Mittwoch, 8. Mal 194»
Sichen« Anzeiger «Seneral-Anzeig« für Gbechchen)
Ht.106 zweites Blatt
Aus her Stadt Gießen. Gauleiter Sprenger verlieh 54 Gaudiplome.
9. Tagung der Arbeitskammer Hessen-Nassau.
Pfingsten: iradwandern!
Es gab einmal eine Zeit — es ist noch gar nicht so lange her — da wurden die Radler von den Autofahrern etwas von oben herab angesehen. Wenn die Autofahrer damals die Möglichkeit dazu gehabt hätten, sie hätten das Radfahren auf der Straße am liebsten verboten. Nicht wenige haben ihre 9Reinung inzwischen geändert, und das schönste ist, eine ganze Anzahl von ihnen sind auch begeisterte Radfahrer geworden. Das Autofahren ist jetzt auf kriegswichtige Fahrten beschränkt, Vergnügungsfahrten fallen ganz weg, da bleiben also nur die öffentlichen Verkehrsmittel oder das Fahrrad.
Man hätte eigentlich schon früher dahinter kommen müssen: wenn Millionen und aber Millionen regelmäßig radfahren, dann ist das doch ein Zeichen, daß das Fahrrad als Verkehrsmittel und als Sportgerät von ganz besonderer Wichtigkeit sein muß. Und in der Tat, es gibt kaum ein Verkehrsmittel, das so viele Vorzüge in sich birgt wie das Fahrrad. Vor seiner Haustür steigt man auf, man fährt dahin, wohin man will, man braucht auf keine Anschlüsse zu warten, und ohne große Krastanstrengung und ohne Kosten kann man Strecke» zurucklegen, die drei- bis viermal so lang sind, wie ein geübter Wanderer an einem Tage zu Fuß zurücklegt. Daß man auch noch größere Strecken zurücklegen kann, beweisen regelmäßig die Rennfahrer, die 250 Kilometer (und mehr) an einem einzigen Tage in 7 bis 8 Stunden bewältigen.
Zn diesen Tagen wird das Fahrrad nun besonders aktuell: Pfingsten ist nahe, zwei Feiertage locken zu Fahrten und Wanderungen, zu kleineren und größeren Ausflügen. In früheren Jahren haben wir uns in die Bahn gesetzt und find auf ein paar Tage in die Berge oder an die See gefahren. Heute hat die Reichsbahn wichtigere Fahrten zu machen; wer heute die Eisenbahn zu reinen Vergnügungsfahrten benutzt, versündigt sich. Aber wir haben das gar nicht nötig. Das Fahrrad, unser Kamerad auf vielen frohen Fahrten, wird zu Pfingsten startfertig gemacht, dann geht es hinaus, die Landstraße gehört uns, kein Auto, kein Motorrad stören die Fahrt. Man merkt erst auf solch einer geruhsamen Wanderfahrt, wie herrlich unsere deutsche Heimat ist; wie ein bunter Film läuft das Bild der Landschaft vor unseren Augen ab. Wir kommen an Plätze, die mit dem Auto oder mit der Eisenbahn nur schwer zu erreichen sind, und wenn man dann nach langer Wanderfahrt wieder zu Hause angelangt ist, ohne Gedränge, ohne Hast, dann merkt man so recht, wieviel frohe Stunden der Erholung doch ein Fahrrad vermitteln kann. Also, die Parole für Pfingsten: Radwandern?
Von den Fünfzigern.
Der Fünfzigerjahrgang 1890/1940 kam am Samstagabend im Hotel Schutz zusammen. Nach einleitenden Musikstücken der Hauskapelle (Leitung: Kamerad Otto Schäfer) hielt der Vorsitzende, Kamerad R o l o f f, eine Ansprache. Es wurde u. a. betont, daß die 50er-Vereinigungen immer die hohen vaterländischen Ideale der Freundschaft und Heimat- liebe und echter Volksgemeinschaft gepflegt haben. Dem begeisterten Gruß an den Führer, das Vaterland und unsere Soldaten sowie dem Gesang der Nationallieder folgte eine vom Vorsitzenden angeregte Sammlung für das Rote Kreuz, deren Ergebnis 72,28 RM. zeigte. Die seit der letzten Tagung eingelaufenen Grüße und Dankschreiben wurden verlesen. Der Geburtstagskinder vom April wurde besonders gedacht. Mit heiterem Beifall wurde die Mitteilung ausgenommen, daß die Vereinigung den Brauch früherer 50er-Vereinigungen übernimmt, wonach bei Geburtenzuwachs im 50er-Jahr eines Kameraden die Vereinigung den Kinderwagen stiftet. Die für die nächste Zeit geplanten Veranstaltungen wurden besprochen, dann verliefen die Stunden bis Mitternacht in angeregter Unterhaltung.
Auf der 9. Tagung der Arbeitskammer Hessen- Nassau, die am Dienstagnachmitt ag im Frankfurter Rathaus stattfand, verlieh Gauleiter Reichsstatthalter Sprenger 54 Betrieben das Gaudiplom für hervorragende Leistungen im 3. Leistungskampf der deutschen Betriebe. .
Nach der Egmont-Ouvertüre und einem Dorspruch eröffnete der Gauobmann der Deutschen Arbeits- ront, Willy Becker, die Tagung. Er begrüßte den Gauleiter und zahlreiche Vertreter der Partei, der Wehrmacht und der Behörden, sowie die Betriebsführer und Obmänner der ausgezeichneten Betriebe im Gau Hessen-Nassau. Wenn heute wieder, so erklärte Gauobmann Becker, eine große Zahl von Betrieben als Auszeichnung im 3. Leistungskampf das G a u d i p l o m aus der Hand des Gauleiters empfangen könnten, so sei das ein erneuter Beweis für die ungefchwächte Kraft unseres Volkes, dessen Leben sich in normalen Bahnen weiterentwickele. Von Jahr zu Jahr steige die Zahl der Betriebsgemeinschaften, die sich am Leistungskampf beteiligten. In diesem Jahre hätten insgesamt 4200 Betriebsgemeinschaften aus dem Gau Hessen-Nassau teilgenommen. Damit liege unser Gau weit über dem Reichsdurchschnitt, und der größte Teil aller vertrauensratpflichtigen Betriebe beteilige sich an diesem Wettstreit. Neben der großen Zahl von Betrieben, die bisher das Gaudiplom erhalten hätten, gebe es jetzt im Gau Hessen-Nassau 11 Musterbetriebe, denen bisher die goldene Fahne zuerkannt worden sei.
Gauleiter Reichsstatthalter Sprenger übergab dann den Betriebsführern und Obmännern der 54 Betriebsgemeinschaften unseres Gaues das ihnen für ihre hervorragenden Leistungen zuerkannte Diplom. Der Gauleiter betonte in seiner Ansprache,
Am heutigen Mittwochmorgen gegen 7 Uhr traf im Bahnhof Gießen ein Zug ein, der etwa 400 ita- ienische Landarbeiter und Landarbeiterinnen brachte. Trotz der weiten Reise und der anstrengenden Nachtfahrt waren die Männer und Frauen aus dem befreundeten Italien lustig und guter Dinge.
Vom Bahnhof aus machten sie sich sofort auf den Weg zur „Bauernfchänke". Das Arbeitsamt Gießen bemühte sich in der herzlichsten Weise um die Ankömmlinge, sodaß sich alle gut betreut fühlten und die angeregte Stimmung, die in vielfältiger Weise zum Ausdruck kam, anhielt.
Zunächst hielt der Direktor des Arbeitsamts Gießen, Regierungsrat Dr. N o n n e n m a n n , eine kurze Ansprache, in der er die italienischen Landarbeiter und Landarbeiterinnen herzlich willkommen hieß und ihnen dafür dankte, daß sie dem deutschen Bauern auch in der schweren Kriegszeit helfen wollen. Er gab feiner Freude darüber Ausdruck, daß sich viele Landarbeiter, fast 35 o. H. der Angekommenen, schon zum zweiten Male zur Arbeitshilfe bei unseren oberhessischen Bauern einfinden, ein Zeichen dafür, daß es ihnen gefallen hat.
Bald danach traf auch Kreisleiter Backhaus ein, der als Hoheitsträaer des Kreises Wetterau ebenfalls eine kurze Ansprache hielt. Er sprach in herzlichen Worten von der unverbrüchlichen Freundschaft zwischen dem italienischen und dem deutschen Volk, er sprach von den Lebensrechten, die die beiden Völker unter ihren hervorragenden Staatsmännern zu wahren wissen werden, stellte die geistige Haltung, die den plutokratischen Westmächten zu eigen ist, dem aufstrebenden Geist in den beiden autoritären Staaten gegenüber und betonte, daß
der Existenzkampf, den unser Volk eben führe, sei ein Kampf der Volksgemeinschaft gegen die Geld- sackherrschaft. Trotz aller Kraftanstrengungen, die dieser Krieg erfordere, führe Deutschland feine sozialistische Aufbauarbeit planmäßig weiter. Eine der wichtigsten Aufgaben auf diesem Gebiet sei der Leistungskampf. Es fei erfreulich feftzuftellen, wie alle beteiligten Betriebe die notwendigen Umstellungen beachteten mit dem Ziel, zu einer wirklichen Betriebsgemeinschaft zu kommen. Diese Volksgemeinschaft im Betrieb fei das Wesentlichste, denn nicht auf den äußeren Anstrich, sondern auf den Geist, der in den Betrieben herrsche, komme es an. 133 Betriebsgemeinschaften im Gau Hessen-Nassau seien bereits mit dem Gaudiplom ausgezeichnet und davon seien in diesem Jahre wieder 4 als nationalsozialistische Musterbetriebe vom Führer bestätigt worden. Mit dem Appell an alle Betriebe des Gaues, ihre Anstrengungen zu vertiefen und im edlen Wettstreit um die Palme der Auszeichnung zu ringen, eröffnete der (Bauleiter den 4. Leistungskampf im Gau Heffen-Naffau.
Auszeichnung für Betriebe in unserer engeren Heimat.
Die nachgenannten Betriebe in unserer engeren Heimat wurden vom (Bauleiter mit dem „G a u - diplom für hervorragende Leiftun - g e n" ausgezeichnet:
Bezirksfparkasfe Gieße»; Georg Lang- heinrich, Abt. der Kolb und Schüle A.-G., Mechanische Leinenweberei, Schlitz; M. Hensoldt & Söhne A.-G., Wetzlar: Postamt Biedenkopf; Postamt Herborn; Privatärztliche Verrechnungsstelle in Büdingen.
die Westmächte, so wie in Norwegen, auch im Mittelmeer die gebührende Antwort erhalten würden. Der Kreisleiter gab feiner Freude darüber Ausdruck, daß so viele italienische Frauen und Männer Italiens zu uns gekommen sind, um in unseren Bauernhöfen zu helfen. Der Bauer, und mit ihm das ganze deutsche Volk, werde es den italienischen Landarbeitern nicht vergessen, daß sie auch in schwerer Zeit.zu helfen gekommen sind. Mit Worten der Verehrung für den Duce und unseren Führer schloß Kreisleiter Backhaus feine Ansprache.
Die Ansprachen wurden von Herrn D i d o n i (Gießen) in die italienische Sprache übersetzt. Der Dolmetscher tat es mit so lebhafter innerer Freudigkeit, daß die Ansprache aus dem Kreis der Landarbeiter heraus öfter durch zustimmende Zwischenrufe, durch manchen Ruf im Chor aller Zuhörer, unterbrochen wurde. Die Nationalhymne Italiens, die „Giovinezza", beschloß die schlichte Feier der Begrüßung.
Das Auftreten der italienischen Landarbeiter und Landarbeiterinnen machte einen sehr guten Eindruck. Jedermann war von der faschistischen Landarbeiterorganisation mit festen dunkelbraunen Kisten ausgestattet, in denen die Siebensachen gut unterzubringen waren. Viele Männer hatten Halstücher in den Landesfarben ihrer Heimat um. An der „Bauernschänke" flatterten die italienische und die deutsche Flagge im Wind.
Die Verpflegung im hübschen Raum der „Bauem- schänke" vollzog sich in guter Ordnung. Das Arbeitsamt hatte für Brot, Wurst, Marmelade, Kaffee und Zigaretten gesorgt. Kameradinnen der NS.-Frauen- schaft und der NSV. hatten sich für die Versorgung
der Gäste zur Verfügung gestellt. Auch einige Ans gestellte des Arbeitsamtes arbeiteten mit.
Mit verschiedenen Arbeitern, die bereits im vorn gen Jahre in Oberhessen weilten, bahnte sich rasch, wenn auch unter einigen Schmierigkeiten, eine lebhafte Unterhaltung an. Die Arbeiter waren de§ Lobes voll über die schone» Städte und Dörfer, bi4 schöne Landschaft und ihre Menschen, mit denen sitz' gut zusammenarbeiten konnten und mit denen sitz sich gut verstanden. Alle, die schon hier niarert sprachen davon, daß sie gerne wiedergekommen sind.
Richtig ernähren-' gesund ernähren—' Heben Si-Nwn Kind- fViONPAMlN
* Mondamin gibt es auf die mit einem X versehenen Abschnitte der Reichs- Brotkarte für Kinder bis zu 6 Jahren
Unter den Landarbeitern waren einige, die den abessinischen Feldzug mitgemacht hatten. Mit Stolz zeigten sie das Abzeichen, daß sie als Erinnerungszeichen trugen.
Um die Mittagsstunde wurde .ihnen ein gutes Esten — Nudeln mit Rindfleisch — gereicht. Im Laufe des Tages werden die Männer und Frauen, die alle schon ihre abgeschlossenen und unterschriebenen Arbeitsverträge in der Tasche hatten, nach den verschiedenen Orten des Kreises meiter geleitet?
Tageskalender für Mittwoch.
Volkstümliche Vorträge und Vorlesungen der Ludwigs-Universität Gießen: 20.15 Uhr Vortrag Professor Dr. S e s s o u s über „Aus der Werkstatt des Pflanzenzüchters", im Landwtttfchaftlichen Institut, Senckenbergstraße 17; 20.15 Uhr Abendvorlesung Professor Dr. Glöckner über „Einführung in die Aesthettk der bildenden Künste" (II. Teil: Zeichnungen und Malerei), im Kunstwissenschaftlichen Institut, Ludwigstraße 34. — Stadttheaterr 19.30 bis 22 Uhr^ „Junge Spatzen". — Gloria- Palast (Seltersweg): „Der Postmeister". — Lichtspielhaus (Bahnhofstraße): „Der Stammbaum be£ Dr. Pistorius".
Von der Verdunkelung.
Die Derdunkelungspflicht beginnt jetzt mit Sonnenuntergang und hort mit Sonnenaufgang auf. Damit ist allen anderen Auslegungen ein Riegel vorgeschoben. Waren solche Auslegungen überhaupt möglich? Doch! Man hätte z. B. von dem Gedanken ausgehen können, daß die Verdunkelung mit dem Verschwinden der Dämmerung beginnt und bei Eintritt der Dämmerung aufhört. Aber was ist Dämmerung? Hie und da wird das Wort sogar schon von der Zeit gebraucht, da die Sonne allmählich unter den Horizont geht, also: Vom Sonnenunters gang. Das ist nicht gemeint. Die Dämmerung beginnt vielmehr in>dem Augenblick, wo die Sonne (in einer Ebene oder auf dem Meer!) unter dem Horizont verschwindet und dauert so lange, als man ohne künstliche Lichtquelle lesen kann. Das ist die sog „bürgerliche Dämmerung", bei der auch die ersten hellen Sterne schon sichtbar werden. Daneben gibt es noch die astronomische Dämmerung, die so!
IialienischeFreundeherzlichwillkommen.
Empfang italienischer Landarbeiter und Landarbeiterinnen durch den Kreisleiter
Er mußte Jngeborg, mußte seine Frau sehen. Gleich jetzt.
Er kaufte Blumen unterwegs.
Jngeborg empfing ihn überrascht und fröhlich. Wie hübsch sie ausfah, wie blühend. Sie hatte längst den morgendlichen Streit vergessen. Erst die Blumen erinnerten sie daran.
„Siehst du", sagte sie und machte ihren nettesten Schmollmund. „Nun hast du wohl eingesehen, daß du im Unrecht warst. Versprich mir, nie wieder so schlecht zu mir zu sein, gelt?"
„Nie wieder", versprach Herr Dyck mit lieber« zeugung. Um dann nach einer kleinen Pause hinzuzusetzen:
„Ich mochte gerne, daß du heute nachmittag mich begleitest, ins Krankenhaus! Ich will ein paar Blumen hinbringen ... für eine fremde Frau!"
Taktik und Strategie der Germanen.
Die antiken Quellen zur frühgermanischen Kriegs-^ geschichte bis etwa zum Beginn der Völkerwanderung (Schlacht bei Adrianopel 378 n. Ehr.) sind durchweg Berichte griechisch und lateinisch schreibender Nichtgermanen. Man kennt also die Kriegsgeschichte der früheren Germanen nur aus den Berichten ihrer Feinde. Und doch fließen gerade für diesen Zeitabschnitt die Quellen so reichlich, daß einer von der Universität Gießen im Jahre 1935 gestellten Preisaufgabe folgend der Versuch unternommen werden konnte, die antiken Berichte auf ihre Auswertbarkeit für die Taktik und Strategie der Germanen zu sichten. Selbstverständlich mußten die modernen auf Clausewitz zurückgehenden Begriffe von Krieg und Kriegführung zur Grundlage für diese Untersuchungen gemacht werden, über die Dr. Hans Georg Gundel (München) in einem Aufsatz „Taktik und Strategie in der Kriegführung der Germanen" (in „Forschungen und Fortschritte", IG. 16, Nr. 3 vom 20. Januar 1940) berichtet. Die Germanen gehören kriegsgeschichtlich gesehen der Epoche der Vorherrschaft der blanken Waffe an, in der der Nahkampf des Fußvolkes die Entscheidung brachte, wenn auch bei verschiedenen Stämmen die Bedeuttmg der Reiterei sehr groß war oder bestimmte Fernkampfwaffen stärker hervortraten. Auf dem Gebiet der Taktik, d. h. der Truppenführung im Gefecht, geben uns die antiken Quellen Aufschluß über Truppengliederung und Aufstellung im Gefecht, Bewegung, die Art des Kämpfes und die einzelnen Formen des Gefechts. Als natürliche taktische Einheit des Fußvolkes erscheint der Keil, der besonders in offener Feldschlacht viele Vorteile hatte, aber im Kampf gegen die römischen Legionen auch recht viele Nachteile, die sich aus der Bewaffnung und der H^exesoMrin-
Nie wieder.
Von Wolfgang Federau.
Herr Dyck war nur einer in einem großen, ungeheueren Betrieb. Kleines, bescheidenes Rädchen in einem Verwaltungsapparat, den ganz zu übersehen nur wenige in der Lage waren. Jeden Morgen erschien er in feinem „Büro" — pünktlich, zuverlässig, gewissenhaft — und dieses Büro war eines von den siebzig Zimmern im dritten Stockwerk des mächtigen Gebäudekomplexes. Dort also saß er vor seiner Kartothek, vor seinen Formularen, rechnete, schrieb, acht Stunden täglich. Mit feiner sauberen, schönen, wohlgerundeten Handschrift, um deretwillen er bereits als Junge des öftern ein besonderes Lob seines Lehrers eingeheimst hatte.
Einer unter den vielen Hunderten war Herr Dyck, die tagaus, tag ein in grauer Morgenstunde durch das breite Portal des fteineren Koloffes hineinströmten. Sich auf die Gänge und Treppen und Zimmer verteilten und darin wie Ameisen in ihrem Bau herumwimmelten. Herr Dyck kannte ein paar Dutzend von ihnen beim Namen, nach dem Aussehen. Jene, die in derselben Abteilung arbeiteten, auf demselben Gang hausten, seine Kollegen, seine Vorgesetzten und noch einige wenige andere. Sie grüßte er, wenn sie einander begegneten — die meisten freilich, es konnte nicht anders sein, waren ihm ftemd. So fremd wie irgend jemand, dem er in der Straßenbahn gegenüberfaß.
Auch heute hockte Herr Dyck, wie er es Jahre hindurch, wie er es viele Hunderte, ja Taufende von Tagen getan hatte, in feinem bescheiden ausgestatteten Zimmerchen, vor dem großen und nüchternen Schreibttfch. Manchmal glitt fein Blick durch das Zimmer zur Linken, dann sah er den Nebel, der grau und milchig im Raum wogte, alles Ferne verschluckte, alle Umrisse der nahen Dinge verwischte. Dann fröstelte Herr Dyck, ja, ein kühler Schauer rann ihm über den Rücken. „Ich fürchte, ich bekomme mal wieder 'ne solide Erkältung", dachte er. Nicht ganz ohne Grund, denn er neigte zu derartigen Erkrankungen.
Vielleicht war er aber nur so unfroh, weil die Arbeit auf feinem Schreibttfch sich wieder mal zu Bergen häufte. Und zuweilen ergriff ihn das Gefühl, alles, was ich da tue, ist ja nichts Rechtes. Ist eines Mannes nicht wert."
„Na, Unsinn" brummte Herr Dyck und raffte sich zusammen — das würde auch feine Gedanken an Jngeborg ablenken, die ...
In diesem Augenblick klingette das Telephon. Herr Dycks Herz machte ein paar jähe Schläge. Daß er sich das nicht abaewöhnen konnte, quälte ihn immer aufs neue, Er hatte viel zu telephonieren, vgtür-
lich, das brachte fein Amt, feine Tätigkeit mit sich. I Zwanzig, dreißig Gespräche täglich und noch mehr. |
„Hier Dyck", sagte er, sich gewaltsam zur Ruhe zwingend. Lächerlich, diese Nervosität. Er war eben auch überarbeitet, daran lag es.
„Bitte, regen Sie sich nicht auf", kam eine Frauenstimme. Sehr sanft, sehr leise, aber seltsam bestimmt zugleich. „Hier ist das Städtische Krankenhaus. Ihre Frau ..."
„Was ist mit meiner Frau?" schrie Dyck heiser, und feine Hände flatterten.
„Ein Straßenbahnunfall" antwortete es. ,Hhre Frau gehört zu den Verletzten. Nicht lebensgefährlich, wirklich nicht. Immerhin ..."
„Ich komme sofort", stöhnte Herr Dyck und hing ab. Erhob sich taumelnd. Seine Knie wurden weich — alles drehte sich vor feinen Augen. Aber dann tastete er sich doch hinaus zu seinem Vorgesetzten.
Der Chef sah ihn, den Lallenden, erstaunt an. Begriff aber doch sofort. „Gehen Sie, gehen Sie", sagte er und drückte ihm herzlich die Hand.
Dann saß Herr Dyck im Auto. Er stierte mit glanzlosen Blicken vor sich hin.
„Jngeborg", sagte er lautlos zärtlich. „Kleine, süße Inge".
„Wenn sie" überfiel es ihn, „wenn fie sterben sollte ... wenn, wenn fie gar schon gestorben ist", bohrte es sich weiter in sein Hirn.
„Und das letzte, was fie von mir gehört hat, war ein böses Wort ... und ich habe fie doch lieb. Ach, es darf nicht 'fein, großer Gott, laß das nicht du."
Eine Schwester nahm sich seiner an. Führte ihn durch viele weiße, helle Gänge. Sprach leise: „Sie hat das Bewußtsein noch nicht wieder erlangt. Aber wir werden sie bestimmt durchbringen ... Wenn auch ..."
Aber da standen sie schon in einem kleinen Saal, mit einem halben Dutzend Betten. Vor einem der blühtenweißen Betten blieb die Schwester stehen.
Die darin liegt, schlafend, bewußtlos oder tot, hatte ihr Gesicht zur Wand gekehrt. Man sah nur die Haare, schwarz und glänzend.
„Meine Frau?" stammelte Herr Dyck. Die Schwester machte eine erstaunte, weisende Handbewegung.
„Aber meine Frau ist bland — hellblond" flüsterte Herr Dyck mit törichtem Gesicht.
Und dann plötzlich begriff er. Sein Gesicht verzerrte sich zu einem irren Lachen. Tränen schossen ihm in die Augen. Er wehrte und schämte sich.
„Ein Irrtum ... eine Verwechslung", schluchzte er, und seine Schultern zuckten. „Gewiß gibt es Inoch einen Herrn Dyck bei uns — unsere Behörde ist so groß."
Und dann f türmte ec hinaus wie ein Gejagter.
gung ergaben. Weltgeschichtlich bedeutsame Erfolge über die Römer, wie etwa die Vernichtung des Darus im Teutoburger Wald 9 n. Ehr., find deshalb auch weniger in offener Feldschlacht als vielmehr im zerstreuten Gefecht erzielt worden, in bent sich germanischer Kampfgeist mit geschickter Gelände-- ausnutzung und taktisch durchdachtem Einsatz sehr oft verband. Die Berichte über die meisten Kämpfe der Germanen lassen sich nur für das Gebiet der Taktik auswerten. Von einer Strategie kann man erst da sprechen, wo alle militärischen Operationen auf ein politisches Kriegsziel ausgerichtet sind und zur Erreichung dieses Zieles bewußt angelegt und durchgeführt werden. Das aber läßt sich nur bei bestimmten Einzelpersönlichkeiten nachweisen, die allerdings zu den größten Gestalten unserer frühen Geschichte gehören. Hier sind vor allem der Suebe Ariovist (58 v. Ehr.), der Cherusker Armin (9 und 15/16 nach Chr.), der Bataver Civilis (69/70 n. Chr.), der Alamanne Chnodomar (357 n. Ehr.) und der Westgote Fritigern (378 n. Chr.) zu nennen. In den Feldzügen dieser Männer darf man die Leistungen germanischer Feldherrnkunst erblicken' und strategische Offensiven und Defensiven erkennen.
Keilschriften.
— „Caspar David Friedrich als Erziehet betitelt sich der Eröffnungsaufsatz im Maiheft der u n fr (Verlag F. Bruckmann, München), den Kurt Karl Eberlein dem Gedenken des Meisters zum Hunderte ften Todestag gewidmet hat. Den Beitrag umrahmen zahlreiche Abbildungen. Aus dem Michelangelo- Film werden einige eindrucksvolle Aufnahmen gezeigt, Auf das charaktervolle Bildnis Heinrich Wolff- lins von Heinrich Altherr, das im Auftrag der Stadt Bafel entstanden ist, weist Ulrich Christoffel hin. Der Maler Ernst Reinhard Zimmermann ist mit Bildnissen vertreten, Aus der Münchener Ausstellung „Niederbayrische und Oberpfälzer Künstler^ werden Werke von Jobst, Zieste und Errner ge* zeigt. Der zweite Teil des Heftes bringt ein Einfamilienhaus mit Garten von Gerhard Thoma; Stuttgart und Landhausbauten von Walter Kratz, Schönwalde. Aufnahmen und Grundrisse zeigen ideale Lösungen der Gestaltung des Eigenheimes. „(Bärten am Rande der Stadt" von Harry Maafz, Lübeck stehen unter dem Moto: Klarheit. Neben aller Schönheit die harmonische, zweckgebundene Nutzung ihres Rauminhaltes für Mensch und Pflanze. — Afred Mahlau, Lübeck, ist mit Wandbehängen vertreten. Metallarbeiten aus der Werkstätte der gewerblichen Berufsschule Geislingen zeigen erlesene handwerkliche Kultur. Wohnräume des Architekten Fritz August Breuhaus zeichnen sich durch kultivierten Geschmack und edle LiniensühruNA


