, jetzt zwi­schen hundert anderen, eines von vielen, waren wie toll. Sie schlugen, sie bissen. Sie waren es einfach nicht gewohnt, mit anderen Pferden zusammen zu fein. Dann gar, als sie zusammen getan wurden, immer sechs zu einem Gespann, in Geschirr, das ihnen ungewohnt und fremb war: mar das eine Arbeit, dis sie wenigstens gelernt hatten, gleich­mäßig anzuziehen. Wer es mußte gelj-en, und es ging. Es konnte nicht gewartet werden. Am sound­sovielten um soundsoviel Uhr war eben Ausrücken, und es wurde ausgerütft, und wenn einer vorher noch nie auf einem Pferd gesessen hatte, bann tat er es eben jetzt zum ersten Male.

Und heut«? Längst haben sich die Pferde an den neuen Zustand gewöhnt, längst ist ber alte Her­dentrieb bet ihnen wieder durcygebrochm. Mel woh- ler fühlen sie sich jetzt, man merkt es ihnen an, wenn sie all« zusammen sind. Hatte es im Anfang häufiger einmal Koliken gegeben, so schlägt jetzt

das Futter bei allen gut an. Sie sind rund und prall, und das dichte Fell glänzt. Freilich, sie haben es bisher gut hier getroffen. Der neue Unteroffi­zier, der in Polen dabei war, hat dieser Tage er­zählt: zufammenaeschofsene polnische Batterien und Kolonnen, aufgedunsene Pferdeleiber, ober mitten im niedergebrannten Dorf, zwischen Trümmern und langsam verziehenden Rauchschwaden, ein müder alter Schimmel mit gesenktem Kopf, still und stumpf stehend und wartend, ober, fetzt noch, Wochen da­nach, am Wegesrand bleiche Skelette, nur ber modernde Kopf im struppigen Fell ... Hier dagegen haben die Gäule ihr gutes Unterkommen in den Ställen der Bauern, höchstens hier und da in einer festen Scheune, hier haben sie Wartung und Pflege, hier haben sie gutes, reichliches Futter.

Di« Pferde, die jetzt bei den Soldaten sind, die­nen zudem weiter den Bauern. Erst haben sie ge­holfen, di« Ernte zu bergen, Kartoffeln und Rüben, dann haben sie den Pflug gezogen wie daheim. Furche um Furche, sind vor Egge und Walze ge­gangen, unb jetzt, da die Wintersaat längst in der Erde, ziehen sie Dung und Jauche aufs Feld. Es gibt Dörfer hier am Rhein, die dank der Pferde der Artilleristen in diesem Jahr früher mit der Herbstbestellung fertig geworden sind als sonst, und von immer weiter her find di« Bauern gekommen, um auch für ihr Land die Tiere auszuleihen.

Daneven aber geht die Ausbildung vorwärts, von Pferd wie von Mann, und heute können diese braven schweren Bauerngäule exerzieren, als ob sie nie anders gegangen wären, als vor dem Ge­schütz und in der Kolonne. Marschleistungen von 40, 50 Kilometern schaffen sie ohne sonderliche Be­schwerden und ohne nachteilige Folgen. Auch mtt dem bergigen Gelände, hügelaus und hügelab, haben sich die Pferde längst zurechtgefunden. Nur traben nein, traben lieben sie ganz und gar nicht; das ist nichts für Bauerngäule, und nur, wenn es ganz und gar nicht anders geht, lassen sie sich dazu herbei. Sie halten aus und sie stehen durch, und das ist die Haupftache, brav, willig, ber Soldaten gute Kameraden. Schirmeister.

erhalten, hat Oberbürgermeister Staatsrat Dr. Krebs weitere Mittel zur Fortführung ber Arbeiten anberWestwand des Kreuzganges freigegeben. Um zu verhüten, baß ber Frost den Wand putz zer­stört, wirb mit den Freilegungsarbeiten schon in nächster Zeit begonnen werben. Es ist zu hoffen, baß babei die schönsten Teile ber großartigen Dar­stellung des Kinberrnorbes von Vetylehern vor bem Verfall gerettet werben können unb baß ber Kreuzgang des Karmeliterklosters wieber die Bedeutung erhält, die er als Sehenswürdigkeit schon im Mittelalter besaß.

Ein Beelhoven-Fund in Moskau.

In Moskau wurde in einem Archiv ein umfang­reiches Notenheft von Beethoven eigener Hand gefunben.Dagens Nyheter" berichtet, baß bas Notenheft den Entwurf zur Kreutzer-Sonate, ber dritten Sinfonie (Ero'ica), zum OratoriumChristus am Oelbera", zur Klaviersonate in Es-dur Dp. 31 und endlicy den Entwurf zu sechs verschiedenen Melodien enthalte. Das Notenbuch umfasse 174 Sei­ten, die Aufzeichnungen feien im Jahre 1803, also in der Glanzzeit Beethovens, begonnen worden. Sie zeigten alle charakteristischen Züge der Beetho­ven schen Manuskripte. Die Echtheit des Manuskriv- tes fei von Fachleuten bestätigt worden; indes sei es vorläufig noch ein Rätsel, wie dieses Manuskript in das Moskauer Archiv gelangt fei.

Der letzte Akt ber Tragikomödie vom Louvre.

Der Diebstahl des berühmten Watteau-Ge­mäldesDer Gleichgültige" aus dem Pa­riser Louvre-Museum Hatte im vorigen Jahr« große Senfation erregt. Das war auch, wie sich jetzt her­ausstellt, der einzige Zweck, den ber jugenbliche Dieb Serge Boguslawski erreichen wollte. Er war als Filmschauspieler gescheitert und wollte nun als Malerberühmt" werden. Seine stümperhaf­ten Zeichnungen konnten ihm den ersehnten Ruhm nicht verschaffen. Als er mit dem Diebstahl im Louvre die gewünschte Senfation gemacht hatte, lieferte er selbst das Bild bei ber Polizei ab, denn er wollte sich doch zum Mittelpunkt eines Sen« fationsprozesses machen. Das war eine Fehlspeku­lation, denn zu seinem Pech fiel der Prozeß mit dem Kriegsausbruch zusammen und fand darum gar kein Interesse mehr in ber Oeffentlichkeit. Die Presse erwähnte nur mit ein paar Zeilen das Ur­teil, das auf zwei Jahre Gefängnis lautete. Gegen dieses milde Urteil legte Boguslawski Berufung ein in ber Hoffnung, daß der zweite Prozeß ihm grö­ßere Reklamemöglichkeiten verschaften würbe. Er

hat sich wieder geirrt, und der einzige Erfolg ist jetzt die Verdoppelung seiner Strafe auf vier Jahre. Wenn er nach deren Verbüßung wieder in die Frei­heit zurückkehrt, wird sich keiner metyr des arm­seligen Sensationshaschers erinnern.

Sie sollen ihn nicht haben ..."

In diesem Jahre jährt sich zum hundertsten Male ber Tag, an dem bas LiebSie sollen ihn nicht haben, den freien deutschen Rhein" geboren wurde. Das GedichtDer deutsche Rhein" kam damals aus der Feder eines Rheinländers, des 1809 in Bonn geborenen Nikolaus Becker. In bem Lied fand deutsches Gefühl volkstümlichen Aufdruck, es löste starke Beifallsäußerungen aus. Der König von Preußen sandte dem Dichter 1000 Taler, König Ludwig von Bayern schickte ihm einen Ehrenpokal. Das Lied ist siebzigmal komponiert worden, ohne daß eine von den Kompositionen wirklich populär wurde. Populär ist aber die Bereitschaftsansage ge­blieben: Sie sollen ihn nicht haben, den freien deut­schen Rhein.

100 Jahre harzer Roller.

Die Harzer Kanarienzucht ist etwa 100 Jahre alt. Ihre Anfänge werben auf einen Bergmann namens Trute aus Andreasberg zurückgeführt, der die ersten kleinen gefieberten Sänger von Bekannten aus dem Erzgebirge erhielt. Während feine Kanarienzucht nur einen kleinen Umfang hatte, brachte fein Sohn sie zu Welttuf. Er brachte feine Tiere bis nach Amerika. Von einer Reife dieser Art brachte er wilde Kanarienvogel mit, die Schiffbrüchige auf den Kanarischen Inseln gefangen hatten. Aus ber Kreu­zung dieser Vogel mit feiner eigenen Zucht entstan­den die Harzer Roller, bi« schließlich Weltruf er­langten. _____________________________

Hauptschriftleiter Dr. Friedrich Wilhelm Lange. Stellvertreter des Hauptschriftleiters: Ernst Blum­schein. Verantwortlich für Politik, Feuilleton und die Bilder: Dr. Fr. W. Lange: für Stadt Gießen. Pro­vinz unb Wirtschaft: Ernst Blumschein; für Sport: Heinrich Ludwig Neuner. Anzeigenleiter: Hans Beck. Verantwortlich für den Inhalt ber Anzeigen: Theodor Kümmel. Druck unb Verlag: Brühlsch« Universitätsdruckerei, R. Lange, K.-G., sämtlich In Gießen. Monatsbezugspreis 2,05 RM. einschließlich 25 Pf. Zustellgebühr, mit der Illustrierten 13 Pf. mehr. Einzeloerkaufspreis 10 Pf. unb Samstags 15 Pf., mit ber Illustrierten 5 Pf. mehr. Zur Zeit ist Preisliste Nr. 5 vom 1. Dezember 1939 güM.