Nr. '35 Zweites Blatt
Siebener Anzeiger (General-Anzeiger für Oderheffen)
Zreiiag. L Juni 1940
„Das kann ich von meinem Vater nicht behaupten", widersprach das Fräulein. Sie strich dabei mit einer schönen unb freien Gebärde das Haar aus der Stirn. „Er hat mich studieren lassen, wie es mein Wunsch war, und hat nicht danach gefragt, was einmal, aus dem Geschäft werden könnte. Das danke ich ihm und meiner Mutter. Und darum führe ich zur Zeit den Haushalt, weil ich die Eltern mit dem Geschäft jetzt nicht aufsitzen lassen will. Ich habe meine Studien unterbrochen, bis wieder Frieden sein wird. Sie als Soldat und Kommilitone werden das ja verstehen, denke ich.
Es war eine lange Rede, und der Soldat verhielt sich wie im Anschlag dabei, immer sicherer sein Ziel im Auge, ohne sich zu rühren noch zu regen. Er unternahm nicht einmal die Frage, was sie studiere. Es war ihm völlig gleichgültig. Es tat ihm auch leid, was er da eben über die Väter ae- fagt hatte. Vielleicht würde ihm sein Vater nichts in den Weg gelegt haben, wenn der Sohn hätte das Bäckerhandwerk erlernen wollen. Der Versuch war leider nicht unternommen worden.
Der Soldat erhob sich unvermittelt, Abschied zu nehmen, als sei sein Auftrag voll erfüllt. Und das Mädchen tat nichts, dies zu hindern.
„Rur", so meinte sie, ihm dabei die Hand reichend, „wenn ich meiner Mutter Grüße sagen soll, muß ich um den Namen dessen bitten, der sie ausrichten läßt —"
Der Soldat zögerte ein wenig, dann aber lachte er hell über sein junges Gesicht, schlug die Hacken zusammen und meldete militärisch: „Sagen Sie einfach — sein Sohn, Fräulein Marie!"
„Sein Sohn?"
Die Hand des Fräuleins fag über Gebühr lange in der des Soldaten, ohne daß es beiden ausgefallen wäre, als dieser nun doch erzählte vom-Gruß des Vaters an das Fräulein Marie von einst und wie seltsam das Leben doch oft seinen Menschen mitspielte, wenn es etwa den Sohn auf den gleichen Stuhl nötigte, auf dem schon einmal der Vater gesessen hatte. Und es geschah weiterhin, daß beide hernach ohne Absprache über diese Begegnung kein Wort verloren, weder das Mädchen zur Mutter, noch der Sosdat in seinem nächsten Feldpostbrief an den Vater.
Denn was besagter Händedruck anzudeuten schien, ging vorerst ausschließlich den Soldaten und das Mädchen an.
Der Kriegsemsah Oer deutschen Frau.
GauleiterReichsstatthalterSprenger sprach vor OenKreisfrauenschastSleiterinnen
Aus der Stadt Gießen.
Der vergessene Strauß.
Im letzten Augenblick hastete ein Mädchen in die soeben abfahrende Elektrische und suchte mit schweifenden Blicken vergeblich nach einem Platz in dem besetzten Wagen. Da erhob sich ein junger Mann und überließ ihm mit einer artigen Geste den seinen. Ein leuchtender Blick, ein reizendes Lächeln und eine Helle schwingende Stimme, die „Schönen Dank!" sagte, beschenkten den jungen Mann, und es schien überdies, als erglühe dabei das erhitzte Gesicht der Schönen ein wenig dunkler. Sie barg es einen Augenblick in einem mit weißem Seidenpapier umhüllten Strauß und sog mit tiefem Atem den köstlichen Duft.
Hatte das Mädchen den Strauß von dem Geliebten geschenkt erhalten, oder selbst die Blumen für ihn gekauft? Eine dritte Möglichkeit gab es nicht. Ich entschied, daß die Blumen ein Geschenk des Geliebten waren. Die Tatsache, daß das Mädchen den Strauß, den es behutsam neben sich gelegt hatte, verschiedene Male empornahm und mit anmutigem Augenniederschlag sein Gesicht in ihn versenkte, sprach dafür. Sein Mund berührte wie im Kuß die Blüten und träumte wohl, es seien die Lippen des Geliebten.
„Schade!" sagte mein Nachbar zur Linken, als der Schaffner sein Fahrtziel ausrief; er wäre am liebsten noch sitzen geblieben und nachher die überfahrene Strecke zurückgelaufen, nur um das entzückende Erlebnis noch ein wenig verlängern zu können. Währenddessen hatte der aufmerksame junge Mann, der seitlich hinter der Sitzreihe und dem Mädchen stand, nichts von allem. Er ragte zu hoch über die Sitzende hinaus und hätte sich schon vorbeugen müssen, wollte er etwas von ihrem Profil erhaschen. Aber plötzlich schien sich das Mädchen seiner zu erinnern: es wandte den Kopf nach ihm und sprach ihn an. Ob er nicht sitzen wolle, sie steige jetzt aus. Er lächelte, beglückt von dem Glanz chrer Augen, und fand im Augenblick keine Worte. Er winkte nur mit der Hand, sie möge bleiben.
Da ertönte des Schaffners Stimme und sie eilte hinaus. Eine Dame nahm ihren Platz ein und hob den vergessenen Strauß hoch. Der junge Mann er- ariff ihn und sprang noch zeitig genug aus dem schon anfahrenden Wagen. Wir sahen die Beiden nebeneinander dem Bürgersteig zustreben. Das Mädchen hatte die Blumen schon an sich genommen. Aber auch das Geleit des jungen Mannes schien ihm angenehm. Sie plauderten und lachten vergnüg^, als wären sie sich schon länger bekannt und als habe das Mädchen schon die Blumen wieder vergessen. P- B.
Dornotizen.
Tageskalender für Freitag.
NSDAP. Ortsgruppe Gießen-Ost: 20.15 Uhr in der Aula der Universität Reichsredner Professor Dr. Hans K ö t t e r i tz, Freiburg (Breisgau) über „Mit unseren Fahnen ist der Sieg". — Volkstümlicher Vortrag der Universität: 20.15 Uhr im Landwirtschaftlichen Institut, Professor Rolfes über „Entwicklung und Stand der britischen Landwirtschaft". — Gloria-Palast, Seltersweg: „Ein Robinson": 23 Uhr: Spätvorstellung: „Eine Filmreise nach Norwegen". — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Liebe geht seltsame Wege".
Sladttheater Gießen.
Am Dienstag, 11. Juni, eröffnet das Stadttheater Gießen feine diesjährige Sommerspielzeit. Zur Aufführung gelangen in der kommenden Woche, zugleich als Nachholung der ausgefallenen 31. Vorstellungen der Stammieten, am Dienstag, 11. Juni (31. Vorstellung der Dienstag-Miete), und am Mittwoch, 12. Juni (31. Vorstellung der Mittwoch-Miete), das Lustspiel „Zwei im Busch" von Axel Jvers, am Freitag, 14. Juni (31. Vorstellung der Freitag-Miete), das Schi-Lustspiel „Trockenkursus" von Kurt Bortfeld. Samstag, 15. Juni, gastiert die Tegernseer Bauernbühne Ändert Schultes mit dem ländlichen Lustspiel ,Lllles in Ordnung" von Maxim. Vitus.
Notizen für den 8. Juni
Sonnenaufgang 5.04 Uhr, Sonnenuntergang 21.44 Uhr. — Mondaufgang 7.44 Uhr, Monduntergang 23.13 Uhr.
NSG. Gauleiter Reichsstatthalter Sprenger sprach am Mittwoch zu den Kreisfrauenschaftsleiterinnen, die in der Gauschule der NS.-Frauen- schaft, in Mammolshain im Taunus, zu einer Arbeitstagung versammelt waren. Seine Rede behandelte in eingehender Weise das vielfäUige Kriegsaufgabengebiet der Frau und stellte dessen Erfüllung als eine entscheidende Stärkung der Widerstandskraft unseres Volkes heraus.
Der in der Friedensarbeit bewiesene umfassende Arbeitseinsatz der NS.-Frauenschaft, so betonte der Gauleiter zu Beginn seiner Rede, werde auch die gegenwärtigen Anforderungen zu meistern wissen. Die in der Vergangenheit vom Nationalsozialismus vertretene Ansicht, daß die deutsche Frau soweit wie irgend möglich von einer wesensfremden Berufsarbeit zurücktreten möge, um sich verstärkt den Hausfrauenpflichten oder den ihrer Bestimmung wesensverwandten Berufen zuzuwenden, müsse heute vor dem Erfordernis des Krieges zurücktreten. Heute, wo die Mehrzahl der Männer ihren Arbeitsplatz verlassen habe, um mit der Waffe den Feind zu Boden zu ringen, habe die deutsche Frau es als vornehmste Pflicht anzusehen, die dadurch entstandenen Lücken auf dem Gebiet des Arbeitseinsatzes, wo immer es auch notwendig sei, auszufüllen. Der Gauleiter forderte die Kreisfrauenschaftsleiterinnen auf, für die durch den Krieg bedingte Wandlung der Ansichten über den Arbeitsplatz der Frau volles Verständnis und freiwillige
Das Hessische Chemische Untersuchungsamt in .Gießen als zuständige Stelle für die amtliche Lebensmittelkontrolle in Gießen, Friedberg und Bad- Nauheim sowie in den Landkreisen Älsfeld, Büdingen, Friedbera, Gießen und Lauterbach, ferner als Organ für Untersuchungen im Auftrage von Behörden und für Private, hat auch im Jahre 1939 eine außerordentlich umfangreiche Tätigkeit entwickelt. Ueber seinen früheren Amtsbereich hinaus ist das Chemische Untersuchungsamt durch Verfügung des Reichsführers und Chefs der deutschen Polizei mit der Ausführung der Alkoholbestimmungen im Blut für den gesamten Volksstaat Hessen beauftragt worden.
Bei der Ausübung der amtlichen Lebensmittelkontrolle in den vorgenannten Städten und Landkreisen sowie der Untersuchungen für Behörden und für Private wurden im Berichtsjahr 1939 insgesamt 3715 Untersuchungen ausgeführt. Außerdem wurden in Ausübung der Lebensmittelkontrolle zahlreiche Besichtigungen von Geschäften, Märkten und Betrieben vorgenommen. Don den 3715 Untersuchungen entfallen 3178 Probeentnahmen auf Lebensund Genußmittel und Gebrauchsgegenstände, wobei sich in 313 Fällen Grund zu Beanstandungen ergab; auf hygienische, physiologisch-chemische und gerichtliche Untersuchungen kommen 523 Proben; technische Untersuchungen fanden 14 statt.
Bei den 3178 Probeentnahmen von Nahrungsund Genußmitteln und Gebrauchsgegenständen ergibt sich im einzelnen folgendes Bild: 152 Proben von Mehl-, Back- und Teigwaren wurden uttter- fucht, es ergaben sich hierbei 33 Beanstandungen; 103 Proben von Konditoreiwaren, Fruchtsäften, Obst- und Obstkonserven unterlagen der Untersuchung mit dem Ergebnis, daß 21 Proben beanstandet werden mußten; bei Zucker, Sirup und Honig wurden 29 Proben untersucht und 3 beanstandet; bei Wurst- und Fleischwaren, Fischen und Eiern wurden 201 Proben entnommen und 9 beanstandet; an Milch- und Milchkonserven waren 1617 Proben zur Untersuchung, davon mußten 116 beanstandet werden; an Butter und Käse waren 148 Proben zu prüfen und 25 beanstandet; bei Margarine und sonstigen Fetten und Deien handelte es sich um 33 Proben mit 1 Beanstandung;
Einsatzbereitschaft zu erwecken. Jede Frau, die heute einen Arbeitsplatz für einen im Felde stehenden Mann ausfülle, könne es in dem Bewußtsein tun, daß sie damit die kämpfende Front unterstütze und so mit ihrem Tun der geschichtlichen Größe unserer Zeit auf das engfte verbunden sei.
Nach einer besonderen Darlegung der einzelnen Einsatzgebiete und ihrer praktischen Behandlung seitens der NS.-Frauenschaft schloß der Gauleiter seine Ausführungen mit einem Appell an das starke opferbereite Herz der deutschen Frau. Es werde jedes gebrachte Opfer als einen notwendigen Beitrag für eine bessere Zukunft unseres Volkes empfinden und damit der eherne Untergrund der Widerstandskraft unseres Volkes sein. In dieser mutigen und tapferen Haltung habe die NS.- Frauenschaft sich als Vorbild und Beispiel zu erweisen.
Gaufrauenschaftsleiterin Frau Westernacher konnte danach dem (Bauleiter mit einem Dankes- wort für feine Ausführungen die Meldung erstatten, daß im (Bau Hessen - Nassau monatlich 50 000 Frauen der NS.-Frauenschast zur Tag- und Nachtzeit im Einsatz stehen. 35 000 Frauen haben zudem in den ersten Kriegsmonaten den Weg zur NS.-Frauenschaft gefunden und ihre Reihen damit wesentlich verstärkt. Die vom Gauleiter ausgesprochenen Erwartungen erfuhren mit diesen Feststellungen eine eindrucksvolle Unterstreichung.
bei Wein- und Obstweinen wurden 65 Proben untersucht und 7 beanstandet; bei Bier und Branntwein mußten von 46 Proben 8 beanstandet werden; bei Kaffee, Tee, Kakao und Schokolade waren von 37 Proben 3 zu beanstanden; bei Wasser und Mineralwasser wurden 570 Proben untersucht und 51 beanstandet; Proben von Essig, Gewürzen, Spezereien und Tabak wurden 169 entnommen, davon 30 beanstandet; von 8 untersuchten Gebrauchsgegenständen gaben 6 Grund zur Beanstandung.
Die hygienischen, physiologisch-chemischen und gerichtlichen Untersuchungen umfaßten 523 Fälle. Davon entfallen auf die Untersuchungen von Blut auf Alkohol 428, auf die Untersuchungen von Abwässern und Flußwasser 34, auf die Untersuchung von Tierorganen auf Gifte 20, auf Badewasseruntersuchungen 11; der Rest erstreckte sich auf zahlreiche Einzeluntersuchungen der verschiedensten Art Die 14 technischen Untersuchungen dienten der Prüfung der Zusammensetzung der eingesandten Proben. An großen Gutachten wurden 29 erstattet, kleinere Gutachten wurden in Verbindung mit den vorerwähnten Untersuchungen gegeben. 35 Strafanzeigen waren notwendig, in 201 Fällen erfolgten Verwarnungen. Die Ergebnisse der 428 Untersuchungen von Blut auf Alkohol gaben den Gerichten das erforderliche wissenschaftliche Material für ihre Urteile.
Aus den Erläuterungen zu den Untersuchungsbefunden ergibt sich nach dem Rechenschaftsbericht die erfreuliche Tatsache, daß das Chemische Untersuchungsamt bei der Ausübung feiner Kontrollarbeiten mit Recht alle Sorgfalt und Strenge walten läßt, die gerade in dieser Hinsicht geboten sind. Die Beanstandungen erstrecken sich bis in die letzten Einzelheiten, um dadurch eine einwandfreie Beschaffenheit der in den Verkehr kommenden Lebensrnittel weitmöglichst sicherzustellen. Darüber hinaus übt das Amt auch bei den hygienischen, physiologisch-chemischen und gerichtlichen Untersuchungen eine fruchtbare Tätigkeit im Dienste der Volksgemeinschaft aus.
Dolksspende für Kriegsschiffbauten.
Aus allen Teilen der Bevölkerung gehen laufend Geldbeträge für Ersatzbauten von in Verlust geratenen Kriegsschiffen bei verschiedenen Stellen der
Genaue Wolle der Lebensmillelbeschaffenheii.
Aus der Arbeit des Chemischen Llntersuchungsamts Gießen im Lahre 1939.
DerGoldatund dasMädchen.
Don Heinrich Zerkauten.
Der Soldat, der in das gute Zimmer geführt wurde, verstand nicht recht, was damit zugleich in ihm vorging. Er brauchte nichts weiter, als eine Bestellung auszurichten: er sollte sich nach einem Fräulein Marie erkundigen und Grüße bringen, vielleicht, so war ihm gesagt worden, sei das Fräulein Marie kein Fräulein mehr, sondern längst schon eine Frau und Mutter, hoffentlich und wahrscheinlich sogar. Der diese vergilbten Grüße aus der Heimat aufzutragen gewagt hatte, schien es noch immer gut zu meinen mit jenem Fräulein Marie. Auf Reine Art wenigstens. Denn der Auftraggeber war her Vater dieses Soldaten.
So also saß der Soldat seltsam beklommen dem jungen Mädchen gegenüber, das ihn ohne Umstände in das gute Zimmer geführt hatte. Nein, der Soldat konnte die Mutter jetzt nicht sprechen. Die Mut- :cr war zur Kundschaft aufs Land gefahren. Und ^er Vater arbeite drunten in der Backstube. Die Gesellen waren eingezogen, Vater schuftete für drei, lind sie selber, so erzählte das Mädchen, das kerzen- cerade auf dem Stuhle faß, sie selber führe zur zeit die Wirtschaft. .
Daß der Soldat nach dem Mädchennamen der Mutter gefragt hatte, war dem Fräulein nicht besonders aufgefallen. Es kam öfter vor, daß ihre ftpmen verwechselt wurden, so meinte sie. Als oer Later in die Bäckerei eingeheiratet hatte, sei nicht cllein der Name des alten Geschäftes unverändert ceblieben, auch das Haus-selbst, ja .sogar das Mädchen lächelte ein wenig — die Einrichtung der Zimmer und die Möbel. ,
Der Soldat blickte einmal rasch auf, als ob er los Fräulein in der Rede unterbrechen wollte. Er chien, gleichsam zur Entschuldigung, warum er hier !oß, erklären zu wollen, weshalb sein Vater und Fräulein Marie — ~ . e .
Nein, es blieb bei der Geste. Das Fraulein konnte ungehindert zu Ende kommen mit ihrem Bericht. Sie kleine Stadt freute sich der Truppen, die nun in ihren Häusern im Bürgerquartier lagen. Wenn tiner immer nur die gleichen Herren vom Amtsgericht zu Gesicht bekam, jahrein und lahraus die Zeichen Herren, das war auf die Dauer nicht gerade abwechslungsreich. . .»
Was denn der Herr Soldat im Zivilberuf sei. ,-Student", sagte der Soldat knapp. - //Jurist.
„Aha", lachte das Fräulein. „Womit wir also wiederum beim Amtsgericht wären. Aber Sie dürfen meine Bemerkung nicht falsch auslegen."
Das habe der Soldat auch nicht vor, im Gegenteil.
„Im Gegenteil?"
Sie waren erst kurz vor dem Urlaub in diese alte Stadt weit hinter dem Operationsgebiet in Ruhe gekommen. Zu Hause war der Name dieser unbedeutenden Stadt beinahe aus Versehen genannt worden. Aber der Vater hatte aufgehorcht und den Namen noch einmal langsam und voller Bedacht ausgesprochen, als hebe er damit zugleich eine längst verloren geglaubte Erinnerung zaghaft und ein wenig beglückt wieder auf. Huch er hatte von dem gleichen Amtsgericht dieser Stadt gesprochen. Auf dem Wege dorthin kam man an einer Bäckerei vorüber. Wenigstens zu seiner Zeit sei das so gewesen. Und die Tochter aus dieser Bäckerei habe auf den Namen Marie gehört. Vielleicht lebte das Fräulein Marie noch. Vielleicht war sie unterdessen auch fein Fräulein mehr, längst schon eine Frau und Mutter, hoffentlich und wahrscheinlich sogar.
„Soll ich dir deinen Namen sagen?" hatte der Sohn gutmütig und ein wenig lächelnd gefragt.
„Aber freilich, wenn sie sich dessen noch entsinnen mag —"
Der Soldat hatte bisher den Namen nicht genannt. Frau Marie war aufs Land zur Kundschaft gefahren. Die Gesellen waren eingezogen zum Militär. Der Vater in der Backstube schuftete derweilen für drei. Und das junge Fräulein ihm gegenüber sorgte für die Wirtschaft.
Sauber war diese Wirtschaft. Sauber übernommen und sauber gehaUen, wie der Eindruck offensichtlich bestätigte. Vielleicht hatte das gleiche einst der Vater empfunden, als er auf dem gleichen Stuhl hier gesessen hatte, wenn er auf dem Wege zum Amtsgericht an der Bäckerei nicht vorübergehen wollte. Der Vater konnte in diese Bäckerei nicht einheiraten, er verstand nichts von dem Handwerk, das hier verlangt wurde. Es wäre ihm sauer geworden, wenn er hätte für drei schuften sollen. Er mußte den Stuhl räumen, auf dem nun der Sohn saß.
Sichtlich unruhig geworden, tat der Soldat eine überraschende Frage: „Heißen Sie am Ende auch Marie, Fräulein?"
„Freilich, wie meine Mutter. Vater wollte es so." „Väter wollen immer nur!" sagte beinahe herausfordernd der Soldat.
Kriegsmarine ein. Derartige Spenden werden dankbar begrüßt. Bei der Amtskasse des Oberkommandos der Kriegsmarine, Berlin W 35, Tirpitzufer 72/76 (Reichsbankgirokonto Nr. 145 Berlin, bzw. Postscheckkonto Berlin Nr. 83108), ist ein Sonderkonto unter der Bezeichnung „Spenden des deutschen Volkes für Kriegsschiffersatzbauten" eingerichtet worden, auf das diese Spenden zu überweisen sind.
NE =$rauenfd)aff/$rauentDerf.
Am Montag, 10. Juni, beginnt ein Kochkurs des Mütterdienstes, im Deutschen Frauenwerk. Beginn 20 Uhr im Hause der DÄF., Schanzenstraße 18.
Arn Dienstag, 11. Juni, beginnt ein Nähkurs im Mütterdienst des Deutschen 'Frauenwerkes. Stvpf- und Flickzeug mitbringen. Beginn 20 Uhr im Haufe der DAF., Schanzenstraße 18, Hinterhaus.
Am Montag, 10. Juni, ist wieder öffentliches Singen der Jugendgruppe des Deutschen Frauenwerkes, 20 Uhr, Marburger Straße am Sand. Wir bitten alle Frauen und Mädchen, recht zahlreich zu kommen und mitzusingen. Gis.
Einführungsfeier für den neuen Amtsgerichtsdirektor.
Im Rahmen einer den Kriegsoerhältnissen entsprechend schlichten Feier sand gestern in Ämvesen- heit der Gefolgschaft des Amtsgerichts Gießen und von Angehörigen des Landgerichts die Einführung des neuen Amtsgerichtsdirektors Dr. Selb in fein Amt statt. Die Einführung nahm im Auftrage des Oberlandesgerichtspräsidenten der Leiter des Landgerichts Oberhessen in Gießen, Landgerichtspräsident (toi not, vor. Amtsgerichtsdirektor Dr. Seid ist in weiten Kreisen durch seine langjährige Tätigkeit als Beigeordneter unserer Stadt, aber auch durch seine mehrjährige Tätigkeit als Landgerichtsrat beim Landgericht Oberhessen in Gießen bekannt.
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** Georg Heß mit seiner Sing- und Spielfchar bei den Verwundeten. Arn kommenden Sonntag wird die Sing- und Spielschar, die unter Leitung von Georg Heß (Leihgestern) steht, verwundeten Soldaten in einem hiesigen Reservelazarett eine besondere Freude bereiten. Die Spielschar wird mit ihren Liedern und Tänzen aufwarten, Georg Heß wird die Soldaten mit seinen Mundartgedichten unterhalten. Die Veranstaltung findet im Rahmen der NS.-Gemeinschast „Äraft durch Freude" statt.
** Bunter Abend f ü r die Rückgeführten. Die NS.-Gemeinschaft „Kraft durch Freude" veranstaltet am morgigen Samstag, 8. Juni, im Cafe Leib unter dem Titel „Variete-Kunterbunt" einen unterhaltsamen Abend, der insbesondere für die Rückgeführten durchgeführt wird. Die Vortragsfolge bringt eine Fülle von interessanten Darbietungen. Der Kreisbeauftrage für die Rückgeführten lädt zu der Veranstaltung herzlich ein. Als Eintrittsausweis gilt der Ausweis der Rückgeführten.
** Zur Richtigstellung. In unserer gestrigen Notiz über das goldene Doktorjubiläum von Professor Dr. med. Walther war irrtümlich davon gesprochen worden, Professor Walther sei der Gründer der früher in Gießen wirkenden, feit 1893 nach Mainz verlegten Hebammen-Lehranstalt gewesen. Richtig ist, daß diese Anstalt den jeweiligen Direktor der Frauenklinik als Leiter hatte, zuletzt Professor Dr. von Iaschke, und in ihren ersten Anfängen, nämlich der sog. Entbindungsanstalt, bereits im Jahre 1814 von Professor Dr. von R i t- g e n gegründet wurde. Professor Dr. Walther war Lehrer an der Hebammen-Lehranstalt von 1894 bis 1. August 1933.
** Schwerer Verkehrsunfall. Am gestrigen Donnerstag nachmittag ereignete sich auf dem Kreuzplatz, an der Einmündung der Sonnenstraße, ein schwerer Verkehrsunfall, dem leider das Leben eines blühenden Kindes zum Opfer fiel. An der von Kraftfahrzeugen, Radfahrern und Fuhrwerken stark benutzten Stelle wurde ein auf feinem Fahrrad zum Musikunterricht fahrender 14 Jahre alter Junge aus der Weserstraße von einem Auto erfaßt und überfahren. Dabei- erlitt das bedauernswerte Kind fo schwere Verletzungen, daß es auf dem Transport mit dem Roten-Kreuz-Auto nach
Geelendiä'tik.
Von Willi Oünwald.
Wenn sich auch Friedrich Hebbel und Franz Grillparzer in Wien mit steifen Rücken begegneten, fo hatten sie dennoch einen gemeinsamen Freund: Ernst von Feuchters- leben, von dem das als einzig gebliebene und zum Volkslied gewordene Gedicht stammt: Es ist bestimmt in Gottes Rat. Aber es war kaum der Bruder in Apoll, der die beiden großen Dichter in distanzierter Freundschaft einte, denn um als Dritter tm Dichterbunde zu gelten, hatte Ernst von Feuchters- leben zu wenig schöpferische Phantasie und künstlerisches Formgefühl. Was ihm aber einen hohen und besonderen Wert gab, war, daß er zum Menschen geboren wurde, wozu man nach seiner eigenen Meinung genau so geboren werden muß wie zum Künstler. Diese Besonderheit seiner Geburt verpflichtete ihn natürlich entsprechend. Doch geschah ihm selbst nicht Genüge damit, Kranke zu heilen und medizinische Wissenschaft zu dozieren, er wollte im Menschensein helfend weiter ausholen. Darum schrieb er das Buch „Zur Diätetik der Seele", an das die Psychotherapie sich nicht erinnerte, als sie in unseren Tagen groß und mächtig wurde, obgleich die von Feuchtersl'eben anempfohlene Kur: von der Seele aus den Körper zu heilen, vielen wohl bekam. Kein moralisches Rezeptbuch sollte, wie Friedrich Hebbel in seiner Freundesbiographie sagt, der Menschheit ausgehändigt werden: der sreundlich-helfende Mann wollte nur die eingeschlummerte Seele im Menschen erwecken, damit ihm wieder bewußt sei das machtvolle Einssein der Seele mit der leiblichen Existenz. Und damit der Körper nicht erkranke, müsse die irgendwie schwanke Seele ins Gleichgewicht zurückgebracht werden durch einen aufmerkenden und achtsamen Willen.
Aber in der ewigen Tragik: anderen geholfen zu haben und sich selbst nicht helfen zu können, vermochte Ernst von Feuchtersleben das wahrlich gute Mittel, die Seele zu harmonisieren, damit es dem Leibe wohl ergehe, bei sich nicht zur Anwendung zu bringen. Weil er wohl das Unterrichtsministerium, nicht aber auch das Amt des Unterftaats- sekretärs aus vaterländischer Empfindung glaubte ablehnen zu dürfen, geriet er zwischen die Mühlsteine der Revolution und der Reaktion von 1848, zerbrach und starb, erst zweiundvierzigjährig, vom Gerste aus, wie Grillparzer dieses ftühe Sterben ganz im Sinne des Freundes deutete.


