Nr. ,02 Zweites Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)
Aeitag, 5. Mai 1940
Das deutsche Volk ist stolz auf seine Schaffenden!
Der Stellvertreter des Führers verkündet den 4. Leistungskampf der deutschen Betriebe.
Essen, 1. Mai (DNB.) Für die feierliche Tagung der Reichsarbeitskammer, auf der die vom Führer ausgezeichneten nationalsozialistischen Musterbetriebe verkündet wurden, war diesmal die Waffenschmiede des Reiches gewählt worden. Die riesige Lokomotiv Werkstatt der Firma Krupp ist geschmückt mit den Fahnen des Reiches, Betriebsführer und Obmänner von nahezu 100 Betrieben haben mit ihren neuen goldenen Fahnen Aufstellung genommen. Von der Versammlung freudig begrüßt, erscheinen dann der-Stellvertreter des Führers, Reichsminister Rudolf Heß. und Reichsorganisationsleiter Dr. Ley mit dem Präsidenten des italienischen Jndustrie- arberterverbandes, Capoferri. Nach einer musikalischen Einleitung des Kruppschen Werkorchesters gibt Amtsletter Schröder die vom Führer in diesem Jahre ausgezeichneten 98 Betriebe bekannt. Dann nimmt der Stellvertreter des Führers das Wort zu einer Ansprache, in der er u. a. ausführte:
Meine deutschen Volksgenossen und Volksgenossinnen ! Wir gehen heute in den neunten Kriegsmonat. Und dabei sollten doch wir Deutsche nach der Meinung der alten Herren von London, von Paris und nicht zuletzt von Warschau eigentlich nach vierzehn Tagen an einer inneren Revolte zügrundegegangen sein! Niemand kann aber bestreiten, daß Deutschland nun nach acht Monaten noch vorhanden ist — ja wie sich im Norden erwies — sogar recht lebendig vorhanden ist. Die Männer, die diesen Krieg entfesselt haben, die Lenker des Schicksals der Völker auf der Gegenseite, wie schlecht kannten sie doch das deutsche Volk! Sie sahen zwar gewisse Veränderungen, aber sie begriffen sie nicht. Und das ist kein Wunder: denn sie leben ja selbst in ihren eigenen Ländern in einer Isolierung! Sie haben ja keinen Kontakt mit ihren eigenen Völkern. Sie sind durch Erziehung, Lebensführung und Reichtum und durch Selbstfesselung in ihrer eigenen Kaste in eine Borstellungswelt gebannt, die sie das Leben nicht sehen läßt, wie es wirklich ist. Es klingt wie ein geschichtlicher Treppenwitz — ist aber durchaus wahr: Bei Kriegsausbruch verabschiedete sich der Berliner Geschäftsträger einer feindlichen Macht von seinem Kollegen mit den Worten: Auf Wiedersehen in 14 Tagen in Berlin. Der Kollege dieses Propheten war über diese Prägnanz des Abschieds doch etwas erstaunt. Er erfuhr, daß der andere aus „bester Quelle" und von'„besonders gut informierten" Kreisen in Berlin orientiert sei — orientiert sei dahingehend: Nach spätestens 10 Tagen fliegt die Nazipartei auf, ein inneres Chaos entsteht, die Front bricht zusammen und Engländer und Franzosen einerseits und Polen andererseits werden im Eilmarsch Berlin erreichen! So spiegelte sich in den Köpfen der Abgesandten der Demokratien, die sich in Deutschland selbst aufhielten, die Welt! So sahen die Abgesandten der Demokratien unser deutsches Volk. Auf solchen Anschauungen war ihre politische Kalkulation aufgebaut. Und so etwas will über Völkerschicksale entscheiden und Weltgeschichte machen — und zwar in einer Zeit, in der auf der anderen Seite ein Adolf Hitler steht!
Aber wir wollen uns gerade heute am Nationalen Feiertag des deutschen Volkes, der ein sozialistischer Feiertag ist, der ein Ausdruck des inneren Friedens der deutschen Gemeinschaft ist, wir wollen uns gerade heute dessen wieder erinnern, daß die stärkste Hoffnung des Gegners, uns zu schlagen, auf dem Glauben beruht, die innere deutsche Gemeinschaft könne doch noch gebrochen werden. Darauf hofft der Gegner! Und gerade am heutigen Tag, der der sinnbildliche Tag für die Ueberwindung der inneren Gegensätze ist, rufen wir den anderen zu: Eure Hoffnung ist und bleibt vergebens! Ein 1918 wird sich nicht wiederholen — komme, was da wolle!
Da helfen euch auch noch so viele „Verbindungen" nichts, noch so viele in der Welt verteilte, sich in die Hände spielende, untereinander verwandte und verschwägerte Bankiers und sonstige Beauftragte. Was für eine Rolle sich einzelne jüdische Familien zugelegt haben, welche Einflußsphäre sie sich in der anderen Welt zu sichern vermochten, dafür gibt uns gerade die gewiß unverdächtige Londoner Zeitschrift „News Review" Nr. 15 unfreiwillig ein neues Beispiel. Es ist so lehrreich und so typisch für die
Verquickung von Politik und Geschäft, für das Wirken der internationalen Finanz durch reine Familienunternehmungen, daß ich Ihnen die Feststellungen der englischen Zeitschrift ausführlicher wiedergeben will. Wörtlich heißt es:
„Zum Direktorium der „English Commercial Corporation Ltd." gehört auch John Henry Hambro, geschäftsführender Direktor der Hambro's Bank, Ltd., und Mitglied der mächtigen Familie Hambro, die sowohl in Skandinavien als auch in England großen Einfluß besitzt. Als Finanzier von Regierungen und Monarchen spielte die Familie Hambro ein Jahrhundert lang (!) eine Rolle^in der europäischen Politik.....C. I. Hambro wurde Leiter der skandi
navischen Abteilung des Ministeriums für den Wirtschaftskrieg. Das berühmteste Mitglied der Familie auf dem Kontinent ist Karl Joachim Hambro, Sprecher des norwegischen Parlaments, der einen enormen Einfluß in jenem europäischen Winkel ausübte, wo die Han^ros vor 100 Jahren zur Macht gelangten. Hambro's Bank wurde in England im Jahre 1839 durch Charles Joachim Hambro, einem Sohn des mächtigen Joseph, dem Hofbankier der drei skandinavischen Königreiche, gegründet. Dann zählt das englische Blatt noch eine lange Reihe weiterer Bankiers der Familie Hambro mit ihren Verbindungen in aller Welt auf.
Daß die Hambros eigentlich „Hamburger" heißen, versteht sich für uns von selbst. Ebenso versteht sich von selbst, daß diese in ihrem Namen „aufgenordete" Judenfamilie alles getan hat, das norwegische Volk in den Krieg zu bringen — alles getan hat in brüderlicher Zusammenarbeit mit den englischen Hambros und im Auftrage Englands. Und so wie die Hamburgers — die von London und die von Oslo — im englisch-norwegischen Kriegsgeschäft zusammengearbeitet haben, so arbeiten die 'anderen Jud-enfamilien in den Hauptstädten der Plutokratien zusammen. So raffen sie ihren Rebbach aus dem Blut der Völker zusammen. Und so würden auch „unsere" Goldschmidts und Warburgs, „unsere" Loewenthals und Sterns, „unsere" Guttmanns und Lewis, und Kohns und Singers und Frankfurters und Moses und Ullsteins und wie sie alle hießen — so würden auch sie heute wieder am deutschen Soldatenblut verdienen so würden sie wieder ihre 2000 Prozent in Kriegsgesellschaften erwuchern — wenn wir sie nicht zum Teufel gejagt hätten! Da hilft kein Wehgeschrei. Deutschland ist „j u d e n f e st" geworfen. Was ist denn das demokratische Ideal? Es ist der Börsenkurs! Was ist denn Menschenwürde in
Wie steht es demgegenüber bei u n-s aus? Jedes große Werk, jede kleine Fabrik, ja selbst jede Werkstatt, die geeignet ist, wurde eingegliedert in den gewaltigen Arbeitsprozeß des Krieges. Unvorstellbare Mengen an Kriegsmaterial werden laufend hergestellt. Die Werften sind gefüllt mit U-Booten. Die Menschen sind eingespannt bis zum letzten. Und alles schafft mit Hingabe und in dem freudigen Bewußtsein, seinen Teil beizutragen für den Kampf, den das neue sozialistische Reich auszufechten hat zur Abwehr des Vernichtungswillens der Weltpluto- kratie und des Weltkapitalismuo.
Das deutsche Volk ist stolz auf seine Schaffenden. Es weiß wie sie schuften vom jüngsten Lehrling bis zum Betriebsführer. Es weih, daß sie unter schwierigsten Verhältnissen ihre Pflicht für die Nation tun — bis zu den Ar- beitern, die direkt an der Front eingesetzt sind: den V e st wall arb eitern. Sie tun ihre Pflicht bis zum letzten, bis zum Opfer des Le- bens! Diese Männer der Arbeit an der West- front haben 24 Tote hingegeben! Der Westwall- arbeitet ist ein Bindeglied zwischen dem Ar-
ihren Augen? Die Würde der englischen Arbeitslosen, hungern zu dürfen für die geadelten Ghetto-Juden. Was verstehen sie unter „Segnungen der Demokratie"? Den Aufstieg aus den schmierigen Ghettos von Warschau und Krakau über ein paar mitteleuropäische Kleinstaaten in die englische Geldaristokratie.
Nein, meine Herren jenseits des Kanals und jenseits des Rheins, spart euch in Zukunft alle Mühen! 3n seiner unglücklichsten Zeit in seinen verblendetsten Jahren hat das deutsche Volk an eure Sprüche geglaubt. Ihr habt ihm diesen Glauben an eure eigenen Worte, den Glauben an Demokratie, Liberalismus, an Menschenwürde eurer Prägung, an freie wirtschaftliche Entfaltung, wie ihr sie euch denkt, ... ihr habt ihm diesen Glauben in einer bitterharten Schule re st los ausgetrieben.
Und es wird auch der Tag kommen, wo die eigenen Völker an die herrschende Klasse die Frage stellen, warum in Deutschland die soziale Not erfolgreich bekämpft worden ist, warum aber sie selbst weiter Not zu leiden haben. Warum herrscht nicht in Deutschland das Prioattnteresse einiger international versippter Familien, sondern das Interesse der Gesamtheit des Volkes? Warum kann unter der nationalsozialistischen und auch unter der faschistischen „Diktatur" in den Betrieben laufend Geld ausgegeben werden für soziale Verbesserungen und Fortschritte? Warum entstehen dort saubere, freundliche Arbeitsstätten, Gemeinschaftsräume, Schwimmbäder, Sportplätze, Kinderheime, Frauenerholungsstätten, Kindergärten, großangelegte Arbeiter-Seebäder? Warum entsteht das alles dort? Während in den Demokratien bestenfalls die Dividende steigt, zugleich aber auch das Elend der breiten Massen? Solche Fragen ihrer Völker möchten die demokratischen Machthaber so gerne verhindern. Sie möchten Vorbeugen, daß eines Tages die Völker herausfinden, daß unter dem Wirtschaftssystem der autoritären Staaten es den Menschen besser geht.
Was die innere Produktionskapazität anbelangt, da rächt sich bei ihnen drüben nun furchtbar, daß in Friedenszeiten die Arbeitslosen nicht wieder in die Produktion eingeschaltet wurden, weil man in den Demokratien nach dem sogenannten „wirtschaftlichen Prinzip" handelte. So gingen die Demokratien mit Millionen von Arbeitslosen in den Krieg.
beiker, der zu Hause schafft und dem Soldaten, der an der vordersten Front sein Leben einseht.
Die Kluft, die einst im Kriege 1914/18 sich zwischen dem Soldaten und dem Reklamierten zu Hause auftat, gibt es heute nicht mehr! Es gibt den „Reklamierte n" nicht mehr, der doppelten und dreifachen Lohn Heimtrug, während die Sol- datenfamilie teilweise darbte. Heute ist für die Familie des Arbeiters, der zur Waffe einberufen wird, genau so gesorgt wie für die Familie des Arbeiters zu Haufe. Auch hier hat der Nationalsozialismus Gerechtigkeit geschaffen. Er hat auch Gerechtigkeit geschaffen für die Frauen und Mädchen, die in harter Fabrikarbeit und in Hatter Arbeit auf dem Lande stehen! Es ehrt sie besonders, daß sie nicht versuchen, als Unterstützungsempfänger abseits zu stehen, sondern sich würdig zeigen den Kämpfern an der Front.
Die Würde der Arbeit und die Ehre des Arbeiters: das ist die unsichtbare Inschrift auf den Ehrensahnen der deutschen Betriebe! Die goldene Fahne, die auch heute wieder verliehen wird, sie ist der Ausdruck des Sieges der nationalsozialistischen Bewegung auf sozialem Gebiet. Denn in ihrer Ver
Der nationalsozialistische Musterbetrieb eine Festung des inneren Friedens.
leihung kommt ja nicht nur zum Ausdruck, daß einige wenige Betriebe in Deutschland, die vom Nationalsozialismus aufgestellten sozialen Forderungen erfüllt haben, sondern daß die neuen Ideen Einfluß nehmen auf die gesamte schaffende Wirtschaft. Beides zu hüten und zu bewahren: die soziale Gere ch t i g k e i t und die n a t i o n a l e K r a f t ist eine der höchsten Aufgaben der nationalsozialistischen Bewegung. Und wir werden niemals erlahmen, diese Aufgabe zu erfüllen. Der deutsche Sozialismus sichert den Arbeiter davor, jemals wieder Ausbeutungsobjekt einzelner Kapitalisten zu werden. Die nationale Kraft sichert das ganze Volk davor, wieder Ausbeutungsobjekt der Plutokratien zu werden.
Vor noch nicht 20 Jahren sind die Arbeiter dieser Kruppschen Werke hier von französischen Soldaten ohne den geringsten Anlaß nieder geknallt worden. Ihr Schicksal ist Symbol dafür, was jedem einzelnen Volksgenossen droht, wenn sein Volk schwach geworden ist: Er ist fremder Willkür hilflos p r e i s g e g e b em. Wir wollen in der Erinnerung an die Ermordeten aber auch nicht vergessen, daß die Schwäche des ganzen Volkes, deren Opfer sie wurden, eine Folge war der inneren Selbstzerfleischung. Die Hetzer zur Selbstzerfleischung aber, sie hätten nie Erfolg gehabt, wenn nicht soziale Not und soziale Ungerechtigkeit tatsächlich geherrscht hätten. Mit der lieber- Windung dieser Triebkräfte des inneren Zerfalls hat der Nationalsozialismus seinen ersten großen inneren Sieg erfochten.
Henle ist der nationalsozialistische Muslerbe- lrieb eine Festung des inneren Friedens! Die Gemeinschaft aller Betriebe, in welchen die Gedanken nationalsozialistischer Wirtschaftsführung und Arbeiterbetreuung herrschen, ist dec Wall, in welchem Deutschlands Schaffende unüberwindlich sind gegen jeden politischen Gegner. Zum Zeichen dessen verkünde ist den Beginn des 4. Leistungskampfes der deutschen Betriebe. Er dient in diesem Kriegsjahr ganz besonders der Kraflerhöhung und der Leistungssteigerung. Er dient dazu, der kämpfenden Front eine schaffende Heimat im Rücken zu erhalten, die der Deutschen würdig ist.
Zum Schutze des nationalsozialistischen Reiches gegen jeden äußeren militärischen Feind steht das beste Soldatentum der Wett im entschlossenen Kampf. Unerschütterlich ist der Glaube des deutschen Volkes an den Sieg in diesem Ringen. Jeder arbeitende Deutsche und jeder kämpfende Deutsche ist von der heiligen Gewißheit durchdrungen, daß sein Volk nicht nur siegen wird, weil es stark ist, sondern daß es siegen wird, weil es zum Siege berufen ist. In diesem Bewußtsein begeht das deutsche Volk seinen Nationalen Feiertag. Es ist von einer Siegesgewißheit erfüllt wie noch nie zuvor! Der Garant des Sieges ist der Führer und die große Gemeinschaft der Natton, die er durch seine Bewegung schuf. Der kämpferische Ausdruck dieser Gemeinschaft der Natton ist unsere herrliche. Wehrmacht — das eigenste Werk des Berge versetzenden Willens Adolf Hitlers. Mit dieser Wehr« macht erficht er den Sieg. Und dieser Sieg wird uns endgültig davor sichern, daß eine fremde ©ofc dateska in deutsche Lande einbricht, daß ein dem Kapitalismus höriger Feind unsere sozialen Errungenschaften vernichtet und wir wieder zu Arbeitssklaven fremder Geldmächte werden. Der Sieg, er sichert unsere nationale Existenz und unser soziales Leben,
Dafür kämpfen, meine Volksgenossen, nicht weit von hier unsere Kameraden im grauen Rock, dafür kämpfen unsere Truppen im hohen Norden einen heldischen Kampf. Dafür fahren Woche um Woche unsere U-Boote hinaus. Dafür setzt ein junges Geschlecht in täglichen Luftkämpfen das Leben ein. Dafür steht das deutsche soldatische Mannestum an der Front. Unser Kampfruf ist der gleiche, wie der Kampfruf derer, die am Feinde stehen: Mit Adolf Hitler zum Sieg, zum Sieg des national* sozialistischen Großdeutschland.
WH SUN schaffen,Lma?
Nomon von Martina Eckart-Helm
18. Fortsetzung. (Nachdruck verboten!)
„Gottfried, laß uns recht bald von hier fort* gehen!"
Auch Gottfrieds Stimme klingt gequält. „Ich verstehe dich nicht, Lena", sagt er beinahe heftig, „du verläßt meine Mutter so schnell wieder, fährst hierher, und nun wünschst du dich wieder fort?"
„Ich verstehe mich selbst nicht, Gottfried."
Er erschrickt. Niemals noch hat jemand Lena dermaßen ratlos gesehen. Als suche sie Hilfe bei ihm, legt sie ihren Kopf an seine Schulter. Seine Hände fassen nach ihrem Gesicht.
„Du — du — laß doch diese Menschen, vergiß ihre Schicksale. Komm endlich zu mir, in mein Haus — ich brauche dich so sehr !" Alles liegt in diesen Worten: Sehnsucht, Verlangen und seine große Einsamkeit. „Die besten Jahre vergehen — komm endlich!"
Da sind starke Arme, ist junge Kraft, die Lena umklammern. Ein Sturm bricht über sie herein. Wie gern läßt sie einmal alles wegwischen, was trübe und zögernd in ihr ist. Sie ist wieder jung — ganz jung! Ja! sie glaubt unter Gottfrieds Küssen daran, daß sie mit ihm Schritt hatten, daß sie ihm alles geben kann, was seine Jugend fordert.
„Morgen sagst du deinem Schwager von dem fehlenden Geld, und übermorgen reisen wir ab, zuerst zu meiner Mutter, Lena. Dann will ich dich für mich allein haben." e.
Lena fühlt sich von diesen Worten beschützt. Es ist wohltuend, wenn auch einmal ein anderer regiert. Jahrelang hat sie allein für sich Entschlüsse fassen müssen. Jetzt fühlt sie sich unendlich beruhigt und erlöst. „Ja, es ist recht so, Gottfried."
Dunkel ringsum. Sie ist mit Gottfried allein. Alle anderen sind fern. Lena möchte, daß es immer so bliebe, immer. Denn nun endlich ist Lena Oette- king sehr glücklich. .
Am nächsten Morgen aber scheint, alles wieder verändert. Da ist der Gräfehof, da sind die Menschen^ die auf ihm leben » auch einem Gottfried
zeuge dich selbst — das Kapital von zwanzigtausend Mark ist abgehoben worden — vor kurzem."
Nun ist es heraus. Es ist furchtbar schwer, Christoph Gräfe anblicken zu müssen. Sein Gesicht ist grau, verfallen, alt. Wenn er jetzt einen Herzkrampf bekommt, bin ich schuld, denkt Lena. Sie schiebt ihm einen Stuhl hin. Er sieht es nicht. Er sieht nur das aufgeschlagene Buch und die Zahlen darin. Lächerlich kleine Zahlen sind es, die Zinsen von 20 000 Mark. Nicht mehr.
Lena hört ihr Herz klopfen. Wenn Christoph nur etwas sagen wollte! Aber es ist, als habe er die Sprache verloren. Wie ein Schlag vor den Kopf muß es ihn getroffen haben. Lena ist sein Schweigen unheimlich. Wenn er doch loswettern wollte, so wie man es von ihm gewöhnt ist! Aber Christoph Gräfe blickt unentwegt stumm ^inb starr in das Buch.
„Kurz, nachdem ich zu euch kam, sind die 20 000 Mark abgehoben worden", sagt Lena mit Anstrengung. Sie will den Schwager um jeden Preis aus seiner Erstarrung lösen.
Christoph Gräfe nickt mit dem Kopf. Er nuft langsam, bedacht, läßt den Kopf hängen, als trüge er nun eine schwere Last. Lena preßt die Hände zusammen. „Ich habe darüber nachgedacht, ich kann es nicht begreifen", sagt sie. „Weißt du auch keine Erklärung?" , „r
Wieder bleibt die Antwort aus. Christoph Grafe geht mit dem Buch ans Fenster. Wie ein Klotz steht er vor dem hellen Viereck, dunkel und drohend. Hinter den Scheiben liegt Sonne und strahlendes Land. Dort gehen Erni und Gottftied. Sie lachen und sind vergnügt. Wandern wohl auf den Hutberg. Sehen das dunkle Grün der Wälder, die blitzenden Augen der Seen, die Turmspitze von Hochkirch — alles um die beiden ist leicht und warm. Lena aber muß wieder die ganze Schwere des Lebens auf sich nehmen, seine Undurchsichtigkeit und die eigene Hilflosigkeit dazu.
Sie schrickt zusammen. Christoph Gräfe hat das Buch mit einer harten Bewegung auf den Tisch geschleuoert. Er nimmt keinen Stuhl, obwohl er aussieht, als müsse er gleich umfallen. Beide Fäuste stützt er aus die Tischplatte. So steht er da, wuchtig, und doch einer Stütze bedürftig.
„Deshalb bin ich ja wieder zu euch gekommen, es ließ mir keine Ruhe." Leng muht sich wieder
Bonhoff zuliebe kann man sie nicht einfach beiseiteschieben.
Lena hat lange überlegt, wie sie es ihrem Schwager klar machen soll, daß Ernis Erbschaft abgehoben worden ist. Sie ist sich nicht schlüssig, wie sie beginnen soll. Sie weiß, daß Gottfried wohl nur deshalb spazierengegangen ist, weil er sie mit Christoph Gräfe im Wohnzimmer allein lassen will. Ja, es fällt ihr bitter schwer, den rechten Anfang zu finden. , v „
„Du hast einmal gemeint, ich solle nur Andenken an Marie mitnehmen", beginnt sie endlich mit Herzklopfen. „Es sind noch einige Briefe oben — ehe ich wegfahre, möchte ich sie gern an mich nehmen Gehst du noch einmal mit mir hinauf?
Christoph Gräfe sucht im Sekretär nach dem Schlüssel. .
„Hier", sagt er, „geh' nur. Nimm dir, was du gern haben möchtest."
„Lieber wäre es mir, du kämest nuL^
^'Wozu denn, du weißt doch Bescheid."
„Bitte, komm mit!" drängt Lena. Sie kann das Zittern ihrer Stimme nicht unterdrücken.
Christoph Gräfe horcht auf „Was ist los? Du bist so komisch. Hast du Angst vor Mausen? Er versucht es mit einem Scherz. „Ihr Frauen seid doch ein närrisches Volk." Jrn Grunde aber schmeichelt es ihm, daß sie ihn dabei haben will.
Er steht auf. Steigt steif die Treppe nach oben. Diesmal sieht Lena den stolzen Spruch über der Tür nicht, sieht nicht die schön gefelderte Stubendecke. Sie hat nur Angst. .
Der Schwager hat den Schrank aufgeschlossen. Steht da und sieht Lena fragend an. Gutmütige Slugcn bat er, denkt Lena> Er ist gewiß gar nicht so streng, wie es oft scheint. Marie hat ihr auch oft geschrieben, daß er ein weicher, guter Mensch sei: er gäbe sich bloß so rauh.
Lena greift in das Fach. Hält das fchmatt Buch in der Hand. „Hier", sagt sie und ihre Stimme klingt fremd vor Erregung, „Manes Vermächtnis an Erni — hältst du es für möglich, daß sich jemand daran vergriffen hat?"
Christoph Gräfe versteht nicht gleich. „Wieso vergriffen? An diesem Buch? Das hat doch niemand in den Händen gehabt seit Maries Tod ...
„Vielleicht irrst du? Ich wollte es dir schon lange sagen, aber so etwas ist nicht leicht — über*
um Worte. „Ich mußte es dir doch sagen. Es ist furchtbar — wen soll man um Gottes willen beschuldigen?"
„Rudolf!" Hart wie ein Stein fallt dieses Wort ins Zimmer.
Lena legt ihre Hand auf Christoph Gräfes Schulter.
„Laß uns erst alle Möglichkeiten durchsprechen, ehe du jemanden beschuldigst. Rudolf war es nicht, bestimmt nicht."
„Wie kannst du als Fremde das beurteilen? Ich kenne meine Kinder besser. Rudolf hat immer nach oben hinaus gewollt."
Lena schüttelt den Kopf. „Kann es nicht jemand getan haben, der nicht zur Familie gehört?"
Christoph Gräfes Kopf finkt noch tiefer. „Daß es überhaupt möglich war, daß überhaupt jemand so etwas tat, ganz gleich wer — hier in meinem Haufe, in diesem Hause ..." Es ist erschütternd, wie Christoph Gräfe das sagt. Es ist viel schlimmer anzuhören als böse hinausgeschleuderte Worte. „Immer haben hier ehrliche Menschen gewohnt. Harte, grobe Menschen, aber immer waren sie ehrlich und auftichtig. Das hat den Gräfehof gehalten bis heute, hat unferm Namen Achtung erworben — und nun?"
Lena zieht es das Herz zusammen. Wenn man ihm nur helfen könnte. „Wir müssen nach Beweggründen suchen", sagt sie. „Wer weiß, wozu derjenige, der es nahm, das Geld brauchte."
„Entschuldigungen für so etwas kenne ich nicht!" Das ist wieder der alte harte Christoph Gräfe. „Verludert wird er es haben, der Rudolf. Vertan mit noblen Geschenken,' damit er da drüben den vornehmen Herrn spielen kann!"
„Jetzt tust du unrecht, Christoph!"
Es geschieht selten, daß Lena den Schwager mit dem Vornamen anredet. Tat sie es überhaupt jemals?
Christoph Gräfe hebt den Kopf. Er empfindet jetzt erst Lenas Gegenwart. Etwas wohltuend Beruhigendes geht von ihr aus.
„Sonst kann es niemand gewesen fein", faat er, um vieles milder. ,Zupp, der Lausejunge? Nein, nein! Für Zigaretten und solchen Unfug braucht man keine 20 000 Mark! Und Erni? Die ist viel zu einfach."
(Fortsetzung folgt.)


