Ausgabe 
7.5.1940
 
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Oer Postmeister."

Ein neuer Film Gustav Ucickys.

Den Russen gilt Alexander Puschkin, dessen Novelle den Stoff zu diesem Film ab gab, heute noch als ihr größter Dichter, wenn er auch in Westeuropa von seinen jüngeren Landsleuten Tol­stoi und Dostojewski in den Hintergrund gedrängt worben ist. Er steht an der Schwelle einer neuen Periode geistigen Schaffens in dem liberalisierenden Rußland Alexanders I. zu Beginn des vorigen Jahr­hunderts. Romantik und Realismus vereinigen sich in ihm zu einem überaus reichen Innenleben, das imstande ist, der Seele des russischen Volkes bis auf den Grund nachzuspüren, und zu einem ungemein fdjarfen Blick für die Vielfalt der Erscheinungen der Außenwelt. Diese beiden Elemente sind auch für seinenPostmeister" charakteristisch. Gerhard Men­zel, der Verfasser des Drehbuches, und Gustav Ucicky, der Spielleiter, haben diesen poetischen Realismus der Puschkinfchen Novelle tief erfaßt und uns nicht nur eine scharf gesehene kontrastreiche Milieuschilderung altrussischen Lebens gegeben, son­dern auch uns einen Blick tun lassen in die all­russische Volksseele in ihrer Breite und kindlichen Einfalt, aber auch in ihrer Unbeherrschtheit und Grenzenlosigkeit. Freilich ist ein so feinsinniger Menschendarsteller wie Heinrich George mit der Rolle dieses Postmeisters betraut worden, und seine große Kunst vermag diesen als Typ wie als Jndi- viduum ganz auszuschöpfen. Er hat etwas von dem Behäbig-Breiten des Bauern, aber er ist auch unterwürfig, wie es sich für einen kleinen Post­halter ziemt, der auf seiner entlegenen Station beim Pferdewechsel die Launen und Klagen der hohen Herren über sich ergehen lassen muß. Schlau und verschmitzt schiebt er als Blitzableiter seine Tochter vor, deren bezaubernder Schönheit, wie er weiß, fein Reisender so leicht widersteht. Er liebt diese Tochter mit der rührenden Inbrunst des Einsamen, und es schmeichelt ihn, daß ihre Schönheit die gro­ßen Herren aus der Hauptstadt bestrickt. Er ist fein Meister Anton, fein Miller, dieser leichtgläubige und bei aller gerissenen Schläue doch einfältig-fromme

Vater, der sein Töchterchen unbesorgt in das Peters­burger Sündenbabel ziehen läßt, wo diese seltsame Schöne im Strudel der Halbwelt versinkt. Mit feinster Einfühlung und einer erschütternden Drastik spielt George die Szene des belauschten Gesprächs im Pferdestall, das den eben noch von einem Brief der Tochter überglücklichen Postmeister aus allen seinen Himmeln stürzen läßt. Ergreifend, wie dieser um seinen heiligsten Glauben an die Reinheit seines Kindes schmählich Betrogene in Petersburg den Ab­wegen der Tochter nachspürt und nun diese, die sich inzwischen von ihrem leichten Leben gelöst hat und in der Liebe zu einem unverdorbenen jungen Fähn­rich das wahre Glück sucht, zutiefst gepackt von dem Leid des alten Vaters, für ihn die Komödie einer Hochzeit inszeniert, um ihn über die wahren Zu­sammenhänge zu täuschen. Diese Hochzeitsfeier mit dem wilden Tanz des Postmeisters hat Ucicky mit einer geradezu grausigen Ironie meisterhaft ge­staltet. Die fromme Täuschung gelingt, beglückt zieht der Postmeister wieder ab, zurück auf seine ent­legene Station. Aber die Tochter geht noch am gleichen Abend aus dem Leben, das für sie, die die Liebe des jungen Fähnrichs verspielt hat, feinen Wert mehr besitzt. Die schöne Dunja ist Hilde K r a h l, sie ist von einer eigenartigen fühlen An­mut, nur in den Augen funfelt die Lebensgier, bis die reine große Liebe sie packt, und diese Augen nun das ängstliche Flackern bekommen und aus raffi­nierter Beherrschtheit zitternde Scham wird. Aber zu spät, furchtbar büßt sie die Schuld, die im Grunde die Schuld des Vaters ist, der ja das Begehren nach dem Leben der großen Welt geweckt hat, die sie nun verschlingt. Siegfried Breuer spielt den Ver­führer, leichtsinnig und oberflächlich mit einem fast fatalen Zynismus, Hans Holtden Fähnrich schlicht und offen. Eine auf das russische Milieu fein abge- stimmte Musik schrieb Willy Schmidt-Gent­ner. Etwas von der geheimnisvollen Weite der russischen Landschaft und dem tollen Wirbel russi­schen Lebens in der Hauptstadt vermochten Hans Schneeberger und Hans Staudinger in großzügigen Bildern einzufangen. (Wien-Film der Ufa.) Dr. Fr. W. Lange.

Peter Tschaikowski.

Zirrrr 100. Geburtstag des russischen Komponisten.

Wenn man Glinka mit Puschkin, Mussorgski mit Dostojewski, Balakirew mit Tolstoj vergleichen wollte, so würde der wesentlicheuropäischere^ Peter Jljitsch Tschaikowski an die Seite Turgeniews zu ordnen sein. Wenigstens sind die Russen selbst ge­neigt, ihren für unsere Begriffe bisher bedeutendsten

MW

Peter Jljitsch Tschaikowski. - (Scherl-Bilderdienst-M.)

und umfassendsten Tonsetzer so zu einer halben Randerscheinung ihres Kulturbesitzes zu (tempeln. In der Tat ist der starke Einschlag italienischen Belcantos und deutschen Kammermusikstils in etwa Schumann-Brahmsscher Marschhöhe nicht zu über­sehen. Gleichwohl überwiegen für unser Bewußtsein durchaus die ostslawischen Wesenszüge: unergründ­liche Schwermut, klagende Einsamkeit, narkotischer Reiz, plötzlich umschlagend in grelle Lustigkeit und tänzerischen Taumel. Wir lieben solche hall) fremd- artig-unvegrMichen Seelen (manche unter uns fo»

Wedgwoog betonte, Norwegen habe bewiesen, daß

un-

die Regierung keine Phantasie habe. Sie sei fähig, einen modernen Krieg zu führen.

Deutschland zu zerstören, ehe nicht dem Chamber- lainismus ein Ende bereitet fei. Der Abgeordnete

den können. Die mit Oelfeuerung betriebenen Schlachtschiffe haben eine Geschwindigkeit von 30 Knoten und werben je 1350 Mann Besatzung haben.

Kanonen bestückt, die mittlere Artillerie betragt! Folgen chrer eigenen Torheit. Der Labour-Abgeord- zwölf 15,2-cm-Geschütze, die Flak zwölf 9-cm-Kano- nete Parker sagte, daß man feine Sicherheit habe, nen und 40 MG. Die Schiffe haben drei Flugzeuge an Bord, die mit Flugzeugschleuder abgelassen Wer­

ber reicht und das ist der ganze europäische Raum, so weit ist auch die britische Flotte zu einer durchschlagenden Aftion nicht mehr fähig.

Neues italienisches 35 000-T.-Schlacht- schiff in Dienst gestellt.

Mailand, 7. Mai. (DNB. Funkspruch.) In Anwesenheit der Vertreter der Militär- und Zivil­behörden der Stadt Genua und der Belegschaft der Werft wurde das 35 000 Tonnen große Schlacht­schiffLittorio" von der Ansaldo-Werft den Marinebehörden übergeben, womit das Schiff der italienischen Kriegsflotte eingereiht wurde. Der Littorio", der in einer Rekordbauzeit von IVz Jahren fertiggestellt worden ist und in den ver­gangenen Monaten seine Probefahrt mit bestem Erfolg abgelegt hat, bildet mit drei Schwesterschif­fen gleicher GrößeVittorio Veneto",Jmpero" undRoma" die stärksten Einheiten der italieni­schen Kriegsflotte, die das Kräfteverhältnis der Mittelmeerseemächte erheblich zu Gunsten Italiens verschieben. Die Schiffe sind mit neuen 38-cm-

Amsterdarn, 7. Mai. (Europapreß.) Die für Dienstag und Mittwoch angesetzte Norwegen- Aussprache des Unterhauses wirft ihre Schatten voraus. In den meisten Kommentaren der Londoner Presse wird auf die Kritik Bezug genommen, der Chamberlain im Unterhaus ausge­setzt fein wird. Es wirb dies bas erstemal fein, baß die Kriegführung nicht nur von ben Oppositions­parteien, fonbern auch aus ben Reihen ber Regierungsanhänger offen angegriffen werben wirb, meint bieSunbay Times". Im Obferver" betont Garvin, noch niemals fei in Kriegszetten ein Ministerpräsident besser unterstützt unb weniger kritisiert worben.Um so mehr ob­liegt es ihm", schreibt bas Blatt weiter,für bie verstärkte Regierung unb bas leistungsfähigere System des Kriegsdenkens, Kriegsplanens unb Kriegführens zu sorgen, bas bie Nation verlangt unb besten bie Sache ber Westmächte bringenb be­darf." Garvin bezeichnet bie Schaffung eines kleinen, wirklichen Kri e g s k ab in e tt s von nicht durch Ressortarbeiten belasteten Mini­stern als die unerläßliche Vorbedingung für einen Erfolg der Westmächte. Im übrigen wiederholt er feine Forderung, daß die Westmächte sich die lieber- legenheit in der Luft sichern müßten.

Mit der größten Schärfe greift Lloyd George imSunday Pictorial" die Regierung an. Er er­klärt:Es kann fein Zweifel an dem äußersten Ernst der Lage sein. Die Regierung hat offen­sichtlich bei ihren Bemühungen, mit ihr fertig zu werben, versagt. Es ist nun an bem britischen Parlament, bie Sache unmittelbar in bie Hand zu nehmen. Wenn es bies nicht ohne Verzug tut, wirb es bes Hochverrats an ber Nation schulbig werben. Die Leitung bes Krieges muß drastisch refonstruiert werben, sowohl hinsichtlich ber Organisation als auch bes Personals. Sonst ist Unheil nicht zu ver- meiben." Neben ber allgemeinenUnzulänglichfeit unb Dummheit" ber Regierung greift Lloyb George befonbers bie zweibeutige Kriegsbericht- e r ft a 11 u n g ber Regierung an. Er sagt, bie Mit­teilungen hätten ber Bevölkerung bis in bie letz­ten Tage bie Zuversicht gegeben, baß fräftige Maß- nahmen ohne Zeitverlust ergriffen worben seien, die mit ber Gefangennahme ber isolierten beutschen Garnison in ben norwegischen Fjorben unb ber enbgültigen Befreiung ganz Norwegens enben wür­den.Statt dessen endet heute alles in ber ruhm­redigen Behauptung bes Ministerpräsibenten, daß es unseren ©treitfräften in Mittelnorwegen gelun­gen sei, ihre Positionen zu räumen, ohne den Verlust eines einzigen Mannes. Wer wird in Zufunft unseren offiziellen Berichten noch irgend­welchen Glauben schenken?"

Wieweit bie Kritif auch im fonservativen Lager oorgebrungen ist, geht daraus hervor, daß ber Marquis von Salisbury, eines der älte­sten und angesehensten Mitglieder ber Konserva­tiven Partei, unlängst bei Chamberlain vorstellig geworden ist und erflärte, die Bilbung einer wirt­lichen nationalen Regierung unter Einbeziehung ber Arbeiterpartei, ber Liberalen und der Gewerfschaf- ten sei unerläßlich. Chamberlain soll biese Vorstel­lungen brüst zurückgewiesen haben. ,Laily Mail" sagt, bie Besprechungen bes Wochenendes hätten bewiesen, daß führende Mitglieder aller Parteien von der Notwendigkeit einer solchen Regierung

Russische Schwarzmeerflotte auf der Hut.

M o s t a u, 6. Mai. (DNB.) Bei der Mai-Parade in Sewastopol hielt der Befehlshaber ber Schwarzmeerflotte, Dftjabrf ft, eine Rede, in der er erflärte:Wir Angehörigen der Schwarz­meerflotte werden das verdächtige Treiben ber eng­lischen unb französischen Imperialisten auf bem Bal- fan unb in ben ßänbern bes Nahen Ostens aufmerk- fam verfolgen. Wir werben auf ber Hut sein, um jeben Feinb zu zerschmettern, ber versuchen sollte, unsere Grenze zu verletzen."

überzeugt seien. Die bezeichnendste Entwicklung des Wochenendes sei das Aufkommen von Gesprächen über den Leiter einer neuen Regierung. Cham­berlain würbe allerdings seine Stellung mit großem Geschick oerteibigen und bie Unterstützung der drei Wehrminister, vor allem Churchills, haben. Die Times" stellt fest, baß die Verantwortung weit­gehend bei der Arbeiterpartei liege, welche bie natürliche Quelle neuer Männer sei. Wenn die Führer der Partei Zweifel hätten, ob sie gemeinsam mit irgendjemand aus der gegenwärtigen Regierung arbeiten fönnten, dann sollten sie dies lieber offen aussprechen.Daß die Arbeiterpartei vor Kriegs­ende sich in den Reihen der Regierung befinden wird, ist so sicher, w# irgend etwas nur sein kann."

Die Opposition rührt sich.

Genf, 7. Mai. (Europapreß.) Nach Berichten neutraler Journalisten aus London wächst die Un­zufriedenheit über die Politik der Regierung Cham­berlain noch stetig. Zu ber wachsenden Mißstim­mung scheint die Tatsache beizutragen, daß Churchill fortfährt, Verluste und Rückschläge solange als möglich der Oeffentlichkeit zu verbergen. Der Londoner Korrespondent bes Journal be Ge- nsve" berichtet, es fei unmöglich, sich noch darüber zu täuschen, daß die Nation die Wahrheit, und zwar die harte Wahrheit und nichts anderes als diese wissen wolle über das, was sich in Norwegen ereignet habe. Die Oeffentlichkeit wolle vor allem wissen, ob die Regierung alles getan habe, was notwendig gewesen sei. Für den Augenblick sei sie davon keineswegs überzeugt. Die englische Oeffent­lichkeit fei im Gegenteil ber Meinung, baß man es an dem notwendigsten habe fehlen lassen.

Der ßonboner Korrespondent berNeuen Zür­cher Zeitung" schreibt: Vielleicht ber wichtigste Be- unruhigungsfaktor ist der Eindruck, daß Chamber­lain unb seine Amtskollegen sich des Ernstes der Entwicklung in Norwegen unb ihrer Rückwirkungen auf die Umwelt noch immer nicht genügenb bewußt sind. Der Ministerpräsident trägt bie Hauptschuld, da er den schweren psychologischen Fehler beging, der britischen Oeffentlichfeit die bittere Pille ber Rückzugsankünbigung dadurch versüßen zu wollen, daß er die Bedeutung bes Faktums herab minderte. Seine Behauptung, daß die Position ber West- mächte im großen und ganzen trotz biesem Rückzug besser sei als die der Deutschen, ist von manchen Zuhörern als eine unverantwortliche Tat- sachenverbrehung empfunden worben.

Mit beträchtlichem Interesse sieht man dem auf Pfingsten einberufenen Jayreskongreß der ßabour Party entgegen, der möglicherweise eine Neuorientierung ber Labour-Bewegung zur Frage einer bireften Beteiligung an der Regie-- rungsDerantwortung für die Dauer des Krieges bringen könnte. Eine Reihe Wochenendreben von ßabour-Ab geordneten zeigt, baß in ben Kreisen der Opposition die Kritik an der Regierung, insbeson­dere an Chamberlain persönlich, schnell wächst. Der ßabour-Ab geordnete Wilmot erklärte, daß Simon, Chamberlain, Hoare, die Ränkeschmiede ber K a tastrophe, bie bereits ben Frieden verloren hätten, jetzt ihre fatalen zitternden Hände an die Kriegführung legten. Sie dachten nur an ben Schutz ber kapitalistischen Gesellschaft vor den finanziellen

Paris ist verstimmt.

Mit dem britischem Verbündeten nicht zufrieden.

Brüssel, 7. Mai. (DNB. Funkspruch.) Die eng­lische Nieberlage in Norwegen löst in der Pariser Presse weitere Kritiken aus, mit benen befonbers gegenüber England nicht gespart wird. Einige Blätter geben beutlich zu verstehen, daß England für diese Schlappe verantwortlich sei und daß es angebracht wäre, bei der nächsten Gelegenheit die Frage bes Oberfomrnanbos genauer zu prüfen. Beispielsweise schreibtDrbre", die Durch­führung der hinsichtlich Norwegen gefaßten Be­schlüsse betraf die unmittelbare Verantwortung ber englischen Regierung, weil bie britische Admiralität bie Hauptaufgabe hierbei zu erfüllen gehabt habe. Die Auswahl ber militärischen Chefs, die berartig delikate Operationen zu leiten hätten, dürfe in Zu­kunft ohne übertriebene Empfindlichkeit nur unter Beurteilung der gemeinsamen englisch-französischen Interessen getroffen werden. In bem gemeinsamen englisch-französischen Räberwerk gäbe es noch Teile, die nicht genau ineinanberpaßten.

Das Blatt wendet sich dann scharf gegen bie Irreführung der Oeffentlichkeit durch falsche Siegösnachrichten. Der französische Bürger sei bei der ßeftüre seiner Zeitung oder beim Abhören des französischen Rundfunkes zu der An­nahme berechtigt gewesen, daß die Westmächte in Norwegen einen militärischen Spazier­gang machten und von Erfolg zu Erfolg eilten. Selbst am kritischsten Tage habe die große ftanzö- sksche Jnfomnattonspresse noch die überzeugendsten Einzelheiten nach dieser Richtung hin veröffentlicht. Das Blatt fordert zu Maß, Takt unb Vorsicht auf, denn ein Krieg lasse sich nicht wie ein Rugbyspiel kommandieren. Nach der norwegischen Affäre sei es an der Zeit, dem ßanbe richtige Infor­mationen zu geben.

Excelsior" fordert die Oeffentlichkeit auf, die Zähne zusammenzubeißen. Die ßehre und die Ver­antwortlichkeiten, die man aus der Norwegen­affäre ziehen müsse, dürften nicht in bie Welt hin­an spo saunt werden. Das Blatt beklagt sich auch über den geringen Einfluß der französischen unb englischen Propaganda im neutralen Ausland.

Einige Illusionen weniger".

Genf, 6. Mai. (Europapreß.) Zur internatio­nalen ßage schreibt die wahrhaftig nicht deutsch­freundlicheGazette de ß a u f a n n e" in einem Artikel, über ben sie ben TitelEinige Illusionen weniger" setzt:Kaum ist es brei Wochen her, ba sagte man uns, baß bie englischen Minen bas Skagerrak unb Kattegat beherrschten, baß in ber Ostsee Minen ausgeftreut werben, baß bie in eini­gen norwegischen Häfen liegenben beutschen Gar­nisonen einem tragischen Schicksal entgegengingen, weil sie nur durch bie ßuftwaffe verproviantiert werben könnten und bie Truppen ber Westmächte in fteigenbem Maße ausgeschifft würben. In einer Rebe im Unterhaus bezeichnete fdgar Herr Cham­berlain bie Besetzung Norwegens als einenk o lossalen Fehler Hitlers". In ben Tagen, bie nun folgten, haben wir mit Erstaunen erfah­ren müssen, baß bie Deutschen ihre Besetzung aus- dehnten unb Verstärkung erhielten. Wenn sie bie Ueberlegenheit in biesem Bewegungskrieg erlangten, so bank bem schweren Material, ben motorisierten Kolonnen, eben dank alle bem, was burch Flugzeuge nicht zu transportieren ist. Was sollen wir jetzt noch von ber Seeblockade halten?

Die Westmächte sind zu paradieren gezwungen, d.h., sie müssen die Hauptmacht chrer Kräfte vor der Maginotlinie lassen; sie schicken Truppen nach Norwegen, sie konzentrieren ihre Schifte im Mittel­meer und haben eine Armee im Nahen Osten. Sie warten bie Ereignisse ab und haben alle Chancen, immer z u spät zu kommen. In diesen beftimm- ten Fällen war der Eindruck fatal, und es ist sicher, was die Norweger angeht und vor allem die norwegischen Soldaten^daß sich eine sehr bit­tere Enttäus chung unter diesen breit gemacht hat, welche auf eine ganz andere Hilfe hofften. Und was erst die Weltmeinung angeht, so hat sie eine starke Enttäuschung erlebt."

Wachsende Kritik an Chamberlain.

Dor der Norwegen-Aussprache des Unterhauses.

MeRechnmig imMtlelmeer.

Seit jeher hat das Mittelmeer eine außergewöhn­liche Rolle unter den Völkern gespielt. Im Alter­tum trug sich an seinem Strand oder in dessen Nähe die Geschichte der damaligen bekannten Welt in ber Hauptsache zu. Athen und Rom wurden zu Begriffen, bie nicht nur damals Geltung hatten, sondern ihrer unvergänglichen- Werte wegen noch bie Kultur fernster Zeiten beeinflußten. Zwar trat bie Bebeutung bes Mittelmeeres zunächst ein wenig zurück, als bie Antike in Trümmer ging. Aber wenn sich im Mittelalter und in der neueren Zett auch ber weltpolitische Raum weitete, so verlor doch das Mittelmeer nicht an Interesse. Mit steigendem Welt­verkehr, so kann man wohl bestimmt sagen, mußte bie glückliche Lage bes Mittelmeeres zwischen drei Erbteilen ben verkehrswirtschaftlichen Zuspruch noch erhöhen und bamit bie Begehrlichkeit, an bartigen Gest ab en Land zu besitzen, erhöhen. Der in der Neuzeit gewaltig angestiegene Güterverkehr mit subtropischen und tropischen ßänbern rückte das Mittelmeer noch mehr in den Vordergrund, als der Suezkanal den verkürzten Weg nach dem Fernen Osten eröffnete.

Niemand hat es nun von den Nichtmittelmeer­staaten so gut wie England verstanden, sich im dortigen Gebiet eine starke Machfttellung zu ver­schaffen, obwohl eine rechtliche Grundlage dafür

Vor Erkältung schützen Bei Husten nützen schon 2 ir'ehmt^lich

in Anntheken u-Drogenen o.5o u _

niemals bestanden hat. Die Schwäche der Mittel­meerstaaten war dafür wohl entscheidend. Während jedoch sonstige Mittelmeerstaaten, abgesehen von Frankreich, nie wieder in der Weltgeschichte zu ber Rolle emporftiegen, bie sie einmal innehatten, Griechenland, Spanien, Aegypten, bie Türkei, hat sich auf der Apenninhalbinsel der Zustand gewal­tig geändert. Das faschistische Italien hat sich zu einem Staate gewandelt, ber dem Römischen Reiche des Altertums ebenbürtig ist. Daß ein,solcher Staat seine Ansprüche im Mittelmeer, das er als mare nostrum bezeichnet, anmelbet, ift selbst­verständlich. Alle Staaten um das Mittelmeer muß­ten Englands Herrschaft über Gibraltar, Malta, Zypern, Palästina und den Suezkanal, logischer­weise als Fremdherrschaft empfinden. Nur England- Hörigkeit könnte, wie bei Frankreich, das Urteil trüben.

Am sichersten aber mußte Italien daran denken, daß Malta sozusagen eine Bombe vor der italienischen Pforte ist, während der Suezka­nal unter englischer Macht Italien von seinem wichtigsten Kolonialbesitz gegebenenfalls absperren und wie Gibraltar als Riegel wirken kann. Die Rechnung gegen England ist also ohne weiteres für Italien gegeben, was keineswegs ausschließt, daß Spanier, Araber unb auch das eine ober andere weitere Volk zur gegebenen Stunde ebenfalls an eine Abrechnung denken, zumal wenn man das politische Kraftfeld des Mittelmeeres etwas weit rechnet. Die Ansprüche Italiens sind auf jeden Fall die berechtigtsten und weitgehendsten. England gegenüber betreffen sie keine großen Gebiete, dafür um so wichtigere Positionen, die für die Neuord­nung entscheidend sein werden.

Die Rechnung im Mittelmeer endet aber keines­wegs bei den Ansprüchen gegenüber England. Auch Frankreich, dessen Rolle als natürliche Mittelmeermacht niemand beftreitet, hat sich die Herrschaft über Gebiete angemaht, bie zweifellos Italien zukommen unb auf bie ber Faschismus nie­mals verzichtet hat. Savoyen mit feinen uner­lösten Italienern ist zuerst zu nennen. Korsika, ehemals der Republik Genua untertänig unb von dieser buchstäblich an Frankreich verkauft, wirb ge­wiß nicht französischer, weil Napoleon dort geboren wurde. Daß Tunis mit feinen über 100 000 Ita­lienern einmal zu Frankreich kam, liegt nur daran, daß 1881 Italien noch nicht wie heute sein Recht wahren konnte.

Die Ansprüche Italiens im Mittelmeer begrün­den sich also durchaus auf natürliche Rechte und Vernunft. Kulturelle wie volkstümliche Momente spielen dabei eine ebenso große Rolle wie die Tat­sache, daß Italien im Zentrum des Mittelmeeres

gar mit seltsamer ßeidenschaft), obwohl uns ihre lethargischen und ekstatischen Seiten oft von ihnen trennen. Insbesondere an Tschaikowski lockt die reine, spröde, scheue Natur; sein ßeben gab er einzig dem Werk hin, anspruchslos, unendlich milbtätig, unter Verkennung leidend,tapfer unter dem Fa­tum", wie uns jener Admiral Rozestwjenfki rührt unb fesselt, der um den Halden Erdball in die Schlacht von Tsushima fährt.

In einem Provinznest als Beamtensohn geboren, kommt der von ßchrem und Kameraden als liebens­wert empfundene Jüngling auf eine Rechts schule und wird kleiner Aktenmensch im Finanzministe­rium. Dann erst erwirbt er sich z. T. bei deut­schen ßehrern das Handwerkszeug des Pianisten und Tonsetzers und bebutiert, 24jährig, mit einem Tanz der Mägde", den Johann Sttauß in Ruß­land urauftührt. Er wird Lehrer am Moskauer Konservatorium, seine ersten Ouvertüren gelten der Kritik als hoffnungslos untalentiert, aber Schritt für Schritt erringt er wachsende Beachtung. Manche seiner Partituren, zumal-von Bühnenwerken, ver- brennt er wieder. Eine unbedacht geschlossene Ehe erweist sich rasch als Fantasieirrtum. Aber eine nie gesehene ferne Gönnerin, Frau von Meck, ermög­licht ihm die Schaffensfreiheit eine erosfreie Briefliebe verbindet beide. Dazu tritt später ein Ehrensold des Zaren. Erst in den letzten Jahren entdeckt er in sich auch den Dirigenten, der seine Werke in Deutschland vorführt. Wenige Meister­werke aus den siebziger und achtziger Jahren des verflossenen Jahrhunderts werden von Tschaikowski bleiben: das es-moll-Streichquartett, das Violin­konzert, eines von drei Klavierkonzerten, unter sie­ben Sinfonien die sechste (Pathötique), die Nuß- knackersuite, die Ouvertüre1812", die bezaubernde OperEugen Onegin" aber sie genügen, um den Komponisten als ein einmaliges Antlitz zwischen den ewigen Größen des Parnasses nicht unbemerkt bleiben zu lassen.

Mit dreiundfünfzig Jahren fällte ihn bie Cholera, genau wie sie vormals dem Knaben die geliebte Mutter entrissen hatte.

Hans Joachim Mose*