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Aus -et Stadt Gießen.

Ernte-Zauver.

Der Beginn der Ernte mar früher auf einen ganz bestimmten Tag verlegt, der Heil bringen sollte, so etwa auf den 15. Juli, den Hoin-richstag, oder auf den 25., den Jakobstag. Auch einzelne Wochentage wurden bevorzugt, hauptsächlich der Sonnabend. In vielen Gegenden ist es noch heute Sitte, daß die Männer ihre Sensen und Mützen mit farbigen Sträußen und Bändern schmücken, die Binderinnen legen neue Schürzen und Mieder an. Der erste Schnitt wird schweigend begonnen; man bedient sich auch einer bestimmten Erntesprache.

Die meiste Magie ist um die erste Garde und dann wieder um die letzte Garde oder die letzten Halme gebreitet. Das Heimbringen der ersten Garbe erinnept an einen alten Erstlingsopfer-Zauber; sie wird entweder dem Haushahn vorgeworfen oder den Vögeln des Himmels gespendet, oder auch bis Neujahr aufgehoben. Wenn sich die Schnitter auf die erste Garbe setzen, so werden sie dadurch vor Kreuzschmerzen und Unfällen bewahrt. Es ist auch gut, wenn man drei Halme der ersten Garbe ins Schürzenband steckt, oder sich aus diesen einen Gür­tel flicht. In der ersten Garbe ist der Fruchtbark eits- dämon verkörpert, der sich auch im ErnteMai offenbart, der wieder mit dem Erntetrank in enger Verbindung steht.

Während der Ernte müssen allerlei Schutzmaß­regeln beachtet werden. Wenn ein Erntewagen bei der Heimfahrt umfällt, so ist das eine göttliche Strafe für den Geiz des Bauern. Wer aus der Furche tritt, zerschneidet seine Hand. Um, Regen herbeizuziehen, werden die Mägde von den Knech­ten begossen oder ins Wasser geworfen. Vor den mähenden Sensen flüchtet der Fruchtbarkeitsgeist immer weiter unb weiter, bis er sich endlich in den letzten Halmen, der letzten Garbe, dem letzten Fuder versteckt. Die letzte Garbe hat daher eine besondere Zauberkraft und wird mit Blumen uni) bunten Bändern geschmückt und aufbewahrt, oder sie bleibt unabgemäht auf dem Felde. Man besprengt auch die letzten Halme mit Wein oder Wasser, man umtanzt sie und überspringt sie beim Schein des Erntefeuers. Das stehengebliebene Büschel hat viele verschiedene Namen, die mit den Geistern der Ernte in Be­ziehung stehen. Sie wird auch menschlich oder tierisch gestaltet und entspricht dann uralten Vor­stellungen von Ackerdämonen, die bald Große Mut­ter, Kornmutter, Kornjungfer, Erntekind, der Alte oder die Alte heißen oder auch Vock, Geiß, Rind, Hahn, Wolf, Hase usw. Die letzte Garbe wird recht groß gebunden oder wohl auch mit einem Stein beschwert, damit die nächste Ernte recht gut aus­falle; Brot und Getränke werden hineingebunden. Sie wird als Glücksspenderin ans Scheunentor ge­nagelt oder im Haufe aufgehängt. Häufig wird die in ihr haftende Fruchtbarkeit dem Acker wieder zuge­führt, indem man ihre Körner unter die Saat mischt.

Auch in demBinden" der Gutsherrschaft und aller Fremden, die während der Ernte auf das Feld kommen, lebt noch ein alter Dämonenäbwehr- zauber fort. Die Fremden könnten Träger böser Dä­monen sein, die auf diese Weise gebunden und un­schädlich gemacht werden sollen. Die Vorbinderin tritt mkt einer Handvoll Halme an den Fremden heran, dreht die Halme seilartig zusammen und um­wickelt damit den linken Oberarm des Fremden, wobei sie einen alten Vers spricht, der etwa lautet:

Heut ist gekommen der große Ehrentag, Da ich den Herrn (die Frau) ... schnüren mag. Ich schnüre nicht zu lose und nicht zu fest, Ich schnüre auf das allerbest.

Ich tu es nicht um Bier und Branntswein,

Jcy tu es um des Herrn (der Frau)... Ehr allein."

Der Gebundene muß sich, und das ist natürlich das wichtigste, mit einer größeren oder kleineren Geldspende loskaufen, die in eine bestimmte Kasse kommt und beim Erntefest verwertet wird. Das eigenttiche Erntefest, das ja erst im Frühherbst gefeiert wird, erlebt häufig schon einen kleinen Vor­klang bei der Beendigung der Roggenernte, oft un­mittelbar im Anschluß an das Einbringen des letz­ten Roggenfuders, auf dem die letzte Garbe, bunt geschmückt oder phantastisch gestaltet, im Triumph yochgehalten wird. Zuweilen ist in diese letzte Garbe der Ernte-Ma? eingebunden, ein grünes Reis oder eine Blumenkrone, ein Hinweis auf den späteren Erntekranz. Auch bei diesem Dorfest gibt es schon Erntebier und Tanz. In manchen Bauernhäusern wird auch ein Hahn geschlachtet und verzehrt. Der Hahn spielt ja als Fruchtbarkeitsdämon eine alte Rolle; er soll den Menschen, die ihn verzehren, ma­gische Kräfte spenden.C. K.

Führerinnentagung des BDM.-Obergaues Hessen-Nassau 43 Oer Gauleiter gibt Richtlinien.

NSG. Die BDM.- und JM.-Untergauführerin-

nen und Beauftragten für das BDM.-WerkGlaube und Schönheit" des BDM.-Obergaues Hessen-Nas­sau 13 waren am Donnerstag und Freitag nach Wiesbaden zu einer Arbeitstagung ein berufen. Die Führerin des Obergaues, Obergauführerin Hete B a n i ck i, stellte die neue Stabsleiterin des Ober­gaues Sylvia Reinhold und die neu in ihr Amt tretenden Untergauführerinnen ihren Kameradinnen vor und gab bann in ihren folgenden Ausführungen genaue Anweisungen über die in Kürze zu erwar­tende Pflichterfassung des Jahrganges 1923.

Den Höhepunkt der Tagung bildete die Anwe­senheit des Gauleiters Reichsstatthalters Spren­ger, der sich in mitreißenden Ausführungen an die BDM.-Führerinnen des Gaues wandte: Unerhört find die Taten, die unsere Wehrmacht vollbracht hat, und niemand kann sich dem Hauch der gegenwär­tigen Zeit entziehen. Wir können diese Zeit und dieses Heldentum nur begreifen, wenn wir hinein­schauen in die deutsche Geschichte. Der Kamps um

Am gestrigen Frettagabend veranstaltete die Kreis­leitung Wetterau irn Stadtcheater Gießen einen Ab­schiedsabend für die Rückgeführten, die in Gießen und im nördlichen Kreis Wetterau untergebracht waren und nun in ihre Heimat zurückkehren werden. Die Veranstaltung wurde zu einer schönen Kund­gebung der Volksgemeinschaft. Zahlreiche Rück­geführte waren mit ihren Gastgebern erschienen und verlebten einige Stunden in ernster Feier und in fröhlicher Unterhaltung.

Der Sprecher der Rückgeführten, Ingenieur Hahn, fand zunächst herzliche Worte des Dankes für alle Liebe und Betreuung. Er dankte insbeson­dere der Partei und ihren zahlreichen Helfern für alle Aufopferung bei der Ankunft, wie auch bei der weiteren Betreuung. Weiter sagte der Redner der Stadtverwaltung herzlichen Dank für alle Bemühun­gen um gute Unterkunft und Unterstützung. Er be­tonte, daß wohl kaum einer der Rückgeführten unzu­frieden von Gießen scheide. Besonderen Dank wid­mete ber Sprecher ferner bent Kreisgeschäftsführer Weder für seinen nimmermüden Einsatz für die Rückgeführten Als äußeres Zeichen der Dankbarkeit überreichte er dem Kreisgeschaftsfübrer ein Bild aus Saarbrücken. Nachdem der Sprecher noch kurz in humorvoller Form die vergangenen Monate, die Le­bensform, Leiden und Freuden der Rückgeführten geschildert hatte, dankte er mit herzlichen Worten allen Gastgebern, die die Rückgeführten ausgenom­men haben, mit ihnen in schöner Gemeinschaft leb­ten und engen Kontakt gewannen. Der Redner gab zum Schluß dem Wunsche Ausdruck, daß es den Rückgeführten von ber Saar bald vergönnt fein möchte, ihre Gießener Gastgeber auch einmal in der Heimat an der Saar begrüßen zu können.

Kreisgeschäftsführer Weber dankte in kurzen Worten für die ihm zuteil gewordene Ehrung und betonte, daß die Arbeit für die Rückgeführten ihm eine Ehrenpflicht gewesen sei, um so mehr, als es sich die Partei zur Aufgabe gemacht habe, die Volks­gemeinschaft in erster Linie zu pflegen.

In einer eindringlichen und herzlichen Ansprache wandte sich bann Kreisleiter Backhaus an die Rückgeführten und ihre Gastgeber. Er sprach zu­nächst vom Auslandsdeutschtum und von den schwe­ren Tagen, die den Ausländsdeutschen immer in Krisenzeiten beschieden waren, er sprach aber auch von den Grenzlanddeutschen und ihrer steten Be­reitschaft, sich einzusetzen für das Vaterland, von ihrer Bereitschaft, mancherlei Leid auf sich zu neh­men und doch die Grenze zu halten. Dann wandte er sich insbesondere den Grenzlanddeutschen des Saargebiets zu, denen in der jüngeren Geschichte eine Fülle des Schweren beschieden war und die mehr als die Volksgenossen im Innern des Reiches zu beweisen hatten, wie teuer ihnen das Vaterland ist. Er erinnerte an die Leidenszeit der Bevölke­rung des Saargebiets während der 15 Jahre, die sie unter französischer Besatzungsherrschaft standen, schilderte aber auch das große Erlebnis der Saar- abstimmung und die Heimkehr ins Reich. Der

die Einigung Deutschlands, dieses ewige Ningen ist einmalig. Die geschichtliche Entwicklung ber letzten 300 Jahre nochmals streifend, kam ber Gauleiter bann auf die dem deutschen Volke und die in die­sem Rahmen der deutschen Jugend vom Führer ge­stellten Aufgaben zu sprechen. In Zukunft wird jeder beutfdje Junge und jedes deutsche Mädel so viel sein als in ihm steckt. Das ist das Höchste, was einem Volk beschieden sein kann. Seine richtung­gebenden und begeistert aufgenommenen Worte schloß ber Gauleiter mit dem Hinweis, mit größter Verantwortung an die kommenden Ausgaben heran­zugehen, die freiwillig übernommen wurden. Deren Erfüllung müsse ihnen in der großen Zeit persön­liche Genugtuung, Freude und auch Belohnung fein.

Im Verlauf ber Tagung sprachen noch bie Abtei­lungsleiterinnen des Obergaues über ihre Arbeits­gebiete. Den UKtergauführerinnen wurde noch Ge­legenheit gegeben, sich mit den Abteilungsleiterinnen des Obergaues persönlich über die Schwierigkeiten und Freuden ihrer Arbeit auszusprechen.

Kreisleiter sprach ferner davon, wie nach den Jah­ren der Bedrängnis nun abermals die Volksge­nossen an ber Saar im September 1939 Schweres auf sich nahmen, indem sie bie Heimat innerhalb weniger Stunden verlassen mußten. Er sprach aber auch davon, daß Deutschland dies alles nicht ver­gessen werde. Niemand, der mit den Volksgenossen von der Saar, mit den Rückgeführten Verbindung angeknüpft habe, werde die Verbindung je wieder unterbrechen. Im übrigen werde der Führer dafür Sorge tragen, daß den Volksgenossen an ber Grenze ihre Heimat für bie Zukunft unbedrohter und unverlierbarer Besitz sein werde.

Mit dem Sieg-Heil auf den Führer und unsere siegreiche Wehrmacht schloß Kreisleiter Backhaus seine mit starkem Beifall aufgenommene Ansprache. Gemeinsam wurden bann die Lieder der Nation gesungen.

Der weitere Verlauf des Abends war der Unter­haltung gewidmet. Das Stadttheater bestritt mit seinen Kräften, wie auch mit einigen Gästen, ein anregendes und künstlerisch wertvolles Programm. Frau Elsa Thiel (Wiesbaden) a. G. sang einige Lieder van Schubert und Wolf und erntete stür­mischen Beifall. Fräulein Possinke und Herr Neuland sangen aus Operetten, bereiteten damit eine besondere Freude und mußten sich zu Zugaben verstehen. Die Ballettmeisterin Irmgard T r ö m e l zeigte in einem Walzer und einem Matrosentanz ihr Können, Roth Norden (Königsberg), a. G., wartete mit liebenswürdigem pantomimischem Sing­sang auf und fand ebenfalls viel Beifall. Gerti Vogt und Harrn G r ü n e t e sangen und tanzten sehr hübsch ein Duett aus einer Leharschen Ope­rette und Hans Seitz trug Schnurren in ober- hessischer. Mundart vor, die mit herzlichem Lachen quittiert wurden. Harry Grüneke ließ in den verbindenden Worten, wie auch in -einigen paro­distischen Darbietungen alle seine Laune sprühen und unterhielt damit ebenfalls ausgezeichnet. Der 1. Kapellmeister S ö l l n e r begleitete unermüdlich und sorgfältig die Darbietungen des Abends am Flügel. Kameraden ber Luftwaffe umrahmten mit Musik ben Abfchiedsabenb.

Die Rückgeführten und ihre Gäste erlebten so einen Abend, der ihnen sicherlich lange im Gedächt­nis bleiben wird.

Erste Gruppe triff die Heimreise an.

Am morgigen Sonntagabend wird die erste Gruppe der rückgeführten Saarländer aus Stadt und Kreis Gießen die Heimreise nach ihrer Heimat an treten. In Gießen werde» etwa 170 Saarländer einen Zug besteigen, der von Frankfurt kommt und nach Dillingen (Saar) fährt. Diesen Zug werden auch Saarländer benutzen, die in 'Friedberg und Umgegend, Wetzlar, Weilburg usw. untergebracht waren. Die Gießener Reisegruppe wird auf ihrer Fahrt in die Heimat von Kreisgeschästsft'hrer W e - ber von ber hiesigen Kreisleitung begleitet fein.

Dornvfizerr.

Tageskalender für Samstag.

Gloria-Palast, Seltersweg:Bal par6". Licht­spielhaus, Bahnhofstraße:Die unheimlichen Wünsche". Artilleristen-Kamerabschaft: 21 Uhr Hessischer Hof" Kamerabschaftsappell.

Tageskalender für Sonntag.

Gloria-Palast, Seltersweg: 11 Uhr Wochenschau. Bal pare". Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: Die unheimlichen Wünsche".

Notizen für den 4. August.

Sonnenaufgang 5.23 Uhr, Sonnenuntergang 20.47 Uhr. Monbaufgang 6.17 Uhr, Monbuntergang 20.42 Uhr.

Ein Käfer fliegt über die Grenze.

NSG. Unerwartet früh sind in diesem Jahre die ersten Zuflüge von Kartoffelkäfern aus den ver­seuchten Gebieten Frankreichs erfolgt. Sofort ist daraufhin eine neue Verordnung des Reichsministers für Ernährung und Landwirtschaft erschienen über die Abwehr des Kartoffelkäfers, bie unter Aus­wertung ber bisherigen Erfahrungen alle Maß­nahmen regelt, bie bei der Bekämpfung dieses für bie deutsche Dolksernährung so gefährlichen Schäd­lings getroffen werden müssen.

Während des Weltkrieges wurde der Kartoffel­käfer aus Amerika, das ja auch die Heimat der Kartoffel ist, nach Frankreich eingeschleppt. Zunächst schenkte man ihm wenig'Beachtung, bis die ver­heerenden Folgen seines Auftretens immer deut­licher wurden. Von der Westküste Frankreichs aus verbreitete sich der Kartoffelkäfer immer weiter nach Osten. Belgien, Holland, auch die Schweiz wurden von ihm bereits angegriffen, und im vergangenen Jahr war er schon in größeren Mengen über den Rhein gekommen. Deshalb hat vor allem in der gefährdeten Westmark der Reichsnährstand einen sorgfältig organisierten Abwehrdienst eingerichtet.

Die Geschichte ber Schäblinasbekämpfung zeigt, daß es überaus schwierig ist, den Wanberzug der Insekten aufzuhalten. Glücklicherweise ist es feine Schwierigkeit, ben Kartoffelkäfer zu erkennen. Die­ser amerikanischeEmigrant" ist nämlich so unvor- sichtia, keinem unserer einheimischen Käfer zum Ver­wechseln ähnlich zu sehen. Er ist fast so breit wie lang und erreicht eine Größe von etwa einem Zentimeter, lieber seinen gelben, kugelig gewölbten Rücken ziehen sich zehn tiefschwarze Streifen. Die gelbe Brust und den Kopf hat er mit schwarzen Punkten und Strichlein angemalt. Seine sechs langen Beine und ber Unterleib sind braun. Sein Aussehen ist also einmalig bas kleinste Schul­kind erkennt ihn bei der Kartoffelkäferrazzia. Auch bie roten, mit schwarzen Punkten an der Seite ver­sehenen Puppen und Larven sind leicht zu erlernten.

Gießener Wochenmarklpreise.

* Gießen, 3. Aug. Auf dem heutigen Wochen- markt kosteten: Markenbutter, A kg 1,80 RM., Matte 30 Rpf., Käse, das Stück 6 bis 10, Kartoffeln, neue, % kg 7,2 Rpf., Wirsing 10, Weißkraut 10, Rotkraut 17, gelbe Rüben 10, rote Rüben 10 bis 15, Spinat 25, Römischkohl 10, Bohnen, grün, 16 bis 28, gelb, 22, Erbsen 30, Tomaten 35, Rhabarber 10, Pilze 50, Frühäpfel 35, Falläpfel 10, Himbeeren 45, Heidelbeeren 42, Johannisbeeren 25, Pflaumen 35, Zwetfchen 35, Mirabellen 35 bis 42, Renekloden 35, Blumenkohl, das Stück 10 bis 60, Salat 5 bis 10, Salatgurken 10 bis 50, Einmachgurken VA bis 4, Endivien 15, Oberkohlrabi 5 bis 15, Rettich 5 bis 15, Radieschen, das Bund 10 bis 12 Rpf.

* * M i t dem Eisernen Kreuz aus­gezeichnet. Der Stabsarzt in einer Sanitäts­staffel der Luftwaffe Dr. Wilhelm Schmidt wurde mit dem Eisernen Kreuz II. Klasse ausgezeichnet. Dr. Schmidt, der aus Gießen stammt ,ift früher durch feine erfolgreiche segelfliegerische Tätigkeit in Gießen und Oberhessen bekanntgeworden.

* * Verkehrsunfall. Am gestrigen Freitag­abend stießen in der Walltorstraß e/Ecke Asterweg zwei jugendliche Radfahrer in schneller Fahrt mit ihren Rädern zusammen. Beide stürzten, wobei der eine junge Mann eine erhebliche Kopfwunde und eine Gehirnerschütterung erlitt, während der andere mit Verletzungen im Gesicht davonkam. Die Bereit-

Wenn Augen versagen Magnus-Brillen tragen!

Abschiedsabend für die Saarländer.

Die schöne Melusine

Roman bon Hans Ritter

17. Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)

,Hch will etwas Neues hoben. Sehen Sie, Sied­lungshäuser und Wochenendhäuser müssen anders ausgestattet werden als Stadtwohnungen. Da kommt unsere Keramik und unser Steingut wieder zu Ehren. Hübsche Kacheln, Plastiken für den Gar­ten und vor allem ein hübsches, neues Geschirr. Sehen Sie, die Engländer machen da so ein Ge­schirr in Blau, bas hat richtig schon Tradition ge­kriegt, paßt auf Landsitze und ist hübsch und prak­tisch zugleich. Ich will das beileibe nicht nach­machen. Aber ich will etwas herausbrinaen, das ebenso hübsch und praktisch ist. Aber von so etwas verstehen Sie wohl nichts?"

Tilde ist ganz bei der Sache.Doch", nickt sie. Ich kann es mir schon denken, was Sie wollen. Wie man es macken soll, weiß ich ia nicht, denn von Ihrer Branche habe ich keine Ahnung. Aber kaufmännisch kann ich es mir sehr gut vorstellen. Ich war nämlich in Hamburg auf der Handels­schule."

Sieh mal an."

Und ich meine, Ähr Herr Vater muß das doch auch einsehen."

Wird er auch. Der Alte brummt, aber zuletzt läßt er mich doch machen. Und wenn nicht, dann lauf ich ihm eben weg und mache mich selbständig."

Sie sieht ihn strafend an.Eigentlich sind Sie doch noch ein großer Junge, Heinz Deetjen."

Ach was, Junge, fangen Sie nicht auch noch an. Alle halten mir schon Moralpauken, der alte Herr und Kranich. Ich bin noch nicht verkalkt genug und habe meine eigenen Ideen. Nun passen Sie mal auf. Das mit dem Geschirr ist schön und grün, da fällt mir schon noch das Richtige ein. Viel wich­tiger ist, daß das Häuschen, das wir da auf bauen wollen, feinen Blickfang hat. Vor ein paar Jahren hat eine Fabrik Wafferfchalen für Vögel heraus- aebracht, Tränken, nicht wahr. Und da faßen dann so drei oder vier Spatzen drauf. Das war ein Artikel. Irgend fo etwas bringe ich auch. Damit

die Leute aber angezogen werden, soll mitten im Garten eine Figur stehen. Als Blickfang eben. Bis gestern habe ich keine Ahnung gehabt, was die Figur eigentlich darstellen müßte. Jetzt weiß ich es."

Was soll sie denn darstellen?" fragt Tilde.

Die schöne Melusine. Als ich Sie heute aus dem Wasser kommen sah, da hatte ich es mit einem Male. Nun habe ich mich den ganzen Tag mit dem Gesicht der Frau ad gemüht und habe es nicht her­ausbekommen. Sie sollen mir helfen."

,Zch?"

Aber ja doch", er wird beinah ungeduldig.Die schöne Melusine muß doch Ihr Gesicht tragen, Fräu­lein Tilde. Ich habe Ton mitgebracht, und nun. bitte ich Sie, lassen Sie mich heute und morgen und übermorgen nach Ihrem Gesicht modellieren. Wollen Sie?"

Tilde ist wie > erschlagen von diesem plötzlichen Vorschlag und zögert.Lassen Sie mich erst ein­mal darüber nachdenken, Heinz Deetjen."

Aber nicht zu lange."

Nein, ich, wissen Sie, Modell, das ist etwas ganz Neues für mich. Gehen wir doch noch eine Weile spazieren."

Damit ist er einverstanden.

16.

Es ist etwas anderes, ob man eine Gegend zu zweit oder allein durchstreift und ob e.n Hügel auf dem Festland oder auf einer Insel liegt. Ohne das auszusprechen, empfinden es beide, Tilde sowohl wie Heinz Deetjen. Sie sind beide zuerst einmal in ihre Zelte gekrochen und haben ihre Trainingsan­züge übergestreift. Sie sind beide zünftig, und Tilde muß, während sie nebeneinander hergehen, daran denken, daß sie den zweiten Teil der Nacht in dem Trainingsanzug gesteckt hat, den der Mann jetzt trägt.

Zuerst schlendern sie in der gelösten Form junger Sportsmenschen, die den Tag über ihre Muskeln gebraucht haben, nebeneinander her und reden Dinge, mit denen sie sich aneinander herantasten.

Dabei ist der Mann offener als die Frau. Tilde hat eine Hemmung, ihm von dem zu sprechen, was sie wirklich hierher geführt hat. Genug, daß er weiß, daß sie kaufmännische Angestellte fft und hier ihren Urlaub verbringt.

Von dem überlegen wirkenden, beinah eingebil­deten Manne, der in Berlin auf der Straßenbahn gestanden hat, ist wenig übrig geblieben. Uebrig geblieben ist ein sportlich eingestellter Junge, der auf der Sckwelle zum Manne steht und der alle Kämpfe dieses Ueberganges durch fechten muß.

Heinz Deetjen spricht oavon, daß er oft hierher kommt. Hallersdorfer Teerofen liegt auch am See, und man kann, wenn es auch ziemlich weit ist, den Endsee mit dem Boot erreichen. Der Landweg aber ist viel näher, und es ist auch so, daß er, wenn er fein Motorrad bei -dem Bauern Hagemann abge­stellt hat und ins Boot steigt, ein anderer Mensch wird.

,Zch bin kein Bürositzer, Fräulein Tilde", sagt er.

Aber warum kommen Sie gerade immer wie­der auf die Runeninsel?" will sie wissen.

Sie sind oben auf der Höhe angekommen und stehen vor dem Gebüsch mit den Feldsteinen.Sie kennen ja all die Geschichten, die hier herumgei­stern. Die haben uns als Jungen nicht schlafen lassen, und als wir dann einmal "einen Hauslehrer hatten, der eigentlich Archäologe war und nur das Sommersemester bei uns zubringen sollte, schleiften wir ihn hierher. Meine Schwestern kamen natürlich für solche Exkursionen nicht in Frage. Ader es waren ein paar Vettern bei uns, und eigentlich wollten wir uns nur einen Jux machen. Daß aus diesem Jux mehr wurde, verdanke ich eben diesem Kandidaten. Der Mann ging ganz sachlich vor und ließ sich zuerst einmal die alten Sagen erzählen. Damals lebte der Großvater Hagemann noch, und der steckte voll davon. Dann beluden wir eines Tages ein Boot mit Schaufeln und Hacken und fuhren hierher auf die Insel. Dort drüben sehen Sie noch die Gräben, die wir gezogen haben."

Tilde hörte ihm gespannt zu.Und haben Sie etwas gefunden?"

3a, ein paar Knochen, die wir mit heiligem Gruseln anfaßten, als der Kandidat sagte, es seien Menschenknochen und Topfscherben. Wissen Sie eigentlich, was Keramik auf deutsch heißt?"

Nein!" gesteht Tilde.

Töpferei, nichts anderes als Töpferei, es stammt aus dem Griechischen und klingt eben vornehmer. Daß Töpferei ein Handwerk und eine Kunst zu­gleich ist, haben wir damals gelernt, und ich habe mir für meine Berufsehre die erste Beule im Kampf

mit meinen Vettern geholt, die mich wegen be­sagter Töpferei verulken wollten."

Tilde lachte.Und wo ist der Kampf ausgefochten worden?"

Hier. Hier oben. Den einen hab ich später noch den Abhang heruntergekollert, und der andere hat mich unten am Wasser zu fassen gekriegt. Na, jeden­falls habe ich später in München, als ich auf der Kunstakademie war, auch ein paar Semester Ar­chäologie gehört. Aber dem Geheimnis der Runen- insel bin ich ebensowenig nähergekommen, wie unser Hauslehrer. Was er uns erzählte, war wohl mehr Hypothese, und er hat es erzählt, um uns überhaupt ein Bild zu geben."

Und was haben Sie mit dem Knochen gemacht?"

Der Kandidat hat ihn behalten. Er liegt wohl jetzt irgendwo in einer Sammlung als »Gussower Fund*. Aber die Topfscherben, die dabei waren, haben mich eigentlich noch mehr interessiert."

Er lacht.Man ist nicht umsonst Töpfer und, sehen Sie, Fräulein Tilde, deshalb komme ich heute noch gern hierher, wenn ich etwas zwingen will. Ich kann Ideen nicht am Zeichentisch bekommen, ich kann überhaupt nicht auf dem Papier denken, sondern nur in Ton."

Er hat wahrhaftig ein Klümpchen Ton in der Tasche und knetet, während er spricht, daran herum.

Tilde sieht, daß ein Mädchenkopf sich daraus bil­det, und sie läßt ihn gewähren. Mehr noch, sie hebt den Kopf und bemüht sich, ganz still zu sitzen. Aber das macht ihn ärgerlich.

Bewegen Sie sich doch ruhig."

Er erzählt von Einzelheiten von der Ausgrabung, und während er spricht, formen feine Hände. Tilde hört ihm zu und beobachtet ihn dabei. Es ist, als kenne sie ihn schon lange, und wenn sie ihn jetzt anspricht, nennt sie ihn immer Heinz Deetjen, und er sagt Tilde, nicht einmal Fräulein Tilde.

Als er sie nach einer Weile fragt, ob sie ihm nun sitzen wolle, lacht sie:Ich sitze Ihnen doch schon die ganze Zeit über, Heinz Deetjen."

Er brummt:Das netrnen Sie sitzen?"

Was ist denn wirklich sitzen?"

Dazu müssen wir nun doch ins Atelier gehen. Den Kranich setzen wir an die Luft, uyd dann geht's los. Aber die Stellung und den Gedanken, den muß ich zuerst haben."

(Fortsetzung folgt)