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Nr. 259 Zweites Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)

Zreitag.l November MV

Aus der Stadt Gießen.

November.

Die Feuerbrände, die der Oktober in unseren Wäldern entzündete, sind erloschen. Wo in den Gär­ten sich noch ein spätes buntes Farbenspiel zeigte, steht nur noch ein wenig frierendes Strauchwerk. Der letzte Gruß des Sommers ist verweht. Wenn auch noch einzelne bunte Blätter an den Zweigen der Bäume haften: es wird nicht mehr lange dauern, bis auch sie den Erdboden bedecken und dort ver­gehen, wie es ihre Bestimmung erheischt. Wir stehen an der Pforte, die in die winterliche Jahreszeit weist.

Und damit tritt der November feine Herrschaft an. Er kommt gleichsam im Wettermantel, denn Nebel und Feuchtigkeit führt er im Gefolge. Es sind ungemütliche Gesellen, die er sich zu seinen Beglei­tern erwählt hat, und deshalb genießt dieser Monat im allgemeinen auch wenig Sympathie. Aber er erfüllt eine notwendige Sendung. Seine Aufgabe ist es, das Feld frei zu fegen von den letzten som­merlichen Ueberbleibseln, damit der Winter glatte Bahn vorfindet, wenn er demnächst sein Regiment antritt Und so sorgt der November durch Stürme und Nässe, durch Nebel und Kälte, daß jede Er­innerung an die schöne Jahreszeit in der Natur ausgelöscht wird. Nichts entgeht ihm, kein Blumen- stenglein und kein Grashalm.

Aber der November beschert uns nicht nur den Nebel, er bringt auch die Dunkelheit. Düster ist es in den frühen Morgenstunden, wenn der Schritt der Werktätigen über das Pflaster hallt, und düster ist es, wenn sie abends wieder heimkehren. Und der Tagesbogen, den die Sonne beschreibt, wird von einem Tage zum anderen kürzer. Es ist kein Wun­der, daß unter diesen Umständen die Zahl der Spa­ziergänger in den Anlagen kleiner wird. Nur die Unentwegten, die sich nicht schrecken lassen, halten aus.

Es ist ein unbeständiges Wetter, mit dem dieser Monat aufwartet Er ist zwar der winterliche Quar­tiermacher, aber er selbst darf sich noch nicht sehr winterlich gebärden, wenn alles seinen rechten Ver­lauf nehmen soll Darum sagen die Bauernregeln: Bringt Allerheiligen (1.) einen Winter, so bringt Martin (11 ) einen Sommer." Aber auch Martin ist zu winterlichem Wetter noch nicht befugt, denn: Wenn man an Martini auf dem Eise steht, man an Weihnachten im Kote geht" Erst wenn dieser Monat seine Aufgabe erfüllt hat, darf der Winter einfallen. Doch dann steht auch schon der Dezember bereit, der uns bei aller Dunkelheit die Hoffnung auf Licht schenken wird. H. W. Sch.

Vornotizen.

Tageskalender für Freitag.

Stadttheater: 18.30 bis 21 UhrDas Käthchen von Heilbronn". Gloria-Palast, Seltersweg:Das Fräulein von Barnhelm". Lichtspielhaus, Bahn­hofstraße:Frasquita".

Stadltheater Gießen.

Am heutigen Freitag wird das SchauspielDas Käthchen von Heilbronn" wiederholt. Spielleitung: Hansjoachim Büttner. Bühnenbild: Karl Löffler. 7. Freitag-Miete.

Ortszeit für den 2. November.

Sonnenaufgang 8.24 Uhr, Sonnenuntergang 17.53 Uhr Mondaufgang 11.14 Uhr, Monduntergang 20.01 Uhr.

Keine vertrauensärzNiche Nachunter­suchung für werdende Mütter.

Auf Antrag des Frauenamtes der DAF. sind die vertrauensärztlichen Dienststellen angewiesen wor­den, von der Ueberprüfung der Feststellung des Kassenarztes über den voraussichtlichen Zeitpunkt der Entbindung abzusehen Der Wegfall der oer- trauensärztlichen Nachuntersuchung bedeutet für die werdenden Mütter eine wesentliche Erleichterung.

Zwei neue Mrer-Mmffe in der Universität.

Die beiden neugeschaffenen Führer-Bildnisse, die der Umgestaltung' des Universitätsgebäudes chren besonderen dekorativen Charakter verleihen, und die wir hier nachbilden, ergänzen einander in Thema, Auffassung und Malweise vorzüglich. Das Gemälde von W. I m k a m p Gießen (1940), das seinen Platz im Senatssitzungssaale gefunden hat, ist ein Kniestück in Ueberlebensgröße, das die Gestalt des Führers in brauner Uniform frei in die Landschaft stellt, sehr plastisch vor dem farbig abgestimmten Hintergründe, einer schlichten, abschließenden Baum- kulisse und einem durchwölkten Himmel darüber. Der Blick im durchmodellierten Antlitz ist ruhig ge­radeaus auf den Beschauer gerichtet Das Bild­nis im ganzen will Adolf Hitler als den Natio­nalsozialisten zeigen, als den Schöpfer der Be­wegung, als den Baumeister Großdeutfchlands. Dieses Gemälde ist ein Bestandteil der Stiftung der Stadt Gießen für die Universität

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Aufnahme: Stadtbauamt Gießen.

Die thematische Ergänzung hierzu bildet das zweite Führer-Bildnis, ein Werk des Gießener Malers Walter Kröll, das seinen Platz an der Stirnwand der Neuen Aula gefunden hat und die Stelle einnimmt, wo vordem das Bildnis des ver­storbenen Großherzogs Ernst Ludwig angebracht war. Krölls Gemälde stellt den Führer in ganzer Figur stehend, in feldgrauer Uniform vor einem schlichten, neutralen Hintergründe dar: hier sieht man den Führer des Reiches der Deutschen als den genialen Feldherrn, als den der Krieg ihn uns erkennen und verehren gelehrt hat; die Ge­stalt ist in gesammelter soldatischer Haltung ruhig aufgerichtet, der Blick, vom Beschauer aus gesehen, leicht nach rechts gewendet; die linke Hand ruht

Aufnahme: Levrn, Gießen.

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geschlossen auf dem Pult des akademischen Ka­theders. Mit dieser andeutenden Geste, in dieser Umgebung ist der Führer höchst sinnvoll zugleich als der oberste Schirmherr und kongeniale För­derer der Wissenschaften und der schönen Künste be­griffen und dargestellt; mit dieser Wendung emp­fängt das soldatisch-politische Thema seine Ergän­zung und Spiegelung im geistig Schöpferischen, und das ganze Werk gibt, den Blick des eintretenden Beschauers sogleich auf sich ziehend, dem Raume den bestimmenden Akzent und sinnbildlichen Cha­rakter. Dieses Gemälde wird von der Universität angekauft.

Alle Volksgenossen eingeladen.

Am morgigen Samstag beginnt dieGieße­ner Universitäts-Woche 1940" mit einer Reihe großer Veranstaltungen in der Aula der Uni­versität.

Den Auftakt der Feierlichkeiten bildet der Fest­akt um 11.15«Uhr in der Großen Aula zur feier­lichen Einweihung des Umbaues der Universität durch den Gauleiter Reichsstatthal­ter Sprenger. Samstag um 20 Uhr findet in der Aula eine große Kundgebung der Universität mit Partei und Wehrmacht statt, in der der Leiter des Hauptschulungsamtes der NSDAP., Haupt­befehlsleiter Schmidt über das ThemaDie natio­nalsozialistische Weltanschauung schafft eine neue europäische Ordnung" sprechen wird.

Am Sonntag, 3. November, um 11 Uhr, findet die feierliche Gründung und Eröffnung der Wissenschaftlichen Akademie des NSD. - Dozentenbundes an der Uni­versität Gießen in Anwesenheit des Gau­leiters und Statthalters Sprenger statt. Der Reichsdozentenführer, Ministerialdirektor Professor Dr. Schultze, München, wird die feierliche Er­öffnung der Akademie mit einer programmatischen Rede vornehmen. Am Sonntag um 15. 30 Uhr wird die Ausstellung des Gießener NSG -Dozentenbundes Landschaftsgebundene Wissenschaft" in der kleinen Aula der Universität (Großer Hör­saal) eröffnet, am Abend um 20 Uhr folgt eine öffentliche Kundgebung der Universität zu­sammen mit Partei und Wehrmacht in der Großen

Aula, bei der der Leiter des Rassenpolitischen Am­tes der NSDAP., Dberbienftleiter Professor Dr. Groß, Berlin, über das ThemaRasse und Welt­bild" sprechen wird.

Am Montag um 10.30 Uhr und um 15 Uhr folgen Leibesübungen der Studenten, um 20 Uhr in der Großen Aula der Universität, veranstaltet von der Universität zusammen mit Partei und Wehrmacht, ein Gast vortrag des Generals der Artillerie von M e tz s ch über das ThemaZeitgemäße wehrpolitische Betrachtungen".

Zu allen diesen Veranstaltungen sind alle Volks­genossen herzlich eingeladen, der Ein­tritt ist frei. Der Umbau des Vorlesungsgebäudes steht am Samstag bis 14 Uhr der Bevölkerung zur kostenfreien Besichtigung offen.

Minen, Bomben und Granaten.

Daß Seeminen, Bomben und Torpedos nützliche Waffen im Kampf um Deutschlands Freiheit sind, weiß heute jedes Kind. Wunderwerke der Technik und Erfindung wurden geschaffen, um unsere Feinde vernichtend zu schlagen, sie, die uns um Lebensraum und Lebensfreude lange Jahre gebracht haben. Daß diese gefürchteten Waffen aber zur friedlichen Aufbauarbeit Verwendung finden kön­nen, erleben wir am kommenden Samstag und Sonntag, wo sie zur 3. Reichsstraßensammlung durch die Kampfformationen der Bewegung, SA.,

NSKK. und NSFK. zum Verkauf kommen.

Wenn wir diese kleinen, aus Walzzink gefertig­ten Abzeichen an Kleid und Anzug heften und da­für reiche Spenden in die Sammelbüchsen wan­dern lassen, wollen wir unserer siegreichen Truppen gedenken, die täglich solche Geschosse mit dem Ein­satz von Blut und Leben zum Schutze der Heimat gegen England schleudern. Wir wollen ihrer steten Bereitschaft gerecht werden, indem auch jeder ein­zelne von uns sich zu einem Opfer bekennt, das unseren Feinden wieder ein Zeichen der entschlos­senen Kampfbereitschaft des deutschen Volkes wird. Das Sammelergebnis aus diesen kleinen Abzeichen ist wie eine siegreiche Schlacht zu bewerten, die wertvolle Positionen des Gegners zerschlug, wenn der Feind immer wieder erkennen muß, daß das ganze Volk auch in diesen kleinen Dingen wie e i n Mann zusammensteht, um dem Feind keine Bresche zu zeigen. Aus dem gesammelten Bekennt­nis aller Volksgenossen zur geschlossenen Tat er­wächst das gewaltige Werk kämpferischer Selbst­hilfe.

Am Samstag und Sonntag kaufen wir darum alle bei den Männern der Kampfformationen der Bewegung nicht nur ein, sondern alle WHW.-Ab- zeichen. Zum Trotz gegen Engeland.

Einkauf

von Hausschlachtungsschweinen.

NSG. Der Viehwirtschaftsverband Hessen-Nassau macht darauf aufmerksam, daß nichtlandwirtschaft­liche Selbstversorger zum Zwecke der Hausschlach­tungen nur solche Schweine einkaufen dürfen, die zu Beginn der dreimonatigen Haltungs- und Füt- terunqszeit kein höheres Gewicht als 60 kg haben. Verstöße gegen diese Anordnung werden bestraft. Falls Schweine mit einem höheren Gewicht ge­kauft werden, kommt auch noch eine Bestrafung durch die Preisbehörde in Betracht, wenn bei dem Kauf die für Schlachtschweine festgesetzten Höchst­preise überschritten werden.

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** Dienstjubiläum. Schwester Dora Sun« fei, Schwester in der Chirurgischen Klinik der Universität Gießen, feiert am 1. November 1940 ihr 25jähriges Dienstjubiläum Schwester Dora Sunkel erfreut sich bei Vorgesetzten und Gefolgschaftmit­gliedern des besten Ansehens.

** Städtische Bücherei. Im Oktober sind 1910 Bände ausgeliehen worden. Von diesen Bän­den kamen auf: Zeitschriften 17, Gedichte und Dra­men 21, Erzählende Literatur 1079, Jugendschriften

Oichierabend Bruno Brehm.

Feierstunde im Gießener Bortraqsring.

Aus Anlaß der Woche des deutschen Buches hat­ten Goethe-Bund, Kulturelle Vereinigung und Volksbildungsstätte Gießen zusammen mit dem Oberbürgermeister der Stadt und der Arbeitsge­meinschaft des Gießener Buchhandels zu einer Feierstunde in der Neuen Aula eingeladen und den Dichter Bruno Brehm zu einer Lesung aus feinen Werken zu Gast gebeten Kreisleiter Back- Ha u s eröffnete den Vortragsabend im Namen des Vorsitzenden des Goethe-Bundes, Dr. Hen­ning. mit herzlichen Begrüßungsworten, die sich an alle Anwesenden und im besonderen an Bruno Brehm richteten, den Sohn der deutschen Ostmark, Träger des Nationalen Buchpreises vom Jahre 1938: er freue sich, so sagte der Kreisleiter, den Dichter bei uns willkommen zu heißen; er glaube ihm versprechen zu können, daß er ein dankbares Publikum in Gießen finden werde. Darauf trat Bruno Brehm, von lebhaftem Beifall der zahl­reichen Hörerschaft geleitet, ans Vortragspult.

Wir vernahmen zuerst zwei sehr anmutige Ka­pitel aus dem neuen RomanAuf Wiedersehen, Susanne!" ... schnell, flüssig, fast ohne Pause ge­lesen, bauen Bilder, Szenen, Stimmungen und Ge­stalten der Erzählung sich auf; man spürt am Ton­fall und auch in manchen charakteristischen Wen­dungen der Erzählung die ostmärkische Herkunft, ein Blick in die Welt des alten Oesterreich, in anderen Büchern Brehms schmerzlicher und schärfer profi­liert, eröffnet sich auch in diesem stilleren Umkreise des Mädchens Susanne. Es ist eine heitere Szene, diese winterliche Begegnung zwischen dem trotzigen, zornigen Schulmädel, das sich wie eine kleine öster­reichische Judith fühlt und gebärdet in feiner ohn­mächtigen Ablehnung des frechenEindringlings", desFeindes", der da sporenklirrend und säbel­rasselnd im elterlichen Hause erscheint, ein junger k und k Leutnant, dem doch innerlich und äußerlich zum Holofernes alles fehlt.

Das Gegeneinander von mädchenhaftem Trotz und Zorn und männlich-gelassener, soldatisch ruhi­ger Ueberlegenheit, sehr sicher und fein erfühlt, mit verstehendem, warmem Humor nachgebildet, gehl über in ein kleines nicht minder heiteres Gespräch zwischen Vater und Tochter, in dem doch, wie im Vorüberstreifen, einmal das große und eigentliche Thema Brehms anklingt, zu dessen Gestaltung sich der Dichter und der Historiker verbanden: das alte Oesterreich, das Dolkergemisch, die untergegangene Monarchie, der Krieg und das traurige Ende.

Dann biegt der Dialog wieder zum Ausgangspunkt zurück, und dann folgt schon, fast ohne Uebergang,

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aber zwei Jahre später spielend, das andere Kapitel, das eine zweite Begegnung zwischen Susanne und dem jungen Offizier beschreibt; aber nun kommt er zum Abschiednehmen, der Krieg ist ausgebrochen, Su­sannes mädchenhafter Trotz ist einer scheuen, weib­lichen Sanftheit gewichen, die Helle, von mancher­lei Humor blitzende Szene doch vom Ernst der Stunde, von ungewisser Zukunft und drohendem Schicksal beschattet.

Es folgte eine entzückende kleine Erzählung un­ter dem TitelTschechische Frau", auch sie von

Bruno Brehm. (Archiv-M.)

Heiterkeit und ironischen Lichtern funkelnd, aber diesmal ist der Schauplatz' in Prag und die Szene erfüllt und belebt von vielen farbigen, unauslösch­lich haftenden Jugenderinnerungen; auch hier wie­der wird das leichte, schnelle, glitzernde Fließen der Erzählung spürbar, die sehr anschaulich wirkt und noch im kleinen Umkreise etwas vom großen epischen Atem bewahrt; bei allem gutmütigen Spott ein lebendiges, warmes Bild, dessen menschliche Hal­tung ganz zuletzt erst den politischen Akzent erhält, der gerade bei diesem Thema kaum hätte fehlen können

Den Schluß bildeten, ganz ungetrübter Heiterkeit zugewandt, drei Geschichten aus der Kinderzeit, ganz aus der kindlichen Sphäre gesehen, empfunden und nachgebildet, aus der Fülle der Erinnerung an die eigene Frühe: das wunderlich-drollige Weihnachts­erlebnisDer Darob", die kostbare Bubengeschichte vomSprung ins Ungewisse" und zuletzt, nach einer knappen Pause, der ergötzliche Bericht von einer mörderischen Seeschlacht in den elterlichen

Betten; sie ist überschriebenElly" und war, wie manche unserer Leser sich erinnern werden, vor längerer Zeit in der Unterhaltungsbeilage des Gie­ßener Anzeigers zu lesen.

Die Hörer folgten mit ungeteilter Aufmerksam­keit, danktem dem Dichter mit großem Beifall und konnten sich nur langsam zum Aufbruch entschließen. Es mar ein schöner, vielfältig anregender Abend.

Hans Thyriot.

,Oas Kraulein von Barnhelm^

Ein Bavaria-Film im Gloria-Palast.

Man wird sich bei der Betrachtung des Films Das Fräulein von Varnhelm"nach G. E.

der Erinnerung nicht entschlagen kön- ß Lessing außer dem Stück, das hier xum Vorbilde ober zum Vorwande diente, einem der wenigen Meisterlustspiele der deutschen Dich­tung, unter anderem die Hamburgische Dramaturgie geschrieben hat, und es drängt sich, in innigem Zu­sammenhänge damit, öes weitern die hier schon öfters vorgetragene Überlegung auf, wie notwen­dig es wäre, daß endlich einmal, was Lessing da­mals für das deutsche Drama geschaffen hat, heute auch für den deutschen Film geleistet würde: eine Babelsberger Dramaturgie (ober wie immer sie heißen möge) tut uns not. Eines der Hauptstücke darin würde von den künstlerischen Voraussetzun­gen und Notwendigkeiten des Films zu handeln haben, von feinen Elementen, feinen Gesetzen, sei­nen Grenzen, es würde ferner, hiervon nicht zu trennen, die Frage des Filmstoffes und des silm- gerechten,filmeigenen" Drehbuches sehr eingehend zu beleuchten und damit das Kardinalproblem des künstlerischen Films überhaupt aufzuweisen sein.

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Das Drehbuch schrieben Ernst Hasselbach und Peter Francke; als dereinzig unterscheidende, aber zugleich entscheidende Schritt des Filmdrama­turgen" über das Lustspiel hinaus wird angeführt, daß er die Konzentration des Dramatikers (auf Ort, Zeit und Handlung nämlich) aufgelöst habe und den Zuschauer im Film die Vorgeschichte des Dra­mas sehen lasse die der Zuschauer im Theater nur zu hören bekommt Daß dies als künstlerische Legi­timation für die Verfilmung eines klassischen Lust­spiels gelten kann, darf bezweifelt werden; aber die Hersteller waren bemüht, um derEigengesetzlich­keit des Films" willen dem naheliegenden Ein­wandephotographiertes Theater" zuvorzukom- men. (Hier eben würde die oben vorgeschlagene Film-Dramaturgie die notwendige Grenzziehung und Klärung der Begriffe herbeifuhren müssen?)

Es entwitfelt sich indessen aus der meisterhaft

ineinandergefügten szenischen Architektur Lessings ein kulturhistorischer Bilderbogen des Siebenjähri­gen Krieges: unter Hans Schweikarts weit ausholender und breit ausmalender Spielführung tut sich ein färben- und figurenreiches Panorama auf, das in Einzelheiten recht liebevoll und nicht ungeschickt ausgeführt ist; die Handlung beginnt im Bruchsallifchen Schloß in Sachsen, em stattliches Aufgebot preußischer Armee marschiert und galop­piert über die Szene und schlägt, wie im Fride- ricus-Film, eine regelrechte Schlacht (in der Teil­st e im verwundet wird), die Kontributionsaffäre ist in allen Einzelheiten ausgesponnen, so daß am Ende die Vorgeschichte den eigentlichen Kern des Lustspiels fast zu überfluten und zu erdrücken droht. Wenn also von hier aus eine künstlerische Be­glaubigung des Unternehmens kaum zu erlangen fein wird, so hat es immerhin das Verdienst, den Blick wieder auf einen der unvergänglichen Gegen­stände des deutschen Theaters, auf ein glänzendes und geniales Jahrhundert nationaler Vergangen­heit und auf einen der reinsten und klarsten Gei­ster der deutschen Dichtung zurückgelenkt zu staben: ein Verdienst, das bei der enormen Reichweite und Volkstümlichkeit des Films gewiß nicht gering angeschlagen werden soll.

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Zumal dies mit einem glänzenden, im einzel­nen musterhaft besetzten Ensemble von Schauspie­lern geschieht. Für das Fräulein von Barnhelm wurde die Staatsschauspielerin Käthe Gold ein­gesetzt; sie ist eine Minna, die heute auf deutschen Bühnen ihresgleichen suchen dürfte: ein wirkliches Fräulein (das Wort bedeutete zu Lessings Zeiten etwas anderes als heute), eine vollkommene Dame, unantastbar in der Haltung der sächsischen Patriotin und dabei ein bezauberndes junges Geschöpf, strah­lend von Heiterkeit, zitternd vor Erwartung, über­strömendem Gefühl und unfaßbarem Glück.

Ewald Balser als Teilheim ist ein Gegenspieler von nobelster Männlichkeit, preußischer Offizier bis in die Fingerspitzen, sehr sparsam in der Empfin­dung, korrekt bis zum Eigensinn im Denken und Handeln. Fita Benthofs kann als d i e Fran­ziska des gegenwärtigen Theaters gelten; sie macht ein Kammerkätzchen, dem wohl auch Lessing nicht ohne Vergnügen zugesehen haben würde Käm­pers als Wirt, Dahlke (in einer herrlichen Maske) als Just. Ponto als Wirt und Lingen mit einem rasanten Wortschwall als Riccaut füg« ten sich, jeder aus feinem Platz, vortrefflich ins Ensemble, das im Sinne der Verfilmung sehr viel umfangreicher ist als im Urbilde

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Im Vorprogramm läuft die hier bereits ango- zeigte neue Wochenschau. Hans Thyriot