Einzelbild herunterladen

Nr.Z Erstes Matt

190. Jahrgang

Donnerstag, 4.)anuar 1940

Erscheint tag lich, außer Sonntags und Feiertags Beilagen: Die Illustrierte Gießener Familienblätter Heimat im Bild Die Scholle Monats-Vezugspreis:

Mit 4 Beilagen RM.1.95 Ohne Illustrierte 1.80 Zustellgebühr. . -.25 Auch bei Nichterscheinen von einzelnen Nummern infolge höherer Gewalt

Zernsprechanschlüffe

unter Sammelnummer 2251 Anschrift für Drahtnach­richten Anzeiger Stehen

Postscheckkonto:

5rantfurt am Main 11686

Gießener Anzeiger

General-Anzeiger für Oberhessen

Druck und Verlag: vrühlsche Univerfitülrdruckerei «.Lange in Siesten. Schristleitung und Geschäftsstelle: Schulftrahe 7

Annahme von Anzeigen für die Mittagsnummer bis 8'/,Uhr des Vormittags

Srnndpretfe für 1 mm höhe für Anzeigen

von 22 mm Breite 7 Rpf. für Textanzeigen

von 70 mm Breite 50 Npf. Wiederholung Malstaffel I Abschlüsse Mengenstaffel B

Platzvorschrist nach vorheriger Vereinbarung 25 °/0 mehr.

Ermäßigte Grundpreise Bäderanzeigen

und behördliche Anzeigen von 22 mm Breite 6 Rpf.

England sucht Freiwillige für sein Heer.

Kein freundliches Echo der neuesten Verfügungen.

Amsterdam, 3. Januar. (Europapreß.) Be­reits am Mittwoch waren im Zusammenhang mit der amtlich groß angekündigten Verstärkung der englischen Wehrmacht in einem Teil der englischen Presse Zweifel über die Ausmaße der Durchführungsmöglichkeiten dieser Verordnung geäußert worden. Wie berechtigt diese Zweifel tat­sächlich sind, ersieht man aus den nun bekannt wer­denden Ausführungsbestimmungen, aus denen her­vorgeht, daß es sich keineswegs um grö­ßere Einberufungen handeln kann. Es ist nur die Liste der bisher als reklamiert geltenden Berufe weitgehend revidiert worden. Aus dieser Überprüfung ergibt sich nun die theore­tische Möglichkeit neuer Einstellungen in die eng­lische Wehrmacht. Welche Zahl dabei erreicht wer­den dürfte, steht noch keineswegs fest, da, wie be­tont wird, es sich auch hier nur um freiwillige Meldungen handelt. Die amtlichen Stellen haben nun Aufrufe an die waffenfähige Bevölkerung er­lassen, sich freiwillig zu melden. Inwieweit diesen ' Aufrufen allerdings Folge geleistet wird, steht durch- : aus in Frage. DerDaily Expreß" behauptet, daß das königliche Dekret nur Frankreich zu Ge- ; fallen erlassen worden sei. Ein so großes eng­lisches Heer werde gar nicht benötigt, weil die ge­nügend befesttgte und bemannte Maginotlinie bestehe. Zur See und in der Luft trage außerdem England jetzt schon die Hauptlast des Krieges. Die Aufstellung eines großen Heeres würde überdies die industriellen Betriebe schädigen, i Schließlich befinde sich Frankreich dank seiner bes­seren landwirtschaftlichen Verhältnisse in einer weit i günstigeren Lage als England.

Wie man Finnland helfen will.

Jede der Westmächte läßt der anderen den Bortritt.

Rom, 4. Ian. (Europapreß.) Die geringe Begei­sterung, die die Nachricht von der Verstärkung des Heeres in England hervorgerufen hat, wird in Italien nicht ohne Verwunderung verzeichnet. Man findet es merkwürdig, daß England zwar- die Ver­nichtung Deutschlands als sein Kriegsziel verkün­det, daß aber das englische Volk offenbar nicht die geringste Lust verspürt, zur Verwirklichung die­ses hochgesteckten Zieles oder gar für die Errich- tung einerbesseren Welt" seine Haut zu Markte zu tragen. Noch merkwürdiger aber, so meint die Tribuna", mute es an, wenn Blätter wie der Daily Expreß" optimistisch erklärten, England habe es nicht nötig, ein großes Heer nach der Maginot-Linie zu entsenden, da die französischen Truppen zur Verteidigung der Grenzbefestigungen ausreichten. Das scheine die in der Welt weitver­breitete Auffassung zu bestätigen, daß Frank­reich eines Tages, wenn esrichtig losgehe", den Kriegalleindurchkämpfen müsse. Auch sehe es nicht so aus, als ob England bereit sei, die Hilfe für Finnland über Kriegslieferungen hinaus auch auf die Entsendung von Truppen aus- zudehnen. Offenbar sei der englische Soldat zu wertvoll, um ihn der Vernichtung auszusetzen.

In der Tat lassen die aus London hierher ge­langten Meldungen erkennen, wie unpopulär in England der Gedanke einer militärischen Hilfe­leistung für Finnland ist. Zahlreiche englische Blätter erklären rund heraus, daß eine solche Hilfeleistung zu einer Schwächung der britischen Macht führen würde, und daß diese Hilfeleistung eher Sache der Vereinigten Staaten als die Englands sei. DieTribuna" wirft die Frage auf, ob man in London vermeiden wolle, Sowjetrußland zu reizen, weil man gewisse allbekannte Hoffnungen immer noch nicht aufgegeben habe. In London ver­laute, der russische Außenkommissar Molotow habe dem englischen Botschafter S e e d s bei dessen Ab­schiedsbesuch erklärt, nach Ansicht Moskaus habe sich Großbritannien auf eine ausgedehnte sowjet­feindliche Politik festgelegt, die aufhören müsse, falls die englische Regierung eine Verschlechte­rung der englisch-russischen Beziehungen vermeiden wolle.

In Paris herrscht zwar, wie der dortige Korre­spondent derTribuna" meldet, eine wahre W u t k r i s e" gegen Sowjetrußland, aber niemand wisse, wie und wann Finnland die Hilfe gebracht werden solle, nach der alle Welt schreie. Auch in dieser Angelegenheit lasse sich Frankreich von Eng­land ins Schlepptau nehmen. Man er­kläre, daß Frankreich seine eigene Hilfeleistung sür Finnland von der Großbritanniens abhängig machen werde. Mit anderen Worten, jede der beiden gro­ßen Demokratien sage zur anderen:Hanne- mann! Geh du voran!" Diese Drückebergerei werde selbstverständlich wieder mit den üblichen schönen Phrasen von der englisch-französischen Soli­darität und Zusammenarbeit aufgeputzt.

Oie plutokratische Kriegshetze.

Die Westmächte wollen die ganze Welt in den Krieg zerren."

Moskau, 3. Ian. (DNB.) DieKrasnaja Swesda" schreibt:England und Frankreich sind nicht nur am Kriege interessiert, sondern wünschen vielmehr seine Dauer und Ausdehnung auf ein Maximum zu erweitern. Der Ge­danke, in Osteuropa einen Krieg zu provozie­ren, macht den Angreifern dauernd Kopfschmerzen. Wenn sich das englische und das ftanzösische Kom­mando an der Westfront auf eine Verschleppungs-

takttk verlegt, so erklärt sich dies aus dem Wunsch, die eigenen Kräfte nicht zu schwächen, so lange es den Diplomaten nicht gelungen ist, ganz Europa und schließlich die ganze Welt in den Krieg zu zerren. Wenn das englisch-französische Kom­mando wenigstens ein Stückchen Siegeshoffnung hätte, so würde es nicht davor zurückschrecken, Mil­lionen von Soldaten am Westwall zu opfern. Aber das englisch-französische Kommando hat diese Hoff­nung nicht. Hieraus erklärt sich die Tatsache, daß alle Anstrengungen der Alliierten auf eineAus- dehnuna des Krieges hinauslaufen. Die Alliierten haben die Finnen zum Angriff gegen die Sowjetunion veranlaßt in der Hoffnung, tn Nordeuropa die Brandfackel zu entfachen. Sie wollen die skandinavischen und die B a l - kanländer in den Krieg treiben und schließlich die ganze Welt in den Kreis ihrer kriegs­lustigen Politik zerren."

lleue englische Litzenwalze.

SmnloseBerdächtigung der klaren deutschen Haltung im finnisch-russischen Konflikt.

Berlin, 3. Ian. (DNB.) Das englische Lügen­ministerium hat sich in seiner Hilflosigkeit neuer­dings den finnisch-russischen Konflikt ausgesucht, um Deutschland einer unklaren Haltung zu verdächtigen. So werden zur Zeit von England und Frankreich in die europäische Presse Meldungen lanciert, wo­nach Deutschland Finnland mit Waffen unter st ütze, während gleichzeitig dieselben Quellen verbreiten, daß Rußland Deutschland um militärische Hilfe gebeten und Deutschland diese Hilfe in Gestalt von Offizieren, Technikern und Kriegsmaterial nach Rußland ent­sandt habe. Deutschland soll sich also durch Unter­stützung nach beiden Seiten gewissermaßen selbst bekämpfen.

Bei der Lächerlichkeit dieser Propagandamethoden erübrigt es sich, daraus hinzuweisen, daß alle diese Behauptungen völlig aus der Luft gegrif- f e n sind. Sie beweisen lediglich die plumpe Art, mit der England erneut versucht, die klare deut­sche Haltung im finnisch-russischen Konflikt der Zweideutigkeit zu bezichtigen, um hierdurch bei den Neutralen Verwirrung zu stiften xnd sie durch solche dunklen Machenschaften für dke Ziele der West­mächte einzuspannen.

Finnisches Küstenfort bombardiert.

Helsinki, 3. Januar. (DNB.) Der erste Tag des neuen Jahres verlief, wie der finnische Heeres­bericht vom 2. Januar mitteilt, abgesehen von Vor- postengefechten und Artilleriefeuer, aus der Kare­lischen Landenge verhältnismäßig ruhig. An der Ostgrenze fanden an dem Frontabschnitt ö st - lich des Ladogasees Kämpfe statt. Weitere Angriffe bei Aitojoki und Kuhmo sollen von den Finnen abgewehrt worden sein. An den an­deren Frontabschnitten herrschte Patrouillen- und Artillerietätigkeit. Das russische KriegsschiffOkto- berrevolutton" bombardierte das Küstenfort von K o i v i st o. Mit Ausnahme lebhafter russi­scher Fliegertätigkeit war es an der Küste ruhig. Russische Flieger unternahmen u. a. Luft- angrifse auf Turku (Abo) und Oulu (Uleaborg). Die finnische Luftwaffe soll nach dem Heeresbericht Erfolge durch mehrere Abschüsse erzielt haben. Aus dem Suomussalmi - Kampfabschnitt wird berichtet, daß man in zunehmendem Maße unter der Wolfsplage leidet. Ganze Rudel von Wölfen seien durch die Kältewelle in die bevölkerten Ort­schaften dieses Kampfabschnittes getrieben worden, wo sie teilweise Menschen angefallen hätten. Mehrere Hunderte von Haustteren, die von den Evkuierten zurückgelassen werden mußten, seien Opfer der Wölfe geworden.

England

sncht neue KneasschMlähe.

Amsterdam, 4. Jan. (DNB.-Funkspruch.) Zu dem finnischen Konflikt und der Stellung, die Eng­land und Frankreich ihm gegenüber einnehmen, schreibtManchester Guardian", die westlichen Alliierten seien davon überzeugt, daß die Nie­derlage Finnlands ihrer eigenen Sache sehr abträglich, nicht nur in einem moralischen Sinne, sondern auch in strate­gischer Hinsicht, sein würde. Die Anwesen­heit der russischen Koalition an den Küsten des Nordatlantik in Petsamo, am Daranger Fjord und in Narwik, an der norwegischen Küste würde den Verbindungswegen Eng­lands gefährlich werden. Es würde sozusagen eine umfassende Bewegung darstellen, mit der die deutsch-russische Koalition versuchen würde, Groß­britannien als Flotten- und Handelsmacht vom Nordosten her zu bedrohen. Gefahren dieser Art seien es, die die Alliierten zwängen, Finnland zur Hilfe zu eilen.

Zur gleichen These berichtetHet Vaderland", man glaube in England nicht mehr an einen leich­ten Sieg über Deutschland mit Hilfe der Propa­ganda und der Blockade. Man bereite sich auch jetzt auf einen harten Kampf mit den Waffen vor. Dieser Kampf mtt den Waffen könne sowohl auf See als auch in der Luft ausgetragen werden, vielleicht aber auch an Land, wenn das auch nicht an der Westfront sei. Daß Eng­

land Finnland und damit sich selbst verteidigen werde, erachte man in London als sicher. Man sage sogar, daß diese Hilfe an Finnland ansehnlichen Umfang annehmen werde. Es bleibe aber für Eng­land eine Schwierigkeit. Denn England könne sein Material nicht auf direktem Wege nach Finnland schicken, da die Russen die finnischen Häfen im Norden beherrschen und Deutschland die Ostsee ge­schlossen halte. Die Anfuhr müsse demgemäß über Skandinavien durchgeführt werden.

In England sei man davon überzeugt, daß Schweden und Nor wegen dabei gerne m i t - arbeiteten, doch sei es auffallend, daß diese Staaten auf die in Genf gestellte Frage noch keine Antwort gegeben hätten, nämlich, was Norwegen und Schweden zur Hilfe Finnlands zu tun gedäch­ten. Die englische Diplomatie scheine eifrig am Werk zu sein, die nordischen Staaten zu einem schnelleren Entschluß zu bringen, wobei auch davon gesprochen werde, daß Großbritannien den beiden Ländern Garantien gegen einen eventuellen russischen und deutschen Versuch gäben, die Durchfuhr des Materials zu stören oder aus dieser Durchfuhr Schlußfolgerungen zu ziehen, die für die nordischen Staaten unangenehm seien. Für Stockholm und Oslo liege die Schwierigkeit darin, daß die Annahme einer englischen Garantie in Moskau und Berlin auch als ein E i n s ch w e n- ken in die Front der Alliierten angesehen werden könne.

politikimAahenOneni.

So sehr die englische Politik sich abmüht, Süd­osteuropa in einen Kriegsschauplatz umzuwandeln, so wenig ist sie daran interessiert, die machtpoliti­schen Gegensätze in Vorder- und Mittel­asien aufzurollen. Es ist kennzeichnend, daß die englische Propaganda dafür gesorgt hat, die Nach­richt überallhin zu verbreiten, daß angeblich i n - dische Truppen in Frankreich eingetroffen sind, um die eherne Phalanx gegen Deutschland verstärken zu helfen. Das soll offenbar den Eindruck erwecken, als gäbe es für England keine indische Sorge, als sei es gelungen, die Oppositton der in­dischen Nationalisten zum Schweigen zu bringen. So wird mit Nachdruck betont, daß die Revolte in Waziristan bedeutungslos sei, daß insbeson­dere von außen her nichts geschehen könne, um den Unruheherd auszuweiten. Diesvon außen her" richtet sich unmißverständlich gegen Moskau, denn es gibt in Moskau nicht nur ein Institut, das sich mit indischen Fragen sehr eindringlich beschäf­tigt, es ist auch kein Geheimnis, daß gewisse Be­ziehungen zur indischen Kongreßpartei vorhanden sind. Es wird wohl richtig sein, daß, wenn Eng­land alles vermeidet, was nach einem Afftont gegen Moskau aussieht, dies damit zusammenhängt, daß die englische Politik zunächst wenigstens keine Zu­sammenstöße irgendwelcher Art mit Moskau gebrau­

Weltpolttik an der Jahreswende.

Unsere Ausländskorrespondenten berichten.

Litauen.

Von unserem ^Korrespondenten.

K o w n o, Dezember 1939.

Der Rohstoff für jeden Nagel, für jedes Huf­eisen, für jede Schaufel, der in Litauen verwendet werden, muß aus dem Auslande herein­gebracht werden, denn das Land verfügt über keinerlei eisenschaffende Produktion und nur über dürftige Ansätze einer Eisenverarbei­tung. Sieht man von den spärlichen Lagen eines wenig heizkräftigen Torfes ab, besitzt Litauen kei­nerlei Brennstofflager. Kraftstoffe ein­schließlich Petroleum, das bei der wenig dichten Elektrifizierung des flachen Landes das hauptsäch­lichste Beleuchtungsmittel darstellt, müssen einge- führt werden. Ausgenommen die holzverarbeitende Industrie beruht die in ihrer Leistungs- und An­passungsfähigkeit zumeist unansehnliche industrielle Erzeugung auf ausländischen Rohstoffbezügen. Kurz gesagt: Der industrielle Wirtschaftsteil des Landes ist in hohem Maße einfuhrbedingt, und da- irtit auch die Versorgung der Bevölkerung mit In­dustriegütern.

Nach Schaffung des selbständigen Staates hat Litauen, dieser seiner wirtschaftlichen Struktur Rech­nung tragend, nicht ohne Erfolge den Versuch un­ternommen, bas zur Erhaltung der Währungsstabi­lität erforderliche Maß an Einfuhrgütern durch Veredlung seiner landwirtschaftlichen Erzeugnisse und durch Ausfuhr dieser Ver­edlungsprodukte bereitzustellen. So entstand in der landwirtschaftlichen Erzeugung eine weitgehende Einstellung auf die Ausfuhr. Ein- und Ausfuhr­grundlage waren, wenn auch die Mengen im Laufe der letzten Jahre erheblichen Schwankungen unter­worfen waren, die Nachbarstaaten nur in beschränk­tem Umfang. Gerade die landwirtschaftliche Der- edlungserzeugung hat sich vielfach den Bedürfnissen des englischen Marktes angepaßt. Und die Dezugsländer für industrielle Rohstoffe und Erzeug­

nisse bildeten wieder in breitem Umfange England und Uebersee. Bei dieser Struktur des Außenhan­dels mußten die englisch-französischen Blockade- maßnahmen für Litauen einschneidende Folgen nach sich ziehen. Die U m st e l l u n g der Wirt­schaftsbeziehungen auf erreichbare Märkte ist so zu einem der Hauptprobleme der litauischen Politik geworden. Daß es nicht das Hauptproblem dar­stellt, ist darauf zurückzuführen, daß das Jahr 1939 von Litauen einen durchgreifenden Umbau des gesamten Staates gefordert hat.

Dreifaches ist sehr wesentlich: Im März erfolgte die Rückgliederung des Memelgebie­tes, am 10. Oktober hat Litauen mit der Sow­jetunion einen Beistandspakt abgeschlossen, der dem Staate die Rückgliederung der Stadt Wilna mit einem Teil des Wilna-Gebietes brachte, aber auch in bestimmen Sphären des staatlichen Lebens eine enge Verzahnung zwischen diesen bei­den Staaten zur Folge hatte. Die Durchführung der Rückgliedrung des Wilna-Gebietes ist heute das Problem, das Kaunas am stärksten beschäftigt, weil hier dringlich eine Reihe von Eingelfrageü auf politischem, wirtschaftlichem und administrativem Gebiet zu lösen ist. So ist im gegenwärtigen Zeit­punkt der Blickpunkt nach Wilna verlegt, zumal die Reorganisation dieses Gebietes bisweilen die Lö­sung anderer Probleme für den Augenblick erleich­tert. Die Stauungen, die sich durch den Wegfall bestimmter Auslandsmärkte in den landwirtschaft­lichen Veredlungsindustrien ergeben hätten, konn­ten dadurch teilweise zum Abklingen gebracht wer­den, daß die Ueberschüsse in das Wilnaer Zuschuß­gebiet nicht nur abgeleitet werden konnten, sondern sogar in raschem Tempo abgeleitet werden mußten, um in der Uebergangszeit der Bevölkerung ein Lebenshaltungsminimum zu sichern. Bisher ist je­doch nur die Lösung von Uebergangsproblemen ein- leitet. Litauen muß sich in einem neuen außen­politischen Rahmen auf einer neugeschaffenen inner­politischen Grundlage einrichten. Hier sind am Ende des Jahres 1939 die Dinge noch durchaus im Fluß.

Aeue Grundlagen in Lettland und Wand.

Von unserem Ri.-Korrespondenten.

Riga, Dezember 1939.

Wenn auch der Wirtschaftsapparat Lettlands und Estlands vielseittger ist als der Litauens, wenn er auch vielfach auf einer höheren Stufe steht als dies in dem der Bevölkerungszahl nach größtem baltischen Staat der Fall ist, so ist doch in wirt­schaftlicher Hinsicht die Problemstellung gleichartig. Estland und Lettland sind in ihrer industriellen Rohstoffversorgung gleichfalls auf das Aus­land angewiesen. Es ist daher nicht ausschlag­gebend, daß Estland in seinen Oelschieferlagern eigene Heizstoffbestände besitzt, daß Lettland und Estland die Elektrifizierung weiter fortgetrieben haben, also die eigenen Energiequellen stärker er­schlossen haben als Litauen. Auch in diesen beiden Staaten bedeutet die englisch-französische Blockade eine schwere Störung des Wirtschafts­prozesses, die, wenn sie nicht das ganze Staats­gebilde auseinandersprengen soll, nur durch eine Umgestaltung der Marktbeziehungen durch ihre An­passung an die neuen politischen Gegebenheiten be­seitigt werden kann.

Auch in diesen beiden Staaten ist die Außenhan­delsfrage nicht das einzige dringliche Problem, das die Staatsführung lösen muß. Ein Umbau des Staates, wie er in Litauen notwendig ist, ist zwar hier nicht erforderlich. Zwei Problemaruppen stehen jedoch im gleichen Range zu dem Außenhandels­problem. Dies ist einmal der Beistandspakt, den Estland und Lettland gleich Litauen mit der Sowjetunion abgeschlossen haben. Er hat auch diesen beiden Staaten ständige sowjetrussische

Garnisonen gebracht und damit, gleich Litauen eine enge Verzahnung zwischen der eigenen Politik und der der Sowjetunion, wobei diese Verzahnung weiterhin auf die außenpolitische Sphäre beschränkt bleiben soll.

Dann ein Zweites: Die deutsche Volks­gruppe Estlands und Lettlands ist ins Reich heimgekehrt. Damit ist diesen beiden Staaten die Möglichkeit gegeben, ihre alte Forderung nach Errichtung eines totalen estnischen und lettischen Nationalstaates der Verwirklichung näher­zubringen. Rücksichtnahme auf die deutsche Volks­gruppe ist nicht mehr notwendig, denn nach der Rücksiedlung gibt es hier keine deutschen Volksgrup­pen. In welcher Form sich Riga und Reval mit den anderen nichtdeutschen Volksgruppen auseinander­setzt, ist eine Angelegenheit, an der das deutsche Volk unmittelbar nicht mehr interessiert ist. Das Herauslösen der deutschen Volksgruppe aus diesen Staaten, deren Bedeutung durch chre wirtschaftliche und kulturelle Leistungsfähigkeit weit über ihre zahlenmäßige Stärke hinausgeht, schafft jedoch in diesen Staaten ein Vakuum, das nunmehr das est­nische und lettische Volk v o n s i ch aus wird aus­füllen müssen. Es wird dies, seinem eigenen Wunsche entsprechend, durch eigene Kraft auszufüllen haben. Nachdem am 15. Dezember die letzten Baltendeutschen diese beiden Staaten ver­lassen haben, wird das estnische und lettische Volk in jene Position einrücken können, die Deutsche in jahr­hundertelanger Arbeit geschaffen haben.