„Oer Postmeister."
Ein neuer Film Gustav Ucickys.
Den Russen gilt Alexander Puschkin, dessen Novelle den Stoff zu diesem Film ab gab, heute noch als ihr größter Dichter, wenn er auch in Westeuropa von seinen jüngeren Landsleuten Tolstoi und Dostojewski in den Hintergrund gedrängt worben ist. Er steht an der Schwelle einer neuen Periode geistigen Schaffens in dem liberalisierenden Rußland Alexanders I. zu Beginn des vorigen Jahrhunderts. Romantik und Realismus vereinigen sich in ihm zu einem überaus reichen Innenleben, das imstande ist, der Seele des russischen Volkes bis auf den Grund nachzuspüren, und zu einem ungemein fdjarfen Blick für die Vielfalt der Erscheinungen der Außenwelt. Diese beiden Elemente sind auch für seinen „Postmeister" charakteristisch. Gerhard Menzel, der Verfasser des Drehbuches, und Gustav Ucicky, der Spielleiter, haben diesen poetischen Realismus der Puschkinfchen Novelle tief erfaßt und uns nicht nur eine scharf gesehene kontrastreiche Milieuschilderung altrussischen Lebens gegeben, sondern auch uns einen Blick tun lassen in die allrussische Volksseele in ihrer Breite und kindlichen Einfalt, aber auch in ihrer Unbeherrschtheit und Grenzenlosigkeit. Freilich ist ein so feinsinniger Menschendarsteller wie Heinrich George mit der Rolle dieses Postmeisters betraut worden, und seine große Kunst vermag diesen als Typ wie als Jndi- viduum ganz auszuschöpfen. Er hat etwas von dem Behäbig-Breiten des Bauern, aber er ist auch unterwürfig, wie es sich für einen kleinen Posthalter ziemt, der auf seiner entlegenen Station beim Pferdewechsel die Launen und Klagen der hohen Herren über sich ergehen lassen muß. Schlau und verschmitzt schiebt er als Blitzableiter seine Tochter vor, deren bezaubernder Schönheit, wie er weiß, fein Reisender so leicht widersteht. Er liebt diese Tochter mit der rührenden Inbrunst des Einsamen, und es schmeichelt ihn, daß ihre Schönheit die großen Herren aus der Hauptstadt bestrickt. Er ist fein Meister Anton, fein Miller, dieser leichtgläubige und bei aller gerissenen Schläue doch einfältig-fromme
Vater, der sein Töchterchen unbesorgt in das Petersburger Sündenbabel ziehen läßt, wo diese seltsame Schöne im Strudel der Halbwelt versinkt. Mit feinster Einfühlung und einer erschütternden Drastik spielt George die Szene des belauschten Gesprächs im Pferdestall, das den eben noch von einem Brief der Tochter überglücklichen Postmeister aus allen seinen Himmeln stürzen läßt. Ergreifend, wie dieser um seinen heiligsten Glauben an die Reinheit seines Kindes schmählich Betrogene in Petersburg den Abwegen der Tochter nachspürt und nun diese, die sich inzwischen von ihrem leichten Leben gelöst hat und in der Liebe zu einem unverdorbenen jungen Fähnrich das wahre Glück sucht, zutiefst gepackt von dem Leid des alten Vaters, für ihn die Komödie einer Hochzeit inszeniert, um ihn über die wahren Zusammenhänge zu täuschen. Diese Hochzeitsfeier mit dem wilden Tanz des Postmeisters hat Ucicky mit einer geradezu grausigen Ironie meisterhaft gestaltet. Die fromme Täuschung gelingt, beglückt zieht der Postmeister wieder ab, zurück auf seine entlegene Station. Aber die Tochter geht noch am gleichen Abend aus dem Leben, das für sie, die die Liebe des jungen Fähnrichs verspielt hat, feinen Wert mehr besitzt. Die schöne Dunja ist Hilde K r a h l, sie ist von einer eigenartigen fühlen Anmut, nur in den Augen funfelt die Lebensgier, bis die reine große Liebe sie packt, und diese Augen nun das ängstliche Flackern bekommen und aus raffinierter Beherrschtheit zitternde Scham wird. Aber zu spät, furchtbar büßt sie die Schuld, die im Grunde die Schuld des Vaters ist, der ja das Begehren nach dem Leben der großen Welt geweckt hat, die sie nun verschlingt. Siegfried Breuer spielt den Verführer, leichtsinnig und oberflächlich mit einem fast fatalen Zynismus, Hans Holtden Fähnrich schlicht und offen. Eine auf das russische Milieu fein abge- stimmte Musik schrieb Willy Schmidt-Gentner. Etwas von der geheimnisvollen Weite der russischen Landschaft und dem tollen Wirbel russischen Lebens in der Hauptstadt vermochten Hans Schneeberger und Hans Staudinger in großzügigen Bildern einzufangen. (Wien-Film der Ufa.) Dr. Fr. W. Lange.
Peter Tschaikowski.
Zirrrr 100. Geburtstag des russischen Komponisten.
Wenn man Glinka mit Puschkin, Mussorgski mit Dostojewski, Balakirew mit Tolstoj vergleichen wollte, so würde der wesentlich „europäischere^ Peter Jljitsch Tschaikowski an die Seite Turgeniews zu ordnen sein. Wenigstens sind die Russen selbst geneigt, ihren für unsere Begriffe bisher bedeutendsten
MW
Peter Jljitsch Tschaikowski. - (Scherl-Bilderdienst-M.)
und umfassendsten Tonsetzer so zu einer halben Randerscheinung ihres Kulturbesitzes zu (tempeln. In der Tat ist der starke Einschlag italienischen Belcantos und deutschen Kammermusikstils in etwa Schumann-Brahmsscher Marschhöhe nicht zu übersehen. Gleichwohl überwiegen für unser Bewußtsein durchaus die ostslawischen Wesenszüge: unergründliche Schwermut, klagende Einsamkeit, narkotischer Reiz, plötzlich umschlagend in grelle Lustigkeit und tänzerischen Taumel. Wir lieben solche hall) fremd- artig-unvegrMichen Seelen (manche unter uns fo»
Wedgwoog betonte, Norwegen habe bewiesen, daß
un-
die Regierung keine Phantasie habe. Sie sei fähig, einen modernen Krieg zu führen.
Deutschland zu zerstören, ehe nicht dem Chamber- lainismus ein Ende bereitet fei. Der Abgeordnete
den können. Die mit Oelfeuerung betriebenen Schlachtschiffe haben eine Geschwindigkeit von 30 Knoten und werben je 1350 Mann Besatzung haben.
Kanonen bestückt, die mittlere Artillerie betragt! Folgen chrer eigenen Torheit. Der Labour-Abgeord- zwölf 15,2-cm-Geschütze, die Flak zwölf 9-cm-Kano- nete Parker sagte, daß man feine Sicherheit habe, nen und 40 MG. Die Schiffe haben drei Flugzeuge an Bord, die mit Flugzeugschleuder abgelassen Wer
ber reicht — und das ist der ganze europäische Raum —, so weit ist auch die britische Flotte zu einer durchschlagenden Aftion nicht mehr fähig.
Neues italienisches 35 000-T.-Schlacht- schiff in Dienst gestellt.
Mailand, 7. Mai. (DNB. Funkspruch.) In Anwesenheit der Vertreter der Militär- und Zivilbehörden der Stadt Genua und der Belegschaft der Werft wurde das 35 000 Tonnen große Schlachtschiff „Littorio" von der Ansaldo-Werft den Marinebehörden übergeben, womit das Schiff der italienischen Kriegsflotte eingereiht wurde. Der „Littorio", der in einer Rekordbauzeit von IVz Jahren fertiggestellt worden ist und in den vergangenen Monaten seine Probefahrt mit bestem Erfolg abgelegt hat, bildet mit drei Schwesterschiffen gleicher Größe „Vittorio Veneto", „Jmpero" und „Roma" die stärksten Einheiten der italienischen Kriegsflotte, die das Kräfteverhältnis der Mittelmeerseemächte erheblich zu Gunsten Italiens verschieben. Die Schiffe sind mit neuen 38-cm-
Amsterdarn, 7. Mai. (Europapreß.) Die für Dienstag und Mittwoch angesetzte Norwegen- Aussprache des Unterhauses wirft ihre Schatten voraus. In den meisten Kommentaren der Londoner Presse wird auf die Kritik Bezug genommen, der Chamberlain im Unterhaus ausgesetzt fein wird. Es wirb dies bas erstemal fein, baß die Kriegführung nicht nur von ben Oppositionsparteien, fonbern auch aus ben Reihen ber Regierungsanhänger offen angegriffen werben wirb, meint bie „Sunbay Times". Im „Obferver" betont Garvin, noch niemals fei in Kriegszetten ein Ministerpräsident besser unterstützt unb weniger kritisiert worben. „Um so mehr obliegt es ihm", schreibt bas Blatt weiter, „für bie verstärkte Regierung unb bas leistungsfähigere System des Kriegsdenkens, Kriegsplanens unb Kriegführens zu sorgen, bas bie Nation verlangt unb besten bie Sache ber Westmächte bringenb bedarf." Garvin bezeichnet bie Schaffung eines kleinen, wirklichen Kri e g s k ab in e tt s von nicht durch Ressortarbeiten belasteten Ministern als die unerläßliche Vorbedingung für einen Erfolg der Westmächte. Im übrigen wiederholt er feine Forderung, daß die Westmächte sich die lieber- legenheit in der Luft sichern müßten.
Mit der größten Schärfe greift Lloyd George im „Sunday Pictorial" die Regierung an. Er erklärt: „Es kann fein Zweifel an dem äußersten Ernst der Lage sein. Die Regierung hat offensichtlich bei ihren Bemühungen, mit ihr fertig zu werben, versagt. Es ist nun an bem britischen Parlament, bie Sache unmittelbar in bie Hand zu nehmen. Wenn es bies nicht ohne Verzug tut, wirb es bes Hochverrats an ber Nation schulbig werben. Die Leitung bes Krieges muß drastisch refonstruiert werben, sowohl hinsichtlich ber Organisation als auch bes Personals. Sonst ist Unheil nicht zu ver- meiben." Neben ber allgemeinen „Unzulänglichfeit unb Dummheit" ber Regierung greift Lloyb George befonbers bie zweibeutige Kriegsbericht- e r ft a 11 u n g ber Regierung an. Er sagt, bie Mitteilungen hätten ber Bevölkerung bis in bie letzten Tage bie Zuversicht gegeben, baß fräftige Maß- nahmen ohne Zeitverlust ergriffen worben seien, die mit ber Gefangennahme ber isolierten beutschen Garnison in ben norwegischen Fjorben unb ber enbgültigen Befreiung ganz Norwegens enben würden. „Statt dessen endet heute alles in ber ruhmredigen Behauptung bes Ministerpräsibenten, daß es unseren ©treitfräften in Mittelnorwegen gelungen sei, ihre Positionen zu räumen, ohne den Verlust eines einzigen Mannes. Wer wird in Zufunft unseren offiziellen Berichten noch irgendwelchen Glauben schenken?"
Wieweit bie Kritif auch im fonservativen Lager oorgebrungen ist, geht daraus hervor, daß ber Marquis von Salisbury, eines der ältesten und angesehensten Mitglieder ber Konservativen Partei, unlängst bei Chamberlain vorstellig geworden ist und erflärte, die Bilbung einer wirtlichen nationalen Regierung unter Einbeziehung ber Arbeiterpartei, ber Liberalen und der Gewerfschaf- ten sei unerläßlich. Chamberlain soll biese Vorstellungen brüst zurückgewiesen haben. ,Laily Mail" sagt, bie Besprechungen bes Wochenendes hätten bewiesen, daß führende Mitglieder aller Parteien von der Notwendigkeit einer solchen Regierung
Russische Schwarzmeerflotte auf der Hut.
M o s t a u, 6. Mai. (DNB.) Bei der Mai-Parade in Sewastopol hielt der Befehlshaber ber Schwarzmeerflotte, Dftjabrf ft, eine Rede, in der er erflärte: „Wir Angehörigen der Schwarzmeerflotte werden das verdächtige Treiben ber englischen unb französischen Imperialisten auf bem Bal- fan unb in ben ßänbern bes Nahen Ostens aufmerk- fam verfolgen. Wir werben auf ber Hut sein, um jeben Feinb zu zerschmettern, ber versuchen sollte, unsere Grenze zu verletzen."
überzeugt seien. Die bezeichnendste Entwicklung des Wochenendes sei das Aufkommen von Gesprächen über den Leiter einer neuen Regierung. Chamberlain würbe allerdings seine Stellung mit großem Geschick oerteibigen und bie Unterstützung der drei Wehrminister, vor allem Churchills, haben. Die „Times" stellt fest, baß die Verantwortung weitgehend bei der Arbeiterpartei liege, welche bie natürliche Quelle neuer Männer sei. Wenn die Führer der Partei Zweifel hätten, ob sie gemeinsam mit irgendjemand aus der gegenwärtigen Regierung arbeiten fönnten, dann sollten sie dies lieber offen aussprechen. „Daß die Arbeiterpartei vor Kriegsende sich in den Reihen der Regierung befinden wird, ist so sicher, w# irgend etwas nur sein kann."
Die Opposition rührt sich.
Genf, 7. Mai. (Europapreß.) Nach Berichten neutraler Journalisten aus London wächst die Unzufriedenheit über die Politik der Regierung Chamberlain noch stetig. Zu ber wachsenden Mißstimmung scheint die Tatsache beizutragen, daß Churchill fortfährt, Verluste und Rückschläge solange als möglich der Oeffentlichkeit zu verbergen. Der Londoner Korrespondent bes Journal be Ge- nsve" berichtet, es fei unmöglich, sich noch darüber zu täuschen, daß die Nation die Wahrheit, und zwar die harte Wahrheit und nichts anderes als diese wissen wolle über das, was sich in Norwegen ereignet habe. Die Oeffentlichkeit wolle vor allem wissen, ob die Regierung alles getan habe, was notwendig gewesen sei. Für den Augenblick sei sie davon keineswegs überzeugt. Die englische Oeffentlichkeit fei im Gegenteil ber Meinung, baß man es an dem notwendigsten habe fehlen lassen.
Der ßonboner Korrespondent ber „Neuen Zürcher Zeitung" schreibt: Vielleicht ber wichtigste Be- unruhigungsfaktor ist der Eindruck, daß Chamberlain unb seine Amtskollegen sich des Ernstes der Entwicklung in Norwegen unb ihrer Rückwirkungen auf die Umwelt noch immer nicht genügenb bewußt sind. Der Ministerpräsident trägt bie Hauptschuld, da er den schweren psychologischen Fehler beging, der britischen Oeffentlichfeit die bittere Pille ber Rückzugsankünbigung dadurch versüßen zu wollen, daß er die Bedeutung bes Faktums herab minderte. Seine Behauptung, daß die Position ber West- mächte im großen und ganzen trotz biesem Rückzug besser sei als die der Deutschen, ist von manchen Zuhörern als eine unverantwortliche Tat- sachenverbrehung empfunden worben.
Mit beträchtlichem Interesse sieht man dem auf Pfingsten einberufenen Jayreskongreß der ßabour Party entgegen, der möglicherweise eine Neuorientierung ber Labour-Bewegung zur Frage einer bireften Beteiligung an der Regie-- rungsDerantwortung für die Dauer des Krieges bringen könnte. Eine Reihe Wochenendreben von ßabour-Ab geordneten zeigt, baß in ben Kreisen der Opposition die Kritik an der Regierung, insbesondere an Chamberlain persönlich, schnell wächst. Der ßabour-Ab geordnete Wilmot erklärte, daß Simon, Chamberlain, Hoare, die Ränkeschmiede ber K a tastrophe, bie bereits ben Frieden verloren hätten, jetzt ihre fatalen zitternden Hände an die Kriegführung legten. Sie dachten nur an ben Schutz ber kapitalistischen Gesellschaft vor den finanziellen
Paris ist verstimmt.
Mit dem britischem Verbündeten nicht zufrieden.
Brüssel, 7. Mai. (DNB. Funkspruch.) Die englische Nieberlage in Norwegen löst in der Pariser Presse weitere Kritiken aus, mit benen befonbers gegenüber England nicht gespart wird. Einige Blätter geben beutlich zu verstehen, daß England für diese Schlappe verantwortlich sei und daß es angebracht wäre, bei der nächsten Gelegenheit die Frage bes Oberfomrnanbos genauer zu prüfen. Beispielsweise schreibt „Drbre", die Durchführung der hinsichtlich Norwegen gefaßten Beschlüsse betraf die unmittelbare Verantwortung ber englischen Regierung, weil bie britische Admiralität bie Hauptaufgabe hierbei zu erfüllen gehabt habe. Die Auswahl ber militärischen Chefs, die berartig delikate Operationen zu leiten hätten, dürfe in Zukunft ohne übertriebene Empfindlichkeit nur unter Beurteilung der gemeinsamen englisch-französischen Interessen getroffen werden. In bem gemeinsamen englisch-französischen Räberwerk gäbe es noch Teile, die nicht genau ineinanberpaßten.
Das Blatt wendet sich dann scharf gegen bie Irreführung der Oeffentlichkeit durch falsche Siegösnachrichten. Der französische Bürger sei bei der ßeftüre seiner Zeitung oder beim Abhören des französischen Rundfunkes zu der Annahme berechtigt gewesen, daß die Westmächte in Norwegen einen militärischen Spaziergang machten und von Erfolg zu Erfolg eilten. Selbst am kritischsten Tage habe die große ftanzö- sksche Jnfomnattonspresse noch die überzeugendsten Einzelheiten nach dieser Richtung hin veröffentlicht. Das Blatt fordert zu Maß, Takt unb Vorsicht auf, denn ein Krieg lasse sich nicht wie ein Rugbyspiel kommandieren. Nach der norwegischen Affäre sei es an der Zeit, dem ßanbe richtige Informationen zu geben.
„Excelsior" fordert die Oeffentlichkeit auf, die Zähne zusammenzubeißen. Die ßehre und die Verantwortlichkeiten, die man aus der Norwegenaffäre ziehen müsse, dürften nicht in bie Welt hinan spo saunt werden. Das Blatt beklagt sich auch über den geringen Einfluß der französischen unb englischen Propaganda im neutralen Ausland.
„Einige Illusionen weniger".
Genf, 6. Mai. (Europapreß.) Zur internationalen ßage schreibt die wahrhaftig nicht deutschfreundliche „Gazette de ß a u f a n n e" in einem Artikel, über ben sie ben Titel „Einige Illusionen weniger" setzt: „Kaum ist es brei Wochen her, ba sagte man uns, baß bie englischen Minen bas Skagerrak unb Kattegat beherrschten, baß in ber Ostsee Minen ausgeftreut werben, baß bie in einigen norwegischen Häfen liegenben beutschen Garnisonen einem tragischen Schicksal entgegengingen, weil sie nur durch bie ßuftwaffe verproviantiert werben könnten und bie Truppen ber Westmächte in fteigenbem Maße ausgeschifft würben. In einer Rebe im Unterhaus bezeichnete fdgar Herr Chamberlain bie Besetzung Norwegens als einen „k o • lossalen Fehler Hitlers". In ben Tagen, bie nun folgten, haben wir mit Erstaunen erfahren müssen, baß bie Deutschen ihre Besetzung aus- dehnten unb Verstärkung erhielten. Wenn sie bie Ueberlegenheit in biesem Bewegungskrieg erlangten, so bank bem schweren Material, ben motorisierten Kolonnen, eben dank alle bem, was burch Flugzeuge nicht zu transportieren ist. Was sollen wir jetzt noch von ber Seeblockade halten?
Die Westmächte sind zu paradieren gezwungen, d.h., sie müssen die Hauptmacht chrer Kräfte vor der Maginotlinie lassen; sie schicken Truppen nach Norwegen, sie konzentrieren ihre Schifte im Mittelmeer und haben eine Armee im Nahen Osten. Sie warten bie Ereignisse ab und haben alle Chancen, immer z u spät zu kommen. In diesen beftimm- ten Fällen war der Eindruck fatal, und es ist sicher, was die Norweger angeht — und vor allem die norwegischen Soldaten —^daß sich eine sehr bittere Enttäus chung unter diesen breit gemacht hat, welche auf eine ganz andere Hilfe hofften. Und was erst die Weltmeinung angeht, so hat sie eine starke Enttäuschung erlebt."
Wachsende Kritik an Chamberlain.
Dor der Norwegen-Aussprache des Unterhauses.
MeRechnmig imMtlelmeer.
Seit jeher hat das Mittelmeer eine außergewöhnliche Rolle unter den Völkern gespielt. Im Altertum trug sich an seinem Strand oder in dessen Nähe die Geschichte der damaligen bekannten Welt in ber Hauptsache zu. Athen und Rom wurden zu Begriffen, bie nicht nur damals Geltung hatten, sondern ihrer unvergänglichen- Werte wegen noch bie Kultur fernster Zeiten beeinflußten. Zwar trat bie Bebeutung bes Mittelmeeres zunächst ein wenig zurück, als bie Antike in Trümmer ging. Aber wenn sich im Mittelalter und in der neueren Zett auch ber weltpolitische Raum weitete, so verlor doch das Mittelmeer nicht an Interesse. Mit steigendem Weltverkehr, so kann man wohl bestimmt sagen, mußte bie glückliche Lage bes Mittelmeeres zwischen drei Erbteilen ben verkehrswirtschaftlichen Zuspruch noch erhöhen und bamit bie Begehrlichkeit, an bartigen Gest ab en Land zu besitzen, erhöhen. Der in der Neuzeit gewaltig angestiegene Güterverkehr mit subtropischen und tropischen ßänbern rückte das Mittelmeer noch mehr in den Vordergrund, als der Suezkanal den verkürzten Weg nach dem Fernen Osten eröffnete.
Niemand hat es nun von den Nichtmittelmeerstaaten so gut wie England verstanden, sich im dortigen Gebiet eine starke Machfttellung zu verschaffen, obwohl eine rechtliche Grundlage dafür
Vor Erkältung schützen Bei Husten nützen schon 2 ir'ehmt^lich
in Anntheken u-Drogenen o.5o u _
niemals bestanden hat. Die Schwäche der Mittelmeerstaaten war dafür wohl entscheidend. Während jedoch sonstige Mittelmeerstaaten, abgesehen von Frankreich, nie wieder in der Weltgeschichte zu ber Rolle emporftiegen, bie sie einmal innehatten, Griechenland, Spanien, Aegypten, bie Türkei, hat sich auf der Apenninhalbinsel der Zustand gewaltig geändert. Das faschistische Italien hat sich zu einem Staate gewandelt, ber dem Römischen Reiche des Altertums ebenbürtig ist. Daß ein,solcher Staat seine Ansprüche im Mittelmeer, das er als mare nostrum bezeichnet, anmelbet, ift selbstverständlich. Alle Staaten um das Mittelmeer mußten Englands Herrschaft über Gibraltar, Malta, Zypern, Palästina und den Suezkanal, logischerweise als Fremdherrschaft empfinden. Nur England- Hörigkeit könnte, wie bei Frankreich, das Urteil trüben.
Am sichersten aber mußte Italien daran denken, daß Malta sozusagen eine Bombe vor der italienischen Pforte ist, während der Suezkanal unter englischer Macht Italien von seinem wichtigsten Kolonialbesitz gegebenenfalls absperren und wie Gibraltar als Riegel wirken kann. Die Rechnung gegen England ist also ohne weiteres für Italien gegeben, was keineswegs ausschließt, daß Spanier, Araber unb auch das eine ober andere weitere Volk zur gegebenen Stunde ebenfalls an eine Abrechnung denken, zumal wenn man das politische Kraftfeld des Mittelmeeres etwas weit rechnet. Die Ansprüche Italiens sind auf jeden Fall die berechtigtsten und weitgehendsten. England gegenüber betreffen sie keine großen Gebiete, dafür um so wichtigere Positionen, die für die Neuordnung entscheidend sein werden.
Die Rechnung im Mittelmeer endet aber keineswegs bei den Ansprüchen gegenüber England. Auch Frankreich, dessen Rolle als natürliche Mittelmeermacht niemand beftreitet, hat sich die Herrschaft über Gebiete angemaht, bie zweifellos Italien zukommen unb auf bie ber Faschismus niemals verzichtet hat. Savoyen mit feinen unerlösten Italienern ist zuerst zu nennen. Korsika, ehemals der Republik Genua untertänig unb von dieser buchstäblich an Frankreich verkauft, wirb gewiß nicht französischer, weil Napoleon dort geboren wurde. Daß Tunis mit feinen über 100 000 Italienern einmal zu Frankreich kam, liegt nur daran, daß 1881 Italien noch nicht wie heute sein Recht wahren konnte.
Die Ansprüche Italiens im Mittelmeer begründen sich also durchaus auf natürliche Rechte und Vernunft. Kulturelle wie volkstümliche Momente spielen dabei eine ebenso große Rolle wie die Tatsache, daß Italien im Zentrum des Mittelmeeres
gar mit seltsamer ßeidenschaft), obwohl uns ihre lethargischen und ekstatischen Seiten oft von ihnen trennen. Insbesondere an Tschaikowski lockt die reine, spröde, scheue Natur; sein ßeben gab er einzig dem Werk hin, anspruchslos, unendlich milbtätig, unter Verkennung leidend, „tapfer unter dem Fatum", wie uns jener Admiral Rozestwjenfki rührt unb fesselt, der um den Halden Erdball in die Schlacht von Tsushima fährt.
In einem Provinznest als Beamtensohn geboren, kommt der von ßchrem und Kameraden als liebenswert empfundene Jüngling auf eine Rechts schule und wird kleiner Aktenmensch im Finanzministerium. Dann erst erwirbt er sich — z. T. bei deutschen ßehrern — das Handwerkszeug des Pianisten und Tonsetzers und bebutiert, 24jährig, mit einem „Tanz der Mägde", den Johann Sttauß in Rußland urauftührt. Er wird Lehrer am Moskauer Konservatorium, seine ersten Ouvertüren gelten der Kritik als hoffnungslos untalentiert, aber Schritt für Schritt erringt er wachsende Beachtung. Manche seiner Partituren, zumal-von Bühnenwerken, ver- brennt er wieder. Eine unbedacht geschlossene Ehe erweist sich rasch als Fantasieirrtum. Aber eine nie gesehene ferne Gönnerin, Frau von Meck, ermöglicht ihm die Schaffensfreiheit — eine erosfreie Briefliebe verbindet beide. Dazu tritt später ein Ehrensold des Zaren. Erst in den letzten Jahren entdeckt er in sich auch den Dirigenten, der seine Werke in Deutschland vorführt. Wenige Meisterwerke aus den siebziger und achtziger Jahren des verflossenen Jahrhunderts werden von Tschaikowski bleiben: das es-moll-Streichquartett, das Violinkonzert, eines von drei Klavierkonzerten, unter sieben Sinfonien die sechste (Pathötique), die Nuß- knackersuite, die Ouvertüre „1812", die bezaubernde Oper „Eugen Onegin" — aber sie genügen, um den Komponisten als ein einmaliges Antlitz zwischen den ewigen Größen des Parnasses nicht unbemerkt bleiben zu lassen.
Mit dreiundfünfzig Jahren fällte ihn bie Cholera, genau wie sie vormals dem Knaben die geliebte Mutter entrissen hatte.
Hans Joachim Mose*


