Ausgabe 
3.4.1940
 
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Itr. 78 Zweites Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberheflen)

Mittwoch. 3 April M0

Aus der Stadt Gießen.

Vielseitiger April.

Die Wettercharakteristik des April ist so bekannt, daß wir sie an dieser Stelle nicht mehr 311 skizzieren brauchen. Aber mag das Wetter sein wie es will: der Frühling ist nicht mehr aufzuhalten, er er­weitert und befestigt seine Herrschaft von Tag zu Tag. Die schwarze Erde und der verblichene Rasen schwinden mehr und mehr und verwandeln sich in frisches Grün, während sich an Baum und Strauch allmählich die Knospen strecken und anschmellen, um sich ebenfalls in zartes Grün zu kleiden. An­fangs geht es langsam, später aber um so schneller, zuletzt kann man kaum nachkommen, zumal, wenn der April es besonders freundlich meint, indem am Schluß des Monats das erste Bunt der Blüten hinzutritt.

Trotzdem ist der Einzug des Frühlings im April durchaus nicht gleichmäßig, nicht einmal in unse­rem deutschen Klima, das doch als ausgeglichen und gemäßigt gilt. Der Frühling, dokumentiert durch das Grünwerden in der Vegetation, ist unter Zu­grundelegung der Normaltermine eigentlich nur auf den letzten Teil des April beschränkt.

Im Laufe des April verlängert sich die Tagesdauer von 13 Stunden zu Beginn des Monats auf 13 Stunden 54 Minuten in der Mitte des Monats und auf 14 Stunden 45 Minuten arp Ende des Monats. Im April sind also die winterlichen Begriffe der frühen abendlichen Dunkelheit vollkom­men verschwunden, zumal wir in diesem Jahre am 1. April mit der Sommerzeit begannen, wo­durch eine weitere Verschiebung unserer Tages­arbeit auf die hellen Stunden erfolgte.

Die bekannte launische Witterungsform des April verlangt von dem Kleingartenbesitzer äußerste Vor­sicht gegenüber der jungen Saat. Jeder Mensch Hat ungefähr im Gefühl, wenn eine Nacht besonders kalt und frostgefährdet ist. In der gegenwärtigen Zeit, in der wir uns Ausfälle durch Frostschäden nicht leisten können, ist es zweckmäßig, bei allen Wetterabschnitten, die tagsüber naßkalt und un­freundlich sind, für die nachfolgenden Nächte den Schutz der jungen Saat vorzubereiten. Es genügen im April oft nur wenige Stunden klaren Him­mels während der Nacht, um die Temperatur in Erdbodennähe, wo sich die empfindlichen Pflanzen befinden, auf den Gefrierpunkt absinken zu lassen. An solchen Apriltagen, an denen es auch zu Grau­pel- oder Schneeschauern kommt, ist für die folgen­den Nächte unter allen Umständen auch dann Schutz den Pflanzen zu gewähren, wenn tagsüber die Temperatur 5 bis 10 Grad über Null lag. Der April ist ein launischer, aber für die Entwicklung des Ernteertrages außerordentlich wichtiger Monat.

Tageskalender für Mittwoch.

Stadttheater: 19.30 bis 22 Uhr:Emilia Galotti". Gießener Kunstwoche: Ausstellung im Foyer des Stadttheaters von 17 bis 18 Uhr. Gloria- Palast (Seltersweg):Ein Mann auf Abwegen." Lichtspielhaus (Bahnhofstr.):Aus erster Ehe".

Neuinszenierung

zur Gießener Woche für Kunst und Literatur.

Am heutigen Mittwoch wird das Trauerspiel von Gotthold Ephraim LessingEmilia Galotti" in der Neuinszenierung von Dr. Hannes Ra zum zum ersten Male aufgeführt. Die Neuinszenierung ist an­läßlich der Gießener Woche für Kunst und Literatur erfolgt. Es wirken mit: Hilde Heinrich, Jngeborg Riehl, Rose Stirl, Hans Eanienberg, Walter Erler, Gert Geiger, Friedrich Gröndahl, Viktor v. Gschmeid- ler, Siegfried Lowitz, Hilmar Manders, Hans Al­bert Schewe, Hans Seitz. Bühnenbild: Karl Löff­ler. 26. Vorstellung der Mittwoch-Miete.

Gauausstellung Hessen-Nassau 1940.

NSG. Dem Wunsche des Gauleiters entsprechend, wird auch in diesem Kriegsjahre die Reichskammer der bildenden Künste mit einer Leistungsschau von Werken der Malerei, Graphik, Plastik und des Kunsthandwerkes vor die Oeffentlichkeit treten. Die Gauausstellung wird voraussichtlich anfangs Sep­tember dieses Jahres eröffnet werden; nähere An­gaben erfolgen rechtzeitig. An die Künstlerschaft des

Gaues Hessen-Nassau ergeht der Ruf, für diese Ver­anstaltung schon jetzt beste Arbeiten vorzubereiten. NS-GlMillsAfl M Statt dann Steuöe

Achtung! KdF.-Sport.

Jeden Mittwoch, Donnerstag und Freitag finden folgende Kurse statt: 1678D

Mittwoch, 20.30 bis 21.30 Uhr: Sport und Spiele für Männer und Frauen, Goetheschule, Horst- Wessel-Wall.

Donnerstag, 20.30 bis 21.30 Uhr: Gymnastik und Spiele für Frauen, Schillerschule, Schillerstraße.

Freitag, 16 bis 17 Uhr: Kindergymnastik (für Kin­der unter 10 Jahren), Goetheschule. Hierfür Anmel­dungen vorher an Sportamt, Schanzenstraße 18, oder KdF., Laden Seltersweg, erbeten.

Freitag, 20.30 bis 21.30 Uhr und 21.30 bis 22.30 Uhr: Schwimmen für Männer und Frauen, auch Anfänger, Volksbad.

Neuanmeldungen werden in den Kursen ange­nommen.

Verleihungen des Goldenen Treudienff-Ehrenzeichens.

Der Führer hat den nachstehenden Beamten, An« gestellten und Arbeitern des Landes Hessen für 40- jährige Dienstleitung das Treudienst-Ehrenzeichen 1. Stufe (in Gold) verliehen. Das Ehrenzeichen er­hielten: der Bürodirektor Sebastian Müller, der Verwaltungsassistent Karl Weißbäcker, der Re­vierförster Ludwig Nagel (Forsthaus Baumgar­ten bei Gießen) und der Straßenkehrer Brück, sämtlich in Gießen. Ferner wurden damit bedacht die Revierförster Georg Seipp (Forsthaus Hüt­tenberg bei Großen-Linden) und Georg Eiche­nauer in Reinhardshain; die Forstamtssekretäre Heinrich Pflüger in Nidda und Heinrich Bing in Schotten, der Jnstallationswerkmeister Heinrich Bastian in Odenhausen (Lahn), der Faselhalter

Generalversammlung der Bezirksviehverwertung Gießen.

Die Bezirksviehverwertung G. m. b. H. in Gie­ßen hat in den letzten Jahren einen guten Aufstieg erlebt, lieber 80 Orte im Kreis Gießen und dem südlichen Kreis Alsfeld werden von ihr betreut, ebenso sind ihr die Orte im Salzböde- und Bieber­tal des Kreises Wetzlar angeschlossen. Ein gut aus- gebautes Vertrauensmännernetz bildet die Vermitt­lung zwischen Bauer und Organisation.

Unter Leitung des Aufsichtsratsmitglieds Guts­pächter und Ortsbauernführer Reinheimer (Odenhausen, Rabenau) hielt die Bezirksviehverwer­tung Gießen im Hotel Hopfeld zu Gießen ihre dies­jährige ordentliche Generalversammlung ab. Der Vorsitzende begrüßte die Mitglieder, insbesondere die Gäste Oberrevisor Hartmann vom Ländlichen Genossenschaftsverband Rhein-Main-Neckar, Bank­vorstandsmitglied Jung von der Dolksbank in Gießen und den Vertreter der Oberhessischen Ver­sicherungsanstalt Bauer Ludwig Hofmann V. (Lollar).

Direktor Otto Heß (Leihgestern) erstattete den Jahresbericht. Aus diesem war zu entnehmen, daß sich der Gesamtumsatz der Viehverwertung um etwa 600 000 RM. auf 1 917 546 RM. erhöht hat. 2236 Stück Großvieh, 4131 Kälber, 3620 Schweine und 2376 Schafe konnten den Schlachtoiehmärkten zuge­führt werden, ferner wurden 1631 Stück Zuchtvieh vermittelt. Soweit dieses nicht im eigenen Bezirk gebraucht wurde, konnte es nach Thüringen, Baden und dem Odenwald abgesetzt werden. Sämtliches Schlachtvieh genießt im Interesse des Verkäufers Versicherungsschutz bei der Oberhessischen Versiche­rungsanstalt in Gießen. Das Entgegenkommen und das stets reibungslose Zusammenarbeiten mit dieser Anstalt sei besonders zu erwähnen. Heß dankte dann besonders allen Mitarbeitern und den An­gestellten und bat in eindringlichen Worten, die Be­strebung der Viehoerwertung als bäuerliches Selbst­

hilfeunternehmen weiterhin zu unterstützen Diese wolle in der gegenwärtigen ernsten Zeit erst recht aerne Mitarbeiten, daß die Fleischoersorgung in un­serem Bezirk jederzeit sichergestellt ist.

Oberrevisor Hartmann sprach dann noch über die Bedeutung der Viehverwertungsgenossenschaften im Schlacht- und Nutzviehgeschäft. Die Geschäfts­führung müsse stets vorsichtig und gewissenhaft ar­beiten und damit das Vertrauen der Genossen recht­fertigen. Es sei aber auch nötig, daß diese treu ihre Pflichten erfüllen. Die Verhältnisse bei der hiesigen Genossenschaft wurden von dem Vortragenden als gesund bezeichnet. Die Geschäftsführung sei vorbild­lich. Die Genossenschaft sei sich ihrer Verantwortung bei der Erfassung von Schlacht- und bei der Ver­mittelung von Zuchtvieh für die Volkswirtschaft voll bewußt und habe auch in der Zukunft noch große Aufgaben zu erfüllen.

Bilanz und Jahresrechnung wurden von Buch­halter Häuser oorgetragen und von der Ver­sammlung genehmigt. Dem Vorstand und Aufsichts­rat wurde Entlastung erteilt. Der Gewinn wurde je zur Hälfte dem Reservefonds und der Betriebsrück­lage überwiesen. Den Reoisionsbericht erstattete Llussichtsratsmitglied Sommer.

Das ausscheidende Vorstandsmitglied Franz Hennecken (Gießen), sowie die ausscheidenden Aufsichtsratsmitglieder Karl Meier (Staufenberg), Wilhelm K r i e p (Geilshausen), Philipp B ö ch e r (Bersrod) und Karl Sommer (Gießen) wurden einstimmig wiedergewählt.

In seinem Schlußwort wies der Versammlungs­leiter nochmals auf die schönen Erfolge des letzten Jahres hin und bat, in der gegenwärtigen ernsten Zeit erst recht um weitere Mitarbeit nach dem alten genossenschaftlichen Grundsatz: Der einzelne ist nichts, die Gemeinschafti st alles.

Heinrich Kri e b in Allendorf a. d. Lda., und der Sparmarkenverkäufer Christoph Leyenzapf in Butzbach.

Mit der Polizeidienstauszeichnung der 1. Stufe (für 25jährige treue Dienstleistung) wurden die Polizei-Hauptwachtmeister Otto Heß und Karl Löcher, beide in Gießen, bedacht.

Ausgezeichnetes Ergebnis desTaaes der Wehrmacht".

DerTag der Wehrmacht" für das Kriegs-Win­terhilfswerk 1940 brachte tn den Standorten des Heeres im Wehrkreis 9 allein durch Eintopfessen und Veranstaltungen der Wehrmacht ein Ergebnis

von 462 787,24 RM. Dieser Betrag bedeutet gegen­über dem entsprechenden Betrag des vergangenen Jahres mehr als eine Verdoppelung. Dazu kommen, noch die Ergebnisse der Veranstaltungen in den Luftstandorten und der noch nicht feststehende Be­trag der Straßensammlungen.

KdZ.-Monalsprogramm für April.

Die Kreisdienststelle Wetterau der NSG.KdF." .hat für den Monat April das neue Programm aus­gestellt. Daraus ist zu entnehmen, daß auch in Gießen wieder einige größere Veranstaltungen durchgeführt werden. Da ist zunächst am 8. April das Gastspiel derD r e i l u ft i g e n Gesellen" unter Leitung von Hans Solcher, dem Vater desHer- männche", mit einem ausgesuchten Programm. In der Universitätsaula findet am 11. April ein Lie­derabend des Baritons Rudolf G o n s z a r vom Opernhaus Frankfurt statt. Am 15. April gibt Robert Gaden mit feinem Tanz-Sinfonieorchester, einer 30 Mann starken Kapelle und dein Wiener Meister- duo an zwei Klavieren ein Gastspiel. Weiterhin fin­det zwei Ringveranstaltungen statt, und zwar am 22. April die Aufführung des SchauspielsLombar­dische Nacht" von Hohlbaum, am 27. April die Ko­mödie von Nikolaus GogolDer Revisor". Am 30. April kommt bei der Firma Bänninger G.m.d.H. ein Werkskonzert zustande, das auf den Frankfurter Reichssender übertragen wird.

In Butzbach gibt am 5. April die Rhein-Mainischs Landesbuhne ein Gastspiel mit dem musikalischen LustspielEine Schwindelfahrt ins Glück" von K. K. Diekmann und Gerd May. Am. 14. April wird ein Italienischer Opernabend" stattfinden, der von her­vorragenden Mitgliedern italienischer Bühnen be­stritten wird.

In Watzenborn-Steinberg tritt dieRhein- Mainische Landesbühne mit dem Schwank Schwindelfahrt ins Glück" am 6. April auf. In Klein-Linden am 3., nachmittags, und am gleichen Tage abends in Heuchelheim, am 4. April, nachmit­tags, in Londorf und abettds in Großen-Linden, am 5. April, nachmittags, in Wölfersheim, und am Abend in Gambach gibt die KdF.-Spielgrupps Froh und heiter" ihre Gastspiele.

In Laubach führt am 4. April, nachmittags, und am gleichen Tage abends in Grünberg die KdF- SpielgruppeLachendes Allerlei" Bunts Abende durch. Die gleiche Truppe spielt am 5. April, nachmittags, und abends in Friedberg, am 16., nach­mittags, und abends in Butzbach, am 17., nachmit­tags, in Londorf und abends in Geilshausen. Wei­terhin gibt die KdF.-SpielgruppeDie Grillen­fänger" am 23. April, nachmittags, in Lauter und abeni)s in Laubach, am 24., nachmittags, in Gam­bach und abends in Lang-Göns, und am 25. April, nachmittags, in Friedberg-Fauerbach und abends in Leihgestern Gastspiele. Und schließlich wird noch die KdF.-SpielgruppeDie fahrenden Ges.el- l e n" am 23. April in Lich, am 24. in Pohl-Göns, und abends in Ilbenstadt auftreten. Für bie Schmal-

SA.-Wehrsport- abzeichen-Prüfung

Am vergangenen Sonn­tag fand wir berichte­ten bereits darüber im Wald an der Bergschenke die Prüfung für die Hebungen der Gruppe 3 zum SA. - Wehrsportab­zeichen statt. 80 Kame­raden aus dem gesamten Standartenbereich (116) beteiligten sich daran. Unser Bild zeigt einen der Prüflinge (liegend) beim Umgang mit Kom­paß und Karte. (Aufn.: Neuner, Gieß. Anz.)

T

Frühlingsblumen flattern ins Haus. Von Annie Irance-Harrar.

Schneeglöckchen.

Nein, dieser Name ist nicht hübsch genug für sie. Daß man sie auch nurSchneeglöckchen" nennt, wie das zumeist geschieht (obgleich die Verwandt- schast mit dem richtigen Schneeglöckchen nur so eine Art oberflächlicher Vetternschast ist), schafft nichts als Verwechslungen. Da weiß ich ein viel hüb­scheres Wort für den kleinen Waldzauberer nut dem weißgrünen Glockenhut:Frühlingstürchen , wie sie irgendwo in Mitteldeutschland ZU ihm sagen. OderSchneeveilchen", was nämlich das- riesengebirgischeSchnisalk" bedeuten soll. Und wenn man will, kann man sich auch fukSchm- galchel" entscheiden, aus welch sonderbarem nonr- böhrnischen Wort eine richtige Beobachtung spricht. Gemeint ist nämlich der gelbe Mecken an ledern der Glockenzipfel, der aber freilich hi Wirklichkeit ein Saftmal ist, das den Insekten den Weg weisen- soll. Denn das Bißchen zarter Deilchendust, der von unserem Frühlingstürchen ausgeht, scheint nicht ganz für einen durchschnittlichen Bienen- oder Fue- genverstand zu genügen. Für die Blume aber qt solch geflügelter Besuch sehr wichtig, denn die Be­hälter der Staubgefäße öffnen sich erst, um Blu­tenstaub auszustreuen, wenn ein solch brummender, trippelnder Gast sie berührt.

Man kann nicht sagen, daß die Frühlmgsknoten- blume bei uns ein besonders gutes Leben hat. Zwar pflegt man sie mit Vorliebe in Topsen und Beeten aber das Wetter! Sie kommt immer noch im März und April früh genug, um an allen Schändlichkeiten des nicht weichen wollenden BZin- ters teilzunehmen. Wo dieLiebe" der Menschen sie noch nicht ausgerottet hat, zieht sie den lichten Auwald jedem anderen Standort vor. Auch i^eut sie alles, was nördlicher als etwa Leipzig liegt wenn sie nämlich freie Wahl hat. Dürres Winter- laub, Gestrüpp vorjähriger Gräser hält sie für den angenehmsten Aufenthaltsort. Dazu den wmo- brechenden Schutz nickender Haselzweige, Kornel­kirschen und dorniges Brombeergerank. Denn unter all das kann sie sich verkriechen, wenn die 1100)16 noch gar zu kalt sind ober die schlimmen Nordwinde einbrechen. Wenn all diese schützenden zielte und Ranken sich erst wieder begrünen, wenn die Graser himmelhoch aufschießen bann ist es mit bem ersten zaghaften, schüchternen Blühen jn ohnedies

vorbei, und keinFrühlingstürchen" braucht sich mehr aufzutun.

Oestlicher Adonis.

Immer noch ist es fremd bei uns, nicht häufig, mehr im Osten als anderswo zu finden. Kahle sonnige Kalkhügel liebt es, wo fein Schatten fällt und von dem ersten Huflattich an alle Gewächse un­ter ZU wenig Wasser leiden.. Den Frühlingsadonis freilich stört dieser Mangel wenig. Da, wo er zu Hause ist, regnet es von den letzten Frühlingstagen ab kaum mehr. ErkommtvomBalkan herauf, vielleicht von Kleinasien und an ihn (richtiger an feinen bren--- nenb rot dort blühenden Bruder) knüpft sich die traurige Sage des schönen Adonis, der die Liebe der Aphrodite mit frühem Tob bezahlte und aus dessen Wunden und verschütteten Blutstropfen rote, schnell welkende Blumen entsprangen.

Der Frühlingsadonis aber ist gelb, von reinstem, leuchtendstem Schwefelgelb, und feine Strahlen­blüten werben mitunter groß wie eine kleine Rose. Der Busch, auf, bem sie wachsen, sieht wie ein Schopf zerzauster grüner Haare aus. So feinzer­teilt, wie lauter fedrige Stacheln ist das Blattwerk. Alle Jahre steigt er aus derselben Wurzel neu em­por, bis tief in den Mai hinein von Blüten leuch­tend. Man weiß, daß diese Blüten sich unaufhör-. lich nach der Sonne drehen, so daß sie morgens nach Osten, abends nach Westen schauen. Beinahe ist mun versucht, zu sagen, daß sie selber eine strah­lende Sonne im kleinen sind, wenn sie so über kahlen Hügelkanten glänzen. Alles geflügelte Jn- sektenvolk liebt den Frühlingsadonis sehr. Denn er überschüttet seine Besucher beinahe mit goldenem Blütenstaub und färbt ihre dunklen Pelzchen, als ob es Knospen wären. Und merkwürdig, sie alle verzehren schadlos bie gebotene Mahlzeit. Wahrend für den Menschen der Frühlingsadonis ein schlim­mer Feind ist. Oder eigentlich auch gar fein Feind, beim aus dem starken Gift, das er enthalt, macht man das für den Herzspezialisten fast unentbehrliche Adonin. Und so sicht er, fremdartig, glühend, em Stück östlicher Frühling.

Blaue Sterne im Buchenwald.

Ein Stück Himmelsblau, licht und lieblich, zwi­schen grauen Buchenstämmen und rostrotem Wm- terlaub Stern an Stern, dicht gedrängt, das schone gotisch geformte Blatt dazwischen Um dieses Blat­tes willen hielt man Jahrhunderte lang bas Leber­blümchen für eine Wunberarzknei für alle Leber­krankheiten, der Name als Erinnerung daran ist heute noch geblieben. Acht Tage blüht eine Blume, nachts sich schließend und in Laub und Moos etn= VÜhlend. Aber sie blüht nicht überall, bergsreund-

li'ch ist sie, liebt das Flachland nicht. Ein Dutzend Namen hat der Volksmund ihr gegeben, der hüb­scheste stammt von den Paderbornern, dieVor- witzchen" zu ihr jagen.

In chrem schönen, blauen Sternkelch, der ganz selten rosa und noch viel seltener weiß leuchtet, ist fein einziges Honigschüsselchen aufgestellt. Nur Blü­tenstaub spendet sie den hungrigen Bienen. Und wenn noch einmal der März- und Aprilschnee ihrer Bergheimat über sie fällt, stunden-, tagelang, dann vermählen Staubfaden und Stempel sich insgeheim in der frierend geschlossenen Blüte, ohne geflügelte Brautwerber, ohne Sonne und verheißungsvolles, aus fahlen Hügelwaldkronen zitterndes Licht.

Moniagsumriß.

Von Anion Schnack

Ich empfinde den Montag als den geheimnis­vollsten Tag, weil er den langen und doch so kurzen Schicksalsweg der Woche eröffnet. Was wird sie bringen? Mehr Erkenntnis? Mehr Betrübnis? Werden die Stunden der Freude die Stunden der Trauer überwiegen?

Wie ein Gong rollt sein Name, schwertönend, ein Klayg voll Höffnungsfroheit und Schrecken zu­gleich, in den dunklen, unbekannten Gang hinein, der sich Woche nennt. In ihm sind wie Gesichter, schweigend, unerbittlich, stumm und ungerührt die Tage 'aufgestellt: Dienstag ..der Mittwoch ... der Donnerstag ... Sphinxgesichter, Rätselaugen, uner­gründliche Masken und zugeschlossene Tore.

Von der feierlichen Ruhe und breiten Behäbigkeit des Sonntags liegt er weltenweit entfernt. Beide haben, obwohl sie so nahe beieinanderstehen, keine Aehnlichkeit miteinander. Der Montag scheint uns der unruhigste, der lärmendste und der lauteste Tag zu sein. Auch die anderen Werktage der Woche sind lärmend, unruhig und laut, aber wenn die Mon­tagsfrühe beginnt, haben mir noch die Stille, die leise Heiterkeit, die ungebundene Freiheit und den Schlendrian des Sonntags im Blute.

Aus den Hoffenstern der Häuser, auf den grauen Eisenaltanen, wo die zerschlissenen und zerbrochenen Körbe trauern, die leeren und zersprungenen Blu­mentöpfe von Spinngeweb und Moder überzogen sind und wo die blaue und verschossene Küchen­wäsche flattert, hängen die Kleider des Sonntags.

Da hängt hin- und hergeweht vom leisen Wind­zug der schwarze Rock eines Mannes, eine leere und bedeutungslose Attrappe, die nicht erraten laßt,

welche Brust sie umschloß, ob ein eitles, oder ein demütiges, ein fröhliches oder ein vergrämtes Herz darin schlug; die keinen Aufschluß gibt, ob sie die Brust eines wichtigen Beamten oder eines entschlos­senen Bankdirektors verhüllte. Dies ist yielleicht ein Rock, der von seinem Herrn ,am Sonntagabend in einem Raum getragen wurde, der nach Bierdunst roch und von blauen Zigarrenwolken geschwängert war oder der auf einem Theaterstuhl saß, um dem wirbelnden Spiel der Artisten zuzuschauen. -

*

Hoch über diesem schwarzen Rock, auf einem an­deren Balkon, hängt das Kleid eines jungen Mäd­chens, die zarte leuchtende Hülle einer Puppe, dis wahrscheinlich schon längst die grauen Morgentrep- pen hinuntergehüpft ist. Wo war sie gestern? Auf einer kleinen Lustbarkeit, wo ein junger Herr mit schwarzer Brille und einer frischen blauen Krawatte sie anlächelte und sich kühn und eroberungsbegierig vor ihr verbeugte, wobei er sie mit weicher Stimme Mein schönes Fräulein" nannte.

Aber jetzt sitzt das Mädchen seit frühem Morgen hinter einer rasselnden Schreibmaschine und ein Mann mit faltiger Stirne und verrauchten Zähnen diktiert ihr:Zufolge Ihres Geehrten vom 16. Mac 1939 teilen wir Ihnen mit, daß die Sendung Draht­stifte" ... aber da sieht er plötzlich, daß sie das Komma vordaß" vergessen hat, und er schreit: .Wo haben Sie Ihre Gedanken wieder, Sie sind noch ganz durcheinander, von gestern wohl! ..."

An einem offenen Küchenfenfter steht eine Frau, eine Schürze umgetan und die Aermel hochgekrem- pelt. Sie fegt mit einer harten Bürste Schuhe ab, ein Paar nach dem anderen; Wanderschuhe, Schuhe aus dickem Leder, Schuhe mit festen Sohlen,,durch Fett wasserdicht gemacht und mit großen Nägeln beschlagen. Der Staub, der unter den Borsten der harten Bürste davonfliegt, ist gestern noch duftende, herbe Erde gewesen, auf einem stillen und abseiti­gen Waldweg gelegen, über den das rauschende und hohe Brausen der Wipfel hinwegzog.

Klirrend schließt die Frau das Fenster; die Welt des Sonntags ist verweht, die Streifereien durch die Gehölze find verklungen, das Waldwirtshaus am Wege ist in die Unwirklichkeit der Erinnerung ver­sunken, das Reh, das durch das Dickicht brach, ist in den tiefen Gründen verschwunden, der süße Vogel­pfiff vom Baum erklingt nicht mehr im Ohr, die braune und dunkeläugige Tochter des Försters werden die Augen des Wanderers nicht mehr Wiedersehen ...

Der ernste Schatten des Montags hat alles zu* gedeckt.