M. 2<?0 Drittes Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberheffen)
7./8. Dezember 9^0
Aus Her Stadt Gießen.
Tapferkeit.
Von Anton Holzner.
Heldentum ist nicht allen gegeben. Tapfer muß feder fein. Heldentum ift eine Berufung, um die feder kämpfen mutz, wenn das Schicksal ihn ruft. Uber nicht jeder, der nach Heldentum strebt, ist iiud? ein Held. Tapferkeit ist Pflicht für jeden deutschen Menschen. Und jeder echte Deutsche kann und muh tapfer sein.
Wie in allen Dingen des Lebens, jo ist für alle deutsche Zukunft der Führer auch Vorbild der Tap- 'erkeit Er hat dem deutschen Volk gezeigt, daß es nnerhalb des Bereiches der natürlichen Lebensge- ietze für den Deutschen das Wort „Unmöglich" nicht mehr gibt Durch Tapferkeit kann jeder Gefahr getrotzt, jeder Gegner überwunden, jede Schwierigkeit bejeitigt werden. Tapferkeit wirkt Wunder.
Selten wird das Zusammenspiel von Leib, Seele und Geist so klar wie bei der Tapferkeit. Tapferkeit hat in gleicher Weise Zucht des Leibes, Zucht des Geistes und Zuckt der Seele zur Voraussetzung.
Bei Sport und Leibesübungen muß Tapferkeit sich bewähren. Nicht in Muskelgewandtheit und Muskelkraft allein kommt sportliche Haltung zum Au.druck, sondern in der zähen, entschlossenen Tapferkeit, mit der man den Gefahren des sportlichen Wettkampfes und der sportlichen Uebunq entgegen- tntt und die Unannehmlichkeiten unablässiger körperlicher Stählung und Schulung überwindet.
Bei den Widerwärtigkeiten der Witterung muß Tapferkeit sich bewähren. Der Himmel hat dem nordischen Menschen keinen ewigen Frühling geschenkt, weil er ihn hart machen wollte. Er hat ihm keinen ewigen Sommer gegeben, weil er ihn vor Erschlaffung bewahren wollte. Neben Frühling und Sonne hat der Allmächtige dem deutschen Menschen rauhe Sturme und harte Wintertage beschicken. Dem Sturm zu trotzen, der eisigen Winterkälte mit geballter Energie zu widerstehen, gehört zu den Proben tapferer nordischer Haltung.
Bei Unfällen, Verwundungen und Krankheiten zeigt sich, wer tapfer ist. Es gibt unausstehliche «tränte, die quälen und drangsalieren ihre Helfer, auch wenn ihre Schmerzen nicht unausstehlich find. Und es gibt tapfere Kranke, die strahlen auch unter den bittersten Schmerzen und Qualen eine herrliche tapfere Haltung aus und sind anspruchslos auch da, wo sie das Recht hätten, zu fordern.
In mannigfaltigen Nöten, Leiden und Gefahren des Alltags muß man tapfer fein. Heber jeden Menschen, der nicht oberflächlich durchs Leben schlittert oder abgestumpft sein Leben vertrottet, kommen Widerwärtigkeiten, mit denen er fertig werden muß, Konflikte, mit denen er sich auseinanderzusetzen hat, Gefahren, die er zu überwinden hat. Vielfach bringt das Leben dem Menschen Nöte, die er ganz allein, ohne irgendwelche Hilfe bestehen muß. Da gilt dann einzig die Tapferkeit, das mutige Zugreifen, das entschlossene Jn-die-Zukunft- schretton.
Tapferkeit ist kein Vorrecht des Mannes. Sie Frauen und Mütter, die Jungen und Mädel haben in gleicher Weife das stolze Recht und die heilige Pflicht, tapfer zu sein.
Tapferkeit ist gut. Feigheit ist schlecht. Wer in den Schicksalsstunden seines Lebens und in den kleinen Dingen seines Alltags stets tapfer gehandelt hat, der mag manchen Fehler in seinem Leben begangen haben.
Tapferkeit macht froh. Es gibt Menschen, die mir verbissener Bitterkeit ihr Schicksal ertragen. Und es gibt Menschen, die voll Sanftmut geduldige Opferlämmer mit wehmutsvollem Blick spielen. Das alles hat mit Tapferkeit nichts zu tun. Der Tapfere begegnet mit frischem, frohem Mut dem Leben, pro!) und stolz, aufrecht und frei schreitet der Tapfere in die Zukunft — auch, wenn er Den Tod vor sich sieht.
Im Alltag muß diese Tapferkeit sich bewähren, damit sie in der Entscheidung zum Siege führen kann. Im Tagwerk des Friedens muß die Tapferkeit geübt werden, damit das Volk im Kriege be- lteht. Tapferkeit kann man nicht in der Stunde der Gefahr aus einer alten Waffenkammer hervorholen. Tapferkeit gehört zur ewigen Haltung des deutschen Menschen. Weil er in Sieg und Niederlage, in Krieg und Frieden stets tapfer ist, ist Gott mit ihm. k
Sünden in der Dunkelheit.
Einige Betrachtungen auf Wegen mit Hindernissen.
Der Dezember als der dunkelste Monat des Jahres läßt die Straßen schon zu einem Zeitpunkt inster werden, an dem sich überall noch reger Verkehr abwickelt. Und am frühen Vormittag „erfreut" er alle diejenigen, die in der siebenten ober achten Morgenstunde zu ihren Arbeitsstätten unterwegs ind, mit der gleichen Finsternis wie am späten Abend. In dieser Zeit ist ein Gang durch die Straßen alles andere denn eine Annehmlichkeit. Noch übler wird er aber, wenn in der Finsternis Kötzlich auch noch Hindernisse auftauchen. Und >arüber soll hier einiges gesagt werden, zur Beherzigung für die verantwortlichen Sünder, zu Nutz und Frommen der Straßenpassanten.
Daß die städtischen Müllautos und die Fahrzeuge des Ernährungshilfswerks den in den Haushaltungen aufkommenden Müll bzw. die Küchenabfalle aus den vor die Häuser gestellten Sammeleimern abholen, ist eine große Annehmlichkeit. Diel weniger ympatisch ist es aber, wenn manche Hausbewohner liefe Sammeleimer stundenlang nach dem Vorbei - ähren der Abholfahrzeuge auf dem Bürgersteige tehen lassen und sich auch nichts daraus machen, )ie entleerten Eimer noch bis in die Dunkelheit des späten Abends hinein oder sogar über Nacht vor der Haustür stehen zu lassen, lieber diese Sammel- eimer oder auch Schüsseln mit Schalenresten stolpern in der Dunkelheit die harmlos ihres Weges kommenden Passanten. Leider bleibt es oft nicht beim Stolpern, sondern es treten dabei auch Beschädigungen der Kleider, nicht selten sogar Prellungen und andere unerfreuliche Dinge an den Schienbeinen ein. Niemand wird behaupten wollen, daß man sich mit diesen Begleiterscheiungen im jetzigen Straßenverkehr eben abfinden müsse. Jedermann wird sicherlich mit uns der Meinung sein, daß Mülleimer und Schalen behälter in der Dunkelheit nicht auf die Bürger- fteige gehören, sondern bald nöglichst nach dem Entleeren noch bei Tage in die Grundstücke hereingestellt werden müssen. Wer bei der Erfüllung dieser selbstverständlichen Pflicht saumselig ist und dadurch die Gesundheit und das Eigentum anderer Leute gefährdet, ist nicht nur als gedankenloser Sünder zu bewerten, sondern er ist auch haftbar für jeden Schaden, der aus derartigen Nachlässigkeiten entsteht. Selbstverständlich wird sich, wenn Anzeige erstattet wird, auch die Polizei mit solchen Verkehrssündern beschäftigen.
bemerkt werden kann. Wer als Wagenbesiher oder -lenker diese Sorgfattspflicht verletzt, ist nicht nur im Sinne der strafrechtlichen Bestimmungen straf- ällig, sondern er ist auch haftbar für den entstan- lenen Schaden. Diesen Sachverhalt mögen sich die Fahrzeughalter vor dem Abstellen ihrer Wagen auf öffentlichen Straßen und Plätzen immer vergegenwärtigen und die erforderlichen Maßnahmen treffen, damit sie selbst und andere vor Schäden bewahrt werden.
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Daß die Fahrdämme unserer Straßen auch für die Radfahrer zur Verfügung stehen, ist selbstverständlich. Aber es ist ein Unding, die Fahrbahnen in der Dunkelheit bei Wettfahrten jugendlicher Radfahrer zu benutzen. Derartige unstatchafte Radlerei kann man nicht selten in der Dunkelheit im Seltersweg und auch in anderen vielbenutzten Straßenzügen bemerken. Dort sehen es jugendliche Radler als besondere Leistung an, mit möglichst forschem Tempo und viel Geschrei ihre Radwettfahrt durchzuführen, ohne zu bedenken, daß sie dabei eine Gefahr für die Allgemeinheit sind und sie selbst auch ihre Gesundheit aufs Spiel setzen. Besonders unangenehm fallen derartige Radfahrer-,Künste" in der Dunkelheit auf, wenn sie, wie z. B. im Sel- tersmeg, ausgerechnet in der Zeit des stärksten Verkehrs in Erscheinung treten, oder in dem Augenblick, wo Hunderte von Besuchern das Kino verlassen. Die unternehmungslustigen jungen Radler sollten sich vor Augen halten, daß die Straßen- sahrdämme nicht zu Wettfahrten während der Dunkelheit geeignet sind, Im übrigen auch am Hellen Tage dort keine Wettkämpfe ausgetragen werden dürfen. Wer gegen diese elementarste Verkehrsdisziplin verstößt, darf sich nicht wundern, wenn die Polizei ihn stellt und dann das dicke Ende in Gestalt eines kräftigen Strafzettels folgt. Ferner sollten die Radfahrer auch darauf achten, daß ihre Maschinen immer in vorschriftsmäßiger Weife beleuchtet sind, vor allem sollte es keinem Radfahrer einfallen, während der Dunkelheit ohne Licht zu fahren, wie man es gelegentlich immer noch feftftellen kann. Daß solche Sünder mit einem besonders gesalzenen Strafmandat zu rechnen haben, sobald sie erwischt werden, versteht sich von selbst.
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Natürlich fehlt bei dieser Betrachtung auch „Seine Majestät" der Fußgänger nicht. Er sündigt eigent
lich am meisten. Daß man an Straßenkreuzungen nicht schräg über den Fahrdamm gehen darf, fon- dern scharf im rechten Winkel von Bürgersteig zu Bürgersteig streben muß, ist schon unzählige Male gesagt worden, aber befolgt wird diese Vorschrift immer noch in sehr unzulänglicher Weise. Ebenso scheint es vielen Fußgängern noch nicht klar geworben zu fein, daß Radfahrerwege — auch am Selterstor! — nur für die Radfahrer bestimmt sind, aber nicht von Fußgängern benutzt werden dürfen. Wenn ein Fußgänger auf dem Radfahrerweg marschiert und dabei womöglich an» oder umgefahren wird, kann er sich nicht befragen, sondern er muß für sich noch mit allerlei Unannehmlichkeiten rechnen. Die Hauptsünde der Fußgänger aber besteht darin, daß für die meisten das Gebot „rechts gehen!" immer noch nicht zum ehernen Gesetz im Straßenverkehr geworden ift. Namentlich in der Dunkelheit sind Verstöße gegen die Forderung des Rechtsgehens vielfach sehr unangenehm. Prallen dann zwei ober mehrere Personen gegeneinander, so gibt es unerquickliche Auseinanbersetzungen, wenn nicht gar Beulen ober Schrammen. In einem solchen Falle kann man sich auch nicht etwa auf bas „Leuchtknöpfchen" am Mantel berufen; diese „Illumination" ist kein Freibrief für Sünben gegen bas Gebot bes Rechtsgehens, unb obendrein ist bas Leuchtknöpschen oft auch noch an ber verkehrten Seite angebracht, so baß ber entgegenkommende Fußgänger irregeführt wirb. Grunbfäßlich mutz jedermann immer nur rechts gehen, auch in der Dunkelheit! Mit dieser disziplinierten Haltung im Straßenverkehr dient er ber Gemeinschaft unb nicht zuletzt sich selbst. Dann hat er auch eine „starke Position", wenn ein Verkehrs, sünber auf ber falschen Straßensette ihm entgegen- läuft unb Grunb zu Beanstandungen gibt. Die Forderung, immer nur rechts zu gehen, sollten namentlich) auch unsere jungen Leute immer befolgen, denn gerade sie sind es, die am meisten gegen diese Derkehrsvorschrift verstoßen. Unb beim lieber- holen sollte man auch nicht durcheinander laufen, sondern stets an ber linken Seite bes Vorder- mannes vorbei nach vorne zu kommen ttachten.
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Diese kleine Blütenlese von Sünden in der Dun» kelheit gibt hoffentlich allen Betroffenen Anlaß, bie wohlmeinenbe Ermahnung zu beherzigen unb künftighin mehr Sorgfalt unb Rücksichtnahme gegenüber ben Erfordernissen bes Straßenverkehrs zu be° kunben. Dann wirb kein Anlaß bestehen, etwa mit nachdrücklicheren Mitteln darauf hinzuwirken, daß unsere Straßen während der Dunkelheit nicht Wege mit vielen Gefahrenquellen sind. B.
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Unbeleuchtete Fahrräder am Bordstein oder an der Haus wand angelehnt sind ebenfalls vielfach ein „Stein bes. Anstoßes". Wer in ber Dunkelheit schon einmal mit einem derartigen Hindernis auf dem Weg unerwünschte Bekanntschaft gemacht hat, kann es verstehen, daß gegen das leichtfertige Abstellen von Fahrrädern b»-? tätigte Beschwerde erhoben wird. Nickt nur W ahnungslose Fußgänger kann bei einer Derartige, unverhofften Aqrempelei Schaden erleiden, ai'ch tos Fahrrad wird durch Umwerfen auf die Fahri 1 aen?innen; habet braucht bas Umwerfen burchaus nicht auf Absicht oder, berechtigten Zorn bes überraschten Fußgängers xu beruhen. Fahrräder müssen beim A v - stellen auf ber Straße beleuchtet sein, ober man darf sie nicht herrenlos herumstehen lassen. Wenn eine ausreichende Beleuchtungsmöglichkeit an dem Fahrrad nicht besteht, muß es in der Dunkelheit von der Straße weggenommen werden. Unbeleuchtete Kraftwagen stehen auch nicht selten als peinliche Uederraschung der Fußgänger während der Dunkelheit im Weg herum. Sogar an Stellen, die von keinem Laternenlicht angestrahlt werden, wo es also stockfinster ist, kann man gelegentlich auf unbeleuchtete Kraftfahrzeuge ober andere Fuhrwerke stoßen, die leichtfinnigerweise ohne Licht abgestellt wurden. Es ist selbstverständlich, daß auch in diesem Falle eine erhebliche Verkehrsgefährdung für die Gemeinschaft besteht und ber Besitzer bes Fahrzeugs für dessen ordnungswidrige Abstellung verantwortlich ist. Jeder a b g e st e l l t e Wagen muß ausreichend beleuchtet sein, damit er von den Fußgängern in der Dunkelheit rechtzeitig
der nächsten Periode.
Eine Sonderzuteilung von Zucker.
In ber nächsten (18.) Zuteilungsperiode, für die die Lebensmittelkarten in den nächsten Tagen aus- gegeben werden, find die Rattonen an Brot, Mehl, Fleisch, Schweineschlachtfett, Margarine, Käse, Quark, Vollmilch, Marmelade und Kunsthonig die gleichen geblieben wie in ber vorhergehenden Periode. Die Sonderzuteilung von Kunsthonig für alle Verbraucher fällt jedoch im nächsten Zuteilungsabschnitt wieder weg.
Neu ist dagegen eine Sonderzuteilung von 500 Gramm Zucker für alle Verbraucher, auch für Kinder. Die normale Zuckerration von 900 Gramm bleibt daneben unverändert. Eine besondere Anmeldung für ben zusätzlich ausgegebenen Zucker ist nicht erforderlich; vielmehr lautet ber Bestellschein ber Zuckerkarte biesmal über 1400 Gramm statt über 900 Gramm. Weiterhin ist für alle Verbraucher, mit Ausnahme der Selbstversorger, eine Sonderzuteilung von 250 Gramm Hülsenfrüchten vorgesehen, bie bereits in biesem (17.) Versorgungsabschnitt vorbestellt worben finb unb demnächst auf ben Abschnitt N 28 bezogen werben können. Schon jetzt wurde festgelegt, daß auch für ben übernächsten (19.) Zuteilungsabschnitt, ber Mitte Januar beginnt, weitere 250 Gramm Hülsenfrüchte zugeteilt werben.
Für bie gleiche Zuteilungsperiode im Januar ist auch eine Sonderzuteilung von 125 Gramm Reis I vorgesehen, für die eine Vorbestellung aber nicht
erforderlich ist. Die Rattonen von Kaftee-Ersatz- unb 'Zusatzmitteln bleiben unoeränbert, ebenso bleibt für Normalverbraucher (mit Ausnahme ber Jugend- lichen bis zu achtzehn Jahren) die Möglichkeit bestehen, an Stelle von 125 Gramm Kaffee-Ersatz roieber 60 Gramm Bohnenkaffee zu beziehen. Auch für die übernächste Periode ist schon jetzt bie gleiche Zutellungsmenge festgesetzt worden, die aber bereits bis zum 21. Dezember vorbestellt werden muß.
Eine weitere Aenderuna für die nächste Zuteilungsperiode ist die Erhöhung ber Zuteilung von Butterschmalz gegen eine entsprechende Verringerung ber Butterportion. Don ben bisher zu- geteilten 500 Gramm Butter werden 62,5 Gramm gestrichen, und dafür wird bie bisherige Portion Butterschmalz von 50 Gramm auf 100 Gramm erhöht; dadurch wirb die gesamte Fettmenge, die jedem Verbraucher zusteht, nicht verändert, auch tritt dadurch keine Verteuerung ein. Kondensmilch kann an Stelle von Nährmitteln aus die entsprechenden Abschnitte der Nährmittelkarte weiterhin bezogen werden, soweit beim Einzelhandel noch Vorräte vorhanden finb. Für Selbstversorger fällt allerbings biese Wahlmöglichkeit fort.
Bll MIR IVTI O Husten u.Heiserke*
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Nomon von fjdnj Lorenz-Lambrecht
I 12.Fortsetzung. (Nachbruck verboten.)
..Am 28. Oktober ..." Viktor hat es fast erwar- t ret Am 28. Oktober, am gleichen Tag, an bem er | die Erscheinung hatte, gab Thea einem Kinb das | Leben. Einern Mädchen, ganz gewiß.
„Ist es ein Bub oder ein Mädchen?"
„Ein Mädchen."
Natürlich, er hätte gar nicht zu fragen brauchen. | -Wissen Sie, wie bas Kinb heißt?"
Lorring lacht auf: „Da fragen Sie mich wirklich .. ein bißchen zu viel. Das hat mir meine Schwester nicht geschrieben. Das Kinb war ba ja kaum ge- f wen und sicher noch nicht getauft."
5 „Natürlich", sagt Viktor ruhig unb benft: Ich könnte ihm sagen, was das Kinb für einen Namen k ?at Es heißt Beate. Ganz gewiß heißt es Beate. | Er versinkt in sich, in feine grenzenlose Verwunde- I ning. Als sich Lorring neben ihm räuspert, schreckt I rr auf unb beginnt rasch ein gleichgültiges Ge- | Präch. Doch ist er nicht bei ber Sache.
Ds Neuigkeit hallt mit stärkerer Wucht in ihm »ach als ber Traum vor einigen Wochen. Sie hat ■ chm bie Lösung des Rätsels gebracht: Thea muß, V ils sie sich unter Schmerzen ein neues Leben ab- |. ~ang, mit ber ganzen Kraft ihrer Seele an ih" ge- I »acht haben. Sie hat ihn noch nicht vergessen. Nicht | Ihren eigenen Mann hat sie gerufen in ihrer schwe- | 'en Stunbe, sondern ihn. Täglich denkt sie vielleicht i iod) an ihn, täglich vielleicht hofft sie, daß er doch I »och zu ihr zuruckkehrt. •
Ja, so muß es fein. Anders kann er sich sckon i jar nicht mehr die Erscheinung am Tag der Ge- ' »urt von Theas Kind erklären. Wenn es überhaupt ; 'n etwas gab wie eine seelische Verbindung über Meer und Länder, so konnte das nicht nur em planloses Spiel des Zufalles sein. Es mußte etwas I »ebeuten.
Noch am gleichen Tag reift fein Entschluß. Thea : jat ihn gerufen, er will ihrem Ruf folgen. Bevor sr ftef) aber ihr wieber nähern barf, muß er seinen f ehrlichen Namen wieder haben. Bei dem Gespräch
mit Lorring wurde es ihm wieder einmal klar, wie kläglich sein bisheriges Leben war. Er will an bem Krieg, der für jeden gefunden unb anftänbig denkenden jungen Deutschen bas größte unb tiefste Ereignis feines Lebens bleiben wirb, feinen tätigen Anteil haben. Er muß noch an bie Front kommen, um feine Pflicht zu tun, um feine Achselstücke zurückzugewinnen und damit — Thea Jmmenhofs.
Zu Thea Jmmenhofs nämlich will er zurückkeh- ren, nicht zu Thea Mervinger. Daß sie verheiratet ist, bas kümmert ihn heute noch sehr wenig.
Als er, kurz vor bem Abenbessen, mit Jürk Sol- terbeck 'auf bie Bastion hinaufgeht, fragt er mit einer beschwingten und entschiebeneren Stimme als sonst: „Wie wett bist du mit deinem Fluchtplan, Jürk?"
Solterbeck horcht auf. Sie haben feit jenem erstenmal nicht mehr darüber gesprochen. Ei^antwor- tet: ,Hch halte natürlich daran fest. Ich Mache bie Sache auf jeben Fall — voraussichtlich, daß bas spanische Schiff hier anläuft."
„Das spanische Schiff muß hier anlaufen, Jürk.
Ich muß nach Deutschland, ich mache mit."
„Großartig, Mensch! Ehrlich gestanden, so ganz allein hätte ich nicht ben rechten Mumm bazu ge* habt. Bei einem solchen Experiment ist es ebenso dumm, allein zu sein wie mit allzu vielen zusammen. Zweie zusammen — das ist gerade bas Richtige für eine Flucht."
„Gut. Also bann: An die Gewehre und mit Hochdruck los!"
„Junge ..." Solterbeck strahlt über das ganze Gesicht. ,^Jetzt wird es richtig. Im nächsten Frühjahr hauen wir hier ab."
„Im nächsten Frühjahr? Warum nicht in diesem Jahr noch?"
„Immer sachte mit ben jungen Pferben! Im nächsten Frühjahr sage ich."
V.
Bei den Vorbereitungen für bie Flucht ist Viktor jetzt auf einmal bie treibende Kraft. Er lebt förmlich auf in dem Entschluß und fiebert wie ein Rennpferd vor bem Start. Solterbeck muß ihn immer wieder zu Geduld mahnen, obwohl er selbst durch Viktors Beretterklärung neu angeeifert ist. Eine Flucht birgt immer etwas Unheimliches unb Gefahrvolles in sich, unb Solterbeck hat schon recht
wenn er sagt, daß man bei einem solchen Experiment am besten zu zweien sei.
In seinem nächsten Brief nach Hause schreibt er mit ber synthetischen Tinte zwischen bie Zeilen, baß feine Absicht zu fliehen nunmehr ganz feststehe. Man möge also bas spanische Schiff mobil machen. Er müsse ben genauen Termin ber Ankunft in Bastta wissen. Der Kapitän müsse an einem bestimmten Platz am Hafen — er gibt die Ecke bes Hotels Crynos an — einen zuverlässigen Mann aufstellen, ber durch ein Abzeichen, eine Rosette ober begleichen, kenntlich sei. Ueber all bas müsse er genau unterrichtet werben.
Bis bie Antwort auf biefen Brief eintrifft, können brel bis vier Wochen vergehen. Aber Solterbeck sagt gleich, daß sie bann noch keineswegs genaue Angaben hätten, fonbern baß bann erst Die Angelegenheit von Hamburg aus betrieben würbe.
Viktor finbet sich also bamit ab, daß bie Flucht erst im kommenden Frühjahr vor sich gehen wirb. Wenn nur bis bahin ber Krieg noch nicht vorbei ist, denkt er egoistisch. Nun, ben Zeitungen nach sieht es nicht so aus, als ob ber Krieg während bieses Winters zu Ende gehen könne. Wenn im Frühjahr bie Generaloffensive an ber Westfront einfetzen wird, bann wirb er mit babei fein, fo hofft er. Er glaubt es mit aller Zuversicht, weil für ihn alles davon abhängt.
Inzwischen arbeiten sie an ihrem Plan, soweit bas schon möglich ist. Solterbeck nimmt Viktor gleich am Tag nach seiner Bereiterklärung mit auf bie Bastton unb erklärt ihm den Plan, Den er sich schon während ber vergangenen Wochen burch ben Kopf gehen ließ. Es ist ein trüber Nooembernachmittag. Die Gefangenen halten sich meist in ihren Stuben auf, bie decken können sich also ungestört unterhalten.
„Die Hauptsache ist", sagte Solterbeck, „haß mir mit hundertprozentiger Sicherheit hier heraus unb an den Hafen hinunterkommen — unb zwar zu einer ganz bestimmten Zeit. Ich habe das Gelände bereits sondiert und auch Damiani schon auf ben Zahn gefühlt. Der Mann wäre zwar bereit zu allem Möglichen, kommt aber trotzbem nicht in Frage. Eben aus dem Grund, den du einmal erwähnt hast. Damiani, so gerissen unb gelbhungrig er auch ist, ist ein guter korsischer Patriot. Er könnte tatsächlich ein doppeltes Spiel treiben. Könnte
uns zur Flucht verhelfen, und wenn wir dann hinunter an ben Hafen kommen, fo nehmen uns dort die Schergen des Regional in Empfang, ben er hintenrum benachrichtigt hat. Wir müssen aber — müssen unbedingt auf sicher arbeiten."
„Wie willst du es also anfangen?" fragt Viktor etwas ungeduldig.
„Was ich brauche, ist nur ein bißchen Werkzeug, um mir die nötigen Schlüssel zu feilen. Das mutz mir das Strohbündel beschaffen."
Das mit diesem Epitheton behaftete Strohbündel ist ein maßlos feister Sergeant, ber es bisher meisterhaft verstanden hat, sich von allen Gefahren der Front zu drücken. Den Namen hat er von seinem Schnauzbart, ber wie ein in ber Mitte abgebun- benes naßes Strohbünbel über den Mund herab- hängt.
„Das Strohbündel", fährt Solterbeck fort, „ist willig, wenn er nur Geld riecht. Patriotische Hemmungen hat das Schwein überhaupt nicht. Unb wenn er dabei reinfliegt, mach ich mir fein Gewissen daraus. Er wirb mir das Werkzeug beschaffen, wenn ick ihm erkläre, daß ich mir ein Schiffsmodell basteln will. Ich habe praktisch in ber Werft gearbeitet, unb ein paar läufige Schlüssel zu feilen, ift ein Kinderspiel. Offiziell baue ich ein Schiffsmodell — auch für unsere besten Freunde."
„Unb welchen Weg willst bu nehmen? Ich vermute, du spekulierst auf die Tür dort. Viktor nickt nach der schweren verschlossenen Tür, die in die Mauer hinter dem Uebungsplatz der Schramm- kapelle eingelassen ist.
„Richtig. Zum Tor heraus, wo der Posten da- vorsteht, können wir nicht, auch nicht über bie Mauer. Die Tür dort habe ich schon in Augenschein genommen. Sie braucht einen schweren altertümlichen Schlüssel. Sie ist sicher schon lange nicht mehr geschlossen worben. Das Schloß ist total verrostet. Wir müssen ihm tagelang vorher gehörig mit Del zu Leibe gehen. Jeber gewaltsame Griff ist zu ver- meiben. Die Nacht hat Helle Ohren."
„Wo führt bie Tür hin?"
hinter ber Tür führt eine Steintreppe abwärts. Das habe ich durch eine Ritze in den Holzplanken festgestellt. Die Treppe kann nur hinunter in den kleinen Jnnenhos führen, von dem man hier oben ein Stück einsehen kann. Komm mal mit"
(Fortsetzung folgt)


