Nr. ISS Zweites glatt
Sichen« Anzeiger iSeneral-Anzeig« für Gderhcsten)
Mittwoch, 3. Zull M»
Lugendgruppen der NG.-Frauenschast auf Burg Münzenberg.
Aus der Giadt Gießen.
Lm hohen Sommer.
Die Linde, der bekannteste Spätest-Blüher unserer Laubbäume, lockt nun mit ihrem Duft Bienen und Hummeln. Die Wintergerste reift schnell der Ernte entgegen, lieber den Kornfeldern liegt schon der gelbliche Schimmer, der den Sensenschnitt in 14 oder 18 Tagen ankündigt. In den Gärten feiert jetzt das berühmte Dreigestirn der sommerlichen Sonnenwende die hohe Zeit üppigster Pracht: die Lilie, der Rittersporn und die Rose. Blauer Rittersporn, karminrote Kletterrosen, weiße Madonnenlilien oder Jasmin sind — in einer Vase zusammengefaßt — fast zuviel der sommerlichen Pracht. Der Farbenrausch ist aus der Nähe überwältigend; er wird besser aus zwei oder drei Metern Entfernung gesehen und wirkt dann eher als „Stilleben". Die Fülle dieser Eindrücke wiederholt sich jedes Jahr und ist jedes Jahr neu, rätselhaft, bewundernswert. In diesem Jahr sehen wir das Wunder des Hochsommers nicht mit der Unbefangenheit der vollen Hingabe.
Im Genüsse höchster Schönheit ist unsere Seele zwiespältig. Unsere Gedanken sind bei Vätern, Brüdern, Söhnen, die, gleich uns, sicher gern und freudig den Augenblick genießen, vielleicht kräftiger genießen als wir, aber in der Ungewißheit des Soldatenschicksals stehen. Gegensätze berühren sich, sagt ein altes, landläufiges Wort, lieber höchster sommerlicher Pracht liegt ein leichter Hauch von tieferer Besinnlichkeit: in ihr spricht jene Demut, ohne die die Neige höchster Schönheit nicht ausgekostet wird.
Dornotizen.
Tageskalender für INillwoch.
Gloria-Palast (Seltersweg): „Der Fuchs von Glenarvon". — Lichtspielhaus (Bahnhofstr.): „Das Glück wohnt nebenan". In beiden Häusern die neueste Ufa-Ton-Woche „Siegesfahnen über Deutschland".
Nolizen für den 3. Juli.
Sonnenaufgang: 5.08 Uhr, Mondaufgang: 3.44 Uhr, Sonnenuntergang: 21.49 Uhr, Monduntergang: 19.28 Uhr.
Notizen für den 4. Juli.
Sonnenaufgang: 5.09 Uhr, Mondaufgang: 4.33 Uhr, Sonnenuntergang: 21.49 Uhr, Mondunter- gang: 20.22 Uhr. Mond in Nordwende, Sonne in Erdferne.
Hitler-Lugend Bann 116.
Vannmelslerschafl im Schwimmen.
Am Mittwoch, 3. Juli, findet in der Müllerschen Badeanstalt in Gießen für alle Teilnehmer an den Bannm^isterschaften im Schwimmen eine Uebungs- stunde statt. Die Teilnehmer melden sich um 19.30 Uhr am Sprungturm bei dem Bannfachwart Kleinke. Die bis jetzt noch nicht abgegebenen Meldungen sind zu dieser Üebungsstunde mitzubringen.
Altmaterialsammlung auch während der Schulferien!
Auch während der Schulferien läuft die Altstoff- orfassr^ig durch die Schulen wie bisher weiter. Der Reichserziehungsminister hat angeordnet, daß auch während der schulfreien Zeit alle verfügbaren Kräfte dafür eingesetzt werden. Schulkinder, die während der Ferien zu Hause bleiben, dürfen auch während der Ferien die Mühe nicht scheuen, ein- oder zweimal in der Woche die gesammelten Altmaterialien in die Schule zu bringen; denn die Sammlung von Altmaterial ist Kriegsdienst. Die Lehrer werden darüber hinaus die Schulkinder verstärkt anhalten, in benachbarten Haushaltungen ohne schulpflichtige Kinder regelmäßig vorzusprechen, um die dort anfallenden Altstoffe zu erfassen und in den Schulen abzuliefern. ______________________
Zu einer Arbeitstagung versammelten sich am vergangenen Sonntag 22 Jugendgruppen des Kreises Wetterau der NS.-Frauenschaft mit ihren Führerinnen in den Mauern der alten Burg Münzenberg. Vertreten waren die Jugendgruppen Allendorf a. d. £., Annerod, Büdesheim, Friedberg, Gießen, Griedel, Großen-Linden, Grünberg, Grüningen, Heuchelheim, Lang-Göns, Lich, Melbach, Ober-Rosbach,^ Okarben, Reichelsheim, Rockenberg, Rodheim, Wohnbach, Wölfersheim, Steinbach und Steinheim. Die bunten Kleider junger, deutscher Frauen und Mädchen und das etwas ernstere Schwarz-Weiß der Führerinnenkleidung boten auf dem faftiggrünen Rasen des Burghofes und zwischen dem ehrwürdigen Grau der alten Mauern ein schönes Bild.
Der Tagung voraus ging eine stimmungsvolle Morgenfeier mit feierlicher Flaggenhissung, mit Worten und Liedern einer neuen Zeit, in denen zum Ausdruck kam, daß auch die deutsche Frau ein politischer Mensch zu werden bestrebt sein und mitkämpfen muß in einem Kampf, der nicht allein auf Schlachtfeldern entschieden werden kann. Von junger Lebensbejahung und Freude an diesem Kampf waren alle erfüllt.
Hinweisend auf die mahnenden Zeugen der zerstörten Mauern Münzenbergs, die nicht ein äußerer Feind, sondern eigene deutsche Uneinigkeit und das Fehlen einer einigenden Idee zerstörten, sprach Dr. Herta Genth, Gausachbearbeiterin für Rassen- politik, in längeren Ausführungen über rassenpolitische Fragen. Sie führte aus, daß zur Todesbereitschaft des Mannes die Lebensbereitschaft der Frau kommen muß. Sie muß dazu bereit sein, dem Volk möglichst viele erbtüchtige Kinder zu schenken. In Frage und Antwort, an Beispielen aus der Natur, aus Sagen und Märchen, denen ja allen ein tieferer Sinn zugrunde liegt, durch manches vertrauliche Wort und auch durch statistische Zahlen machte die Rednerin ihre jungen Zuhörerinnen mit den Verheerungen bekannt, die eine vergangene, verblendete Zeit auf dem Gebiete des deutschen Volkswachstums und der deutschen Familie anrichtete. Sie schilderte die bereits verwirklichten und die noch geplanten Förderungs-
Appell der alten Soldaten.
Unter der Leitung des Kameradschaftsführers, Lehrer Karl Döhn, hielt die Kriegerkameradschaft 1874 im NS.-Reichskriegerbund ihren Juli- Appell ab, in dessen Mittelpunkt ein Vortrag stand. Zunächst widmete der Kameradschaftsführer den im letzten Vierteljahr verstorbenen Kameraden und den in letzter Zeit auf dem Felde der Ehre Gefallenen sowie den Toten des Weltkrieges und der Bewegung ein ehrendes Gedenken. Mit Dankbarkeit und Bewunderung sprach der Kameradschaftsführer von den letzten entscheidenden Ereignissen, deren Bedeutung gerade der alte Frontsoldat zu würdigen versteht. Für den alten Soldaten haben diese Ereignisse nicht nur die Erinnerung an manche vertraute Kampf- ftätte, sondern auch die Achtung vor den Leistungen unserer jungen Soldaten hervorgerufen. Der Kameradschaftsführer forderte alle Kameraden auf, sich durch restlosen Einsatz für das Aufbauwerk und treue Pflichterfüllung dankbar zu zeigen. In diesem Sinne wurde ein Treugelöbnis auf den Führer ausgebracht.
Kamerad Professor Dr. Schauder hielt einen interessanten Vortrag über das „Veterinärwesen im Kriege". Seine Erfahrungen als Veterinäroffizier im Weltkrieg und als Divisionsveterinär im jetzigen Kriege ermöglichten es ihm, entsprechende Vergleiche zu ziehen. Zunächst sprach er über die Entwicklung des Veterinärwesens im Heere und erläuterte dann,
maßnahmen des Reiches auf dem Gebiet der Rassenpolitik, und sie betonte, daß es immer wieder der Führer ist, der die deutsche Mutter und das deutsche erbtüchtige Kind zum Ziele weitsichtiger Planungen macht.
Nach der Mittagspause, in der die NS.-Frauen- schast Münzenbergs ihre Gäste bewirtete, hielt die Kreisjugendgruppenführerin Ria Rosenschon (Gießen) eine Führerinnenbesprechung im „Fürstenzimmer" der Burg ab. Alle Führerinnennöte und -Freuden, die heute nicht kleiner als in der Kampfzeit sind, kamen zur Sprache. Es werden weitere Helferinnen für die Erntelager Himbach und Schönberg benötigt.
Währenddessen hatten sich die übrigen Teilnehmerinnen in fünf Gruppen auf die einzelnen Räume der Burgruine verteilt. Zu jeder dieser Gruppen sprachen abwechselnd: Kreisjugendgruppenführerin Ria Rosenschon über Fest- und Feiergestaltung (Eheschließung, Namensgebung und den Sinn der Tischsprüche); Kreissachbearbeiterin für Schrifttum, Friedgard Schuster, über Märchenbücher, geschichtliche, politische und Unterhaltungsbücher, die Schriftsteller der Gegenwart und das Laienspiel; Ortsjugendgruppenführerin Käte Man- drella über Sport, vorwiegend Turnen; Ortsjugendgruppenführerin Meta Amend über Basteln (Kinderspiele, Kasperleköpfe), Geschmacksschulung bei der Anfertigung von Handarbeiten und Kleidern; Ortsjugendgruppenführerin Annemarie Ritter übte die Gruppen im Singen und Lernen neuer Lieder.
Den Schluß der Tagung bildete eine Ansprache des Ortsgruppenleiters von Münzenberg, der in großen Zügen die deutsche Geschichte streifte und ihre Hintergründe darlegte. Die Teilnehmerinnen des Treffens ermahnte er, immer dessen eingedenk zu sein, daß wir alle um das Lebensrecht des deutschen Volkes kämpfen müssen, damit die Gefallenen der beiden letzten Kriege nicht umsonst ihr Leben gaben. — Die Kreisjugendgruppenführerin ließ die Tagung in dem Gruß an den Führer mit den Nationalliedern ausklingen.
wie im Weltkriege und nun im jetzigen Kriege die großartige Organisation aufgebaut wurde, durch die dem „Kameraden Pferd" eine umfangreiche Betreuung zuteil wird, so daß er leistungsfähig erhalten bleibt und für die Wehrmacht eine entscheidende Bedeutung gewinnt. Die Ausführungen wurden mit großem Interesse und starkem Beifall ausgenommen.
Im Anschluß an den Vortrag wurden organisatorische Angelegenheiten erledigt. Die Kameradschaft wird sich geschlossen an der Heilkräutersammlung und auch am Wettkampfschießen am 7. und 14. Juli im Schützenhaus beteiligen. Für das Schießen sind die Bedingungen wesentlich erleichtert worden. In der letzten Zeit sind wieder Briefe und Kartengrüße der einberufenen Kameraden eingetroffen, die verlesen wurden.
Wer trägt die Kosten bei Lustschutzmaßnahmen im MiethauS?
Oft sind sich Hauseigentümer und Mieter nicht über den Umfang ihrer Verpflichtungen bei der Durchführung von Luftschutzmaßnahmen im klaren. Deshalb wird im soeben erschienenen Heft der „Sirene" das Wichtigste aus den verschiedenen Verordnungen, Bestimmungen und Richtlinien über die Teilung der Verantwortlichkeit und Kosten zwischen Hauseigentümer und Mieter veröffentlicht. Außerdem bringt die neue „Sirene" wieder Bildberichte
über „Erste Hilfe" bei Verletzungen, über die Vorbereitungen, die man treffen muß, bevor man den Luftschutzraum.aufsucht sowie über Studenten im Luftschutzdienst. e
Rosita Serrano singt in Gießen.
Die NS.-Gemeinschaft „Kraft durch Freude" bereitet am kommenden Montag, 8. Juli, im Gloria- Palast ihren zahlreichen Freunden in Stadt und Land eine besondere Freude. Die bekannte Sängerin Rosita Serrano wird in Gießen ein Gastspiel geben. Die Künstlerin, von vielen Darbietungen im Rundfunk her bekannt und immer wieder gern gehört, hat innerhalb eines Jahres einen geradezu kometenhaften Aufstieg erlebt. Es verging kaum ein Tag, an dem nicht im Rundfunk eine ihrer Schallplatten zu hören gewesen wäre. Ueberall, wo sie persönlich auftrat, verbreitete sie Freude um sich
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Schickt Mstrierte an die Front!
Der Frontsoldat wird dafür dankbar sein.
und genoß die Sympathie nicht nur einzelner Kreise, sondern der Allgemeinheit. Einfache Menschen wie auch ein verwöhntes Konzertpublikum, junge und abgeklärte reife Menschen hören sie gern und bringen der Künstlerin ein lebendiges Interesse entgegen. Immer wieder freut man sich über ihre ungekünstelte Frische, ihre erstaunliche Musikalität und über die schöne Stimme. Schlank und elegant, selbstsicher und vergnügt, steht sie auf der Bühne, und der vollkommene Einklang von Liedern und Vortrag läßt das Gastspiel der chilenischen Künstlerin zu einem Erlebnis werden.
Neben Rosita Serrano wird das Unterhaltungsorchester Kurt Hohenberger mit seinen Solisten konzertieren, das ebenfalls von vielen Rundfunksendungen und Schallplatten her bekannt ist.
Gießener Schlachtviehmarkt.
Aus dem gestrigen Gießener Schlachtviehmarkk (Schlachtoiehverteilungsmarkt) in der Diehversteige- rungshalle Rhein-Main kosteten: Ochsen 41,5 bis 45, Bullen 33,5 bis 49,5, Kühe 17 bis 44,5, Färsen 19,5 bis 44,5, Kälber 35 bis 57 Rpf. je Vs kg Lebendgewicht. Für Schweine wurden je kg Lebend-
Sommer.
Von Anton Schnack.
Sommer — schon höre ich seine volle und dunkle Stimme hinter einer majestätisch aufsteigenden Wolkenwand rollen, die über den Hügeln sich zusammenballt. Stockwerkartig ist diese Wolke, die zusammen mit dem Hügelbau zu einem gewaltigen Gebirge verwächst. Das ist eine andere Wolke als das leichte, flatternde Frühlingsgewölk. In jener Jahreszeit waren die Wolken schneeweiße kleine Ballen, loschen Veränderungen preisgegeben und von frischem Wind über das blanke Schild des Frühlingshimmels gejagt. Nun aber mit dem Wachsen der Hitze werden die Wolken fast dunkel, fahl und ungewiß. Von der feuergefüllten Küche des Sommers werden sie aus den verdampfenden Wassern der Erde zusammengekocht und mit Schwüle geladen.
Oh wunderbare Zeit, irgendwo auf einer freien Hügelkuppe zu liegen, unter sich Wald, Felder und Wiesen, zu träumen und zu warten, bis aus einer im Westen aufsteigenden grauen Götterburg der erste Blitzstrahl zuckt. Lange danach grollt ein heißer und gebrochener Donner, die schwarze Baßstimme des Sommergottes.
Sommer will kommen — ein Blick in den Garten deutet die fürstliche und prunkende Jahreszeit an, plötzlich, über Nacht, brennen und leuchten sattere und vollere Farben auf den Blumenbeeten und an den Zäunen entlang. Die Rosenglut durchbricht das Grün — herrliche Edelsteine, in die goldene Krone des Sommerhaares gewebt. Rosenzeit ist Sommer, Rosenblüten sind Schmuck und Sinnbild seiner hitzigen Schönheit, er gebiert die Blüte, mit der sich Venus geschmückt hat und die der listige und verschlagene Cupido in artiger Weise dem ländlichen Mädchen in die Haare geflochten und in die Arme gelegt hat. Wenn die saftangelbe Rose „Me- lody" blüht, wenn die weiße „Manon Cochet" \ä= chelt, wenn die rosafarbige „Annie Laurie" zärtlich duftet, wenn der stolze Knopf des „General Mack Arthur" sein loderndes Feuer verschwendet, wird der wunderbare Sommer mit heißem Kuß das Land versengen. Und wer wird sie pflücken? Immer wieder wird die Rose von den Liebenden gepflückt und zum Ausdruck der innigen und leidenschaftlichen Gefühle gemacht. Sommer kommt auch in der brennenden Glut der Päonien, die mit roter Feuergarbe sich der Gärten bemächtigen, Sinnbilder der hohen und heftigen Sonnenglut, die mit goldenen Pfeilen auf die Erde schießt. Rittersporn, Glockenblumen, Akelei, blauer Eisenhut und die starren Schwertlilien stehen am Tor zum Sommer und haben das feierliche und tiefe Blau des Himmels in sich gesogen; denn jetzt ist die Sonnenkrast fähig,
tärfere Farben zu erschaffen und zu erzeugen — >as blasse Rot der Frühjahrsblumen wird nun trahlend, grell und dunkelrot, Orange und Gelb triefen reich und betörend, das lichte Blau füllt sich mit Stahl und heftigem Metall, das Braun wird chwer und samtartig — die Sommerfarben Herrchen überall.
Wenn der Sommer naht, werden die Wasser ruhig; die fließenden vor allem, die Bäche und Flüsse. Seicht werden sie, die im stürmischen Frühlingsbeginn mit Schmelzwassern und Uederschwem- mungen von den Bergen und aus den kalten Waldtälern strudelten ... Kiesbette kommen zum Vorschein und ragen wie weiße Tierbuckel über den Wasserspiegel.'.. An den tiefen Stellen haben die Flüsse etwas Träges, an den flachen etwas Geschupptes. Ausdünstung, eine fette, beklemmende und zugleich herrliche Duftbitterkeit, ist an diesen Stellen zu spüren, ebenso an den halbverfaulten und tropfenden Holzwehren — das ist der Hauch des Sommers, ausgesogen aus Pflanzenstengeln und Krautblättern, von der Hitze aus Rinden und Holz gebacken wie das Harz, das an Kiefern- und Fichtenstämmen in honigfarbenen Perlen hängt und den Wald mit bitterem und herbem Geruch wurzt.
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Man hat schon viele Sommer kommen sehen... Goldene und brütende Sommer mit einem stählernen und fahlen Himmelsgewölbe, so restlos war es von der Hitze ausgetrocknet. In diesen Sommern waren die Weinbergsmauern das Heißeste, was es gab und die Erlengebüsche am Fluß das Kühlste. — In anderen Sommern war das Hämmern und Dengeln der Bauern zu hören, die ihre Sicheln und Sensen zu dem ersten Grasschnitt herrichteten. Auf den Flügeln der Abenddämmerung lag der feuchte und schwere Duft frischgemähten Givses, kam und verwehte und verstörte zugleich das He^z. Angemeldet hatte sich der Sommer mit einem leichten Todeshauch.
Sommer will kommen —das bedeutet beglückende Wandermüdigkeit; das bedeutet Körbe voll wachsgelber Kirschen; das bedeutet, daß der Ruf des Kuckucks wunderbar in die Waldtäler hinunter- schallt. Was werden wir noch tun, wenn der Sommer mit knisternden Sohlen durch die Mittagsstunden geht? Wir werden die Schatten aufsuchen, Schatten jeder Art, den runden Kranz eines Sonnenschirms, den frischen Baumschatten einer Allee, den breiten Schatten eines Häusergiebels.
Wenn die ersten Jungoögel mit weichgefaserten, gelbgelackten Schnäbeln auf den Aesten sitzen, wenn die Lindenwipfel zu großen Glocken summender Bienen und Insekten geworden sind, wenn du mit begehrlichen Augen den Fruchtansatz an den Baumen im Garten prüfst oder dich zu den Heuwendern
gesellst, die Beine braun und einen breiträndigen und versenkten Strohhut auf dem Kopf, wenn dir das kalte Wasser aus dem laufenden Dorfbrunnen schmeckt, wenn du in Hemdärmeln unter den Bauern im Wirtsgarten sitzt, wenn die Nächte anfangen schwül zu werden und den satten Duft der Jasminsträucher ausatmen, wenn du dich auf das erste Klopfen von kühlenden Regentropfen freust, wenn du dein erglühtes Gesicht dem frischen Windzug auf den Hügeln hin gibst, wenn du dich ins Gras zur Rast niederlegst, dann ist der Sommer gekommen.
Das wunderschöne Spiel.
Von Bruno Brehm.
Helga und Klaus kamen zur Mutter: Roland störe sie immer wieder bei ihrem wunderschönen Spiel.
Zugegeben: Roland mit seinen drei Jahren ragt wie ein Händlern in die größere Welt der Geschwister. Aber die Großen sollten doch auch mit dem Kleinen ein wenig Geduld haben.
„Wenn er aber so dumm ist?" klagte Helga. „Tatsächlich, er bringt uns zur Verzweiflung."
Aber schon stand Roland da und klagte seinerseits, daß ihn der Klaus und Helga nicht mitspielen ließen.
Vor der Gerechtigkeit einer Mutter verblassen Salomons Urteilssprüche: „Was ist denn das also für ein wunderschönes Spiel?"
Helga machte sich erbötig, das Spiel zu erklären: „Für uns ist es sehr einfach, denn wir verstehen es. Roland aber kann es nicht begreifen. Er ist zu jung."
„Und zu blöd", ergänzte Klaus.
„Ich spiel mit, ich spiel mit und du bist blöd , rief Roland dazwischen.
Helga überhörte den Zwischenruf: „Also wir fragen dich etwas, und du mußt raten."
„So frag doch schon!"
„Mammi, was hast du lieber, Em oder Er?" „Das versteh ich nicht, was ist Em, was ist Er?" „Das sind zwei Anfangsbuchstaben. Also rate." „Meinetwegen Em!"
Die beiden Großen lachten, daß sie sich die Bäuche halten mußten. Roland mußte sich sogar auf die Wiese hinsetzen, um vor Lachen nicht umzufallen.
Nachdem sich die Kinder ausgekichert hatten, erklärte Helga den Grund ihrer Heiterkeit: „Du hast also die Mitzi lieber als den Roland." (Mitzi ist das Hausmädchen, Roland der Bruder). Aber Klaus legte sofort Verwahrung ein: „Helga, wir haben doch ausgemacht, daß man keine Verwandten nennen darf" .
„Also etwas anderes", schlägt Helga vor. Die drei Kinder beraten mit zusammengesteckten Köpfen untereinander, dann fragt Klaus: „Was hast du lieber: A oder Be?"
„A!" antwortet die Mutter. Nicht endenwollendes Gelächter: Erklärung: „Mammi, du haft Ameisen lieber als Birnen!"
O du wunderschönes, witziges Spiel. Aber nun will Roland fein Rätsel aufgeben, er ist nicht mehr davon abzuhalten. Er stellt sich breitspurig hin und fragt: „Was hast du lieber: A ober Be?" „Das war doch gerade!" erheben Helga und Klaus Einspruch. „Jetzt siehst du, wie dumm er ist!"
„Laß ihn doch", mahnt die Mutter. „Be — lieber Roland, Be!"
Da klettert Roland auf ihren Schoß, schiebt bas Haar von Mutters Ohr weg unb flüstert: „Mich hast bu am liebsten!"
„Keine Verwanbten!" schreit Klaus. „Unb banrt sängst bu boch nicht mit Be an!"
„Also noch einmal, Rolanb", entscheibet die Mutter^ Roland fragt also: „Was hast bu lieber: Em ober Es?"
„Es!" sagt bie Mutter.
Klaus wenbet sich ab, wie einer, dem beim Ringeln spielsahren übel geworben ist. Er ahnt, was kommen wirb, er hält sich bie Ohren zu — Helga stellt sich auf bie Fußspitzen, sie will auch biesen Unsinn noch hören.
„Den Haralb hast bu lieber!" jubelt Rolanb auf unb klatscht in bie Hänbe. (Haralb ist Rolands Freund.)
„Wieso den Harald?" fragt die Mutter, „der fängt doch weder mit Em noch mit Es an!"
„Pfui Teufel!" sagt Klaus. „So dumm zu fein.- Er wird das Spiel nie begreifen!"
„Aber sie hat es boch nicht erraten!" brüstet sich Rolanb.
„Nun verstehst bu auch, Mammi, warum wir mit Rolanb nicht spielen können. Er sagt immer ganz etwas anberes."
Als ich in ben Garten kam, fanb ich meine Frau erschöpft unb matt wie eine Fliege im Herbst. Die beiben Großen saßen unter bem Kirschbaum und schnippten die Kerne über die Mauer, vor meiner Frau stand Roland und fragte (meine Frau beteuerte, schon zum hundertsten Male) wen oder was sie lieber habe unb gab, sich weber um Anfangsbuchstaben noch um sonst irgenbwelche Regeln, ja nicht einmal um bas zweite Wort tümmernb, seine vollkommen überraschenben Antworten.
„Es ist ein wunberschönes Spiel", sagte meine Frau, „bie großen Kinber bänbigt es, sie geben schon seit einer Stunde Ruhe, aber mich, glaub es mir, mich hat es so gelähmt, baß ich mich nicht mehr rühren kann "
Als ich aber sah, baß nun Rolanb auch mit mir dieses Raten beginnen wollte,'nahm ich eilig Reißaus. Denn solche Dinge, einmal im Gehirn festgesetzt, können einen durch alle Träume verfolgen.


