Nr. 235 Zweites Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
Mittwoch. 2. Oktober MV
Gauausstellung für bildende Künste 4 940
Neue Malerei, Graphik und Plastik im Frankfurter Städel.
Aus der Stadt Gießen.
Oktober.
Kein Monat besitzt eine solche Farbenfülle und Leuchtkraft wie der Oktober, keiner, nicht einmal der Frühling, strotzt so von freudiger Lebensbejahung. Oft schenkt er uns ja auch noch späte Sonnentage mit azurener Himmelsbläue und reinem Licht, unter dem die rotbraunen Wälder und die Lunten Gärten in unerhörter Pracht aufflammen. Aber selbst wenn er sich von der grämlichen Seite geigt und einen Voryang von Regen und Sturm vor die Farben zieht,' so bleibt er doch immer noch der Monat der Erntefeste und der Kirchweihtuge, der Weinlese und der Jagd. Auch die so viel nüchternere Kartoffel- und Rübenernte bedeutet Fülle und festliche Steigerung der Kräfte.
Ja, das edelste Gut der Felder, das Korn, ist in die Scheunen geborgen, für das Brot des Volkes ist gesorgt, und mit gutem Recht feiert der Bauer nach der rastlosen Anspannung der Erntewochen Anfang Oktober sein Erntefest — nicht nur der Bauer allein, das ganze Volt in Stadt und Land, das sich ja heute wieder dankbar bewußt ist, daß die Arbeit des Bauern die Grundlage seines Lebens bedeutet, nimmt mitfeiernd Anteil. Aber dieses Fest, in gewisser Hinsicht der Höhepunkt des ganzen bäuerlichen Jahres, ist doch nur ein kurzes Atemholen. Roch gibt es kein Ausruhen, noch ist viel zu tun vor dem Winter. Vor allem die Kartoffeln, die zweite wichtige Grundlage unserer Volksernäh- rnng, wollen aus der Erde'. Für das nordöstliche Deutschland ist die Kartoffelernte die Zeit des Jahres, die am stärksten in das tägliche Leben der Familie eingreift. Denn diese Ernte wird ja weitgehend von Frauen und Kindern besorgt, jedes schulpflichtige Kind hilft schon mit, so daß die Herbstferien auf dem Lande, die meistens länger sind als die Sommerferien, sich nach der Kartoffelernte richten und geradezu „Kartoffelferien" heißen. Das ist ein rastloses Schäften aus dem Kartoffelacker von morgens früh bis abends, um den schon kürzer werdenden Tag voll auszunutzen. Die Frauen hacken, die Kinder sammeln, die Män- nec bringen die köstliche Erdfrucht in die Mieten. Das „Kartoffelfeuer" freilich, das Verbrennen des Kartoffelkrautes, das mit seinem beizenden Qualm unserem Monat neben dem welkenden Laub seinen eigentümlichen Geruch gab, werden wir dieses Jahr vermissen. Auch in dem Kraut der Kartoffeln haben wir einen wertvollen Rohstoff erkannt, der in die Papierfabriken wandert. In den eigentlichen Kartosfelgegenden dauert diese angespannte Arbeitszeit mehrere Wochen, und vielerorts schließt sich daran die nicht minder anstrengende Rübenernte. Erst wenn alle Hackfrüchte geborgen sind, kann der Bauer zur eigentlichen Winter- avbeit übergehen, bei der er sich etwas mehr Ge--^ ruh-samkeit gönnen darf.
Die Fülle des Monats bekommt in erster Linie der zu kosten, der von dem Reichtum der Erde e-rntet: der Bauer, der Winzer, der Jäger, der Gärtner. Wir anderen, wir Stadtkinder, genießen mit Auge und Mund. Die flammenden Wälder, zu denen wir feiertags hinauspilgern, vielleicht ein tlcines Stück gelb, blau und rot blühendes Gartenland, oder auch nur ein bunter Herbststrauß in der Base, eine saftige Traube, eine edle Birne in der Obstschale, einmal ein Stück Wildbret auf unserem Tisch — das sind die Oktobevfreuden, die auch uns gegönnt sind. C. K.
Dornotizen.
Tageskalender für Mittwoch.
Stadttheater: 19.30 bis 22 Uhr „Goldregen". —- Gloria-Palast (Seltersweg): „Achtung, Feind hört mit". — Lichtspielhaus (Bahnhofstraße): „Menschen, Tiere, Sensationen".
Stadttheater Gießen.
Am heutigen Mittwoch wird die mit großem Erfolg kürzlich in Gießen uraufgeführte Lustspiel- Operette der Brüder Rößner „Goldregen" wiederholt. ^Spielleitung: Harry Grüneke. Musikalische Leitung: Arthur Apelt. Die musikalische Bearbeitung stammt von Arthur Apelt. 3. Mittwoch-Miete.
Ortszeit für den 3. Oktober.
Sonnenaufgang 7.29 Uhr, Sonnenuntergang 18.58 Uhr. _ Mondaufgang 9.56 Uhr, Monduntergang 19.57 Uhr. ' _________________
Daß die Gau-Ausstellung in diesem zweiten Kriegsjahre wieder eröffnet werden konnte (wir haben schon darüber berichtet), darf als ein erfreuliches und herzstärkendes Zeichen der Kulturbereitschaft auch in harten Zeiten gelten; ein Unternehmen wie dieses straft das alte lateinische Wort „inter arma silent musae” Lügen: selbst im Waffenlärm der deutschen Gegenwart schweiaen die Musen mitnichten; ja, es zeigt sich ein lebendiges Gefühl dafür, daß gerade heute dem Volke die Kunst nötiger und näher sei als je zuvor. Der sehr lebhafte Besuch der Ausstellung legt ^davon- Zeugnis ab.
Dreihundert Werke erscheinen hier, ausgewählt nach strengem Maßstab aus siebenhundert; Malerei, Plastik und Graphik bilden die übliche äußere Dreiteilung. Soll man einen Gesamteindruck geben, so wird man vielleicht sagen dürfen, daß der Krieg nur verhältnismäßig geringe Spuren hinterlassen hat; er spiegelt sich kaum in den Erscheinungen der Ausstellung wider; er ist noch zu nah, zu gegenwärtig, wird sich erst später künstlerisch auswirken und Gestalt finden können. Was wird also gemalt und gebildet? Keine Schlachtfelder, selten Soldatenfiguren — sondern die alten ewigen Gegenstände der Kunst: die Landschaft vor allem, nie erschöpft seit Jahrtausenden; der lebendige Mensch, das Bildnis in vielerlei Gestalt; die Mäler der neuen Zeit in Straßen, Bauten, Stätten der Industrie; daneben auch häufig die zeitlosen Formen von Tieren und Blumen.
Bei der Fülle des Dargebotenen geht es natürlich nicht an, auch nur den größeren Teil davon in einem knappen Bericht zu erfassen; es sei also aus einem überschauenden Rundgange nur eine kleine Zahl von besonders markant sich heraus- hebenden Werken notiert, und es fei auch vornehmlich der dem hessischen Raume entstammenden oder zugehörigen Künstler gedacht.
Der repräsentative Eingangssaal ist der Plastik gewidmet. Reben dem gewaltigen „Adler zum Hoheitszeichen für das Divisionsgebäude Frankfurt am Main" von Carl Wagner sind die römisch strenge Büste des Gauleiters von Tilman Zobel, von Emil Hub ein prächtiges Porträt des Führers und die kindlich heitere Zierbrunnenfigur mit Fischen und Schnecke zu nennen. Der „oberhessische Erbhofbauer" van H a w i ck stellt sich sinnvoll zu den Schwälmer und Biedenkopfer Trachtenfiguren von Mergehenn. Eine der eigenwilligsten Begabungen unter den Plastikern ist der Oberurseler Harold Winter, dessen in Eichenholz geschnittene, farbig leicht gehöhte Gestalten („Mädchen mit Papageien", „Schiläuferin") wegen der originellen Technik wie auch des zeichnerisch zarten Figurenumrisses sogleich die Aufmerksamkeit auf sich ziehen.
Was die Malerei angeht, die wie immer den breitesten Raum beansprucht, so darf wohl allgemein von einer Festigung der Formen wie der Farben, von der Wirklichkeitsnähe des Motivs, van der Sachlichkeit des erfassenden Auges und
SS-GenMUsl M Stoll öutOenöe
Sportamt fibj.
„Körperschule und Spiele“ für Männer und Frauen.
Jeden Mittwoch von 20.30 bis 21.30 Uhr: Goethe- schule, Horst-Wessel-Wall. 4403D
Beibehaltung der Sommerzeit.
Die Sommerzeit hat sich so gut bewährt, daß sie bis auf weiteres beibehalten wird. Die diesbezügliche Verordnung des Ministerrates für die Reichsverteidigung wird in den nächsten Tagen im Reichsgesehblatt verkündet werden.
Polizeistunde um 23 !lhr.
Mit Wirkung vom 1. Oktober ab ist in Gießen und in Bad-Nauheim-Friedberg die Polizeistunde auf 23 Uhr festgesetzt worden.
des festhaltenden Stiftes und Pinsels als charakteristischen Merkmalen heutiger Bildkunst gesprochen werden. Romantik im guten wie im bösen Sinne ist selten geworden.
Die lebendige Natur, wir deuteten es schon an, erweist sich als unerschöpflich reizvoll und anziehend; man wird das bestätigt finden, wenn man eine Reihe von Bildern vergleichend nebeneinander hält: die eigenartig belichtete „Winterlandschaft" von Bode, die „Landschaft in Oberhessen" von Arnoul, die „Wolken über dem Taunus" von Dörrbecker, die freundlich-heimatliche „Vogelsberger Landschaft" mit den rosa Apfelblüten von Eimer, die weiten, groß und klar gesehenen See-Stücke Th. G a r v e s , ganz beherrscht von der strahlend blau darüber gewölbten Himmelskuppel;, dann die Ernte-Bilder von H o f f e r b e r t, an berühmte Vorgänger erinnernd, der „Erste Frühlingstag" von Kalt wasser, sehr zart in Farbe und Stimmung, der „Sommerabend" von Alfred K i e h l, dessen Arbeiten vor Jahren im Oberhessischen Kunstverein und auch in der „Heimat im Bild" gezeigt wurden: man freut sich der weichen, warmen und vollen Farben auf diesem stillen, nobel gemalten Bilde. Es seien weiter erwähnt der „Fjord bei Mosjöen" von Limpert (Gedern), das anmutig aus der Vogelschau gesehene „Peterstal bei Heidelberg" von M a g e r (Friedberg), in Brueghel- schen Farben endlich das Herbst-Bild von A. H. Stoll.
-Auch abseits der Landschaft ist die Zahl der Motive nicht gering. Feierlich, fast streng in der Plastik des Pflanzenkörpers, wirken die „Lilien" von D i e I m a n n. Als kraftvoll gesunde Spiegelung gegenwärtigen deutschen Volkstums können der „Altbauer aus dem Rodgau" von Fahren- b u s ch und „Der Fahnenträger" von Walter Kröll (Gießen) gelten. Von Kutscher (Bad- Nauheim) findet man gute Beispiele des modernen Jndustriebildes, von Margret Kranz (Butzbach) etliche ihrer liebevoll und peinlich exakt komponierten Blumenstücke, von Felix K l i p ft e i n (Laubach) eine Radierung der edlen Architektur von Kloster Arnsburg.
Was soll man noch herausheben aus der Fülle? Einen „Blumenstrauß" von Alexander Posch um der bestechenden Architektonik des Stillebens willen; die leuchtende Wasserspiegelung im „Verlassenen Basaltbruch" von P e u t e r t; die malerischen Frankfurter Stadtanfichten von Sauter; das wuchtige Bildnis des Duce von Salini; ein „Flüchtendes Reh" von Karola Pierfon- Victor, die die anmutige Kunst des Scherenschnittes kultiviert (wir brachten Proben davon in der „Heimat im Bild"); und ein ganz unkonventionelles, farbig sehr reizvolles Historienbild: „Friedrich der Große vor der Schlacht" von Aug. Weber- Brauns. —
Damit sei ein Rundgang beschlossen, zu dem dieser Bericht den Leser anregen möchte.
Hans Thyriot.
Der Ladenschluß im Winter.
Für die Wintermonate sind neue Ladenschluß - zeiten festgesetzt worden. Danach sind zum Verkauf geöffnet: die Lebensmittelgeschäfte von 8 bis 13 Uhr und von 15 bis 19 Uhr, alle übrigen Geschäfte oan 8 bis-12.30 Uhr und von 14.30 bis 18 Uhr. Der Mittags-Ladenschluß fällt an den Samstagen und an den Tagen vor Feiertagen fort.
Don der Gießener Hindenburg-Spende
Wie erinnerlich, hat der Stadtrat der Stadt Gießen durch Beschluß vom 30. September 1927 aus Anlaß des 80. Geburtstages des Reichspräsidenten von Hindenburg eine Stiftung von jährlich 500,— RM. errichtet. Die Vergebung dieser Sttf- tung für das Jahr 1940 ist jetzt wieder an die durch den Beirat für Kriegerfürsorge vorgeschlagenen Personen erfolgt. Es wurden 10 Kriegsbeschädigte und Kriegerhinterbliebene mit je einer Gabe von 50,— RM. bedacht.
OerBesuchderGefallenen-Grabstätten
Auf Grund za-hlreicher Anfragen aus den Kreisen Hinterbliebener von Gefallenen zum Besuch der Grabstätten teilt das Oberkommando der Wehr« macht mit:
Ein Besuch der Grabstätten im Westen und m Norwegen kann zur Zeit aus militärischen und Der- kehrstechnifchen Gründen nicht gestattet werden. Für Elsaß, Lothringen, Eupen, Malmedy und Luxemburg ist noch im Laufe dieses Jahres eine Lockerung der Anordnung unter bestimmten Voraussetzungen zu erwarten. Es sind nähere Mitteilungen dazu abzuwarten. Nach dem Osten kann von Fall zu Fall die Reise der Eltern, Ehefrau und der Kinder zum Besuch der Grabstätten genehmigt werden, wenn die genaue Grablage bekannt ist und entspre- chende Verkehrsmöglichkeiten vorhanden sind. Fahrpreisermäßigung kann zur Zeit noch nicht gewährt werden. Anträge auf Einreisegenehmigung nach dem Osten, unter polizeilicher Bestätigung des Verwandtschaftsverhältnisses, sind > an die Wehr« Machtsauskunftsstelle für Kriegerverluste und Kriegs- -gefangene, Berlin W. 30, Hohenstaufenstraße 47/48, zu richten. Passierscheine sind bei der für den Wohnsitz zuständigen Kreispolizeibehörde zu beantragen
Krawatte auf die Punkte der Frau.
Sowohl auf die Reichskleiderkarte für Männer^ als auch auf die Karte für Frauen gibt es Krawatten, Querbinder und Schleifen, und zwar mit der gleichen Punktbewertung. Da es aber keine Krawatte gibt, die nur als Bekleidungsstück für Männer in Frage kommt, ist der Verkauf von Krawatten, Querbindern und Schleifen jeder Art auf Männer-, Frauen-, Knaben- und Mädchenkarten erlaubt. Es steht dem Karteninhaber frei, die gekauften Krawatten an andere Verbraucher zu verschenken. Die Uebertragung der Kleiderkarte als solche ist naturgemäß nicht gestattet. Jede Frau ist somit berechtigt, ihrem Manne zu Weihnachten als Geschenk eine Krawatte zu kaufen, und zwar auf ihre eigene Karte.
Kortenpflicht für Suppeneinlagen.
Durch Anordnung der Hauptversammlung der deutschen Getreide- und Futtermittelwirtschaft wird mit Zustimmung des Reichsministers für Ernährung und Landwirtschaft die Kartenpflicht für Suppeneinlagen geregelt. Danach sind auf die Einzelabschnitte der Reichsbrotkarte, der Brotzusatzkarte für Schwer- und Schwerstarbeiter, die Brotabschnitte der Zulagekarte für Land- und Nachtarbeiter und der Urlauberkarte sowie die Reise- und Gaststättenmarken für Brot an Stelle von je 100 Gewichtseinheiten Brot 75 Gewichtseinheiten aus Mehlteig hergestellter gebackener Suppeneinlagen (Suppenklößchen und Flädle) abzugeben. Die Anordnung tritt mit sofortiger Wirkung in Kraft.
Neichsbahnausnahmetarif für Frischobst.
Die Reichsbahn hat auch in diesem Jahr den Ausnahmetarif 16 B 11 für frisches Obst eingeführt», Er gilt vom 23.9.1940 bis 31.12.1940 zwischen allen deutschen Bahnhöfen und begünstigt den Versand von Aepfeln, Birnen, Mirabellen, Pflaumen, Reineklauden, Zwetschen, kommt jedoch nur für den Versand von Stückgut bei Aufgabe als Frachtgut oder Eilgut zur Anwendung. Das frachtpflichtige Gewicht wird jeweils auf 10 Kilogramm nach oben abgerundet.
»Gießener Saflor" als zusätzlicher Fettlieferant.
Schon vor Jahren hatte das Institut für Pflanzenbau und Pflanzenzüchtung an der Ludwigs-Universität Gießen die Untersuchung und Zucht einer in Deutschland fast ausgestorbenen und völlig vergessenen ölhaltigen Pflanze, des Sastor, ausgenommen. Saflor ist eine 80 bis 100 Zentimeter hoch werdende Pflanze, die ausgesprochenen Distelcharak- ter hat. Eine spindelförmige Pfahlwurzel geht tief in die Erde und läßt den Saflor auch noch dort gedeihen, auf sehr trockenen Böden, wo andere Del- pflanzen nicht mehr angebaut werden können.
Einem Mitarbeiter des Gießener Instituts, Dr. Scheibe, war während feiner Tätigkeit in der Türkei die in Anatolien wild wachsende Pflanze ausgefallen, die auch nach langer sommerlicher Dürre,
Oie kluge Bauerndirn.
Don Wilhelm Lennemann.
Der Bauernkrieg ging in Brand und Blut seinem Ende jju. Was der Rache und dem Gericht entronnen, rettete sich in sein.Dorf, wähnend, daß es nun im Schutz von Heim und Hütte geborgen sei. Aber noch von Pflug und Pferd hinweg zerrte herrischer Haß sein letztes Opfer.
Da der Truchseß von Waldburg, der die Bauern niedergerungen und niedergeritten, in das Dorf Babenhausen einritt, gedachte er es in Asche zu legen, weil es lange Zeit hindurch eine feste Stätte seiner Widersacher gewesen war. Veit von Rechberg aber, dem das Dorf zu Eigen gehörte, bat für die Hsitten, weniger den Dörflern zulieb, als zu feinem eigenen Nutz; aber er mußte dem Truchseß geloben, daß er den vornehmsten feiner aufrührerischen Bauern vor das peinliche Gericht stelle. Dieser Auserlesene war ein prächtiger und gewandter Bursche, der ehemals ein Fähnlein geführt; den ergriff der Graf also, daß er ihn durch Strick oder Schwert vom Leben zum Tode bringe.
Als nun schon der Stab über ihn gebrochen war und er zur Richtstätte geführt werden sollte, brach auf einmal der helle Schrei eines Weibes aus der Mitte des Volkes. Der Graf ließ das Mädchen, denn ein solches von knapp 20 Jahren war es, vor sich führen und herrschte es baß an, wie es sich unterstehen könne, in den Rat des Gerichtes hineinzu- fchreien.
„Das ist ein gutes Recht", antwortete es unerschrocken, „daß eine Jungfrau den Verurteilten lösen kann. Ich begehre ihn zum Mann!"
Da lachte der Graf laut auf, und auch der Bursche sah die Maid mit wunderlichen und weiten Augen an: War es doch seine eigene Schwester, die sich ihm werbend zum Weibe antrug. Und auch die Bauern, die da hinter dem sperrenden Stricke standen, wußten das Ungeheuerliche nicht zu fassen und bangten für die kühne Dirne.
Der von Rechberg fand sich zuerst: „Hat dich der Satan geblendet, daß du dermaßen gegen Gottes heilige Gebote freveln willst! Soll ich dir zu Willen sein, da magst du einen Tag in deiner Lust brennen; aber morgen werde ich bann deinen Kopf neben den
Dasein. Aber auch bei keinem anderen Berufe ist die Arbeit in ihrer Gesetzmäßigkeit so klar umgrenzt wie beim Bauern, dessen Leben heute im Grunde nicht anders verläuft, als das aller feiner Ahnen. Und wenn mir anfangs von der Landschaft sprachen als einem hervorragenden Element in Grieses Dichtung, so darf nicht vergessen werden, daß in ihrem Mittelpunkt immer der Mensch steht. Der Mensch, der die Erde nie verlassen darf, wenn er nicht verlassen sein will von ihr. Der Mensch, dessen Lebenskraft sich immer wieder erneuert in stetem Ringen mit der Erde, der „geliebten Mutter" allen Lebens. Die Erde bestimmt die Gesetze, denen der Mensch zu gehorchen hat, die Gesetze der Arbeit und die des Zusammenlebens der Menschen. Wenn der Knecht Karl Johann in der „Wagenburg" nach langer Kriegsfahrt die Pferde seines Bauern wieder wohlbehalten im heimatlichen Stall anbindet, so folgt er diesem Gesetz der Erde, das hier zur Ehre wird, ebenso wie die Tochter des Torfmachers in der Erzählung „Das Kind des Torfmachers", wenn sie den Hof ihres Mannes verläßt und mit dem Knecht in einer Torfkate ein neues Leben beginnt und damit zurückkehrt in die ihr bestimmte Welt. Auch der Roman „Bäume im Wind"" handelt von diesem Gesetz, dem auch die Menschen in der Stadt unterstehen, das ihr Schicksal bestimmt und sie begleitet auf ihrem Weg.
Die Einheit alles Lebenden ist das große Thema der Dichtung Friedrich Grieses. In seinem jüngsten Roman „Die Weißköpfe" offenbart sie sich uns in überwältigender Weise. Dem Leben zu dienen ist das höchste und schönste Gesetz des Dichters. Friedrich Griese, der jetzt sein fünftes Lebensjahrzehnt beschließt, darf für sich die Gewißheit haben, in allen feinen Werken treu diesem Gesetz gefolgt zu fein. Was er damit dem deutschen Volke gegeben hat und im Weiterwirken feiner Werke gibt, das werden erst Spätere ganz erfassen können. Wir Heutigen dürfen ihm danken für unser persönliches Ergriffen sein und unserem Dank den Wunsch verbinden, daß bfc Kraft feiner Dichtung noch durch viele Werke für uns wirkend fei. Dr. Hermann Mährlen.
Aus der Feder Friedrich Grieses veröffentlichen wir in den F a m i l i e n b l ä 11 e r n eine Erzählung „Das harte Iah r", die für die Kunst des mecklenburgischen Dichters uns besonders bezeichnend zu sein scheint.
seinen legen! Da hülfe keine Fürsprache der Heiligen!"
„Das werdet Ihr nicht tun, gnädiger Herr, denn wer der Sünde zuträgt, kann auch der Strafe nicht entlaufen! Das ist altes Recht, das vor keinem Kopfe Haltmacht! — Auch vor Eurem nicht!"
Jetzt wurde der Graf erbost. Sollte er sich von einer jungen Dirne narren lassen, daß sie ihm seins eigenen Worte wie ein Nest über den Kopf werfe!
„Aber wo im Deutschen Reiche ist's denn nur verstauet, daß eine Schwester den Bruder freie!"
„Das Recht spricht nur von einer reinen Jungfrau, steht aber mit nichten dabei, daß die Schwester von dieser Gnade ausgeschlossen sei", wurde ihm dis einfältige Antwort, „so Ihr aber verlangt, daß ich mein Begehren fahren lassen, da müßt Ihr zuvor Euer Urteil zerreißen; denn eins hängt zum anderen!" z
Und sah den Grafen mit lächelnder Listigkeit an.
Da erst erfaßte der Graf der Dirne ganze Schalkhaftigkeit und Klugheit, die ihn wie mit scharfen Zangen seiner eigenen Meinung hielt, und auf Augenblicke wußte er nicht, ob er mit raschem Zorne dareinfahre, oder mit huldvoller Wohlgefälligkeit ein Amen dahinter setzen sollte, das der wittenbergischa Mönch in die Worte übersetzt hatte: Ja, ja, es soll also geschehen!
Dann aber überwog die Freude über die Unerschrockenheit und List der Dirne sein richtendes Herrentum, daß er sein deutsches Amen dazusprach; doch bemühte er sich, das Urteil so klüglich zu fassen, daß er sich dadurch feiner Herrenwürde nichts begebe und sich zugleich auch gegen den Truchseß wohl decke. Also erhob er sich und sprach mit huldvoller Leutseligkeit: „So soll der Dirn ihr Wille werden und ihr der Verurteilte zugesprochen werden. Da ich mich selbst aber in den gegenwärtigen Tagest nicht dem Feuer der strafenden Gerechtigkeit ausliefern will, so setze ich die Ehe aus bis auf einen gelegentlicheren lag. Sollte aber die Dirne des Wartens überdrüssig werden und eine weitere Gelegenheit zur Ehe ergreifen, soll ihr auch das wohl verstattet sein, und ist dann auch der andere seines Vertrages enthoben und frei!"
Darob erhob sich laute Zustimmung, daraus ein Dank und eine Achtung sprachen, und ist durch diese eine erschlichene Gnade die Bindung zwischen Burg und Dorf fester geworden, als sie es je in den harten Tagen vorher gewesen.
Friedrich Griese.
Zum 50. Geburtstage des Dichters am 2. Oktober.
Wer bas Land Mecklenburg nicht kennt, dem mag beim ersten Bekanntwerden mit Friedrich Grieses Dichtung das Zurechtfinden in der Landschaft, die in allen seinen Büchern so stark bildhaft vor uns steht, nicht ganz leicht werden. Er wird auch seine Zeit brauchen, bis er mit den Menschen, die auf diesem Boden zu Hause sind, mit diesen sicheren und selbstbewußten Gestalten, ein persönliches Verhältnis hergestellt hat. Es geht ihm dabei nicht anders als einem in eine Gegend Zugereisten: erst tastend und langsam sicherer werdend, wird er sich einleben in die neue Umgebung und wird sich langsam der neuen Umwelt zugehörig empfinden. Dann kommt cs freilich oft vor, daß dem einstigen Fremdling die neue Heimat zum liebsten Besitz wird, und es mag fein, daß der so Eingebürgerte heller das Lob des Landes verkündet als der Alteingesessene. Wer derart heimisch geworden ist in der Welt Friedrich Grieses — und wir wissen aus den Erfolgen seiner Bücher, daß es viele sind —, dem wird aus ihrer Fülle und ihrem heimlichen Reichtum ein bleibender Gewinn Zuwachsen. r •
Das dichterische Erlebnis Friedrich Grieses kommt aus dem weiten Land Mecklenburg, das ihm Sinnbild wird für die Landschaft schlechthin. Wir kennen Tie Eigenschaft dieses Landes, sinnbildhaft zu wirken aus allen Romanen des Dichters, im „Dorf der Mädchen" und im „Letzten Gesicht" tritt sie ebenso zutage, wie in der sagenhaften Erzählung „Alte Glocken". Aber es wäre wohl falsch, die gültige Sinnbildhaftigkeit der geschilderten Landschaft und ihrer Mem schen allein auf das Wesen der Heimat Friedrich Grieses zurückführen zu wollen, uns scheint vielmehr, baß bas Geheimnis ber Dichtung', bie Gabe unb bte ©nabe bes Dichters, baß diese unerklärliche Kraft hier am Werke fei, die uns unwiderstehlich zwingt, ihrem Banne zu folgen. Sie schafft jene Wirklichkeit, von der wir überwältigt werden, weil sie allgemeine Gültigkeit besitzt im ganzen menschlichen Bereich und vornehmlich im deutschen Raum.
Die Themen seiner Dichtungen nimmt Friedrich ©riese aus ber börslichen Welt. Nirgenbs ist bte Nähe ber Natur, ber Erbe, nirgenbs ist bte Kraft des Blutes stärker zu spüren als im bäuerlichen


