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Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
Nr 4 Zweites Blatt
Jerntrauung beim Gießener Standesamt
Aus der Stadt Gießen.
Soldaten ziehen durchs Dorf.
„Muotter, Muotter, Soldoate!" lief der neunjährige Otto durch Hof und Hausflur nach der Küche, und hinter ihm ruderte die rundliche Erika ihre fünf Jahre: „Muotter, —doate!" und zuletzt stürmte noch mit fliegendem Atem der elfjährige Peter, ein Spielkamerad aus der Nachbarschaft, herein: „Schmidts Muotter, schnell, Soldoate! — Spre'ingt, se sei'n bahl oam Kreuz!" t
„Joa. ihr Keanu, aich maant groad auch, s deht sich woas si'enge! Wu komme se dann her?
„Ei, oawe eroab! Oawer eilt uch doach, se komme schu'nd bahl iwersch Kreuz!" drängte Peter und lief ... ,
Schmidts Muotter ließ chre Arbeit, legte noch risch ein dickes Scheit auf, daß die Suppe weiter kochen konnte, strich Haar und Schürze zurecht, drehte den Hausschlüssel herum und eilte auf die Gasse.
Dort lief schon fast die ganze „Erwesaasse", groß und klein, alt und jung, hinab nach dem Kreuz, und gegenüber vom Eschberg kamen sie über den Dorfbuch herüber, bis alles am Kreuz Spalier stand, jede Gasse auf ihrer Seite, und die Köpfe sich nach der langen Dorfstraße hinauf reckten.
Immer voller schwoll der Männergesang von der Obergasse her an, der Marschtritt schallte immer deutlicher, und auf einmal drängte es mit heller Gewalt bei „Pernersch" aus der Kurve, Soldaten mit Stahlhelm und Gewehr, Obergäsfer Buben und Mädchen voraus und nebenher, und immer wieder Soldaten. Kurz vor dem Kreuz zählte mitten aus den Reihen eine scharfe Kommando stimme: 3! — 4! —, und schlagartig setzte eine neue Strophe ein von der „Rosemarie".
Mit strammem Marschtritt und wuchtigem Gesang durchzogen die Soldaten das aus festlichem Weckruf an das stille Dorf erwachsene Spalier mit Grüßen und Winken herüber und hinüber. Selbst des Hauptmanns stolzer Fuchs spürte den beschwingten Augenblick im Blute, spielte mit den Ohren und mischte seine Freude mit klingenden Hufen eigenwillig in den gemessenen Rhythmus des Marsches und Gesanges. Hinterdrein aber wuchs die Schar der Buben und Mädchen, die Alten schauten mit leuchtenden Augen den feldgrauen Kolonnen nach, bis unten in der Kurve am Sandsteinfteg die Letzten zum Dorfausgang hin den Blicken entschwan- den.
Langsam leerte sich in die vier Winde das geräumige Kreuz, der Gemeinschaftsplatz des Dorfes für Fest und Spiel, Appell und Alltag. Die Jugend aber begleitete ihre Soldaten die nahe Talwand hinauf, und allmählich verklang über den roten Ziegeldächern des beglückten Dorfes das Lied vom „Ar-ronnerwald".
„Doas woar doch emol eabbes annersch", meinte Schmidts Muotter auf dem Heimweg, und 's Woa- nerschqrittche: „Mir seh'n Soldoate nor, wann se moarjens vir Doag mit ihr'm Gestellungsbefehl und ihr'm Köfferche oabzähe, hichstens noch alsemol, wann aaner ean Urlaub kimmt; oawer so wäi alleweil, doas kimmt doch sealle o'n u'ns!" Und als die „Schusterlies" schon über der Goffe in ihren Hoi wollte, legte sie die Unterarme in die Seiten und drehte den Kopf noch einmal zurück: „Joa, m'r söiht auch emol gern Soldoate so schie'n bei 'enaa'n! Wammersche emol sonndoags ean de Kasern be- sicht, doas eas als doas ni'et! Alleweil doas woarn richtige Soldoate!"
Tage- und noch wochenlang nährt sich die schlichte Dorfleele von dem starken Erlebnis zufammenge- ballter Wehrkraft, die ihre letzten Wurzeln auch in die Häuser und Höfe senkt, deren Wände eben noch von dem Marschgesang deutscher Soldaten widerhallten. R- $•
Tageskalender für Freitag.
Stadttheater: 14.30 bis 17.15 Uhr „Cavalleria rusticana“ und „Der Bajazzo". — Gloria-Palast, Seltersweg: „Der singende Tor". — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Das Gewehr über".______________
Außerordentliche Zeiten haben noch immer außerordentliche Maßnahmen erfordert. Eine dieser Er-' scheinungen, hervorgerufen durch den Krieg, notwendig geworden durch den Wunsch vieler junger Menschen, auch vor Amt und Menschen für das Leben verbunden zu sein in einer Zeit wie der jetzigen, ist die Ferntrauung, etwas Neues, Zeitge- bvrenes!
Auch vor unserem Gießener Standesamt wurde in diesen Tagen eine solche Ferntrauung vorgenommen. Für eine Ferntrauung sind selbstverständlich auch einige Formalitäten zu erfüllen, wie eben bei einer Trauung überhaupt. Der junge Mann, der sich mit seiner Braut in Gießen verbunden wissen wollte, ging zu seinem Bataillonslomman- deur und gab dort eine Ehewilligkeitserklärung ab, d. h. er ließ in schriftlicher Aufzeichnung wissen, daß er bereit und willens sei, mit seiner Braut in Gießen die Ehe einzugehen. Der Weg dieses Dokuments führte nun — so will es die gesetzliche Vorschrift — direkt zum Standesamt nach Gießen, und das Standesamt forderte die Braut durch ein vor- gedrucktes Formular auf, sich zum Zweck einer Rücksprache beim Standesamt einzufinden. Nachdem auch die Braut gehört war und sie ihr Cinverständ- nis erklärt hatte, wurde der Zeitpunkt der Eheschließung festgesetzt und schließlich die Trauung vollzogen.
Es mag für alle diejenigen Bräute, die durch eine solche Ferntrauung mit ihrem Liebsten vor
Schon seit Monaten sammeln wir, außer Korken, Silberpapier und wertvollen Altwaren, auch Knochen. So gering dem einzelnen sein Teil erscheinen mag, so ansehnlich ist die gesammelte Menge doch in ihrer Gesamtheit. Insbesondere hat die Erfassung der Haushaltungen die Ausbeute ganz erheblich anwachsen lassen, da zuvor nur die Gaststätten und Fleischverwertungsbetriebe systematisch Knochen sammelten. Im Hinblick auf die vielseitige Verwertungsmöglichkeit der Knochen ist die Knochensammlung auch von ganz besonderer Bedeutung. Der Knochen ist nämlich ein äußerst vielseitiger Rohstoff, aus dem außer Leim auch Futtermittel, Düngemittel, Knochenkohle, Glyzerin, Stearin sowie Oele und Fette hergestellt werden.
Die ausreichende Herstellung dieser Erzeugnisse ist somit von dem Sammeleifer eines jeden Volksgenossen abhängig, da wir unsere Einfuhren auf ein Mindestmaß beschränken müssen. Wie geht nun die Gewinnung der genannten Produkte vor sich und wozu werden sie in der Wirtschaft gebraucht? Don den großen Sammelstellen, auf denen oft Hunderte von Zentnern lagern, wandern die Knochen zum Knochenverwertungswerk und werden dort in zahlreichen Verarbeitungsprozessen bis auf den letzten Rest verwertet. Zuerst sucht man Klauen, Hufe und Hörner heraus, die zu einem besonders hochwertigen Maschinenöl für feinmechanische Instrumente verarbeitet werden. Die übrigen Knochen werden dann mit einem Knochenbrecher auf Fingergröße zerkleinert, weil so die größtmögliche Fettausbeute erzielt wird. Die Entfettung geschieht anschließend in großen Kesseln, in denen erhitzte Benz in gase das in den Knochen enthaltene Fett lösen. Die entfetteten Knochen werden nun zu einem Teil der Leim- gcroinnung zugeführt und zum anderen Teil zu Futtermitteln, Knochenkohle und Knochenhärteschrot verarbeitet. Die Knochenkohle findet in Zuckerraffi- nerien zur Reinigung von Rohzucker Verwendung, während das Knochenhärteschrot in der Maschinen- und Stahlindustrie als eines der besten Härtemittel gilt. Knochenfuttermittel sind ebenfalls äußerst hochwertig, denn sie enthalten zu 30 bis 35 v. H. Protein, das seinerseits einen besonders hohen Der--
Gott und der Welt verbunden werden, ein Empfinden nicht ohne tiefe innere Erschütterung sein, den Stuhl neben sich leer zu sehen, den eigentlich der Bräutigam einnehmen soll. Das „Ja" mag um noch einiges anders klingen, als es sonst die Standesbeamten zu Hören bekommen, dieses „Ja", das so allein im Raum und ohne den Widerhall des Ehepartners bleibt, der vielleicht in eben dieser Stunde und im gleichen Augenblick draußen auf Wache steht und nur feine Gedanken da fein können, wo feine Braut ist. Die Standesbeamten, die in Gießen die Trauung vollziehen (Amtmann K e i tz e r und Derwaltu na s -Ob erinfpe ktor Neumann) lassen es sich stets sehr angelegen sein, die Xrauung zu einem eindringlichen Erlebnis zu machen, dies um so mehr, als gerade eine Ferntrauung den Lebensgefährten um so eindringlicher vermissen lassen muß.
Die erste dieser Ferntrauungen beim Standesamt Gießen wurde — aus dokumentarischen Gründen fei es auch hier festgehalten — durch den Standesbeamten, Verwaltungs-Oberinspektor Neumann, vorgenommen. Bei einer solchen Ferntrauung (eine zweite Trauung vor dem Gießener Standesamt findet demnächst statt) sind fünf Personen anwesend: der Standesbeamte, die Braut, zwei Trauzeugen und der Protokollführer. Auch die Ferntrauungen finden selbstverständlich im wüvdia gestalteten Trau- saal und unter Wahrung aller bei jeher Trauung gepflegten feierlichen Formen statt. N.
daulichkeitsgrad (85 v. H.!) aufzuweisen hat. Gleichfalls erwähnenswert ist, daß das Knochenschrot zu 40 v. H. phosphorsauren Kalk enthält. Selbst der entfettete und entleimte Knochen ist noch durch seinen hohen Gehalt an phosphorsauren Salzen wertvoll. Die entölten Hufe und Hörner ergeben ferner ein besonders hochwertiges Spezialdüngemittel, das mit einem Stickstoffgehalt von 16 v. H. andere Düngemittel in der Qualität weit übertrifft. Gedämpftes und gedörrtes Hornmehl findet beispielsweise seit langem in den Weinbergen Verwendung und in den letzten Jahren hat man es vorzugsweise bei der Düngung des Adolf-Hitler-Kooges verwendet, um schnelle und gute Ernteergebnisse zu erzielen. Schließlich findet das unverarbeitete Horn als Werkstoff bei Taschenmessern, Kämmen, Knöpfen, Schirmgriffen usw. Verwendung.
Mit die größte Bedeutung bei der Knochenverwertung aber hat das Knochenfett. Nach erfolgter Reinigung kann es zum weitaus größten Teil zu Seife verarbeitet werden. Hierin gerade liegt in Kriegszeiten feine große Bedeutung. Außer verseifbarem Fett fällt noch Glyzerin, Stearin und Olein ab. Letzteres wird zur Herstellung von Kopierpapieren und Farbbändern sowie in der Texttlindu- ftrie gebraucht. Die Verwendung von Stearin zu Kerzen ist allgemein bekannt. Weniger bekannt aber dürfte seine Verwendung zur Herstellung von Hautcremes und anderen Schönheitsmitteln fein. Schließlich wird das Glyzerin zur Herstellung von Salben aller Art verwendet und ist somit nicht weniger wichtig als alle anderen Knochenprodukte auch. — Denkt deshalb stets an die vielseitige Verwertungsmöglichkeit der Knochen! Wer Knochen fortwirft, beraubt sich selbst wichtiger Erzeugnisse des täglichen Bedarfs!
Bornotizen.
„Vorstoß ins Unendliche. — Das Weltbild der heutigen Sternforschung."
Zum ersten Vortragsabend im neuen Jahr haben Goethe-Bund, Kaufmännischer Verein und die Gesellschaft für Erd- und Völkerkunde in Arbeitsgemeinschaft mit der Volksbildungsstätte Gießen der NS>Gemeinschast „Kraft durch Freude" den be
kannten Forscher und Schriftsteller Robert Hen« feling ein geladen. Henseling wird über das inter- e ff ante Thema „Vorstoß ins Unendliche. Das Weltbild der heutigen Sternforschung" sprechen. Seit es Wissenschaft gibt, fragen die Menschen: Wie weit sind die Sterne von der Erde entfernt? Aber man hatte darüber noch lange nach der Zeit Keplers nur ganz unsichere Vermutungen. Die ersten verläßlichen astronomischen Messungen sind jetzt gerade hundert Jahre alt. Heute greift die astronomische Entfernungsbestimmung bereits über alle dem bloßen Auge sichtbaren Sterne, Lichtwolken der Milchstraße und kosmischen Nebelflecken weit in den Weltraum hinaus, in alle Blickweite der Mesen fernrohre.
Amtsübernahme im ArbeitsamtGießen
Wie wir vor kurzem berichteten, ist als Nachfolger des als Leiter des Arbeitsamtes in Kassel be- rufenen Direktors des Arbeitsamtes Gießen, Ober« regierungsrat Dr. Lift, der Regierungsrat Dr. Nonnenmann mit der Leitung des Arbeitsamtes Gießen betraut worden. Regierungsrat Dr. Nonnenmann wurde nunmehr durch den stell- oertretenben Präsidenten des Landesarbeitsamtes Hesien Dr. Lins aus Frankfurt a. M. in sein Amt in Gießen eingeführt und ihm gleichzeitig auch die Leitung der mit dem Arbeitsamt Gießen verbundenen Außenstelle des Treuhänders der Arbeit übertragen. Bei dieser Gelegenheit wurde von dem stellvertretenden Präsidenten Dr. Lins dem bisherigen Leiter unseres Arbeitsamtes, Oberregierungsrat Dr. List, Dank und volle Anerkennung für feine umsichtige und erfolgreiche Führung des Gießener Amtes und für die fruchtbare Aufbauarbeit im Rahmen des hiesigen Amtsbezirks ausgesprochen. Darauf wurde Regierungsrat Dr. Nonnen- mann als neuer Amtsvorstand verpflichtet und mit feinen Mitarbeitern in Gießen bekanntgemacht. Wie wir bereits berichteten, war Regierungsrat Dr. Nonnenmann bisher u. a. als Leiter des Arbeitsamtes in Jdar-Oberstein und zuletzt in der gleichen Eigenschaft an der Spitze des Arbeitsamtes in Gmunden tätig. Das weitgespannte Arbeitsgebiet des Arbeitsamtes Gießen wird dem neuen Amtsvorstand vielfältige Gelegenheit zu weiterer fruchtbarer Arbeit geben.
EiSb'umen und Rohrbrücke
Die Schönheiten des Winters haben auch ihre Schattenseiten, die sich infolge der Verdunkelung in mancher Hinsicht noch verschärfen. Es ist gewiß unangenehm, wenn sich die Fenster von Wohnungen, namentlich aber die Schaufenster von Geschäftsräumen, mit Eisblumen bedecken. Gewaltsames Auftauen mit warmem Wasser, durch brennende Lichter ober sonstige Beleuchtungskörper dicht an der Scheibe würde unfehlbar das Zerspringen des Glases bedeuten. Richtig ist es, den ganzen Raum auf natürlichem Wege zu erwärmen, damit der Eisbelag schmilzt und abgewischt werden kann. Ein etwa drei bis vier Meter vom Fenster aufgestellter Heizkörper dürfte gleichfalls zum Ziele führen. Schnelleres Auftauen erzielt man mit einem Heiß- luftoentilator, der jedoch so ausgestellt werden müßte, daß er die ganze Scheibe gleichmäßig bestreicht.
Das Auftauen eingefrorener Leitungsrohre erfordert ebenfalls große Vorsicht, um Rohrbrüche zu vermeiden. Nur im Notfälle füllte der Laie eine solche Arbeit vornehmen, und zwar derart, daß man eine Lötlampe ober eine sonstige Wärmeoorrichtung nicht zu nahe und vor allem nicht längere Zeit auf eine kleinere Stelle einwirken läßt, sondern immer einen größeren Teil der Leitung langsam vornimmt, um dann einen weiteren Abschnitt in Angriff zu nehmen; zwischendurch geht man wieder einmal an die vorgewärmten Stellen heran. Bei an sich schon mangelhaften Rohren sollte man unbedingt einem Fachmann die Arbeiten anvertrauen. Jedenfalls ist es besser, solchen Unbequemlichkeiten dadurch vor- zubeugen, daß man abends nicht zu spät die Hauptwasserleitung absperrt und die in den Leitungen stehenden Wassermengen ablaufen läßt.
Im übrigen empfiehlt sich zur Verhinderung von
Knochen - ein wertvolles Rohmaterial
Vielseitige AuSnühungsmöglichkeiten.
„Oer singende Tor."
Ein neuer Gigli-Filrn derJtala-Tobis.
Ein weltberühmter Tenor unter Mordverdacht auf ter Anklagebank, das ist die sensationelle Spitzmarke dieses Films, der von erregenden Gericyis- fzenen, Revue, Bar, Theater, elegantem Künstler- Helm und trister Kaschemme, bis zur sizilianischen Mondlandschaft und amerikanischen Woltenkrazern an keinen effektvollen Kontrasten gespart hat, um einer stürrnsich bewegten Handlung mit einer ganzen Serie krimineller Motive den ihr gemäßen Hintergrund zu geben. Unter dieser im Filmleben nicht ungewöhnlichen Oberfläche liegt das uralte und doch immer wieder diskutable Problem „Künstler und Mensch." Der große Sänger Carlo Franchetti verliebt sich in eine hübsche kleine Tänzerin und heiratet sie zum Entsetzen seines Impresarios, der ihn einst entdeckt und lanciert hat und ihn nun erbarmungslos von einer Aufführung zur andern, von einer Stadt zur anderen, von einem Land zum andern schleift, um ihn zu höchstem Ruhm empor» zupeitschen und nebenbei mit ihm Geld, viel Geld zu machen. In einem solchen „Leben" hat eine private Sphäre, haben gar Liebe und Ehe nichts zu suchen. Und da Franchettt ganz in der Hand seines Impresarios ist, läuft ihm eines Tages feine kleine angebetete Frau davon, nicht ohne eine recht plumpe Wechselfäschung, die einem alten Liebhaber aus der Welt des Varietes die Mittel zum Start in den Ruhm geben soll. Aber der stutzt, und der gefälschte Wechsel gerät in die Hände eines skrupellosen Erpressers, der ihn zu gegebener Zeit zu präsentieren gedenkt. Franchetti ist vom Verlassen seiner Frau im tiefsten getroffen, er entflieht seinem Impresario und taucht im Steinmeer Neuyorks unter, wo er in rauchigen Vorstadtkneipen seine Kunst verschleudert. Hier führt ihn der Film in die Arme des gleichen Mannes, der feinen gefälschten Wechsel in der Tasche trägt und nun aus Franchettis begnadeter Stimme ebenso rücksichtslos Geld schlägt wie der verflossene Impresario. Ein neuer Zufall, und Franchetti trifft feine Frau wieder, die inzwischen ein berühmter Revuestar geworden ist. Die Gatten söhnen sich aus und das happy end märe unvermeidlich, wenn nicht der gefälschte Wechsel wäre, mit dem nun der dunkle Ehrenmann der Frau Franchettis droht, um sie sich gefügig zu machen. Als ihn Franchetti im nächtlichen Dunkel des Parks zur Rede stellt, kracht ein Schuß, der Erpresser ist tot, aber die Gerichtsverhandlung ergibt die Unschuld Franchettis.
Man siebt, der Regisseur Johannes Meyer hat es nicht an Verwicklungen und Überschneidungen fehlen lassen, um nicht ohne ernsteren Unterton einen handfesten Kriminalfilm auf die Beine zu stellen, der nun dem bedeutendsten Vertreter des italienischen Bel Canto unserer Zeit, Benja - mino (Sigit, reichlich Gelegenheit gibt, seine herrliche Stimme nicht nur in faszinierenden Bravourarien zu zeigen, sondern auch mit ihrem melodischen Schmelz schlichte Volksweisen uns ergreifend nahebringt. Dan ihm geht vielleicht, ähnlich wie bei feinem großen Landsmann Caruso feine stärkste Wirkung aus, denn hier fällt seine bei allem strahlend Leuchtenden dach sehr warme und innige Gesangskunst ganz zusammen mit der stillen, versonnenen Natürlichkeit, wie er den rührend schüchternen, unbeholfenen Sänger spielt. Es ist von eigenartigem Reiz, inmitten des italienischen Milieus, durch das temperamentvolle Agieren einer großen Komparserie noch unterstrichen, die deutschen Schauspieler zu beobachten, wozu man wohl auch die Schwedin Kirsten H e i b e r g rechnen darf, die mit viel Anmut und verhaltener Koketterie die Frau Franchetti gibt. Hans Olden spielt mit vielen Nuancen den schuftigen Erpresser, Hilde Körber sehr nobel dessen Frau, Walter S t e i n b e ck eiskalt und zynisch den Impresario, Rudolf Platte beweglich und schwadronierend den Sekretär, Friedrich K a y ß l e r schließlich mit sympathischer Würde und Bestimmtheit den Gerichtsvorfitzenden.
Fr. W. Lange.
Zeitschriften.
— Ulrich Christoffel bringt im Januarheft der „K u n st" (im F. Bruckmann - Verlag München) einen reich bebilderten Aufsatz über Anselm Feuerbach anläßlich seines 60. Todestages. G. H. Theunis- fen behandelt das Schaffen des Malers Karl Eulen- stein, eine radikale Selbftdarstellung des Menschen, in die alle sichtbaren und unsichtbaren Dinge hin- eingeholl und dort umgeschmolzen werten. Im zweiten Teil zeigen zwei Landhausbauten des Architekten Denis Boniver (Stuttgart) klaren Aufbau und eine glückliche Einfügung in die Landschaft. Die neuen Möbel der Stuttgarter Fabrik Georg Schoettle sind formschön und vermögen eine behagliche Atmosphäre zu schaffen. Siegfried Möller, ein Meister der Fayencen, zeigt Proben seiner Kunst. Die Arbeiten der sudetendeutschen Spitzenschulen Gossengrün und Schönfeld bei Elbagen und das weihnachtliche Kunfthandwerk von Anna Fehrle (Schwäbisch-Gmünd), „Weihnachtsengel und Ma
donna", werden befo-nters entzücken. Das abwechslungsreiche Heft bringt schließlich noch unter dem Motto „Klarheit und Schlichtheit als Ausdruck einer neuen Raumgestaltung" Abbildungen aus der Reichsbräutefchule Schwanenwerder, Berlin- Wannfee, und aus der Haushaltungsschule des Deutschen Frauenwerkes in Stuttgart sowie Erzeugnisse der Meisterschule des deutschen Handwerks, Fachschule für Textil, Offenbach a. M.
Gruß an Erwin.
Von Wilhelm Scharrelmann.
Es war an einem der dunkelsten und fteudlofe- ften Regentage, die der November hier im Norden jemals über uns ausgegossen hat. Schon der Morgen mit seinem halberstickten Licht und seiner klebrigkalten Lust, konnte einem die Laune verderben, ehe man es selber merkte. An solchen Tagen braucht einem ja durchaus nicht erst ein großer Verdruß über den Weg zu laufen ... Vielleicht daß man aber an einem solchen Taae auch doppelt dankbar ist, wenn einem statt dessen eine kleine Freude über das Herz weht ...
Stehe ich da neulich in der Frühe an einem Morgen, der so grau ist, daß es grauer einfach nicht geht, in der Eingangshalle eines großstädtischen Bahnhofs und habe es eilig, ein paar Postsachen zu besorgen. Natürlich ist wieder mal fein Platz an den Pulten frei, und sämtliche Federhalter sind gleichfalls mit Beschlag belegt. Als wäre zu der frühen Morgenstunde alle Welt bereits darauf ver- jessen, einen irgendwie zu hindern und nervös zu machen.
Ungeduldig trete ich von einem Fuß auf den andern und blase durch die Nase, daß ich mich mit der Leistung ganz gut den „Sechsen, die durch die ganze Welt kamen", hätte anschließen können. Aber dann siegt doch die Vernunft, und ich versuche mich zu überreden, wie herrlich es im Grunde ist, ein wenig warten zu dürfen. Eine richtige kleine Ausspannung, nichts weiter ... Richtig siegt man wieder die Tugend, und nach kaum einer Minute wird ein Platz für mich frei.
Auch mir gegenüber wechselt gerade die Belegschaft. (Es sind nämlich Doppelpulte, die da für die Reisenden aufgestellt sind.) Vier junge Mädchen stecken jetzt dort die Köpfe zusammen, und aus ein paar Worten ist schon zu schließen, daß sie das schwierige Werk einer gemeinsamen Feldpoftkarte in Angriff nehmen wollen, doppelt schwierig, weil sie sich, trotz aller darüber bereits geführten Dis
pute, weder über das Was noch über das Wie haben einigen können.
„Aber ihr müßt mir helfen!" sagt die eine von ihnen, nun man ihr, um dem Hin und Her ein Ende zu machen, einfach den Federhalter in die Hand gedrückt hat, mit komischem Ernst, und während die anderen schon wieder von neuem miteinander überlegen und sich gegenseitig mit wispernden Stimmen und lächelnden Lippen neue Vorschläge machen, beginnt sie zu schreiben.
„So!" unterbricht sie sich da plötzlich, und ein entzückendes Lächeln tritt in ihre jungen Züge. .Lieber Erwin! hätte ich. Das ist immer mal erst die Hauptsache."
Dabei fliegt schelmisch und verstohlen ein hastiger Blick zu mir herüber, und ich muß mitlächeln, ob ich will oder nicht.
Die düstere, noch verdunkelte Halle, die Fahrkartenschalter, das Pult, an dem ich stehe, der vertretene und mit nassen Fußspuren bedeckte Boden — alles ist plötzlich wie von einem heimlichen Strahl der Freude überglänzt.
Lieber Erwin — das ist immer mal erst die Hauptsache. Kann man das einfacher und beiläufiger sagen?
Während wir alle noch lächeln — die vier Mädel da vor mir und ich selber — denn so zu tun, als hätte ich nichts verstanden, gelingt mir einfach vorbei, — beugen wir uns alle wieder über unsere Schreiberei.
Jede von ihnen soll wenigstens einen Satz beisteuern, sind sie mittlerweile drüben übereingekommen ...
Vielleicht, daß ein ebenso troftlos grauer Regentag ist, wenn der gute Erwin irgendwo da draußen an der Front die Karte bekommt und sein Gesicht dann von einem Lächeln überglänzt wird, ähnlich dem, unter dem die Karte geschrieben wurde? Vielleicht sogar, daß 'es seinem Herzen einen sehr vernehmlichen Stoß gibt, wenn er unter den vier Unterschriften den einen Namen lieft, der ihm mehr bedeutet als alle anderen Namen der Welt ... Möglich auch, daß er die Schreiberinnen nicht einmal kennt. Immerhin: Lieber Erwin! bas ist allemal und in allen Dingen zwischen Mensch und Mensch die Hauptsache ...
Noch während ich im Zuge sitze und in den grauen Tag hinausfahre, will mir das Wort nicht aus dem Sinn, das mit einem so bezaubernden Lächeln zu mir kam. O, sie hatte schon recht, die Kleine da vorhin. Lieber Erwin, das ist wirklich immer erst die Hauptsache. Wir wissen es ja längst, schade, daß wir es wieder ttnb immer wieder vergesieru


