Ur. TO Zweites Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberheffen)
Donnerstag, 4- April |94O
Aus der Stadt Gießen.
Womit machen wir den Krühjahrsputz.
Um den Frühjahrsputz trotz Einschränkung von Seife und Verknappung von Reinigungsmitteln gründlich durchführen zu können, benützen wir zweckmäßig einige erprobte seifensparende Hausmittel. Feiner Flußsand leistet gute Dienste zum Scheuern von Tischen, Stühlen, Küchenbrettern und Gefäßen aus rohem Holz. Hierbei ersetzt Sand mit Wasser die kostbare Seife. Die damit gereinigten Gegenstände werden vollständig sauber und weiß. Für die genannten Zwecke ist Sand jeder Waschlauge vorzuziehen, da Waschlauge stets Soda enthält, die das Holz grau macht.
Warmes Wasser mit einem Schuß Salmiak nimmt man zum Reinigen von lasierten Möbeln, Türen und Fensterrahmen.
Schlämmkreide beseitigt besonders gut Flecken und Schmutzstellen auf hell gestrichenen oder lackierten Türen, Fensterrahmen usw. Mit wenig Wasser rührt man einen dicklichen Brei an oder gibt die trockene Schlämmkreide auf einen feuchten Lappen und reibt damit über die Flecken. Mit klarem Wasser wird nachgewischt. Es empfiehlt sich, wie wir es für die Wäsche als Regel fordern, auch für das Reinemachen Weichwasser zu verwenden. Am zweckmäßigsten nimmt man, um Soda zu sparen, natürliches Weichwasser. Wo es irgend möglich ist, sollte also Regen- oder Schneewasser, das ohne jegliches Enthärtungsmittel von Natur aus weich ist, gesammelt und verwendet werden.
Am zweckmäßigsten richteck wir es so ein, daß mit dem Hausputz im Anschluß an eine große Wäsche begonnen wird. Auf diese Weise können wir die restlichen Laugen noch gut zum Scheuern stark verschmutzter Fußbö.den ausnützen. Besonders gut eignet sich gebrauchte Waschlauge zum Aus- 1 waschen von Bohnertüchern, Mop usw. Auch das erste heiße enthi^tete Spülwasser, das meist achtlos fortgegossen wurße, ist noch seifig genug, um damit Kacheln, Fliesen, Ausgüsse, Badewannen u. ä. gut zu reinigen.
^Linoleumfußbüden dürfen nicht mit oder Sodawasser oder alter Waschlauge gescheuert werden. Steht kein Terpentinölersatz mehr zur Verfügung, so muß man sich für die Kriegszeit mit feuchtem, kalten Aufwischen auch eben einmal begnügen, selbst auf die Gefahr hin, daß das Linoleum für eine vorübergehende Zeit einmal nicht jo sauber ist, wie in Friedenszeiten. Es darf aber nicht durch ungeeignete Mittel für alle Zeiten verdorben werden. Dasselbe gilt für Parkettfußböden. Auch sie dürfen nicht, wenn Lösungsmittel, wie Terpentinölersatz fehlen, mit Seifen- oder Soda
wasser gescheuert werden. Man wende daher für die jetzige Zeit die mechanische Reinigung — das Scheuern mit Stahlspänen — an.
Tageskalender für Donnerstag.
Gloria-Palast, Seltersweg: „Ein Mann auf Abwegen". — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Aus erster Ehe". — Oberhehischer Kunstverein: Ausstel- , hing im Foyer des Stadttheaters von 17 bis 18 Uhr.
Achtung!
Reuaufuahmen in das Deutsche Jungvolk.
Aus gegebener Veranlassung wird nochmals darauf Ißingewiesen, daß alle Jungen, die an | D ft e r n 1940 vom 4. ins 5. Schulsahr lommen, in das Deutsche Jungvolk ausgenommen | werden. Die in Betracht kommenden Jungen, die 1 roch nicht vom DJ. erfaßt sind, melden sich sofort lei dem zuständigen Jungvolkführer.
Hitler-Jugend Bann 116.
Standort, Gießen.
Sonntag, 7. April, Antreten der 16- bis 18jährigen $g. zur K.-Ausbildung 8 Uhr an der Volkshalle.
Theaterring.
Sonntag, 7. April, findet im Stadttheater eine Morgenfeier der HI. „Dichtung und Jugend" statt. Heinrich Waggerl lieft aus eigenen Werken. Die Verteilung der Karten erfolgt im Rahmen des HJ- Vheaterringes anteilmäßig auf die Einheiten. Die Sorten sind sofort auf der Verwaltungsstelle abzu- । Boten. .
3m Kreis Mellnau rund 73000WIL gespendet!
Gewaltiges Ergebnis der letzten Neichsstratzensammlung der Deutschen Arbeitsfront am 30. und 31. März 1940.
Deutsche Krauen und Männer!
Das einzigartige Ergebnis der letzten Reichs- sirahensammlung für das Kriegs-Winterhilsswerk 1939/40 gibt uns Veranlassung, allen zu danken, die durch ihr Opfer diesen Erfolg ermöglichten.
Besonderen Dank allen Betriebsführern und sonstigen Volksgenossen, die durch Sonderspende diese letzte Straßensammlung zu einem
Sieg der Heimat gestalteten. Ebenfalls gilt unser Dank allen Sammlern und Helfern, die sich ehrenamtlich in den Dienst dieser letzten Reichsstraßensammlung im Winterhalbjahr 1939/40 gestellt und einen so glücklichen Aus- gang herbeiführten.
heil Hitler!
3. V.: Reih Backhaus
Kreisobmann. Kreisleiter..
Neuregelung des Ladenschlusses.
Der Reichsarbeitsminister hat die höheren Verwaltungsbehörden ermächtigt, die Geschäftszeit der offenen Verkaufsstellen mit Rücksicht auf die am 1. April in Kraft getretene Sommerzeit neu zu regeln. Bisher war das Ende der Verkaufszeit in den verdunkelten Gebieten für alle Geschäfte, die nicht der Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln dienen, auf 18 Uhr festgesetzt, um die Schwierigkeiten der Verdunkelung für den Einzelhandel zu vermindern und den Straßenverkehr während der Dunkelheit einzuschränken. Um eine übermäßige Verkürzung der Verkaufszeit zu verhindern, konnte ein Mittagsladenschluß in diesen Geschäften nicht zugelassen werden. Mit der Verlängerung der Tageslichtstunden infolge der vorgerückten Jahreszeit und der seit dem 1. April geltenden Sommerzeit entfielen diese Beweggründe; deshalb kann künftig durch behördliche Anordnung in allen Geschäften ein Mittagsladenschluß eingeführt werden, womit insbesondere' der Tatsache Rechnung getragen wird, daß teilweise durch Einberufungen oder Dienstverpflichtungen Personalmangel herrscht, ober die Ehefrauen der Inhaber das Geschäft allein versehen. Auf den erweiterten Mittagsladenschluß finden die für den Mittags
ladenschluß der Lebensmittelgeschäfte bisher geltenden Richtlinien Anwendung. Soweit die ordnungsmäßige Versorgung insbesondere der werktätigen Bevölkerung infolge der Einführung der Mittagspause eine Verlängerung der bisherigen Verkaufszeit in den Abendstunden erfordert, kann diese bis höchstens 19 Uhr ausgedehnt werden. Nur in ländlichen Gegenden kann das Ende der Verkaufszeit mit Rücksicht auf die Feldbestellung und die Ernte entsprechend der bisherigen Regelung noch später festgesetzt werden.
Um die bisherige Uneinheitlichkeit zu beseitigen, sollen künftig innerhalb eines Ortes alle Geschäfte zur gleichen Zeit für den Verkauf geöffnet fein. Eine Abweichung ist, abgesehen von etwaigen durch Warenmangel bedingten Ausnahmen, lediglich insofern vorgesehen, als die Lage der Mittagspausen in den Lebensmittelgeschäften gegenüber den übrigen Geschäften um etwa Vz Stunde vorgeschoben werden kann, um den Gefolgschaftsmitgliedern die Erledigung von Einkäufen in der Mittagspause zu ermöglichen. In Orten, in denen an Markttagen ein erheblicher Zustrom ländlicher Käufer auf tritt, kann von der Durchführung eines Mittagsladen- schluffes an diesen Tagen abgesehen werden.
BHemWaft M Kraft Burdi Sreuöe
Achtung! kdA.-Sport.
Jeden Mittwoch, Donnerstag und Freitag finden folgende Kurse statt: 1678D
Mittwoch, 20.30 bis 21.30 Uhr: Sport und Spiele für Männer und Frauen, Goetheschule, Horst- Wesfel-Wall.
Donnerstag, 20.30 bis 21.30 Uhr: Gymnastik und Spiele für Frauen, Schillerfchule, Schillerstraße.
Freitag, 16 bis 17 Uhr: Kindergymnastik (für Kinder unter 10 Jahren), Goetheschule. Hierfür Anmeldungen vorher an Sportamt, Schanzenstraße 18, oder KdF., Laden Seltersweg, erbeten.
Freitag, 20.30 bis 21.30 Uhr und 21.30 bis 22.30 Uhr: Schwimmen für Männer und Frauen, auch Anfänger, Volksbad.
Neuanmeldungen werden ^n den Kursen angenommen.
Gießener Woche für Kunst und Literatur.
Im Rahmen der unter der Schirmherrschaft des Oberbürgermeisters der Stadt Gießen zur Zeit stattfindenden Gießener Woche für Kunst und Literatur veranstaltet der Goethe-Bund und Kaufmännische Verein in Arbeitsgemeinschaft mit der Volksbildungsstätte Gießen der NS.-Gemeinschaft „Kraft durch Freude" am Freitag, 5. April, 20 Uhr, in der neuen Aula der Universität eine Feierstunde. Der stellvertretende Leiter der Abteilung Schrifttum des Reichsministeriums für Volksaufklärung und Propaganda Hein Schlecht wird zu Beginn über „Die Pflege der Dichtung als Kulturaufgabe" sprechen. Den Festvortrag hat der bekannte Literaturhistoriker Dr. Reinhard Buchwald aus Heidelberg übernommen. Er wird über das Thema „Schiller und die Gegenwart" sprechen. Das Städti
sche Orchester unter Leitung von Kapellmeister Paul Walter wird diese bedeutsame Feierstunde musikalisch umrahmen. Für Samstag, 6. April, ist in den Räumen des Gesellschaftsoereins, Sonnenstrasie, ein Festlicher Abend angesetzt. Im ersten Teil wird der auch in Gießen bekannte ostmärkische Dichter Karl Heinrich Waggerl Heiteres aus eigenen Werken lesen. Er wird mit seiner Lesung ein besonderes Erlebnis vermitteln. Im zweiten Teil der Veranstaltung wird unter Leitung von Ballettmeisterin Thea Maaß die Tanzgruppe des Gießener Stadttheaters Solo- und Gruppentänze bringen. Auch diese Veranstaltung dürfte für alle Teilnehmer ein schönes und seltenes Erlebnis werden.
Metallspenden
nur an die örtlichen Annahmestellen.
Die Bevölkerung hat vielfach Metallspenden zum Geburtstag des Führers unmittelbar an die Kanzlei des Führers in Berlin gesandt. Es wird darauf hingewiesen, daß solche unmittelbaren Sendungen an die Kanzlei des Führers den ordnungsgemäßen Gang der Metallspende stören. Die Bevölkerung wird daher gebeten, die dem Führer zugedachten Spenden ausnahmslos bei den zuständigen örtlichen Annahmestellen abzuliefern. Nur auf diese Weise kann der geregelte Gang der Metallspende sichergestellt werden und nur auf diesem Wege ist es möglich, den Spendern die Empfangsurkunden über die Ablieferung des Geschenks auszuhändigen. Durch jedes andere Vorgehen wird unnötige Mehrarbeit verursacht.
Arzt und Patienten müssen in den Lustschutzraum.
Wie die „Sirene" schreibt, erscheint es nicht vertretbar, den Arzt bei Fliegeralarm dadurch zu gefährden, daß man ihn von der Pflicht, den Luftschutzraum aufzusuchen, entbindet. Gerade er muß
unter allen Umständen der Allgemeinheit erhalten bleiben. Deshalb hat der bei Fliegeralarm seine Sprechstunde abhaltende Arzt ebenso wie die in seinem Wartezimmer befindlichen Patienten den Luftschutzraum aufzusuchen.
Nicht eine Scheibe Brot darf verderben!
Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, Drum packt nicht zuviel Brote ein.
Die Kinder werfen's manchmal fort, Und das gefällt dem Lügenlord!
Wie kämen wir aber dazu, für die Erheiterung eines Mannes zu sorgen, der Tag und Nacht von verhungerten deutschen Kindern und Frauen träumt! Unsere Kinder sollen reichlich zu essen haben. Wir wollen ihnen aber die Schultasche nicht mit Broten vollstopfen, die über ihren Bedarf hinausgehen, Brote, die nicht gegessen werden, sind eine Verschwendung, die mir uns nicht leisten können. Brot- refte lassen sich übrigens zu kräftigen Suppen und dergleichen sehr gut verwenden.
Jrn Krieg komrnt's nicht nur auf den Mann, Es kommt auch auf die Hausfrau an, Die sich den größten Ruhm erwirbt, Wenn keine Scheibe Brot verdirbt!
Gießener Schlachtviehmarkt.
Auf dem vorgestrigen Gießener Schlachtviehmarkt (Schlachtviehoerteilungsmarkt) in der Viehversteige- rungshalle Rhein-Main kosteten: Ochsen 45,5 Rpf., Bullen, 38 bis 43,5, Kühe 12 bis 43,5, Färsen 18 bis 44,5, Kälber 25 bis 63, Schafe 36 bis 44, Häm- rnel 36 bis 44 Rpf. je Pfund Lebendgewicht. Für Schweine wurden je kg Lebendgewicht folgende Preise bezahlt: Klasse a (150 und mehr kg) 1,09 RM., bl (135 bis 149,5 kg) 1,09 RM., b2 (120 bis 134,5 kg) 1,09 RM., c (90 bis 119,5 kg) 1,07 RM., d (80 bis 89,5 kg) 1,01 RM., e—f (60 bis 79,5 kg) 0,97 RM., gl (fette Specksauen) 1,01 RM., i (Altschnei- der) 1,01 RM., g2 (andere Sauen) 1,01 RM., h (Eber) 1,01 RM. — Marktverlauf: Alles zugeteilt.
Gießener Wochenmarktpreise.
* Gießen, 4. April. Auf dem heutigen Wochenmarkt kosteten: Markenbutter, % kg 1,80 RM., Matte 30 Rpf., Käse, das Stück 6 bis 10, ausländische Eier 11% Rpf., Kartoffeln, 50 kg 3,90 RM., gelbe Rüben, % kg 12 bis 15 Rpf., rote Rüben 10 bis 14, Zwiebeln 14, Meerrettich 40 bis 70, Schwarzwurzeln 35 bis 40, Aepfel 15 bis 35, Salat, % kg 3 RM., Blumenkohl, das Stück 45 bis 50 Rpf., Endivien 13, Lauch 5 bis 15, Sellerie 10 bis 20, Rädieschen, das Bündel 30 Rpf.
*
** Treue im Dienst. Der als Vollstreckungs- beamter bei der hiesigen Stadtkasse tätige Verwaltungssekretär Wilhelm Leitner, Am Kugelberg 30, konnte dieser Tage auf eine 25jährige Dienstzeit bei der Stadtverwaltung Gießen zurückblicken. Aus diesem Anlaß wurde dem Jubilar ein Glückwunschschreiben des Oberbürgermeisters übermittelt, er erhielt ferner die Treueprämie und wurde außerdem durch seine Arbeitskameraden mit einem Geschenk geehrt.
** Chorgesang im Krankenhaus. Der Gesangverein „Frohsinn" in Garbenteich hatte dieser Tage Krankenhausbesuch in Gießen gemacht, um den Patienten und dem Personal eine besondere Freude zu bereiten. Der Chor des Vereins, der trotz mancher Einberufung noch 38 aktive (Bänger zählt, erbrachte unter der bewährten Stabführung seines Chormeisters Harnisch den Beweis, daß das deutsche Lied, insbesondere das Volkslied, mit Sorgfalt gepflegt wird. Die zum Vortrag gelangten Lieder wurden mit Freude und Dankbarkeit ausgenommen. Ueberall, wo die Sängerschar erschien, wurde sie freudig begrüßt, und allenthalben beim Abschied aufgefordert, doch bald einmal wiederzukommen.
** Polizei gegen Verkehrssünder. In der Zeit vom 22. bis 28. März schritt die Polizei wieder gegen eine Anzahl Verkehrssünder ein. Vier Kraftfahrzeugführer wurden zur Anzeige gebracht und sechs gebührenpflichtig verwarnt. An sonstigen Fahrzeugführern wurden drei angezeigt und vier gebührenpflichtig verwarnt. Außerdem wurden 14 Radfahrer verwarnt.
(ßolöcne Wolh über Kcnate.
Roman Don Rotfl Biernath.
24. Fortsetzung (Nachdruck verboten!)
Dem Doktor fiel es auf, daß sie sich um die Anrede herumdrückten. Renate, Allan — aber kein tu unb kein Sie ...Er sah Renate prüfend an: „Sie waren heute den ganzen Tag in der Sonne, wie? „Sehen Sie das, das rächt sich jetzt! Auch tas Gute kann zuviel werden. Ich kenne das .. - 3n Rymphendurg Karpfen gefüttert? Da haben wir's schon: Die Lichtreflexe des Wassers — natürlich! Ueberanftrengte Sehnerven! Da kann man «gentlich nichts machen als vorbeugen: Grüne drille ... Oder, wenn es nun schon geschehen ist: 'Lorwassevumschläge und Ausruhen ..." Er hob sein Aas und trank es mit dem offensichtlichen Bestreben, rasch damit fertig zu werden, auf einen Zug I leer. .„Ich glaube, es ist wirklich das beste, lieber I Dister Parker, Sie begleichen Ihre Rechnung und I lcssen mich inzwischen für ein Auto sorgen. Es wäre »Unverzeihlich von uns, Fräulein Naumann auch
Nr noch einen Augenblick länger zum Bleiben I $ii überreden!"
Parker setzte das Glas an die Lippen, aber der teft schien sich für ihn in Zitronensäure verwandelt zu Haden.
Der Doktor winkte kurz entschlossen den Zahl- lLiner und einen Hotelboy heran, den er beauftragte, einen Wagen zu holen.
Parker schaute auf seine Rechnung. „Riesig nett vcn Ihnen, Doktor, daß Sie um Renate so besorgt siivd!" murmelte er eisig höflich. „Aber ich glaube ihnn doch, es wäre zuviel verlangt, Sie mit uns zu b «mühen ..."
„Mühe?" rief der Doktor, freundschaftlich entastet. „Keine Rede davon! Ich begleite Sie gern bcs Stückchen hinaus ... Wo wohnen Sie übrigens, Dister Parker?"
„In einem Hotel am Lend ach platz."
„Ausgezeichnet! Das trifft sich geradezu grvh- , ®ilig! Da haben wir beide den gleichen Rückweg, 5 Ad ich liefere Sie dann wohlbehalten in Ihrem ! A>tel ab ..." Er sah plötzlich Renate an und zog Ms Brauen empor, als käme ihm erst jetzt ein
Gedanke, der ihm eigentlich schon etwas früher hätte einfallen müssen: „Falls natürlich Sie nichts dagegen haben, daß ich mich Ihnen anschließe!" '„Nein, nein — durchaus nicht!" sagte sie rasch.
Der Boy meldete, daß der Wagen vorgefahren sei. Sie erhoben sich und gingen zur Garderobe: Parker links, der Doktor rechts und Renate in der Mitte.
Das Auto war ein Viersitzer. Der Doktor überließ Parker den Platz an Renates Seite und fetzte sich quer auf eins der Klappstühlchen.
Die Fahrt verlief mit Rücksicht auf Renates Kopfschmerzen einsilbig und gedrückt wie ein Krankentransport.
Vor dem Hause Nummer 16, dessen Verputz inzwischen fertig geworden war, entließ der Doktor den Fahrer. „Ein bißchen frische Luft wird uns beiden nichts schaden, Mister Parker, wie?"
Renate verabschiedete sich. Der Doktor trat, als sie Parker die Hand reichte, rücksichtsvoll einen Schritt zurück und betrachtete die aufgefrischte Front. Er hörte, daß Parker leise ,-Auf morgen, Renate!" raunte, und sah, daß sie stumm nickte.
„Borwasserumschläge — vergessen Sie das nicht!" sagte er, als die Reihe an ihn kam. „Und gute Besserung!"
Sie schloß die Tür auf und drückte das Licht an, winkte zurück. Die beiden Herren lüfteten ihre Hüte — und standen allein auf der Straße.
„Zehn Tage Föhn", bemerkte der Doktor und schlug den Weg zur Stadt ein, „der richtet manchmal noch schlimmere Dinge an als Kopfweh."
Die Sterne flimmerten hinter dunstigen Schleiern, und im Süden stand eine Wolkenwand, schwarz und in der Waagrechten wie mit dem Richtmaß aufgebaut, über dem Straßenschacht.
,Uebrigens: Das Wetter schlägt um. Morgen regnet es ... Nun, Siss haben ja für Münchener Verhältnisse lange genug Sonne und Wärme gehabt!"
Ein kühler Wind hatte sich erhoben. Irgendwoher, aus einem geöffneten Fenster, kam Tanzmusik. , „ , .. ,
Der Doktor pfiff die bekannte Melodie leise mit. Parker schlüpfte im Gehen in seinen Mantel.
Sie kamen an eine Straßenkreuzung. Der Doktor brach sein Solo mit einem zierlichen Triller ab und sah sich um. „Hier war es wohl", bemerkte er mit einer kleinen runden Handbowegung, „wo
wir uns damals trafen, Mister Parker, nicht wahr?"
. Parker gähnte hinter her Hand. „Möglich", meinte er ziemlich unbeteiligt. „So genau besinne ich mich nicht mehr auf die Stelle."
Der Doktor lachte plötzlich. Es war ein unvermitteltes herzliches Gelächter, das Barker überrascht aufblicken ließ. „Ich verstehe. Ihre Heiterkeit nicht ganz", brummte er und musterte seinen Begleiter mit einem gallig fragenden Blick.
„Es ist wirklich zu komisch!" Der Doktor schüttelte den Kopf und schlug die Hände ineinander. „Der Föhn! Der Föhn! Man kommt tatsächlich auf geradezu hirnverbrannte Einfälle ..."
„Bitte —?" fragte Parker frostig.
„Na, ich hoffe, Sie verstehen einen Spaß und werden es mir nicht Übelnehmen, wie?" Er sah Parker für einen Moment mit mißtrauischem Zögern an und nickte dann, als habe er in dem Engländer eine verwandte humorvolle Seele entdeckt. „Also, denken Sie nur: Ich habe mir doch tatsächlich über Sie tagelang den Kopf zerbrochen — mehr als das: Ihnen, allerdings völlig ergebnislos, nachgespürt — und war nahe daran, mir Ihretwegen eine falsche Nase und einen künstlichen Schnurrbart zu kaufen ..."
Parker befeuchtete sich die Lippen; er streifte den Doktor mit einem kurzen Seitenblick. Es war ein blitzschnelles Abtasten und ein blitzschnelles Erkennen, daß diese Heiterkeit nur eine gemachte war. Der Doktor kicherte fröhlich. „Weiß der Teufel, wofür ich Sie eigentlich gehalten habe! In meiner kriminalistisch entzündeten Phantasie ordnete ich Sie so irgendwo zwischen Rauschgiftschmugglern und Mädchenhändlern ein ... Schmeichelhaft, was?"
„Außerordentlich!"
Der Doktor schob sich vergnügt den Hut ins Genick. „Die Geschichte ist wirklich zu blödsinnig!" sagte er heiter. „Und daß ich sie überhaupt angeschnitten habe, hat nur einen Grund. Mir geht es nämlich wie einem Mann, dem ein Wort im Kreuzworträtsel fehlt, wissen Sie, und da wird dann das „alkoholische Getränk" Pampe, und die „Stadt in Sachsen" heißt Lupptzig, statt Leipzig ... Na, Sie kennen das ja? Jedenfalls gibt man nicht eher Ruhe, als bis man's herausbekommen hat ... Also, seien Sie ums Himmels willen nett zu mir und erklären Sie mir zwei Dinge, die mir auch jetzt noch,
nachdem mein finsterer Verdacht in einer furchtbaren Blamage endete, Kopfzerbrechen und schlaflose Nächte bereiten werden! Es ist mir nämlich ausgefallen, daß Sie damals, als wir uns das erstemal hier in dieser Gegend trafen, erwähnt haben, nach zweitägiger Fahrt am Morgen in München eingetroffen zu sein, während Sie doch Fräulein Naumann erzählten, Sie hielten sich schon einige Tage hier auf ... Aber das könnte schließlich ein Hörfehler von mir gewesen fein, wie?" Er wartete Parkers Antwort nicht ab. „Unerklärlicher jedoch ist die Auflösung des zweiten Rätsels, das mich feit Tagen beschäftigt Sie haben Fräulein Naumann gegenüber nämlich angegeben, die Anschrift ihres Ateliers und ihren Namen aus dem Adreßbuch erfahren zu haben. Und das ist nun völlig unmöglich, da ihre Adresse dort nicht aufgeführt ist."
Sie gingen genau den gleichen Weg, den sie schon einmal miteinander zurückgelegt hatten. Vor ihnen teilte der wuchtige Klotz des Siegestors die Straße, und zwischen dem hohen Mittelbogen liefen die Bogenlampen wie ein leuchtender Strich schnurgerade ins Endlose.
„Nun —?" fragte der Doktor ermunternd.
Parker blieb plötzlich stehen, mit einem Ruck, als hätte er mehrere Bremsen gleichzeitig angezogen.
Der Doktor drehte sich rasch um. Seine Haltung war ein wenig geduckt; er winkelte die Arme an.
Parkers Gesicht war weiß; es war eine erfrorene Blässe. „Finden Sie nicht", sagte er sehr leise und ein wenig zischend, „daß Ihre Anteilnahme für meine zukünftige Frau die Grenzen überschreitet, die Ihnen als Arzt einer Patientin gegenüber gesetzt sind?"
Der Doktor ließ die Arme sinken; er sah ein wenig verwundert aus. „Arzt—? Patientin —? Sie geben der Sache einen merkwürdigen Dreh ... Entschuldigen Sie tausendmal, aber Sie scheinen zu vergessen, daß ich Sie um die Aufklärung von Widersprächen bat, die mich beinahe veranlaßten, Sie für einen Schweinehund zu halten!"
Sie standen sich, knapp körperbreit getrennt, gegenüber. Ihre Gesichter waren sich so nah, daß sie ihren Atem spürten und im oerschwimmenden Weiß nur noch das Glitzern ihrer Augen sahen. Jeder wartete auf das Losschlagen bes andern.
(Fortsetzung folgt.)


