Ausgabe 
6.1.1940
 
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Nr. 5 Zweites Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)

6./7.3onuort94O

Aus der Stadt Gießen.

OreikSnigstag.

Don Hans (Sturm.

Die Geschichte der drei Könige aus dem Morgen­lande ist in Dunkel gehüllt. Die ältesten Berichte sprechen von drei Magiern, d. h. Weisen, die dem Kind in der Krippe Geschenke darbrachten. Später erhob man sie zu Königen und gab ihnen die Namen Kaspar, Melchior, Balthasar; nun galten sie als die Vertreter der drei damals bekannten Erdteile Europa, Asien und Afrika. Nach der Legende war der größte von ihnen Kaspar von Tharsis, der kleinste hieß Melchior, der Beherrscher Nubiens Balthasar gebot über Godolien. Ihnen war die Weissagung des medianitischen Sehers Bileam bekannt, nach der ein Stern die Geburt eines großen Königs der Erde ankündigen sollte. Deshalb errichteten sie auf dem Berge Paus eine Sternwarte, in der zwölf Stern­kundige Ausschau hielten nach dem neuen Stern. Endlich erschien in einer tiefblauen Nacht der er­wartete Stern am östlichen Himmel.

Auf Grund alter Bilder nahm man im Mittel- alter an, der Stern sei ein Komet gewesen; dies dürfte jedoch der Wirklichkeit nicht entsprochen haben, denn ein Komet wäre den drei Weisen nicht dreimal in kurzen Abständen erschienen und wäre auch nicht so wichtig gewesen, seinetwegen eine Reise in unbe­kannte Ferne zu unternehmen. Heute nimmt man an, daß das sehr seltene Zusammentreffen der Planeten Jupiter, Saturn und Mars den drei Magiern, die ja wirklicheSternseher" waren, bedeutsam erschien; dieses Zusammentreffen hat wirklich stattgefunden und sich dreimal wiederholt. Eine ähnliche nahe Be­gegnung hat Kepler 1603 beobachtet und berechnet. Die älteste bildliche Darstellung der Dreikönige unter dem Stern befindet sich in der Priscilla-Katakombe in Rom und stammt aus dem zweiten nachchrisllichen Jahrhundert.

Wenn auch die ältesten Berichte wenig von den drei Königen wissen, so waren sie unseren Vorfahren trotzdem vertraut; schon der Sänger des Heliand hat die Kunde von ihnen vor mehr als taufend Fahren seinem Sachsenvolke gesungen, er nennt sie die schnellen Degen", die begierig sind, das Fnedenskind zu schauen:

Der Stern leuchtete

Hell über ihrem Hause, wo das heilige Kind Willig wohnte, bewacht von der Jungfrau,- Die ihm demütig diente. Da ward der Degen Herz Erquickt in ihrer Brust; sie erkannten an dem Zeichen, Daß sie das Friedenskind Gottes gefunden ...

Dieses Bild erhielt sich in der Volksseele, und das Andenken an die Weisen, deren Neberreste nach dem Dalkglauben in dem Goldenen Schrein des Kölner Domes ruhen, spiegelt sich wider in vielen Sitten und Bräuchen. ,

Wenn der Winterabend über dem Dorfe steht und alle um den Tisch in der Stube versammelt sind, ertönt im Flur Musik und Gesang:

Wir treten herein, wir treten ein Im Namen des lieben Kindelein, Wir treten ein ohn' allen Spott, Einen guten Abend, den geb' Euch Gott!" Einer der drei trägt eine Krone aus Goldpapier aus dem Kopf, der zweite trägt einen großen Stern an einer Holzstange, der dritte hat sich mit Farbe in einen leibhaftigen Mohren verwandelt. Dann öffnet sich der Stern wie ein Schatzkästlein. Man sieht in dem Stern ein Kripplein mit zierlichen Figuren, da­hinter Fensterchen. durch die grünes, rotes und blaues Licht zu fallen scheint. Kerzlein brennen vor dem Krippenkind. Inzwischen singen die drei Könige ihren Spruch, der in allen Gauen ein wenig ver­schieden ist. Am Niederrhein hört man:_____________

Lleberlandzentrale Gießen nach 25 Jahren.

Sine Erinnerung an die Zeit des Ausbaues des Elektrizitätswerkes zur Lleberlandzentrale.

Am gestrigen Freitag vor 25 Jahren, am 5. Ja­nuar 1915, wurde der Gießener Bevölkerung der erste Jahresbericht noch dem Ausbau des Gie­ßener Elektrizitätswerks zur Heber« landzentrale zur Kenntnis gebracht. Der Bericht über die Entwicklung der Ueberland- zentrale im Rechnungsjahr 1913/14" stellte fest, daß das Werk nach seinem Ausbau als Ueberlandzen- trale sich nach jeder Richtung hin schon im ersten Jahre gedeihlich entwickelt hatte. Die Stromerzeu­gung in diesem ersten Ueberlandbetriebsjahr war von 1 784 887 Kilowattstunden auf 2 823 904 Kilo­wattstunden gestiegen, es ergab sich mithin schon in diesem ersten Anlaufsjahr eine Mehrproduktion von 1 039 017 Kilowattstunden. Die Zahl der Anschlüsse im Ueberlandgebiet belief sich am 1. Januar 1915 auf 5100 angeschlofsenen Grundstücke oder Hofreiten, in Ausführung befanden sich damals rund weitere 500 Anschlüsse, außerdem lagen noch rund 600 neue Anmeldungen zum Anschluß vor. Im Ueberland- aebiet waren damals 42 Ortschaften mit 46 Um­formerstationen an das Werk angeschlossen.

Jener Bericht, der am 5. Januar 1915 in seinen wesentlichen Punkten imGießener Anzeiger" er­schien, war gewissermaßen der Schlußstrich unter mehrjährige Verhandlungen zwischen der Gießener Stadtverwaltung bzw. dem Elektrizitätswerk einerseits und dem Kreisamt Gießen als Vertteter der interessierten Gemeinden und der Provinzial­direktion Oberhessen anderseits, sowie unter die um­fangreichen Ausbauarbeiten. Die Verhandlungen hatten das Ergebnis, daß die Provinz Oberhessen auf den Anschluß der Landgemeinden im nördlichen Kreis Gießen an das oberhessische Ueberlandwerk verzichtete und die Sttomversorgung dieser Ge­meinden dem Elektrizitätswerk der Stadt Gießön überließ. Diese Vereinbarung war die Grundlage

für den Ausbau des Gießener Elektrizitätswerks zur Ueberlandzentrale, der durch die Haushaltspläne für die Rechnungsjahre 1912 und 1913 mit einem Kostenaufwand von rund 1,4 Millionen Mark, ein­schließlich gewisser maschineller Erneuerungen im Werk, in mehreren Abschnitten durchgeführt wurde. Den Beschluß zum Ausbau des Werkes als Ueber­landzentrale hatte die Stadtverordneten-Versamm- lung am 23. August 1911 einstimmig gefaßt und damals zu diesem Zwecke einen Kredit von 1 Mil­lion Mark bewilligt. Der Provinzialausschuß der Provinz Oberhessen hatte am 13. Januar 1912 das Abkommen mit der Stadt Gießen wegen Versor­gung der Gemeinden des nördlichen Teiles des Kreises Gießen mit Elektrizität" vom Gießener Werk aus genehmigt.

Auf Grund dieses Abkommens ist die Stromver­sorgung folgender Kreisorte von Gießen aus sicher­gestellt worden: Alb ach, Allendorf a. d. Lahn, Allen- dorf a. d. Lumda, Allertshausen, Alten-Buseck, An­nerod, Beltershain, Beuern, Burkhardsfelden, Clim­bach, Daubringen, Garbenteich, Geilshausen, Göbeln­rod, Großen-Vuseck, Harbach, Hattenrod, Hausen, Heuchelheim, Kesselbach, Klein-Linden, Lindenstruth, Londorf, Lumda, Mainzlar, Odenhausen a.d.Lumdo, Oppenrod, Reinhardshain, Reiskirchen, Rödgen, Rüddingshausen, Ruttershausen, Saasen, Stangen­rod, Staufenberg, Steinbach, Treis a. d. Lumda, Trohe, Watzenborn-Steinberg, Weitershain, Wiefeck und Winnerod. Als letztere Gemeinde entschloß sich Hattenrod zum Anschluß, mit dessen Einbeziehung in das Versorgungsnetz der Bau der Ueberlandan- lage Anfang 1922 als abgeschlossen bezeichnet wurde. Neben diesen Gemeinden im nördlichen Kreis Gießen, die also jetzt mit unserem Gießener Elektrizitätswerk das erste Dierteljahrhundert ge­meinsamer Elektrizitätswirtschaft begehen können,

werden schon feit länger als 25 Jahren die Gemein- den Krofdorf-Gleiberg mit Strom aus dem Gießener Werk versorgt. Es fehlen bis jetzt im Bereich des Gießener Elektrizitätswerkes nur noch die Gemein­den Lollar, Wißmar und Launsbach als Strom­abnehmer, die an ein anderes Netz angeschlossen sind. Vielleicht kommt es aber auch einmal dazu.

Ausruf!

Vie in den Vorjahren treten am 6. und 7. Zanuar 1940 die DHW.-Sammler zur Saust raßen* s a m m l u n g an.

Der Führer hat das Recht, die h ö ch st e Opfern bereitfchaft zu fordern.

Der Gau Hessen-Nassau wird seine Pflicht tun. heil Hitler!

Haug

Gaubeauftragter für das Kriegs-Mnterhilfswerk im Gau Hessen-Nassau.

daß diese Orte ebenfalls ein Abkommen mit Gießen über Stromversorgung schließen werden.

In der Geschichte unserer städtischen Werke ist der Ausbau des Elektrizitätswerks zur Ueberland- zentrale «in bedeutsamer Markstein geworden. Die Vereinbarung der Stadt Gießen bzw. des Elektri­zitätswerkes mit den Landgemeinden im nördlichen Kreis Gießen hat sich in dem ersten Vierteljahr- Hundert ihrer Wirksamkeit für beide Teile als nütz­lich erwiesen. B.

Hier wohnt ein reicher Mann, Der was geben kann;

Viel soll er geben. Lang soll er leben, Selig soll er sterben. Das Himmelreich erwerben. Gib was, gib was, Im andern Jahr gib wieder was!

In manchen Gegenden Süddeutschlands ist der 6. Januar auch der Perchtentag, so genannt nach der altdeutschen Göttin der Fruchtbarkeit. Ihr zu Ehren zogen die Burschen mit merkwürdigen, häßlichen Masken von Haus zu Haus und erhielten Aepfel, Nüsse undPerchtenbrot", das nicht selten die Form eines Sterns hatte. Hieraus ersieht man, wie die heid­nischen und christlichen Bräuche ineinander über­gingen; und wenn manche von ihnen noch heute geübt werden, so deshalb, weil sie auf deutschem Boden und aus deutschem Geiste gewachsen sind.

Uornotixen.

Tageskalendec für Samstag.

NS.-GemeinschaftKraft durch Freude": 20 Uhr in der Neuen Aula der Universität Liederabend Willi Domgraf-Faß-baender. ff und FM. der ff, Gie­ßen: 20 Uhr Kameradschaftsabend imBurghof". Gloria-Palast, Seltersweg:Der singende Tor. Lichtspielhaus, Bahnhofstraße:Das Gewehr über!". Artilleristen-Kameradschaft: 20.30 UhrHessischer Hof" Neujahrsappell. Reichstreubund: 20.30 Uhr Burghof" Standortabend.

Tageskalender für Sonntag.

Stadttheater: 14.30 bis 17.15 UhrDer gestiefelte Kater"; 19 bis 21.30 UhrDie luftigen Weiber von

Windsor". Gloria-Palast, Seltersweg:Der sin­gende Tor". Lichtspielhaus, Bahnhofstraße:Das Gewehr über!". Eisverein: 11 bis 17 Uhr Eis­läufen.

Stadttheater Gießen.

Am morgigen Sonntagnachmittag kommt zum letz­tenmal das lustige MärchenspielDer gestiefelte Kater" zur Aufführung. Es ist von Arthur Wagner nach dem bekannten Märchen von Grimm für die Bühne bearbeitet. Die Musik stammt von Joseph Vorsmann. Die Spielleitung hat Karl Volck, die musikalische Leitung Richard Boeck. Tänze: Thea Maaß. Bühnenbild: Karl Löffler. Außer Miete.

Am morgigen Sonntagabend wird zum letztenmal die komische Oper des deutschen Opernspielplanes Die lustigen Weiber von Windsor" aufgeführt. Die musikalische Leitung hat Heinz Markwardt, die Svielleitung Harry Grüneke. Tänze: Thea Maaß. Bühnenbild: Karl Löffler. Außer Miete.

Gießener Konzert-Verein.

Man schreibt uns: Für das nächste Solistenkonzert am 14. Januar wurde Gertrude P i tz i n g e r ge­wonnen. Wer diese begnadete Künstlerin vor zwei Jahren bei uns gehört hat, wird gern bestätigen, daß man es bei ihr mit einer der allerersten Sänge­rinnen unserer Zeit zu tun hat Eine Pressestirnrne des Auslandes nennt sie die Revräsentantin vorzüg­lichster deutscher Musikkultur. Lieder von Schubert und Wolf werden im Ton und in der Auslegung bei ihr zu einer Offenbarung.

Kattierahschastsabend der ff

Am heutigen Samstag, 20 Uhr, veranstaltet der Standort Gießen der ff imBurghof" einen Kame­

rad schasts ab end, an dem neben den Kameraden int der schwarten Uniform auch die fördernden Mitglie­der der ff teilnehmen werden. ,

Liederabend Domqraf-Taßbaender.

* Die NS.-GemeinschaftKraft Lurch Freude", dis sich mit ständig steigendem Erfolg um schöne Feier­abendgestattung bemüht und in jüngster Zeit wie­der mit einer Reihe beachtlicher Veranstaltungen aufwartete, bringt heute abend eine Veranstaltung, die sicherlich lebhaftestem Interesse begegnen wird. Der bekannte Baritonist von der Staatsoper Ber­lin, Willi Domgraf-Faßbaender, wird in der Neuen Aula der Universität Lieder und Arien deutscher und italienischer Komponisten fingen. Für diesen Liederabend ist das Rhein-Mainische Landesorchester unter Leitung des Gaumusikinspi- zienten Fxitz Cuje verpflichtet worden. Der Diri­gent, der aus der Zeit seines Wirkens in Gießen in bester Erinnerung steht und durch den Rundfunk schon manche Freude bereitet hat, wird auch an diesem Abend mit seinem Orchester erneut die außer­ordentliche künstlerische Leistungsfähigkeit beweisen und dazu beitragen, daß der Abend allen leih nehmern zu einem schönen Erlebnis wird.

Her öptikcr am Jgaljnhofl

Lieferant- auch Shrev Krankenkasse

Manche Menschen halten mich für fleißig, weil

Nie Eschen von Eschershausen Von Richard Gerlach.

schriebe, nicht fassen.

Schon in der ersten Morgenfrühe muß er mit Ge­walt gehindert werden, an die Arbeit zu gehen: breite Bänder fesseln ihn ans Bett, so daß er zwar mit Armen und Beinen fuchteln, sich aber nicht auf- richtey kann. Immerhin erfüllt er die Dämmerung mit nutzbringender Tätigkeit, mit Gesang, mit schwierigen Sprechübungen, mit schallendem Geläch­ter über eine Morgenfliege oder einen besonders ulkigen Lichtfleck an'der Wand und vor allem mit jägerhaft aufmerksamem Lauschen. Die morgend­lichen Lieferautos begleitet er trotz des Hupverbots mit gewaltigemTutut", das Crescendo der Stra- ßenbahn verfolgt er mit ernster Sorge, dem De- cresceittw lächelt er wohlwollend nach, der laut pfei­fende Bäckerjunge ist chm ein niegesehener, aber stets gern gehörter Freund und Onkel. Wenn end­lich der ohrenerquickende Wecker raffelt, ist er sich im klaren: endlich, endlich beginnt der richtige Tag, der lange herrliche, nur durch die Mittagsruhe lästig unterbrochene, prallgefüllte Tag des Schwer­arbeiters.

Allein auf dem kurzen Weg von seinem Bett bis zur Wickelkommode, wo er übrigens nicht mehr ge­wickelt, sondern richtig männlich angekleidet wird, gelingt es seinen nimmermüden Händchen, Dürers Drahtziehmühle ins Schaukeln zu bringen, an der

mal in Schutz nehmen und erkläre also feierlich: wenn ich nur annähernd so fleißig wäre wie er, wahrlich, die Welt könnte die Bände, die ich tonn

durch, und als ich dann in das schon dunkle Eschers­hausen kam, zweifelte ich nicht mehr, daß es seinen Namen zu Recht trägt.

Unter den zurückhaltenden Fachwerkgiebeln ging ich hin und fand noch im Dämmern das mit Kle­matis üherfponnene Haus gegenüber der Apotheke, wo die Wiege des vielbewußten Dichters stand, der den Menschen in ihr betrübtes oder liebeglühendes Herz schauen konnte. Vor dem Schulhaus, etwas erhöht im Gras, war das Bronzebildnis Wilhelm Raabes aufgestellt, ohne Sockel, als verharrte er noch auf der Erde und habe, lauschend auf Gewe­senes und Künftiges, einen Augenblick innegehatten.

alten Höhen nie verleugnen.

Die Straße ist heute breit und afphattiert, es ist eine ganz gegenwärtige Straße, und in Eschers­hausen steht sogar, das sollte ich nachher noch sehen, eine riesige Asphaltsabrik, die ebenso wie die Vor- wohler Zementfabrik aus den Aktientabellen der Zeitungen bekannt ist, wenn auch jemand, der ver­ehrte Spuren sucht, gerade in dieser Gegend auf dergleichen nicht gefaßt ist. Aber natürlich kann die Industrie keine Rücksicht daraus nehmen, daß irgendwo ein Dichter geboren ist, und wer den Schüdderump, den Karren der Pestzeit, hier auf poltrigem Pflaster zu hören vermeinte, würde nichts dergleichen vernehmen.

Doch war die Straße von Bäumen gesäumt, die nicht alltäglich für diesen Zweck sind, von Eschen, den gedankenschwersten Rauschern des deutschen Waldes. Einst wurden die Schäfte der Speere aus dem harten, flammicht gemaserten Eschenhvlz ge­fertigt. Der Baum Pggdrasill, die Weltesche, breitete seine Aeste über allen Raum und jede Zeit, und unter seinen Wurzeln wohnten die Nomen. Sonst bilden die Eschen nur noch in Kaukasien und Sla- roonien Wälder. Hier aber wuchsen sie nicht nur am Rain ober ragten einzeln auf dem Feld, sondern drängten sich zu Hainen die Hügel hinaus, so der Landschaft den Hauch des Uralten und immer Gül­tigen zufügend. Die glatte Straße lief darunter

In Vorwohle bog der Zug nach Stadtoldendorf ab. Nach Eschershausen ging erst in anderthalb Stunde einer weiter. In derselben Zeit konnte ich die sieben Kilometer auch zu Fuß zurücklegen. Ich ließ also die kleine Station und die große Zement­fabrik hinter mir und wanderte die Straße in den späten Nachmittag hinaus. Als Wilhelm Raabe in diesem sanftgewellten Lande Kind war, gab es längst noch keine Eisenbahn, und so mochte die bedächtigere Gangart von Schusters Rappen wohl angemessen sein, in das Städtchen seiner Ge­burt zu wandern. Hastig gelangte niemand zu der unmerklichen, sachten Weisheit abseitiger Vertiefung,

Werktag eines Schwerarbeiiers.

Don Arnold

unmertnaien, atmen xoeujcjeu uuiciuytri -weiucf uny, s

und die echte Gründlichkeit wollte Schritt für Schritt ich, obwohl mir doch kein Vorgesetzter aus die und nicht ohne ordentliches Dazutun erreicht j Ringer fiel)t, oftmals \d)on giemhd) frul) am Schreib; ^rden > tisch sitze, aber meinen kleinen zweijährigen Andreas

Der Rabe ist ein listiger Vogel, eine fast aus-! halten sie für faul, weil er von 7 Uhr abends bis gestorbene Art; Krähen gibt es genug, aber der 7 Uhr morgens im Bett hegt und sich obenDrein schwarze Vogel, der Odin Geheimnisse ins Ohr sagte, i sogar ein Mittagsschläfchen leistet. Gegen diese Ver- horstet nur selten noch in der Einsamkeit. Dieser i dächtigung muß ich den kleinen Mann endlich ein- also hatte bei dem Dichter Pate gestanden, unb1f nhn f^rhrfv

daher konnte feine Erfahrung die Herkunft von ur-

wirkt er bei seiner Heimkehr durchaus nicht er

tutut machen", ans Telefon, um ein wichtiges Ge

| das von kullern kommt.

, Kette von feines älteren Bruders Schwarzwälder ! Uhr zu reifjen, drei bis viermal am elektrischen Licht Izu schatten, Strümpfe vom Wäschettockner zu zup- I fen und eine Flasche von der Badewanne zu wer- i fen, ja, und selbst wenn er sein Geschäftchen ver­richtet, ruhen die fleißigen Hände nicht, sondern wickeln die geheimnisvolle Papierrolle ab, die er

' leider noch nie bis auf das unvorstellbare Ende hat aufrollen dürfen.

Beute, zur Muter und beschäfttgt sich gerade damit, einen goldenen Ring zum Fenster hinauszuwerfen, als er vom Summen des Staubsaugers fortgelockt und der Ring durch diesen Zufall gerettet wird.

Schriftleiter werden?

Und einmal auch entdeckten wir, daß der Ab­reißkalender um vier Woch«n vorausgeeilt war, einen ganzen Monat hatte die emsige Hand des Schwerarbeiters abgepflückt, und ich erkannte voll Rührung, daß der kleine Mann noch Herr über Raum und Zett ist, ja. Tag um Tag machte er mir Heimweh nach dem verlorenen Paradiese, wo

tröstende Zigarette, die sich in seiner liebevollen Hand wie eine Raupe ringelt und runzelt.

Was er während des Vormittags fernerhin arbei­tet, erkenne ich mittags an der Beule auf feiner hohen Stirn und den aufgeschlagenen Knien und errate es auch aus dem Inhalt feiner Taschen, zwei Blättern, einem Stein, einer Kastanie, einem rofth gen Nagel und viel Schnur.

Trotz aller vormittäglichen Ueberslankungen städti­scher Promenadenzäune, Erkletterungen städtischer Parkbänke und trotz angestrengter Sammeltätigkeit

Auf dem Staubsauger reitet er längere Zett und steigt nur gelegentlich ab, um auf den Tasten des 1 Flügels zu träumen Wenn der Deckel des Brief­kastens klappert, rast der Unermüdliche an die Tür, und niemand versteht so gut wie er, dem Vater die

Haus".

J?" I Aber im Schlaf speichert er nur neue Kräfte, und ~ 0= ; am Nachmittag schüttet er den neugefüllten Kraft- speicher verschwenderisch über uns aus. Abends I suchen wir vermißte Gegenstände: Kochlöffel. Füll- und wahrhaft verwirren- ; ftderhalter, Bücher, Kakaotöpfchen, Türschlüssel und k **'*" Kaffeelot, wir finden so ziemlich alles, aber jenen

Ring hat er, seine unterbrochene Arbeit erfolgreich wieder ausnehmend, doch noch zum Fenster hinaus­geworfen.Wo ist der Ring, Andreas?"Hink?" jragt er,Hink Fenster worfen!" Zuweilen finden wir auch Dinge, die wir gar nicht suchten, zum Beispiel ein Honigbonbon, auf MommsensWelt­reich der Cäsaren" klebend, und eines meiner Ma­nuskripte im Papierkorb. Will er am Ende

| Trotz dieser vielfältigen i ' ' ?

j den Obliegenheiten, erinnert er sich zur rechten Zeit, daß er ja noch seines Bruders ordentlich gepackte Büchertasche ausräumen muß, flüchtet kurz darauf heulend, aber immerhin mit dem Federkasten als

Mit einem Butterbrot in der Hand macht er fei- j nem glücklichen Vater den Morgenbesuch, stopft ihm : eine Kruste in den Mund, versucht mit glänzenden «--v- l B m ,__

Butterfingern di- Bibliothek zu ordnen, wird aber schöpft, sondern schreitet nut der kurzen Bemerkung mitten in der Arbeit abgerufen und erwifckt in letz- /"tut machen , ans Telefon um em wichtiges Ge- ter Eile noch einen kleinen, handlichen Band Balzac, ^rach zu fuhren bemüht sich, den Vater an der den wir fpäter mit einem offenbar als Lefezeichen Schreibmaschine abzulo en, und betätigt sich, wenn hineingelegten Perlmutterknopf in feinem Spiel-, d°r Altt halsstarrig selber arbeiten will ordernd schrank mieberHnben in bßr Küche. Da er an den Gashahnen nicht drehen

schrank mieoernnoen. «darf, gießt er wenigstens die Milch aus dem Topf

Nun erledigt er im Klnberzimmer zunächst die jn Ausguß, und über den Pudding streut er vordringlichsten Arbeiten: die wollenen Hunde, Da-^rtoffelschalen. Flieger, die übers Haus brausen, rcn und Schafe werden auf die Weide getrieben,, im Stande, ihn sekundenlang abzulenken; dann , wo sie fressen, bis sie Umfallen: das Feuerwehrauto er |^on um d-en Puppen, den Bären und wird auf große Fahrt unter irgendein Möbel ge- Schafen das Mittagessen zu bringen. Heut kriegen, schickt und ein Monumentalbau aus bunten Klötzer> Stoffeln, und da sie sich beim Schlucken so

wird soeben in Angriff genommen, da vernimmt ^umm an'f'teUcn, ftreut e'r ihnen das Esten in die fein scharfes Ohr, daß Vaters Tur gehst und da iiippijchen Münder hinein. Was vorbeifällt, stampft -cho di- Arbettszimmerluft Voraussicht ich letzt re,n ,/^jt den Füßchen schon breit, ,° daß niemant. sst, °>lt er schleunigst an diese g-li-bt- Schaf-ns- über eine Erhöhung stolpern kann, Gott fei geprie- a,t,;e-sroir^c'.rLen Hausschuh 'N den Papi-rkorb, (en, nad) solcher Volldampftatigkeit finkt er, feinen s stellt den Ablofcher unter den Schreibtlfch schüttet leit>enf(fraj1[id)en Protesten zürn Trotz in den Mit- d-n Aich-nbecher auf den Teppich, Z-rl-gt d>° Br>°,- tagsfchlaf,Arbeit zu Ende, Ruhe und Friede im waage, strebt vergeblich nach dem Goethekopf, den - d 1 - erPuppa" nennt, und begnügt sich am Ende mit schnaufender Ersteigung eines Stuhles, um am C*.

bu5 zu drehen, den erTullu" nennt, ein Wort,1

Post zu bringen. Stück um Stück reicht er ihm hin­auf und meldet sachlich:Eine Post, noch eine Post, noch mehr eine Post!" Vater liest die Briefe, der Sohn in des Vaters Gesicht, um zu erkennen, ob ..... , ----- ------------------

es sich um Annahme ober Ablehnung eines Manu- Arbeit niemals Last ist, sondern göttlich heitere^ fEriptes handelt und bringt ihm für alle Fälle eine! Spiel sehnsüchtiger Kräfte.