Nr. 134 Zweites Via«,
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für GderWen)
8./9. juiii 1940
Die Panik von La Panne.
Auf den Spuren des „glorreichen Rückzuges" der englischen Expeditionsarmee.
Das Ufer der Kanalküste bei La Panne war übersät mit zurückgelassenen Panzerwagen, Zugmaschinen, Geschützen, Munitionskästen usw. der so „siegreich" geflohenen Reste der englischen
Expeditionsarmee. — (PK.-Jäger-Scherl-M.)
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Wiedersehen mit der kleinen Stadt.
Don Walther Neubach.
Als ich noch ein Kind war, wohnten die Eltern |)em alten Hause neben der Kirche. Durch die mer liefen dicke Balken aus Eichenholz, an 'n die Petroleumlampen hingen. An den lauen imerabenden hockten in dem großen Kastanien- ine vor der Tür die Käuzchen, die im Gemäuer Burgruine nisteten. Sie schrieen „kiwitt", Und den Regentagen gab die Dachrinne einen Ton, wenn jemand auf Holz klopft. Es fiel niemals indem ein, die schadhafte Stelle an der Rinne zubessern;* beinahe glaube ich, daß uns allen is gefehlt hätte, wenn es auf einmal ohne Ge- per gerechnet hätte. Auch hörten wir oft die je der Eisenbahn, ganz dünn und meist nur n, wenn der Wind aus dem Osten und Süden . Aber dafür blies morgens und abends der tillon, und fein Lied kam über die Dächer, weil Poststraße bei den letzten Häusern eine kleine Anhöhe erklimmen mußte. Dahinter fing das Rau- |6en des Baches und das Knirschen der Mühl- rcDer an; das Holz war alt und morsch, und wenn fid) das Rad drehte, klang es wie ein schlürfendes Gehen. Abends war die Stadt ganz still; die juigen Menschen, die ohnedies nur flüsterten, gin- gen Arm in Arm unter den Vogelbeerbäumen und vrppeln auf der Poststraße, bis der Nachtwächter dik Mitternachtstunde mit schrillen Pfeiftönen kün- k:e und in den Gassen die Laternen löschte.
Der Vater starb, und wir zogen in das obere Siorfroerf eines der vielen Häuser in der Haupt- straße. Sie glichen sich alle, und wenn man aus den Fenster blickte, sah die Straße aus wie der Seg einer Spielzeugstadt. Aus den Türritzen der glaube" und der anderen Wirtshäuser fielen die Lichtstrahlen in die späte Nacht hinein; denn feit« den es ein Postauto, elektrisches Licht und eine Wasserleitung gab, gingen die Menschen spät schla- weil sie viel zu planen, zu reden und zu Impfen hatten. Daß das Pflaster zu schlecht für Kraftwagen und Fuhrwerke sei, daß man einen Ueaterverein gründen und eine Bahn durch das bauen müsse. Wer von'uns mit einer bunten Uätze in die Ferien nach Hause kam, Sa&J.cnen u nicht mehr von dem spärlichen Wasser des
(P. K.) Ich bin im Weltkrieg aus den Rückzugs- itraßen des fliehenden französischen Heeres marschiert und habe auf den Schlachtfeldern Galiziens bas zurückgelassene Heeresgerät der russischen Armeen gesehen. Diese Eindrücke wurden dann noch übertroffen von dem Bild, das im Blitz-Feldzug des vergangenen Sommers die zerschlagene Kriegsmacht Polens bot. Was ich aber heute am Strande der slandrifchen Küste sah, dort, wo im Raume zwischen Meupvrt und Dünkirchen sich das Schicksal der Inguschen Expeditipnsarmee vollendete, das habe ich noch nie gesehen und auch nie für möglich gehalten.
Kilometerweit sind alle Straßen und Wege verstopft von endlosen, oft in drei und vier Reihen nebeneinander und ineinandergefahrenen Kolonnen ton Fahrzeugen aller Art, die die flüchtenden englischen Truppen hier stehen lassen mußten — zu unentwirrbarem wüstem Knäuel von kilometertiefer Ausdehnung geballt, dessen Peripherie sich durch iie ständig neu dazu strömenden fliehenden Truppen lawinenartig vergrößerte. Auf den Straßen Und Nebenstraßen, in den Gehöften stehen sie, in ben Straßengräben liegen sie, in den Sanddünen ftetfen sie, die Tausende und aber Tausende von irafträbern mit und ohne Beiwagen, von Geschützen und Protzen, von Munitionskarren und iolonnenroagen, von Tanks und Straßenpanzern, von Nachrichten- und Spezialfahrzeugen, von Ponton- und Pionierwagen, von Troß- und Gepäckahrzeugen, von der eleganten Limousine des Gene- als bis zur Feldküche und dem klobigen Mann- hafts-Omnibus. Vollbeladen mit ihrem Gerät, mit Baffen und Ausrüftungsgegenständen aller Art, mit Kabeltrommeln und Werkzeug, mit Munition nd Vorräten mußten sie von ihrer Besatzung im ktich gelassen werden, die nur in wilder Flucht das ackte Leben an Bord der. Schiffe zu retten versuchte.
Gräßliche Szenen müssen sich hier abgespielt oben, wilde Panik. Hier und dort sind aus der efigen Masse der hölzernen und eisernen Fahrzeuge lächen herausgeschlagen; Gruppen verbrannter und crsplitterter Wagenreste lassen erkennen, daß hier rutsche Fliegerbomben und Artilleriegeschosse ver- hrerend einschlugen. UeberaH liegen die Leichen der englischen Soldaten, die hier vom deutschen Stahl zerfetzt wurden, die sich aus ihren eng gekeilten Fahrzeugen nicht retten konnten und mit ihnen
verbrannten, die in gräßlichem Kampfe aller gegen alle von den eigenen Kameraden zu Tode gequetscht und zu Tode getreten wurden. Mühsam bahnen wir uns durch das Gewirr von Fahrzeugen, weggeworfenen Waffen und ihren toten ehemaligen Trägem den Weg durch die verstopften Straßen des Badeortes La Panne zum Strand. Ein überwältigender Anblick bietet sich uns dort. So dicht wie hier einst Sandburg an Sandburg, Strandkoä) an Strandkorb gestanden haben mag, ist der ganze breite Strand von der fahrzeugverstopften Promenade bis hinab zur See mit Kraftfahrzeugen über« sät. Damit sie nicht im Seesand versinken sollten, hat man rücksichtslos Zeltplanen und Regenmäntel, Uniformen, Uniformstücke und Stiefel, Gewehre und Lederzeug, Tornister und Kistendeckel vor ihre Räder getoorfen und auch Hunderte dieser wertvollen Wagen als lange Brücken auf diesem einzigartigen „Knüppelweg" ins Wasser gefahren, um so wenigstens das nackte Leben auf die Schiffe retten zu können, die wegen ihres Tiefganges nicht bis an den flachen Strand heranfahren konnten. Und überall liegen Waffen und Ausrüstungsgegenstände, Offiziersgepäck und Akten, Uniformen und Munition in chaotischem Durcheinander auf dem weißen Sand des Strandes herum.
Auch hier haben die deutschen Bomben gleich gruppenweise die dichtgeballten Fahrzeuge zusammengehauen und noch manchem Soldaten Englands den Weg zum rettenden Schiff verwehrt. Aus der Unzahl der Herumliegenden Dinge nehmen wir ein paar Gummimäntel, ein paar Büchsen Proviant mit. Wir lesen ein paar der zu Hunderten Herumliegenden Feldpostbriefe, die übrigens alle frankiert sind, sowie die vorgedruckten. Antwortkarten. Wir betrachten ein paar der aus Tornistern und Koffernverstreuten Photos, meist Familienaufnahmen, aber auch ekelhaft obszöne Bilder sind darunter, wahrscheinlich ein „Souvenir" an die so hoch gepriesene Kultur des französischen Bundesgenossen.
Vor der Küste aber liegen englische Zerstörer, teils gesunken und nur mit den Aufbauten aus dem Wasser ragend, teils auf Strand gesetzt, vernichtet von der deutschen Luftwaffe, die auch die Transportschiffe, die wir in Richtung Dünkirchen liegen sehen, in schneidigem Einsatz zerschlug. Im Westen aber qualmen und lodern in gewaltigem Brand die Hafenanlagen von Dünkirchen als Fanal für die fliehenden Reste der Expeditionsarmee Englands.
Baches abhängig fein wollten und mit elektrischem Strom mahlen und Felle gerben wollten; die anderen, die hinter die Hobelbank, an den Amboß und in die Backstube gegangen waren, schüttelten die Köpfe, und als wir Buntmützen älter wurden, waren sie verlegen, wenn roirvfie mit dem alten „Du" ansprachen und wußten nicht, wie sie antworten sollten.
Im Felde draußen hockten die Alten in den Unterständen, stopften sich die Pfeifen und erzählten sich von den Zeiten, in denen manchmal an Weihnachten die Postkutsche mit zwei Beiwagen fahren mußte, so viel Besuch kam in die kleine Stadt. Die Jüngeren stießen den Zigarettenrauch in den Nachthimmel Polens und Flanderns und sprachen von diesem und jenem, der zu Hause viel verdiente, weil er nicht hinaus mußte.
Dann kamen wir wieder; wir mußten wieder an einem Strick ziehen, weil es große Lücken gegeben hatte und weil Fremde in das Städtchen gekommen waren, die nichts wußten von der Postkutsche und der Regentraufe, von dem Abend, an dem zum ersten Male die elektrischen Glühbirnen aufflammten, und von den Glockentönen, mit denen der Pfarrer manchen zu Grabe getragen hatte. Es kam die Zeit, wo wir alle auseinander strebten, innerlich und äußerlich, wo wir ohne Gegenwart waren, weil wir die gemeinsame Vergangenheit vergessen und noch keine gemeinsame Zukunft hatten. Der alte Nachtwächter nickte mit dem Kopfe, als ich das Städtchen verließ, und er gab auch mir feine sprichwörtliche Weisheit mit, daß ein kleiner Hund erst fest auf feinen Beinen- stehen müffe, wenn er zusammen mit den großen an den Ecken ein Bein heben wolle.
Nach langen, langen Jahren kam ich wieder in die kleine Stadt. Die wenigen von den ganz Alten, die schon ergraut waren, als wir in den Krieg zogen, gaben mir die Hand, und in ihren Worten schlugen sie Saiten an, die klangen. Sie wußten von mir, daß ich um sie wußte. Und die, mit denen ich auf der Schulbank gesessen, die Maifeuer an- gezündet und die ersten Walzer getanzt hatte, die zeigten mir ihre Häuser, Werkstätten, Pferde und Läden, und wenn sich die Kinder an die Schürzen der Mütter hängten und mich als den Fremden anstarrten, dann wurden die Frauen ein klein bißchen verlegen, weil sie nichts Rechtes mit den kleinen Geheimnissen unserer Jugend anzufangen wußten. Als ich von der weiten Welt draußen zu
Wer das sah und die Straßen und den Strand von La Panne, der weiß, daß der „glorreiche Rückzug" Churchillscher Verlautbarung in Wahrheit Panik war und die Katastrophe der englischen Armee. Fischer.
SOjähriges Oienstjubiläum des Reichspostministers.
Reichspostminister Dr. Jng. e. h. Ohnesorge kann am 9. Juni 1940 auf eine 50jährige Dienstzeit zurückblicken. Er wurde 1872 in Gräfenhainichen geboren und trat 1890 als Posteleve bei der Oberpostdirektion in Frankfurt a. M. ein. Nach der höheren Staatsprüfung studierte er Mathematik und Physik in Kiel und Berlin. Seine besonderen Leistungen wurden 1901 durch die Berufung in das Telegraphenversuchsamt anerkannt. Bereits 1912 gelang es ihm, Aufführungen aus dem Opernhaus mit Hilfe von Lautsprechern zu über
(PK.-Fremke-Scherl-M.)
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tragen. 1914 wurde er als Referent für das Nachrichtenwesen bei der Obersten Heeresleitung eingesetzt und ein Jahr später übernahm er die Telegraphendirektion des Großen Hauptquartiers. Eine Fernsprechverbindung zwischen dem Großen Hauptquartier im Westen und Konstantinopel quer durch Europa war für die damalige Zeit eine beispiellose Leistung. Er war einer der ersten Mitkämpfer des Führers und gründete bereits 1920 die erste Ortsgruppe der NSDAP, außerhalb Bayerns in Dortmund. Sein technisches Können zeichnete 1929 die Technische Hochschule Stuttgart durch den Dr.- Jng.-Titel aus. Im gleichen Jahre wurde er Präsident des Reichspostzentralamtes. Beim Umbruch berief ihn der Führer als Staatssekretär in das Reichspostministerium und ernannte ihn am 6. Februar 1937 zum Reichspostminister. Erneuerung des Fernmeldewesens, umfassende Motorisierung des Post- und Fernmeldedienstes, Neuaufbau der Rundfunktechnik,' Ausbau der Bildtelegrgphie und des öffentlichen Fernschreibnetzes, Einführung der Breitbandkabel und vor allem das Fernsehen sind Erfolge seines Wirkens und der von ihm geschaffenen Postkameradschaft. Die mustergültigen Erholungsstätten der Reichspost sichern wie viele andere soziale Maßnahmen dem Reichspostminister die treue Anhänglichkeit seiner Gefolgschaft.
Auf Einladung der Stadt Frankfurt trafen der Primator der Stadt Prag, Dr. K l a p k a, und fein Stellvertreter Unioerfitätsprofeffor Dr. Pfitzner in Frankfurt a. M. ein, um die Einrichtungen der Stadt einer eingehenden Besichtigung zu unterziehen. Die Herren wurden im Kurfürstenzimmer des Römers im Beisein von Gauleiter und Reichsstatthalter Sprenger von Oberbürgermeister Staatsrat Dr. Krebs herzlich begrüßt.
Aus der Stadt Gießen.
Oas Heu düstet.
Die Welt steht in Blüte. Heiß brennt die Sonne auf die Erde nieder, das Grün schimmert hell, die Vögel singen laut, und Schmetterlinge gaukeln von Blume zu Blume. Aus den Getreidefeldern leuchten Kornblumen und Mohn ..
König Sommer bereist sein Land bis in die fernsten Grenzen ...
Weit, weit blauen die Berge. Silbern glänzt das Bächlein im Tal. lieber Wald und Wiesen liegt es wie ein zarter Schleier. Düfte umwehen uns^ Vor uns, hinter uns, überall leuchten Blumensterne. Es ist ein großes Geheimnis um die fcho- nen Sommerblumen. Duft spendend, in allen Farben erglühend, leicht geneigt oder aufrecht, halb noch in der Knospe oder voll erblüht: Immer find sie schön, die Wald- und Wiesenblumen. Ohne Blumen keine Liebe, ohne Blumen keine Freuden!
Selbst an Wegrändern und auf unfruchtbaren Abhängen stehen sie in verschwenderischer Fülle; Pfefferminz und Löwenzahn, Gänseblümchen, Män-
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Familien -Caf6 in Gießen
nertreu, Hahnenfuß, Gundermann und Quendel, hinkriechend am Boden, dann wieder aufstrebend zum blauen Himmel. Ein großer, bunter Teppich!
Nun stehen wir auf der Höhe des Jahres. Das Gras ist reif, es kommen die Schnitter. Gräser und Blumen fallen unter dem kalten Schnitt der Sicheln, Sensen und Maschinen. Wenn wir abends an den Wiesen vorbeigehen, strömt uns der süße Duft des Heues entgegen.
Zu keiner Zeit des Jahres werden wir so an die Vergänglichkeit alles Irdischen gemahnt, wie in diesen Tagen der Heuernte. Kaum hat der Sommer mit Sonnenschein und Wärme begonnen, da müssen die Blumen und Gräser sterben. Wir wissen wohl, daß wieder neues Grün und neue Blumen auf den Wiesen erstehen, aber die erste Pracht der Sommerwiesen wird nicht wieder erreicht. Die schönen Tage schwinden bald. Die Sonne sinkt, und es geht abwärts. In dieser Zeit möchten wir sagen: Verweilet, ihr Tage! Wenn im Morgentau die Wiesen wie Diamanten glänzen und die Vöael wie trunken von den Zweigen herab fingen und alles ringsum duftet und blüht, dann schwillt unser Herz vor Freude und Lebenskraft.
Aber schon kommt der Tag der Sonnenwende.. .■ Die Wind weht über die kahlen Wiesen, die Tage werden kürzer, wenn wir es auch noch nicht bemerken. Kaum hat der Sommer begonnen, erinnert uns die Heuernte schon an das Ende.
Aber unsere Landkinder sehen die Heuernte ganz anders an. Es ist hier noch wie vor 50 Jahren. Fast nichts hat sich geändert. Sonnenschein und Wind sind genau so nötig wie damals. Der Rechen tut feine Schuldigkeit. Das Heu wird gewendet und dann auf Kegel gefetzt. Da können die Kinder viel helfen. Am schönsten ist natürlich die Heimfahrt. Auf dem hochbeladenen Wagen sitzen und mit der Peitsche knallen, das ist der Traum vieler Dorfkinder, Nun wird er erfüllt.
... und dem Könia sein Thron, der ist prächtig und weich. Doch in dem Heu zu sitzen, dem kommt doch nichts gleich!
Dornotizen.
Tageskalender für Samstag.
NS.-Gemeinschaft „Kraft durch Freude": 20 Uhr im Cafe Leib „Variete-Kunterbunt". — Gloria- Palast, Seltersweg: „Ein Robinson"; 14.45 Uhr: Wochenschau-Sondervorstellung „Die gewaltigste Schlacht aller Zeiten"; 23 Uhr: Spätvorstellung: „Eine Filmreise nach Norwegen". — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Liebe geht seltsame Wege".
Tageskalender für Sonntag.
Gloria-Palast, Seltersweg: „Ein Robinson"; 11 Uhr: „Eine Filmreise nach Norwegen". — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Liebe geht seltsame
erzählen anhob, sah ich es ihren Augen an, daß sie mein Erzählen bedrückte. Sie standen auf einmal nackt vor mir, und ich spürte, daß sie fid dessen schämten; ich war bekleidet, bekleidet mit dem undurchsichtigen Gewand des Menschen, der aus der Fremde kam, von dem man nichts wußte, nicht einmal das Wenige, ob der Anzug und die Stiefel, die ich trug auch bezahlt waren.
Scheu wie jemand, der anderen etwas genommen hat, schlich ich um das alte Haus an der Kirche. Aus dem offenen Fenster kamen die Klänge der Radiomusik. Der Himmel kündete Regen an, und erst wollte ich warten, ob die Dachrinne noch klapperte. Aber dann ging ich weiter; ich wußte, daß sie nicht mehr klapperte. Dann stand ich an der langen Häuserfassade und sah die Straße hinab, aber jedes Haus hatte ein anderes Gesicht. Die Spielzeugschachtel war durcheinander geraten.
Und nun bin ich noch einmal in die kleine Stadt zurückgekehrt. Die das letztemal weiße und schüttere Haare hatten, liegen schon fast alle unter der Erde; nun sind wir die Alten, weil die Jungen wieder draußen stehen, wie wir vor fünfundzwan- zig Jahren. Wir kennen uns jetzt auf einmal alle wieder; sie kommen heraus aus ihren Ställen und Werkstätten und schütteln mir die Hand. Wir sind alle wieder so jung geworden wie damals vor dem großen Kriege. Sie sprechen von den Söhnen, die am Westwall und in Norwegen liegen, in Frankreich kämpfen oder auf dem Meere fahren; aber wir meinen uns selbst, wir haben das Gefühl, als ob wir alle nur in Urlaub wären, wie seiner Zeit, als wir von Galizien und von Kurland, von Flandern und aus den Vogesen kamen. -Sie erzählen mir, daß vielleicht die alte Postkutsche wieder fahren würde, solange der Brennstoff knapp sei. Sie wird uns noch weiter zurückfahren, zurück bis in die Kindheit. Vielleicht wird auch dann die Regenrinne wieder klappern.
Moltkes „Schnitt".
In dem Zuge, in dem 1870 König Wilhelm ins Feld reifte, befand sich auch der Große Generalstab, und General von Moltke hatte besonderen Wert darauf gelegt, daß ihn sogleich alle seine Offiziere begleiteten. Dem ©eneralftab war ein großer Salonwagen zur Verfügung gestellt worden; zum Arbeiten blieb den Herren wenig Sammlung, denn in
unaufhörlicher Folge umbrauste sie an allen Stationen die „Wacht am Rhein" und das Hurrarufen der Scharen, die von allen Seiten herbeiströmten, um den König noch einmal zu sehen. Da vertrieb man sich denn schon auf dieser Fahrt, wie General I. von Verdy du Vernois in seinen persönlichen Erinnerungen an den Krieg 1870 erzählte, die Zeit mit einer Whistpartie, für die Moltke eine besondere Neigung hatte ...
Der große Feldherr hat während des Krieges so manche Stunde mit diesem harmlosen Zeitvertreib zugebracht. „Es gibt .wirklich kaum ein besseres Mittel, im Drange der Geschäfte dann und wann eine Ruhepause auszufüllen, als eine .Partie'", erzählt Verdy du Vernois, „und wir hielten fest daran während des ganzen Feldzuges, wo die Verhältnisse es irgend gestatteten, den; General auf ein Stündchen diese Zerstreuung zu verschaffen. Das ununterbrochene Denken und Beschäftigen mit den ernstesten Fragen selbst da, wo dies nicht mehr nötig ist, kostet viele geistige. Kraft und spannt ab. Wollte man die Pausen der Ruhe auch mit anderweitigen Gesprächen ausfüllen, so kehren doch immer die Gedanken auf das betreffende Gebiet sehr bald wieder zurück. Dagegen wirkt es erfrischend auf den Geist, wenn er sich auf einige Zeit von dem aufregenden Getriebe des Tages loslösen kann, und es ist gut, dann eine Zerstreuung zu suchen, so dies überhaupt statthaft ist.
Damals war unser hoher Chef noch ein recht mäßiger Kartenspieler. Einen allerliebsten Eindruck machte er dabei, wenn es ihm darauf ankam, ob er einen „Schnitt" wagen sollte oder nicht. Alsdann legte er die Karten auf den Tisch, beugte fein Haupt vor und sah den in Hinterhand Sitzenden eine Zeitlang mit großen Augen aus nächster Nähe in das Gesicht, indem er sagte: „Ich muß ihn studieren, ob er wohl die Karte hat." Es geschah dies stets jo komisch, daß nicht bloß der Betreffende, sondern auch die anderen schließlich in ein lautes Lachen ausbrachen. Wenn darauf der General feinen Entschluß faßte und feine Karte ausfpielte, ereignete es sich doch oft, daß feine Phyfiognomien- Kenntnis ihn getäuscht hatte und der „Schnitt" mißglückte. Dann legte er sofort die Karten wieder nieder, hob beide Hände empor und rief: ,Nein, was der Mensch sich aber verstellen kann!' Im übrigen waren bei diesen Partien wahrlich keine Schatze zu gewinnen oder zu verlieren." C. K.
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