Freitag, 8. November 1940
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
Nr. 265 Zweites Blatt
Opfersonntag — Bekenntnistag
Gedenkfeiern am 9. November
hh.
5013D
Mitten im Frciheitskampf gedenkt das deutsche Volk zum 9. November der Gefallenen der Bewegung. Im Gau Hessen-Nassau wird jener dreizehn Blutzeugen gedacht werden, mit deren Opfer die nationalsozialistische Bewegung im Rhein-Main- Gebiet ihren Beitrag zum Werden des Reiches gebracht hat.
Am Vormittag des 9. November werden an den Mordstellen und an den Ruhestätten der Gefallenen Ehrenwachen Aufstellung nehmen. Die Partei und Ihre Gliederungen werden die Toten der Bewegung außerdem durch Kranzniederlegung an den Grab- tätten ehren.
Im Mittelpunkt der Veranstaltungen des 9. November steht eine Gedenkfeier in der Gauhauptstadt im großen Saal des Saalbaues mit einer Ansprache des Gauschulungsleiters Ruder. Außer-
herrliche Wehrmacht find.
Gemessen an der Größe der Leistungen unserer Soldaten im Kampfe gegen den Feind, aber auch
dem finden in allen Ortsgruppen des Gaues Gedenkfeiern mit Ansprachen der Hoheitsträger statt.
In stolzer Dankbarkeit gegenüber den Männern, die ihr Leben für die Größe wib die Freiheit Großdeutschlands gaben, und im unerschütterlichen Sie- geswillen vereinigt sich die BerNilkerung des Gaues im Gedenken an die Toten der Bewegung, die Ge- fallenen des Weltkrieges und des Freiheitskampfes, in dem wir stehen. v m .
In Gießen wird die Feier ot\n der Porter und ihren Gliederungen am morgigen Samstag. 9. November, 20 Uhr, als eine schlichte G e - denk stunde im Stadttheater begangen werden. Da die Raumverhältnisse beschränkt sind, werden Eintrittskarten zu der Feier nur von den Ortsgruppen ausgegeben. Die Gedenkrede wird Kreisleiter Backhaus halten.
Jlfo frisch ans Werk!
Vornotizen.
Tageskalender für Freitag.
Den kommenden Sonntag begeht unser Volk wieder als einen Opfersonntag für das K r i e g s - W i n t e r h i l f s w e^r k. An diesem Tage haben alle Volksgenossen ni Stadt und Land Ge- legenheit, mit ihrer Opferspende ihr Bekenntnis zu Führer, Volk und Vaterland, ferner den Dank an unsere Soldaten für ihr unvergleichlich großes
gemessen an der bisherigen gewaltigen und dankenswerten Arbeit des Kriegs-WHW. und der NSV. als Repräsentanten der Partei auf dem Felde der nationalsozialistischen Volkswohlfahrt darf und kann es bei der Bemessung der Opfergaben keine engen oder gor kleinlichen Gesichtspunkte gebens es darf nicht der Blick auf die Spende des Nachbarn oder des Berufskameraden, auch nicht ein Hinweis auf den im Winter beim Kriegs-WHW. üblichen bescheidenen Abzug vom Arbeitsverdienst zugunsten des Kriegs-WHW. bemerkbar werden. Jedermann zeige Großzügigkeit im Opfern bei seiner Spende am Opfersonntag und bei den übrigen Sammlungen für das Kriegs-WHW.! Wer so handelt, bekundet seine verständnisvolle und dankerfüllte Haltung gegenriber dem Führer und seinem Aufbauwerk. Er bekennt sich zur opferfreudigen deutschen Gemeinschaft und ist ein wertvoller Mitkämpfer für das neue größere und schönere deutsche Vaterland, das wir olle unter der Führung Adolf Hitlers schaffen und sichern wollen!
Jeden Freitag
kindergymnastik
16 bis 17 Uhr, Schillerschule, Schillerstraße.
unnötig, sondern lege nur grundsätzliche Fragen zur Entscheidung vor.
Eine Neunzigjährige.
Zehn Gebote für Absender von Briefen nach dem Ausland.
1. Unterlasse jeden mittelbaren oder unmittelbaren Nachrichtenverkehr mit dem feindlichen Aus- lanb. .
2. Schränke nach dem nichtfein blichen Ausland die Nachrichtenübermittlung aufs äußerste ein. Hüte dich vor Aeußerungen über die militärische, wirt- schastliche ober politische Lage zum Nachteil bes eigenen Vaterlandes ober befreundeter Staaten.
3. Versende als Privatmann nur Postkarten ober Briefe. Drucksachen, Geschäftspapiere, Warenproben und Mischsendungen sind nur im Geschäftsverkehr zulässig. Zeitungen und Zeitschriften dürfen nur unmittelbar von den Druckereien, vom Verlag oder von Buchhandlungen versandt werden.
4. Verschicke keine Ansichtskarten, keine aufgeklebten Photographien, keine Rätselausgaben.
5. Schreibe deine Briefe und Postkarten deutlich und leicht lesbar. Verwende keine Geheimsprachen. Bediene dich nicht der Kurzschrift. Schreibe nicht mehr als vier Seiten, höchstens im Format eines gewöhnlichen Briefblocks. Benutze keine gefütterten Briefumschläge. Schreibe Geschäftsbriefe nur mit der Schreibmaschine.
6. Vergiß die vollständige Absenderangabe nicht. Bist bu auf Reisen, so gib neben bem Aufenthaltsort beinen ständigen Wohnsitz an. Beabsichtigst bu, bie Sendung nicht selbst beim Postschalter einzuliefern, so vergiß nicht, auch die Anschrift der von dir mit der Einlieferung Beauftragten (Hausangestellte, Lehrling usw.) anzugeben.
7. Klebe keine Freimarken auf. Erst der Schalterbeamte frankiert die Sendung.
8. Wirf deine Sendungen nicht in den Briefkasten. Liefere sie nur am Postschalter ein. Vergiß nicht, zur Auflieferung einen Ausweis mit Lichtbild mitzunehmen.
9. Bedenke: Jeder Verstoß gegen die vorstehenden Bestimmungen führt dazu, daß bu beine Sendung zu rückbekommst. ,
10. Wende dich in Zweifelsfällen notfalls an bie Abwehrstelle, bie für bein Wehrkreiskommando zuständig ist. Belästige aber die Abwehrstelle nicht
Opfer zum Ausbruck zu bringen. Dabei kommt es ( nicht etwa nur auf bie Tatsache einer Spende an l ich an, sondern vielmehr darauf, ob der Betrag < wirklich im rechten Verhältnis zur Höhe des Ein- ! kommens und Besitzes des Spenders steht und des- i en freiwillige echte Opferfreudigkeit dokumentiert. »
Bei der Eröffnung des zweiten Kriegs-Winter- 1 Hilfswerks 1940/41 hat der Führer in feiner großen ' Rede betont, die vom Winterhilfswerk benötigten Summen könnten zwar ohne weiteres durch Steuern aufgebracht werden, jedoch werde von dieser Möglichkeit kein Gebrauch gemacht Es gilt hier also der Grundsatz, daß in der Freiwilligkeit und in der Höhe der Opferspende für das Winterhilfswerk ein Bekenntnis jedes einzelnen zur deutschen Volks- und Schicksalsgemein- schäft zum Ausdruck kommen und damit die innere Haltung, kurz gesagt die Gesinnung, unter Beweis gestellt werden soll. Selbstverständlich sind vom WHW. und von fren Betreuten bie bisherigen Spenden stets mit Dank vermerkt worden. Dieser Dank wird aber noch herzlicher und tiefer fein als bisher, wenn bie Spendefreudigkeit in Stadt und Land immer noch mehr an wächst — was nach den Wahrnehmungen unterrichteter Stellen bei zahlreichen Volksgenossen ohne Unbilligkeit noch möglich wäre — und dadurch die Grundlage des Kriegs- WHW. für feine schwere Winterarbeit eine weitere dringend notwendige Verstärkung erfahren würde.
Wo das „viele Geld des WHW." hinkommt, offenbart schon ein kurzer Blick auf das sehr große Aufgabengebiet, das gerade von dem Kriegs-WHW. zu betreuen ist. Neben den bisherigen Obliegenheiten der Betreuungsarbeit für die wirtschaftlich schwachen und der Gemeinschaftshilfe dringend bedürftigen Familien sind die Arbeiten für „Mutter und Kind", für die Kinder-Landversckückung, aber auch für die Verschickung erholungsbedürftiger kinderreicher Mütter für drei bis vier Wochen in ein Mütter-Erholungsheim gerade jetzt im Kriege dringender notwendig als je zuvor. Daneben stehen die nicht minder wichtigen, ja sogar noch viel drängenderen Verpflichtungen, den aus fremden Ländern in das Reich und damit in die deutsche Polksgemeinschast heimgekehrten Volksdeutschen und den von der Wehrmacht entlassenen Soldaten mit wirtschaftlicher Hilfe beizustehen und ihnen auf diese Weise einen Teil des Dankes unserer Volksgemeinschaft zu bekunden, auf den sie berechtigten Anspruch erheben können. Die Betreuung der im Arbeitseinsatz stehenden Jugend erfordert naturgemäß auch erhebliche Geldmittel, wenn die hier für die Gegenwart und für die Zukunft erwachsenen Verpflichtungen im Dienste des Ganzen so umfassend und sorgfältig er» füllt werden sollen, wie es notwendig ist. Nicht zuletzt ist das WHW. mit seinen finanziellen Möglichkeiten auch immer wieder bestrebt, unseren verwundeten Soldaten in den Lazaretten oder in den Erholungsorten den Beweis dafür zu liefern, daß die Volksgemeinschaft ihrer mit Dankbarkeit gedenkt. Zu all diesen Erfordernissen müssen die entsprechenden Geldmittel bereitgestellt werden, wenn die Ausgaben in der richtigen Weise im Geiste und nach > dem Wunsche des Führers erfüllt werden sollen.
1 Auch in unserem Kreise We11erau ist es : erforderlich, die finanzielle „Munition" für die Auf- • gaben des Kriegs-WHW. über bas bisherige : Ausmaß hinaus noch zu steigekn. Dabei • sei nicht übersehen — und hier mit besonderem Dank vermerkt! —, daß weite Kreise unserer Volks-
I gemeinschaft in Stadt und Land ihre moralische I Verpflichtung bei der Bemessung der Opferspenden richtig erkannt und entsprechend gehandelt haben. Mit besonderer Anerkennung sei unserer Landbevölke- i runq gedacht, die bisher schon immer neben ihren Geldopfern auch noch ansehnliche Sachspenden an Lebensmitteln (Kartoffeln, Obst usw.) gegeben hat:
> ebenso rühmlich war bisher durchweg die Haltung vieler sog. „kleiner Männer", die von ihrem Ar- ■ beitsverdienst dem Kriegs-WHW. wirklich Opfer
gaben darbrachten. Wenn diese vorbildliche Haltung vieler Volksgenossen in Stadt und Land sich vom nächsten Opfersonntag ab noch weiter ausdehnt und dazu führt, daß alle Schichten unserer Volksgemeinschaft mit ihren Opferspenden über bas bisherige Maß hinauswachsen und damit den richtigen Maßstab Herstellen, bann wird sich zweifellos der Ertrag der Sammlung an den Opfersonntagen bedeutend erhöhen. Dann wird die Summe der Opfergaben in Stadt und Land der Größe der gewaltigen Aufbauarbeit unseres Führers gerecht werden, und sie wird vor allem auch beweisen, daß die Spenden für das Kriegs-WHW. eine Herzenssache jedes einzelnen, zugleich ein sichtbares Zeichen des unauslöschlichen Dankes für den Führer und unsere
Stadttheater: 18.30 bis 21 Uhr „Die Macht des Schicksals". — Gloria-Palast, Seltersweg: „Traum- musik". — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Der Herr im Haus"; um 14 Uhr Märchenvorstellung Hänsel und Gretel", „Die verlorene Königskrone", Vom Bäumlei-n, das andere Blätter hat gewollt".
Sladttheater Gießen.
Am heutigen! Freitag wird die große Oper von Verdi „Die Macht des Schicksals" wiederholt. Die musikalische Leitung hat Otto Söllner, die Spielleitung Intendant Hans Walter Klein. Die Bühnenbilder stammen von Karl Löffler. Es wirken mit: lnni Affion, Isabelle Th. Richter, Ilse Winhold. 3ustav Bley, Kurt Bosny, Gustav Brunn, Heinrich Dürft, Ottmar Mayr, Bernhard Schmitz. Chöre: Kabine Galla. Extra-Singchor: Otto Söllner. Tanz- eitung: Irmgarb Trömel. 8. Freitag-Miete.
Gießener Konzertring 1940/41.
Am Donnerstag, 14. November, 19.15 Uhr, findet m Stadttheater das 4. Konzert des Gießener Kon- ertringes 1940/41 (Arbeitsgemeinschaft: Gießener ^onzertverein, Stadttheater, NSG. ,Kraft durch Freude") statt. Dieses Orchesterkonzert, das unter der Leitung von Otto Söllner steht, wird als Beet- oven-Abend veranstaltet. Es kommen zur Auf- mhrung: Ouvertüre zu König Stefan, Werk 117, las Violin-Konzert in D-dur, Werk 61, und die 1. Symphonie in A-dur, Werk 92. Solistin ist du bekannte Münchener Geigerin Elisabeth Bischoff. Vas Konzert wird ausgeführt vom städtischen Or- Hester Gießen. Vormiete-Konzert: Gruppe B Nr. 2.
Ortszeit für den 9^November.
Sonnenaufgang 7.37 Uhr, Sonnenuntergang 16.40 llt)r. — Monduntergang 1.18 Uhr, Mondaufgang 14.39 Uhr.
U-SeMiilWsl SS krall öatfli Stenöe
Aus der Stadt Gießen.
Frühmorgens...
„Uuuaahhh! Verflucht und zugenäht." Wie schön s im Bett ist, das merkt man erst, wenn man auf- tehen muß. Aber es hilft alles nichts, die Arbeit uft Schließlich muß man doch raus Die Kaffee- anne dampft schon auf dem Tisch. Schnell wird ber tundfunkapparat eingeschaltet. Die letzten Minuten Kiheim sollen doch noch mit Musik verschönt werden. Aber nach dem ankündigenden Summen ertönt oohl flotte Klaviermusik aus dem Lautsprecher, sie oirb jeboch begleitet von bem Zählen unb Erklären es Runbfunkfportlehrers. Die Morgengymnastik! Heiliges Kanonenrohr! So ein Blöbstnn! Da hört 'och kein Mensch zu. Den Mann möchte ich sehen, er bie Verrenkungen mitmacht, bie ber Sportlehrer cmmanbiert." — Ratsch! wirb ber Lautsprecher ab- reftettt
Wie viele Leute machen es so. Sie b ent en nicht mran, baß es vielleicht auch ganz gut für ihr Bäuchlein wäre, wenn sie selbst ben Frühsport mit» vachen mürben.
Lohnt es sich benn nicht, zehn Minuten früher di u teuft eben, bie Fenster aufzureißen unb bie Moriengymnastik bes Rundfunks mitzumachen? Der Kaffee schmeckt boch bann noch mal so gut, unb ’iel elastischer unb frischer kann man sich an bie Ar- cit begeben. Man braucht ja keine schweren Hebun- jen zu machen. Man macht eben nur bie leichte Lockerungsübung mit, bie ber Turnlehrer erklärt. J.iegt uns bie Gymnastik bes Runbfunks zu früh ober zu spät, bann machen wir eben für uns einige Freiübungen. Jeder kann doch einige Hebungen auswendig. Es gibt so viele schöne, gesunde und och leichte Hebungen, Rumpfbeugen und Rumpf- 'rehen, Armkreisen unb Stoßen, wie Kniebeugen mb Atemübungen.
Hat man erst an gefangen mit Frühsport, bann omiut man so schnell nicht mehr davon los. Dann ich> man erst, wie frisch bas macht. Den ganzen iLag fühlt man sich wohler unb unbeschwerter. Da- iir kann man bestimmt 10 Minuten Schlaf opfern.
♦ Lang-Göns, 6. Növ. Am Sonntag, 3 November, feierte im größeren Kreis ihrer Kinber, Enkel unb Urenfel Frau Emilie Wahl, geb. Clotz, Witwe bes im Jahre 1902 verstorbenen Dekans
Wenn Ihr Haar zu /// /- u / schnell fettig wird, Z7 / / • IrW/Zf Ü dann beruht das
* haut befindlichen
Talgdrüsen. Abhilfe schafft regelmäßige Pflege des Kopfes mit milden Mitteln, die kein Alkali und keine Kalkseife im Haar zurücklassen, also mit
3000Kilometer Steie
Roman von Olly Boeheim
22. Fortsetzung. (Nachbruck verboten.)
„Reizend", schrie Peter dem verblüfften Buchhalter ins Gesicht. „Ueberaus scharmant! Da wirb Ihnen bald bekannt sein, baß Sie pleite gehen werden. Vermutlich sitzt ber geschätzte Herr Ohlsen in Stockholm in seinem Klubsessel unb stellt sich tot, Menn bie Gläubiger sich bie Finger wundklopfen unb ihren letzten Oere vertelephonieren." Er hieb aut bie Tischplatte, baß der Stier zitterte; der Buchhalter zog sich vorsichtig zurück. Seine ängstlichen Augen musterten entsetzt den blindwütigen Germanen. Da er von seinen Landsleuten nur Bedächtigkeit gewohnt war, fürchtete er, dieser junge Mann könnte ihm jeden Augenblick an den Hals springen.
„Wo ist Herr Ohlsen?" fragte Peter eindringlich.
„Sein Aufenthalt soll geheim bleiben."
„Aha, unb mein Gelb unsichtbar. Nein, nein, Mein lieber Freund. Peter Renz fährt nicht nach Stockholm, um sich so billig abschütteln zu lassen. Geben Sie mir sofort bie Abresse!"
Der Buchhalter hatte sich bereits in ben äußersten Winkel bes Zimmers geflüchtet.
„Die Abresse von Herrn Ohlsen, ober ich schlage len ganzen Laben kaputt."
Der Buchhalter schien anzunehmen, baß ber letzte Satz eine körperliche Drohung bebeutete, bie gegen ihn gerichtet war. Er bachte nach, schließlick) schrieb ti einen Zettel aus unb reichte ihn Peter Renz.
„Am Siljansee hinter Rättvik — ganz hübsche Steife", sagte Peter, seine Karte ausbreitend.
„Sie wollen boch nicht etwa hinfahren?" rief der Buchhalter fassungslos.
„Hnd ob ich will", erklärte Peter, „ich habe doch i meine neuüberholte Rennmaschine unten. Wieder- sshen!"
Es war schon tief in ber Nacht, als Peter Renz rach vielem, meist ergebnislosem Gefrage — benn riemanb kannte einen Herrn Ohlsen — schließlich Tor ber Hütte am Siljansee landete. Arne Ohlsen Ium ihm entgegen. Er schien trotz ber späten Stunde noch nicht geschlafen zu haben.
„Sie sind wohl vom Weg abgekommen, junger Mann?" fragte er nicht gerade liebenswürdig, „llvenn Sie nach Rättvik wollen —"
„Oh, im Gegenteil", erklärte Peter Renz. „Ich suche Herrn Arne Ohlsen."
„In welcher Angelegenheit?"
„Werden Sie gleich erfahren. Ich nehme Ihre freundliche Einladung, einzutreten, an."
Ohlsen mußte lächeln. Peter Renz zog feinen Mantel aus, sah sich um und stürzte auf die Angel zu: „Patentes Ding, das."
2frne Ohlsens Gesicht erhellte sich: „Verstehen Sie was vom Angeln?"
„Na und ob", rief Peter.
„Sehr nett; aber ich nehme an, daß Sie nicht nur die Anglerleidenschaft zu mir geführt hat."
„Sehr richtig, Herr Ohlsen. Mein Name ist Peter Renz. Ich habe für Ähr Puddingpulver ein Reklameschild gemalt."
„Mein Puddingpulver!" rief Arne Ohlsen, als tauche eine längst vergessene Welt plötzlich auf.
„Ja, Ihr Puddingpulver, Herr Ohlsen. Wissen Sie, der kleine Junge, der sich das ganze Gesicht mit Schokolade beschmiert hat. Na, Sie scheinen sich ja nicht besonders für Ihr Geschäft zu interessieren."
„3d) habe mich nie dafür interessiert, junger Mann."
„Schlimm genug. Warum machen Sie benn Überhaupt Puddingpulver?"
„Weil mein Vater Puddingpulver gemacht hat."
„Hnd Sie hatten das unglückliche Schicksal, den Laden zu erben?"
„Ja, ich übernahm die Fabrik nach dem Tode meines Vaters."
„Unb da sitzen Sie hier und angeln?"
„Wie Sie sehen. Wollen Sie nicht Platz nehmen?"
„Danke!" Peter streckte seine Füße an den Kamin. „Lausig kalt, diese nordischen Frühlingsnächte. Ich habe leider keine Heizung in meinem Wagen."
.Darf ich Ihnen etwas Warmes anbieten?"
„Das ist ein Wort! Ich fürchtete schon. Sie würden schlafen. Es ist ja fast Mitternacht."
Arne Ohlsen erhob sich und goß Arrak in die Gläser. „Ich schlafe nicht gut", sagte er schwer.
„Aha, schlechtes Gewissen!"
„Erlauben Sie mal!"
„Na, hören Sie! Wenn Sie noch einen Funken
von Verantwortungsgefühl haben, bann müssen Sie ein schlechtes Gewissen besitzen. Denken Sie doch, Ihr alter Herr brachte bie Fabrik hoch. Ohlsen ist schließlick) ein bekannter Name — unb Sie, Sie lassen fünf gerabe sein. Was glauben Sie, wie es in Ihrem Bau zugeht? Ihr Buchhalter hat Motten im Baxj, das Tippfräulein legt Patiencen, und ber Botenmeister löst Kreuzworträtsel."
„Hoffentlich löst er sie richtig."
„Zeit genug hat er bazu", sagte Peter Renz. „Vor- ausgesetzt, baß ber Laben nicht in ber nächsten Zeit pleite geht."
Arne Ohlsen betrachtete amüsiert feinen jungen Gast unb reichte ihm das Grogglas. Peter Renz blies mit vollen Backen in bas heiße Getränk. „Danke!"
„Oh, ich habe zu banken, Herr ... Renz war wohl Ihr Name?"
„Richtig!"
„Für Ihre reifen Vorschläge."
„Reif ober nicht", sagte Peter Renz. „Ich bin nur gekommen, um mein Gelb zu kassieren. Ihre Fabrik geht mich nichts an. Auch nicht Ähr Leben, wenn es mir auch vollkommen sinnlos erscheint."
„Was wissen Sie vom Leben!" lächelte ber Gastgeber schwermütig.
„Ach, lassen Sie gut fein — ’ne ganze Menge." „Ach, unb von ber Liebe wohl auch?"
Peter Renz trank mit Genuß fein Glas aus. „Äa, die Weiber", sagte er mit lässiger Gebärde, „die muß man eben zu nehmen wissen."
„Vielleicht geben Sie mir aus dem reichen Schatz der Erfahrungen Ihres — ich schätze ungefähr zwanzigjährigen — Lebens etwas zum besten."
„Bitte, ich bin fünfundzwanzig. Außerdem habe ich mordsmäßigen Hunger."
„Dem kann abgeholfen werden."
Nachdem Peter gesättigt war, lehnte er sich in die Kissen zurück und sagte: „Also, scheinbar hat Sie eine Frau in bie Einsamkeit getrieben. Wie romantisch! Mir könnte bas nicht passieren!"
„Sie finb sehr selbstsicher."
„Sonst säße ich nicht hier."
Er gefällt mir, bachte Ohlsen, es ist gut, daß er gekommen ist.
„Äch freue mich, daß Sie hier sind", sagte er bann laut und sehr ernst. „Die letzten Tage waren schrecklich, unb bie Nächte noch schlimmer."
Ohlsen machte wieber eine Pause. Es tat ihm wohl, non bein zu sprechen, was ihn quälte. Dieser junge Mann ba vor ihm hatte eine Art, bie Dinge zu sehen, die Ohlsen bas Reden leicht machte.
„Sie ist Ihnen wohl ausgerückt?" fragte Peter Renz in bie nachbenkliche Stille hinein.
„Äch habe sie selbst vertrieben", sagte Arne Ohl» fen. „Wissen Sie, es gibt Augenblicke, wo einem bie Einsamkeit verteufelt auf bie Nerven fällt. Dabei suchte ich Einsamkeit. Woraus bieser Tick entsprang, darüber möchte ich lieber nicht sprechen. Sehen Sie, mir geht es feit einigen Tagen wie Leuten, die bie Lappenkrankheit haben."
„Was ist benn das?"
„Das ist eine regelrechte Krankheit. Ein Gegenstück zum Tropenkoller, wenn Sie wollen. Die Einsamkeitskrankheit. Ich habe einmal ein junges Mädchen gekannt, eine Lehrerin, die kam aus Lappland. Sechzig Kilometer waren es bis zur nächsten Bahn- ftation. Das/arme Ding! Zwölf Jahre hat sie dort ausgehalten in bem winzigen Dorf, unb schließlich war sie so verstört wie ein Mensch, ben bie Großstabt fertiggemacht hat. Sie mußte immer reben, reben unb reben. Sie war bie Freunbin meiner Frau."
„Ach, Sie finb verheiratet?"
„Gewesen, mein Lieber. Also, wie gesagt, bie kleine Lehrerin aus Lappland stürzte sich auf alle Errungenschaften ber Zivilisation. Sie babete brei« mal am Tage in gerabezu kinblicher Freude am heißen Wasser unb in bem gekachelten Babezimmer. Sie lief viermal täglich ins Kino, abends ins Theater und bann noch in ein Kabarett. Sie wollte alle verlorenen Jahre einholen. Dann kam sie schließlich in eine Nervenheilanstalt."
„Wie schrecklich!"'
„Ja, bie Einsamkeit, bie in vielen Fällen als Heilmittel einer kranken Seele gilt, wandelt sich oft ins Gegenteil. Aber ich komme vom Hundertsten ins Tausendste. Trinken Sie, junger Freund, Sic haben gute, klare Augen. Sie gefallen mir. Das will viel heißen Vor wenigen Tagen hätte ich Ihnen die Tür vor der Nase zugemacht."
Arne Ohlsen füllte erneut die Gläser.
„Hnd jetzt drängt es Sie, zu reden?" fragte Peter Renz.
(Fortsetzung folgt)
SCHWARZKOPF^


