Nr. 58 Zweites Statt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
Keitag, 8. März MV
lebt. Es gab einmal eine Zeit, in der die Mehrzahl seiner Bewohner vom Betteln leben mußte. Sie wohnten in armen Hütten, machten Besen, schliefen auf Besenreisig, holten sich aus dem Wald schwere Lasten Holz und zerkleinerten diese zu kleinen Bündeln, die sie dann nach Gießen brachten, um sie dort gegen Brot umzutauschen. Besser wurden die Verhältnisse nach 1860, als die Bergwerke aufgeschlossen wurden.
Schulkinder in Stadt und Land als eifrige Sparer.
Aus der Stadl Gießen.
Romantik um eine alte Mühle.
Eines der schönsten Täler unser engeren Heimat ist unstreitig das Biebertal. Es ist ein wasserreiches Tal, in dem einst der Biber gehaust haben soll. Dem Wasserreichtum des Tales verdanken zehn Mühlen ihre Entstehung. Am Ortsausgang des schön gelegenen Dorfes Bieber liegt die Reehmühle oder Kronenmühle, jedem Gießener bekannt. Im Fachwerk des aus dem 17. Jahrhundert stammenden Hauses steht ein einladender Spruch:
„Sei gegrüßt, o fremder Wanderer von der alten Mühle hier, bist mir so lieb wie jeder andere, drum komm' herein, kehr ein bei mir!" Wir wollen dieser freundlichen Einladung folgen und uns vom Reehmüller etwas erzählen lassen. Da erfahren wir, daß die Reehmühle (so genannt nach dem Geschlecht der Reeh) zugleich das älteste Gasthaus des Dorfes Bieber ist. Ein Balkon trägt die Jahreszahl 1678. Das Geschlecht der Reeh läßt sich an Hand eines lückenlosen Stammbaumes bis 1723 nachweisen. 1755 erbaute Georg Wich. Reeh den Keller bei der schönen schattigen Gartenwirtschaft, aus dem der Wirt im Sommer den Gästen den kühlen Trunk holt. Er hatte vor, die Mühle abzureißen und zu erneuern. Das Holz für den Neubau lag schon bereit. Leider verunglückte er im Jahre 1763 beim Einbau eines Mühlrades. Das Holz wurde wieder verkauft, und die Mühle blieb stehen. Nur wurde 1863/64 ein Neubau daneben gestellt. Das Bauheben fand damals in alter Form mit großer Feierlichkeit statt. In früherer Zeit hatte die Mühle zwei Mühlräder, eins für die Getreidemühle und eins für die Oelmühle. Die Del« mühle war eine Kaltschlagmühle, zu der man von weither den „Samen" zum Schlagen brachte. Es mag mit auf die Erschütterungen dieser Mühle zurückzuführen sein, daß die Balken, besonders die Deckenbalken, recht verbogen sind. Man sieht ihnen die Last der Jahre an.
Wir sitzen beim Müller am alten Eichentisch auf der alten Eichenbank, auf der all die Almen schon gesessen haben; derselbe „Herrnstuhl", schön gedreht, auf dem schon mancher „Ahnherr" saß, steht noch immer in der Stube und wird auch noch manchem Ahnherrn zum Platz dienen. Ein Spruch erzählt von diesem alten Eichenkern:
,Log auch ein neues Kleid ich an, macht' mich auch bunt des Malers Pinselstreiche, so ist mein Kern doch aus altem deutschen Stamm, bin doch erbaut aus alter deutscher Eiche."
In früherer Zeit trugen Esel die Säcke in die Dörfer der Umgebung. Der „Eselspfad" von Bieber nach Erda erinnert noch daran. Auch auf der alten Herborner Straße (jetzt Feldweg) trugen die Esel manchen Sack dahin. Aus jener Zeit weiß der Müller eine hübsche Geschichte zu erzählen, „Kamen da eines schönen Sommermorgens einige studierte Herren von Gießen, darunter auch ein Meteorologe, um in der Reehmühle Rast zu halten und nach erfolgter Stärkung auf den Dünsberg zu steigen.
Sie fragten die Großmutter des Müllers, die allein zu Haufe war, nach dem Wetter, die sagte mit bedenklichem Gesicht: „Es wird schlechtes Wetter geben. Unser Esel hat sich heute morgen an der Wand gejuckt. Da gibt es allemal schlechtes Wetter." Die studierten Herren, besonders der Meteorologe, wollten das nicht glauben, und stiegen auf den Dünsberg. Als sie oben waren, setzte ein
Es entspricht einem Wunsche des Reichserziehungsministers, wenn in den Schulen auch während der Kriegszeit das Schulsparen eifrig weiterbetrieben wird. Diese Spartätigkeit ist in erster Linie zwar von erzieherischer Bedeutung, aber ihr volkswirtschaftlicher Wert darf deshalb nicht verkannt werden. Wir hielten einmal bei unserer Gießener Bezirkssparkasse Nachfrage und erfuhren, wie es mit der Schulspartätigkeit in der Stadt und in den Kreisorten bestellt ist, soweit sie zum Bereich der Bezirkssparkasse gehören. Und dabei war manches Interessante zu erfahren.
In den Schulen kann zum Beispiel nach zwei verschiedenen Systemen gespart werden. Da gibt es zunächst das Kartensystem, d. h. jedes Kind, das sich am Schulsparen beteiligen will, bekommt eine Karte ausgehändigt, in die Sparmarken im Werte von 10, 20, 50 Rpf. oder 1 RM. ein geklebt werden können. Diese Marken hat der Lehrer im Besitz und gibt sie aus, je nachdem ihm das Kind den entsprechenden Betrag gibt. Das Kind klebt die Marke ein, und groß ist immer die Freude, wenn wieder eine Karte voll ist. Der Gesamtbetrag wird dann von der Sparkasse in das Sparbuch eingetragen. Das Sparbuch bleibt meist bei der Sparkasse, und das Kind bekommt einen Hinterlegungsschein.
Dann gibt es aber auch noch ein zweites System, das Kas fette n s y st em. Die Bezirkssparkasse hat bisher 100 Kassetten an Schulen in Stadt und Land ausgegeben. In jeder der feuersicheren Kassetten sind entweder 20, 30 oder 50 Fächer, deren jedes mit einer Nummer versehen ist. Auf ein kleines Schildchen wird außerdem der Name des Kindes geschrieben. Die Kassette wird in der Schule aufgestellt; jedes Kind kann sein Geldstück in sein eigenes Fach werfen. Jedes Geldstück wird seinem Wert nach vom Lehrer in ein kleines Heftchen eingetragen, so daß jedes Kind jederzeit sehen kann, wieviel es schon gespart hat. In regelmäßigen Abständen komrnt dann der Beamte der Sparkasse, leert die einzelnen Fächer und bescheinigt im Sparheftchen den Gesamtbetrag. Die ermittelte Summe wird dann bei der Sparkasse in ein Sparbuch eingetragen, das für jedes sparende Kind angelegt ist. Die Kinder selbst haben wieder nur den Hinterlegungsschein.
Nun ist es aber nicht so, daß etwa immer nur gespart werden müßte. Das gesparte Geld kann vielmehr jederzeit abgehoben werden, wenn es gilt, irgendein? notwendige Anschaffung zu machen.
Es ist verständlich, daß der Sparwille einer Klasse sehr abhängig davon ist, wie sich der Lehrer für die Spartätigkeit einsetzt. Er fördert die Spartätigkeit in ausschließlich ehrenamtlicher Mitarbeit. Im Bezirk der Bezirkssparkasse Gießen gibt es Schulen, in denen alle Kinder sparen. Z. B. in den Gemeinden Burkhardsfelden, Albach, Annerod, Staufenberg, Trohe, Hausen beteiligen sich die Kinder fast restlos. Auch in den Gießener Schulen wird
furchtbares Unwetter ein, das die Herren bis auf die Haut durchnäßte. Pudelnaß kehrten sie auf dem Rückweg in der Reehmühle ein, um ihre Kleider zu trocken. Da wurde noch manche Glosse über den Reinfall mit dem Meteorologen gemacht. Einer der Herren meinte zu demselben gewandt: „Der Esel hat mehr Verstand in seinem Hintern als du in deinem Kopf!"
Das Biebertal hat manche schlechte Zeiten er-
eifrig gespart, erfreulich stark in den Oberschulen. Aber auch in den Volksschulen werfen die Kinder gerne ihre Groschen in die Kassetten. Wie groß neben der rein erzieherischen Bedeutung auch die volkswirtschaftliche Bedeutung des Schulsparens ist, geht schon allein aus der Tatsache hervor, daß zum Beispiel die frühere alte Pestalozzi- schule, die den Rekord hält, im Jahre 1938 allein 3500 RM. in kleinsten Beträgen zusammenbrachte.
Nachstehend nennen wir die Sparergebnisse der
Gießener Schulen im Jahre 1938:
Schülerzahl Sparergebnis
Alte Pestalozzifchule
707
3504 RM.
Schillerschule
845
3182 „
Oberschule für Mädchen
568
2425 „
Neue Pestalozzifchule
530
2359 „
Justus-von-Liebig-Schule
405
1980 „
Goetheschule
858
1210 „
Gymnasium
181
976 „
Langemarckschule
560
776 „
Aber auch die Schulen
in
unseren Dörfern
mit kleiner Einwohner-
und
dementsprechend
kleiner Schülerzahl können erfreuliche Ergebnisse berichten. Im Jahre 1938 wurden zum Beispiel in Burkhardsfelden 1242 RM., in Annerod 1042, in Staufenberg 719, in Hausen 662, in Ruttershausen 553 und in Albach 386 Reichsmark aufgebracht. Das sind ganz beachtliche Zahlen!
Die Bezirkssparkasse belohnt dabei die eifrige Spartätigkeit auf eine besondere Weise. Don dem eingezahlten Betrag wird ein ganz bestimmter Prozentsatz dazu bestimmt, der Schule zur Bereicherung ihrer Bibliothek mit wertvollen Büchern zu verhelfen — selbstverständlich, ohne daß der eingezahlte Betrag etwa um die entsprechende Summe gemindert wird. Für die Förderung des Schulsparens tritt die Sparkasse übrigens mit interessantem Werbematerial hervor. Große Plakate, die gleichzeitig als Lehrmaterial verwandt werden können (auf ihnen sind Fische, Insekten, seltene Pflanzen usw. abgebildet), gelangen im Schulsaal zum Aushang und erinnern immer wieder an das Sparen. Jedes Kind bekommt außerdem ein kleines Büchlein, den „Schülerfreund", in dem alles enthalten ist, was für Kinder interessant ist. Auch lustig bunte Stundenpläne werden ausgegeben, die in ihrer Bebilderung z. B. den Kartoffelkäfer erläutern, schöne Blumen zeigen, Unkräuter veran? schaulichen, die Heimat kennlernen lassen, Ausschnitte aus unserer Wehrmacht geben u. v. a. m.
Interessant ist die Tatsache, daß von den 65 000 deutschen Schulen im Jahre 1938 bereits 40 000 von den deutschen Sparkassen im Hinblick auf ihre Spartätigkeit betreut wurden. 3,5 Millionen Schulsparer gibt es in Deutschland, die im Jahre 1938 die Summe von 12 Millionen Reichsmark sparten. Auch unsere Stadt und unser Kreis trug dazu bei . und wird es auch in Zukunft tun. N.
Dazu kamen schlimme Kriegszeiten mit ihren Truppendurchzügen. Ein Vorfahre des Müllers, namens Henrich Bepler, aus der Henrichsmühle (jetzt Biederer Mühle) stammend, hat an der Völkerschlacht bei Leipzig teilgenommen. Als Anden, ken an ihn bewahrt der Müller einen alten Krummsäbel aus der Schlacht bei Leipzig auf. Dieser Henrich war in den Tagen des Russendurch- zugs gerade zu Hause in der Mühle. Trotzdem die Russen unsere Verbündeten waren, hatten die Bewohner unserer Heimat eine Mordsangst vor ihnen und flüchteten in die Wälder. Nur Henrich, der russisch sprechen konnte, blieb in der Mühle. Die Russen hatten stets einen schrecklichen Hunger. Henrich gab ihnen einen Stumpf altes, schlechtes Mehl, das sie verbackten und mit Heißhunger verzehrten.
Auch eine Spukgeschichte, die ein Vorfahre des Müllers erlebte, weiß er zu erzählen. Seine Großmutter war von Naunheim. Sie marschierte meist mit einigen Männern und Frauen von Bieber nach Naunheim, um dort Besuche abzustatten. Auf dem Heimweg passierte einem der Männer ein furchtbares Mißgeschick. Bei den drei Stegen am Schwarzbach (heute ist dort ein Brückchen) trat dieser einmal aus. Die anderen gingen weiter und dachten, der Zurückgebliebene würde sie wieder einholen. Als er sie bis Haina nicht eingeholt hatte, glaubten sie, er wäre auf die „Strecke" gegangen. Sie mußten jedoch in Bieber noch eine ganze Weile märten, bis er kam. Aber wie kam er an? Bleich, mit schlotternden Knien, erzählte er ein furchtbares Erlebnis: In der Schwarzbach sprang ihm ein schreckliches Ungeheuer auf den Rücken und krallte sich an ihm feft Er lief mit seiner Last, was er laufen konnte. Oben bei Haina an der Grenze sprang das Ungeheuer ab und ließ ihn laufen. Der Mann hat sich von diesem Schrecken nicht erholen können und ist bald nach jenem Ereignis gestorben.
Noch manche Geschichte aus der Mühle und dem Biebertal erzählte der Müller. Räderwerk und Mühlrad ratterten und rauschten die Begleitung dazu.
Tageskalender für Freitag.
Populärwissenschaftliche Vorträge der Universität: 20.15 Uhr im Ehemischen Hörsaal, Ludwigstraße 21, Professor Krollpfeiffer „Dom Werden und Wesen der Explosivstoffe". — Stadttheater: 20 bis 23 Uhr „Der Graf von Luxemburg". — Gloria-Palast (Seltersweg): „Angelika". — Lichtspielhaus (Bahn- Hofstraße): „Der Feldzug in Polen". — Oberhessischer Kunstverein: Ausstellung im Stadttheater von 17 bis 18 Uhr.
Stadttheater Gießen.
Am heutigen Freitag wird die Operette von Franz Lehär „Der Gras von Luxemburg" in neuer Inszenierung zum ersten Male ausgeführt. Musikalische Leitung: Richard Boeck. Spielleitung: Harry Grüneke. Anfang 20 Uhr. Ende 23 Uhr.
Keine Oster-Reisen?
Es ist von der Bevölkerung in unserer Stadt längst verstanden worden, daß sich in der Gegenwart Vergnügungsreisen nicht verantworten lassen. Für die Osterzeit, die sonst immer einen besonders regen Reiseverkehr brachte, wird man sich diesmal Beschränkung auserlegen müssen, denn die kriegswirtschaftlichen Transporte sind viel wichtiger als etwa Dergnügungsreisen. Es kann nicht damit gerechnet werden, daß der Personenverkehr in irgendwelcher Form verstärkt wird und etwa mehr Zuge fahren, I als es bisher der Fall war. Auch die Festtags-Rück-
eölientWoltiicr Renate.
Roman non fjorfl Biernatt).
3. Fortsetzung (Nachdruck verboten!)
,Zch habe stets Zeit!"
„Gut! Dann bleibt es also bei übermorgen, zwei Uhr!" Er öffnete die Tür zum Wartezimmer, wo ihr Mantel hing.
Zwischen seinen Brauen stand ein nachdenkliches Fältchen. Holen oder Nichtholen, das war jetzt die Frage. Da er ihr aus dem Mantel geholfen hatte, schickte sich's wohl, daß er ihr auch wieder hineinhals? Und schließlich war sie ja auch eine ganz besondere Art von Patientin.
„Bitte, lassen Sie doch, Herr Doktor ..."
„Na, das wäre ja — —!" murmelte er etwas empört und nahm den Mantel rasch, ehe sie hinzu- eilen konnte, vom Hacken. „Und, was ich noch sagen wollte: Dor zwei Stunden möglichst nichts essen!"
Er stand hinter ihr und konnte ihr Gesicht nicht sehen. Es fiel ihm aber mit einer Art von Hellhörigkeit oder überschärftem Empfinden auf, wie lange sie dazu brauchte, den Gürtel des Mantels zu schließen.
Und plötzlich hatte er das Gefühl, daß seine letzte Bemerkung eine Dummheit, wenn nicht sogar eine Taktlosigkeit gewesen war. Ihr gegenüber hätte er sich diesen Rat sparen können, weil der durchaus überflüssig schien. Fleischwürfelbrühe ... Hol' der Teufel die Ueberempfindlichkeit!
Aber, lieber Gott, nein — stand es wirklich so schlecht um sie? Waren diese anständigen und geschmackvollen Kleidungsstücke, die sie trug, die geretteten Ueberrefte aus einem noch vor kurzem blühenden und dann bei irgendeiner stillen Katastrophe zusammengebrochenen Haus? Er hatte kein Unterscheidungsvermögen und keine Hebung in Modedingen. Vielleicht trug man diese zart durchbrochenen Spitzenkragen seit einem oder zwei Sommern nicht mehr, wenn man durchaus dem Wechselspiel der Mode nachjagte? Ihm jedenfalls gefiel der Spitzenkragen; er fand ihn wunderschön, diesen matten, fast altsilbernen Ton, der die bräunlich zarte Linie des Halses umsäumte.
Der Doktor befeuchtete sich die spröden Lippen
und schluckte eine Trockenheit im Kehlkopf herab. Eine warme Welle der Anteilnahme flutete durch sein Herz. „Sie sind Kunstgewerblerin, Fräulein Naumann ..." Er hatte das Gefühl, auf gefährlich glattem Boden zu stehen; er mußte sich vorsichtig weitertasten. „Oh, ich verweile manchmal vor den Schaufenstern und bewundere den Geschmack und die künstlerische Verantwortung, die man in Ihrem Beruf heute auch den kleinen Dingen zuwendet — Aschenbechern, Bucheinbänden, Lampenschirmen, was weiß ich — kurz: allem, was nach dem Biedermeier so gräßlich verlottert und heruntergekommen war, als ob es nie Vorbilder auch für die Formenschönheit von Gebrauchsgegenständen gegeben hätte ... Ich denke da bloß an ein Schreibzeug, das die Kollegen meinem Vater zu irgendeinem fünfundzwanzigsten Jubeltag verehrten. Die Tintenfässer waren die besten Mostrichtöpfe, die wir jemals besessen haben."
Er hatte sich mit einem Bein auf den Tisch gesetzt und ließ das andere frei baumeln. „Wirklich hübsche Sachen, die man jetzt so überall sieht! Man hat keine unruhigen Nächte mehr, wenn man Tante Angelika zum Geburtstag beschenken soll."
Renate lächelte ein wenig! Ihr Gesicht drückte Zweifel aus. „Geschmack —", die kräftige, natürlich gepflegte Hand schien das Wort abzuwiegen, „das ist kein unbedingt sicherer Wert. Verantwortung ist besser. Vielleicht wird man nach ein paar Jahren auch die heutigen Geburtstagsgeschenke zu den Nippes auf den Speicher legen."
„Nein, ganz bestimmt nicht!" behauptete er mit einer verteidigenden Bewegung. „Schöne Formen unterliegen keiner Mode. Und dann der Hauptunterschied zwischen früher und heute: Die.Nippes waren sozusagen geborener Speicherkram, unnützes Zeug ... Aber wieviel Liebe wendet man heute in Ihrem Beruf eben für den Gebrauchsgegenstand auf ..." Seine Stimme erstarb van der Mitte des Satzes ab immer mehr; er endete sozusagen ohne Komma und Punkt in einem etwas betroffenen Gedankenstrich. „Verzeihen Sie die Frage!" sagte er ein wenig unsicher. „Womit beschäftigen Sie sich eigentlich?"
„Mit dem unnützesten Zeug, das Sie sich denken können ..."
Wieder mal ins Porzellan getreten! dachte der Doktor bestürzt. „... Ich mache Puppen."
„Puppen!" Der Doktor schrie es fast heraus; er schien irgendwie erleichtert zu fein. „Das ist ja wunderschön!" Er gewahrte ihren erstaunt fragenden Blick ... „Weil ich eben Puppen sehr hübsch finde! Gerade Puppen!" Er log geradezu hemmungslos. „Und unnütz?! Wie kommen Sie bloß darauf? Puppen und Bleisoldaten sind die aller» nützlichsten Dinge der Welt! Ueberhaupt: Spielsachen? Ich möchte allen Ernstes behaupten, daß ein Baukasten oder ein mit Sägemehl ausgeftopfter Hund mindestens ebenso wichtig sind wie die vollendetste Turbinenanlage. Und, daß die unerschütterliche Hingabe der Frau an die Familie in der Puppenstube ihre ersten Wurzeln schlägt ... Glauben Sie mir: Aus dem Spielzeug kommt unsere allerbeste Weisheit ..." Er hatte sich ordentlich in Eifer geredet und schien bereit zu sein, sich zu noch kühneren Behauptungen aufzuschwingen.
Renate Naumann nestelte ein längliches Päckchen aus ihrer Manteltasche, das der Doktor schon lange bemerkt und für einen kleinen Einkauf gehalten hatte. Sie entfernte die äußere Hülle aus Seiden- papier. Darunter kam ein Stück röhrenförmig zusammengebogener, gummiumschnürter Wellpappe zum Vorschein.
Der Doktor trat erwartungsvoll näher heran.
Renate Naumann streifte das Gummiband ab; sie sah den Doktor ein wenig unsicher an: „Ich habe zufällig eine meiner Puppen bei mir — meine letzte Arbeit. Ich habe sie, bevor ich zu Ihnen kam, in einem Geschäft vorgezeigt, das mir manchmal kleine Aufträge gibt. Aber leider--"
Der Doktor nickte zart; in seinen Augen spiegelten sich die ganze große Müdigkeit der endlosen Spaziergänge zwischen Tür und Fenster und das endlose Warten wider und ein tiefes, ermutigendes Verstehen.
„Zu Weihnachten, vielleicht ...", sagte sie mit einem schwachen Lächeln.
Der Doktor fühlte sich durch ihren Mut beschämt. „Ich werde Ihnen den Daumen halten!" gelobte er herzlich. ,Hn meinem Beruf hatte man ja früher auch Ursache, sich auf das Fest zu freuen. Aber, ach, die Erfindung des Nußknackers hat uns restlos zugrunde gerichtet!"
Daß sein komischer Stoßseufzer einen Kern bitterer Wahrheit enthielt, konnte sie ja nicht ahnen ...
Sie lachte leise — ein dunkelgetöntes, innerliches 'Lachen, das ihr Antlitz wunderbar erleuchtete.
Und der Doktor lauschte, als würde ihm in diesem Augenblick ein alter Herzenswunsch unerwartet erfüllt ... „Und nun zeigen Sie mir endlich Ihre kleine Schöpfung!" bat er ungeduldig. ,/Sie stellen meine Neugier auf eine harte Probe."
„Ich ziehe nur Ihre Enttäuschung ein wenig hinaus."
„Das ist schon ein gutes Zeichen", mutmaßte er. „Ich habe immer die Erfahrung gemacht, daß allzu großes Selbstverttauen meistens diejenigen Leute besitzen, die einen hinterher enttäuschen/
Sie öffnete die Wellpappenhülle mit einer vorsichtigen Bewegung.
Auf dem bräunlichen Untergrund lag ein kleiner Mann in hohen schwarzen Schaftsttefeln. Er trug einen dunkelgrünen Rock mit Silberknöpfchen, und auf seinem Bauch baumelte eine gewaltige goldene Uhrkette. Seine pechschwarzen Haare quollen verwegen unter einem breitrandigen Hut hervor, und man sah seiner Knollennase an, daß er einem tüchtigen Umtrunk in lustiger Gesellschaft nicht abgeneigt war An der Seite trug der kleine Kerl, von einem rohen Strick gehalten, einen blanken Schleppsäbel, und in einem Ledergurt staken zwei wuchtige Reiterpistolen.
„Stellen Sie mich ihm, bitte, vor!" ersuchte der Doktor mit einer tiefen Verbeugung. ,Zch glaube, dieser Kerl verlangt, daß man ihm höflich begegnet."
„Jawohl — er ist der kühne Räuber Kasimir!" ,^a!" rief der Doktor erschrocken. „Habe ich es doch gedacht, daß es Kasimir ist, der auf dem Lande bei den Gendarmen „Kasimir der Blutige" heißt..."
„Aber er hat ein mildtätiges Herz für die Armen!"
„Oh, seine Geschichte ist bekannt! Graf Waldemar vom Schroffenstein war es, der ihm die Liebste stahl. Da ging er in die Wälder und sammelte seine Gesellen um sich. Und schwor dem Grafen furchtbare Rache ..." Der Doktor nahm den kleinen wilden Mann behutsam aus ihrer Hand. „Und ttotz allem sieht man ihm an, daß daheim sein altes Mütterlein für ihn betet und daß es mit ihm doch noch ein gutes Ende nimmt ... Was für einen hübschen Humor Sie in diese Arbeit hin eingesteckt haben —!" (Fortsetzung (folgt.)
aber sparsam damit umgehen!
Der Würfel Ist kochfertig, also kein Fett zusetzenI Zum Strecken, Binden und Verbessern anderer Soßen genügt oft schon ein Teilchen des Würfels! Nur 3 Minuten durchkochen, damit nichts verkocht!
Wer mehr verbrauchte mehr abi in Vriedenwiten, muß mit sich seöSst - richt mit demJiaufmaniLi^trel^
•Gilt auch für Knorr Bratensoße


