Ausgabe 
4.10.1940
 
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Nr. 255 Zweiter Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhelfen)

Freitag, 4 Oktober MV

Aus der Stadt Gießen.

Der Herbst in der Bauernsprache.

Der Herbst ist die Jahreszeit der Ernte und Lese, ist der Abschluß und die Krönung eines arbeits­reichen Jahres. Sitte und Brauchtum dieses be­deutungsvollen Jahreslaufabschnittes haben reiche und vielfältige Ausprägung erfahren. Auch in der deutschen Sprache hat der Herbst mannigfaltigen Niederschlag gefunden. Im deutschen Volkslied wird er besungen als die Zeit, in der sich das Laub golden färbt und vom Herbstwind von den Bäu­men gerissen wird. Der Frühling, so sagt der Dolks- mund, ist zwar schön, doch wenn der Herbst nicht wäre, wäre zwar das Auge satt, der Magen aber leer.

Das früh- und spätmittelalterliche Zehnt- und Zinswesen schuf eine Reihe von Sprachformen, die zum Teil noch bis zum heutigen Tage erhalten ge­blieben sind. Herbstbede hieß z. B. die Trauben­steuer; das war der Zehnt, den der Winzer vom Ertrag seines Weinberges abzugeben hatte. Die Herbstgarbe war der Teil der Ernte, der zu ent­richten war, ebenso mußte in alten Zeiten das Herbsthuhn gezinst werden. Die obrigkeitliche Ver­ordnung, durch welche die Weinlese eröffnet wurde, ward Herbstbrief genannt. Herbstschreiber war in Weingegenden der Titel des Einnehmers der Wein­zehnten. Der Herbstspruch eröffnet noch heute in manchen Gegenden das Erntefest. /

Eine Reihe von volkstümlichen Ausdrücken und Redewendungen stand und steht zum Teil noch im Zusammenhang mit der bäuerlichen Wirtschaft. Aus der Vielzahl dieser ländlichen Bezeichnungen seien einige herausgenommen. Das Vieh, das im Herbst geboren wird, heißt Herbstling. Eine spätreifende Apfelsorte und ein Blätterschwamm, derReizker"', auchHirschling" genannt, führen denselben Namen. Herbsttahm hängt nicht/ wie vielleicht angenommen werden könnte, mit dem Rahm der Milch zusam­men, sondern ist in Weingegenden eine Bezeich­nung für den Most und den neuen Wein. Die Herbstnachtigall ist das Rotkehlchen. In manchen Gegenden ist die BezeichnungHerbstlümmel" ein Schimpfname und bezeichnet einen groben und un­geschliffenen Menschen. ,

Dieser kleine Ausschnitt zeugt von der Vielfältig­keit der Sprache, die das Volk und vor allem der Bauer sich in seinem Alltagsleben geschaffen hat.

Vornotizen.

Tageskalender für Freitag.

Stadttheater: 19.30 bis 22 UhrPaganini". Gloria-Palast, Seltersweg:Achtung! Feind hort mit!" Lichtspielhaus, Bahnhofstraße:Falstaff in Wien".

Sladttheater Gießen.

Am heutigen Freitag wird die OperettePaga­nini" von Franz Lehar wiederho.lt. Mustkalische Leitung: Arthur Apelt, Spielleitung Harry Grü- neke. Die Geigensoli spielt Konzertmeister Franz Kerzisnik. Bühnenbild Karl Löffler. Tanzleitunz Irmgard Trömel, Chöre Arthur Apelt. 3. Freitag- Miete.

Ortszeit für den 5. Oktober.

Sonnenaufgang 7.33 Uhr, Sonnenuntergang 18.53 Uhr; Mondausgang 12.27 Uhr, Monduntergang 21.22 Uhr.

Gute Kameradschaft Mischen Wehr­macht und NG.-Frauenschaff.

Längst haben die Soldaten erkannt, daß die NS- Frauenschaft stets bereit ist, ihre Wünsche zu er­füllen. Sei es nun, daß Strümpfe gestopft werden müssen, daß die Wäsche schadhaft ist, oder daß die Soldatenfrau zu Haus eine Hilfe braucht. Auch der Küchenunteroffizier hat vielfach den Weg zur NS.- Frauenschaft gesunden, wo man chm gerne eine neue Anregung für seine Feldküche gibt, ihm sogar praktischen Unterricht erteilt, wenn ein dementspre­chender Wunsch geäußert wird. Für soviel Hilfsbe­reitschaft zeigen unsere Soldaten sich gern erkennt­lich. Wenn Zwetichenmus gekocht werden muß, wobei ein starker Arm zum Rühren stets erwünscht ist, dann werden zwei Mann ab kommandiert. Zieht

Die Macht des Schicksals."

Zur Erstaufführung im Stadttheater.

Mit Verdis OperDie Macht des Schicksals" leitet das Stadttheater die Reche der Opernneu­inszenierungen 1940/41 ein. Die Oper verlangt den Einsatz aller technischen Mittel. Die Drehbühne des Stadttheaters ermöglicht eine rasche Aufeinander­folge der Bilder.

Neben dem festen Singchor unseres Theaters ist ein Extta-Singchor von 40 Damen und Herren bei der Aufführung beschäftigt. Das Orchester ist wesentlich verstärkt worden. Mit der Einstudierung dieser Oper stellt sich Kapellmeister Otto S ö l l n e r als Operndirigent vor. Intendant Hans Waller Klein hat die Spielleitung des Werkes, das zum großen Teil neu ausgestattet worden r[t. Die acht Bühnenbilder und ihre technische Einrichtung, die

einen fast pausenlosen Umbau ermöglicht,,stammen von Karl Löffler. Im Interesse der auswärtigen Theaterbesucher wurde die Premiere der Oper auf Sonntag gelegt. Der wesentlich erweiterte Spiel­körper auch für die Oper des Stadttheaters ermög­licht die Bewältigung der großen Aufgabe, die ein so umfangreiches Bühne «werk wieDie Macht des Schicksals'^ darstellt, jetzt in würdiger und einwand­freier Weise. Die Oper entstammt in ihrer Hand­lung einem spanischen Stoff. Es wird in ihr die Uebersteigerung des altspanischen Standesdünkels und eines verderblichen Kastengeistes zum tragischen Schicksal zweier Liebender und zum Untergang eines Adelsgeschlechtes. Die Tragik der Handlung wird gemildert durch Szenen heiterer Ausgelassenhell

die Dienststelle gar um, so gibt es ungezählte Hände, die zugreifen. Die Arbeit ist oft viel zu schnell getan, denn den Soldaten macht sie viel Freude.

Sie MW d MeüsslM

Achtung!

An die Mitglieder der Deutsche» Arbeitsfront!

Mll dem 31. Oktober 1940 verlieren die jetzigen DAF.-Beitraasmarken ihre Gülligkeit und werden eingezogen. Ab 1. November werden neue DAF.- Beitragsmarken eingeführt, so daß evt. vorhandene Rückstände in der Höhe des jeweiligen Bruttoein­kommens bis zum 31. Oktober mit den allen Marken nachgeklebt werden müssen. Die neuen Marken dürfen für aufgelaufene Rückstände nicht verwendet werden. 4294D

Es wird ausdrücklich darauf aufmerksam gemacht, daß die bei den Baubetrieben üblichen Wochen­marken und die Wehrmachtsmarken zu 0,60 RM. mit dem Ueberdruck 1940 ihre Gültigkeit behalten und im Umlauf bleiben.

Die Deutsche Arbeitsfront. Verwaltungsstelle 24. Wetterau.

llSGmeMM M Kraft önrfl Sretiöe

Sportamt KdF.

..Kindergymnastik."

Jeden Freitag von 16 bis 17 Uhr: Turnhalle Schillerschule, Schillerstraße. 4403D

Bezugscheine für kinderreiche Familien.

Auf eine Anregung des Reichsbundes Deutsche Familie hat der Reichswirtschaftsminister die Wirt­schaftsämter darauf aufmerksam gemacht, daß die Zuteilung bezugsbeschränkter Waren selbstverständlich nicht nach Haushalten, sondern nach der Kopfzahl der im Haushalt zusammengefaßten Familie zu erfolgen habe. Dabei sollen die Anträge kinderreicher Fqmilien, die sich wegen des geringen auf den Kopf entfal­lenden Einkommenteils des Ernährers in der Vor­kriegszeit keine hinreichenden Vorräte an bezugs­beschränkten Waren, insbesondere an Spinnstoff­waren, anschaffen konnten, besonders berück­sichtigt werden.

Wer verschenkt gerne sein Glück?-

Wem von uns ist nicht beim Kauf eines Los­briefes vom braunen Glücksmann, gleichviel, ob es ein Gewinn oder eine Niete war, der Prämien­schein überreicht worden, und der Glücksmann er­mahnte uns, den Schein bis zur Ziehung gut auf­zubewahren? Aber nicht immer wird dieser An­regung des Losverkäufers Folge geleistet. Der eine legt das Prämienlos achtlos zur Seite, der andere schenkt es mit einer lässigen Handbewegung dem Verkäufer.

Wie nun das Amt für Lotteriewesen bekannt

gibt, hat sich ein Verkäufer in Ostpreußen die Mühe gemacht, alle diese Prämienscheine der Kriegshilfs- werk-Lottevie, die von feinen Loskäufern nicht be­achtet wurden, zu sammeln. Sein Fleiß wurde bei der Prämienziehung wahrhaft reichlich belohnt. Er fand unter feinen Prämienlosen, die anderen wert­los erschienen, eine Hauptgewinn zu RM. 5 000, und eine Prämie zu RM. 100, vor. Daraus er­gibt sich für jeden Volksgenossen, der Losbriefe für das Kriegshilfswerk für nationale Arbeit ober für das Winterhilfswerk kauft, um das gute Werk zu unterstützen, die gute Lehre, auch die Prämienlose zu beachten und bis zur Ziehung aufzubewahren.

Oie Verlängerung der Sommerzeit.

Durch eine gestern im Reichsgesetzblatt erschienene Verordnung des Ministerrates für die Reichsverteidi- gung wird die Sommerzeit bis auf weiteres verlän­gert. Dadurch erhält die Bevölkerung die Möglichkeit, ihre Einkäufe vorläufig auch weiterhin bei Tages­licht vornehmen zu können.

2. Besichtigungsgang des Geflügelzüchter Vereins Gießen. Am Sonntag unternahm eine stattliche Zahl Mit­glieder des Geflügelzuchtvereins Gießen einen Be­sichtigungsgang, der diesmal zu den im Süd- und Ostviertel wohnenden Züchtern führte.

Die auf beachtlicher Höhe stehende Zwergrhode- länderzucht von Mitglied Sommer fand allge­meine Bewunderung. Der Vereinsvorsitzende Bau^r besprach unter praktischer Veranschau­lichung an einzelnen, fertig entwickelten Jungtieren diese äußerst wirtschaftliche Zwergrasse. In dieser Rasse ist Schönheit und Leistung miteinander ver­bunden, und sie ist wert, weiteste Verbreitung zu finden. Ueberall da, wo nur kleine Platzverhältnisse zur Verfügung stehen, sollte eine wirtschaftliche Zwerghuhnrasse gehalten werden. Im Verhältnis zu den großen Hühnerrasse« benötigen diese Zwerge bedeutend weniger Futter, dabei stehen ihre Lei­stungen an Eiern mengenmäßig kaum hinter den Großrasfen zurück; auch das Eigewicht mit etwa 48 bis 54 Gramm ist ganz erstaunlich. Dem Züchter wurde vollste Anerkennung für die auf kleinstem Raum vollbrachte züchterische Leistung ausge­sprochen.

Die aufwärtsstrebende Zucht silberfarbiger Ita­liener des Mitgliedes Birkenstock fand ebenfalls stärkste Beachtung. Ganz besonders wurde die von dem Züchter mit großem Geschick selbst hergestellte praktische und schöne Stallanlaae bewundert.

In unmittelbarer Nachbarschaft konnten die von dem Mitglied Stork seit vielen Jahren mit großer Ausdauer gezüchteten schwarzen Rheinländer be­sichtigt werden. Die Jungtiere machten einen guten Eindruck und berechtigen zu begründeten Hoffnungen auf einen guten Erfolg.

Im weiteren Verlaufe des Rundganges wurde die Geflügelhaltung des Mitgliedes Philippi be- fichtigt, die sich, wie immer, durch Sauberkeit und Ordnung auszeichnete. Leider konnte er diesmal feine originelle Stallaterne wegen Betriebsstoffmangel nicht vorführen, was schon traditionell geworden mar, und deshalb allgemein sehr bedauert wurde.

Zum Schluß wurde die neugegründete Zucht­anlage des Mitgliedes Grünecke besichtigt. Die zum größten Teil selbst hergestellte schöne Stall­anlage mit der praktischen Inneneinrichtung und nicht zuletzt die gutentwickelten Rhodeländer Jüng­stere ließen erkennen, daß der Besitzer mit Lust und Liebe bei der Sache ist und seinen Tieren die beste Pflege angedeihen läßt. Herr Grünecke versicherte, daß die Beschäftigung mit seinen Tieren für ihn die schönste Liebhaberei und beste Erholung nach anstrengender Berufsarbeit fei.

Bei Mitglied B e ck irn Schützenhaus wurde der Rundgang beendet. Der Vereinsführer wies noch einmal in überzeugender Weife auf die wichtigsten Punkte hin, die die Voraussetzungen für eine er­folgreiche Geflügelzucht sind. Grundsätzlich nur eine Hühnerrasse halten, nicht fortgesetzt mit der Rasse wechseln, sondern an der nun einmal gewählten Rasse feschallen, denn Ausdauer und Beharrlichkeit führen zum Ziel. Nicht mehr Hühner halten, als es für den vorhandenen Platz zweckmäßig isst Einen ausreichenden Platz im Auslauf für die Auf­zucht reservieren, nachdem der Boden durch Unter­graben von Aetzkalk im Herbst und Einsäen von Hafer usw. im Frühjahr entseucht worden ist. Die Unterbringung des Geflügels in zweckmäßigen Stallungen, die richtige Fütterung und die gefühls­mäßige Pflege sollte bei den im Geflügelzuchtverein organisierten Züchtern eine Selbstverständlichkeit sein.

Zusammenfafsend kann über das Ergebnis dieses Besichtigungsganges gesagt werden, daß er für alle Teilnehmer interessant und lehrreich war. Zu wün­schen wäre allerdings, daß sich künftig nur an­nähernd soviel Mitglieder an dem Besichtigungs­gang beteiligen möchten, wie zu der Futterverlei- lung erscheinen.

Aerztliche Hilfe während eines Fliegeralarms.

Freipraktizierenden Aerzten und Hebammen wird die Erlaubnis zum Betreten von Straßen und Plätzen während eines Fliegeralarms auf Antrag erteilt. Infolgedessen können sie zu Hilfeleistungen während eines Fliegeralarms in Anspruch genom­men werden. Es wird aber besonders darauf hin» gewiesen, daß jeder Volksgenosse, der ohne dringende Notwendigkeit das Leben der Aerzte und Hebammen durch Inanspruchnahme während des Fliegeralarms gefährdet, für alle ein­tretenden Schäden haftbar gemacht wird.

Aehre Korn Brot.

NSG. Die Ernte ist eingebracht. Reichen Segen schenkt uns der Bauer. Wir wissen, daß trotz Krieg unsere Ernährungslage gesichert ist. Freudig danken wir unseren Bauern für ihre Mühe und Lasten, denn ihr voller Einsatz schafft uns Ncch- rungsfreiheit. Auf den endlos weiten Feldern un­seres Großdeutschen Reiches werden die goldgelben Garben des Getreides gedroschen, und goldbraunes Korn stießt in endlosem Strom zu den Lagern. Es ist die Grundfeste unserer Ernährung. Gesundes Korn hat und behält all seine Kraft, um das Wun­der der Keimung, der ewig neuen Leb en sw erd ung immer wieder im unabänderlichen Rhythmus zu offenbaren. Aus diesem Korn wird unser Brot. Als wichstgstes Lebensmittel der Menschen wohnt ihm die ungebrochene Kraft inne, seine biologische Mis­sion zu erfüllen. Nur ein Brot, das aus vollem Schrot und Korn gebacken wird und alle integralen Bestandteile des lebendigen Kornes unverfälscht ent­hält, kann unser Volksbrot sein. Wir kennen es als Vollkornbrot, das durch die Gütemarke mit der Ge­sundheitsrune deutlich kenntlich gemacht ist.

** Kriegsauszeichnung. Dem Gefreiten Heinz Naumann, Gießen, Hessenstraße 5, wurde nach beendetem Urlaub beim Wiedereintreffen bei seiner Truppe das Eiserne Kreuz U. Klasse für ferne Teilnahme an den Kämpfen in Frankreich verliehen.

. ** Riesenkürbisse. Ein Gärtner in Klein- Linden hat es fertig gebracht, drei Kürbisse im Ge­samtgewicht von 106 Kilogramm zu ziehen. Der größte Kürbis wiegt 38 Kilogramm, die beiden an­deren 35,5 und 32,5 Kilogramm. Die Riesenftüchte sind allerdings auf einem Komposthaufen gewachsen.

Max Halbe.

Zum 75. Geburtstage des Dichters am 4. Oktober.

Als Max Halbe mit seinem dichterischen Schos­sen begann, beherrschte der Naturalismus die Bühne. Die Jahrhundertwende ist es, die Halbes Dramen den besonderen Charakter und die eigenartige Stellung in der Geschichte des deutschen Theaters gab. Wir dürfen heute das naturalistische Drama nicht nach den alten theoretischen Programmen und Manifesten beurteilen, die nachttäglich allerdings leicht aus der Vogelperspektive zu widerlegen sind. Der Naturalismus kämpfte gegen eine selbstzufrie­dene, verantwortlose Literaturproduktion, die m den übernommenen Dichtungs formen nur ästhetische Schablonen sah und sie mit eitlem, unwahrem Pathos füllte. Dieser Kampf wurde zweifellos mit unzureichenden Kräften und Waffen geführt, aber er war wie Helmuth Langenbucher ihn bezeich­netein Anlauf auf das Volk hin, der in der Klaffe stecken blieb."

Die Jahrhundertwende barg noch eine andere immanente Strömung in der Literatur. Max Halbes zuletzt erschienene Bücher feiner großen Selbst­biographie zeigen schon im Titel die beiden Regw- nen an, die bei ihm sich verbanden:Scholle und Schicksal" heißt der eine,Jahrhun­dertwende" der andere Teil. Und wenn Halbe die führenden Persönlichkeiten jener Jahrhundert­wende auch mit viel Sympathie anschaulich schildert, so betont er zugleich doch sehr bewußt seine eigene Art alsostmärkische Romantik". Trotzdem wird Halbe bis heute allgemein noch nach dem einmal geschehenen Vorgang der damaligen Literaturkrittk einfach unter die Naturalisten gerechnet.

Er ist ein eigentümliches fast tragisches Mißver­stehen überhaupt, mit dem man dem Lebenswerk Max Halbes gegenübersteht. Durch die Aufführung seines DramasI u g e n d" wurde der Siebenund­zwanzigjährige mtt einem Schlag berühmt. Das war 1893. Das Stück hat auch späterhin seine dramattsche Wirkung behalten. Das ist von dem gesamten Theaterschaffen jener Zett nur noch Gerhart Hauptmanns besten Werken beschieden gewesen. Auch heute noch packt an diesem Werk das warme, menschliche Verständnis und der durchdringende

Blick für unwägbares, schwer in Worte zu fassen­des seelisches Erleben, das hier einen beispielhaften Ausdruck findet. Aber der Riesenerfolg derJugend" überschattete sein ganzes späteres Werk. Dabei fand Halbes künstlerischer Instinkt, der von Anfang erd- und triebgebunbener, blut- und naturnäher erscheint, in den kommenden, weniger berühmten Dramen wieEisgang",Der S t r o m" oderMut­ter Erde" noch stärker als in derJugend" die große Gestaltungsfähigkeit, die sich nicht mehr in eine Menge gleichgültiger Figuren zersplittert, die nur eben zur Charakteristik einer Gesellschastsschicht oder eines Standes bedeutungsvoll sind. Max Halbe sucht vielmehr und es gelang ihm immer stärker Menschen zu formen, die durch ihr per­sönliches Dasein, durch ihren Charakter, durch ein selbstgewältes Schicksal oder eine beherrschende Idee den Zuschauer mitzureißen wußten; er schilderte sie mit seinen eignen psychologischen Mitteln, die uns auch jetzt, vierzig Jahre später, noch erregend leben­dig ansprechen. Dabei war seineostmärkische" keine programmattschneue Romantik", seine deutlich symbolischen Handlungen nicht Absichten eines Sym­bolismus, fortbern aus der realistisch gegebenen Szene erwachsend.

*

Auch in Max Halbes Prosa, in kleineren Erzäh­lungen, wie demRing des Lebens" oder im großen RomanD i e Tat des Dietrich Sto- baue" beruht der Erfolg (und dieser Roman war noch einmal ein Erfolg, der einigermaßen an den derJugend" heranreichte) auf den gleichen Vor­aussetzungen des Zusammenklangs von Naturalifti- fchem und einer erdhaft vollklingenden Romantik, von realistischer Klarheit und symbolischer Ver­tiefung. Dieser Zusammenklang, der im Wesen des Ostdeutschen Max Halbe ist gebürtiger Danziger seinen ganz eigenen Ton fyat, erfüllt chm Geist wie Sprache, sinnlichen Ausdruck wie Andeutung des Seelischen, läßt seinem dichterischen Jnttinkt den Raum auch für die Pausen, das Schweigen, in dem nur durch Naturelemente wie denStrom" das Schicksal spricht. Aber auch in einer einfachen Dorfgeschichte wieFrau M e s e ck" empfindet man diesen reinen Zusammenklang verschiedenster Elemente, der allein uns verpflichten sollte, heute und von unserer Zeitsicht aus von dem Gesamtschaf- Ifen des Dichters der.Lugend" oonirteilsfrei Kennt­nis zu nehmen. Rudolf A. Dietrich.

Musik in her Nacht.

Unter diesem Titel erscheint soeben im Furcheverlag, Merlin, ein Bändchen von Philipp Kramer, das zwei Erzählun­gen enthält. Der Verfasser, der seinerzeit in Gießen an der Oberrealsckule tätig war, ist unseren Lesern kein Unbekannter. Wir bringen hier den Anfang der Titelerzählung und kommen noch auf das Bändchen zurück.

Die Malerei ist geboren aus der Tageshelle der Sonne. Die Leuchttraft ihrer Sttahlen strömt zau­berisch aus den Lichtgebilden der' Farben. Die Malerei schwebte hernieder zu uns als Boffchaft aus himmlischen Höhen, daß Gott Licht sei.

Die Musik ist so recht ein Kind der Nacht. Sie steigt empor aus dem dunklen Reich der Mütter, dem Urschoß des schaffenden Lebens, bei allem Tönen ihr Geheimnis keusch verschweigend und kostbar bewahrend. Sie gibt ihre klingende Ver­kündigung nicht jedem preis, die nämlich, daß wir in das Bergwerk unsrer eignen Tiefe hinabmüfsen, um ihrer Segnungen teilhaftig zu werden.

Der Pinsel sucht das Licht. Im Dunkel der Nacht verbirgt er sich. Wenn aber die Violine des Künst­lers im Saale zu fingen beginnt und jubelt und klagt, verlöschen die Lampen.

Deffnen sich die Augen wett vor den Wundern des Bildes, so fangen die inneren Stimmen an zu sprechen und suchen lauschende Ohren. Beschwören uns die Seufzer der Sonate, so schließen sich schwer die Augen, und wir wandeln in Helligen Hainen, wo weiße Priesterinnen unter dunklen Zypressen das rote Feuer des Opfers entzünden.

Der kühle Brunnen vor unsrem Fenster plätschert den ganzen Tag. Er gießt seine Erquickung unauf­hörlich bei brennender Sonne in den steinernen Trog, die Durstigen zu tränten und zu laben. Bei sinkender Nacht erst wird fein Tönen Musik, die tröstlich klingt in die Träume der Schlafenden, die nach ihm hin chre Fenster offen halten. Zur Nacht erst kündet er eindringlich die chm allein anver- traute Boffchaft, die außer chm kein anderer kün­den kann.

Die Nacht rft nicht das kalte, böse Dunkel, das uns finster umdroht. Sie ist das Reich derstern- flammenden Königin" aus MozartsZauberflöte", deren Gewand funkett von den goldenen Leucht­bällen der Sterne, und die im holden Silber des fünften Mondes nach ihrer Tochter trauert

Alles Tönen Mozarts rft eine einzige .Kleine Nachtmusik". Er fpiett auf dem Klavizembalo und nur Aroei Kerzen leuchten scheu den Noten Die Lauschenden sind ins Dunkle verwiesen. Der alte Bach spielt in Potsdam dem alternden König int dunklen Raum der Potsdamer Kirche, und Friedrich fürchtet, der edle Zauberer mache chn noch fromm. Die innige Melancholie der Flöte Friedrichs singt geschwisterlich mit den zitternd schwingenden Tönen des Klavizembalos. Und nur die Kerzen leuchten.

In der Mittagssonne will das Singen schweigen Aber in der Nacht erheben sich alle Stimmen lauter.

O Musik in der Nacht!

Lichtspielhaus:Kalflaff in Wien."

Ein Unterhaltungsfilm im beliebten Gewände des Wiener Biedermeier. Das Drehbuch (Dr. W a 11- n e r und Feltz) schildert nach einer Novelle von Robert H o h 1 b a u m die Entstehung von Nicolais komischer OperDie lustigen Weiber von Windsor". Die Musik des Originals, die noch nichts von ihrer ursprünglichen Anziehungskraft und Frische verloren hat, gibt der zwischen gefühlvollem Idyll und stürmischer Improvisation schwebenden, sehr locker geschürzten Handlung die eigentliche Würze und das rhythmische Temperament. Liebe und Eifer­sucht, Verwechslung und Intrigenspiel sind die trei­benden Elemente des Spiels, das die shakespearische Fabel in das Oesterreich der Metternich-Zeit über­trägt und die Ereignisse der Oper als drastische Kopie wirklichen Wiener Lebens darstellt. Leopold H a i n i s ch s SpiAführung hielt sich auf der Mitte zwischen biedermeierlichem Sentiment und kräftigem Situationswitz; der Kameramann Bruno Mondi fand eine filmisch lohnende Aufgabe in der Dar­stellung von Nicolais opernhaften Phantasien, dem Alois M e 1 i ch a r als musikalischer Leiter natur­gemäß die wichtigsten Anregungen verdankt. Ari­bert Wäscher im Mittelpunkt gibt den italieni­schen Theaterdirektor Balocchino als einen feisten, trunkenen, hitzig verliebten Falstaff von bemerkens­wert komischen Qualitäten. Hans Nielsen fft der sympathisch angelegte Komponist, Gusti W o 1 f die naiv zwitschernde kleine Sängerin Mizzi; Paul Hörbiger, Wolf Albach-Retty, Gustav Waldau und Lizzi H o 1 z f ch u h spielen sehr wie­nerisch die übrigen Hauptfiguren des aus Oper und Lustspiel gemischten Films. (Tobis.) Auf die vielseitige Wochenschau wurde an dieser Stelle schon hingewiesen. Hans Thyriot