Nr. 187 Zweites Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
Sreltag.y. August 1940
Aus der Stadt Gießen.
Heilige (Srbc.
Zweimal im Jahreslauf spüren wir des deutschen Ackers Heiligkeit in besonoerem Maße. Zum ersten, wenn der Landmann über ihn dahinschreitet und ihm das Saatkorn anvertraut, zum zweiten, wenn seine schwieligen Hände die blanke Sense durch das aoldene Korn führen und Schwade um Schwade sich legt. Das ewige „Stirb und Werde" klingt hier zusammen. Sie gehen ineinander über. Jahr um Fahr gibt die deutsche Erde, gibt der deutsche Acker dem Volke das Brot, wie er es den Ahnen dieses Volkes schon vor vielen Jahrhunderten schenkte.
Wie ost und schwer zerwühlte des Krieges Gewalt diese oder jene Aecker. Jeder Fußbreit solcher Aecker ist mit Blut gedüngt, das irgendwie und irgendwann einmal vergossen wurde um die Unversehrtheit und Freiheit des Ackers. Immer gleich blieb sich dieser Acker, immer wieder nahm er die Saat in sich aus und spendete den Segen des Brotes. Heißen Schweiß harter Arbeit trank und trinkt der Acker Jahr imi Jahr. Schweiß, der von glühenden Stirnen und Schläfen rinnt. Je schwerer wir ringen müssen, desto heiliger ist diese Arbeit uns. Nichts Großes in der Welt fällt einem mühelos in den Schoß.
Heilig ist die deutsche Erde aber auch darum, weil in ihr viele, unendlich viele Ahnen ruhen. Sie wird auch uns einst umfangen, wenn wir unser Leben vollendet und erfüllt haben. Weiter fließt dann der heilige Blutstrom hinein in die Ewigkeit unse- res Volkes.
Schon zieht hier und dort der Wind über die ersten abgemähten Felder. Es ist wie ein leises Abklingen, ein Ahnen des dem Sommer folgenden Herbstes. Aber im Schoße des Welkens und Vergehens keimt schon wieder das Neue, das Werdende und Wachsende. Ewig ist die deutsche Erde, ist der heilige Acker des deutschen Volkes.
Dornotizcn.
Tageskalender für Freitag.
Gloria-Palast (Seltersweg): „Mädchen im Vorzimmer". — Lichtspielhaus (Bahnhofstraße): „Der Klosterjäger".
Oer Augentrost
Eine Pflanze unserer heimatlichen Fluren, die das Herannahen des Herbstes ankündigt, ist der Gemeine Augentrost (Euphrasia ofticinalis oder Euphrasia Rostkoviana) der auf feuchten und trockenen Wiesen und auf Oedland in allen Höhenlagen jetzt blühend anzutrefsen ist. Sowohl der deutsche Name, als auch die lateinische Bezeichnung (Euphrasia = Frohsinn) deuten an, daß der Anblick des lieblichen Kräutleins herzerfreuend auf den Beschauer wirkt. Eine echte Augenweide! Die weihbläulichen Blüten mit ihren violetten Linien und dem gelben Schlund rufen im Spätsommer und Herbst, wenn das Blumenjahr seinen Höhepunkt bereits überschritten hat, bei dem Naturfreund die nämliche Freude hervor wie das kleine Blauveilchen im zeitigen Frühjahr. Und wer sich der kleinen Mühe unterzieht, eine Blüte durch ein Vergrößerungsglas zu betrachten, der kommt aus dem Staunen über dieses kleine Naturwunder nicht heraus.
Nicht nur der herzerfreuende Anblick hat dem Spätling den hübschen Namen eingebracht, son- beni auch seine heilwirkende Kraft bei Augen- leinen, die bereits den Völkern des Altertums bekannt war. Schon der griechische Arzt Dioskorides hat das Kräutlein gepriesen. Die Droge enthält ätherisches und fettes Del, Bitterstoff, Harz, Gerbsäure (Euphrastansäure), Wachs, Zucker, Gummi, Salze u. a. wirksame Stoffe.
Der Augentrost ist, was von allen Sammlereinheiten zu beachten ist, nachträglich noch in die Liste der Heilpflanzen ausgenommen worden, die heuer im Kreise Wetterau durch die Reichsarbeits- gemeinschaft für Heilvflanzenkunde und Heilpflan- z^nbeschaffung (RfH.) gesammelt werden. Das blühende Kraut wird so abgeschnitten, daß der blütenlose Stengelteil und die Wurzel nicht mitgesammelt werden. Das Sammelgut wird in dünner Schicht auf Papier ausgebreitet und getrocknet.
Blühende Mohnkelder.
Im Bemühen um die Steigerung der Fetterzeugung ist die Landwirt- schäft dazu übergegangen, den Delsaatenanbau stärker als früher zu fördern. Neben Raps und Rübsen wird nun auch Mohn an- gebaut. In der Gemarkung H e II d) c I b e i m , umwit der Straße Gießen—Heuchelheim, blühte bis vor kurzem ein Mohn- seid in fmöner Pracht. Nun aber sind die prallen Fruchtkapseln zu Tau. senden ausgebildet und versprechen reiche Ernte. Auch an anderer Stelle, unweit von Saasen nahe der Straße Gießen —Grünberg, begegneten wir einem Mohnfeld, das
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jetzt noch in voller Blüte
steht. Der Mohn blüht strahlend weiß mit feinem roten Anflug am Grund des Kelches der Blüten. Beim Näherkommen ist man überrascht von der Fülle und Schönheit der Blütenstände. Die blühen
den Mohnfelder sind ein neues Element und eine reizvolle Bereicherung in der heimischen Landschift. Das leuchtende Feld lockt viele Insekten imb Falter an, die über den Mohnblumen hin- und herschwirren.
Zweitägige Wanderung
vom Siegerland zum hessischen Hinterland.
Erster lag: Straßebervbach — tahnhof — Jlfctal — Feudingen bzw. Biedenkopf.
Diese genußreiche Wanderung zur Lahnquelle beginnen wir in Straßebersbach, wohin uns die Bahn über Dillenburg gebracht hat. Bon hier folgen mir der O-Markierung, die uns gleich auf steilem Pfad in die Höhe bringt, wo sich eine prächtige Aussicht erschließt. Vorwiegend durch Wald, in dem wiederholt Lichtungen entzückende Ausblicke bieten, kommen wir durch den kleinen Weiler Sohl, später auf die sog. Eisenstraße und auf dieser nach links zum Lahnhof (610 Meter). Im Keller des nahegelegenen Forst- Hauses soll noch der landläufigen Annahme unsere Lahn entspringen. Von der wenige Minuten entfernten Stiegelburg (6.38 Meter) genießen wir einen weiten Blick in das Siegerland. Nachdem mir noch ein Stück die Eisenstraße gewandert sind, nerlafle» wir diese beim Wegweiser und folgen jetzt roten Strichen über Heiligenborn zur Jlsequelle und weiter durch das enge, vielfach gewundene Jlsetal, das von hervorragender Schönheit ist. Nachdem mir noch den einsam gelegenen Hof Linnefeld passiert haben, erreichen wir bei der Feudinger Hütte das Lahntal und bald darauf Felldingen. Von hier benutze,l wir die Bahn nach Biedenkopf, wo wir Übernachten.
Zweiter lag: Biedenkopf — Mornshausen — Holzhausen — hiinslein — Gladenbach.
Der andere Morgen dient zunächst der Besichtigung der malerisch am Fuße des Schloßberges gelegenen, ringsum von bewaldeten Bergen umgebenen Kreisstadt, um sodann lahnabwärts zu wandern. Bei der Station Friedensdorf treffen wir gelbe Striche, denen wir vorerst folgen. Wir kommen an der Ort- mühle vorbei, überschreiten die Dautphe, kommen hinter Mornshausen an einigen mächtigen Grünstein- vrüchen vorbei über die Amelose nach dem zwischen Bergen liegenden stattlichen Dorfe Holzhausen mit schönen Fachwerkhäusern. Nach einer Erholungspause steigen wir aufwärts zum 500 Meter hohen Hünstein, dem nördlichsten Vorsprung der Aloerge, von dessen Holzturm man eine weite Fernsicht nach dem Lützler- und Hainagebirge, Knüll, Rhön, Vogelsberg uno nach der Gießener Gegend hat. Schwarze Dreiecke leiten uns durch schönen Hochwald abwärts, sodann über eine Heide mit weiter Aussicht, hierauf durch Runzhausen, später am Wasserwerk und an großen Schieferhalden vorbei mit entzückender Aussicht auf Gladenbach und die es umgebenden Berge.
Bald darauf erreichen wir unser Endziel, das reizvoll gelegene schmucke Städtchen Gladenbach. Wan- derzeit am ersten Tage 5%, am zweiten 4M Stunden.
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Gießen — Reiskirchen — Winnerod — wirberg -t Gobelnrod. .
Wir beginnen unsere Wanderung am Schützenhaus, gehen die Grünberger Straße entlang durch schönen Wald an zwei Wasserbehältern vorbei, bei dem ersten prächtiger Blick über die Stadt und das Lahntal, später an der Ganseburg (Einkehr) vorüber, kommen unter der Reichsautovahn her an einigen Häusern von Reiskirchen vorbei und) Winnerod mit seinem alten interessanten Kirchlein. Hier stoßen wir auf die von Gießen kommende, den ganzen Vogelsberg durchziehende blaue Dreiecksmarkierung, der wir jetzt nack)gehen. lieber Feld und Heide sowie durch prächtige Waldungen, auf wenig begangenen Pfaden, immerzu hübsche Ausblicke bietend, führt unser Weg schließlich burd) das Dorschen Bollnbach hinaus zu dem hochgelegenen Kirchspiel Wirberg. Von dein ehemaligen Kloster, das hier stand, sind nur noch wenige Ucbcrreftc vorhanden. Eine schone Fernsicht belohnt uns für den schattenlosen Aufstieg. Die Zeichen bringen uns auf einem hübschen Fußpfad nach insgesamt 4 ^stündiger Wanderung hinab nach unserem Endziel Göbelnrod.
BVM> u.ZM.-!lnter«au 116 Gießen
Stelle für Leibeserziehung.
Betr.: F ü h r e r i n n e n w e 11 k ä in p f e.
Kommenden Montag, 12. August, werden ab 18 Uhr auf dem Universitätssport^latz die Führerin- nenwettkämpfe zu Ende durchgefuhrt. Alle dafür in Frage kommenden IM.-Führerinnen sind um 18 Uhr auf dem Platz, alle M.-Führerinnen pünktlich ab 19.30 Uhr. Der Termin gilt für den Fünf- und Dreikampf. Zu gleicher Zeit können auch die Hebungen für das VDM.-Leistungsabzeichen abgenommen wer. oen. Die betreffenden Mädel holen sich aber vorher auf dem Untergau ein Formular für das Abzeichen, damit die Eintragung an Drt und Stelle gemacht werden kann. Das Schwimmen für den Führerinnen- Fünfkampf ist auf Mittwoch, 14. August, festgesetzt, ebenfalls ab 18 Uhr (allerdings nur bis 20 Uhr). Gleichzeitig kann für das BDM.- und JM.-Leistnngs- abzeichen geschwommen und gesprungen werden.
Aber auch in diesem Fall bitte erst die Formulare holen.
Am 17./18. August finden aus der Rolllchuhbohn in Gießen Verglelchsmeisterschasten im Rollschuh- lauf zwischen Gevlet und Dbergau Hessen Nassau (1.3) und Gebiet und Obergau Kur Hessen (14) statt Näheres erfolgt im Laufe der iiächften Woche ebenfalls in der Presse.
Sommerfporhofl Oer Betriebe.
NSG. In allen Kreisen des Gaues Hessen-Nassau werden zur Zelt die Vorbereitungen für den Som- mersporttag der Betriebe getroffen. Der Sommerlporttag wird als Betriebsveranstaltung durchge- führt. Alle deutsd>en Betriebe mit den Männern über 18 und den Frauen über 21 Jahre sind teilnahmeberechtigt.
Der Hauplwettl>cwerb des Sommersporttages der Betriebe ist die „Sportliche Leistungs- Prüfung der Gefolgschaft". Sie besteht aus fünf Hebungen: Dem Aufmarsch aller Teilnehmer; dem 800-Meter-Laus der Männer bzw 400-Meter-Lauf der Frauen; den Partiierübungen der Männer bzw. der Gmnnastik der Frauen; Sem Wurf oder Stoß der Männer bzw. Ballwurf der Frauen; den Splelvorsührungen aller Teilnehmer. Diese Lelstungvprüsung gilt als Hauptwettbemerb. Der Bedentling entsprechend werden Kreis-, (Bau- und Reichssieger festgestellt. Entsck>eidend für den Erfolg ist die Teilnahme möglichst aller Gefolgschaftsmitglieder: gewertet wird das Verhältnis her die Hebungen bestehenden Teilnehmer gegenüber der Gefolgschaftssiärke.
Neben diesem Hauptwetttiewerl' werden Sonderwettbewerbe und Sondervorsührimgen durchgeführt, wenn es nach den örtfidjen Verhältnissen möglich ist. Der Sommersporttag der Betriebe bietet für unser Rheln-Maln-Gebiet die Möglichkeit, zu beweisen, daß hier der Betriebssport ansehnlid)e Lei- (hingen aufzuweisen hat.
Eintragungen
in bas Gießener HanbelSregister.
Bel der Firma Eugen Dürr 8- (So., Kommanditgesellschaft in Gießen, wurde eingetragen, daß nach dem Tode des Gesellschafters (fugen Dürr dessen Witwe, Käthe Dürr, geb. Waßmuth, als persönlld) hastende Gesellschafterin eingetreten ist. Als Kommanditistin ist sie ausgeschieden. Agnes Dürr in Gießen und Elise Förstner, geb. Dürr, ebenfalls in Gießen, ist Einzelprokura erteilt worden. — Bei her ,3n ma Georg 'l\tullcn|ch m Gießen ist als Geschäftsinhaberin Georg Wallenfels Witwe, Emma, geb. Balzer, eingetragen worden. Der Todjlrr (Emma Kuhnd, geb. Wallenfels, in Gießen ist Prokura erteilt worden. — Bei her Firma Jost Cenuner, Lollar, find als Geschäftsinhaberinnen Die Witwe Helene ßemmer, geb. Will, Marianne Lemmer, Elisabeth Cenuner und Anneliese Lemmer, sämtlich in Lollar, in ungeteilter Erbengemeinschaft eingetragen worden. Die Witwe Helene Lemmer ist allein ucrtrchmgoberedjtigt. — Die Firma Adolf 21 u ft e r ■ 11 h. Gießen, i|< erloschen
Im Handelsregister B sind einige Veränderungen eingetragen worden. Bei der Firma Dampfsägewerk Lollar, B Nuhn, AG. in Lollar, ist dem Kaufmann Wilhelm Rupp In Wißmar Prokura erteilt worden. — Bel der Firma Landesprodukten G. m. b. H. in Lid) sind Ehrlsilan Rathjen und Ilse Neubauer nicht mehr Geschäftsführer Zum Geschitstekührer wurde her Kaufmann Walter B a r e n h of f in Frankfurt a. M. bestellt. — Die Gesellschaft Bau» Hütte G i e ß e n - W e tz l a r G. m. b. H. ist auf- gelöst.
Bestrafung von Preistreibern.
NSG. Der Rcichsstatthaltcr in Hessen — Landesregierung — Stelle für Preisbildung, hat gegen den Inhaber eines Sägewerkes wegen fahrlässiger Zuwiderhandlungen gegen die Vorschriften der Na- delschnittholzpreis-Veroronung im llnterwerfungs- verfahren eine Strafe von 5000 RM., gegen den Mitinhaber einer Weinhandlung wegen fahrlässiger unzulässiger Erhöhung seiner Verdienstspannen und unridjtiger Errechnung seiner Verkaufspreise für Wein im Unterwerfungsverfahren eine Strafe von
kraulend und prustend erreichen wir das Ufer. Reinhold hat unterdessen das Boot an einen Pfosten der Böschung gefettet.
Hernach sitzen wir, ein paar alte Säcke um gehängt, die im Bootskasten lagen, frierend und wortlos im Gebüsch. Amerika ist am Horizont verschwunden, und verschwunden sind die verfallene Burg und das alte Haus, wo keiner mehr wohnt.
Kein Zelt vermag uns zu locken, keine weinende Mutter im grünen Stuhl, kein Feuerle, feine gebratenen Kartoffeln, feine Leute, die Vater einen „Patron" nennen. Nur trocken werden, rasch trocken werden, ehe die Stunde des Abendbrots fommt.
So findet uns der Polier Kapufte, den Onkel Anton auf die Suche geschickt hat. Mit einer Tracht Prügel endete unsere erste Amerikafahrt.
Zeitschriften.
— Italien an unserer Seite heißt das Motto, unter dem das August-Heft der Monatszeitschrift „die neue 11 n i e" (Verlag Otto Beyer, Leipzig) erschienen ist. Wie seinerzeit das große „Staaten- heft Italien" der neuen linie, befd)iiftigt sich auch dieses reichhaltige Heft mit den historischen, geistigen und politischen Grundlagen des neuen Italien und seiner imperialen Macht. (Ein Aufsatz über „Imperium und Reich", die beiden ewigen Ideen der zwei befreundeten Nationen, eröffnet das Heft. Es folgt ein Beitrag „Das 9ßort der Geschichte", in dem die entscheidenden Phasen der ersten zehn Kriegsmonate an Hand von historischen Worten des Führers und des Duce und mit dofumentarischen Bildern festgehalten find. In eindrucksvollen großen Bildtafeln wird sodann „Die Waske Italiens" gezeigt, zugleich werden die führenden Köpfe seiner Wehrmacht vorgestellt. Die Darstellung des Heroischen in der italienischen Kunst ist bus Thema, zu dem der Slunfthlftorlfer Professor A. E. Brmckmann einen Aufsatz schrieb; hierzu einige ganzseitige Farbtafeln von packender Schönheit. Von Den weiteren Beiträgen fönnen nur einige der wichtigsten noch genannt werden, z. B. „Der Kolonisator (Bilder vom italienischen Aufbau in Dftafrlfa), „Boccia- Duell" (eine heitere Erzählung des italienischen Propagandaministers Paoollni) und schließlich „Die Bausteine des Königreichs" (die Hauptstädte der neun Provinzen, die Eavour geeint hat). Darüber hinaus noch eine Fülle von schonen Bildern und bedeutenden Auflätzen.
Mißglückte Amerikafahrt.
Don Gerhart Pohl.
Hängende Weidenzweige treiben im Wasser des Ledergrabens. Der langsame Fluß bewegt die Zweige, die ihren Ast nicht verlassen können; er bewegt auch das Gleitboot unseres Onkels Anton, daß die Kette knarrt.
Mein Bruder Norbert und ich stehen im Kahn, die Hände um die Stakete eines Zauns gekrampft und starren über den Bauplaß, wo Zimmerleute hämmern, jägen, hobeln und Kapuste, der Polier, das Kommando führt.
Jetzt kommt unser Vetter Reinhold mit Bockspringen Des Uebermuts über den Platz gefegt. „Hat er's", flüstert mein Bruder rasch. „Nu klar!" sage ich gespreizt, „Senker is doch 'n Bulle!" In der Tat schwingt Reinhold, der Senker genannt wird — warum weih niemand — eine kurze Kette; daran baumelt der Schlüssel zum Kahn.
Jetzt springt er hinein. Ich hole einen Diertelkorb mit Fußball, Tomahawk und Steinbaukasten, unserem liebsten Spielzeug, einem Ranft Brot, einer Tüte Salz und einigen gekochten Pellkartoffeln, den wir unter einen Hau en feuchter Sägespäne versteckt haben, und dann lö en wir die.Kette. Das Gleitboot schwankt unter chwankendem Geäst und treibt allmählich in die Strömung hinein. Reinhold hat das lange Stechruder ergriffen und das Boot in die Fahrtrinne gedrückt; nun hält er, am Heck hockend, das Ruder als Steuer im Wasser. Norbert liegt neben der Mittelbank und starrt In den grauen Himmel, der das schmutzige Wasser des Grabens zu spiegeln scheint. Ich stehe am Kiel in Fechterstellung, einen Stapel in der Hand, um das Boot in der Fahrtrinne zu halten. Wir schweigen lange, Uni) die Stadt rückt allmählich hinter uns. Schon ist die Grenze der Häuser verlassen.
Da sagt Reinhold unvermittelt: „Sie kriegen uns ja doch!" Norbert fährt hoch. „Wir fahren ja soo weit, und keiner wird uns kriegen!" — „Du kannst ja aussteigen, du Angsthase!" bemerke ich wütend, aber Senker denkt gar nicht daran; er führe mit, nur einen Brief hätten wir hinterlassen sollen, „Die Tante wird sich ängsten und meine Mama auch!"
„Was behandeln sie uns so ungerecht!", entgegne ich trotzig, „feste ängsten sollen sie sich! Heulen müssen sie, bereunl"
„Ach, wegen des bissel Dresche!", sagt Reinhold, der meinen Widerstand nicht versteht.
„Nicht wegen der Dresche, wegen der Ungerechtigkeit! " - Und ich schildere noch einmal den Zwischenfall, der unseren großen Entschluß auslöste, mit harten Worten für unseren Vater und viel Zier- gerät meiner Phantasie: Wir hätten mit Gustav Krummbach, Gotter-Paule und anderen Kindern gespielt: auch Elli Kasten sei habet gewesen, die Tochter des Bahnhofswirts. Da habe Gustav gesagt, jetzt machen wir „Piraten" und sei auf einen unserer Holzstöße geklettert; das sei die Briga^ und wir alle laut jubelnd hinauf — jawohl, die Brigg! Dann schleppten wir Stricke und eine Pferdedecke herbei, die um einen Stapel gebunden wurde; Ö— das Segel. Ich sei Kapitän gewesen und e der Oberbootsmannsmaat und Elli, die in einer Lücke des Holzstoßes kauern muhte, die geraubte Braut eines indischen „Großmongolen". Und los ging's, 'ne feine Vlratenfahrt! Da habe Gustav erklärt, der nur gewöhnlicher Pirat war, nun müßten wir ein Freudenfeuer machen, weil der Raub gelungen fei, und habe Streichhölzer und Sägemehl und eine alte Konservenbüchse herbeigeholt; ich, der Kapitän, und Norbert, der Lotse, hätten cs ihm ausdrücklich verboten. Alle anderen aber hätten uns „Memmen" genannt, und da hätten wir's Maul gehalten. In diesem Augenblick habe Vater 's Kon- torfenster aufgerissen: „Seid ihr wahnsinnig, ihr Bengel!" Gustav habe das Streichhölzchen ausgelöscht, und alle Kinder seien vom Stoß geklettert und fortgerannt; dann habe uns Vater ins Haus gerufen: „Was hast du gemacht?" habe er Norbert angeherrscht ... „Und dann ist er auf mich zuge- sprungen" — Norbert hat sich unterdessen aufge- richtet und nimmt mir das Wort ab — „und hat mir eine gelatscht. Ader ich habe gesagt: Ich habe doch gar nichts gemacht, und Ulli bat’s auch gesagt . w' „Ja!" bekräftige ich würdig, „ich hab's auch gesagt, weil es die blanke Wahrheit ist! Da ist Vater furchtbar wütend geworden und hat uns angeschrien: „Auch noch lügen wollt ihr?! Ich habe e3 genau gesehen! Brandstifter und Lügner!!" Und dann hat er mich übergelegt und läufig verdroschen und hat gesagt: „Fürs Lügen, nur fürs Lügen, du Lausejunge!" Dabei ist ihm die Uhr aus der Weste gefallen, und peng! war das Glas entzwei! Da hat ihn der liebe Gott gestraft für seine Ungerech- ügkeit!"
„Und jetzt strafen wir ihn!", falle ich entschlossen
ein. „El soll uns in Posemuckel suchen Und Mutte! wird ihm böse sein — wegen her Gemeinheit; sie wird im grünen Nähstuhl sitzen und immerzu meinen, und die Leute werden auf ihn zeigen: „Das ist ja 'n grober Patron, vor dem die Jungen sind nach Amerika durchgebrannt, weil er sie immer ungerecht geprügelt yat."
„Wieso nad) Amerika?", fragt Norbert gespannt. Uno ich schildere den Plan, den ich ersinne, wäh- renh ich erzähle. Wir führen jetzt durch Ledergraben und Sck;ätzke in die Bartsch, weiter in die Oder und abwärts bis Stettin; dort verkauften wir den Kahn und lösten Schlffsbillctts nach Amerika.
„Nee, das geyt nicht", meint Reinhold entschieden. „Der Kahn gehört doch meinem Papa!"
„Den muh Vater dann ersetzen! Auch das wird ihn schön ärgern!"
Aber Reinhold leistet zähen Widerstand, und ich schreie ihn an, und er schreit zurück. Da mischt sich Norbert in unseren Streit.
„Amerika finde ich auch Quatsch! Ich bin für Fahren und für Bleiben, wo's uns gerade gefällt. Vielleicht finden wir wo ’ne verfallene Burg, so 'ne wie das Bild im „Deutschen Taschenbuch", vielleicht eine alte Hütte, wo keiner mehr wohnt. Sonst machen wir uns ein Zelt und ein Feuerte und braten Kartoffeln, und wenn uns das zu langweilig wird, dann fahren wir weiter! Und denkt bloß, immer ohne Schule!!"
Aber Reinhold findet das „labrig"; er entscheidet sich jetzt für Amerika. Das stärkt meinen Rücken.
„Man muß ein Ziel haben, wenn man was durchsetzen will!" belehre ich den kleinen Bruder mit der Ueberlegenheit des Quartaners, für den ein Sextaner ungebildeter als ein Buschneger ist.
„Nu ja! Das ist doch ein Ziel", erwidert Norbert", Fahren und Kartoffelbraten und bleiben, wo's einem gefällt!"
Dem widersprechen wir beide. Norbert liegt jetzt ganz lang ausgestreckt und starrt wieder in den verhängten Himmel; er schweigt. Dieses Schweigen empfinden wir als Widerspruch. Ich nenne ihn „Idiot"! und Reinholt brüllt: „Amerika, basta!", und Norbert schweigt. Da überwältigt mich der Jähzorn: „Du Kindskopf!", schreie ich und gebe ihm einen Tritt vor das Schienbein Norbert springt auf; wir kommen ins Handgemenge. Norbert packt meine Kehle und ich die seine; ein rasches Schwan- ken des Bootes. Reinhold schxeit auf; und wir ftür- zen ineinander verschlungen in den Fluß. Mühselig


